' s Erscheinung , bis sie endlich ganz unter den wogenden Leidenschaften , die in seinem Innern stürmten , sich verlor . Fünf Jahre waren verstrichen , seit er sie hatte kennen lernen - da schlug , ihm unerwartet , die Stunde der Vergeltung , die selten ausbleibt und oft dann erst das Unrecht straft , wenn der , der es beging , es bereits vergessen hat . Er war einige Tage abwesend gewesen , und kehrte spät am Abend in seine Wohnung zurück , wo er von der Gräfin Tannow , die eins der angesehensten Häuser der Residenz ausmachte , eine Einladung zum Ball vorfand . Zwar war die Uhr schon zehn , und das Vertauschen seiner nachläßigen Reisekleidung mit einer glänzenden Toilette konnte leicht noch eine Stunde hinwegnehmen - zudem fühlte er sich nicht wohl , und verstimmt - aber demungeachtet konnte er sich nicht entschließen , zu Haus zu bleiben . Denn er sehnte sich nach Geräusch und Abwechselung , um seinen Blick durch andere Gegenstände von sich selber abzuziehen , wo er nur mit Unmuth verweilte . Seinen Frohsinn lähmend , war der böse Geist des Ueberdrusses nach und nach über ihn gekommen , und hatte ihn - gesättigt von der Fülle eitler Weltlust , die er genossen - das Schaale , Seelenlose , Ermattende seines zwecklosen Lebens in düsterer Beleuchtung wahrnehmen lassen . Nachdem seine Erfahrungen ihn mit allen bekannt gemacht hatten , was das Daseyn bietet , fand er so wenig genügendes - so wenig , was der Zeit trotzend , auch in der Zukunft ihm noch die Freuden versprochen hätte , die es einst ihm gewährte . Ein stilles , dunkles Sehnen nach der früh verlohrenen Unschuld seines Herzens , nach dem unwiederbringlichen Werth der Unverdorbenheit regte sich in seinem Busen , und verschattete ihm finster die Welt , deren verpestender Hauch gleich dem Sirocco alle schöneren Blüthen des Lebens ihm vergiftet hatte . Doch die Unbehaglichkeit dieser Gefühle war zu drückend , als daß er nicht hätte suchen mögen , sie los zu werden - er kleidete sich daher um , und fuhr hin , wo er Zerstreuung seiner finstern Grillen zu finden wähnte . II Feenhaft strahlten die hellerleuchteten Fenster herab in die dunkle Straße , die von ihrem Abglanz erhellt wurde , und rauschend , und seinen Sinn zur Fröhlichkeit auffodernd , tönte die Ballmusik durch die stille , schweigende Nacht . Schon halb erheitert sprang er aus dem Wagen und eilte hinauf . Aber befremdend blieb er einige Augenblicke am Eingang stehn , denn kein Empfang begrüßte ihn , niemand kam ihm entgegen , und selbst die Bedienten schienen in Zuschauer verwandelt zu seyn . Alles drängte sich , einen weiten Kreis in der Mitte des Saals umschließend , diesem , innerhalb desselben es unverkennbar etwas vorzügliches zu sehen gab , so nahe , wie nur immer möglich zu kommen . Selbst die Spielenden , sonst so fest an ihre Plätze gebannt , daß kaum ein Erdbeben sie hätte in Bewegung bringen können , waren aufgestanden , und hatten ihre Tische verlassen , und rings an den Wänden war man sogar auf Stühle gestiegen , um nur nichts von dem Schauspiel zu verlieren , das unbekannter weise auch seine Neugierde zu erregen begann . Endlich wurde ihn die Frau des Hauses gewahr , und winkte ihn zu sich . Der Platz an ihrer Seite vergönnte ihm , einen Blick in das Allerheiligste des Saals zu thun , und er sah , von einem seiner Freunde und von einer fremden Dame einen französischen Contretanz mit einer Leichtigkeit und Vollkommenheit aufführen , die er noch nie in diesem Maaße an einem weiblichen Wesen wahrgenommen hatte . Ihre blendende Schönheit , und das Edle ihres Wuchses und ihrer Haltung nebst