ich , wie alle eitle Weiber , lieber Anmaßung abwehrte , als Vernachlässigung ertrug , beschloß ich meine Empfindlichkeit zu verbergen . Bald war mein Plan entworfen ; durch eine geschickte Wendung bewog ich Lord Glendowr , Lady Maria ' s erklärten Bewunderer , mir einen Augenblick Aufmerksamkeit zu verleihen , und fesselte ihn dann so vollständig , daß er den ganzen Abend nicht mehr meine Seite verließ . Wahrlich , der armselige Triumph war theuer erkauft ; er verdammte mich , drei tödtlich langweilige Stunden mit anscheinender Lebhaftigkeit dem Geschwätz des einfältigsten Sterblichen zuzuhören . Eine Anstrengung , von der ich müde und von innerm Zwiespalte erschöpft endlich nach Haus eilte . Das nothwendige Geschäft , das Lord Friedrich aus der Gesellschaft gerufen , war eine Spielpartie , in welcher er zweitausend Pfund verloren hatte . Miß Arnold sprach mit dem zärtlichsten Mitleid von ihm und gebrauchte ihren Einfluß über meine Schwäche so wohl , daß sie mich endlich beredete : die Verzweiflung , sein Gesuch bei meinem Vater gänzlich fehlschlagen zu sehen , habe ihn zu dieser Thorheit gebracht . In gewissem Sinne hatte sie recht . Geld mußte er sich verschaffen ; wie es ihm durch Eroberung meiner Mitgift nicht gelungen war , versuchte er es mit den Karten - allein diese Entdeckung zu machen , war ich viel zu sehr in Selbstbetruge befangen . Es schmeichelte meiner Eitelkeit , eines Mannes Leidenschaft also aufgeregt zu haben , und mein Zorn über seine Vernachlässigung war , wie ich ihn den folgenden Abend bei Mistriß Clermont fand , beinahe verraucht . Die Zimmer waren so voll , daß ich mich gleich beim Eintritt von Miß Arnold getrennt sah und erst nach einigen Minuten sie , im ernsten Gespräch mit Lord Friedrich begriffen , wiederfand . Befremdet trat ich ihnen näher und hörte ihn sagen : » Da würde ich eine sehr einfältige Figur machen . « - » Die Sache ist unmöglich , antwortete Miß Arnold , er hat auf der Welt keinen Verwandten , als ... « hier erblickte sie mich , schwieg und erröthete . Doch ich hatte keine Zeit , Bemerkungen zu machen , denn Lord Friedrich ergriff meine Hand und äußerte seinen Unmuth über seine von meinem Vater erlittene Fehlschlagung in einem Ton , dem » mein Selbstgefühl « , welches ich gegen Herrn Maitland als Richtschnur meines Betragens aufgestellt , kalte Verachtung hätte entgegensetzen sollen . Doch Lady Marie , die ihren Bruder bewachte , näherte sich schnell , um ihn zu einem Zeitvertreib abzurufen , den er durch Kartenkünste Lady Auguste zu verschaffen , versprochen hatte ; das war genug , mich über meine weibliche Würde zu verblenden , ich setzte mein Gespräch mit Lord Friedrich fort , ließ mich auf einen nebenanstehenden Stuhl nieder , er nahm seinen Platz neben mir und schlug seiner Schwester ab , sie an Lady Augustens Spieltisch zu begleiten . In der Unterhaltung , welche nun folgte , wurden die zurückgesendeten Einladungskarten nicht vergessen . Er scherzte über meine Weigerung und drang darauf , die eigentliche Ursache derselben zu wissen ; aus Verlegenheit sagte ich ihm , daß ich Anstand nähme , mich in die Gesellschaft einer Dame zu drängen , der ich nicht vorgestellt sey . Bei diesen Worten sprang er auf , um mir Lady St. Edmond , welche sich auch in der Gesellschaft befand und , wie er sagte , seit langer Zeit mich kennen zu lernen wünsche , zuzuführen . Sogleich kehrte er mit einer Dame zurück , deren glänzende Erscheinung und liebenswürdige Gestalt , wenn sie gleich über die Jugendjahre hinaus war , den angenehmsten Eindruck machte . Ihre gemüthvolle Höflichkeit , ihr