vielleicht sein werde , ja , wie ich vielleicht , von allem Gelde entblößt , nicht einen einzigen Tag außerhalb der Mauern würde leben können . Der letzte Tag , den ich noch im Kloster zubringen wollte , war endlich herangekommen , durch einen günstigen Zufall hatte ich anständige bürgerliche Kleider erhalten ; in der nächsten Nacht wollte ich das Kloster verlassen , um nie wieder zurückzukehren . Schon war es Abend geworden , als der Prior mich ganz unerwartet zu sich rufen ließ . Ich erbebte , denn nichts glaubte ich gewisser , als daß er von meinem heimlichen Anschlage etwas bemerkt habe . Leonardus empfing mich mit ungewöhnlichem Ernst , ja mit einer imponierenden Würde , vor der ich unwillkürlich erzittern mußte . » Bruder Medardus , « fing er an , » dein unsinniges Betragen , das ich nur für den stärkeren Ausbruch jener geistigen Exaltation halte , die du seit längerer Zeit , vielleicht nicht aus den reinsten Absichten , herbeigeführt hast , zerreißt unser ruhiges Beisammensein , ja es wirkt zerstörend auf die Heiterkeit und Gemütlichkeit , die ich als das Erzeugnis eines stillen frommen Lebens bis jetzt unter den Brüdern zu erhalten strebte . - Vielleicht ist aber auch irgend ein feindliches Ereignis , das dich betroffen , daran schuld . Du hättest bei mir , deinem väterlichen Freunde , dem du sicher alles vertrauen konntest , Trost gefunden , doch du schwiegst , und ich mag um so weniger in dich dringen , als mich jetzt dein Geheimnis um einen Teil meiner Ruhe bringen könnte , die ich im heitern Alter über alles schätze . Du hast oftmals , vorzüglich bei dem Altar der heiligen Rosalia , durch anstößige entsetzliche Reden , die dir wie im Wahnsinn zu entfahren schienen , nicht nur den Brüdern , sondern auch Fremden , die sich zufällig in der Kirche befanden , ein heilloses Ärgernis gegeben ; ich könnte dich daher nach der Klosterzucht hart strafen , doch will ich dies nicht tun , da vielleicht irgend eine böse Macht - der Widersacher selbst , dem du nicht genugsam widerstanden , an deiner Verirrung schuld ist , und gebe dir nur auf , rüstig zu sein in Buße und Gebet . - Ich schaue tief in deine Seele ! - Du willst ins Freie ! « - Durchdringend schaute Leonardus mich an , ich konnte seinen Blick nicht ertragen , schluchzend stürzte ich nieder in den Staub , mich bewußt des bösen Vorhabens . » Ich verstehe dich , « fuhr Leonardus fort , » und glaube selbst , daß besser als die Einsamkeit des Klosters die Welt , wenn du sie in Frömmigkeit durchziehst , dich von deiner Verirrung heilen wird . Eine Angelegenheit unseres Klosters erfordert die Sendung eines Bruders nach Rom . Ich habe dich dazu gewählt , und schon morgen kannst du , mit den nötigen Vollmachten und Instruktionen versehen , deine Reise antreten . Um so mehr eignest du dich zur Ausführung dieses Auftrages , als du noch jung , rüstig , gewandt in Geschäften und der italienischen Sprache vollkommen mächtig bist . - Begib dich jetzt in deine Zelle ; bete mit Inbrunst um das Heil deiner Seele , ich will ein gleiches tun , doch unterlasse alle Kasteiungen , die dich nur schwächen und zur Reise untauglich machen würden . Mit dem Anbruch des Tages erwarte ich dich hier im Zimmer . « - Wie ein Strahl des Himmels erleuchteten mich die Worte des ehrwürdigen Leonardus , ich hatte ihn gehaßt , aber jetzt durchdrang mich wie ein wonnevoller Schmerz die Liebe , welche mich sonst an ihn gefesselt hatte . Ich vergoß heiße Tränen , ich drückte seine Hände an die