ihrer einfachen , aber reichen Kleidung erhöhte noch das Entzücken , das ihre Kunst gewährte , und staunend stand er , in Bewunderung verloren , und wagte kaum zu athmen , aus Furcht , es möchte irgend eine Bewegung dieser Grazie ihm entschlüpfen . Endlich war der Tanz geendigt . Stolz auf das Recht , sich ihr nähern zu dürfen , gab ihr Tänzer ihr den Arm , sie nach einem Sitze zu führen und ehrerbietig wich die Menge aus einander sie hindurch zu lassen , während alle Blicke bewundernd auf ihr ruhten , alle Hände rauschend ihr Beifall klatschten . Ihr Gesicht war ein wenig seitwärts gewandt , als sie an Alexandern vorüberging . Er sah nur einen Theil des ausdrucksvollen Profils , nur den blendend weißen Nacken , um den große Diamanten sich reihten , mehr Zierde von ihm empfangend , als sie zu geben vermochten , nur den Silphidenwuchs , der bei aller lieblichen Fülle der Jugend und Gesundheit doch durch die Anmuth mit der sie sich trug und bewegte , so ätherisch erschien , als schwebe ihr Fuß einher , statt die Erde zu berühren . Länger konnte er sein Verlangen nicht bezwingen , zu erfahren , wer diese wundervolle Erscheinung sei , und er wandte sich mit dieser Frage an die Gräfin , neben der er noch immer stand . Sehen Sie , so bestraft sichs , erwiederte diese scherzhaft , wenn Sie mit der Stadt boudiren , und ihr den Rücken kehren . Dieser neue Stern ist während Ihrer Abwesenheit an unserem Himmel aufgegangen - nehmen Sie sich nur in Acht , lieber Norbeck , daß Ihre hochgepriesene Freiheit nicht die Flügel an seiner Glorie versengt . Ein schmerzlich süßes Weh zuckte bei diesen Worten durch seine Brust . Ihm war , als wäre ihm die Weissagung einer Prophetin erklungen , und ein Schauer ganz eigener Art rieselte durch alle seine Nerven . Doch noch immer blieb seine Neugier ungestillt - noch einmal wiederholte er seine Frage nach dem Namen des liebenswürdigen Fremdlings - aber wie unbegränzt war sein Erstaunen als die Antwort ihm - Erna von Willfried nannte . III Unbeweglich , wie eine Bildsäule , blieb er , von dem Klange dieser wenigen Worte getroffen , stehn , und eine längst versunkene Welt , schwankend zwischen neuer Furcht und Hoffnung , dämmerte in seiner Seele wieder auf , wie ein grünendes Eiland aus stürmenden Fluthen sich erhebt . Es ist kein Wunder , daß Fräulein Willfried schön tanzt , hörte er jetzt die Obristin Lahnberg zu einer neben ihr stehenden Matrone sagen , Neid und Bitterkeit in ihren grämlichen Zügen . Hätte meine Mariane eben so wie sie Jahrelang in Paris diese leichtfertige Kunst erlernt und getrieben , vielleicht würde sie auch so durch ihre Geschicklichkeit glänzen . Aber sie hat immer das Reelle dem leeren Schimmer vorgezogen . Es ist übrigens nicht schwer , zu brilliren , wenn man halb Europa durchreisen kann , um in Italien mahlen und singen , in Frankreich tanzen zu lernen , und wenn man vor allen Dingen dabei die noble Dreistigkeit hat , seine Talente geltend zu machen . Jetzt näherte sich Mariane , ihre Tochter , mühsam ihr von Misgunst verzerrtes Gesicht zu einem freundlichen Lächeln zwingend . War das nicht ünique , Mama ? fragte sie . Es ist ein Vergnügen so deliciös tanzen zu sehn - man kommt sich ordentlich wie im Ballette vor . Freilich sollte das Wesentliche nicht unter der Ausübung solcher Künste leiden . In diesem Augenblick hört ' ich von sicherer Hand , daß Fräulein Willfried im häuslichen eben so unerfahren , als geschickt im Tanzen ist . Keine Suppe soll sie kochen , keine vernünftige Nath nähen können , und da unser Beruf doch nicht ist , wie von der Tarantel gestochen