hellem Mondenscheine oder um die Mittagszeit an dem Flusse vorübergingen , sahen oft ein junges Mädchen sich mitten im Strome mit halbem Leibe über das Wasser emporheben . Sie war sehr schön , aber totenblaß . « So endigte Faber seine Erzählung . » Erschrecklich ! « rief Leontin , sich , wie vor Frost , schüttelnd . Rosa schwieg still . Auf Friedrich hatte das Märchen einen tiefen und ganz besonderen Eindruck gemacht . Er konnte sich nicht enthalten , während der ganzen Erzählung mit einem unbestimmten , schmerzlichen Gefühle an Rosa zu denken , und es kam ihm vor , als hätte Faber selber nicht ohne Absicht gerade diese Erfindung gewählt . Fabers Märchen gab Veranlassung , daß auch Friedrich und Leontin mehrere Geschichten erzählten , woran aber Rosa immer nur einen entfernten Anteil nahm . So verging dieser Tag unter fröhlichen Gesprächen , ehe sie es selber bemerkten , und der Abend überraschte sie mitten im Walde in einer unbekannten Gegend . Sie schlugen daher den ersten Weg ein , der sich ihnen darbot , und kamen schon in der Dunkelheit bei einem Bauernhause an , das ganz allein im Walde stand , und wo sie zu übernachten beschlossen . Die Hauswirtin , ein junges , rüstiges Weib , wußte nicht , was sie aus dem ganz unerwarteten Besuche machen sollte und maß sie mit Blicken , die eben nicht das beste Zutrauen verrieten . Die lustigen Reden und Schwänke Leontins und seiner Jäger aber brachten sie bald in die beste Laune , und sie bereitete alles recht mit Lust zu ihrer Aufnahme . Nach einem flüchtig eingenommenen Abendessen ergriffen Leontin , Faber und die Jäger ihre Flinten und gingen noch in den Wald hinaus auf den Anstand , da ihnen die gefällige Bäuerin mit einer gewissen verstohlenen Vertraulichkeit den Platz verraten hatte , wo das Wild gewöhnlich zu wechseln pflegte . Rosa fürchtete sich nun , hier allein zurückzubleiben , und bat daher Friedrich , ihr Gesellschaft zu leisten , welches dieser mit Freuden annahm . Beide setzten sich , als alles fort war , auf die Bank an der Haustür vor den weiten Kreis der Wälder . Friedrich hatte die Gitarre bei sich und griff einige volle Akkorde , welche sich in der heitern , stillen Nacht herrlich ausnahmen . Rosa war in dieser ungewohnten Lage ganz verändert . Sie war einmal ohne alle kleine Launen , hingebend , ungewöhnlich vertraulich und liebenswürdig ermattet . Friedrich glaubte sie noch niemals so angenehm gesehen zu haben . Er hatte ihr schon längst versprechen müssen , seine ganze Jugendgeschichte einmal ausführlich zu erzählen . Sie bat ihn nun , sein Versprechen zu erfüllen , bis die andern zurückkämen . Er war gerade auch aufgelegt dazu und begann daher , während sie , mit dem einen Arme auf seine Achsel gelehnt , so nahe als möglich an ihn rückte , folgendermaßen zu erzählen : » Meine frühesten Erinnerungen verlieren sich in einem großen , schönen Garten . Lange , hohe Gänge von gradbeschnittenen Baumwänden laufen nach allen Richtungen zwischen großen Blumenfeldern hin , Wasserkünste rauschen einsam dazwischen , die Wolken ziehen hoch über die dunkeln Gänge weg , ein wunderschönes kleines Mädchen , älter als ich , sitzt an der Wasserkunst und singt welsche Lieder , während ich oft stundenlang an den eisernen Stäben des Gartentors stehe , das an die Straße stößt , und sehe , wie draußen der Sonnenschein wechselnd über Wälder und Wiesen fliegt , und Wagen , Reuter und Fußgänger am Tore vorüber in die glänzende Ferne hinausziehen . Diese ganze , stille Zeit