das nicht Gott , nicht Glauben , nicht Treue kennt ! Vergiß es nicht , daß Deinem Blick das Unwürdige nicht begegnen darf , nicht begegnen kann , wenn er rein ist . Mein Sohn bete , und harre aus . Schlage das Kreuz Morgens und Abends auf Brust und Lippen , laß nichts Unreines hineinfallen , nichts Unbesonnenes herausgehn . Bete mein Kind , Deine Mutter betet mit dir . Bewahre Auge und Sinn . « Er hielt das Blatt in der Hand , und sah starr auf die strengen , heftig bewegten Züge . Seine Augen füllten sich mit Thränen . Hat sie dich verstanden , Unglückseliger , rief er unter gewaltiger Angst , hat ihr ahndendes Herz es ausgesprochen , ohne es zu wollen , ohne es zu wissen ? und ist es nun wahr ? Mein Gott ja , der Streit ist es , der Haß und die Liebe , die mich noch um Sinn und Verstand bringen werden . Er preßte die gefaltenen Hände schmerzlich gegen die Brust . Blansches Bild stieg fromm und rührend in ihm auf , er sah das liebe Auge , den kleinen , rosigen Mund , das zarte weiche Minenspiel , es kam ihm vor als weine sie , als rede sie zu ihm ! Ach Blansche , rief er , willst du den Freund nicht lassen , rufen Deine sanften Engelblicke ihn zurück ? Armes Herz , du weißt nichts von Feindschaft und Eigensinn der Menschen ! - Eilftes Kapitel Einen ganzen langen Tag hatte Alonzo zugebracht , ohne Blansche zu sehen . Es war so wüst und dumpf in ihm , daß er nichts dachte , nichts zu wollen vermochte . Was in ihm vorging , was trübe und schwer aus der tiefen Seele heraufdrängte , und die Bande lang gehegter Festigkeit und Ruhe zu sprengen drohte , es schwebte ihm dunkel vor , er wußte es nicht zu nennen , doch an der gährenden Angst im Herzen spürte er , daß er sich länger selbst nicht trauen dürfe , und arbeitete nun über einen Gedanken , der ihn retten könne . Unter dem unsichern Dämmern ging die Zeit unbemerkt an ihm hin . Der Abend nahete , er hatte nichts gewonnen , der Pfeil steckte nur noch tiefer in der Wunde . Und wie denn Umstände und Ereignisse selten die Hand bieten uns zu retten , wenn wir es selbst nicht anzufangen wissen , im Gegentheil Kraft und Wille nur noch ängstlicher verstricken , so waren auch folgende Zeilen , die Alonzo jetzt erhielt , wenig geeignet es zu einem klaren Entschluß in ihm kommen zu lassen . Frau von Saint Alban schrieb ihm : » Was hält Sie ab , daß Sie nicht kommen ? Ich bin glücklich , und deßhalb brauche ich Sie ; Türgis ist heut so still , so schmerzensfrei , ich hoffe so viel , dürfen Sie uns fehlen , wenn wir hoffen ? Lassen Sie jetzt alles andre bei Seite , auch ihren gestrigen chinesischen Ernst , Sie waren mir ganz fremd geworden . Ueberlegen Sie nicht lange , kommen Sie . Wir rechnen auf Sie , « Hat denn , rief Alonzo plötzlich aufgeschüttelt , hat denn die Ehre zwei Stimmen ? Darf sie das Eine gebieten und zugleich untersagen ? Kann ich hier zurückbleiben ? Soll ich den Verdacht auf mich laden , als habe ich wie ein Mörder meines Gegners Tod gewollt , zweideutig mit dem Worte Versöhnung gespielt und dem Genesenden jetzt gehässig den Rücken gewandt ? Soll ich kleinmüthig mit mir selber heucheln und aus früherer That eine Lüge machen ? Blansche , darf ich das Gift des Mißtrauens in deinen Freudenbecher gießen ? Nein Engel , zweifeln sollst du nie an deinem Freund . Er war unter diesen Worten schon über die Schwelle der Thür , schon aus dem Hause getreten . Immer schneller und schneller trug ihn die Ungeduld nun vorwärts . Er hatte zuletzt keinen