Sitten wegen für einen reisenden Grafen . - Ich glaubte nun , im kleinen häuslichen Zirkel meine Mutterpflichten übend , ein stilles ruhiges Leben führen zu können , doch der entsetzlichste Schlag sollte mich noch treffen . - Als ich von einen kleinen Spaziergange einst heimkehrte , weg warst du samt deinem Geschwister ! - Ein altes Weib hatte mich Tages zuvor in meinem Schlupfwinkel entdeckt und allerlei verfängliche Worte von ins Wasser werfen und dergleichen gesprochen ! - Nun ! ein Glück , daß du , mein Sohn , gerettet , komm nochmals an meine Brust , Geliebter ! « - Die gefleckte Mama liebkoste mich mit aller Herzlichkeit und fragte mich dann nach den nähern Umständen meines Lebens . Ich erzählte ihr alles und vergaß nicht , meiner hohen Ausbildung zu erwähnen , und wie ich dazu gekommen . Mina schien weniger gerührt von den seltenen Vorzügen des Sohnes , als man hätte denken sollen . Ja ! sie gab mir nicht undeutlich zu verstehen , daß ich mitsamt meinem außerordentlichen Geiste , mit meiner tiefen Wissenschaft auf Abwege geraten , die mir verderblich werden könnten . Vorzüglich warnte sie mich aber , dem Meister Abraham ja nicht meine erworbenen Kenntnisse zu entdecken , da dieser sie nur nützen würde , mich in der drückendsten Knechtschaft zu erhalten . » Ich kann mich « , sprach Mina , » zwar gar nicht deiner Ausbildung rühmen , indessen fehlt es mir doch durchaus nicht an natürlichen Fähigkeiten und angenehmen , mir von der Natur eingeimpften Talenten . Darunter rechne ich z.B. die Macht , knisternde Funken aus meinem Pelz hervorstrahlen zu lassen , wenn man mich streichelt . Und was für Unannehmlichkeiten hat mir nicht schon dieses einzige Talent bereitet ! Kinder und Erwachsene haben unaufhörlich auf meinen Rücken herumhantiert jenes Feuerwerks halber , mir zur Qual , und wenn ich unmutig wegsprang oder die Krallen zeigte , mußte ich mich ein scheues wildes Tier schelten , ja wohl gar prügeln lassen . - Sowie Meister Abraham erfährt , daß du schreiben kannst , lieber Murr , macht er dich zu seinem Kopisten , und als Schuldigkeit wird von dir gefordert , was du jetzt nur aus eigenem Antriebe zu deiner Lust tust . « - Mina sprach noch mehreres über mein Verhältnis zum Meister Abraham und über meine Bildung . Erst später habe ich eingesehen , daß das , was ich für Abscheu gegen die Wissenschaften hielt , wirkliche Lebensweisheit war , die die Gefleckte in sich trug . Ich erfuhr , daß Mina bei der alten Nachbarsfrau in ziemlich dürftigen Umständen lebe , und daß es ihr oft schwer falle , ihren Hunger zu stillen . Dies rührte mich tief , die kindliche Liebe erwachte in voller Stärke in meinem Busen , ich besann mich auf den schönen Heringskopf , den ich vom gestrigen Mahle erübrigt , ich beschloß , ihn darzubringen der guten Mutter , die ich so unerwartet wiedergefunden . Wer ermißt die Wandelbarkeit der Herzen derer , die da wandeln unter dem Mondschein ! - Warum verschloß das Schicksal nicht unsere Brust dem wilden Spiel unseliger Leidenschaften ! - Warum müssen wir , ein dünnes schwankendes Rohr , uns beugen vor dem Sturm des Lebens ? - Feindliches Verhängnis ! - O Appetit , dein Name ist Kater ! - Den Heringskopf im Maule , kletterte ich , ein pius Aeneas , aufs Dach - ich wollte hinein ins Bodenfenster ! - Da geriet ich in einen Zustand , der , auf seltsame Weise mein Ich meinem Ich entfremdend , doch mein eigentliches Ich schien . - Ich glaube mich verständlich und scharf