ungezwungnes Betragen , ihre Schmeichelreden bezauberten mich , ich blieb den ganzen Abend ihre Gefährtin und nahm das Versprechen ihres Besuchs auf den folgenden Morgen mit der größten Freudigkeit an . Sie erfüllte dieses Versprechen und war im vertraulichen Geschwätz am Camin noch hinreißender , wie im Geräusch des Salons , obgleich ihre Reize beim Tageslicht weniger vortheilhaft erschienen . Im Verlauf des Gesprächs warf sie mir auf die schmeichelhafteste Weise meine Weigerung vor , ihren Ball - wie sie sich ausdrückte - durch meine Gegenwart glänzender zu machen . Ich war redlich gesonnen bei meinem Entschluß , nicht dabei zu erscheinen , zu beharren , allein Miß Arnold wußte meine Gründe bald zu entkräften , bald , indem sie meine Nachgiebigkeit gegen Miß Mortimers Wunsch als kindische Folgsamkeit darstellte , meine Eitelkeit zu reizen , so daß ich das Anerbieten der Lady St. Edmond , uns nochmals Karten zu senden , nicht abzulehnen den Muth hatte . Kaum hatte sie mich mit den einnehmendsten Liebkosungen verlassen , so trat Miß Mortimer ein und mußte den ersten stürmischen Erguß der Freude über meine neue Bekanntschaft vernehmen . Sie that es mit bedächtiger Ruhe und der gleichgültigen Bemerkung : » sie habe gehört , daß Lady St. Edmond sehr liebenswürdig sey . « Noch mehr durch ihre Fassung , die ich für Abneigung gegen meinen neuen Götzen hielt , erhitzt , häufte ich Lobsprüche auf Lobsprüche und fügte den Wunsch , mit so einer Freundin meine Tage zu verleben , hinzu . Miß Mortimer erinnerte mich an die Nothwendigkeit , neue Verbindungen nur allmählig zu knüpfen . - Ich nannte das Kaltherzigkeit . - Sie deutete darauf , daß Lady St. Edmonds Ruf von der Art sey , diese Behutsamkeit einem jungen Mädchen sehr nöthig zu machen . - Nun war mein Stolz empört ; ich wollte mich den Regeln allgemeiner Klugheit nicht unterwerfen ; übermüthig erklärte ich alles , was die Welt über meine neue Freundin urtheilen möchte , für Verleumdung , und einer solchen Verleumdung Gehör zu geben , für die elendste Schwäche . Mit Engelmilde setzte mir darauf Miß Mortimer den Unterschied auseinander , der darin läge , ein altes Freundes-Verhältniß wegen Beschuldigungen des öffentlichen Rufes aufzulösen , oder neue solche Verhältnisse mit einer Person von beflecktem Rufe zu knüpfen . Das Erstere könnte Ehre und Menschlichkeit in manchen Fällen verbieten , das Andere sey gewagt und für eine Person meines Alters und Geschlechtes völlig zu verwerfen . Diese Ansicht war so einleuchtend , daß ich mit all meinem Uebermuth nicht sogleich eine Widerlegung bereit hatte . Miß Mortimer , viel zu edel , um sich der Bestätigung meiner Niederlage in meinem Stillschweigen zu erfreuen , verließ ungesäumt das Gemach . Der Gedanke an den verführerischen Maskenball zerstreute mich bald von dem unangenehmen Eindruck , den diese Unterredung zurückließ . Fest entschlossen , ihm zu entsagen , erlaubte ich mir um so unbedachter , mich an der Vorstellung seines Glanzes zu weiden . Ich dachte mir die Pracht meiner türkischen Maske , die Anmuth , die sie meiner Gestalt verleihen müßte , die Bewunderung , die ich erregen , die witzigen Antworten , die ich ertheilen würde - doch vor allem beschäftigte sich meine Einbildungskraft mit dem Vergnügen , den ganzen Abend an Lady St. Edmonds Seite zu seyn . Zu gewohnt , meine Interessen mit Miß Arnold zu theilen , wurden meine eiteln Träume Gegenstand unsers nächsten Gesprächs , und es ward ihr leicht , da durch Lady St. Edmonds persönliche Einladung der Hauptgrund der Weigerung , der in Lord Friedrichs Dazwischenkunft