Athem mehr , und stand verschnaufend an dem Gartenpförtchen . Es war nur angelehnt , er trat hinein . Der Tag war fast ganz gesunken . Der Himmel unendlich rein und duftig . Hin und her funkelte schon ein Sternchen durch das bleichende Licht . Die blassen Umrisse des Mondes traten leuchtend hervor . Alles war still ; schweigend ging er an den flüsternden Blumenwänden hin . Die glühende Lichnis , der hochflammende Mohn neigten sich grüßend auf ihren zarten Stengeln , von fern sah er in den geöffneten Saal , die Thüren standen auf , Blansche schwebte daran hin und wieder . Wie sie ihn erblickte , flog sie zurück , bald darauf trat sie mit der Mutter heraus , ihm entgegen . Alle drei hatten eine Freude , als wären sie einander aufs neue gegeben . Zuerst schalt Frau von Saint Alban , dann erzählte sie von ihrer Hoffnung , von Türgis sichtlicher Besserung . Alonzo hatte beiden den Arm geboten , er ging , ohne Worte zu finden , zwischen ihnen . Blansche war so innig , so gerührt , ihre Blicke richteten sich aufwärts zum Himmel . Alonzo suchte ihr Auge , sie sah ihn lächelnd an , aber es schwebte eine Wehmuth um ihren Lippen , vor der sein ganzes Herz zitterte . Leise drückte er ihren Arm an seine Brust . Die Mutter trat zuerst in den Saal . Alonzo hielt noch Blansches Hand , ihre Finger schlüpften leicht durch die seinigen , ihm war als flöge ein sanfter Druck , fast wie ein Lufthauch , drüber hin . Alle Nerven bebten ihm , die glühenden Augen lagen verzehrend auf Blanches Gestalt . Sie war schon weit von ihm , neben dem Bruder , der aufgerichtet im Bett , Alonzo freundlich zunickte . Diesem ging die Welt noch in wunderlichen , ungleichen Kreisen hin und wieder . Er sahe und hörte nur halb . Gleichwohl fiel ihm die außerordentliche Blässe und der feste , beinah verklärte Blick des Kranken auf . Er trat überrascht zu ihm . Türgis redete stark und schnell . Er schien voll Theilnahme , empfänglich für alles . Seine Zärtlichkeit für die Mutter hatte etwas unbeschreiblich Reizendes . Ueberall entfaltete er in der großen Beweglichkeit der Züge unwiderstehliche Anmuth . Frau von Saint Alban sah liebkosend auf ihn nieder , mein bestes Kind , sagte sie , wenn werde ich dich wieder so frisch und freudig pfeifend und singend die Treppe hinauffliegen , deinen raschen Schritt durch Zimmer und Säle schallen hören . Gott weiß es , mir ist all ' die Tage so still und ängstlich gewesen , wie im Grabe . Blansche barg das Gesicht in Türgis Kissen . Es wird alles nach grade kommen , sagte der Oheim auf- und abgehend . Ja Gottlob , fiel Frau von Saint Alban ein , den heutigen Tag darf ich als eine Crisis ansehen , heut ' ist er ganz umgewandelt . Nicht wahr , Türgis , dir ist viel leichter ? Viel , erwiederte der Kranke , dankbar , ihre schmeichelnde Hand mit seinen Lippen suchend . Blansche küßte ihm auf die Stirn , sie hatte ihm Früchte und Blumen , und alles was ihr junges Herz erfreuen konnte , auf die Decken gelegt . Er sah sie liebreich an , auf seinen Lippen schwebten die herzlichsten , süßesten Worte , doch schwieg er , und ließ die Blicke in stiller Rührung an sie hingleiten . Als sie aber aus Furcht ihn zu hindern , zurücktrat , hielt er sie bei der Hand : bleibe so , sagte er leise , deine sanfte Nähe thut mir wohl . Ueberall ängstete ihn das zerstreuete Umhergehn im Zimmer . Er wollte niemand entfernt wissen , und sahe es gern , als der Theetisch dicht an sein Bett geschoben ward , und alle nun ruhig