und tat alles mögliche , um an den Tag zu geben , daß er heimlich besitze und daß er sich verstelle . Sie waren endlich auf einen Fuhrweg gelangt , der sie bequem zu jenen Besitztümern hinführen sollte ; Fitz aber behauptete , einen näheren und bessern Weg zu kennen ; auf welchem der Bote sie nicht begleiten wollte und den geraden , breiten , eingeschlagenen Weg vor sich hinging . Die beiden Wanderer vertrauten dem losen Jungen und glaubten wohlgetan zu haben , denn nun ging es steil den Berg hinab , durch einen Wald der hoch- und schlankstämmigsten Lärchenbäume , der , immer durchsichtiger werdend , ihnen zuletzt die schönste Besitzung , die man sich nur denken kann , im klarsten Sonnenlichte sehen ließ . Ein großer Garten , nur der Fruchtbarkeit , wie es schien , gewidmet , lag , obgleich mit Obstbäumen reichlich ausgestattet , offen vor ihren Augen , indem er regelmäßig , in mancherlei Abteilungen , einen zwar im ganzen abhängigen , doch aber mannigfaltig bald erhöhten , bald vertieften Boden bedeckte . Mehrere Wohnhäuser lagen darin zerstreut , so daß der Raum verschiedenen Besitzern anzugehören schien , der jedoch , wie Fitz versicherte , von einem einzigen Herrn beherrscht und benutzt ward . Über den Garten hinaus erblickten sie eine unabsehbare Landschaft , reichlich bebaut und bepflanzt . Sie konnten Seen und Flüsse deutlich unterscheiden . Sie waren den Berg hinab immer näher gekommen und glaubten nun sogleich im Garten zu sein , als Wilhelm stutzte und Fitz seine Schadenfreude nicht verbarg : denn eine jähe Kluft am Fuße des Berges tat sich vor ihnen auf und zeigte gegenüber eine bisher verborgene hohe Mauer , schroff genug von außen , obgleich von innen durch das Erdreich völlig ausgefüllt . Ein tiefer Graben trennte sie also von dem Garten , in den sie unmittelbar hineinsahen . » Wir haben noch hinüber einen ziemlichen Umweg zu machen « , sagte Fitz , » wenn wir die Straße , die hineinführt , erreichen wollen . Doch weiß ich auch einen Eingang von dieser Seite , wo wir um ein gutes näher gehen . Die Gewölbe , durch die das Bergwasser bei Regengüssen in den Garten geregelt hineinstürzt , öffnen sich hier ; sie sind hoch und breit genug , daß man mit ziemlicher Bequemlichkeit hindurchkommen kann . « Als Felix von Gewölben hörte , konnte er vor Begierde sich nicht lassen , diesen Eingang zu betreten . Wilhelm folgte den Kindern , und sie stiegen zusammen die ganz trocken liegenden hohen Stufen dieser Zuleitungsgewölbe hinunter . Sie befanden sich bald im Hellen , bald im Dunkeln , je nachdem von Seitenöffnungen her das Licht hereinfiel oder von Pfeilern und Wänden aufgehalten ward . Endlich gelangten sie auf einen ziemlich gleichen Fleck und schritten langsam vor , als auf einmal in ihrer Nähe ein Schuß fiel , zu gleicher Zeit sich zwei verborgene Eisengitter schlossen und sie von beiden Seiten einsperrten . Zwar nicht die ganze Gesellschaft : nur Wilhelm und Felix waren gefangen . Denn Fitz , als der Schuß fiel , sprang sogleich rückwärts , und das zuschlagende Gitter faßte nur seinen weiten Ärmel ; er aber , sehr geschwind das Jäckchen abwerfend , war entflohen , ohne sich einen Augenblick aufzuhalten . Die beiden Eingekerkerten hatten kaum Zeit , sich von ihrem Erstaunen zu erholen , als sie Menschenstimmen vernahmen , welche sich langsam zu nähern schienen . Bald darauf traten Bewaffnete mit Fackeln an die Gitter und neugierigen Blicks , was sie für einen Fang möchten getan haben . Sie fragten zugleich , ob man sich