liegt weit hinter all dem Schwalle der seitdem durchlebten Tage , wie ein uraltes , wehmütig süßes Lied , und wenn mich oft nur ein einzelner Ton davon wieder berührt , faßt mich ein unbeschreibliches Heimweh , nicht nur nach jenen Gärten und Bergen , sondern nach einer viel ferneren und tieferen Heimat , von welcher jene nur ein lieblicher Widerschein zu sein scheint . Ach , warum müssen wir jene unschuldige Betrachtung der Welt , jene wundervolle Sehnsucht , jenen geheimnisvollen , unbeschreiblichen Schimmer der Natur verlieren , in dem wir nur manchmal noch im Traume unbekannte , seltsame Gegenden wiedersehen ! « » Und wie war es denn nun weiter ? « fiel ihm Rosa ins Wort . » Meinen Vater und meine Mutter « , fuhr Friedrich fort , » habe ich niemals gesehen . Ich lebte auf dem Schlosse eines Vormunds . Aber eines ältern Bruders erinnere ich mich sehr deutlich . Er war schön , wild , witzig , keck und dabei störrisch , tiefsinnig und menschenscheu . Dein Bruder Leontin sieht ihm sehr ähnlich und ist mir darum um desto teurer . Am besten kann ich mir ihn vorstellen , wenn ich an einen Umstand zurückdenke . An unserm altertümlichen Schlosse lief nämlich eine große steinerne Galerie rings herum . Dort pflegten wir beide gewöhnlich des Abends zu sitzen , und ich erinnere mich noch immer an den eignen , sehnsuchtsvollen Schauer , mit dem ich hinuntersah , wie der Abend blutrot hinter den schwarzen Wäldern versank und dann nach und nach alles dunkel wurde . Unsere alte Wärterin erzählte uns dann gewöhnlich das Märchen von dem Kinde , dem die Mutter mit dem Kasten den Kopf abschlug und das darauf als ein schöner Vogel draußen auf den Bäumen sang . Rudolf , so hieß mein Bruder , lief oder ritt unterdes auf dem steinernen Geländer der Galerie herum , daß mir vor Schwindel alle Sinne vergingen . Und in dieser Stellung schwebt mir sein Bild noch immer vor , das ich von dem Märchen , den schwarzen Wäldern unten und den seltsamen Abendlichtern gar nicht trennen kann . Da er wenig lernte und noch weniger gehorchte , wurde er kalt und übel behandelt . Oft wurde ich ihm als Muster vorgestellt , und dies war mein größter und tiefster Schmerz , den ich damals hatte , denn ich liebte ihn unaussprechlich . Aber er achtete wenig darauf . Das schöne italienische Mädchen fürchtete sich vor ihm , sooft sie mit ihm zusammenkam , und doch schien sie ihn immer wieder von neuem aufzusuchen . Mit mir dagegen war sie sehr vertraulich und oft ausgelassen lustig . Alle Morgen , wenn es schön war , ging sie in den Garten hinunter und wusch sich an der Wasserkunst die hellen Augen und den kleinen , weißen Hals , und ich mußte ihr währenddessen die zierlichen Zöpfchen flechten helfen , die sie dann in einen Kranz über dem Scheitel zusammenheftete . Dabei sang sie immer folgendes Liedchen , das mir mit seiner ganz eignen Melodie noch immer sehr deutlich vorschwebt : Zwischen Bergen , liebe Mutter , Weit den Wald entlang , Reiten da drei junge Jäger Auf drei Rößlein blank , lieb Mutter , Auf drei Rößlein blank . Ihr könnt fröhlich sein , lieb Mutter : Wird es draußen still , Kommt der Vater heim vom Walde , Küßt Euch wie er will , lieb Mutter , Küßt Euch wie er will . Und ich werfe mich im Bettchen Nachts ohn Unterlaß , Kehr mich links , und kehr mich rechtshin , Nirgends hab ich was , lieb Mutter , Nirgends hab ich was . Bin ich eine Frau erst einmal , In der Nacht dann still Wend ich mich nach allen Seiten , Küß , soviel ich will , lieb Mutter , Küß , soviel ich will . Sie sang das Liedchen ganz allerliebst . Das arme Kind wußte wohl damals selbst noch nicht deutlich , was sie sang . Aber einmal fuhren die Alten , die sie darüber belauscht hatten , gar täppisch mit harten Verweisen drein , und seitdem , erinnere ich mich , sang sie das Lied heimlich noch viel lieber . So lebten wir lange Zeit in Frieden nebeneinander , und es fiel mir gar nicht ein , daß es jemals anders werden könnte , nur daß Rudolf immer finsterer wurde , je mehr er heranwuchs . Um diese Zeit hatte ich mehrere Male sehr schwere und furchtbare Träume . Ich sah nämlich immer meinen Bruder Rudolf in einer Rüstung , wie sie sich auf einem alten Ritterbilde auf unserem Vorsaale befand , durch ein Meer von durcheinanderwogenden , ungeheuren Wolken schreiten , wobei er sich mit einem langen Schwerte rechts und links Bahn zu hauen schien . Sooft er mit dem Schwerte die Wolken berührte , gab es eine Menge Funken , die mich mit ihren vielfarbigen Lichtern blendeten , und bei jedem solchen Leuchten kam mir auch Rudolfs Gesicht plötzlich blaß und ganz verändert vor . Während ich mich nun mit den Augen so recht in den Wolkenzug vertiefte , bemerkte ich mit Verwunderung , daß es eigentlich keine Wolken waren , sondern sich alles nach und nach in ein langes , dunkles , seltsam geformtes Gebirge verwandelte , vor dem mir schauderte , und ich konnte gar nicht begreifen , wie sich Rudolf dort so allein nicht fürchtete . Seitwärts von dem Gebirge sah ich eine weite Landschaft , deren unbeschreibliche Schönheit und wunderbaren Farbenschimmer ich niemals vergessen habe . Ein großer Strom ging mitten hindurch bis in eine unabsehbare , duftige Ferne , wo er sich mit Gesang zu verlieren schien . Auf einem sanftgrünen Hügel über dem Strome saß Angelina , das italienische Mädchen , und zog mit ihrem kleinen , rosigen Finger zu meinem Erstaunen einen Regenbogen über den blauen Himmel . Unterdes sah ich , daß das Gebirge anfing sich wundersam zu regen ; die Bäume streckten lange Arme aus , die sich wie Schlangen ineinanderschlungen , die Felsen dehnten sich zu ungeheuren Drachengestalten aus , andere zogen Gesichter mit langen Nasen , die ganze wunderschöne Gegend überzog und verdeckte dabei ein qualmender Nebel . Zwischen den Felsenplatten streckte Rudolf den Kopf hervor , der auf einmal viel älter und selber wie von Stein aussah , und lachte übermäßig mit seltsamen Gebärden . Alles verwirrte sich zuletzt und ich sah nur die entfliehende Angelina mit ängstlich zurückgewandtem Gesichte und weißem , flatterndem Gewande , wie ein Bild über einen grauen Vorhang , vorüberschweben . Eine große Furcht überfiel mich da jedesmal und ich wachte vor Schreck und Entsetzen auf . Diese Träume , die sich , wie gesagt , mehrere Male wiederholten , machten einen so tiefen Eindruck auf mein kindisches Gemüt , daß ich nun meinen Bruder oft heimlich mit einer Art von Furcht betrachtete , auch die seltsame Gestaltung des Gebirges nie wieder vergaß . Eines Abends , da ich eben im Garten herumging und zusah , wie es in der Ferne an den Bergen gewitterte , trat auf einmal an dem Ende eines Bogenganges Rudolf zu mir . Er war finsterer , als gewöhnlich . Siehst du das Gebirge dort ? sagte er , auf die fernen Berge deutend . Drüben liegt ein viel schöneres Land , ich habe ein einziges Mal hinuntergeblickt . Er setzte sich ins Gras hin , dann sagte er in einer Weile wieder . Hörst du , wie jetzt in der weiten Stille unten die Ströme und Bäche