umhersaßen . Frau von Saint Alban war von der sorglosesten Heiterkeit . Ein wenig vorgelehnt , mit übereinandergeschlagenen Armen , saß sie recht behaglich da , und sprach von Türgis Krankheit wie von etwas , das nun überwunden , nur noch in der Erinnerung schrecklich sei . Ein Vorgefühl von dem , was mich treffen würde , sagte sie , hatte ich doch wohl . Mir träumte , ich sah Türgis ganz klein in seiner Wiege liegen . Ich wollte ihn putzen und trug allerlei veraltete Stücke Zeug und staubigen Wust herbei . Sehr geschäftig hielt ich das zusammengetragene prüfend gegen das Licht . Eins kam mir ganz auserlesen vor , ich zeigte es mehreren , die umherstanden , man lobte es sehr , ich legte es zurecht , als ich es aber dem Kinde nun anthun wollte , sah ich mit einem mal , daß es ein steifer , schwerer grauer Mantel war , ich erschrack sehr , und ließ vor Entsetzen das häßliche Ding auf die Wiege fallen . Mir zitterten alle Glieder beim Erwachen , und als ich gar drüber nachdachte , und die Nacht mir das Blut rascher durch die Adern jagte , befiel mich solch ein Schauder , daß ich nicht zu athmen wußte . Früher , fuhr sie fort , habe ich niemals darüber reden wollen . Aber nun , da das Unglück geschehen und zum Theil wieder gehoben ist , hat es weiter nichts zu bedeuten . Wie gebannt lagen alle Blicke am Boden , niemand wagte die Augen aufzuschlagen , niemand sprach . Frau von Saint Alban bedachte zurücksehend das Vergangene , und blieb einen Augenblick gedankenvoll . Nach einer Weile sagte Türgis : ich vermisse ungern den jungen Deutschen unter uns , er brachte mir die erste versöhnende Bothschaft von Ihnen Alonzo , ich wollte er wäre hier , mein Friedensbote ! Er kommt wohl gewiß noch , entgegnete Frau von Saint Alban , denn hat er auch nicht das Ansehn die Menschen zu suchen , so kann er doch nicht von ihnen lassen . Ihm steht das etwas spröde Verschmähen im Umgang recht wohl . Der Künstler muß nicht allzuviel umhersehen , es stört ihn nur , darum liebe ich den abhaltenden Ernst , ja den ganzen wunderlichen Trotz in Philipp , der doch auch niemals die gute Sitte und den Anstand verletzt . Und denn , fuhr sie fort , hat er so innige verklärte Augen , so heilig verschämte Blicke , sein treuer Mund redet so liebe Worte . Ich bin gewiß , er hegt und bewahrt im Herzen , was Andre fahrig am Leben veräußern . Sie redeten noch mancherlei über Philipp und das Uebersehen und flüchtige Abschätzen der Jugend . Es liegt , nahm der Herzog das Wort , in dem Nichts oder Alles , dem Entweder : Oder der Jünglingsseele einzig der Keim zu festerer Lebensgestaltung . Die Verhältnisse der Gesellschaft , die Behaglichkeit des Daseins vermitteln und gleichen nachher aus , wogegen früherhin die frische Jugend in Zorn und Bewunderung aufloderte . Wir lassen es eben gehn , aber was wir empfinden und denken , es wird blaß und fahl . Wer nicht über alles lieben und aus voller Seele verabscheuen kann , der denke nicht zu leben . Frau von Saint Alban legte zutraulich ihre Hand auf seine Schulter , sie dachte mit Ehrfurcht an die feste Treue seines ganzen Lebens , und wie er sich auch im wiederkehrenden Glücke nicht verleugne . Doch das Gespräch auf Vergangenes zurücklenkend , nicht allzu ernst werden zu lassen , sagte sie mit angenehmen Lächeln : nun , wenn wir Frauen uns auch nicht so streng und scharf bezeigen , so übt auch das Alter keinesweges diese niederschlagende Gewalt über uns . Ich für mein Theil empfinde noch immer