Welch ein Fest gab das in unserem Hause ! ein neues Leben ging für uns alle auf . Ich war damals vierzehn , Du noch nicht viel über acht Jahr alt , aber wie innig schlossen wir uns aneinander ! Es war nicht der Begriff der Blutsverwandtschaft allein , was mich so an Dich kettete , ob wir uns gleich beide längst im stillen eine Schwester gewünscht und diese nun ineinander fanden . Meine Eigentümlichkeit trug vieles zu unserem zärtlichen Verhältnisse bei . Es war eine Eigenheit an mir , daß die Gesellschaft der Mädchen meines Alters mir selten zusagte ; viel lieber hörte ich den Gesprächen ernsthafter Männer zu oder spielte mit den kleineren Mädchen , welche sich durch diesen Vorzug sehr geschmeichelt fühlten und mit anbetender Liebe an mir hingen . Alle Kinder in unsern Dörfern versammelten sich liebkosend um mich her , wo ich mich blicken ließ , und ich wurde ihres frohen Getümmels niemals müde , nie müde , ihre kindischen Fragen zu beantworten . Mit liebender Sorgfalt nahm ich mich ihrer an , belehrte sie , schmückte sie und wußte ihnen hunderterlei kleine Freuden zu bereiten . Kurz , nächst der Ideenwelt zog mich die Kinderwelt am meisten an . Nun erschienst Du , das schönste Kind , welches ich jemals gesehen . Dein blaues Auge , Deine goldenen Locken und die zarte weiße Gesichtsfarbe unterschied Dich von allen unsern provenzalischen Mädchen . Der kalte , englische Ernst hatte in Dir die französische Lebhaftigkeit zur sanftesten , einnehmendsten Heiterkeit gemäßigt . Uns allen kamst Du vor wie ein Engel auf einem Gemälde . Deinerseits fandest Du wieder die höchste Freude an unserm südlichen Leben , Dir war , wie den Kindern sein mag , welche man lange gewickelt und denen man nun auf einmal ihre Bande löst . Dir schienen , wie Deine Mutter sich ausdrückte , Flügel gewachsen zu sein . Hättest Du doch immer bei uns bleiben können ! Aber so waren es nur drei kurze Jahre , welche wir vereint blieben , unzertrennlich diese ganze Zeit über . Deine Mutter ging nach Paris und knüpfte dort , nach dem Willen Deines Vaters , viele ihrer alten Bekanntschaften wieder an ; Du bliebst unterdessen in unserm Hause , wo Du ganz als zweite Tochter behandelt und geliebt wurdest . Du hast es kennengelernt , unser glückliches Haus ; Dir brauche ich es nicht zu wiederholen , wie Liebe und Zufriedenheit darin herrschten . Du kennst des Vaters freundlichen Ernst , seine belehrenden Gespräche , seine launigen Scherze , wenn er die oft zu geschäftige Mutter mit Gutmütigkeit neckte . Du weißt , wie sorgsam die treue Mutter war , wie sie Dich liebgewann und manche kleine Vernachlässigung nachsahe , wenn ich sie um Deinetwillen beging . Du hast den herrlichen Emil gesehen , wenn er während der Ferien uns zu besuchen kam . Du weißt , mit welcher grenzenlosen Freude er empfangen wurde , nachdem er schon mondenlang vorher den Tag , fast die Stunde seiner Ankunft bestimmt hatte . Du weißt , mit welchem Jubel die Dienstleute , Einwohner und die Kinder des Dorfes herbeieilten , um den Allgeliebten zuerst zu begrüßen . Wie war er da unaufhörlich bemüht , uns Vergnügen zu bereiten , unsre Spiele und Tänze zu beleben , unsre Gesänge mit seinem rührenden Flötenspiel zu begleiten . Er war die Seele unsres jugendlichen Kreises . Du wurdest bald das Ideal seines jungen Herzens , und Dein Bild hat ihn bis zum letzten Schritte begleitet . Oh , daß das Herrliche und Schöne so schnell vergänglich ist ! während das Gemeine und Schlechte alle Stürme überdauert . Treffliche Menschen sind gleich zarten Blumen , sie können dem