gutwillig ergeben wolle . » Hier kann von keinem Ergeben die Rede sein « , versetzte Wilhelm ; » wir sind in eurer Gewalt . Eher haben wir Ursache zu fragen , ob ihr uns schonen wollt . Die einzige Waffe , die wir bei uns haben , liefere ich euch aus « , und mit diesen Worten reichte er seinen Hirschfänger durchs Gitter ; dieses öffnete sich sogleich , und man führte ganz gelassen die Ankömmlinge mit sich vorwärts , und als man sie einen Wendelstieg hinaufgebracht hatte , befanden sie sich bald an einem seltsamen Orte ; es war ein geräumiges , reinliches Zimmer , durch kleine , unter dem Gesimse hergehende Fenster erleuchtet , die ungeachtet der starken Eisenstäbe Licht genug verbreiteten . Für Sitze , Schlafstellen , und was man allenfalls sonst in einer mäßigen Herberge verlangen könnte , war gesorgt , und es schien dem , der sich hier befand , nichts als die Freiheit zu fehlen . Wilhelm hatte sich bei seinem Eintritt sogleich niedergesetzt und überdachte den Zustand ; Felix hingegen , nachdem er sich von dem ersten Erstaunen erholt hatte , brach in eine unglaubliche Wut aus . Diese steilen Wände , diese hohen Fenster , diese festen Türen , diese Abgeschlossenheit , diese Einschränkung war ihm ganz neu . Er sah sich um , er rannte hin und her , stampfte mit den Füßen , weinte , rüttelte an den Türen , schlug mit den Fäusten dagegen , ja er war im Begriff , mit dem Schädel dawiderzurennen , hätte nicht Wilhelm ihn gefaßt und mit Kraft festgehalten . » Besieh dir das nur ganz gelassen , mein Sohn « , fing der Vater an , » denn Ungeduld und Gewalt helfen uns nicht aus dieser Lage . Das Geheimnis wird sich aufklären ; aber ich müßte mich höchlich irren , oder wir sind in keine schlechten Hände gefallen . Betrachte diese Inschriften : Dem Unschuldigen Befreiung und Ersatz , dem Verführten Mitleiden , dem Schuldigen ahndende Gerechtigkeit . Alles dieses zeigt uns an , daß diese Anstalten Werke der Notwendigkeit , nicht der Grausamkeit sind . Der Mensch hat nur allzusehr Ursache , sich vor dem Menschen zu schützen . Der Mißwollenden gibt es gar viele , der Mißtätigen nicht wenige , und um zu leben , wie sich ' s gehört , ist nicht genug , immer wohlzutun . « Felix hatte sich zusammengenommen , warf sich aber sogleich auf eine der Lagerstätten , ohne weiteres Äußern noch Erwidern . Der Vater ließ nicht ab und sprach ferner : » Laß dir diese Erfahrung , die du so früh und unschuldig machst , ein lebhaftes Zeugnis bleiben , in welchem und in was für einem vollkommenen Jahrhundert du geboren bist . Welchen Weg mußte nicht die Menschheit machen , bis sie dahin gelangte , auch gegen Schuldige gelind , gegen Verbrecher schonend , gegen Unmenschliche menschlich zu sein ! Gewiß waren es Männer göttlicher Natur , die dies zuerst lehrten , die ihr Leben damit zubrachten , die Ausübung möglich zu machen und zu beschleunigen . Des Schönen sind die Menschen selten fähig , öfter des Guten ; und wie hoch müssen wir daher diejenigen halten , die dieses mit großen Aufopferungen zu befördern suchen . « Diese tröstlich belehrenden Worte welche die Absicht der einschließenden Umgebung völlig rein ausdrückten , hatte Felix nicht vernommen ; er lag im tiefsten Schlafe , schöner und frischer als je ; denn eine Leidenschaft , wie sie ihn sonst nicht leicht ergriff , hatte sein ganzes Innerste auf die vollen Wangen hervorgetrieben . Ihn mit Gefälligkeit beschauend , stand der Vater , als ein wohlgebildeter junger Mann hereintrat , der , nachdem er den Ankömmling einige