ausgedrückt zu haben , so daß in dieser Schilderung meines seltsamen Zustandes jeder den die geistige Tiefe durchschauenden Psychologen erkennen wird . - Ich fahre fort ! - Das sonderbare Gefühl , gewebt aus Lust und Unlust , betäubte meine Sinne - überwältigte mich - kein Widerstand möglich , - ich fraß den Heringskopf ! - Ängstlich hörte ich Mina miauen , ängstlich sie meinen Namen rufen - Ich fühlte mich von Reue , von Scham durchdrungen , ich sprang zurück in meines Meisters Zimmer , ich verkroch mich unter den Ofen . Da quälten mich die ängstlichsten Vorstellungen . Ich sah Mina , die wiedergefundene gefleckte Mutter , trostlos , verlassen , lechzend nach der Speise , die ich versprochen , der Ohnmacht nahe - Ha ! - der durch den Rauchfang sausende Wind rief den Namen Mina - Mina - Mina rauschte es in den Papieren meines Meisters , knarrte es in den gebrechlichen Rohrstühlen , Mina - Mina - lamentierte die Ofentüre - O ! es war ein bitteres herzzerschneidendes Gefühl , das mich durchbohrte ! - Ich beschloß , die Arme womöglich einzuladen zur Frühstücksmilch . Wie kühlender wohltuender Schatten kam bei diesem Gedanken ein seliger Frieden über mich ! - Ich kniff die Ohren an und schlief ein ! - Ihr fühlenden Seelen , die ihr mich ganz versteht , ihr werdet es , seid ihr sonst keine Esel , sondern wahrhaftige honette Kater , ihr werdet es , sage ich , einsehen , daß dieser Sturm in meiner Brust meinen Jugendhimmel aufheitern mußte wie ein wohltätiger Orkan , der die finstern Wolken zerstäubt und die reinste Aussicht schafft . O ! so schwer anfangs der Heringskopf auf meiner Seele lastete , doch lernte ich einsehen , was Appetit heißt , und daß es Frevel ist , der Mutter Natur zu widerstreben . Jeder suche sich seine Heringsköpfe und greife nicht vor der Sagazität der andern , die , vom richtigen Appetit geleitet , schon die ihrigen finden werden . So schließe ich diese Episode meines Lebens , die - ( Mak . Bl . ) - - nichts verdrießlicher für einen Historiographen oder Biographen , als wenn er , wie auf einem wilden Füllen reitend , hin und her sprengen muß über Stock und Stein , über Äcker und Wiesen , immer nach gebahnten Wegen trachtend , niemals sie erreichend . So geht es dem , der es unternommen , für dich , geliebter Leser , das aufzuschreiben , was er von dem wunderlichen Leben des Kapellmeisters Johannes Kreisler erfahren . Gern hätte er angefangen : In dem kleinen Städtchen N. oder B. oder K. , und zwar am Pfingstmontage oder zu Ostern des und des Jahres , erblickte Johannes Kreisler das Licht der Welt ! - Aber solche schöne chronologische Ordnung kann gar nicht aufkommen , da dem unglücklichen Erzähler nur mündlich , brockenweis mitgeteilte Nachrichten zu Gebote stehen , die er , um nicht das Ganze aus dem Gedächtnisse zu verlieren , sogleich verarbeiten muß . Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser Nachrichten herging , sollst du , sehr lieber Leser , noch vor dem Schlusse des Buchs erfahren , und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen des Ganzen entschuldigen , vielleicht aber auch meinen , daß trotz des Anscheins der Abgerissenheit doch ein fester durchlaufender Faden alle Teile zusammenhalte . Eben in diesem Augenblick ist nichts anders zu erzählen , als daß nicht lange nachher , als Fürst Irenäus in Sieghartsweiler sich niedergelassen , an einem schönen Sommerabend Prinzessin Hedwiga und Julia in dem anmutigen Park zu Sieghartshof lustwandelten . Wie ein goldner Schleier lag der Schein der sinkenden Sonne ausgebreitet über dem Walde . Kein Blättlein rührte sich . In ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und Gebüsch , daß der Abendwind komme und mit ihnen kose . Nur das Getöse des Waldbachs , der über weiße Kiesel fortbrauste , unterbrach die tiefe Stille . Arm in Arm verschlungen , schweigend wandelten die Mädchen fort durch die schmalen Blumengänge , über die Brücken , die über die verschiedenen Schlingungen des Bachs führten , bis sie an das Ende des Parks , an den großen See kamen , in dem sich der ferne Geierstein mit seinen malerischen Ruinen abspiegelte . » Es ist doch schön ! « rief Julia recht aus voller Seele . » Laß uns « , sprach Hedwiga , » in die Fischerhütte treten . Die Abendsonne brennt entsetzlich , und drin ist die Aussicht nach dem Geierstein aus dem mittlern Fenster noch schöner als hier , da die Gegend dort nicht Panorama , sondern in gruppierter Ansicht , wahrhaftes Bild erscheint . « Julia folgte der Prinzessin , die , kaum hineingetreten und zum Fenster hinausschauend , sich nach Crayon und Papier sehnte , um die Aussicht in der Beleuchtung zu zeichnen , welche sie ungemein pikant nannte . » Ich möchte , « sprach Julia , » ich möchte dich beinahe um deine Kunstfertigkeit beneiden , Bäume und Gebüsche , Berge , Seen so ganz nach der Natur zeichnen zu können . Aber ich weiß es schon , könnte ich auch so hübsch zeichnen als du , doch wird es mir niemals gelingen , eine Landschaft nach der Natur aufzunehmen , und zwar um desto weniger , je herrlicher der Anblick . Vor lauter Freude und Entzücken des Schauens würd ' ich gar nicht zur Arbeit kommen . « - Der Prinzessin Antlitz überflog bei diesen Worten Julias ein gewisses Lächeln , das bei einem sechzehnjährigen Mädchen bedenklich genannt werden dürfte . Meister Abraham , der im Ausdruck zuweilen etwas seltsam , meinte , solch Muskelspiel im Gesicht sei dem Wirbel zu vergleichen auf der Oberfläche des Wassers , wenn sich in der Tiefe etwas Bedrohliches rührt . - Genug , Prinzessin Hedwiga lächelte ; indem sie aber die Rosenlippen öffnete , um der sanften unkünstlerischen Julia etwas zu entgegnen , ließen sich ganz in der Nähe Akkorde hören , die so stark und wild angeschlagen wurden , daß das Instrument kaum eine gewöhnliche Guitarre zu sein schien . Die Prinzessin verstummte , und beide , sie und Julia , eilten vor das Fischerhaus . Nun vernahmen sie eine Weise nach der andern , verbunden durch die seltsamsten Übergänge , durch die fremdartigste Akkordenfolge . Dazwischen ließ sich eine sonore männliche Stimme hören , die bald alle Süßigkeit des italienischen Gesanges erschöpfte , bald , plötzlich abbrechend , in ernste düstere Melodien fiel , bald rezitativisch , bald mit starken , kräftig akzentuierten Worten dreinsprach . - Die Guitarre wurde gestimmt - dann wieder Akkorde - dann wieder abgebrochen und gestimmt - dann heftige , wie im Zorn ausgesprochene Worte - dann Melodien - dann aufs neue gestimmt . - Neugierig auf den seltsamen Virtuosen , schlichen Hedwiga und Julia näher und näher heran , bis sie einen Mann in schwarzer Kleidung gewahrten , der , den Rücken ihnen zugewendet , auf einem Felsstück dicht an dem See saß und das wunderliche Spiel trieb mit Singen und Sprechen . Eben hatte er die Guitarre ganz und gar umgestimmt auf ungewöhnliche Weise und versuchte nun einige Akkorde , dazwischen rufend : » Wieder verfehlt - keine Reinheit - bald