Lippen . Er umarmte mich , und es war mir , als wisse er nun meine geheimsten Gedanken und erteile mir die Freiheit , dem Verhängnis nachzugeben , das , über mich waltend , nach minutenlanger Seligkeit mich vielleicht in ewiges Verderben stürzen konnte . Nun war die Flucht unnötig geworden , ich konnte das Kloster verlassen und ihr , ihr , ohne die nun keine Ruhe , kein Heil für mich hienieden zu finden , rastlos folgen , bis ich sie gefunden . Die Reise nach Rom , die Aufträge dahin schienen mir nur von Leonardus ersonnen , um mich auf schickliche Weise aus dem Kloster zu entlassen . Die Nacht brachte ich betend und mich bereitend zur Reise zu , den Rest des geheimnisvollen Weins füllte ich in eine Korbflasche , um ihn als bewährtes Wirkungsmittel zu gebrauchen , und setzte die Flasche , welche sonst das Elixier enthielt , wieder in die Kiste . Nicht wenig verwundert war ich , als ich aus den weitläuftigen Instruktionen des Priors wahrnahm , daß es mit meiner Sendung nach Rom nun wohl seine Richtigkeit hatte , und daß die Angelegenheit , welche dort die Gegenwart eines bevollmächtigten Bruders verlangte , gar viel bedeutete und in sich trug . Es fiel mir schwer aufs Herz , daß ich gesonnen , mit dem ersten Schritt aus dem Kloster ohne alle Rücksicht mich meiner Freiheit zu überlassen ; doch der Gedanke an sie ermutigte mich , und ich beschloß , meinem Plane treu zu bleiben . Die Brüder versammelten sich , und der Abschied von ihnen , vorzüglich von dem Vater Leonardus , erfüllte mich mit der tiefsten Wehmut . - Endlich schloß sich die Klosterpforte hinter mir , und ich war , gerüstet zur weiten Reise , im Freien . Zweiter Abschnitt Der Eintritt in die Welt In blauen Duft gehüllt , lag das Kloster unter mir im Tale ; der frische Morgenwind rührte sich und trug , die Lüfte durchstreichend , die frommen Gesänge der Brüder zu mir herauf . Unwillkürlich stimmte ich ein . Die Sonne trat in flammender Glut hinter der Stadt hervor , ihr funkelndes Gold erglänzte in den Bäumen , und in freudigem Rauschen fielen die Tautropfen wie glühende Diamanten herab auf tausend bunte Insektlein , die sich schwirrend und sumsend erhoben . Die Vögel erwachten und flatterten , singend und jubilierend und sich in froher Lust liebkosend , durch den Wald ! - Ein Zug von Bauerburschen und festlich geschmückter Dirnen kam den Berg herauf . » Gelobt sei Jesus Christus ! « riefen sie , bei mir vorüberwandelnd . » In Ewigkeit ! « antwortete ich , und es war mir , als trete ein neues Leben voll Lust und Freiheit mit tausend holdseligen Erscheinungen auf mich ein ! - Nie war mir so zumute gewesen , ich schien mir selbst ein andrer und , wie von neuerweckter Kraft beseelt und begeistert , schritt ich rasch fort durch den Wald , den Berg herab . Den Bauer , der mir jetzt in den Weg kam , frug ich nach dem Orte , den meine Reiseroute als den ersten bezeichnete , wo ich übernachten sollte ; und er beschrieb mir genau einen nähern , von der Heerstraße abweichenden Richtsteig mitten durchs Gebirge . Schon war ich eine ziemliche Strecke einsam fortgewandelt , als mir erst der Gedanke an die Unbekannte und an den phantastischen Plan , sie aufzusuchen , wiederkam . Aber ihr Bild war wie von fremder unbekannter Macht verwischt , so daß ich nur mit Mühe die bleichen , entstellten Züge wiedererkennen konnte ; je mehr ich trachtete , die Erscheinung im Geiste festzuhalten , desto mehr zerrann sie im Nebel . Nur mein ausgelassenes Betragen im Kloster nach