Zeit freundlich angesehen , anfing , ihn über die Umstände zu befragen , die ihn auf den ungewöhnlichen Weg und in diese Falle geführt hätten . Wilhelm erzählte die Begebenheit ganz schlicht , überreichte ihm einige Papiere , die seine Person aufzuklären dienten , und berief sich auf den Boten , der nun bald auf dem ordentlichen Wege von einer andern Seite anlangen müsse . Als dieses alles so weit im klaren war , ersuchte der Beamte seinen Gast , ihm zu folgen . Felix war nicht zu erwecken , die Untergebenen trugen ihn daher auf der tüchtigen Matratze , wie ehmals den unbewußten Ulyß , in die freie Luft . Wilhelm folgte dem Beamten in ein schönes Gartenzimmer , wo Erfrischungen aufgesetzt wurden , die er genießen sollte , indessen jener ging , an höherer Stelle Bericht abzustatten . Als Felix erwachend ein gedecktes Tischchen , Obst , Wein , Zwieback und zugleich die Heiterkeit der offenstehenden Türe bemerkte , ward es ihm ganz wunderlich zumute . Er läuft hinaus , er kehrt zurück , er glaubt geträumt zu haben ; und hatte bald bei so guter Kost und so angenehmer Umgebung den vorhergegangenen Schrecken und alle Bedrängnis , wie einen schweren Traum am hellen Morgen , vergessen . Der Bote war angelangt , der Beamte kam mit ihm und einem andern , ältlichen , noch freundlichern Manne zurück , und die Sache klärte sich folgendergestalt auf . Der Herr dieser Besitzung , im höhern Sinne wohltätig , daß er alles um sich her zum Tun und Schaffen aufregte , hatte aus seinen unendlichen Baumschulen , seit mehreren Jahren , fleißigen und sorgfältigen Anbauern die jungen Stämme umsonst , nachlässigen um einen gewissen Preis und denen , die damit handeln wollten , gleichfalls , doch um einen billigen , überlassen . Aber auch diese beiden Klassen forderten umsonst , was die Würdigen umsonst erhielten , und da man ihnen nicht nachgab , suchten sie die Stämme zu entwenden . Auf mancherlei Weise war es ihnen gelungen . Dieses verdroß den Besitzer um so mehr , da nicht allein die Baumschulen geplündert , sondern auch durch Übereilung verderbt worden waren . Man hatte Spur , daß sie durch die Wasserleitung hereingekommen , und deshalb eine solche Gitterfalle mit einem Selbstschuß eingerichtet , der aber nur als Zeichen gelten sollte . Der kleine Knabe hatte sich unter mancherlei Vorwänden mehrmals im Garten sehen lassen , und es war nichts natürlicher , als daß er aus Kühnheit und Schelmerei die Fremden einen Weg führen wollte , den er früher zu anderm Zwecke ausgefunden . Man hätte gewünscht , seiner habhaft zu werden ; indessen wurde sein Wämschen unter andern gerichtlichen Gegenständen aufgehoben . Fünftes Kapitel Auf dem Wege nach dem Schlosse fand unser Freund zu seiner Verwunderung nichts , was einem älteren Lustgarten oder einem modernen Park ähnlich gewesen wäre ; gradlinig gepflanzte Fruchtbäume , Gemüsfelder , große Strecken mit Heilkräutern bestellt , und was nur irgend brauchbar konnte geachtet werden , übersah er auf sanft abhängiger Fläche mit einem Blicke . Ein von hohen Linden umschatteter Platz breitete sich würdig als Vorhalle des ansehnlichen Gebäudes , eine lange , daranstoßende Allee , gleichen Wuchses und Würde , gab zu jeder Stunde des Tags Gelegenheit , im Freien zu verkehren und zu lustwandeln . Eintretend in das Schloß , fand er die Wände der Hausflur auf eigene Weise bekleidet ; große geographische Abbildungen aller vier Weltteile fielen ihm in die Augen ; stattliche Treppenwände waren gleichfalls mit Abrissen einzelner Reiche