die lebendigste Theilnahme , ich kann mich heute wie ehemals mit derselben Lebhaftigkeit dem Schmerz und der Freude entgegenwerfen , und so außer mir vor Entzücken und Leidwesen gerathen , tadeln , loben , lieben , hassen , schelten und entschuldigen , als wäre ich achtzehn Jahr . Die Frauen , entgegnete der Herzog , mit gutmüthiger Galanterie ihre Hand küssend , wollen schon höher beachtet sein . Wir sollten ihnen billig eine andre Sphäre anweisen , sie stehn keinesweges so mitten inne im Lebensverkehr , oder wissen sich doch drüber hinauszuheben , die Zeit kann ihnen , wenn sie indeß wollen , eben nicht sonderlich viel anhaben . Zu Anfang sind sie in lieblicher Unbestimmtheit alles zugleich , man ahndet jede schöne Tugend in ihnen , man empfindet den schuldlosen Einklang aller Gefühle an ihrer Seite , dann zwingt sie das Geschick so oder so in eine besondere Richtung , und scheint sie zu bestimmen . Sie stehn ausgesprochen vor uns , und man vermißt nicht selten die verschwimmende Weichheit und anmuthige Sorglosigkeit früherer Zeit an ihnen . Absichtlich berechnet , verschlossen oder zerrissen , verarbeiten und durchsteuern sie so ein paar Umschwungsperioden , dann aber haben sie gesiegt , oder sind erlegen . Wir fühlen uns wohl bei den ältern Frauen , deren Wesen sich klärt und setzt und ihnen die Gluth der Reife läßt . Man spürt noch all ' die tausend Elemente menschlicher Leidenschaften und wird durch sie mit dem Leben in bewegliche Verhältnisse gesetzt , ohne jemals das Unbequeme gegenwärtiger Vorwirrung zu empfinden . Frau von Saint Alban begleitete seine Worte mit beifälligem Blicke , jedes Stufenjahr weiblicher Anmuth , sagte sie lächelnd , findet doch in Frankreich seinen Ritter . Niemand taste mir mein galantes Frankreich an ! Alonzo sahe überrascht auf sie hin . Es fuhr schneidend durch seine Seele , er spürte ein unangenehmes Beben und das Unheimliche verborgener Störung . Aengstlich suchte er Blansche . Sie saß in qualvoller Anstrengung neben Türgis , seine Hand in der ihrigen , von Zeit zu Zeit einen Strauß weißer Rosen gegen die heißen , überfließenden Augen drückend . Ach ! dachte er , könntest Du so alle schringende Wunden der Seele kühlen . Philipp war indeß geräuschlos eingetreten , er grüßte sittig und still , und nahm seinen Platz zu Türgis Füßen , Blansche gegenüber . Seine Blicke lagen mitempfindend auf beiden Geschwistern . Blansche hielt sich kaum noch , ihr Bruder sah sie oft lang und forschend an . Wehet es Sie nicht zu kühl aus der offnen Thür entgegen ? fragte Philipp den Kranken . Dieser lächelte und machte eine verneinende Bewegung . Er schien schlafen zu wollen , die Wimpern senkten sich so bleiern nieder . Alle redeten nun leiser , das Licht ward unter einer gefärbten Glasglocke gedämpft , die mondhelle Nacht spielte in grüßenden Flämmchen durch die bewegten Zweige vor Thür und Fenstern , in den Blättern säuselte es hörbar durch die wispernden Worte . Blansche schlüpfte zur Thür hinaus . Alonzo sah sie in den dunkelsten Gängen langsam auf- und niedergehen . Er konnte nicht zurückbleiben , er folgte ihr unsicher und beklommen nach . Die Stirn an eine junge schlanke Birke , wie an Schwesterbrust gelehnt , unvermögend sich länger zu bezwingen , weinte das arme bekümmerte Kind aus voller heißer Seele . Alonzo faßte ihre Hand , sie wehrte es nicht , sie dachte nichts , sie fühlte nur den unaussprechlich tiefen Schmerz . Blansche , flüsterte er scheu und innig , meine arme Freundin , was ängstet Sie nur gerade jetzt so herzzerreißend , so unbezwinglich ? Er stirbt , ach Gott er stirbt ja ! schluchzte sie . Sehn Sie ' s denn nicht ! Sieht ' s denn kein Mensch als ich , welch ' ein Lächeln ihm den ganzen Tag schon um die Lippen schwebte , so lächeln nur Engel , das ist der Tod ! - Der Tod ! wiederholte Alonzo schaudernd ! ihm war als stoße er erst jetzt den kalten Stahl in des armen Türgis Brust ! Es schien ihm ganz unglaublich , ganz unerhört , daß es jemals dahin kam ! Wie im Traum blieb er vor Blansche stehn , er ließ ihre Hand fahren und sahe starr vor sich nieder . Ich konnte , klagte sie leise , länger die entsetzliche Angst nicht aushalten . Ganz langsam hörte ich den Todesengel heranrauschen und als Türgis die Augen senkte , da brach mir das Herz , da war mir ' s als sehe ich den dunkel glänzenden Fittig , der sein liebes , liebes Gesicht beschattete . Sich abwendend , weinte sie still in die kleinen , vorgehaltenen Hände . Ihre Thränen fielen brennend in Alonzos Herz , zerreißender als Vorwürfe es gekonnt , klagten sie ihn an , er hatte nicht den Muth , Blansche anzusehn , und eiskalt überlief es ihn , als sie plötzlich gefaßt und ernst sagte : die Mutter ahndet es nicht , sie ist so kindlich vertrauend , alles , alles überhört sie . Mein Gott , wie wird ihr sein , wenn nun der verhaßte graue Todtenmantel auf ihren Liebling niederfällt . Sie schlug die Augen bittend zum Himmel und ging langsam nach dem Hause zu . Alonzo wagte es nicht sie zu begleiten . Er blieb den einen Arm um die Birke geschlungen tiefsinnig zurück . Der weiße Stamm leuchtete so hell im Mondenlicht , die schwanken Zweige spielten kühlend um seine Schläfe , aber ihn konnte nichts erfreuen , nichts trösten . Das Leuchten und Flüstern jagte ihm nur Graus in die Seele , er wand sich von dem Baume wie aus Gespenstes Armen und schritt rasch durch die Gänge Blansche nach . Bei dem Kranken war es dunkler und stiller geworden . Frau von Saint Alban hatte sich entfernt , der Herzog und Philipp saßen etwas abwärts , ohne zu reden . Alonzo sah schüchtern umher , er glaubte dem Todesengel irgendwo zu begegnen . Ich bitte , sagte Blansche zu ihrem Oheim gewandt , lassen Sie uns noch einige Stunden hier versammelt bleiben , ich fürchte mein Türgis ist nicht mehr lange unter uns . Der Herzog strich ihr die blasse Wange und sah mit feuchten Augen auf das schmerzliche Beben ihrer Lippen , die nur mühsam die wenigen Worte herausbrachten . Er versprach zu thun was sie wolle und gestattete , daß der Beichtvater geholt ward , der unter frommem Gebet die scheidende Seele des Sterbenden geleitet . Philipp sah ernst in den Garten hinein . Ueber dem breiten Rasenplatz hin zogen Nachtdünste in seltsamen Nebelbildern aufwärts . Alonzo war seinen Blicken gefolgt . Es ist eine tiefsinnige Bedeutung deutscher Sprache , sagte Philipp leise , daß Nebel umgekehrt Leben ist , und Eines in dem Andern liegt . So ist es ja denn auch wirklich , und erst wenn die Wahn-und Trugspiele sinken , bricht die Lebenssonne an ! Er hatte die Knie übereinander geschlagen , und das Gesicht in die aufgestemmte Hand gesenkt , als spüre er im Innern das Dämmern ew ' ger Glorie . Türgis griff indeß unruhig mit den Händen in die Luft , dann zupfte er an den Decken und schien in Gedanken Blumen zu zerpflücken . Noch einmal schlug er die gebrochenen Augen auf , er machte eine verlangende Bewegung mit den durstenden Lippen . Der