umher , und zu der trüben Schwester hin , deren Worte immer so schwer in ihre Seele fielen . Ihr stiegen die Thränen in die Augen , sie ging zum Fenster , öffnete das , und erheiterte schnell ihren Blick , an den schönen , vollen Früchten , den Blumen , den Cither- und Mandolinen- Klängen , den freudigen Menschenstimmen , an all dem bunten Wesen der Menge . Sieh , o sieh ! liebe Antonie , rief sie dieser zu , hier ist es wirklich gar nicht so traurig ! Die Menschen sehn recht lustig aus ! bemerkst Du wohl das kleine Mädchen , mit dem glänzenden Strohhut ! wie allerliebst ! sieh , wie zierlich ihr die Mandoline über der Schulter hängt , wie sie mit einer Hand zwei Orangen spielend in die Höhe wirft , und immer eine wiederfängt , indeß sie mit der andern Hand leicht über die Saiten hinfährt , als greife sie die Töne und den Takt aus der Luft , mit welchen sie die tanzende Bewegung ihres Körpers begleitet ! komm , ich bitte Doch , laß uns das näher sehn , geh mit mir hinunter ! Antonie folgte ihr Gedankenvoll in den Vorsal . Er war noch leer . Sie traten in die Halle . Hier saß Alexis auf dem Sessel des Oheims , vor dessen Arbeitstisch , und einen Stift in der Hand grub er , diesen nachahmend , in eine kleine Silberplatte lauter Pünktchen , einen neben den andern . Antonie verwies es ihm , aus Furcht , daß er etwas verderben möchte . Das Kind hatte immer eine große Scheu vor ihr gehabt . Ihr strenger Blick und die starre Schönheit ihrer Züge machten ihn heben . Jetzt sah sie besonders strafend auf ihn nieder . Er fuhr bei dem Ton ihrer Stimme zusammen , und wollte erschrocken fliehen , als er unversehens den Stuhl , auf dem er saß , mit dem Tisch und allem darauf liegenden , zur Erde warf . Antonie ward sehr bestürtzt über diesen Vorfall . Denn Gold und Silber , Feile , Schmelztiegel und Goldwage , Cirkel und Maaßstab , alles lag neben edlen und unedlen Steinen bunt durcheinander . Marie war ihr sogleich behülflich , alles wieder an Ort und Stelle zu legen . Auch Antonie wollte das Ihre thun , als sie , ein aufgesprungenes Futteral schließend , einen schön gearbeiteten Dolch erblickte , der sie erst mit einer Art Entsetzen erfüllte , dann aber ihr Blut glühend durch die Adern trieb . Dunkel sagte sie sich : ich will dem Goldarbeiter davon sagen , und steckte ihn in den Busen . Da klopfte eine leise Hand auf ihre Schulter , sie wandte sich , und die Frau in Trauer stand vor ihr , ein Kästchen mit Arbeitsgeräth und ein Kissen , worauf angefangene Spitzen befestigt waren , unter dem Arm tragend . Verzeihen Sie , sagte diese im feinsten Pariser Accent , wenn ich eine Unbescheidenheit begehe , indem ich Sie frage , ob Sie sich gestern mit einem ältlichen Herrn am Eingang der großen Kathedrale befanden ? ob dieser Herr Ihr Vater war ? ob Sie - O mein Gott vergeben Sie , setzte sie hinzu , als Antonie etwas zerstreuet , und mit dem Vorhergehendem beschäftigt , ungeduldig auf sie hinsah , aber ich muß Sie bitten , mir das zu beantworten . Nun ja , sagte Antonie , er ist mein Vater . Der aber rief jene unbeschreiblich bewegt , ist kein anderer , kann kein anderer sein , als der Marquis von Villeroi ! und ein Fräulein Villeroi steht hier vor mir ! Mein liebstes Kind , umarme mich immer ! ich habe Rechte auf Dein Herz , glaube mir das ! Sie zog Antonien an ihre Brust ; dann aber , sich besinnend , fragte sie hastig , wo ist Deine Schwester ? lebt sie nicht mehr ? Marie näherte sich , und ihre Hand mit Schüchternheit fassend , sagte sie leise , ich bin es ! Arme hübsche Kinder ! rief die Dame ! wandte sich dann ab , und weinte einige