ein Komma zu tief , bald ein Komma zu hoch ! « - Dann faßte er das Instrument , das er von dem blauen Bande , an dem es ihm um die Schultern hing , losgenestelt , mit beiden Händen , hielt es vor sich hin und begann : » Sage mir , du kleines eigensinniges Ding , wo ruht eigentlich dein Wohllaut , in welchem Winkel deines Innersten hat sich die reine Skala verkrochen ? - Oder willst du dich vielleicht auflehnen gegen deinen Meister und behaupten , sein Ohr sei totgehämmert worden in der Schmiede der gleichschwebenden Temperatur und seine Enharmonik nur ein kindisches Vexierspiel ? Du verhöhnst mich , glaub ' ich , unerachtet ich den Bart viel besser geschoren trage als Meister Stefano Pacini , detto il Venetiano , der die Gabe des Wohllauts in dein Innerstes legte , die mir ein unerschließbares Geheimnis bleibt . Und , liebes Ding , daß du es nur weißt , willst du den unisonierenden Dualismus von Gis und As oder Cis und Des - oder vielmehr sämtlicher Töne durchaus nicht verstatten , so schicke ich dir neun tüchtige teutsche Meister auf den Hals , die sollen dich ausschelten , dich kirre machen mit enharmonischen Worten . - Und du magst dich nicht deinem Stefano Pacini in die Arme werfen , du magst nicht wie ein keifendes Weib das letzte Wort behalten wollen . - Oder bist du vielleicht gar dreist und stolz genug , zu meinen , daß alle schmucke Geister , die in dir wohnen , nur dem gewaltigen Zauber folgen der Magier , die längst von der Erde gegangen , und daß in den Händen eines Hasenfußes - « Bei dem letzten Worte hielt der Mann plötzlich inne , sprang auf und schaute , wie in tiefen Gedanken versunken , in den See hinein . - Die Mädchen , gespannt durch des Mannes seltsames Beginnen , standen wie eingewurzelt hinter dem Gebüsch ; sie wagten kaum zu atmen . » Die Guitarre « , brach der Mann endlich los , » ist doch das miserabelste , unvollkommenste Instrument von allen Instrumenten , nur wert , von girrenden liebeskrankenden Schäfern in die Hand genommen zu werden , die das Embouchoir zur Schalmei verloren haben , da sie sonst es vorziehen würden , erklecklich zu blasen , das Echo zu wecken mit den Kuhreigen der süßesten Sehnsucht und klägliche Melodien entgegenzusenden den Emmelinen in den weiten Bergen , die das liebe Vieh zusammentreiben mit dem lustigen Geknalle empfindsamer Hetzpeitschen ! - O Gott ! - Schäfer , die wie ein Ofen seufzen mit Jammerlied auf ihrer Liebsten Brau ' n - lehrt ihnen , daß der Dreiklang aus nichts anderm bestehe als aus drei Klängen und niedergestoßen werde durch den Dolchstich der Septime , und gebt ihnen die Guitarre in die Hände ! - Aber ernsten Männern von leidlicher Bildung , von vorzüglicher Erudition , die sich abgegeben mit griechischer Weltweisheit und wohl wissen , wie es am Hofe zu Peking oder Nanking zugeht , aber den Teufel was verstehen von Schäferei und Schafzucht , was soll denen das Ächzen und Klimpern ? - Hasenfuß , was beginnst du ? Denke an den seligen Hippel , welcher versichert , daß , säh ' er einen Mann Unterricht erteilen im Klavierschlagen , es ihm zumute werde , als sötte besagter Lehrherr weiche Eier - und nun Guitarre klimpern - Hasenfuß ! - Pfui Teufel ! « - Damit schleuderte der Mann das Instrument weit von sich ins Gebüsch und entfernte sich raschen Schrittes , ohne die Mädchen zu bemerken . » Nun , « rief Julia nach einer Weile , lachend , » nun , Hedwiga , was sagst du zu dieser verwunderlichen Erscheinung ? Wo mag der