Geistliche hielt das Crucifix an seinen Mund . Blansche zitterte heftig , doch faßte sie sich schnell . Niederkniend betete sie mit Engelsklarheit , Alonzo und Philipp an ihrer Seite . Es ist vorbei ! sagte der Geistliche zu den Umstehenden gewandt . Blansche richtete sich auf . Sie drückte die Hand aufs Herz . Der Athem verging ihr . Tief aufseufzend sank sie ohnmächtig an Alonzos Brust . Er hielt sie , er trug sie wie ehemals aus der Kirche . Erde und Dasein , Leben und Tod , alles was Worte nennen , schwand vor seinen Blicken . Er fühlte das arme Herz matt an seinem schlagen , den holden Leib kraftlos hingegeben in seinen Armen ruhen ! Das zarte Köpfchen senkte sich gebeugt auf tiefbewegter Brust , ein scharfer Nachthauch schien es , habe der schlanken Blume wehe gethan . Alonzo fürchtete sie mit seinem Athem zu berühren . Ganz leise legte er sie im Nebenzimmer auf ein Ruhebett , ein Schauder , eine Scheu wehete ihn an , er hatte sie einen Augenblick sein genannt , zum zweitenmal hatte sie Gott unter heil ' ger Weihe an seine Brust gelegt , doch er durfte , er konnte sie so nicht halten , er selber ließ sie aus seinen Armen los . Noch hielt er ihre beiden Hände , er kniete schweigend neben ihr , kein Wort , kein Laut drang über seine Lippen . Jetzt regte sie sich , sie schlug die Augen auf . Blansche , flüsterte er , sagen Sie , das Sie mir den ungeheuren Schmerz verzeihen , daß Sie mich nicht hassen ! Sie sahe klar zum Himmel , wie käme , sagte sie , in dieser Stunde Haß in meine Seele . Er starb ja versöhnt . Vor dem Klang ihrer weichen , rührenden Stimme sprangen alle Banden von seiner Seele . Nichts mehr sehend als sie , unfähig zu denken , alles andre vergessend , rief er ganz außer sich , so nehmen Sie denn das Opfer meines ganzen Lebens , Blansche , lassen Sie mich nur für Sie Herz und Dasein haben , verwerfen Sie mich nicht , ich bin , ich athme nur durch Sie ! Aufgerichtet , innig in sein schönes Auge sehend , schwieg Blansche einen Augenblick , dann legte sie die erröthende Wange wieder auf die Kissen zurück und winkte Alonzo schweigend , mit linder Güte in Blick und Bewegung , sie zu verlassen . Er gehorchte . Wie im Traume schwankte er nach dem Saale zurück . Philipp stand seitwärts neben der Leiche , den einen Arm über sie hingestreckt , drückte er sanft dem schlummernden Jüngling die Augen zu , die seinen schwammen in dunkelm Glanz , er sah fast aus wie der Todesengel selbst . Der alte Herzog lehnte weinend an ein Fenster . Die Lichte waren ausgebrannt , der Morgen dämmerte fahl herein , Einer erschrack vor des Andern Leichenblässe . Armand trat ein , er nahm seinen Platz zu seines jungen Herrn Füßen , der Herzog wandte sich traurig zu den beiden Freunden , die schwere Nacht , sagte er , war überstanden , wir wollen uns alle einen hellen Morgen wünschen ! Er neigte sich sehr liebreich und ging , das Taschentuch gegen die brennenden Augen haltend , aus dem Zimmer . Noch einmal faßten beide Türgis Hand , sie sahen sich gerührt an und sanken laut schluchzend einander in die Arme . Schweigend , mit gesenktem Blick gingen sie darauf durch den hellen , lauter werdenden Tagesschein , in der Seele schmerzliches Entzücken und die Verheißung unvergänglichen Daseins . Zwölftes Kapitel Es vergingen mehrere Tage , ohne daß Alonzo Blansche und ihre Mutter sahe . Die Familie begleitete die Leiche nach einem unweit gelegenen Landgute . Alles war leer und öde im Hause , niemand als Armand