Augenblicke heftig in ihr Taschentuch . Wo soll ich denn anfangen , sagte sie drauf gefaßter , Euch kenntlich zu werden ! Ihr wißt nichts von Eurer Familie ! Ihr seid so jung , die Vergangenheit ist so alt ! es ist so lange her , daß Frankreich schön war , daß Freunde und Verwandte von einander wußten . Ihr kennt wohl Niemand ! habt niemals von mir sprechen hören ! und geträumt hat Euch auch nicht von der armen ausgestoßenen , bejammernswerthen Tante Clairval ! Marie lag schon lange schluchzend an ihrer Brust , als Antonie nachsinnend sagte : ich habe Sie früher gesehn , meine Tante , ich erinnere mich dunkel ! Niemals , niemals , mein Kind , entgegnete die Baronin . Nach dem Tode Deiner armen Mutter hat der Marquis sich und seine Kinder von der Welt fern gehalten . Die Aebtissin Eures Klosters war nicht meine Freundin . Seit dem ersten Jahre Eures Lebens trafen wir nicht wieder zusammen . Doch ! doch ! sagte Antonie in sich zurücksehend , als der Marquis eben in den Vorsaal trat . Die Baronin blieb einen Augenblick überrascht stehn ! Das ist er also geworden ! rief sie , so hat die Zeit gearbeitet ! Der Marquis ward bei dem Ton ihrer Stimme von verworrner Erinnerung getroffen . Er sah fragend auf seine Töchter . Armer Schwager ! sagte die Baronin , so ist alles todt ! die schöne Jugend , und die Liebe , und das Andenken an den Wahnsinn der Leidenschaft , und den beruhigenden Balsam treuer Freundschaft ! Mein Gott , Pauline , rief der Marquis , wie vom Blitze getroffen , meine liebe , meine unglückliche Pauline ! Was machen Sie hier ? was wollen Sie hier ? in diesem Aufzuge , in Trauer sehe ich Sie wieder ! Was ich hier will ? erwiederte sie , lieber Himmel ! weinen und arbeiten , da drüben haben sie mir das Herz aus dem Busen gerissen , und nachdem sie es mit Füßen getreten , stießen sie mich zum Lande hinaus ! Schloß Clairval ist geschleift , der Baron - sie stockte einen Augenblick - die Henker schleppten ihn aufs Blutgerüst , - mich wollten sie nicht , ich weiß nicht , warum ich leben muß , aber ich muß ! ich thue selbst dazu , ich friste mir das Leben , ich arbeite für Geld ; dieselbe Frau die mir sonst häufig große Pakete Spitzen auf heimlichem Wege zuschicken mußte , hat mich nun selbst auf heimlichem Wege hiehergebracht , und lehrt mich , für den Schmuck , und das elegante Bedürfniß Anderer sorgen . Es liegt darin nichts besonderes , es ist der Lauf der Dinge ! und doch ist hier etwas , sie drückte beide Hände gegen die Brust , was sich empört , was mir bittere Thränen auspreßt . Es ist so schwer , allem zu entsagen , was , wie das Tageslicht , Leblosem und Lebendem erst Glanz und Farbe giebt . Doch ich rede von mir . Sagen Sie mir , wie es Ihnen erging ? Was mein Bruder macht und sein Sohn ? ob sie noch in Frankreich , ob der Letztere noch bei seinem Regimente ist ? Beschämt , nichts von den Freunden zu wissen , sah der Marquis zur Erde , und sagte kleinlaut , ich denke , wir begrüßen einander alle recht bald in unserm Vaterlande wieder . Glauben Sie das ? fragte die Baronin , damit haben sich die Leichtgläubigen seit Jahren einander selbst belogen . Und wenn auch ! Das Alte kommt nicht wieder . Wie wir beide nicht noch einmal zwanzig Jahr werden können , so macht auch das Gesammtleben keinen Rückschritt . Politische Crisen sind Stufenjahre , geistige und leibliche Natur , alles geht einen Weg . Verwachsen Kinder ihren Schuh , so verwächst der Zeitmoment Formen . Lieber Marquis , wir betteln uns wohl einmal wieder in unser Vaterland zurück , aber die abgefallene Frucht ist doch tod . - Sie wissen also nichts von den