glühenden Strahle des Mittags und dem eisigen Hauche des Nordens nicht widerstehen . Das Unkraut wuchert fort . Welch ein Unkraut muß Deine Virginia sein , daß sie den Verlust all ihrer Lieben überleben konnte ? Sie steht da wie die einsame Distel auf Schottlands öder Heide , welche der verlassene Sänger der Vorzeit so rührend in der Nacht seiner Schwermut besingt . Ich kann über jenen Zeitraum sehr kurz hinwegeilen , Du hast damals alles gemeinschaftlich mit mir erlebt , auch war es in bezug auf uns nicht viel Merkwürdiges . Unsre Tage flossen gleichförmig und fröhlich dahin ; unsre Herzen schlugen ruhig , ungeachtet Du anfingst , in das jungfräuliche Alter hinüberzugehn , welches ich schon angetreten hatte . Dank sei meinem Vater , dessen Sorgfalt unserm Geiste immer einen erhabenen Vorwurf zu geben wußte , so wie er unseren Vergnügungen die Kindlichkeit zu erhalten verstand . Deine Mutter kehrte nach einiger Zeit zu uns zurück , sie hatte weder Neigung noch Geschick , für die Plane Deines Vaters zu wirken . Sie war in Paris auf das beste empfangen , man gedachte allgemein ihrer Auswanderung nicht , weil der Kaiser , aus wohlwollender Rücksicht für meinen Vater , es so zu wollen schien . Die ehemalige Herzogin von Rochefoucauld , eine ihrer Jugendfreundinnen , stellte sie der neuen Kaiserin vor , und die gütige Josephine nahm sie mit all der Liebenswürdigkeit auf , welche in ihrem schönen Gemüte lag . Sie war im Herzen tief gerührt von der erfahrnen zarten Behandlung und äußerte dies in ihren Erzählungen so mannigfaltig . Gegen Deinen Vater hat sie dies aber in ihren Briefen nicht gewagt . Sie suchte ihn nach ihrer Art dadurch zu besänftigen , daß sie in seine Vorstellungsart einging , wohl wissend , wie sehr es ihn aufbringen würde , daß sie seine Zwecke meist verfehlt . Seine Antwort , welche erst spät und , wegen des wieder ausgebrochenen Krieges , auf Umwegen zu uns gelangte , atmete Zorn und Mißmut . Er befahl Deiner Mutter , unverzüglich mit Dir zurückzukehren . Gern hätte die gehorsame Gattin Folge geleistet , aber alle Verbindung mit England war auf das strengste gehemmt ; selbst Briefe dahin zu befördern war mit großer Schwierigkeit verknüpft . So verzögerte sich , zu unsrer Freude , diese gefürchtete , so oft angesetzte und ebensooft vereitelte Abreise bis zum Jahre 1806 , wo man endlich wagte , den Rückweg durch Deutschland , über Hamburg , anzutreten . Schmerzhafte Trennung von allen Seiten ! Wir zerflossen in Tränen . Meine lebhafte Mutter schalt mitten in ihren Tränen auf den Krieg , schmähete den König von England , die Ausgewanderten , die Revolution , ja selbst den Kaiser . Sie warf alles durcheinander und suchte bei jedem Leiden immer eine nächste Ursache , an welcher sie sich ihres heftigen Gefühls entladen konnte . Mein Vater und Deine Mutter hielten sich lange sprachlos umarmt ; sie fühlten , es war die letzte Umarmung für dieses Leben . Ungeachtet eine Ahndung dieser Art , in ihrer Lage , recht sehr natürlich war , so konnte doch damals wohl niemand glauben , auf welche unwahrscheinliche Weise sie in Erfüllung gehen sollte . Eure Abreise ließ lange eine unausfüllbare Lücke in unserm häuslichen Dasein zurück . Vorzüglich litt meine sonst so starke Fassung einen gewaltigen Stoß . Dein Brief , welchen Du mir von Hamburg aus schicktest , war das erste freudige Ereignis , welchem mein Herz entgegenschlug ; und doch war dieser Brief selbst so traurig , daß er mir tausend Tränen entlockte . Du fühltest die Trennung so sehr als ich ; Du hattest Dich in dem fröhlichen