geschmückt , und in den Hauptsaal eingelassen , fand er sich umgeben von Prospekten der merkwürdigsten Städte , oben und unten eingefaßt von landschaftlicher Nachbildung der Gegenden , worin sie gelegen sind , alles kunstreich dargestellt , so daß die Einzelnheiten deutlich in die Augen fielen und zugleich ein ununterbrochener Bezug durchaus bemerkbar blieb . Der Hausherr , ein kleiner , lebhafter Mann von Jahren , bewillkommte den Gast und fragte , ohne weitere Einleitung , gegen die Wände deutend : ob ihm vielleicht eine dieser Städte bekannt sei , und ob er daselbst jemals sich aufgehalten ? Von manchem konnte nun der Freund auslangende Rechenschaft geben und beweisen , daß er mehrere Orte nicht allein gesehen , sondern auch ihre Zustände und Eigenheiten gar wohl zu bemerken gewußt . Der Hausherr klingelte und befahl , ein Zimmer den beiden Ankömmlingen anzuweisen , auch sie später zum Abendessen zu führen ; dies geschah denn auch . In einem großen Erdsaale entgegneten ihm zwei Frauenzimmer , wovon die eine mit großer Heiterkeit zu ihm sprach : » Sie finden hier kleine Gesellschaft , aber gute ; ich , die jüngere Nichte , heiße Hersilie , diese , meine ältere Schwester , nennt man Juliette , die beiden Herren sind Vater und Sohn , Beamte , die Sie kennen , Hausfreunde , die alles Vertrauen genießen , das sie verdienen . Setzen wir uns ! « Die beiden Frauenzimmer nahmen Wilhelm in die Mitte , die Beamten saßen an beiden Enden , Felix an der andern langen Seite , wo er sich sogleich Hersilien gegenüber gerückt hatte und kein Auge von ihr verwendete . Nach vorläufigem allgemeinem Gespräch ergriff Hersilie Gelegenheit zu sagen : » Damit der Fremde desto schneller mit uns vertraut und in unsere Unterhaltung eingeweiht werde , muß ich bekennen , daß bei uns viel gelesen wird und daß wir uns , aus Zufall , Neigung , auch wohl Widerspruchsgeist , in die verschiedenen Literaturen geteilt haben . Der Oheim ist fürs Italienische , die Dame hier nimmt es nicht übel , wenn man sie für eine vollendete Engländerin hält , ich , aber halte mich an die Franzosen , sofern sie heiter und zierlich sind . Hier , Amtmann Papa erfreut sich des deutschen Altertums , und der Sohn mag denn , wie billig , dem Neuern , Jüngern seinen Anteil zuwenden . Hiernach werden Sie uns beurteilen , hiernach teilnehmen , einstimmen oder streiten ; in jedem Sinne werden Sie willkommen sein . « Und in diesem Sinne belebte sich auch die Unterhaltung . Indessen war die Richtung der feurigen Blicke des schönen Felix Hersilien keineswegs entgangen , sie fühlte sich überrascht und geschmeichelt und sendete ihm die vorzüglichsten Bissen , die er freudig und dankbar empfing . Nun aber , als er beim Nachtisch über einen Teller Äpfel zu ihr hinsah , glaubte sie , in den reizenden Früchten ebenso viel Rivale zu erblicken . Gedacht , getan , sie faßte einen Apfel und reichte ihn dem heranwachsenden Abenteurer über den Tisch hinüber ; dieser , hastig zugreifend , fing sogleich zu schälen an ; unverwandt aber nach der reizenden Nachbarin hinblickend , schnitt er sich tief in den Daumen . Das Blut floß lebhaft ; Hersilie sprang auf , bemühte sich um ihn , und als sie das Blut gestillt , schloß sie die Wunde mit englischem Pflaster aus ihrem Besteck . Indessen hatte der Knabe sie angefaßt und wollte sie nicht loslassen ; die Störung ward allgemein , die Tafel aufgehoben , und man bereitete sich zu scheiden . » Sie lesen doch auch vor Schlafengehn ? « sagte Hersilie zu Wilhelm ; » ich