zurückgeblieben . Es gereichte gleichwohl Alonzo zum Trost dahin zurückzukehren und des Abends unter den Blumen und Bäumen sitzend , von Blansche träumen zu können . Zuweilen gesellte sich der alte Diener zu ihm . Dieser redete gern von dem frühern Glanz und der langen Prüfungszeit seiner Herrschaft . Er erzählte von der Hochzeitfeier der Frau von Saint Alban , und den vielen Gästen , von seinem Gehen und Laufen , und wie die verstorbene Herzogin Mutter gesagt habe : es ist wahr , niemand in der Welt versteht zu serviren wie der Armand ; worauf der selige Herr von Saint Alban lächelnd erwiederte : er hat mich stets auf meinen Reisen begleitet , er war überall in London , Wien und Petersburg mit mir , er hat die feinere Lebensart gebildeter Menschen studirt und kennt die Weise guter Häuser . Dieser Tag , der wie eine Ordensfeier in seine Dienstjahre fiel , ward denn plötzlich durch die Schrecken der Revolution verdunkelt . Er wußte von den damaligen Gräueln und der sinnreichen Bosheit der Rebellen viel zu erzählen , beweinte noch heut den König und die Königin , und schloß gewöhnlich mit der Versicherung : Ströme Blutes , mein Herr , sind hier geflossen , Ströme Blutes , sie haben die alte Zuverläßigkeit , den Respekt und die Devotion aus den Herzen der Franzosen weggespült . Glauben Sie mir , ich erkenne meine Mitbürger nicht , alles ist seitdem anders geworden , auch der junge Herr von Saint Alban war angesteckt , das Gift hatte ihn gewonnen , hatte ihn gefaßt , ich verstehe mich darauf , so etwas kränkelt heimlich fort , haben Sie mich verstanden , so etwas wird niemals ganz ausgeheilt , glauben Sie mir , der Tod hat es gut mit ihm gemeint . Alonzo half ihm über alles dies hinaus zu Blansches Jugendleben hin . Armand schenkte ihm indeß keinen Schreckenstag , kein bedeutendes oder unbedeutendes Ereigniß , und nur Schritt vor Schritt erfuhr er , daß Frau von Saint Alban Türgis im Arm , viele Meilen zu Fuß flüchten müssen , mit seinem Beistand und Geistesgegenwart endlich nach Holland übergeschifft , und lange nachher durch den Schutz einer deutschen Fürstin in ihr Vaterland zurückgekehrt sei . Hier , fuhr er fort , lebte sie in ehrwürdiger Verborgenheit einige Jahre an der Seite ihres kränkelnden Mannes und gab erst wenige Monate nach seinem Tode der schönen Blansche das Licht der Welt . Armes Kind , sagte sie bei ihrer Geburt , du hast nicht Vater , nicht Vaterland , was willst du in deiner verwaisten Familie ! Doch ich lächelte , und dachte bei mir , dies ist , oder ich kenne mich nicht darauf , das schönste Kind der Welt und recht gemacht die Ungerechtigkeit des Geschickes zu versöhnen . Frau von Saint Alban war um ihre Erziehung verlegen . Sie hatte indeß ein zu stolzes Herz und zu gute Sitten , um von ihren Grundsätzen abzuweichen , und widerstand daher allen Versuchungen , die sie mit der verderbten Gesellschaft des heutigen Frankreichs in Berührung setzen konnte . Doch die Vorsehung sieht ins Verborgene , und weiß die Aufopferungen der Tugend zu lohnen . Die Aebtissin vom Kloster Sainte Genevieve sah die kleine Blansche , nahm sie zu sich , und erzog sie in Demuth und Weisheit bis zu diesem Tag . Alonzo ward es nicht müde , auf verschiedene Fragen und Wendungen fast immer mit denselben Phrasen , dieselben Antworten zu hören . Die Sprache , die geschwätzige Beredsamkeit , das narcißartige Selbstbespiegeln , beäugeln und belehren , schien ihm nicht mehr lästig ! Er hatte sich in die