seltsame Mann her sein , der erst so hübsch mit seinem Instrument zu sprechen weiß und es dann verächtlich von sich wirft wie eine zerbrochene Schachtel ? « » Es ist unrecht , « sprach Hedwiga wie im plötzlich aufwallenden Zorn , indem ihre verbleichten Wangen sich blutrot färbten , » es ist unrecht , daß der Park nicht verschlossen ist , daß jeder Fremde hinein kann . « » Wie , « erwiderte Julia , » der Fürst sollte , meinst du , engherzig den Sieghartsweilern - nein , nicht diesen allein , jedem , der des Weges wandelt , gerade den unmutigsten Fleck der ganzen Gegend verschließen ! das ist unmöglich deine ernste Meinung ! « - » Du bedenkst , « fuhr die Prinzessin noch bewegter fort , » du bedenkst die Gefahr nicht , die für uns daraus entsteht . Wie oft wandeln wir so wie heute allein , entfernt von aller Dienerschaft , in den entlegensten Gängen des Waldes umher ! - Wie , wenn einmal irgendein Bösewicht - « » Ei , « unterbrach Julia die Prinzessin , » ich glaube gar , du fürchtest , aus diesem , jenem Gebüsch könnte irgendein ungeschlachter märchenhafter Riese oder ein fabelhafter Raubritter hervorspringen und uns entführen auf seine Burg ! - Nun , das wollte der Himmel verhüten ! - Aber sonst muß ich dir gestehen , daß mir irgendein kleines Abenteuer hier in dem einsamen romantischen Walde recht hübsch , recht anmutig bedünken möchte . - Ich denke eben an Shakespeare Wie es euch gefällt , das uns die Mutter so lange nicht in die Hände geben wollte , und das uns endlich Lothario vorgelesen . Was gilt es , du würdest auch gern ein bißchen Celia spielen , und ich wollte deine treue Rosalinde sein . - Was machen wir aus unserm unbekannten Virtuosen ? « » O , « erwiderte die Prinzessin , » eben dieser unbekannte Mensch - Glaubst du wohl , Julia , daß mir seine Gestalt , seine wunderlichen Reden ein inneres Grauen erregten , das mir unerklärlich ist ? - Noch jetzt durchbeben mich Schauer , ich erliege beinahe einem Gefühl , das , seltsam und entsetzlich zugleich , alle meine Sinne gefangen nimmt . In dem tiefsten dunkelsten Gemüt regt sich eine Erinnerung auf und ringt vergebens , sich deutlich zu gestalten . - Ich sah diesen Menschen schon in irgendeine fürchterliche Begebenheit verflochten , die mein Herz zerfleischte - vielleicht war es nur ein spukhafter Traum , dessen Andenken mir geblieben - Genug - der Mensch mit seinem seltsamen Beginnen , mit seinen wirren Reden deuchte mir ein bedrohliches gespenstisches Wesen , das uns vielleicht verlocken wollte in verderbliche Zauberkreise . « » Welche Einbildungen , « rief Julia , » ich für mein Teil verwandle das schwarze Gespenst mit der Guitarre in den Monsieur Jacques oder gar in den ehrlichen Probstein , dessen Philosophie beinahe so lautet , wie die wunderlichen Reden des Fremden . - Doch hauptsächlich ist es nun nötig , die arme Kleine zu retten , die der Barbar so feindselig in das Gebüsch geschleudert hat . « - » Julia - was beginnst du - um des Himmels willen , « rief die Prinzessin ; doch ohne auf sie zu achten , schlüpfte Julia hinein in das Dickicht und kam nach wenigen Augenblicken triumphierend , die Guitarre , die der Fremde weggeworfen , in der Hand , zurück . Die Prinzessin überwand ihre Scheu und betrachtete sehr aufmerksam das Instrument , dessen seltsame Form schon von hohem Alter zeigte , hätte das auch nicht die Jahrzahl und der Namen des Meisters bestätigt , den man durch die Schallöffnung auf dem Boden deutlich wahrnahm . Schwarz eingeätzt waren nämlich die Worte : » Stefano Pacini fec . Venet . 