rauschen und wunderbarlich locken ? Wenn ich so hinunterstiege in das Gebirge hinein , ich ginge fort und immer fort , du würdest unterdes alt , das Schloß wäre auch verfallen und der Garten hier lange einsam und wüste . - Mir fiel bei diesen Worten mein Traum wieder ein , ich sah ihn an , und auch sein Gesicht kam mir in dem Augenblicke gerade so vor , wie es mir im Traume immer erschien . Eine niegefühlte Angst überwältigte mich und ich fing an zu weinen . Weine nur nicht ! sagte er hart und wollte mich schlagen . Unterdes kam Angelina mit neuem Spielzeuge lustig auf uns zugesprungen und Rudolf entfernte sich wieder in den dunkeln Bogengang . Ich spielte nun mit dem muntern Mädchen auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse und vergaß darüber alles Vorhergegangene . Endlich trieb uns der Hofmeister zu Bette . Ich erinnere mich nicht , daß mir als Kind irgend etwas widerwärtiger gewesen wäre , als das zeitige Schlafengehen , wenn alles draußen noch schallte und schwärmte und meine ganze Seele noch so wach war . Dieser Abend war besonders schön und schwül . Ich legte mich unruhig nieder . Die Bäume rauschten durch das offene Fenster herein , die Nachtigall schlug tief aus dem Garten , dazwischen hörte ich noch manchmal Stimmen unter dem Fenster sprechen , bis ich endlich nach langer Zeit einschlummerte . Da kam es mir auf einmal vor , als schiene der Mond sehr hell durch die Stube , mein Bruder erhöbe sich aus seinem Bett und ginge verschiedentlich im Zimmer herum , neige sich dann über mein Bett und küsse mich . Aber ich konnte mich durchaus nicht besinnen . Den folgenden Morgen wachte ich später auf , als gewöhnlich . Ich blickte sogleich nach dem Bette meines Bruders und sah , nicht ohne Ahnung und Schreck , daß es leer war . Ich lief schnell in den Garten hinaus , da saß Angelina am Springbrunnen und weinte heftig . Meine Pflegeeltern und alle im ganzen Hause waren heimlich , verwirrt und verstört , und so erfuhr ich erst nach und nach , daß Rudolf in dieser Nacht entflohen sei . Man schickte Boten nach allen Seiten aus , aber keiner brachte ihn mehr wieder . « » Und habt ihr denn seitdem niemals wieder etwas von ihm gehört ? « fragte Rosa . » Es kam wohl die Nachricht « , sagte Friedrich , » daß er sich bei einem Freikorps habe anwerben lassen , nachher gar , daß er in einem Treffen geblieben sei . Aber aus späteren , einzelnen , abgebrochenen Reden meiner Pflegeeltern gelangte ich wohl zu der Gewißheit , daß er noch am Leben sein müsse . Doch taten sie sehr heimlich damit und hörten sogleich auf davon zu sprechen , wenn ich hinzutrat ; und seitdem habe ich von ihm nichts mehr sehen noch erfahren können . Bald darauf verließ auch Angelina mit ihrem Vater , der weitläufig mit uns verwandt war , unser Schloß und reiste nach Italien zurück . Es ist sonderbar , daß ich mich auf die Züge des Kindes nie wieder besinnen konnte . Nur ein leises , freundliches Bild ihrer Gestalt und ganzen lieblichen Gegenwart blieb mir übrig . Und so war denn nun das Kleeblatt meiner Kindheit zerrissen und Gott weiß , ob wir uns jemals wiedersehen . - Mir war zum Sterben bange , mein Spielzeug freute mich nicht mehr , der Garten kam mir unaussprechlich einsam vor . Es war , als müßte ich hinter jedem Baume , an jedem Bogengange noch Angelina oder meinem Bruder begegnen , das einförmige Plätschern der Wasserkünste Tag und Nacht hindurch vermehrte nur meine tiefe Bangigkeit . Mir war es unbegreiflich , wie es meine