Frankreich schon gänzlich eingebürgert ; England und Deine früheren Verbindungen waren Dir so fremd geworden , ja es hatte sich sogar eine gewisse Abneigung gegen jenes Inselland in Dir festgesetzt , seit Du in unserm Hause täglich über seinen unredlichen , engherzigen Kaufmannsgeist reden gehört . Daneben schildertest Du mir mit den dunkelsten Farben eines trauernden Gemütes die Szenen des Elends , welche Dir auf Deiner Reise als Folge des Krieges bemerkbar geworden ; auch hier litt meine Seele mit Dir . Wehe dem Volke , über dessen Fluren die blutige Eris hinschwebt ! Der Soldat kann der Halmen nicht schonen , über welche sein rastloser Fuß hineilt . Die Selbsterhaltung , dieses erste Gesetz in der organischen Natur , zwingt ihn in den Naturzustand zurück , wo die Güter gemein sind und die Stärke zuerst Besitz ergreift . Hier kann von keiner Moralität die Rede sein . Die Ursache der Kriege kann allein vom Moralisten beurteilt werden ; gewöhnlich aber ist sie so verwickelt , daß nicht leicht ein bündiges Urteil gesprochen werden kann . Vorzüglich ist dies mit Frankreichs Kriegen , seit dem Ausbruch der Revolution , der Fall . Frankreich hatte nichts Feindseliges gegen seine Nachbarn im Sinn , es brach nur das Joch , dessen Last ihm je länger , desto unerträglicher wurde . Es war bisher von der Willkür einzelner gedrückt worden , mithin sehr natürlich , daß , wenn dieser Druck aufhören sollte , die Willkür dieser einzelnen vernichtet werden mußte . Da schrien nun die einzelnen Feuer , und die Nachbarn ergriffen die Gelegenheit mit Begierde , in das verschlossene Haus einzudringen , unter dem Vorwande , zu löschen . Aber mit welchem Rechte ? Die Bewohner verbrannten nur einen Teil ihrer durch Krankheit verpesteten Kleidungsstücke und Geräte und würden schon allein Herr des Feuers geworden sein , hätten die unberufenen Helfer nicht die Türen gesprengt und so , durch die Zugluft , die Flamme zum wütenden Ausbruch angefacht . Hätten sie doch draußen zur Sicherung ihrer eigenen Gebäude ihre Löschanstalten nach Belieben in Tätigkeit gesetzt , niemand würde es ihnen verargt haben . Aber die Verletzung des Hausrechts empörte die Bewohner , sie warfen die Eindringenden auf die Strafe hinaus und verfolgten sie bis in ihre eigenen Häuser , Wiedervergeltung zu üben . Nun war der Dämon des Krieges losgelassen , und keine menschliche Macht vermochte ihn wieder zu fesseln . Er kehrt nicht so gehorsam zurück als der zahme Falke , der auf den Ruf des Trägers abläßt von seiner Beize und sich still wieder mit seiner Nebelkappe bedecken läßt . Darum sollten die Fürsten zittern , wenn sie ein Kriegsmanifest unterschreiben . - Die Rachgier der Angreifer wuchs mit jedem Verlust , und ihre Friedensschlüsse , von der Erschöpfung herbeigeführt , wurden bei der Unterzeichnung insgeheim von ihnen nur als Waffenstillstände betrachtet . England wußte die Empfindlichkeit der alten Dynastien immer in Atem zu erhalten , es sparte weder Geld noch Vorspiegelungen , sie immer zu neuen Anstrengungen zu reizen , und zog allein Nutzen aus der allgemeinen Verblendung . Zu spät wird das Festland beklagen , was es , diesem Handelsdespoten gegenüber , versehen . Vergebens hat die Republik , vergebens späterhin oft der Kaiser die Hand zum Frieden geboten ; man verweigerte ihn oder schloß ihn mit falschem Herzen . Frankreich mußte immer für seine Selbsterhaltung , für seine Freiheit fechten ; um nicht Gesetze anzunehmen , mußte es sich in die Lage setzen , selbst Gesetze zu geben ; seine Eroberungen waren mehr Notwehr als