1532 . « Julia konnte es nicht unterlassen , sie schlug einen Akkord auf dem zierlichen Instrument an und erschrak beinahe über den mächtigen vollen Klang , der aus dem kleinen Dinge heraustönte . » O herrlich - herrlich , « rief sie aus und spielte weiter . Da sie aber gewohnt , nur ihren Gesang mit der Guitarre zu begleiten , so konnte es nicht fehlen , daß sie bald unwillkürlich zu singen begann , indem sie weiter fortwandelte . Die Prinzessin folgte ihr schweigend . Julia hielt inne ; da sprach Hedwiga : » Singe , spiele auf dem zauberischen Instrumente , vielleicht gelingt es dir , die bösen , feindlichen Geister , die Macht haben wollten über mich , hinabzubeschwören in den Orkus . « » Was willst du « , erwiderte Julia , » mit deinen bösen Geistern , die sollen uns beiden fremd sein und bleiben , aber singen will ich und spielen , denn ich wüßte nicht , daß jemals mir ein Instrument so zur Hand gewesen , mir überhaupt so zugesagt hätte , als eben dieses . Mir scheint auch , als wenn meine Stimme viel besser dazu laute als sonst . « - Sie begann eine bekannte italienische Kanzonetta und verlor sich in allerlei zierliche Melismen , gewagte Läufe und Capriccios , Raum gebend dem vollen Reichtum der Töne , der in ihrer Brust ruhte . War die Prinzessin erschrocken über den Anblick des Unbekannten , so erstarrte Julia zur Bildsäule , als er , da sie eben in einen andern Gang einbiegen wollte , plötzlich vor ihr stand . Der Fremde , wohl an dreißig Jahre alt , war nach dem Zuschnitt der letzten Mode schwarz gekleidet . In seinem ganzen Anzuge fand sich durchaus nichts Sonderbares , Ungewöhnliches , und doch hatte sein Ansehen etwas Seltsames , Fremdartiges . Trotz der Sauberkeit seiner Kleidung war eine gewisse Nachlässigkeit sichtbar , die weniger von Mangel an Sorgfalt als davon herzurühren schien , daß der Fremde gezwungen worden , einen Weg zu machen , auf den er nicht gerechnet , und zu dem sein Anzug nicht paßte . Mit aufgerissener Weste , das Halstuch nur leicht umschlungen , die Schuhe dick bestäubt , auf denen die goldnen Schnällchen kaum sichtbar , stand er da , und närrisch genug sah es aus , daß er an dem kleinen dreieckigen Hütchen , das nur bestimmt , unter den Armen getragen zu werden , die hintere Krempe herabgeschlagen hatte , um sich gegen die Sonne zu schützen . Er hatte sich durchgedrängt durch das tiefste Dickicht des Parks , denn sein wirres schwarzes Haar hing voller Tannadeln . Flüchtig schaute er die Prinzessin an und ließ dann den seelenvollen leuchtenden Blick seiner großen dunklen Augen auf Julia ruhen , deren Verlegenheit noch dadurch erhöht wurde , so daß ihr , wie es in dergleichen Fällen ihr zu geschehen pflegte , die Tränen in die Augen traten . » Und diese Himmelstöne , « begann der Fremde endlich mit weicher sanfter Stimme , » und diese Himmelstöne schweigen vor meinem Anblick und zerfließen in Tränen ? « Die Prinzessin , den ersten Eindruck , den der Fremde auf sie gemacht , mit Gewalt niederkämpfend , blickte ihn stolz an und sprach dann mit beinahe schneidendem Ton : » Allerdings überrascht uns Ihre plötzliche Erscheinung , mein Herr ! man erwartet um diese Zeit keine Fremden mehr im fürstlichen Park . - Ich bin die Prinzessin Hedwiga . « - Der Fremde hatte sich , sowie die Prinzessin zu sprechen begann , rasch zu ihr gewendet und schaute ihr jetzt in die Augen , aber sein ganzes