schicke Ihnen ein Manuskript , eine Übersetzung aus dem Französischen von meiner Hand , und Sie sollen sagen , ob Ihnen viel Artigeres vorgekommen ist . Ein verrücktes Mädchen tritt auf ! das möchte keine sonderliche Empfehlung sein , aber wenn ich jemals närrisch werden möchte , wie mir manchmal die Lust ankommt , so wär ' es auf diese Weise . « Die pilgernde Törin Herr von Revanne , ein reicher Privatmann , besitzt die schönsten Ländereien seiner Provinz . Nebst Sohn und Schwester bewohnt er ein Schloß , das eines Fürsten würdig wäre ; und in der Tat , wenn sein Park , seine Wasser , seine Pachtungen , seine Manufakturen , sein Hauswesen auf sechs Meilen umher die Hälfte der Einwohner ernähren , so ist er durch sein Ansehn und durch das Gute , das er stiftet , wirklich ein Fürst . Vor einigen Jahren spazierte er an den Mauern seines Parks hin auf der Heerstraße , und ihm gefiel , in einem Lustwäldchen auszuruhen , wo der Reisende gern verweilt . Hochstämmige Bäume ragen über junges , dichtes Gebüsch ; man ist vor Wind und Sonne geschützt ; ein sauber gefaßter so Brunnen sendet sein Wasser über Wurzeln , Steine und Rasen . Der Spazierende hatte wie gewöhnlich Buch und Flinte bei sich . Nun versuchte er zu lesen , öfters durch Gesang der Vögel , manchmal durch Wanderschritte angenehm abgezogen und zerstreut . Ein schöner Morgen war im Vorrücken , als jung und liebenswürdig ein Frauenzimmer sich gegen ihn her bewegte . Sie verließ die Straße , indem sie sich Ruhe und Erquickung an dem frischen Orte zu versprechen schien , wo er sich befand . Sein Buch fiel ihm aus den Händen , überrascht wie er war . Die Pilgerin mit den schönsten Augen von der Welt und einem Gesicht , durch Bewegung angenehm belebt , zeichnete sich an Körperbau , Gang und Anstand dergestalt aus , daß er unwillkürlich von seinem Platze aufstand und nach der Straße blickte , um das Gefolge kommen zu sehen , das er hinter ihr vermutete . Dann zog die Gestalt abermals , indem sie sich edel gegen ihn verbeugte , seine Aufmerksamkeit an sich , und ehrerbietig erwiderte er den Gruß . Die schöne Reisende setzte sich an den Rand des Quells , ohne ein Wort zu sagen und mit einem Seufzer . » Seltsame Wirkung der Sympathie ! « rief Herr von Revanne , als er mir die Begebenheit erzählte , » dieser Seufzer ward in der Stille von mir erwidert . Ich blieb stehen , ohne zu wissen , was ich sagen oder tun sollte . Meine Augen waren nicht hinreichend , diese Vollkommenheiten zu fassen . Ausgestreckt wie sie lag , auf einen Ellbogen gelehnt , es war die schönste Frauengestalt , die man sich denken konnte ! Ihre Schuhe gaben mir zu eigenen Betrachtungen Anlaß ; ganz bestaubt , deuteten sie auf einen langen zurückgelegten Weg , und doch waren ihre seidenen Strümpfe so blank , als wären sie eben unter dem Glättstein hervorgegangen . Ihr aufgezogenes Kleid war nicht zerdrückt ; ihre Haare schienen diesen Morgen erst gelockt ; feines Weißzeug , feine Spitzen ; sie war angezogen , als wenn sie zum Balle gehen sollte . Auf eine Landstreicherin deutete nichts an ihr , und doch war sie ' s ; aber eine beklagenswerte , eine verehrungswürdige . Zuletzt benutzte ich einige Blicke , die sie auf mich warf , sie zu fragen , ob sie allein reise . Ja , mein Herr , sagte sie , ich bin allein auf der Welt . - Wie ? Madame , Sie sollten ohne Eltern , ohne Bekannte sein ? - Das wollte ich eben nicht sagen , mein Herr . Eltern hab ' ich , und Bekannte genug ; aber keine Freunde . - Daran , fuhr ich fort , können