durchs Leben zu hüpfen , so ists zu bedauern , daß sie das Wichtigere über so frivole und vergängliche Geschicklichkeiten versäumt hat . Das ist die heutige Modeerziehung , die sich nicht zu nützen , sondern nur zu schimmern bemüht , fiel ihre Mutter eifrig ihr ins Wort . Zu meiner Zeit wurde nur soliden Kenntnissen Werth beigelegt , und daher hab ich Dich auch so erzogen , daß ich vor Gott und Menschen Ehre einlege , und gewiß ein rechtschaffener Mann dereinst mit Dir nicht betrogen wird . Aber die selige Willfried - nun , man soll von Todten nur Gutes sprechen , und sie war meine sehr genaue Freundin , denn wir haben zwei Jahr lang zusammen der hochseligen Prinzeß Sophie als Hofdamen gedient - sie hatte immer etwas überspanntes und geziertes , und ihre Sucht , sich allenthalben vorzudrängen , scheint denn auch auf die Tochter übergegangen zu seyn . Doch sie hat Geld , und dadurch macht sich heut zu Tage jede Närrin geltend , während das stille bescheidene Verdienst , wenn es arm ist ( hier blickte sie ihre überreife , vergilbte Tochter seufzend an ) unbemerkt und ungesucht wie das Veilchen im Mooße verduftet . - Alexander hatte genug erfahren , um zu merken , daß dies Gespräch nicht ohne Absicht sich in seiner Nähe entspann . Man zählte ihn im Kreis der jungen Heirathsfähigen Männer zu den vortheilhaftesten Parthieen , und grobe und feine Netze hatten sich daher schon oft von Seiten längst erwachsenen Fräuleins und ihrer Mütter ausgebreitet , den schimmernden , nur allzuglatten Goldfisch zu fangen . Die so verschiedenen Kunstgriffe weiblicher Koketterie , mit der eine jede , ihrer Individualität angepaßt , die Maske wählte , die ihrer Meinung nach am meisten anzuziehen und zu fesseln geneigt war , belustigte ihn oft , und er machte sich nicht selten das grausame und unedle Vergnügen , Hoffnungen zu erregen , welche er bis auf einen gewissen Punkt steigerte , und dann plötzlich täuschte . Leichtfertig und schadenfroh hätte er sonst mit erheucheltem Ernst in die neidischen und verläumderischen Aeußerungen dieser Thörinnen eingestimmt , aber heute war es ihm nicht möglich . Sein Herz war so voll , so plötzlich verwandelt - die Brust so gepreßt - es zog ihn mit Riesenkraft zu der aufgeblühten Rose hin , der er als Knospe so weh gethan , daß er um dem inneren Drange seines Sehnens genug zu thun , sich voll Reue hätte zu ihren Füßen stürzen und weinen mögen . IV Er nahte sich dem Strahlenkreis , dessen Mittelpunkt sie war . Zwar fand er sie zu umringt , um sie anreden zu können , hatte auch jetzt noch kaum den Muth , es zu wollen - aber er weidete sich doch an ihrem Anschauen , das ihm mit jedem Blick neue Reize entfaltete . Wie hatten diese fünf Jahre sie verändert . Kaum erinnerten noch die edlen seelenvollen Züge an den bleichen Schatten , den ihr früheres Bild in seinem Gedächtnis zurückgelassen hatte . War dies stolz in so reizender Lebensfreudigkeit auftretende Mädchen , das mit heller Geistesgegenwart und klarer Umsicht die Huldigungen der Menge kaum zu beachten schien , wirklich jenes einst so blasse , blöde Kind , das in seiner Verlegenheit oft so link sich darstellte , und schüchtern in sich selbst zusammenzitterte , wenn ein Blick es traf , oder ein Wort es zur Rede zwang ? Etwas über mittlere Größe heran gewachsen , schmückte die lieblichste Harmonie aller Verhältnisse ihren schlanken Bau , und der ungezwungenste , edelste Anstand vollendete den einschmeichelnden Eindruck , den ihre vollkommen schöne Gestalt bei ' m ersten Anblick auf jeden unverwahrloseten Sinn machte . Ihr reiches braunes Haar , kunstvoll