jener geheimnisvollen Begebenheit stand mir noch klar vor Augen . Es war mir jetzt selbst unbegreiflich , mit welcher Langmut der Prior das alles ertragen und mich statt der wohlverdienten Strafe in die Welt geschickt hatte . Bald war ich überzeugt , daß jene Erscheinung des unbekannten Weibes nur eine Vision gewesen , die Folge gar zu großer Anstrengung , und statt , wie ich sonst getan haben würde , das verführerische verderbliche Trugbild der steten Verfolgung des Widersachers zuzuschreiben , rechnete ich es nur der Täuschung der eignen aufgeregten Sinne zu , da der Umstand , daß die Fremde ganz wie die heilige Rosalia gekleidet gewesen , mir zu beweisen schien , daß das lebhafte Bild jener Heiligen , welches ich wirklich , wiewohl in beträchtlicher Ferne und in schiefer Richtung aus dem Beichtstuhl sehen konnte , großen Anteil daran gehabt habe . Tief bewunderte ich die Weisheit des Priors , der das richtige Mittel zu meiner Heilung wählte , denn , in den Klostermauern eingeschlossen , immer von denselben Gegenständen umgeben , immer brütend und hineinzehrend in das Innere , hätte mich jene Vision , der die Einsamkeit glühendere , keckere Farben lieh , zum Wahnsinn gebracht . Immer vertrauter werdend mit der Idee , nur geträumt zu haben , konnte ich mich kaum des Lachens über mich selbst erwehren , ja mit einer Frivolität , die mir sonst nicht eigen , scherzte ich im Innern über den Gedanken , eine Heilige in mich verliebt zu wähnen , wobei ich zugleich daran dachte , daß ich ja selbst schon einmal der heilige Antonius gewesen . - Schon mehrere Tage war ich durch das Gebirge gewandelt , zwischen kühn emporgetürmten schauerlichen Felsenmassen , über schmale Stege , unter denen reißende Waldbäche brausten ; immer öder , immer beschwerlicher wurde der Weg . Es war hoher Mittag , die Sonne brannte auf mein unbedecktes Haupt , ich lechzte vor Durst , aber keine Quelle war in der Nähe , und noch immer konnte ich nicht das Dorf erreichen , auf das ich stoßen sollte . Ganz entkräftet setzte ich mich auf ein Felsstück und konnte nicht widerstehen , einen Zug aus der Korbflasche zu tun , unerachtet ich das seltsame Getränk so viel nur möglich aufsparen wollte . Neue Kraft durchglühte meine Adern , und erfrischt und gestärkt schritt ich weiter , um mein Ziel , das nicht mehr fern sein konnte , zu erreichen . Immer dichter und dichter wurde der Tannenwald , im tiefsten Dickicht rauschte es , und bald darauf wieherte laut ein Pferd , das dort angebunden . Ich trat einige Schritte weiter und erstarrte beinahe vor Schreck , als ich dicht an einem jähen entsetzlichen Abgrund stand , in den sich zwischen schroffen spitzen Felsen ein Waldbach zischend und brausend hinabstürzte , dessen donnerndes Getöse ich schon in der Ferne vernommen . Dicht , dicht an dem Sturz saß auf einem über die Tiefe hervorragenden Felsenstück ein junger Mann in Uniform , der Hut mit dem hohen Federbusch , der Degen , ein Portefeuille lagen neben ihm . Mit dem ganzen Körper über den Abgrund hängend , schien er eingeschlafen und immer mehr und mehr herüber zu sinken . - Sein Sturz war unvermeidlich . Ich wagte mich heran ; indem ich ihn mit der Hand ergreifen und zurückhalten wollte , schrie ich laut : » Um Jesus willen ! Herr ! - erwacht ! - Um Jesus willen ! « - Sowie ich ihn berührte , fuhr er aus tiefem Schlafe , aber in demselben Augenblick stürzte er , das Gleichgewicht verlierend , hinab in den Abgrund , daß , von Felsenspitze zu Felsenspitze