Sie wohl unmöglich schuld sein . Sie haben eine Gestalt und gewiß auch ein Herz , denen sich viel vergeben läßt . Sie fühlte die Art von Vorwurf , den mein Kompliment verbarg , und ich machte mir einen guten Begriff von ihrer Erziehung . Sie öffnete gegen mich zwei himmlische Augen vom vollkommensten , reinsten Blau , durchsichtig und glänzend ; hierauf sagte sie mit edlem Tone : sie könne es einem Ehrenmanne , wie ich zu sein scheine , nicht verdenken , wenn er ein junges Mädchen , das er allein auf der Landstraße treffe , einigermaßen verdächtig halte : ihr sei das schon öfter entgegen gewesen ; aber ob sie gleich fremd sei , obgleich niemand das Recht habe , sie auszuforschen , so bitte sie doch zu glauben , daß die Absicht ihrer Reise mit der gewissenhaftesten Ehrbarkeit bestehen könne . Ursachen , von denen sie niemand Rechenschaft schuldig sei , nötigten sie , ihre Schmerzen in der Welt umherzuführen . Sie habe gefunden , daß die Gefahren , die man für ihr Geschlecht befürchte , nur eingebildet seien und daß die Ehre eines Weibes , selbst unter Straßenräubern , nur bei Schwäche des Herzens und der Grundsätze Gefahr laufe . Übrigens gehe sie nur zu Stunden und auf Wegen , wo sie sich sicher glaube , spreche nicht mit jedermann und verweile manchmal an schicklichen Orten , wo sie ihren Unterhalt erwerben könne durch Dienstleistung in der Art , wonach sie erzogen worden . Hier sank ihre Stimme , ihre Augenlider neigten sich , und ich sah einige Tränen ihre Wangen herabfallen . Ich versetzte darauf , daß ich keineswegs an ihrem guten Herkommen zweifle , so wenig als an einem achtungswerten Betragen . Ich bedaure sie nur , daß irgendeine Notwendigkeit sie zu dienen zwinge , da sie so wert scheine , Diener zu finden ; und daß ich , ungeachtet einer lebhaften Neugierde , nicht weiter in sie dringen wolle , vielmehr mich durch ihre nähere Bekanntschaft zu überzeugen wünsche , daß sie überall für ihren Ruf ebenso besorgt sei als für ihre Tugend . Diese Worte schienen sie abermals zu verletzen , denn sie antwortete : Namen und Vaterland verberge sie , eben um des Rufs willen , der denn doch am Ende meistenteils weniger Wirkliches als Mutmaßliches enthalte . Biete sie ihre Dienste an , so weise sie Zeugnisse der letzten Häuser vor , wo sie etwas geleistet habe , und verhehle nicht , daß sie über Vaterland und Familie nicht befragt sein wolle . Darauf bestimme man sich und stelle dem Himmel oder ihrem Worte die Unschuld ihres ganzen Lebens und ihre Redlichkeit anheim . « Äußerungen dieser Art ließen keine Geistesverwirrung bei der schönen Abenteurerin argwohnen . Herr von Revanne , der einen solchen Entschluß , in die Welt zu laufen , nicht gut begreifen konnte , vermutete nun , daß man sie vielleicht gegen ihre Neigung habe verheiraten wollen . Hernach fiel er darauf , ob es nicht etwa gar Verzweiflung aus Liebe sei ; und wunderlich genug , wie es aber mehr zu gehen pflegt , indem er ihr Liebe für einen andern zutraute , verliebte er sich selbst und fürchtete , sie möchte weiterreisen . Er konnte seine Augen nicht von dem schönen Gesicht wegwenden , das von einem grünen Halblichte verschönert war . Niemals zeigte , wenn es je Nymphen gab , auf den Rasen sich eine schönere hingestreckt ; und die etwas romanhafte Art dieser Zusammenkunft verbreitete einen Reiz , dem er nicht zu widerstehen vermochte . Ohne daher die Sache viel näher zu betrachten , bewog Herr von Revanne die schöne Unbekannte , sich nach dem Schlosse führen zu lassen . Sie