bestanden hatte , gehoben war , mich zu bereden , daß es meinem Vater allein zukomme , über das Annehmen oder Ausschlagen der Einladung zu entscheiden . Der Ausweg war meinem Gewissen willkommen , allein es war noch zu schüchtern ; den Vorschlag meinem Vater selbst zu thun , fehlte es mir an Muth . Miß Arnold bot sich ungebeten zu der Unterhandlung an , diese glückte ohne die geringste Schwierigkeit ; mein Vater , durch seine Unkunde der feinern Gesetze des weiblichen Anstandes , da meine gute Mutter nie in der großen Welt gelebt hatte , und durch seine Eitelkeit , die an den vornehmen Bekanntschaften seiner Tochter Gefallen fand , irre geleitet , tadelte Miß Mortimers Ansicht und befahl mir ohne weitres Nachdenken , der Einladung Lady St. Edmonds zu folgen . Nun war der Pflicht genug gethan ; aber die Umstände erheischten es doch , Miß Mortimer die Veränderung meines Entschlusses mitzutheilen , und das schien mir noch schwieriger , als das Gesuch an meinen Vater . Miß Arnold versuchte mir deutlich zu machen , daß zu Vermeidung aller Unannehmlichkeiten für beide Theile nichts leichter sey , als dem würdigen Mädchen unsern Besuch des Maskenballs gänzlich zu verschweigen . Sie kenne unsre Einladungen nicht , es sey sehr leicht , an dem Ballabend eine andere Gesellschaft zu besuchen , dann später unsern Anzug zu ändern , um noch immer früh genug , bei Lady St. Edmond zu erscheinen . Meine ganze Seele empörte sich gegen diesen furchtsamen Betrug ; fast hätte mich dieser Vorschlag über Juliens gefährlichen Einfluß aufmerksam gemacht , allein sie wußte bei der ersten Aeußerung meines Mißfallens mich mit Thränen und Liebkosungen zu überzeugen , daß nur der innige Wunsch , mir den Genuß dieses Ballabends zu verschaffen , sie leite . Sie bot mir an , ihre Karte Miß Mortimer abzutreten , so alle Hindernisse zu heben und mir den sichersten Beweis ihrer uneigennützigen Freundschaft zu geben . Mein schwaches Herz , der Liebe bedürftig und der Schmeichelei gewöhnt , ließ sich leicht beschwichtigen , und als Ersatz für das meiner Freundin gethane Unrecht , gab ich ihr sogar bis dahin nach , daß wir , um Miß Mortimers Mißbilligung so viel wie möglich zu entgehen , sie erst am Ballabend selbst , im Augenblick unsrer Abfahrt , mit meinem veränderten Entschluß bekannt machen wollten . Miß Mortimers Ermahnungen zum Trotz , setzte ich meine Bekanntschaft mit Lady St. Edmond fort . Ich zog zwar einige Erkundigung über sie ein ; ihr Erfolg stellte meinen neuen Liebling als eine Frau dar , die sich mit großem Glück und Vortheil dem Hazardspiel ergäbe und über einen Punct ihres Betragens solcher Fehltritte wegen verdächtig werde , die es besser sey nicht zu erwähnen . Die Heftigkeit , mit der ich Lady St. Edmond unschuldig zu finden wünschte , bewog mich , die öffentliche Meinung als eine Despotin zu betrachten , der zu widerstehen , mich meine Eitelkeit aufreizte ; meine Zuneigung für sie gewann durch meine Absicht , ihr dadurch nützlich zu seyn , neue Stärke , so wie auch meine Bewunderung ihrer liebenswürdigen Eigenschaften dadurch anwuchs . Wirklich war aber ihr Betragen gegen mich so anziehend , ja so bezaubernd durch Geist und gemüthvolles Wesen , daß ich noch jetzt , nach Verfluß manches Jahres und mancher gemachten Erfahrung , überzeugt bin , ihr Wohlgefallen an mir war nicht ganz erlogen . Ich habe selten ein so verhärtetes Herz gefunden , daß es nicht , wenigstens vorübergehend , durch die redliche Gefühlswärme der Jugend gerührt worden wäre . Ich vermochte auch gar keine Ursache zu entdecken , die sie , mir zu heucheln bewegen könnte ; auch für die Beschuldigung ihrer Liebe zum Spiel fand ich , in ihrem Verhältniß zu mir , keinen Beweis ; sie veranlaßte mich nur ein einzigesmal die Karten zu nehmen , und da war ich im Gewinnen . Miß Mortimer fuhr indeß fort mich zu warnen und auf ihrer übeln Meinung von dem Gegenstand meiner Vorliebe zu beharren , so daß ich den Ausdruck meiner Bewunderung aus Widerspruchsgeist noch erhöhte . Ein prophetischer Ausspruch meiner Warnerin prägte sich meinem Gedächtniß besonders ein , weil er mit einer Strenge abgefaßt war , wie ich sie bei keiner andern Gelegenheit aus Miß Mortimers sanftem Munde vernahm . Ich hatte Lady St. Edmond » meine Zauberin « genannt ; diesen Ausdruck faßte sie auf und sagte : » Zauberin ? ja das ist sie , denn sie zieht Sie in einen Kreis , den nichts Gutes oder Heiliges betritt ; wollen Sie ihr dahin folgen , so bieten Sie allen guten Engeln Lebewohl . Die Guten werden Sie einer nach dem andern verlassen , und Ihnen kein Gefährte bleiben als der Ihre Irrthümer benutzen will , oder Ihren Untergang befördern . « Es ist sehr sonderbar , daß Wesen , die so wie wir , alles von der Zukunft erwarten , sie oft da sorglos übersehen , wo sie uns so sichern Rath gewähren könnte . Wird man es glauben können , daß ich von derselben Unterredung weg , in welcher Miß Mortimer jene ernsten Worte zu mir sprach , in einer Versteigerung , wo die ganze Londner Welt sich einfand , an der Seite Lady St. Edmond erschien ? - Man verkaufte den Nachlaß einer höchst modigen Frau , unter dem sich alles kleine Geräth , Zimmer-Aufputz und Luxus-Spielwerke befanden , die das Bedürfniß des Künstlers erfindet , um die Uebersättigung des Reichen zu neuer Besitzes-Begier zu reizen . Jedes Mitglied der Modewelt ward von der Begierde sein Geld und seine Zeit zu vergeuden , oder doch seine Neugierde zu weiden , dahin geführt . Lord Friedrich , seiner schönen Cousine beständiger Begleiter , war uns zur Seite , so wie er überhaupt , seit mein Vater seine Bewerbung zurückgewiesen , mir seine Aufmerksamkeit noch viel eifriger bezeugte wie vorher . Miß Arnold glaubte es aus dem Grund zu erklären , daß er seine Beflissenheit gegen mich , nun sie gar keine Absicht mehr haben könnte , auch gar nicht mehr zu verbergen brauche , indem unser Verhältniß beiderseitig eine unschädliche Koketterie bleiben müßte . Diese Erklärung beruhigte mich nicht , weil sie aber meiner Eitelkeit freies Feld bot , ließ ich sie als hinreichend gelten . Es waren schon eine Menge kostbarer Spielwerke verkauft , während das Gesicht mancher gegenwärtigen Dame , durch Begehrlichkeit , Neid , Fehlschlagung , mehr oder weniger entstellt , mich fast so sehr als der Anblick der glänzenden Geräthschaften beschäftigte . Endlich fiel mir der mißgünstige Ausdruck einer betagten , hagern Frau , die ihre Augen auf eine runde , blühende Gestalt richtete , welche ein eben erstandnes sehr schönes Porzellangefäß wohlgefällig betrachtete , so lebhaft auf , daß ich meinen Bleistift hervorzog , um sie als Karrikatur zu entwerfen . Noch war ich damit beschäftigt , als ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung meine Blicke auf ein Toilettenkästchen von Schildpatte mit goldnen Verzierungen zog , das eben zum Verkauf ausgeboten wurde . Dieses Kästchen war ein Meisterstück an Vollendung der Arbeit , an Reichthum und Zierlichkeit der Verzierungen . In einem Moment ward ich vom Zuschauer bei dieser Scene der Thorheit , eine handelnde Person , ich fand in der Versicherung des Ausrufers : daß die funfzig Pfund für die es angeschlagen sey , nicht ein Drittel seines Werthes