Ehrgeiz . Die Fürsten hatten den Streit begonnen , die Fürsten setzten ihn fort , aber die Völker empfanden am härtesten seine blutige Geißel . Die Masse gleicht dem Kinde , welches den Tisch schlägt , woran es sich stieß , und so war es ein leichtes Spiel , Frankreich als die Ursache aller Übel zu verschreien , welche die Zeit mit sich führte . Von diesem Abschnitte meines Lebens an gewöhnte ich mich , fast ebensoviel zu schreiben , als ich bisher gelesen . Ich war gewohnt , Dir alle kleinen , mich betreffenden Ereignisse zu erzählen , sogar alles , was ich bei dieser und jener Veranlassung gedacht und empfunden hatte . Diese liebe Gewohnheit setzte ich schriftlich fort , und man hätte ein eigenes Paketboot für meine Korrespondenz einrichten können . Da es aber überall keins gab , so mußte von Zeit zu Zeit ein großer Teil meiner in Hoffnung geschriebnen Briefe den Flammen geopfert werden . Ich war dann jedesmal sehr traurig , aber niemals unwillig . Das Kontinentalsystem leuchtete mir zu sehr ein , als daß ich mich nicht gern jeder daraus entspringenden Unannehmlichkeit unterzogen hätte , so empfindlich sie meinem Herzen auch war . Mein Vater nannte diese Maßregeln weise und wohltätig in ihren späteren Folgen , sowohl für Frankreich als für das übrige feste Land , wenn man sie allgemein mit gutem Willen ergreife . Meine wirtschaftliche Mutter war sehr dagegen , weil der Preis der Kolonialwaren dadurch in die Höhe ging ; sie wurde aber von dem Triumvirate überstimmt , welches aus meinem Vater , dem guten Pfarrer und mir bestand . Wir waren zu jeder Entsagung bereit und unerschöpflich in Erfindung von Surrogaten . Ich fing an , alle dienlich scheinenden Blumen und aromatischen Blätter , bei ihrem zarten Hervortreiben , sorgsam zu trocknen , und es gelang mir , durch vieles Versuchen und Zusammensetzen , eine Mischung zu treffen , welche dem chinesischen Tee sehr nahekam . Mein Vater pflanzte Farbekräuter und legte eine Fabrik von Zucker aus Runkelrüben an ; mir machte es große Freude , bei dieser Anlage , durch Aufsicht , mitzuwirken . Der Pfarrer legte sich fleißig auf Bienenzucht und erfand eine Vorrichtung , dem Gespinste des Flachses eine größere Vollkommenheit zu geben . So sahen wir ruhig auf die Isolierung des Kontinents und den Verlust der ehemaligen Kolonien . Wir bekämpften den Erbfeind mit unblutigen Waffen . Lehre und Beispiel pflanzten sich immer weiter fort ; Nationalindustrie ward überall belebt , brachte Nationalwohlstand hervor , und der Sieg war entschieden , hätte der allgemeine Feind nicht unter den andern Völkern verblendete Helfer gefunden . Auf mich hatte dieser kleine Krieg einen ebenso vorteilhaften Einfluß als auf Frankreich , er weckte mich zur Tätigkeit . Bis dahin war ich nur unterbrochen körperlich beschäftigt gewesen , von jetzt an war ich rastlos aufmerksam , daß alles auf das beste geschah , daß man haushälterisch wirtschaftete , das Fehlende ergänzte , das Vorhandene vervollkommnete . Ich wendete die Lehre , welche die Nation erhielt , auch auf mich als Einzelwesen an , daß man nur dadurch sich unabhängig erhält , wenn man alle seine Bedürfnisse selbst befriedigen lernt . Alle die mechanischen Fertigkeiten , welche Du jüngst mit einigem Erstaunen an mir wahrgenommen , haben jener Richtung meiner Ansicht ihren Ursprung zu danken . Da sich sowenig Gelegenheit absehen ließ , einen ordentlichen Briefwechsel mit Dir anzufangen , so belebte ich wenigstens die schriftlichen Unterhaltungen mit meinem Bruder , welche größtenteils Dich zum Gegenstande hatten . Er