macht keine Schwierigkeit , sie geht mit und zeigt sich als eine Person , der die große Welt bekannt ist . Man bringt Erfrischungen , welche sie annimmt , ohne falsche Höflichkeit und mit dem anmutigsten Dank . In Erwartung des Mittagessens zeigt man ihr das Haus . Sie bemerkt nur , was Auszeichnung verdient , es sei an Möbeln , Malereien , oder es betreffe die schickliche Einteilung der Zimmer . Sie findet eine Bibliothek , sie kennt die guten Bücher und spricht darüber mit Geschmack und Bescheidenheit . Kein Geschwätz , keine Verlegenheit . Bei Tafel ein ebenso edles und natürliches Betragen und den liebenswürdigsten Ton der Unterhaltung . So weit ist alles verständig in ihrem Gespräch , und ihr Charakter scheint so liebenswürdig wie ihre Person . Nach der Tafel machte sie ein kleiner mutwilliger Zug noch schöner , und indem sie sich an Fräulein Revanne mit einem Lächeln wendet , sagt sie : es sei ihr Brauch , ihr Mittagsmahl durch eine Arbeit zu bezahlen und , sooft es ihr an Geld fehle , Nähnadeln von den Wirtinnen zu verlangen . » Erlauben Sie « , fügte sie hinzu , » daß ich eine Blume auf einem Ihrer Stickrahmen lasse , damit Sie künftig bei deren Anblick der armen Unbekannten sich erinnern mögen . « Fräulein von Revanne versetzte darauf , daß es ihr sehr leid tue , keinen aufgezogenen Grund zu haben , und deshalb das Vergnügen , ihre Geschicklichkeit zu bewundern , entbehren müsse . Alsbald wendete die Pilgerin ihren Blick auf das Klavier . » So will ich denn « , sagte sie , » meine Schuld mit Windmünze abtragen , wie es auch ja sonst schon die Art umherstreifender Sänger war . « Sie versuchte das Instrument mit zwei oder drei Vorspielen , die eine sehr geübte Hand ankündigten . Man zweifelte nicht mehr , daß sie ein Frauenzimmer von Stande sei , ausgestattet mit allen liebenswürdigen Geschicklichkeiten . Zuerst war ihr Spiel aufgeweckt und glänzend ; dann ging sie zu ernsten Tönen über , zu Tönen einer tiefen Trauer , die man zugleich in ihren Augen erblickte . Sie netzten sich mit Tränen , ihr Gesicht verwandelte sich , ihre Finger hielten an ; aber auf einmal überraschte sie jedermann , indem sie ein mutwilliges Lied , mit der schönsten Stimme von der Welt , lustig und lächerlich vorbrachte . Da man in der Folge Ursache hatte zu glauben , daß diese burleske Romanze sie etwas näher angehe , so verzeiht man mir wohl , wenn ich sie hier einschalte . Woher im Mantel so geschwinde , Da kaum der Tag in Osten graut ? Hat wohl der Freund beim scharfen Winde Auf einer Wallfahrt sich erbaut ? Wer hat ihm seinen Hut genommen ? Mag er mit Willen barfuß gehn ? Wie ist er in den Wald gekommen Auf den beschneiten , wilden Höhn ? Gar wunderlich von warmer Stätte Wo er sich bessern Spaß versprach , Und wenn er nicht den Mantel hätte Wie gräßlich wäre seine Schmach ! So hat ihn jener Schalk betrogen Und ihm das Bündel abgepackt : Der arme Freund ist ausgezogen , Beinah wie Adam bloß und nackt . Warum auch ging er solche Wege Nach jenem Apfel voll Gefahr , Der freilich schön im Mühlgehege Wie sonst im Paradiese war ! Er wird den Scherz nicht leicht erneuen ; Er drückte schnell sich aus dem Haus , Und bricht auf einmal nun im Freien In bittre , laute Klagen aus : » Ich las in ihren Feuerblicken Doch keine Silbe von Verrat ! Sie schien mit mir sich zu entzücken Und sann auf solche schwarze Tat ! Konnt ich in ihren Armen träumen , Wie meuchlerisch der Busen schlug ? Sie hieß den raschen Amor säumen , Und günstig war er uns genug . Sich meiner