Meinen ? fuhr sie nachsinnend fort . Es ist schlimm ! ich hatte auf meinen Bruder gehofft ! Sie haben den Bruder wieder , liebe Pauline , sagte der Marquis sehr bewegt , wir verlassen einander nicht ! Sie müssen meinen Töchtern die Mutter ersetzen . Ich verstehe nichts mehr von der Welt , die Welt nichts von mir , die armen Kinder sind wohl übel daran mit mir , gewiß liebe Freundin , Sie können nicht so ungroßmüthig sein , sie jetzt zu verlassen . Mußte denn so vieles geschehn , sagte die Baronin , ehe wir uns wiederfanden ! Und sind wir nun zwei Andere geworden , daß Sie Vertrauen zu mir fassen ? Mein alter Freund , ich sehe in dem umdämmertem Auge da dieselbe dunkle Gluth , die Hochzeit- und Todtenfackeln anzündete , die Schloß Clairval mit tausend Blitzen durchschoß , vor der sich Herzen zusammenzogen und die dennoch Schmerz und Entzücken hineinbrannte ! Ich höre aus dem Ton Ihrer Stimme jene Worte des Mahomet herausklingen , mit der Sie von der Bühne aus die Seele der Geliebten , wie die der Freunde , heftig anfaßten : » Ha , wiß um meine Wuth , um alle meine Schwächen ! « Und dann wieder : » Mein Leben ist ein Kampf , durch meine Mäßigkeit Hab ich Natur dem Joch des strengen Sinns geweiht ! « Ja , ich fühl es dem unbezwinglichen Herzen an , daß es Heut wie in jenem Sinnverwirrenden Winter zu Paris die Abgründe der Zeit wie der Erde sprengen , der Natur ihr hohes Geheimniß und die Zügel der Weltherrschaft entreißen , sich aber zum Gott und Tyrannen der Welt hinaufmeistern möchte ! Sie sagte die letzten Worte unter heftigem Weinen , denn sie dachte an die blühende Schwester , die ein Opfer jener vermessenen Versuche ward ! Der Marquis hatte sich in einen Stuhl geworfen , und mehr durch die Frühlingslichter jener Zeit , als durch ihre Vorwürfe , getroffen , ließ er ungehindert einzelne Thränen über sein Gesicht hinrollen . Die Baronin trat zu ihm , legte die Hand auf seine Schulter , und sagte gutmüthig , ich will nicht rechten mit Ihnen , auch nicht tadeln , was die Natur und das Leben einmal so gemacht , einmal so gewollt haben ! aber fragen muß ich Sie doch , ob Sie es Heut besser wie damals in mir dulden werden , wenn ich über manches anders denke , anders empfinde , wie Sie ? Ich bin in der Hauptsache dieselbe geblieben . Sie haben das so eben noch gesehn . Ich muß sagen , wie ich es empfinde , berechnen kann ich nicht , solchen Kopf hatte ich nie . Und wenn mich nun meine Welterfahrung , mein rasches Hineinempfinden in das Leben , andere Dinge sehen läßt , als Ihnen Ihr mystischer Feuerblick zeigt , werden sich die Kinder da in dem Streite behaupten können ? Was von allem wird ihnen wahr , nothwendig , und bestehend erscheinen ? Der Marquis schwieg einen Augenblick . Meine Freundin , hub er nach einer Weile an , ich bin unruhig in mir selbst geworden . Ich glaubte mit dem Außenleben fertig zu sein . Ich durfte das lange Zeit glauben , jetzt scheint die allgemein menschliche Wirksamkeit die gefristete Stundenzahl einzufodern , ich weiß nicht , wie ich mich darin finden werde , ich weiß nicht , wie ich mich überhaupt finden soll ! Der Blick für das Maaß und die Verhältnisse des ganzen Außenwerkes ist mir verloren gegangen . Man hat den Boden unter mir verschoben , deshalb stehe ich zu dem neuen Leben in schiefer Richtung , und alles darin stört und verletzt mich . Urtheilen Sie nun , wie überraschend , wie erwünscht es mir ist , Sie zu finden , der ich getrost den verwickelten Faden in die Hand geben kann , die Töchter daran fortzuleiten , ohne selbst meine eigenste Welt zu verlassen , die ich niemals verlassen kann , in