aufgewunden , und wieder in seidene , wallende Locken um Stirn und Schläfe ausgegossen , war mit Diamanten durchflochten , doch ein reineres Licht , als diese auszuströmen vermochten , strahlte von den klaren herrlichen Augen , in denen eine seltene Tiefe des Gemüths , verschmolzen mit allem Feuer eines hellen Geistes , sich aussprach . Ihr Anzug war einfach , doch kostbar . Ueber blendend weißen Atlas schmiegte sich ein Gewand von indischem Moußelin gleich einem zarten Gewölk um ihren edlen Wuchs , und ein reicher Gürtel befestigte den weichen Faltenwurf . Die funkelnden Juwelen ihres Halsbands und ihrer Ohrringe , so wie des Diadems , das sich um ihre Locken wand , und die köstlichen Brüßler Spitzen , die ihren Busen umgaben und den Saum ihres Kleides bildeten , erhöhten den Neid , den ihre persönliche Anmuth bereits in den meisten anwesenden Damen erregt hatte . Alexander kämpfte mit sich selbst , ob und wie er sie anreden solle . Sie an ihre frühere Bekanntschaft mit ihm zu mahnen , konnte nur bittere Erinnerungen in ihrer Seele zurückrufen , und gleichwohl ihrer gar nicht zu erwähnen , hätte ihm den Schein einer Oberflächlichkeit des Sinnes gegeben , den er wie alles was ihm fortan in ihrer Meinung schaden konnte , fürchtete . Er gründete auf die Neigung , die sie ihm einst so unbefangen verrathen hatte , die schönsten Hoffnungen seines Herzens , und gehoben , und gleichsam schon veredelt durch die zum erstenmal empfundenen Gefühle einer edlen , wahren Liebe , nahm er sich vor , wahr zu seyn , ihr bei der ersten schicklichen Veranlassung offen seine damaligen , so wie seine jetzigen Gesinnungen zu entdecken , um durch seine Reue über das Vergangene sich ihrer Verzeihung werth zu machen , und seinem Charakter ihr verlorenes Zutrauen wieder zu erwerben . Für jetzt aber beschloß er , die fröhliche Tendenz des Abends nicht durch so ernste Erklärungen zu unterbrechen , und sich mit strenger Selbstbeherrschung innerhalb den Schranken zu erhalten , mit denen die Convenienz die Hochgefeierte umbaute . V Unstreitig war Alexander der beste Tänzer der Residenz . Nicht Eitelkeit oder der ihm sonst so gewöhnliche Hang zu glänzen , sondern der Wunsch , in irgend eine leise Beziehung mit ihr zu kommen , erweckte das Verlangen in ihm mit Erna zu tanzen , und schon wollte er bittend sich ihr nähern , als sie aufstand , und - einem Glücklicheren bereits versagt - an ihm vorüber ging . Als Zuschauer blieb er , an eine Säule sich lehnend , stehen , und war so vertieft in ihrem Anblick , daß er die Annäherung der Gräfin Tannow , nicht bemerkte . Er schrack ein wenig zusammen , als ihre scherzhafte Anrede ihm bewies , daß er beachtet worden sei . Doch schien sie kein Arg aus seinem , jede Bewegung Erna ' s verschlingenden Anschauen zu haben , sondern es nur auf sein Interesse an einer Kunst zu beziehen , in der er selbst Meister war , und als sie gleich darauf äußerte , daß er ihren Gästen durchaus das Vergnügen verschaffen müsse , ihn mit Fräulein Willfried tanzen zu sehen , weil außer ihm kein Tänzer ihr völlig an Geschicklichkeit gleich sei , erfüllte sie , ohne es zu ahnen , den brennendsten Wunsch seines Innern , indem sie auf seine etwas schüchterne Einwendung , daß er ihr noch gar nicht vorgestellt sei , und daher nicht wage , sie aufzufodern , sich - um des allgemeinen Bestens willen , wie sie sagte , das durch den Genuß eines solchen Schauspiels gewinnen werde - zu seiner Fürsprecherin erbot . Mit ihrem Tuche sich Kühlung zuwehend , saß Erna nach geendigtem Tanz in der Reihe der Damen , als die Gräfin ihr nahte , und