betrügen , eine Rechtfertigung meiner unwiderstehlichen Lust es zu besitzen , und that ein Gebot . Die Besitzeslust welche mich ergriffen , wirkte auch auf Andere , man steigerte den Preis bis zu siebenzig Pfund . Nun stockte der Wetteifer einen Augenblick ; dieser schien mir günstig , ich bot noch einmal - allein ich hatte mich geirrt ; jetzt trat eine ältliche , widrige Dame mit mir in Wettstreit , mit spottender , fast geringschätzender Kälte trieb sie mich hinauf , bis für hundert und funfzig Pfund sie mir das Spielwerk überließ . - Ich hielt meinen neuen Besitz in den Händen , ich genoß die Glückwünsche , die neidischen Blicke , die bewundernden Ausrufungen der Umstehenden , als mir die Nothwendigkeit , meinen Kauf zu bezahlen aufs Herz fiel . Den Versteigerungs-Gesetzen gemäß , mußte dieses baar geschehen , und ich hatte aufs höchste zwanzig Guineen in meinem Beutel . Mit einer Verlegenheit , die alles was ich bisher in dieser Art erfuhr , übertraf , wendete ich mich , kaum hörbar an Lady St. Edmond mit der Bitte um ein Darlehn , das ich gewiß war ihr gleich nach meiner Nachhausekunft erstatten zu können . Ich meinte sicher noch einen großen Theil meines Monatgeldes in meinem Schreibtisch zu haben ; reichte dieses nicht hin , so rechnete ich auf einen Vorschuß von meinem Vater , und war auch überzeugt bei Miß Arnold Unterstützung zu finden , denn vor kurzer Zeit sah ich , daß sie Gold in Händen hatte , und theilte auch meine letzte monatliche Rente mit ihr . Lady St. Edmond hörte meine Bitte mit der größten Gefälligkeit , bezeigte mir aber das innigste Bedauern , auch nicht einen Schilling in ihrem Beutel zu haben , da sie gar nicht einzukaufen gesonnen gewesen sey . Zugleich rief sie Lord Friedrich herbei , um mir den nöthigen Vorschuß zu machen . So leichtsinnig ich war , so sehr Irrthum und Thorheit mich umfing , schauderte ich doch vor dem Gedanken Lord Friedrichs Schuldnerin zu werden . Ich weigerte mich darüber mit ihm einzugehen und blickte umher , um mich an eine andre Bekannte zu wenden . Ein reiches junges Frauenzimmer , die ich oft sah , schien mir die geschickteste , mich aus meiner Verlegenheit zu reißen ; ich stellte sie ihr vor , sie wies mich aber mit der Versicherung zurück , daß ihr nur eine Guinee , sie in Versteigerungen zu verwenden , zu Gebot stehe . - Aber Sie boten ja auch auf das Kästchen , rief ich verwundert . - » O das that ich zum Zeitvertreib . Was sollte ich mit diesem kostbaren Dinge machen ? Das kaufen nur Leute , die alle Taschen voll Geld haben . « - Lady St. Edmond verlachte mich ohne Schonung über meine Ziererei gegen Lord Friedrichs Anerbieten ; die Nothwendigkeit zu bezahlen drang sich mir auf , und ehe ich mirs versah war Lord Friedrichs Gold in meinen Händen . - Doch stellte er mirs auf so eine bescheidne , anständige Art zu , die es bewies , daß ein Modeheld bei Gelegenheit dennoch höflich zu seyn im Stande ist . Sobald ich seine Banknote angenommen , fragte ich ihn scherzend : welche Sicherheit er von mir für die Rückzahlung verlange ? Er faßte meine Hand und zog mir tändelnd einen Ring von wenigem Werth mit den Worten vom Finger : » Das ist mein Pfand . Glauben Sie aber nicht , daß ich es für ein paar armseelige Guineen zurückzugeben gedenke ! Sie können es sobald Sie wollen bei einer schicklichen Gelegenheit eintauschen . « - Der Scherz mißfiel mir , aber um ihm keine Wichtigkeit zu geben , und seine Bedeutsamkeit nicht überlegend , ließ ich ihn im Besitze des Rings . Wie ich mit meinem , durch so bittre Verlegenheit erworbenen , Schatz nach Hause kam , untersuchte ich