der weder Sie , noch irgend einer mich findet , und die deshalb jedem verschlossen bleiben muß , den nicht tiefe Nacht die flammenden Hieroglyphen entziffern lehrte . Pauline , es ist etwas fruchtbar Heiliges um die Nacht ; glauben Sie mir das ! sie spinnt ihre Fäden durch Schlaf und Traum , wirkt und webt Bilder in die Seele , die aus Gräbern hinaufsteigen , die Decke von dem tiefen Grunde wegziehen und hinweisen auf das große Räderwerk des ewigen Weltmechanismus ! Der Schlüssel , der ihre Thore öffnet - Er hielt betroffen inne , - der Schlüssel - mein Gott ! wohin hat mich der geführt ! - In die Welt ! unterbrach ihn die Baronin etwas ungeduldig . Täuschen Sie sich nicht , Sie kommen so leichten Kaufs nicht los ! Das Leben hat Sie einmal gerufen , es giebt Sie nicht wieder frei . Doch lassen wir das ! es findet sich von selbst am besten . Vor der Hand nur das Nächste . Der Augenblick hat uns , wie viele Andere , unversehens zusammengeführt . Sie reichen mir die Hand , aus Großmuth ? aus bequemer Eil die eigene Ruhe zu erretten ? ich will nicht grübeln ! Nehmt mich hin , Ihr Kinder , rief sie , beide Mädchen umschlingend ! Ich berge es nicht , mir bangte recht nach Herzen , die meines Stammes Blut bewegt , sich höre wieder Frankreichs Sprache ! Paris , die Welt , die Jugend , das volle Leben ist wieder da ! Ich liebe auch das Fremde , es sieht oft so groß , oft recht zierlich aus , aber wenn ich denke , daß es mich festhalten will , dann ist mirs ein Gräuel ! Seht ! so habe ich unzählige Thränen auf die Kantenarbeit fallen lassen , die Nadeln da auf dem grünen Kissen drückten sich mir jedesmal ins Herz zurück , die Hände zitterten vor Ungeduld , dacht ' ich , daß all die Schlingen und Oesen mein armes Dasein so eng einspannen . Und doch werde ich noch recht oft Kanten knöppeln ! Es ist ein liebes Spiel ! Man wirft die Fäden so hin und wieder , wie oft die Menschen und die Ereignisse im Leben , und wenn es fertig ist , ist ' s doch etwas ! Werdet Ihr mich auch lieb haben Kinder ? fragte sie jetzt , ohne Eure Liebe könnte ich nicht eine Stunde unter Euch sein . Du da , mit den Junoaugen und der wunderbaren Stirn , sie strich Antonien leise über die Augenbrauen , was liegt da für eine dunkle Welt ? Eine Welt voll tiefer Liebe , sagte Antonie , schnell auf ihre Hand gebeugt . Die Baronin küßte ihr die Stirn . Du hast was Eigenes , Kind , sagte sie , was Fremdes ! ich muß Dich wider Willen ansehn ! Nun wir werden uns alle in einander finden lernen ! Marie flog jubelnd durch das Häuschen , erzählte Bertrand , Felicitas , allen die es hören wollten , daß sie eine liebe Verwandte , die Tante Clairval gefunden hätten , und nun immer mit ihr sein , mit ihr reisen , und vielleicht auch nach Frankreich zurückkehren würden . Alle nahmen Theil , besonders freuete sich Felicitas des Glückswechsels ihrer ehemaligen Beschützerin , sie setzte hinzu : sie habe sie zwar gern ihr kleines Handwerk gelehrt ; doch habe es sie jedesmal geschmerzt , es sie so ängstlich , des Gewinnftes willen , treiben zu sehn . Der Marquis hatte indeß der Baronin das Schmuckkästchen seiner Frau gegeben , und sie gebeten , dasjenige herauszunehmen , was ihr jetzt am nutzbarsten zu sein schiene . Sie empfing es nicht ohne Erröthen , und hielt das sauber ausgelegte Maroquinfutteral einen Augenblick , unschlüssig , was sie thun solle ? Doch öffnete sie es . Steine und Perlen sahen schön von dem weißen Sammet herauf , mit welchem die innern Fächer ausgelegt waren . Die Baronin ließ überrascht den Deckel wieder zufallen . Helle Thränen schossen ihr in die Augen . Die