Antlitz schien ein andres worden . - Vertilgt war der Ausdruck schwermütiger Sehnsucht , vertilgt jede Spur des tief im Innersten aufgeregten Gemüts , ein toll verzerrtes Lächeln steigerte den Ausdruck bitterer Ironie bis zum Possierlichen , bis zum Skurrilen . - Die Prinzessin blieb , als träfe sie ein elektrischer Schlag , mitten in der Rede stecken und schlug , blutrot im ganzen Gesicht , die Augen nieder . Es schien , als wollte der Fremde etwas sagen , in dem Augenblick begann indessen Julia : » Bin ich nicht ein dummes törichtes Ding , daß ich erschrecke , daß ich weine wie ein kindisches Kind , das man ertappt über dem Naschen ! - Ja , mein Herr , ich habe genascht , hier die trefflichsten Töne weggenascht von Ihrer Guitarre - die Guitarre ist an allem schuld und unsere Neugier ! - Wir haben Sie belauscht , wie Sie mit dem kleinen Dinge so hübsch zu sprechen wußten , und wie Sie dann im Zorne die Arme wegschleuderten in das Gebüsch , daß sie im lauten Klageton ausseufzte , auch das haben wir gesehen . Und das ging mir so recht tief ins Herz , ich mußte hinein in das Dickicht und das schöne liebliche Instrument aufheben . - Nun , Sie wissen wohl , wie Mädchen sind , ich klimpere etwas auf der Guitarre , und da fuhr es mir in die Finger - ich könnt ' es nicht lassen . - Verzeihen Sie mir , mein Herr , und empfangen Sie Ihr Instrument zurück . « Julia reichte die Guitarre dem Fremden hin . » Es ist « , sprach der Fremde , » ein sehr seltnes klangvolles Instrument , noch aus alter guter Zeit her , das nur in meinen ungeschickten Händen - doch was Hände - was Hände ! - Der wunderbare Geist des Wohllauts , der diesem kleinen seltsamen Dinge befreundet , wohnt auch in meiner Brust , aber eingepuppt , keiner freien Bewegung mächtig ; doch aus Ihrem Innern , mein Fräulein , schwingt er sich auf zu den lichten Himmelsräumen , in tausend schimmernden Farben , wie das glänzende Pfauenauge . - Ha , mein Fräulein ! als Sie sangen , aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe , alles Entzücken süßer Träume , die Hoffnung , das Verlangen wogte durch den Wald und fiel nieder wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche , in die Brust horchenden Nachtigallen ! - - Behalten Sie das Instrument , nur Sie gebieten über den Zauber , der in ihm verschlossen ! « - » Sie warfen das Instrument fort , « erwiderte Julia hoch errötend . » Es ist wahr , « sprach der Fremde , indem er mit Heftigkeit die Guitarre ergriff und an seine Brust drückte , » es ist wahr , ich warf es fort und empfange es geheiligt zurück ; nie kommt es mehr aus meinen Händen ! « - Plötzlich verwandelte sich nun das Antlitz des Fremden wieder in jene skurrile Larve , und er sprach mit hohem schneidenden Ton : » Eigentlich hat mir das Schicksal oder mein Kakodämon einen sehr bösen Streich gespielt , daß ich hier so ganz ex abrupto , wie die Lateiner und noch andere ehrliche Leute sagen , vor Ihnen erscheinen muß , meine hochverehrtesten Damen ! - O Gott , gnädigste Prinzessin , riskieren Sie es , mich anzuschauen von Kopf bis zu Fuß . Sie werden denn aus meinem Ajustement zu entnehmen geruhen , daß ich mich auf einer großen Visitenfahrt befinde . - Ha ! ich gedachte eben bei Sieghartsweiler vorzufahren und der guten Stadt , wo nicht meine Person , doch wenigstens eine Visitenkarte abzugeben . - O Gott ! fehlt es mir denn an Konnexionen , meine gnädigste Prinzessin ? - War nicht sonst der Hofmarschall Dero Herrn Vaters