geworfen , die zerschmetterten Glieder zusammenkrachten ; sein schneidendes Jammergeschrei verhallte in der unermeßlichen Tiefe , aus der nur ein dumpfes Gewimmer herauftönte , das endlich auch erstarb . Leblos vor Schreck und Entsetzen stand ich da , endlich ergriff ich den Hut , den Degen , das Portefeuille und wollte mich schnell von dem Unglücksorte entfernen , da trat mir ein junger Mensch aus dem Tannenwalde entgegen , wie ein Jäger gekleidet , schaute mir erst starr ins Gesicht und fing dann an , ganz übermäßig zu lachen , so daß ein eiskalter Schauer mich durchbebte . » Nun , gnädiger Herr Graf , « sprach endlich der junge Mensch , » die Maskerade ist in der Tat vollständig und herrlich , und wäre die gnädige Frau nicht schon vorher davon unterrichtet , wahrhaftig , sie würde den Herzensgeliebten nicht wiedererkennen . Wo haben Sie aber die Uniform hingetan , gnädiger Herr ? « - » Die schleuderte ich hinab in den Abgrund « , antwortete es aus mir hohl und dumpf , denn ich war es nicht , der diese Worte sprach , unwillkürlich entflohen sie meinen Lippen . In mich gekehrt , immer in den Abgrund starrend , ob der blutige Leichnam des Grafen sich nicht mir drohend erheben werde , stand ich da . - Es war mir , als habe ich ihn ermordet , noch immer hielt ich den Degen , Hut und Portefeuille krampfhaft fest . Da fuhr der junge Mensch fort : » Nun , gnädiger Herr , reite ich den Fahrweg herab nach dem Städtchen , wo ich mich in dem Hause dicht vor dem Tor linker Hand verborgen halten will , Sie werden wohl gleich herab nach dem Schlosse wandeln , man wird Sie wohl schon erwarten , Hut und Degen nehme ich mit mir . « - Ich reichte ihm beides hin . » Nun leben Sie wohl , Herr Graf ! recht viel Glück im Schlosse « , rief der junge Mensch und verschwand singend und pfeifend in dem Dickicht . Ich hörte , daß er das Pferd , was dort angebunden , losmachte und mit sich fortführte . Als ich mich von meiner Betäubung erholt und die ganze Begebenheit überdachte , mußte ich mir wohl eingestehen , daß ich bloß dem Spiel des Zufalls , der mich mit einem Ruck in das sonderbarste Verhältnis geworfen , nachgegeben . Es war mir klar , daß eine große Ähnlichkeit meiner Gesichtszüge und meiner Gestalt mit der des unglücklichen Grafen den Jäger getäuscht , und der Graf gerade die Verkleidung als Kapuziner gewählt haben müsse , um irgend ein Abenteuer in dem nahen Schlosse zu bestehen . Der Tod hatte ihn ereilt und ein wunderbares Verhängnis mich in demselben Augenblick an seine Stelle geschoben . Der innere unwiderstehliche Drang in mir , wie es jenes Verhängnis zu wollen schien , die Rolle des Grafen fortzuspielen , überwog jeden Zweifel und übertäubte die innere Stimme , welche mich des Mordes und des frechen Frevels bezieh . Ich eröffnete das Portefeuille , welches ich behalten ; Briefe , beträchtliche Wechsel fielen mir in die Hand . Ich wollte die Papiere einzeln durchgehen , ich wollte die Briefe lesen , um mich von den Verhältnissen des Grafen zu unterrichten , aber die innere Unruhe , der Flug von tausend und tausend Ideen , die durch meinen Kopf brausten , ließ es nicht zu . Ich stand nach einigen Schritten wieder still , ich setzte mich auf ein Felsstück , ich wollte eine ruhigere Stimmung erzwingen , ich sah die Gefahr , so ganz unvorbereitet mich in den Kreis mir fremder Erscheinungen zu wagen ; da tönten lustige Hörner durch den Wald , und mehrere Stimmen jauchzten und jubelten immer näher und näher . Das Herz