Alexandern ihr vorstellend , seinen Namen nannte . Der Klang desselben schien sie keineswegs zu erschüttern , wie er erwartet hatte . Sie erhob sich von ihrem Sitze , ihn zu begrüßen , doch würdigte sie ihn nur eines kurzen , ruhig an ihm vorübergleitenden Blickes , und seine Anrede gleichsam überhörend , wandte sie sich von ihm ab , zur Gräfin , mit Feinheit und völliger Unbefangenheit ein heiteres Gespräch beginnend . Da stand er jetzt , der sonst so kühne übermüthige Jüngling , die Gluth der Verlegenheit auf seinen Wangen , und den schmerzenden Stachel der Demüthigung tief und immer tiefer in die Brust gedrückt . Welch ein Empfang ! - Ihm war , als müsse die ganze Versammlung wahrgenommen haben , wie gleichgültig und beschämend sie ihn aufgenommen hatte , sie , deren Herz er bei ' m Wiedersehn vom Blitz zärtlicher Erinnerungen getroffen , vom Weh mühsam bekämpfter , aber nicht erstickter Liebe bestürmt glaubte . Er biß sich grimmig in die Lippen , während er mit den Augen unstät umherschweifte , und mit Anstrengung aller seiner Kraft sich bestrebte , durch äußerliche Fassung den innern Aufruhr seines Wesens zu verschleiern . Die Gräfin drang freilich nicht in die eigentliche Tiefe seines bitter gereitzten Gefühls ein , aber ein wenig zu oberflächlich , um höflich zu seyn , schien ihr doch das Benehmen des Fräuleins gegen ihn , wenn sie es gleich nur für zufällig hielt , und um die Empfindlichkeit zu mildern , die sie sehr wohl an ihn bemerkte , sprach sie in der Hoffnung , das Unangenehme seiner Situation zu vermitteln , die Bitte aus , daß Erna ihm , der ein ihrer Kunst würdiger Tänzer sei , zur Freude sämmtlicher Zuschauer eine Française schenken möge . Ruhig , ohne ein Zeichen des Unwillens oder der persönlichen Abneigung erklärte sie , daß der Wunsch der Gräfin ihr Befehl seyn würde , wenn sie nicht bereits das Maas im Tanzen überschritten hätte , das ärztliche Vorschrift ihr ihrer Gesundheit wegen vorgezeichnet habe . Eine lang anhaltende , heftige Bewegung vertrage sich nicht mit ihrem Wohlbefinden , und sie sei zu erhitzt und ermüdet , um diesen Abend noch wieder tanzen zu dürfen . Da ihre Entschuldigungsgründe von ihrer Gesundheit hergeleitet waren , konnte die Gräfin nichts dagegen einwenden , und mit der feinen Geschliffenheit der großen Welt , die bei keinem Gegenstand so lange verweilt , daß er langweilig wird , gab sie dem Gespräch sogleich eine andere Wendung . Indeß begann ein neuer Tanz , und die beiden Damen , zwischen welchen Erna gesessen , folgten der Aufforderung , daran Theil zu nehmen . Die Gräfin wurde abgerufen , und Erna , sich jetzt nicht ohne einige Verlegenheit ihm allein gegenüber findend , setzte sich wieder mit gesenktem Auge auf ihren Platz , während er mit klopfender Brust sich zu dem Entschluß ermuthigte , sich kühn an ihrer Seite niederzulassen , und sie anzureden . VI Lange suchte er , der sonst so Gewandte , jetzt vergeblich nach einem Worte passender Annäherung . Er merkte , daß nicht nur in ihm allein , daß auch in Erna die Verwirrung stieg , mit der die Unmöglichkeit , ihm jetzt schicklicher Weise auszuweichen , sie erfüllte , und er schöpfte Ermunterung aus dieser Wahrnehmung , da selbst ihr Unwillen ihm schmeichelhafter war , als die bisherige stille Gleichgültigkeit mit der sie ihn übersah . Darf der Neffe einer Frau , welche Sie so kindlich verehrten , es wagen , Sie hier willkommen zu heißen ? sagte er endlich . Bei diesen Worten verdunkelte sich die Gluth auf Erna ' s Wangen . Ein tiefer Ernst gab ihren Zügen Ruhe , ihrer Haltung Würde . Warum beschwören Sie die