mein Intimus ? - Ich weiß es , sah er mich hier , so drückte er mich an seine Atlasbrust und sagte gerührt , indem er mir eine Prise darbot : Hier sind wir unter uns , mein Lieber , hier kann ich meinem Herzen und den angenehmsten Gesinnungen freien Lauf lassen . - Audienz hätte ich erhalten bei dem gnädigsten Herrn Fürsten Irenäus und wäre auch Ihnen vorgestellt worden , o Prinzessin ! Vorgestellt worden auf eine Weise , daß ich mein bestes Gespann von Septime-Akkorden gegen eine Ohrfeige setze , ich hätte Ihre Huld erworben ! - Aber nun ! - hier im Garten am unschicklichsten Orte , zwischen Ententeich und Froschgraben , muß ich mich selbst präsentieren , mir zum ewigen Malheur ! - O Gott , könnt ' ich nur was weniges hexen , könnt ' ich nur subito diese edle Zahnstocherbüchse ( er zog eine aus der Westentasche hervor ) verwandeln in den Schmuckesten Kammerherrn des Irenäusschen Hofes , welcher mich beim Fittig nähme und spräche : Gnädigste Prinzessin , hier ist der und der ! - Aber nun ! - che far , che dir ! - Gnade - Gnade , o Prinzessin , o Damen ! - o Herren ! « Damit warf sich der Fremde vor der Prinzessin nieder und sang mit kreischender Stimme : » Ah pietà , pietà Signora ! « Die Prinzessin faßte Julien und rannte mit ihr unter dem lauten Ausruf : » Es ist ein Wahnsinniger , ein Wahnsinniger , der dem Tollhause entsprungen ! « so schnell von dannen , als sie es nur vermochte . Dicht vor dem Lustschlosse kam die Rätin Benzon den Mädchen entgegen , die atemlos ihr beinahe zu Füßen sanken . » Was ist geschehen , um des Himmels willen , was ist euch geschehen , was bedeutet die übereilte Flucht ? « So fragte sie . Die Prinzessin vermochte , außer sich , verstört wie sie war , nur in abgebrochenen Reden etwas von einem Wahnsinnigen herzustammeln , der sie überfallen . Julia erzählte ruhig und besonnen , wie sich alles begeben , und schloß damit , daß sie den Fremden durchaus nicht für wahnsinnig , sondern nur für einen ironischen Schalk , wirklich für eine Art von Monsieur Jacques halte , der zur Komödie im Ardenner Walde passe . Die Rätin Benzon ließ sich alles nochmals wiederholen , sie fragte nach dem kleinsten Umstande , sie ließ sich den Fremden beschreiben in Gang , Stellung , Gebärde , Ton der Sprache u.s.w. » Ja « , rief sie dann , » ja , es ist nur zu gewiß , er ist es , er ist es selbst , kein anderer kann - darf es sein . « » Wer - wer ist es ? « fragte die Prinzessin ungeduldig . » Ruhig , liebe Hedwiga , « erwiderte die Benzon , » Sie haben Ihren Atem umsonst verkeucht , kein Wahnsinniger ist dieser Fremde , der Ihnen so bedrohlich erschien . Welchen bittern unziemlichen Scherz er sich auch seiner barocken Manier gemäß erlaubte , so glaube ich doch , daß Sie sich mit ihm aussöhnen werden . « » Nimmermehr , « rief die Prinzessin , » nimmermehr sehe ich ihn wieder , den - unbequemen Narren . « » Ei , Hedwiga , « sprach die Benzon lachend , » welcher Geist gab Ihnen das Wort unbequem ein , das nach dem , was vorgegangen , viel besser paßt , als Sie vielleicht selbst glauben und ahnen mögen . « » Ich weiß auch gar nicht , « begann Julia , » wie du auf den Fremden so zürnen magst , liebe Hedwiga ! - Selbst in seinem närrischen Tun , in seinen wirren Reden lag etwas , das auf seltsame und gar nicht unangenehme Weise mein Innerstes anregte . « - » Wohl dir , « erwiderte die Prinzessin , indem ihr die Tränen in die Augen traten , » wohl dir , daß du so ruhig sein kannst und unbefangen