Pflegeeltern hier noch aushalten konnten , wie alles um mich herum seinen alten Gang fortging , als wäre eben alles noch , wie zuvor . Damals ging ich oft heimlich und ganz allein nach dem Gebirge , das mir Rudolf an jenem letzten Abend gezeigt hatte , und hoffte in meinem kindischen Sinne zuversichtlich , ihn dort noch wiederzufinden . Wie oft überfiel mich dort ein Grausen vor den Bergen , wenn ich mich manchmal droben verspätet hatte und nur noch die Schläge einsamer Holzhauer durch die dunkelgrünen Bogen heraufschallten , während tief unten schon hin und her Lichter in den Dörfern erschienen , aus denen die Hunde fern bellten . Auf einem dieser Streifzüge verfehlte ich beim Heruntersteigen den rechten Weg und konnte ihn durchaus nicht wiederfinden . Es war schon dunkel geworden und meine Angst nahm mit jeder Minute zu . Da erblickte ich seitwärts ein Licht ; ich ging darauf los und kam an ein kleines Häuschen . Ich guckte furchtsam durch das erleuchtete Fenster hinein und sah darin in einer freundlichen Stube eine ganze Familie friedlich um ein lustig flackerndes Herdfeuer gelagert . Der Vater , wie es schien , hatte ein Büchelchen in der Hand und las vor . Mehrere sehr hübsche Kinder saßen im Kreise um ihn herum und hörten , die Köpfchen in beide Arme aufgestützt , mit der größten Aufmerksamkeit zu , während eine junge Frau daneben spann und von Zeit zu Zeit Holz an das Feuer legte . Der Anblick machte mir wieder Mut , ich trat in die Stube hinein . Die Leute waren sehr erstaunt , mich bei ihnen zu sehen , denn sie kannten mich wohl , und ein junger Bursche wurde sogleich fortgesandt , sich anzukleiden , um mich auf das Schloß zurückzugeleiten . Der Vater setzte unterdes , da ich ihn darum bat , seine Vorlesung wieder fort . Die Geschichte wollte mich bald sehr anmutig und wundervoll bedünken . Mein Begleiter stand schon lange fertig an der Tür . Aber ich vertiefte mich immer mehr in die Wunder ; ich wagte kaum zu atmen und hörte zu und immer zu und wäre die ganze Nacht geblieben , wenn mich nicht der Mann endlich erinnert hätte , daß meine Eltern in Angst kommen würden , wenn ich nicht bald nach Hause ginge . Es war der gehörnte Siegfried , den er las . « Rosa lachte . - Friedrich fuhr , etwas gestört , fort : » Ich konnte diese ganze Nacht nicht schlafen , ich dachte immerfort an die schöne Geschichte . Ich besuchte nun das kleine Häuschen fast täglich , und der gute Mann gab mir von den ersehnten Büchern mit nach Hause , soviel ich nur wollte . Es war gerade in den ersten Frühlingstagen . Da saß ich denn einsam im Garten und las die Magelone , Genoveva , die Haimonskinder und vieles andere unermüdet der Reihe nach durch . Am liebsten wählte ich dazu meinen Sitz in dem Wipfel eines hohen Birnbaumes , der am Abhange des Gartens stand , von wo ich dann über das Blütenmeer der niedern Bäume weit ins Land schauen konnte , oder an schwülen Nachmittagen die dunklen Wetterwolken über den Rand des Waldes langsam auf mich zukommen sah . « Rosa lachte wieder . Friedrich schwieg eine Weile unwillig still . Denn die Erinnerungen aus der Kindheit sind desto empfindlicher und verschämter , je tiefer und unverständlicher sie werden , und fürchten sich vor groß gewordenen , altklugen Menschen , die sich in ihr wunderbares Spielzeug nicht mehr zu finden wissen . Dann erzählte er weiter : » Ich weiß nicht , ob der Frühling mit seinen Zauberlichtern in diese Geschichten hineinspielte , oder ob sie den Lenz mit ihren rührenden