furchtbarste Sprache in der Natur , sagte sie , hat das Leblose , es fällt wie eine Leiche auf unsere Brust ! Ein ausgeräumtes Haus , ein Kleid , ja ein bloßer Handschuh , können einem die Seele zerreissen ! und nun diese Steine ! Aus jedem sieht mir das liebe Gesichtchen entgegen ! Sie setzte sich , das Futteral vor sich auf den Tisch legend ! Lange spielte sie gedankenvoll an dem silbernen Schloß , dann öffnete sie es langsam , als wolle sie sich mit dem Anblick bekannt machen . Die Schwestern sahen ihr neugierig über die Schulter , aber Antonie hatte kaum einen halben Blick hinein gethan , als sie schnell nach eines Mannes Bild , reich mit Steinen eingefaßt , griff , und unruhig fragte , wer der Herr sei ? Mein Bruder , der Herzog , entgegnete die Baronin . Ohne weiter Antonien zu beachten , nahm sie das Bild , und zu dem Marquis gewandt , sagte sie ; wenn ich die glänzende Einfassung hier abnehme , will ich denken , ein Theil von dem verlorenen Glanze des armen Herzogs , wie des Vermögens meiner Väter , sei auf mich gekommen , und ich empfange nur , was mir früher zukam . So schalte ich wie mit dem Meinen , und mir ist wohler Ihnen gegenüber . Kommt eine Zeit der Ausgleichung , so wird das Spiel ein ernster Tausch , wo nicht - so löscht eine höhere Hand meinen Schuldbrief . Antonie faßte jetzt mit großer Heftigkeit der Baronin Hände , sah ihr fast bittend in die Augen , ließ dann langsam die Hände sinken , und wandte sich schweigend ab . Die Baronin verstand sie nicht , sie schüttelte den Kopf , sagte indeß nichts weiter , sondern schritt gleich zur Ausführung dessen , was sie so eben dem Marquis mitgetheilt hatte . Deshalb hieß sie dem herzukommendem Juwelier , ihr das Bild sauber aus der Fassung heben , diese dann abschätzen , und den Handel selbst übernehmen , oder ihn gefälligst anderweitig zu besorgen . Der Mann ging sogleich an die Arbeit . Felicitas stellte sich neben ihn , den Werth der Steine mit ihm zu besprechen , sie wollte der Freundin gern zum Vortheil , und sich auch nicht zum Schaden die Sache eingeleitet wissen , und legte Maaß und Gewicht in ihre Blicke , die auf und ab über das Bild hingleiteten . Die Schönheit der Züge fiel ihr daneben auch in die Sinne , sie faßte sie daher scharf auf , und sagte , da ihr die Sache klar ward : ich habe den Herrn kürtzlich gesehn , als die französischen Regimenter die Stadt besetzten . Ihn gewiß nicht , erwiederte die Baronin , vielleicht seinen Sohn , denn die Aehnlichkeit ist sprechend , vergleiche ich diesen mit dem , was der Herzog in seinem Alter war . Nun , auch mit Ihnen , gnädige Frau , sagte Felicitas , ist die Familienähnlichkeit sehr auffallend . Antonie fuhr schmerzlich mit der Hand auf die Brust ; sie fühlte dort den Dolch , welchen sie vergessen hatte , sah verwirrend zur Erde , und ging mit gesenktem Auge zum Zimmer hinaus . Achtes Kapitel Alles war nach und nach in ruhigen Gang gekommen . Die Baronin war wieder geschmackvoll und bequem gekleidet , hatte ein Zimmer neben ihren Nichten bezogen , jedes fügte sich , und wurden heimathlich und vertraut mit Lage und Umgebung . Die Tante hatte es gern , wenn Marie erzählte ; sie saß dann behaglich auf dem Ruhebett , die Arme übereinander geschlungen , den Oberleib etwas vorgebeugt , und sah mit anmuthiger Neugier und seitwärts geneigtem Kopfe , in die weichen , beweglichen Züge der Kleinen . Oft unterbrach sie dies auch , spielte mit ihren blonden Locken , und sagte wohlgefällig : wie hübsches weiches Haar ! Marie küßte ihr dann die schönen Hände , und gab ihr die kleinen Schmeicheleien reichlich wieder zurück . Antonie war meist still , doch aufmerksam , ja zärtlich bis zur Demuth , gegen die Baronin . Sie lernte vom Juwelier allerlei feine Arbeit machen , auch in Kupfer stechen , und in Gold und Silber graviren . Es beschäftigte sie dies dauernd , und oft bis zur Erschöpfung angestrengt . Sie bemühete sich indeß vergebens , ein höchst widriges Gefühl hierbei zu bekämpfen , was sie zu Zeiten nöthigte , mit der Arbeit inne zu halten , und mehrere Stunden zu feiern . Es gab nehmlich Tage , vorzüglich bei scharfem Sonnenschein , wo ihr das Berühren aller Metalle höchst empfindlich war . Sie versuchte sich mit allen , doch jedes wirkte eigens unangenehm . Ganz besonders gaben ihr Kupfer und Eisen die gröste Qual . Letzteres goß Todeskälte durch ihren Körper , da Ersteres durch bittere Säure ekelhaft auf Geruch- und Geschmacksnerven wirkt . Auch mit dem Golde ging es ihr nicht besser , dies stach ihr prickelnd , wie elektrische Fünkchen , durch Arme und Finger . Sie war an solchen Tagen , heftig , ungleich , Fieberkrank , konnte weder bei der Werkstatt des Goldarbeiters vorbeigehn , noch diesen überall um sich dulden . Eigen war es , daß sie , auf solche Weise gereitzt , mit einer Art von Begier den stählernen Dolch ergriff , welchen sie heimlich von ihrem Wirthe eingehandelt und in ihren Kleidern verborgen hatte , an diesem hin und her griff und einen wohlthätigen Strom durch ihre Adern rinnen fühlte . Fast immer in sich verschlossen , kam von allem dem nichts zu der Kenntniß der Andern , als was die Aufmerksamkeit dieser erspähte , oder was sich durch die spröde Sonderbarkeit Antoniens ihnen unverständlich aufdrang . Auch standen beide Schwestern jetzt einander wieder entfernter . Marie war höchst behaglich und wie zu Hause bei der Tante . Beide plauderten vor ihr Leben gern , und mochten von allem hören , was um sie vorging . Zudem hatte Marie mit großer Freude jenes zierliche Kind , was sie jüngst so auf der Straße entzückte , unter Felicitas Schülerinnen wahrgenommen . Sie war eine Veroneserin , um weniges jünger als Marie , noch kleiner als diese , und auf die anmuthigste Weise lebhaft und gewandt . Beide gesellten sich leicht zu einander , und war Marie ganz Entzücken , sah sie Giannina die üppige Tarantela nach dem schallenden Takt der Kastagneten tanzen ; oder hörte sie sie , im Wechselmaaß , den Streit zweier Liebenden mit geläufiger Zunge komisch parodiren ; so bewunderte jene in ihr das feine Französisch und die vornehmen Sitten . Die Baronin hatte Giannina schon früher lieb gewonnen , sie sah es gern , wenn sie nach der Arbeit zu ihr herauf kam . Sie wußte so wunderliche Geschichtchen zu erzählen , oder zärtliche Romanzen zu singen , die auch Alexis anzogen , so daß er niemals dabei fehlte . Der Herbst kündigte sich überdem jetzt , von den Gebirgen her , schon ziemlich stürmisch an ; Im Freien war es nicht mehr hübsch ; um den Kamin saß es sich behaglicher . Die Baronin war nicht viel davon wegzubringen und nie erschien sie heiterer , als wenn sie die lieben , kleinen Menschengesichter , wie sie ihre jungen Freunde nannte , umgaben . Der Marquis hielt sich von all dem heitren Verkehr ziemlich entfernt . Er hatte sich wieder in seinem Zimmer eingebauet , und kam selten und nur flüchtig zur Baronin herüber . Sie dankte ihm sein Schweigen , und vermied es gern , ihn nach der Ursach einer immer wachsenden Unruhe zu fragen , die sich deutlich in seinem Wesen offenbarte . Doch ward sie endlich durch ihn selbst gezwungen , näher darauf einzugehn . Er fand sich einst mit ihr allein , und , jedes andere Gespräch abbrechend , entdeckte