abgeschiedenen Geister , Herr von Norbeck , antwortete sie , gönnen wir den Todten ihre Ruhe . Und sollte diese Ruhe durch eine ehrfurchtsvolle Erinnerung gestört werden ? erwiederte er . Vielleicht hab ich meine Tante während ihres Lebens nicht so gekannt und geschätzt , wie ihr seltner Werth es verdiente . Der Leichtsinn meiner früheren gedankenlosen Jugend , der mich blind für wahre Verdienste machte , ließ mich manches in dem trügerischen Lichte thörichter Verblendung wahrnehmen , was späterhin durch eine bessere Ueberzeugung und durch Reue mir ganz anders erschien . Daher wenn ich mit Wehmuth und Dankbarkeit der edlen Frau gedenke , deren Vortrefflichkeit ich zu spät einsah , um sie in ihrem ganzen Umfang noch auf Erden ehren zu können , und mich bestrebe , jetzt , wo sie nicht mehr Zeuge meines irrdischen Wandels seyn kann , ihn so zu führen , daß sie mit mir zufrieden seyn würde , wenn sie ihn beobachten könnte - sollte das nicht das würdigste Todtenopfer seyn , das ich ihren Manen zu bringen vermöchte ? Statt durch den sich entschuldigenden Sinn seiner Rede gerührt , und zu versöhnender Milde bewegt zu werden , fühlte sich Erna erbittert und empört , da sie ihn für einen Heuchler hielt . Denn was sie seit ihrem kurzen Aufenthalt in der Stadt bereits - theils zufällig , theils leise durch eignes Forschen veranlaßt - von ihm gehört hatte , stellte ihn nach dem allgemeinen Urtheil als einen entsetzlichen Wüstling dar , so früh schon verdorben , daß ihm nicht einmal eine Ahnung von Schuldlosigkeit , noch weniger das Andenken wahrer Herzensreinheit geblieben sei , und der - ewig in frivole Abentheuer und Intriguen verstrickt - sich voll frecher Spottlust und schadenfroher Verstellung eine jede Maske anzupassen wisse , die sich zur Befriedigung seiner momentanen Wünsche und Begierden eigne . Zwar sprach das Urtheil der Welt auch von seiner persönlichen Liebenswürdigkeit , und manchem großmüthigen , schönen Zug seines ursprünglich edlen , nur durch Ausschweifungen entweihten Charakters ließ man Gerechtigkeit widerfahren . Auch vertheidigten ihn viele , wenn er getadelt wurde , mit Eifer , da die Sittenlosigkeit eines jungen unverheiratheten Mannes in Bezug auf Frauen gewöhnlich von den meisten nicht so streng gerichtet wird , als sie es wohl sollte . Aber konnte seine Freigebigkeit , sein Muth , sein Frohsinn , der dem Leben stets die lachende Seite abgewann , wohl den Mangel jener höhern Tugenden in ihm ersetzen , die allein erst dem Menschen sittliche Würde geben ? - Seine individuelle Anmuth durfte , so meinte Erna , niemand zu seinem Vortheil bestechen , da diese die Gefahr seiner verderblichen Nähe nur vergrößern half . Er war in ihren Augen , was sie nicht ohne Schauder sich denken konnte : ein Mensch ohne Religion . Er selbst hatte ihr ja - sie bebte noch bei der Erinnerung jenes schrecklichen Augenblicks - mit kecker Dreistigkeit gesagt , daß er nichts glaube , nichts hoffe , und daß üppiger Lebensgenuß die einzige Tendenz seines Handelns , das einzige Prinzip seiner Moral sei . Diese Erfahrung , die ihr Gedächtnis nur allzutreu bewahrt hatte , verdunkelte noch den düstern Schatten , den sein Ruf in ihre Seele warf . Es machte daher auf ihr alle Heuchelei tief verachtendes Gemüth einen sehr misfälligen Eindruck , ihn die Sprache des Gefühls , der Erkenntnis und der Reue reden zu hören , da sie nach seinen ehemaligen Bekenntnissen dies Betragen nur für listige Verstellung hielt . In edlem Zorn erglühend fehlte der Nichtachtung , die sie in diesem Augenblick für ihn empfand , die Kälte , welche sonst gewöhnlich