Wunderscheinen überglänzten - aber Blumen , Wald und Wiesen erschienen mir damals anders und schöner . Es war , als hätten mir diese Bücher die goldnen Schlüssel zu den Wunderschätzen und der verborgenen Pracht der Natur gegeben . Mir war noch nie So fromm und fröhlich zumute gewesen . Selbst die ungeschickten Holzstiche dabei waren mir lieb , ja überaus wert . Ich erinnere mich noch jetzt mit Vergnügen , wie ich mich in das Bild , wo der Ritter Peter von seinen Eltern zieht , vertiefen konnte , wie ich mir den einen Berg im Hintergrunde mit Burgen , Wäldern , Städten und Morgenglanz ausschmückte , und in das Meer dahinter , aus wenigen groben Strichen bestehend , und die Wolken drüber , mit ganzer Seele hineinsegelte . Ja , ich glaube wahrhaftig , wenn einmal bei Gedichten Bilder sein sollen , so sind solche die besten . Jene feinern , sauberen Kupferstiche mit ihren modernen Gesichtern und ihrer , bis zum kleinsten Strauche , ausgeführten und festbegrenzten Umgebung verderben und beengen alle Einbildung , anstatt daß diese Holzstiche mit ihren verworrenen Strichen und unkenntlichen Gesichtern der Phantasie , ohne die doch niemand lesen sollte , einen frischen , unendlichen Spielraum eröffnen , ja sie gleichsam herausfordern . Alle diese Herrlichkeit dauerte nicht lange . Mein Hofmeister , ein aufgeklärter Mann , kam hinter meine heimlichen Studien und nahm mir die geliebten Bücher weg . Ich war untröstlich . Aber Gott sei Dank , das Wegnehmen kam zu spät . Meine Phantasie hatte auf den waldgrünen Bergen , unter den Wundern und Helden jener Geschichten gesunde , freie Luft genug eingesogen , um sich des Anfalls einer ganz nüchternen Welt zu erwehren . Ich bekam nun dafür Campes Kinderbibliothek . Da erfuhr ich denn , wie man Bohnen steckt , sich selber Regenschirme macht , wenn man etwa einmal , wie Robinson , auf eine wüste Insel verschlagen werden sollte , nebstbei mehrere zuckergebackene , edle Handlungen , einige Elternliebe und kindliche Liebe in Scharaden . Mitten aus dieser pädagogischen Fabrik schlugen mir einige kleine Lieder von Matthias Claudius rührend und lockend ans Herz . Sie sahen mich in meiner prosaischen Niedergeschlagenheit mit schlichten , ernsten , treuen Augen an , als wollten sie freundlich tröstend sagen : Lasset die Kleinen zu mir kommen ! Diese Blumen machten mir den farb- und geruchslosen , zur Menschheitssaat umgepflügten Boden , in welchen sie seltsam genug verpflanzt waren , einigermaßen heimatlich . Ich entsinne mich , daß ich in dieser Zeit verschiedene Plätze im Garten hatte , welche Hamburg , Braunschweig und Wandsbek vorstellten . Da eilte ich denn von einem zum andern und brachte dem guten Claudius , mit dem ich mich besonders gerne und lange unterhielt , immer viele Grüße mit . Es war damals mein größter , innigster Wunsch , ihn einmal in meinem Leben zu sehen . Bald aber machte eine neue Epoche , die entscheidende für mein ganzes Leben , dieser Spielerei ein Ende . Mein Hofmeister fing nämlich an , mir alle Sonntage aus der Leidensgeschichte Jesu vorzulesen . Ich hörte sehr aufmerksam zu . Bald wurde mir das periodische , immer wieder abgebrochene Vorlesen zu langweilig . Ich nahm das Buch und las es für mich ganz aus . Ich kann es nicht mit Worten beschreiben , was ich dabei empfand . Ich weinte aus Herzensgrunde , daß ich schluchzte . Mein ganzes Wesen war davon erfüllt und durchdrungen , und ich begriff nicht , wie mein Hofmeister und alle Leute im Hause , die doch das alles schon