pochte mir in gewaltigen Schlägen , mein Atem stockte , nun sollte sich mir eine neue Welt , ein neues Leben erschließen ! - Ich bog in einen schmalen Fußsteig ein , der mich einen jähen Abhang hinabführte ; als ich aus dem Gebüsch trat , lag ein großes schön gebautes Schloß vor mir im Talgrunde . - Das war der Ort des Abenteuers , welches der Graf zu bestehen im Sinne gehabt , und ich ging ihm mutig entgegen . Bald befand ich mich in den Gängen des Parkes , welcher das Schloß umgab ; in einer dunklen Seitenallee sah ich zwei Männer wandeln , von denen der eine wie ein Weltgeistlicher gekleidet war . Sie kamen mir näher , aber ohne mich gewahr zu werden , gingen sie in tiefem Gespräch bei mir vorüber . Der Weltgeistliche war ein Jüngling , auf dessen schönem Gesichte die Totenblässe eines tief nagenden Kummers lag , der andere , schlicht , aber anständig gekleidet , schien ein schon bejahrter Mann . Sie setzten sich , mir den Rücken zuwendend , auf eine steinerne Bank , ich konnte jedes Wort verstehen , was sie sprachen . » Hermogen ! « sagte der Alte , » Sie bringen durch ihr starrsinniges Schweigen Ihre Familie zur Verzweiflung , Ihre düstre Schwermut steigt mit jedem Tage , Ihre jugendliche Kraft ist gebrochen , die Blüte verwelkt , Ihr Entschluß , den geistlichen Stand zu wählen , zerstört alle Hoffnungen , alle Wünsche Ihres Vaters ! - Aber willig würde er diese Hoffnung aufgeben , wenn ein wahrer innerer Beruf , ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit von Jugend auf den Entschluß in Ihnen erzeugt hätte , er würde dann nicht dem zu widerstreben wagen , was das Schicksal einmal über ihn verhängt . Die plötzliche Änderung Ihres ganzen Wesens hat indessen nur zu deutlich gezeigt , daß irgend ein Ereignis , das Sie uns hartnäckig verschweigen , Ihr Inneres auf furchtbare Weise erschüttert hat und nun zerstörend fortarbeitet . - Sie waren sonst ein froher unbefangener , lebenslustiger Jüngling ! - Was konnte Sie denn dem Menschlichen so entfremden , daß Sie daran verzweifeln , in eines Menschen Brust könne Trost für Ihre kranke Seele zu finden sein ? Sie schweigen ? Sie starren vor sich hin ? - Sie seufzen ? Hermogen ! Sie liebten sonst Ihren Vater mit seltener Innigkeit , ist es Ihnen aber jetzt unmöglich geworden , ihm Ihr Herz zu erschließen , so quälen Sie ihn wenigstens nicht durch den Anblick Ihres Rocks , der auf den für ihn entsetzlichen Entschluß hindeutet . Ich beschwöre Sie , Hermogen , werfen Sie diese verhaßte Kleidung ab . Glauben Sie mir , es liegt eine geheimnisvolle Kraft in diesen äußerlichen Dingen ; es kann Ihnen nicht mißfallen , denn ich glaube von Ihnen ganz verstanden zu werden , wenn ich in diesem Augenblick , freilich auf fremdartig scheinende Weise , der Schauspieler gedenke , die oft , wenn sie sich in das Kostüm geworfen , wie von einem fremden Geist sich angeregt fühlen und leichter in den darzustellenden Charakter eingehen . Lassen Sie mich , meiner Natur gemäß , heitrer von der Sache sprechen , als sich sonst wohl ziemen würde . - Meinen Sie denn nicht , daß , wenn dieses lange Kleid nicht mehr Ihren Gang zur düstern Gravität einhemmen würde , Sie wieder rasch und froh dahin schreiten , ja laufen , springen würden wie sonst ? Der blinkende Schein der Epauletts , die sonst auf Ihren Schultern prangten , würde wieder jugendliche Glut auf diese blassen Wangen werfen , und die klirrenden Sporen würden wie liebliche Musik dem muntern Rosse ertönen , das Ihnen entgegenwieherte , vor Lust tanzend und den Nacken beugend dem geliebten Herrn . Auf , Baron ! - Herunter mit dem schwarzen Gewande , das Ihnen nicht ansteht ! - Soll Friedrich Ihre Uniform hervorsuchen ? « Der Alte stand auf und wollte fortgehen , der Jüngling fiel ihm in die Arme . » Ach , Sie quälen mich , guter Reinhold ! « rief er mit matter Stimme , » Sie quälen mich unaussprechlich ! - Ach , je mehr Sie sich bemühen , die Saiten in meinem Innern anzuschlagen , die sonst harmonisch erklangen , desto mehr fühle ich , wie des Schicksals eherne Faust mich ergriffen , mich erdrückt hat , so daß , wie in einer zerbrochenen Laute , nur Mißtöne in mir wohnen ! « - » So scheint es Ihnen , lieber Baron , « fiel der Alte ein , » Sie sprechen von einem ungeheuern Schicksal , das Sie ergriffen , worin das bestanden , verschweigen Sie , dem sei aber , wie ihm wolle , ein Jüngling , so wie Sie , mit innerer Kraft , mit jugendlichem Feuermute ausgerüstet , muß vermögen , sich gegen des Schicksals eherne Faust zu wappnen , ja er muß , wie durchstrahlt von einer göttlichen Natur , sich über sein Geschick erheben und so , dies höhere Sein in sich selbst erweckend und entzündend , sich emporschwingen über die Qual dieses armseligen Lebens ! Ich wüßte nicht , Baron , welch ein Geschick denn imstande sein sollte , dies kräftige innere Wollen zu zerstören . « - Hermogen trat einen Schritt zurück , und den Alten mit einem düsteren , wie im verhaltenen Zorn glühenden Blicke , der etwas Entsetzliches hatte , anstarrend , rief er mit dumpfer , hohler Stimme : » So wisse denn , daß ich selbst das Schicksal bin , das mich vernichtet , daß ein ungeheures Verbrechen auf mir lastet , ein schändlicher Frevel , den ich abbüße in Elend und Verzweiflung . - Darum sei barmherzig und flehe den Vater an , daß er mich fortlasse in die Mauern ! « - » Baron , « fiel der Alte ein , » Sie sind in einer Stimmung , die nur dem gänzlich zerrütteten Gemüte eigen , Sie sollen nicht fort , Sie dürfen durchaus nicht fort . In diesen Tagen kommt die Baronesse mit Aurelien , die müssen Sie sehen . « Da lachte der Jüngling wie in furchtbarem Hohn und rief mit einer Stimme , die durch mein Innres dröhnte : » Muß ich ? - Muß ich bleiben ? - Ja , wahrhaftig , Alter , du hast recht , ich muß bleiben , und meine Buße wird hier schrecklicher sein als in den dumpfen Mauern . « - Damit sprang er fort durch das Gebüsch und ließ den Alten stehen , der , das gesenkte Haupt in die Hand gestützt , sich ganz dem Schmerz zu überlassen schien . » Gelobt sei Jesus Christus ! « sprach ich , zu ihm hinantretend . - Er fuhr auf , er sah mich ganz verwundert an , doch schien er sich bald auf meine Erscheinung wie auf etwas ihm schon Bekanntes zu besinnen , indem er sprach : » Ach gewiß sind Sie es , ehrwürdiger Herr , dessen Ankunft uns die Frau Baronesse zum Trost der in Trauer versunkenen Familie schon vor einiger Zeit ankündigte ? « - Ich bejahte das , Reinhold ging bald ganz in die Heiterkeit über , die ihm eigentümlich zu sein schien , wir durchwanderten den schönen Park und kamen endlich in ein dem Schlosse ganz nahgelegenes Boskett , vor dem sich eine herrliche Aussicht ins Gebirge öffnete . Auf seinen Ruf eilte der Bediente , der eben aus dem Portal des Schlosses trat , herbei , und bald wurde uns ein gar stattliches Frühstück aufgetragen . Während daß wir die gefüllten Gläser anstießen , schien es mir , als betrachte mich Reinhold immer aufmerksamer , ja , als suche er mit Mühe