bewahrte Dein Bild in treuem Herzen und nährte zugleich die angenehme Hoffnung , Dich auf irgendeine Weise bald wiederzusehen . Nächst diesem reichhaltigen Stoffe unterhielt er mich fleißig von einem Freunde , welcher um vier Jahre älter war als er . Mucius war der Sohn seines väterlichen Lehrers . Beim Eintritt in das Haus desselben fühlten sich beide schon sehr zueinander hingezogen , doch war damals der Unterschied der Jahre , bei der früher fortgeschrittenen wissenschaftlichen Bildung des Freundes , noch sehr bemerklich ; aber Emils schönes Gemüt und seine schnell reifende Vernunft glichen den Abstand nach und nach völlig aus . Von seinem Freunde hatte mein Bruder mir unaufhörlich zu erzählen , und es wurde mir bald Gewohnheit , am Schlusse meiner Briefe ihm einen Gruß an seinen Pylades aufzutragen . Mucius erwiderte diese Aufmerksamkeit durch einige sehr artige Verse , welche er unter einen Brief meines Bruders schrieb . Ich antwortete durch ein kleines Gegengedicht , ebenfalls in einem Briefe an Emil , und so entspann sich ein mittelbarer Briefwechsel , welcher mich , durch seine romantische Natur , unendlich reizte . Die Artigkeit ging in Gefühl über , und ein dunkles Sehnen bemächtigte sich unsrer Herzen . Schon als Du noch bei uns warest , freutest Du Dich der Gewohnheit meines Vaters , beim Anfange jedes Frühlings eine kleine Reise mit uns zu machen ; nach Deiner Abreise wurden diese Ausflüge in jedem Jahre wiederholt und erweitert . Wir hatten Marseille und Hieres , dann Genf und seine schönen Umgebungen besucht . Die Gesundheit meiner Mutter hatte ebensoviel Anteil an diesen Reisen als das Vergnügen . Sie hatte besonders im Winter des Jahres 1808 sehr an Nervenzufällen gelitten , weshalb wir uns früher als gewöhnlich auf den Weg machten , um , nach dem Rate der Ärzte , nach Montpellier zu gehen . Wir nahmen unseren Weg über Beaucaire und durchschnitten dann die Bergkette gerade auf Bellegarde , wo mein Vater ein Geschäft abzutun hatte . Es war in den ersten Tagen des Februars , die Nordseite der Berge war noch hin und wieder mit Schnee bedeckt , aber in den Tälern sproßte schon das üppigste Grün , Veilchen und wilde Hyazinthen blühten an den sonnigen Abhängen , die majestätischen dunklen Tannen trieben schon ihre goldgrünen Sprossen , Finken und Grasemücken jubelten durch die neubelaubten Gebüsche . Schon waren wir nahe am Ziel unseres nächsten Ruhepunktes , man konnte schon von einer höheren Stelle des Weges die Turmspitze von Bellegarde erblicken , als beim Hinabfahren in einen Hohlweg der Wagen umwarf . Wir kamen zwar fast ohne alle Beschädigung davon , aber der Wagen hatte eine desto stärkere erhalten , so daß es schlechterdings unmöglich war , sich seiner ferner zu bedienen . Wir mußten uns also entschließen , bis zum nächsten Dorfe zu Fuße zu gehen , wobei der Vater und ich meine vor Schreck halb tote Mutter führten . Im Wirtshause war gar kein Aufenthalt möglich , aber der Förster , welcher am Ende des Fleckens wohnte , nahm uns mit herzlicher Gastfreiheit auf . Er bot sogleich eine Menge Bauern auf , unsre Sachen vom Wege zu holen und unseren Wagen bis zur Schmiede zu schleppen . » Ich würde Ihnen zur Fortsetzung Ihrer Reise mein eigenes Fuhrwerk anbieten « , sagte er , » wenn ich solches nicht meinem Neffen entgegengesendet hätte , welcher mich heut zu besuchen kommt . Sie werden sich daher ein Nachtlager bei mir gefallen lassen müssen . « Mein Vater nahm das in Hinsicht meiner Mutter dankbar an . Er selbst aber entschloß sich , ein Postpferd zu besteigen und