lange wußten , nicht ebenso gerührt waren und auf ihre alte Weise so ruhig fortleben konnten . « - Hier brach Friedrich plötzlich ab , denn er bemerkte , daß Rosa fest eingeschlafen war . Eine schmerzliche Unlust flog ihn bei diesem Anblicke an . Was tu ich hier , sagte er zu sich selber , als alles so still um ihn geworden war , sind das meine Entschlüsse , meine großen Hoffnungen und Erwartungen , von denen meine Seele so voll war , als ich ausreiste ? Was zerschlage ich den besten Teil meines Lebens in unnütze Abenteuer ohne allen Zweck , ohne alle rechte Tätigkeit ? Dieser Leontin , Faber und Rosa , sie werden mir doch ewig fremd bleiben . Auch zwischen diesen Menschen reisen meine eigentlichsten Gedanken und Empfindungen hindurch , wie ein Deutscher durch Frankreich . Sind dir denn die Flügel gebrochen , guter , mutiger Geist , der in die Welt hinausschaute , wie in sein angebornes Reich ? Das Auge hat in sich Raum genug für eine ganze Welt , und nun sollte es eine kleine Mädchenhand bedecken und zudrücken können ? - Der Eindruck , den Rosas Lachen während seiner Erzählung auf ihn gemacht hatte , war noch nicht vergangen . Sie schlummerte rückwärts auf ihren Arm gelehnt , ihr Busen , in den sich die dunklen Locken herabringelten , ging im Schlafe ruhig auf und nieder . So ruhte sie neben ihm in unbeschreiblicher Schönheit . Ihm fiel dabei ein Lied ein . Er stand auf und sang zur Gitarre : » Ich hab manch Lied geschrieben , Die Seele war voll Lust , Von treuem Tun und Lieben , Das Beste , was ich wußt . Was mir das Herz bewogen , Das sagte treu mein Mund , Und das ist nicht erlogen , Was kommt aus Herzensgrund . Liebchen wußt ' s nicht zu deuten Und lacht mir ins Gesicht , Dreht sich zu andern Leuten Und achtet ' s weiter nicht . Und spielt mit manchem Tropfe , Weil ich so tief betrübt . Mir ist so dumm im Kopfe , Als wär ich nicht verliebt . Ach Gott , wem soll ich trauen ? Will sie mich nicht verstehn , Tun all ' so fremde schauen , Und alles muß vergehn . Und alles irrt zerstreuet - Sie ist so schön und rot - Ich hab nichts , was mich freuet , Wär ich viel lieber tot ! « Rosa schlug die Augen auf , denn das Waldhorn erschallte in dem Tale und man hörte Leontin und die Jäger , die soeben von ihrem Streifzuge zurückkehrten , im Walde rufen und schreien . Sie hatten gar keine Beute gemacht und waren alle der Ruhe höchst bedürftig . Die Wirtin wurde daher eiligst in Tätigkeit gesetzt , um jedem sein Lager anzuweisen , so gut es die Umstände zuließen . Es wurde nun von allen Seiten Stroh herbeigeschafft und in der Stube ausgebreitet , die für Rosa , Leontin , Friedrich und Faber bestimmt war ; die übrigen sollten sonstwo im Hause untergebracht werden . Da alles mithalf , ging es bei den Zubereitungen ziemlich tumultuarisch her . Besonders aber zeigte sich die kleine Marie , welcher die Jäger tapfer zugetrunken hatten , ungewöhnlich ausgelassen . Jeder behandelte sie aus Gewohnheit als ein halberwachsenes Kind , fing sie auf und küßte sie . Friedrich aber sah wohl , daß sie sich dabei gar künstlich sträubte , um nur immer fester gehalten zu werden , und daß ihre Küsse nicht mehr kindisch waren . Dem Herrn Faber schien sie heute ganz besonders wohl zu behagen , und Friedrich glaubte zu bemerken , daß sie sich einige Male verstohlen und wie im Fluge mit ihm besprach . Endlich hatte sich nach und nach alles verloren , und die Herrschaften blieben allein im Zimmer zurück . Faber meinte : sein Kopf sei so voll guter