meinen Geldvorrath , und fand zu meinem Erstaunen , daß neun bis zehn Pfund alles sey , was er enthielt . Mir war es räthselhaft , wohin mein Geld gekommen seyn könnte ; aber da ich ein ähnliches Erstaunen bei meinem Vater voraussetzen mußte , wenn ich ihn um Vorschuß ersuchte , wendete ich mich zuvörderst mit meinem Gesuch an meine Freundin Miß Julie . Mit einem Erguß von Bedauerniß und Selbst-Anklage , erklärte sie mir , kaum einige Guineen zu besitzen ; sie habe zwar baar Geld in Händen gehabt , allein bei ihrem letzten Besuch bei ihrem Bruder habe sie ihn in einer Verlegenheit gefunden , » und gut , wie ich bin « , waren ihre Worte , » half ich ihm aus , indem ich mir eine Freude daraus machte , ihm diesen Beweis von der Großmuth meiner edlen , hochherzigen Freundin gegen ihre Julie geben zu können . Am Ende des Monats zahlt er mirs zurück , und daß Lord Friedrich so lange warte , ist ja das Gleichgültigste von der Welt . « - Der Meinung war ich nicht ; meine nächste Absicht ging ernstlich dahin , mich an meinen Vater zu wenden , allein Miß Arnold machte mich aufmerksam , daß ich dieses nicht könnte , ohne ihm mein gesellschaftliches Verhältniß zu Lord Friedrich zu verrathen , sie stellte mir die Unannehmlichkeiten , die ein Verbot von seiner Seite mir zuziehen könnte , so fühlbar vor , sie bewies mir so klar , daß der Schritt bei der Sicherheit , in wenig Tagen zahlen zu können , so unnöthig sey , ja daß mir meines Vaters Aushülfe im äußersten Fall immer zu Gebot stände - so daß ich , zwar ängstlich und ungewiß , ihm die Sache zu verhehlen , einwilligte . - Möge doch hier jeder meiner Leser , der noch am Eingang seiner Lebensbahn steht , meinen warnenden Zuruf hören : jede seiner Handlungen , die er vor seinem natürlichen Verstand , wer er seyn mag , zu verhehlen sucht , mit scharfem Blick zu untersuchen ! Ist diese Handlung wichtig , so verlasse er sich nicht auf sein eignes Urtheil über sie ; ist sie geringfügig , so hüte er sich , daß Verhehlen sie nicht zu drückender Wichtigkeit anwachsen mache ! Ein schüchternes Gemüth verliert , indem es sich durch diese heimlichen Pfade durchwindet , die sichre Haltung des reinen Bewußtseyns ; ein kühnes , stolzes , wie das meinige war , dem die Anerkennung von Irrthum , von Bedürfniß nach Beistand so schwer wird , erfaßt mit einer Eigenmacht , die in ihrer Kraft noch nicht wie etwas Schlechtes aussieht , diesen Ausweg , Vorwurf zu vermeiden , und der frohe Muth der Wahrheit ist für dasselbe dahin . Für dieses Mal war Miß Arnold mit ihrem Sieg über meinen besten Willen zufrieden . Wie ein guter Feldherr , begnügte sie sich , den eroberten Posten zu sichern . Erst am folgenden Morgen fragte sie mich nachlässig : ob ich an Lord Friedrich einige Worte zur Entschuldigung geschrieben . - Ich verneinte es und setzte hinzu : daß es mir ungeschickt schiene . - Wenn Sie nicht schrieben , meinen Sie ? fragte Julie , gewiß wäre das ungeschickt . Außerdem sollten Sie gar keine Gelegenheit zu schreiben aus den Händen lassen ; denn es besitzt Niemand in dem Grade , wie Sie , die Grazie des Styls , der Wendung in einem Billet . - Der dunkle Begriff von Unziemlichkeit , ein solches Billet zu schreiben , der mich bis dahin beschäftigt hatte , verschwand vor dieser Schmeichelei ; ich schrieb , ich erhielt eine Antwort , die mich in die Nothwendigkeit versetzte , meinem Liebhaber - denn Lord Friedrich als solchen zu betrachten , hatte ich nun stillschweigend eingewilligt - nicht ohne einige Zeilen zu lassen ; Briefe , Sonette , Episteln in Versen flogen hin und her und nahmen bald den Gang