eine halb erloschene Erinnerung aufzufrischen . Endlich brach er los : » Mein Gott , ehrwürdiger Herr ! Alles müßte mich trügen , wenn Sie nicht der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in .. r- wären , aber wie sollte das möglich sein ? - und doch ! Sie sind es - Sie sind es gewiß - sprechen Sie doch nur ! « - Als hätte ein Blitz aus heitrer Luft mich getroffen , bebte es bei Reinholds Worten mir durch alle Glieder . Ich sah mich entlarvt , entdeckt , des Mordes beschuldigt , die Verzweiflung gab mir Stärke , es ging nun auf Tod und Leben . » Ich bin allerdings der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in .. r- und mit Auftrag und Vollmacht des Klosters auf einer Reise nach Rom begriffen . « - Dies sprach ich mit all der Ruhe und Gelassenheit , die ich nur zu erkünsteln vermochte . » So ist es denn vielleicht nur Zufall , « sagte Reinhold , » daß Sie auf der Reise , vielleicht von der Heerstraße verirrt , hier eintrafen , oder wie kam es , daß die Frau Baronesse mit Ihnen bekannt wurde und Sie herschickte ? « - Ohne mich zu besinnen , blindlings das nachsprechend , was mir eine fremde Stimme im Innern zuzuflüstern schien , sagte ich : » Auf der Reise machte ich die Bekanntschaft des Beichtvaters der Baronesse , und dieser empfahl mich , den Auftrag hier im Hause zu vollbringen . « » Es ist wahr , « fiel Reinhold ein , » so schrieb es ja die Frau Baronesse . Nun , dem Himmel sei es gedankt , der Sie zum Heil des Hauses diesen Weg führte , und daß Sie als ein frommer , wackrer Mann es sich gefallen lassen , mit Ihrer Reise zu zögern , um hier Gutes zu stiften . Ich war zufällig vor einigen Jahren in .. r- und hörte Ihre salbungsvollen Reden , die Sie in wahrhaft himmlischer Begeisterung von der Kanzel herab hielten . Ihrer Frömmigkeit , Ihrem wahren Beruf , das Heil verlorner Seelen zu erkämpfen mit glühendem Eifer , Ihrer herrlichen , aus innerer Begeisterung hervorströmenden Rednergabe traue ich zu , daß Sie das vollbringen werden , was wir alle nicht vermochten . Es ist mir lieb , daß ich Sie traf , ehe Sie den Baron gesprochen , ich will dies dazu benutzen , Sie mit den Verhältnissen der Familie bekannt zu machen und so aufrichtig zu sein , als es Ihnen , ehrwürdiger Herr , als einem heiligen Manne , den uns der Himmel selbst zum Trost zu schicken scheint , wohl schuldig bin . Sie müssen auch ohnedem , um Ihren Bemühungen die richtige Tendenz und gehörige Wirkung zu geben , über manches wenigstens Andeutungen erhalten , worüber ich gern schweigen möchte . - Alles ist übrigens mit nicht gar zu viel Worten abgetan . - Mit dem Baron bin ich aufgewachsen , die gleiche Stimmung unsrer Seelen machte uns zu Brüdern und vernichtete die Scheidewand , die sonst unsere Geburt zwischen uns gezogen hätte . Ich trennte mich nie von ihm und wurde in demselben Augenblick , als wir unsere akademischen Studien vollendet und er die Güter seines verstorbenen Vaters hier im Gebirge in Besitz nahm , Intendant dieser Güter . - Ich blieb sein innigster Freund und Bruder und als solcher eingeweiht in die geheimsten Angelegenheiten seines Hauses . Sein Vater hatte seine Verbindung mit einer ihm befreundeten Familie durch eine Heirat gewünscht , und um so freudiger erfüllte er diesen Willen , als er in der ihm bestimmten Braut ein herrliches , von der Natur reich ausgestattetes Wesen fand , zu dem er sich unwiderstehlich hingezogen fühlte . Selten kam wohl der Wille der Väter so vollkommen mit dem Geschick