Gedanken , daß er sich jetzt nicht niederlegen könne . Das Wetter sei so schön und die Stube so schwül , er wolle daher die Nacht im Freien zubringen . Damit nahm er Abschied und ging hinaus . Leontin lachte ihm ausgelassen nach . Rosa war unterdes in üble Laune geraten . Die Stube war ihr zu schmutzig und enge , das Stroh zu hart . Sie erklärte , sie könne so unmöglich schlafen , und setzte sich schmollend auf eine Bank hin . Leontin warf sich , ohne ein Wort darauf zu erwidern , auf das Stroh und war gleich eingeschlafen . Endlich überwand auch bei Rosa die Müdigkeit den Eigensinn . Sie verließ ihre harte Bank , lachte über sich selbst und legte sich neben ihren Bruder hin . Friedrich ruhte noch lange wach , den Kopf in die Hand gestützt . Der Mond schien durch das kleine Fenster herein , die Wanduhr pickte einförmig immer fort . Da vernahm er auf einmal draußen folgenden Gesang : » Ach , von dem weichen Pfühle Was treibt dich irr umher ? Bei meinem Saitenspiele Schlafe , was willst du mehr ? Bei meinem Saitenspiele Heben dich allzusehr Die ewigen Gefühle ; Schlafe , was willst du mehr ? Die ewigen Gefühle , Schnupfen und Husten schwer , Ziehn durch die nächt ' ge Kühle ; Schlafe , was willst du mehr ? Ziehn durch die nächt ' ge Kühle Mir den Verliebten her , Hoch auf schwindlige Pfühle ; Schlafe , was willst du mehr ? Hoch auf schwindligem Pfühle Zähle der Sterne Heer ; Und so dir das mißfiele : Schlafe , was willst du mehr ? « Friedrich konnte die Stimme nicht erkennen ; sie schien ihm mit Fleiß verändert und verstellt . Mit besonders komischem Ausdruck wurde jedesmal das : » Schlafe , was willst du mehr ? « wiederholt . Er sprang auf und trat ans Fenster . Da sah er einen dunklen Schatten schnell über den mondhellen Platz vor dem Hause vorüberlaufen und zwischen den Bäumen verschwinden . Er horchte noch lange Zeit dort hinaus , alles blieb still die ganze Nacht hindurch . Sechstes Kapitel Ein Hifthorn draußen im Hofe weckte am Morgen die Neugestärkten . Leontin sprang schnell vom Lager . Auch Rosa richtete sich auf . Die Morgensonne schien ihr durch das Fenster gerade ins Gesicht . Die Locken noch verwirrt vom nächtlichen Lager , sah sie so blühend und reizend verschlafen aus , daß sich Friedrich nicht enthalten konnte , ihr einen Kuß auf die frischen Lippen zu drücken . Alles rüstete sich nun fröhlich wieder zur Weiterreise . Aber nun bemerkten sie erst , daß Faber fehle . Er hatte sich , wie wir wissen , abends hinausbegeben und er war seitdem nicht wieder in die Stube zurückgekehrt . Leontin befragte daher die Jäger , und diese sagten denn zu allgemeiner Verwunderung Folgendes aus : Als sie , noch vor Tagesanbruch , hinausgingen , um nach den Pferden zu sehen , hörten sie jemand hoch über ihnen , wie aus der Luft zu wiederholten Malen rufen . Sie sahen ringsherum und erblickten endlich mit Erstaunen Herrn Faber , der mitten auf dem Dache des Hauses an dem festverschlossenen Dachfenster saß und schimpfend mit beiden Armen , wie eine Windmühle , in der Morgendämmerung focht . Sie setzten ihm nun auf sein Begehren die Leiter an , die vor dem Hause auf der Erde lag , und erlösten ihn so von seinem luftigen Throne . Er aber forderte , sobald er unten war , ohne sich weiter in Erklärungen einzulassen , sogleich sein Pferd und seinen Mantelsack heraus . Da er sehr heftig und wunderlich zu sein schien , taten sie , was er verlangte . Als er sein Pferd bestiegen hatte , sagte er nur noch zu ihnen : sie möchten ihren