eines geregelten Briefwechsels an . Miß Mortimer durfte von diesem allen nichts ahnen , und das Unrecht nimmt so schnell von unsrer Seele Besitz , daß mich die Geschicklichkeit , mit der wir unsere geheime Kurzweil verbargen , mir bald zu einem eignen Vergnügen gereichte . Der Maskenball rückte indessen näher , mein Sultaninnenputz beschäftigte mich so lebhaft , daß ich wenig auf die gewöhnlichen Umgebungen Achtung gab ; nur auf Miß Mortimer wendete sich , durch Gewissensunruhe angetrieben , zuweilen mein Blick . Ich bemerkte , daß sie leidend aussah ; zwar war ihre Gesundheit immer sehr zart , allein in dieser Zeit fielen mir ihre krankhafte Farbe , ihre tief liegenden Augen und ein schmerzlicher Zug ihrer bleichen Lippen um so ängstlicher auf , als ihr Blick , der oft traurig auf mir ruhte , mein Unrecht zu errathen schien . Sie befreite mich selbst von dieser Sorge , indem sie mir freundlich klagte , daß mein Vater ihr abschlage , eine kleine Gesellschaft für den fünften Mai zu veranstalten , wie sie mir am Abend des Maskenballs erträglicher die Zeit zu verkürzen gewünscht hätte . O Ellen , unterbrach sie sich selbst , wie ähnlich sehen Sie Ihrer guten Mutter , wenn Sie erröthen ! - Da möchte ich immer erröthen , antwortete ich , denn ich möchte Niemandem lieber ähnlich sehen , wie ihr . - Nun , liebe Ellen , wenn Sie nicht eitel seyn wollen , so will ich Ihnen sagen , daß Sie eine noch wesentlichere Aehnlichkeit mit ihr haben . Sie sind , gleich ihr , fähig , Ihre liebsten Wünsche Ihren Freunden zum Opfer zu bringen . - Diese Worte überwältigten mich , von meinem bösen Gewissen überrascht rief ich : Sie mir ähnlich ! O ein Engel des Lichts könnte eben so gut einem schwarzen , brütenden ... hier fühlte ich , daß ich mich verrieth , und hielt inne . Miß Mortimer blickte mich mit einem so sanften , zutrauenvollen Lächeln an , bei dessen Erinnerung ich jedesmal mich selbst verabscheue ; » liebe Ellen , sagte sie dabei , wenn ich Ihr Beichtiger seyn soll , so müssen Sie mir Ihre Sünden auch hübsch vertrauen , sonst besitze ich ja , wie Herr Maitland es nennt , eine Sinecure . « - Ja wahrlich , das sollte ich ! erwiederte ich ruhiger , sollte nie wieder etwas Unrechtes thun , ohne es Jemand anzuvertrauen . Aber die Leute haben keine gute Art , mir meine Fehler vorzuhalten , sie machen mich zornig . Miß Julie hält mir oft meine Fehler vor , aber sie macht mich nie bös . - » Nun , liebe Ellen , versuchen Sie es einmal mit mir , ich will Ihnen absichtlich gewiß nichts Verletzendes sagen . An Geschicklichkeit will ich mich zwar nicht rühmen mit Miß Arnold zu wetteifern , aber an herzlicher Zuneigung gewiß . Sie haben ein Recht zu meiner Nachsicht , das kein Irrthum von Ihrer Seite Ihnen raubt , um so mehr , da ich überzeugt bin , daß Sie sich nie zu Hinterlist und Schlechtigkeit herablassen werden . « - Ein Herz , das sich von den Worten gemißbrauchten Vertrauens nicht getroffen fühlte , müßte gänzlich verhärtet seyn . Ich flog zu Miß Arnold , um ihr meinen festen Entschluß anzukündigen , Miß Mortimer sogleich unser Maskeradengeheimniß mitzutheilen ; allein der Schneider mit einer Menge Schachteln , Paketen und meinem Maskenanzug erwartete mich in meinem Zimmer , eine Stunde , die über dem Anpassen desselben hinging , kühlte meinen reuigen Eifer dergestalt ab , daß es Miß Julie leicht gelang , mir zu beweisen , wie es in jeder Rücksicht besser sey , bei unsrer ersten Abrede zu bleiben . Wie oft , ja wie fast immerdar , sind meine schönsten Gefühle , ehe sie noch zu Handlungen wurden , dahin geschwunden ! Gefühle müssen ja