überein , das die Kinder in allen nur möglichen Beziehungen füreinander bestimmt zu haben schien . Hermogen und Aurelie waren die Frucht der glücklichen Ehe . Mehrenteils brachten wir den Winter in der benachbarten Hauptstadt zu , als aber bald nach Aureliens Geburt die Baronesse zu kränkeln anfing , blieben wir auch den Sommer über in der Stadt , da sie unausgesetzt des Beistandes geschickter Ärzte bedurfte . Sie starb , als eben im herannahenden Frühling ihre scheinbare Besserung den Baron mit den frohsten Hoffnungen erfüllte . Wir flohen auf das Land , und nur die Zeit vermochte den tiefen zerstörenden Gram zu mildern , der den Baron ergriffen hatte . Hermogen wuchs zum herrlichen Jüngling heran , Aurelie wurde immer mehr das Ebenbild ihrer Mutter , die sorgfältige Erziehung der Kinder war unser Tagewerk und unsere Freude . Hermogen zeigte entschiedenen Hang zum Militär , und dies zwang den Baron , ihn nach der Hauptstadt zu schicken , um dort unter den Augen seines alten Freundes , des Gouverneurs , die Laufbahn zu beginnen . - Erst vor drei Jahren brachte der Baron mit Aurelien und mit mir wieder , wie vor alter Zeit , zum erstenmal den ganzen Winter in der Residenz zu , teils seinen Sohn wenigstens einige Zeit hindurch in der Nähe zu haben , teils seine Freunde , die ihn unaufhörlich dazu aufgefordert , wiederzusehen . Allgemeines Aufsehen in der Hauptstadt erregte damals die Erscheinung der Nichte des Gouverneurs , welche aus der Residenz dahin gekommen . Sie war elternlos und hatte sich unter den Schutz des Oheims begeben , wiewohl sie , einen besonderen Flügel des Palastes bewohnend , ein eignes Haus machte und die schöne Welt um sich zu versammeln pflegte . Ohne Euphemien näher zu beschreiben , welches um so unnötiger , da Sie , ehrwürdiger Herr , sie bald selbst sehen werden , begnüge ich mich zu sagen , daß alles , was sie tat , was sie sprach , von einer unbeschreiblichen Anmut belebt und so der Reiz ihrer ausgezeichneten körperlichen Schönheit bis zum Unwiderstehlichen erhöht wurde . - Überall , wo sie erschien , ging ein neues , herrliches Leben auf , und man huldigte ihr mit dem glühendsten Enthusiasmus ; den Unbedeutendsten , Leblosesten wußte sie selbst in sein eignes Inneres hinein zu entzünden , daß er wie inspiriert sich über die eigne Dürftigkeit erhob und entzückt in den Genüssen eines höheren Lebens schwelgte , die ihm unbekannt gewesen . Es fehlte natürlicherweise nicht an Anbetern , die täglich zu der Gottheit mit Inbrunst flehten ; man konnte indessen nie mit Bestimmtheit sagen , daß sie diesen oder jenen besonders auszeichne , vielmehr wußte sie mit schalkhafter Ironie , die , ohne zu beleidigen , nur wie starkes brennendes Gewürz anregte und reizte , alle mit einem unauflöslichen Bande zu umschlingen , daß sie sich , festgezaubert in dem magischen Kreise , froh und lustig bewegten . Auf den Baron hatte diese Circe einen wunderbaren Eindruck gemacht . Sie bewies ihm gleich bei seinem Erscheinen eine Aufmerksamkeit , die von kindlicher Ehrfurcht erzeugt zu sein schien ; in jedem Gespräch mit ihm zeigte sie den gebildetsten Verstand und tiefes Gefühl , wie er es kaum noch bei Weibern gefunden . Mit unbeschreiblicher Zartheit suchte und fand sie Aureliens Freundschaft und nahm sich ihrer mit so vieler Wärme an , daß sie sogar es nicht verschmähte , für die kleinsten Bedürfnisse ihres Anzuges und sonst wie eine Mutter zu sorgen . Sie wußte dem blöden unerfahrnen Mädchen in glänzender