Geringschätzung zu charakterisiren pflegt , und mit bewegtem Busen und flammendem Auge sprach sie , indem sie aufstand : Ein Schauspieler von Ihrem Talent , Herr von Norbeck , sollte seine Rolle nur vor einem dankbaren Publicum recitiren . Der Beifall eines unbedeutenden Mädchens wie ich , würde Ihnen schon darum nicht gnügen , weil er nicht rauschend ist - und jener innere des Bewußtseyns , wenn er auch der Preis einer künstlerischen Darstellung seyn könnte - den achten ja , wie Sie mir früher gesagt haben , Leute von Welt und gutem Ton nicht . Sie wandte sich hierauf rasch von ihm ab , und setzte sich zum Spieltisch der * sischen Gesandtin , wo sie verweilte , bis es zur Abendtafel ging . VII Bitter , und im höchsten Grad aufgeregt war die Stimmung , in welcher Alexander ihr nachsah . Das Schonungslose , Auffallende ihrer brüsquen Entfernung beleidigte ihn fast noch mehr als die ihn herabwürdigende Bedeutung ihrer Worte , denn es stellte ihn seiner Meinung nach , vor der Welt blos , und er fühlte sich , voll Furcht , daß ein seine Eigenliebe so demüthigendes Benehmen von jedermann habe bemerkt werden können , eben so empfindlich am Heiligthum äußerer Ehre angegriffen , als tief im Innern gekränkt , durch das Unrecht , das sie ihm that . Indeß - dies letztere mußte er ihr wohl verzeihen , denn war er es nicht , der ihre zutrauensvolle Jugend durch Argwohn vergiftet , und den Glauben an Wahrheit , Güte und Treue in ihr erschüttert hatte ? O wie gern hätt ' er jetzt ihn neu erweckt - wie innig , schmerzlich sogar , war sein Sehnen , sie möge milde ihm die reine unbefleckte Hand reichen , um aus seinem bisher so profanen Leben ihn in ein besseres , seiner würdigeres , hinüber zu ziehen . Was hätt ' er nicht darum gegeben , jenen feindselig erkältenden Eindruck wieder verlöschen zu können , den er einst so froh war , in ihrem Herzen erregt zu haben . Doch - wer vermag das Rad der Zeit zurück zu wälzen , und Geschehenes ungeschehen zu machen ? Noch verließ ihn die Hoffnung , sie zu gewinnen , nicht , denn nach den ersten Momenten unmuthiger Aufwallung flüsterte seine Eitelkeit Worte des Trostes in den Sturm seiner Seele . Sie zürnet Dir - Gott sei Dank ! - Du bist ihr nicht gleichgültig , jubelte er , als er bedachte , daß sie , die Feingebildete , unmöglich mit Verletzung aller Höflichkeit so heftig von ihm geschieden seyn würde , wenn ihr Gemüth nicht im lebhaftesten Kampfe zwischen Stolz und Neigung begriffen gewesen wäre . Da er es nicht für gerathen hielt , heute noch den Versuch , sie zu sprechen , zu erneuern , so bemühte er sich wenigstens , etwas näheres über ihre hiesigen Verhältnisse zu erfahren . Man erzählte ihm , daß sie erst ganz kürzlich mit der * sischen Gesandtin hier angekommen sei . Sie habe in Italien ihre Bekanntschaft gemacht , und sei von ihrer Mutter auf dem Sterbebette dem Schutz und der Fürsorge derselben empfohlen worden . Diese habe nach dem Tode der Frau von Willfried mit inniger Liebe das theuere ihr anvertraute Pfand bei sich aufgenommen , und Erna mit sich nach Frankreich geführt , wo ihr Gemahl früher , ehe er hieher versetzt worden , einem diplomatischen Posten vorgestanden . Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Paris habe das veränderliche Loos seines Standes ihm hier seinen Platz als Gesandter angewiesen , und Erna , die sich so innig zu dieser Familie zähle , als sei sie durch Bande des Bluts mit ihr verwandt , sei ihr auch hieher gefolgt . Man rühmte sehr den anmuthigen Ton dieses Hauses , und rieth Alexandern , sich doch ja recht bald dort einführen zu lassen , da man stets einen auserwählten kleinen Cirkel und die angenehmste Unterhaltung dort finde . Um den Pfeil , mit welchem Erna ' s Schönheit ihn verwundet hatte , ihm durch ihren steten Anblick noch tiefer ins Herz zu drücken , wieß ihm der Zufall seinen Platz bei der Abendtafel ihr gerade gegenüber an . Wie brannte er vor Verlangen , nur einem jener Blicke zu begegnen , der wie einst , als er ein solches Glück noch nicht zu schätzen wußte , ihm ihr vom süßen Zauber der Liebe bewegtes Gemüth verrathen hatte . Aber umsonst . Sie schien der Erinnerung jener Zeit so ganz entfremdet zu seyn , so völlig seine Bekanntschaft und das noch vor wenig Momenten Vorgefallene vergessen zu haben , daß ihr Auge so untheilnehmend und fremd über ihn hinwegstreifte , als sei er gar nicht da - wenigstens nicht für sie . Und doch gewährte es ihm einen schmerzlichen Genuß , sie unablässig zu beobachten . Die Unschuld und Unbefangenheit eines Kindes mit scharfem Verstand und der feinsten Geistesbildung verbunden , die größte Anspruchslosigkeit bei dem entschiedensten Recht zu Ansprüchen , stellte in ihrer Person ein seltenes , aber unwiderstehliches Gemisch von Liebenswürdigkeit dar , das kaum ihrer siegenden Reize bedurft hätte , um jedes Herz magnetisch anzuziehen . Heiter , wie ein Frühlingstag , und sich der Fröhlichkeit des Augenblicks kindlich hingebend unterhielt sie sich mit ihren Nachbaren , und wer sie in diesem Austausch des Scherzes und der geselligen Mittheilungen sah , konnte schwerlich ahnen , daß ihr Geist in der Schule ernster Erfahrungen gereift , ihr Gefühl im Prüfungsfeuer tiefen Schmerzes geläutert sei . VIII Mismuthig , mit sich selbst entzweit , und doch sein ganzes Wesen durch einen neuen , kräftigeren Impuls aufgeregt , kam Alexander nach Hause , und verträumte noch manche Stunde in Erna ' s Andenken , ehe der Schlummer sein müdes Auge schloß . Hätte er seiner Neigung nachgeben mögen , so würde er am folgenden Tag schon versucht haben , Zutritt im Hause des Gesandten zu erhalten , das , ohne jemals große Feste zu geben , sich jeden Abend gastlich den Besuchen gebildeter und befreundeter Menschen öffnete . Aber nach der Art , wie Erna ihn aufgenommen , schien es ihm zu kühn , ihr in ihrer eigenen Wohnung zu nahen , ehe nicht ein zweites , milderes Zusammentreffen am dritten Orte ihn dazu ermuntern würde . Denn auch nur den leisesten Schein einer Zudringlichkeit auf sich zu laden , war seinem Stolze unerträglich , selbst hier wo es Beschwichtigung der innern , ewig nagenden Unruh und Linderung der Sehnsucht galt , die an seinem Herzen zehrte . Erna ' s Erscheinung wirkte indessen in seiner Seele fort , indem sie ihn immer mit sich beschäftigend , von seinem gewohnten Thun und Treiben abzog . Nie hatte er einsamer und zurückgezogener gelebt . Ganze Tage brachte er , sich selbst genug , in seinem Zimmer zu , über die tiefe Bedeutung ihres Charakters , die reiche Entfaltung ihrer schönen Anlagen nachzudenken . So lebendig , als sei sie es wirklich , erblickte er dann im Spiegel seiner Phantasie ihre schlank aufstrebende , hohe , und doch in dem reizendsten Ebenmaas so sanft gerundete Form , und das seelenvolle Gesicht , das in seinen Zügen einen so himmlischen Ausdruck offenbarte . Dann lag die ganze Welt versunken und vergessen hinter ihm , und nur ein einziges , unendliches Gefühl sagte ihm , daß er lebe , aber nur um zu wünschen und zu hoffen , was doch so fern , in so unerreichbarer Höhe schimmerte , wie der Mond , der seinen reinen Strahl zur dunkeln Nacht herab senkt . Noch hatte nichts im Leben seinen Charakter zur