Weise hineinsingen lassen , sie war ihm schon nicht mehr fremd , er fühlte sich sogar nie gemächlicher , nie entfernter von Streit und Ungleichheit , als wenn die veralteten Redensarten so schnarrlend an ihm hinleierten und jeder mahnende Aufschwung der Phantasie vor dem Paßschritt eingefugter Alltäglichkeit unterduckte . Armand kam ihm ganz gescheut vor , er erinnerte ihn an alles , was ihm die feinere französische Welt gezeigt , die Blüthe geselligen und litterärischen Witzes von Frau von Sévigné . an bis auf den heutigen Tag gelehrt hatte . Die Bildungsfähigkeit der Individuen fiel ihm zum erstenmale auf , er bemerkte , daß wenn man Armands Erzählungen Wort für Wort aufschriebe , und sie in irgend einem französischen Roman einschalten wollte , man just kein Buch dadurch verschlechtern würde . Der gute , redselige Alte ward es denn auch nicht müde die Conversation zu machen , und Alonzo durch Garten und Haus umherführend , das Geringfügige und Gewöhnliche so zu erklären , so umständlich zu entwickeln und dergestalt als Außerordentliches hinzustellen , daß jener oftmals irre an sich selber ward und nicht wußte , ob er auch wirklich jemals etwas Aehnliches sahe . Doch in so fern nur irgend eine Beziehung auf Blansche zu entdecken war , folgte Alonzo der weitschweifigen Anekdotenkrämerei und Erklärungssucht wie ein gebundener Löwe , ohne Widerstreben . Einst traten sie in eine schmale staubige Gallerie . Unter mehreren leer gewordenen Feldern hingen hin und her vergelbte Familienbilder , meist verzeichnet , unschön , in steifen , gezwängten Stellungen , den Tapetenfiguren ähnlich . Ganz im Schatten , aus dichtem Spinnengewebe , wie durch einen Schleier sah ein hübsches , blondes Gesichtchen auf die Beschauer nieder . Alonzo glaubte Blansche im veralteten Putz zu sehen . Armand auf seine Blicke aufmerksam , war sogleich auf einem Stuhl gestiegen und fuhr mit einem Tuch reinigend über das Bild . Eine junge Dame stand unter sehr hellem Himmel , und ließ mit der einen Hand einen Schmetterling aufwärts fliegen , während sie mit der andern den bräunlichen Carmelitermantel über die Schultern hing . Waren Minen und Geberden gleich etwas peinlich und geziert , so war doch Seele in dem Gedanken und ein wehmüthiger Anklang , der Alonzo blitzesschnell traf . Die Herzogin von la Valliere , sagte Armand erklärend , sie war Frau von Saint Alban mütterlicher Seits verwandt . Die schöne la Valliere rief Alonzo , das demüthige Veilchen ! Sie starb im Kloster , fiel jener ein . Ich weiß , entgegnete Alonzo gedankenvoll . Du früh gebrochenes Herz , sagte er gegen das Bild gewandt , die Welt hat dich zertreten , verworfen , aber du lebst in jeder fühlenden Seele fort . Sie ward selig gesprochen , unterbrach ihn Armand mit Erhebung . Sie hatte dreißig Jahr gebüßt , und war nun mit der Welt fertig . - War mit der Welt fertig , wiederholte Alonzo , wer das sagen könnte ! Und doch vergessen , doch in staubige Winkel geworfen ! Er schüttelte Armand die Hand und schlich ganz aufgestört und tiefsinnig durch den Garten , in Willens nach Hause zu gehen . Doch wie er sich aus den Buchenhecken wendend , nun den Rückweg antreten wollte , sahe er des Herzogs Wagen zu dem Eisengatter hineinbiegen . Er war im Begriff ihm nachzueilen . Doch besann er sich . Es fiel ihm ein , daß sein plötzlicher Anblick wohl die kaum beruhigten Gemüther stören könne . Er sagte sich das zuerst , wie man sich wohl aus schicklicher Rüksicht an etwas