so , mit dem Postillion , noch heute nach Bellegarde zu reiten , von wo er uns am andern Morgen mit einem Wagen abzuholen versprach . Ich wurde mit meiner Mutter auf ein Oberzimmer geführt . Sie fühlte sich so angegriffen , daß sie sich sogleich zu Bette legen mußte , und da ich nach einiger Zeit Neigung zum Schlaf bei ihr gewahr wurde , so ging ich , wie sie zu wünschen schien , wieder hinunter ins Wohnzimmer . Die Dämmerung war indessen hereingebrochen , ohne daß ich es bei dem Geschwätz der ältesten Tochter des Försters sonderlich bemerkt hätte . Sie machte mich zwar darauf aufmerksam , doch setzte sie hinzu : » Der Vater liebt dieses trauliche Feierstündchen und sieht nicht gern , wenn wir früh Licht anzünden . « Ein Wagengeräusch im Hofe machte uns aufmerksam . » Da kommt der Vetter ! « rief das Mädchen und hüpfte aus der Tür . Sie kehrte bald mit dem Förster und einem Fremden zurück , dessen Gestalt ich nur sehr schwach in der Dämmerung unterscheiden konnte . Der Förster machte ihn mit meiner Anwesenheit im Zimmer bekannt und erzählte die Geschichte unseres Mißgeschicks , worüber mir der Fremde sein Bedauern in herzlichen Worten und mit einer sehr schönen Stimme bezeugte . Das Gespräch fiel dann auf allgemeinere Gegenstände . » Wissen Sie wohl , lieber Oheim « , sagte plötzlich der Fremde , » daß Sie mich vielleicht zum letzten Male sehen ? « - » Wie das ? « fragte dieser . » Ich gehe in einigen Wochen , vielleicht Tagen , zur Armee ab und wünschte nur , Ihnen Lebewohl zu sagen . « - » Du Soldat ? « rief der Oheim , » das hätte ich nimmer gedacht . Also hat dich das fatale Los doch getroffen , nachdem es dir schon zweimal vorübergegangen ? « - » Ich habe seine Entscheidung nicht wieder abgewartet « , sagte der Fremde , » ich habe mich freiwillig dazu bestimmt . « - » Freiwillig ? « rief der Förster mit Erstaunen . » Unmöglich kannst du , nach deiner Lebensweise , Neigung zum Soldatenstande fühlen . « - » Wenn auch nicht diese , so doch Neigung , das Vaterland zu verteidigen . « - » Du mochtest ja niemals meinen Füchsen den Krieg erklären , und wenn ich dich beim Treibjagen aufmerksam auf deinem Posten glaubte , fand ich dich mit dem Virgil in der Hand nachlässig am Baume gelagert , die Büchse neben dir . « - » Oder mit Tyrtäus ' Kriegsliedern , Oheim . Wollt ihr ewig schlafen den Schlaf des Feigen ? weckt euch nimmer der Nachbarn Hahn , nimmer der Schwächeren Mut ? « - » Aber woher denn so auf einmal diese Änderung ? Du wirst doch nicht nach Spanien wollen , um von auflauernden Buschkleppern gemordet oder von Weibern vergiftet zu werden ? « - » Nein , Oheim . Ich ahnde den Volkswillen , so unklug er auch sein mag . Aber die Kriegsflamme droht schon wieder , von seiten Östreichs ; England bläst mit vollen Backen in den immer glimmenden Zunder , man glaubt uns diesmal in einen Hinterhalt fallen zu lassen . Napoleon ist in Spanien , hinter seinem Rücken will man Frankreich angreifen , welches er sonst mit dem flammenden Schwerte , wie der Engel den Eingang des Paradieses , bewacht ; aber nur zu bald werden sie das gefürchtete Antlitz des Rächers sehen . Unterdessen muß Frankreichs ganze Heldenjugend sich erheben , daß der Führer ein schlagfertiges Heer finde . « Der Fremde sprach diese Worte mit einem solchen Nachdruck , daß ein freudiger Schauer durch meine Nerven bebte . Des Mädchens Hand zitterte in der meinigen . » Ach ! « rief sie mit schluchzender Stimme , » ihr bösen Männer redet vom Kriege wie von einem Vogelschießen , ihr denkt nur an den Ruhm , ohne an die Tränen zu