ihrer Natur nach vergänglich seyn ! Nur lange Uebung gibt unsrer Vernunft die Herrschaft , sie nicht als den Beweggrund unsrer Handlungen zuzulassen , sondern nur als den milden Vermittler zwischen der Strenge des allgemeinen Gesetzes und seiner Anwendung auf Andre . Endlich kam der lang ersehnte fünfte Mai . Die Putzmacherin hatte mir mein Maskenkleid schon am frühen Morgen versprochen , doch sie hielt nicht Wort ; meine Ungeduld ward den ganzen Vormittag auf die Probe gestellt , und erst um zwei Uhr erhielt ich diesen Schatz . Voll Begierde , die Wirkung meines Putzes auf meine Gestalt zu beobachten , eilte ich in mein Cabinet ; vor Miß Mortimers Ueberfall war ich sicher , sie hatte sich zu einer Berathung mit ihrem Arzt eingeschlossen ; aber auch Miß Juliens Gegenwart war mir bei dem Probespiel meiner Eitelkeit zur Last , ich verriegelte meine Thür , und meine glänzende Verwandlung ward ohne alle Zeugen begonnen . Schon stand ich eine lange Weile vor dem Spiegel und versuchte jede Stellung , welche meine Gestalt oder meinen Putz am vortheilhaftesten herausheben konnte , als ich eine Unruhe auf der Treppe vernahm , ein ängstliches Geflüster , dessen Ursach zu erfahren , ich unbesonnen meine Thür öffnete . Mein erster Blick fiel auf Miß Mortimer , die dem Anschein nach leblos von einigen Bedienten die Treppe herauf in ihr Zimmer getragen ward . Ich eilte ihr nach . Meine unzusammenhängenden Fragen belehrten mich , daß meine ehrwürdige Freundin sich nach dem Abschied ihres Arztes plötzlich nicht wohl befunden und in dem Moment , wo sein Wagen fortrollte , leblos zu Boden gesunken war . Ich hatte mich des Gedankens an Andrer Weh , des Anblicks fremder Leiden so entwöhnt , daß ich , von Schrecken erstarrt , gar keines klaren Gedankens , noch weniger der geringsten Hülfleistung fähig war . Eine Dienstbotin , ein Miethling , brachte durch ihre Sorgfalt die Freundin meiner Mutter , meine einzige wahre Freundin , zum Leben zurück . So wie sie ihre Augen öffnete , erinnerte ich mich meiner thörichten , von allem um die Ohnmächtige versammelten Hausgesinde schon lange angestaunten Kleidung . Ich zog mich schnell hinter die breite Gestalt der Haushälterin zurück , und sobald ich der Kranken liebe Stimme gehört hatte , die herzlich dankend für die geleistete Hülfe nun allein zu seyn wünschte , eilte ich in mein Cabinet , mich meines Flitterstaates zu entkleiden . Nachdem ich mich in meinen gewöhnlichen Anzug geworfen hatte , schlich ich leise an Miß Mortimers Thür ; ich horchte ; alles war still ; ein wilder Schrecken ergriff mich , ich fürchtete das Entsetzlichste ; aber das menschliche Gefühl obsiegte , ich trat ein - und erblickte die Leidende auf ihren Knien , ihr Antlitz von Thränen benetzt , ihre Hände betend zum Himmel erhoben . Diese Stellung war mir nicht fremd - meine Mutter hatte mich vor Gott die Knie zu beugen gelehrt , ja ich hatte die Gewohnheit , am Abend und Morgen gedankenlos eine Gebetformel zu plappern , beibehalten ; allein der Aufflug der Seele zum Thron der Gnade , der aus Miß Mortimers Antlitz sprach , die Erhebung zum Ueberirdischen in der hinfälligen , dem Tod geweihten Erdenform ergriff mich mit unnennbarem Entsetzen , ich zog die Betende in meinen Armen empor und beschwor sie , mir zu sagen , welches Unglück ihr widerfahren sey . - » Kein Unglück , meine Ellen , sprach sie , sanft meine Liebkosung erwiedernd . Ich bin ein armes schwaches Geschöpf , dem es noch nicht gelungen ist , sich Gottes Willen mit Aufopferung seines irdischen Seyns zu unterwerfen . Ich habe mich seiner Vaterhand in mancher großen