Liebe zu erfreuen , Der Nacht , die nie ein Ende nahm , Und erst die Mutter anzuschreien Jetzt eben , als der Morgen kam ! Da drang ein Dutzend Anverwandten Herein , ein wahrer Menschenstrom ! Da kamen Brüder , guckten Tanten , Da stand ein Vetter und ein Ohm ! Das war ein Toben , war ein Wüten ! Ein jeder schien ein andres Tier . Da forderten sie Kranz und Blüten Mit gräßlichem Geschrei von mir . Was dringt ihr alle wie von Sinnen Auf den unschuld ' gen Jüngling ein ! Denn solche Schätze zu gewinnen , Da muß man viel behender sein . Weiß Amor seinem schönen Spiele Doch immer zeitig nachzugehn : Er läßt fürwahr nicht in der Mühle Die Blumen sechzehn Jahre stehn . - Da raubten sie das Kleiderbündel Und wollten auch den Mantel noch . Wie nur so viel verflucht Gesindel Im engen Hause sich verkroch ! Da sprang ich auf und tobt ' und fluchte , Gewiß , durch alle durchzugehn . Ich sah noch einmal die Verruchte , Und ach ! sie war noch immer schön . Sie alle wichen meinem Grimme , Doch flog noch manches wilde Wort ; So macht ' ich mich mit Donnerstimme Noch endlich aus der Höhle fort . Man soll euch Mädchen auf dem Lande Wie Mädchen aus den Städten fliehn ! So lasset doch den Fraun von Stande Die Lust , die Diener auszuziehn ! Doch seid ihr auch von den Geübten Und kennt ihr keine zarte Pflicht , So ändert immer die Geliebten , Doch sie verraten müßt ihr nicht . « So singt er in der Winterstunde , Wo nicht ein armes Hälmchen grünt . Ich lache seiner tiefen Wunde , Denn wirklich ist sie wohlverdient ; So geh ' es jedem , der am Tage Sein edles Liebchen frech belügt Und nachts , mit allzu kühner Wage , Zu Amors falscher Mühle kriecht . Wohl war es bedenklich , daß sie sich auf eine solche Weise vergessen konnte , und dieser Ausfall mochte für ein Anzeichen eines Kopfes gelten , der sich nicht immer gleich war . » Aber « , sagte mir Herr von Revanne , » auch wir vergaßen alle Betrachtungen , die wir hätten machen können , ich weiß nicht , wie es zuging . Uns mußte die unaussprechliche Anmut , womit sie diese Possen vorbrachte , bestochen haben . Sie spielte neckisch , aber mit Einsicht . Ihre Finger gehorchten ihr vollkommen , und ihre Stimme war wirklich bezaubernd . Da sie geendigt hatte , erschien sie so gesetzt wie vorher , und wir glaubten , sie habe nur den Augenblick der Verdauung erheitern wollen . Bald darauf bat sie um die Erlaubnis , ihren Weg wieder anzutreten ; aber auf meinen Wink sagte meine Schwester : wenn sie nicht zu eilen hätte und die Bewirtung ihr nicht mißfiele , so würde es uns ein Fest sein , sie mehrere Tage bei uns zu sehen . Ich dachte ihr eine Beschäftigung anzubieten , da sie sich ' s einmal gefallen ließ zu bleiben . Doch diesen ersten Tag und den folgenden führten wir sie nur umher . Sie verleugnete sich nicht einen Augenblick : sie war die Vernunft , mit aller Anmut begabt . Ihr Geist war fein und treffend , ihr Gedächtnis so wohl ausgeziert und ihr Gemüt so schön , daß sie gar oft unsere Bewunderung erregte und alle unsere Aufmerksamkeit festhielt . Dabei kannte sie die Gesetze eines guten Betragens und übte sie gegen einen jeden von uns , nicht weniger gegen einige Freunde , die uns besuchten , so vollkommen aus , daß wir nicht mehr wußten , wie wir jene Sonderbarkeiten mit einer solchen Erziehung vereinigen sollten . Ich wagte wirklich nicht mehr , ihr Dienstvorschläge für mein Haus zu tun . Meine Schwester , der sie angenehm war , hielt es gleichfalls für Pflicht , das Zartgefühl der Unbekannten zu schonen .