denken . Was nützt uns Armen des Kaisers Macht und Ruhm ; noch einmal so lieb wollte ich ihn haben , wenn er friedfertiger wäre und nicht so eroberungssüchtig . « » Liebe Marie « , sagte der Fremde mit einiger Heftigkeit , » du redest wie ein Weib und verstehst es nicht . Napoleons Ruhm ist Frankreichs größte Stärke , seine Macht ist des Vaterlandes Sicherheit . Man möchte gern dies freie Land wieder in die Fesseln des verflossenen Jahrhunderts schmieden , welche wir nur vom Hörensagen kennen , da sie fast mit unsrer Geburt zerbrochen wurden . « » Ich habe sie wohl gekannt « , redete der Förster dazwischen , » und um sie abzuwehren , wollte ich selbst noch meinen alten Kopf den feindlichen Reihen gegenüberstellen . « - » Um wieviel mehr wir Jünglinge ! « fuhr der Fremde fort ; » welche Elende wären wir , wenn wir nicht unser Herzblut hingeben wollten für unser Vaterland und seine Verfassung , unter deren Schatten wir erwuchsen , für den Kaiser , der die Wunden der Revolution heilte , den Bürgerkrieg endete und den Ruhm der Nation auf den höchsten Gipfel erhob . Jeder Bürger fühlt sich Teilnehmer dieses Ruhms ; sollte es nicht auch ein weibliches Herz ? « Diese Apostrophe an mein Geschlecht reizte mich zum Mitgespräch , ich drückte meinen Freiheitssinn und meine glühende Vaterlandsliebe in lebhaften Worten aus . Der Fremde schien mich mit Bewunderung zu hören , es waren seine eigenen Begriffe , welche er aus einem fremden Munde vernahm . Mir ging es ebenso , ich glaubte mein eigenes Ich zu hören . Jeder von uns setzte häufig , im Feuer des Gesprächs , die angefangenen Perioden des andern fort , genau mit denselben Worten , welche dieser eben laut werden lassen wollte . Es war etwas Übernatürliches in dieser Übereinstimmung . Die beiden andern schwiegen voll Erstaunen still , wir beide redeten allein und vergaßen auch , daß es außer uns noch Wesen gab . Da wir uns nicht sehen konnten , so waren es nur die Geister , welche sich erkannten und eine , wie uns schien , schon früher geknüpfte Freundschaft fortsetzten . Ich fühlte mich auf eine unbegreifliche und mir bis dahin völlig unbekannte Weise zu dem Fremden hingezogen . Daß er in demselben Falle sei , bewies die immer zunehmende rührende Weichheit seiner Stimme . Ich war aufgestanden und hatte mich unbewußt dem großen Tische genähert , welcher , mit einer gewirkten Decke behangen , in der Mitte des Zimmers stand , der Fremde hatte , von seiner Seite , dasselbe getan . So mochten wir vielleicht eine Stunde gegenübergestanden haben ; für uns gab es keine Zeit . Tisch und Dunkelheit trennten uns , wir aber fühlten uns vereint , und unsre ineinander verschlungenen Seelen durchflogen gemeinschaftlich den endlosen Raum der Schöpfung , jede Ansicht aus demselben Punkte , in demselben Lichte betrachtend . Finster , stockfinster war es geworden , für uns war es sonnenhell . Da trat endlich die Försterin mit Licht herein und stellte es auf den Tisch . Wir starrten uns sprachlos eine Sekunde lang an , dann hoben wir in demselben Augenblicke die Arme , und » Mucius ! « - » Virginia ! « tönte im Nu von beider Lippen . Er war es , der Niegesehene ; ich , die von ihm Ungekannte . Die Försterfamilie staunte uns an , wir mußten endlich das Rätsel lösen und erzählen . Da war nun des Wunderns kein Aufhören . » Wunderbar sind die Wege des Herrn ! « sagte die Försterin . » Ja , es ist Gottes Schickung « , lispelte mit einem leisen Seufzer Marie ; der alte Förster schüttelte uns treuherzig die Hände . » Ihr habt mich ordentlich gerührt mit euerm Gespräche , Kinderchen « , sagte er , » mir war ' s , als sei ich in der Kirche . Nun , Mutter , trag auf , vom Besten , was das Haus vermag , ich weiß doch , du hast dem Mucius seine Leibessen bereitet , ich will auch den Keller nicht schonen . Hätte ich doch nicht gedacht , daß wir ein so vielfaches Fest feiern sollten , Willkommen- und Abschieds- , Freuden- und Trauerfest zugleich , und wer weiß , was noch für ein Fest ! nun , nun , der Herr lenke alles nach seinem Willen , dann ist es auch zu unserm Besten . « Er lüftete das lederne Käppchen ein wenig , zündete dann den Wachsstock an , nahm den Kellerschlüssel und eilte hinaus . Mutter und Tochter beschickten emsig den Tisch . Mucius setzte sich neben mich , uns fiel beiden kein Wort ein über das seltsame Zusammentreffen , wir waren alte Bekannte . Wir sprachen viel von Emil ; in diesem teuern Gegenstande trafen unsre Seelen am innigsten zusammen . Wir wiederholten hundertmal , wie sehr wir ihn liebten , und hörten es voneinander mit ebensolchem Entzücken , als gälte diese Versicherung uns . Bei Tische erhielt ich meinen Platz zwischen Oheim und Neffen , neben Mucius saß Marie . Die arme Marie war die einzige , welche nicht so heiter schien , als sie bei meiner Ankunft war , doch wurde sie es um etwas mehr , nachdem der Vater öfters auf einen glücklichen Feldzug angestoßen und sie darauf ihrem Nachbar Mucius hatte Bescheid tun müssen . Auch auf meine glückliche Reise wurde getrunken . » Ob Sie die Reise nach Montpellier fortsetzen werden , ist sehr die Frage « , sagte plötzlich Mucius , » Ihr Herr Vater mag das morgen entscheiden . « Wir sahen ihn alle verwundert an und baten um Erklärung . » Heute nicht « , sagte er ablehnend , » laßt uns die Zukunft still bedecken und des heutigen Abends rein genießen . « Damit stimmte er einen fröhlichen Rundgesang an , und der Abend wurde bis spät in die Nacht verlängert und heiter beschlossen . Ich begab mich in einem geistigen Rausche , woran der Wein keinen Anteil hatte , zu Bette und schlummerte erst in der Morgendämmerung zu seligen Träumen ein . Mein Vater war früh angekommen , ich fand ihn schon am Bette meiner Mutter , als ich mein Kämmerchen verließ ; er war ernst und meine Mutter in einiger Unruhe . Ich umarmte beide und eilte hinunter , um ihr Gespräch nicht zu stören , mehr noch , warum sollte ich es leugnen , um Mucius einen guten Morgen zu wünschen . Ich traf ihn im Wohnzimmer , und sein Auge strahlte mir entgegen . » Der Vater ist so ernst « , sagte ich nach einigen freundlichen Reden , » hat er Sie schon gesehen ? « - » Jawohl « , erwiderte er , » meine Nachricht hat ihn ernst gestimmt . « - » Welche Nachricht ? « rief ich . » Sie wird es nicht erschrecken « , sagte er , indem er liebkosend meine Hand nahm , » Emil begleitet mich ins Feld . « - » Oh , meine Mutter ! « rief ich voll Schrecken . » Für diese habe ich gezittert « , sagte er , » doch sie wird sich in das Unvermeidliche finden . Emil ist sechzehn Jahre , das Los kann ihn in kurzem treffen ; warum also nicht ein Opfer freiwillig bringen , welches früher oder später doch unabänderlich gebracht werden muß ! Jetzt geht er an der Hand der Freundschaft , wer weiß , ob es ihm späterhin so gut wird ; auch ist er unwiderruflich entschlossen und war im Begriff , gleich nach meiner Abreise selbst nach Chaumerive zu gehen , um seinen Entschluß kundzutun . « - » Wir müssen zurück ! « rief ich hastig . » Allerdings « , sagte er , » Ihr Herr Vater bereitet die Mutter dazu vor . « - » Ach , meine arme , arme Mutter ! « klagte ich , » wie