er ihr , daß er gesonnen sei , sie und seine Kinder zu verlassen und sich allein nach Aegypten einzuschiffen . Ohne auf ihr Erstaunen und das Bestreben , ein Wort dazwischen zu reden , Acht zu haben , rückte er seinen Stuhl näher an den ihren , und fuhr fort , ihr die Geschichte jener Gewitternacht , die Verheißung und das Auffinden des seltsamen Buches zu erzählen , zugleich aber seinem Schmerz , über den unvermeidlichen Verlust desselben bei dem Brande des Schlosses , freien Lauf zu lassen . Er setzte hinzu , daß er fest glaube , es sei in Aegyptischer Sprache abgefaßt gewesen , weshalb er zu dem Quell der alten Weisheit hineile , die verborgenen Schätze aufzusuchen . Wie kommen Sie darauf ? fragte die Baronin ; warum grade in Aegyptischer Sprache ? Ich sehe davon die Ursach nicht ein ! Wie sollen Aegyptische Bücher nach den Ufern der Rhone kommen ? Die alte , versteinte Zeichensprache ist ja kein Gemeingut , mit welchem , am Weitesten zurückgegangen , Marsilias Erbauer Handelsverkehr getrieben hätten ! Viel natürlicher halte ich jenes Buch für eine Sammlung Altnordischer Zaubersprüche , welche sehr wahrscheinlich die alte wunderliche Königin Giselbertha , Ihre Stammmutter , aufsammeln ließ . Sie wissen , was der Abbee Cername für seltsame Nachrichten über sie aus dem Schloßarchiv herauslas ; wie sie durch das Auflegen ihrer Hände allerlei körperliche Schäden geheilt , welche Gabe sich lange in unsers Königs Hause forterbte , wie sie ferner Metalladern und den Lauf des Wassers unter der Erde durch physische Wahrnehmung herausgefühlt , und der Wunderkräfte und Eigenheiten mehr besessen hat . Der Marquis sah nachsinnend in die Flamme des Kamins ; - doppelt schlimm , rief er , wenn es so ist ! ein vererbtes heiliges Pfand ! und unersetzlich verloren , unersetzlich ! - Was hülfe es Ihnen , unterbrach ihn die Baronin , besäßen Sie es noch , Sie können es nicht gebrauchen , niemand kann jetzt absichtlich zaubern , niemand ; das ist vorbei , das soll vorbei sein . Wer sagt Ihnen das ! rief der Marquis sehr heftig . Die Ordnung Göttlicher und weltlicher Dinge , entgegnete die Baronin . O heilige Natur ! schrie er mit gewaltiger Stimme : kreisen Deine ewige Sonnen nicht Heut wie damals in ihren gesetzlichen Bahnen ! ist ihr Verhältniß zu einander ein neues geworden ! und ist der Mensch ein ausgestoßener Fremdling in Deinen azurnen Hallen ? Ja , sagte die Baronin fest und sicher , ein überwachsenes Kind ist er , das Thor ist ihm zu klein geworden , aus welchem er heraustrat , nun will er es einschlagen , das geht nicht , er soll leise anklopfen , es wächst mit seiner Demuth und wird höher und höher bis er bequem hineintritt ! Heilig nennt Ihr die Natur , Ihr Neuerer , und wollt Ihr doch Gewalt anthun ? - Nein Marquis , Heut zu Tage kann nur ein Kranker oder ein Teufel zaubern wollen ! Pauline ! - sagte der Marquis ernst - Sie reichte ihm freundlich die Hand . Ich meine es nicht schlimm , sagte sie , wir mißverstehn einander jetzt , wie so oft . Lassen wir das ! Nur das Eine : sind die Zauberformeln rechter Art , so kommen Sie zu ihrer Bedeutung ; so viel ist einmal gewiß ! Wie meinen Sie das ? fragte der Marquis . Es wird sich ja zeigen , entgegnete sie . - Beide schwiegen . Das Gespräch war in sich zurückgefallen , keiner nahm es wieder auf , und es blieb alles wie es war . In dem Marquis war indeß ein Gedanke zur Sprache gekommen , der , sich weiter entwickelnd , eine Art von Beruhigung für ihn hatte . Er hielt nemlich das geheimnißvolle Buch nicht für das einzige Erbgut seiner Stammmutter , und , die Nothwendigkeit des eigenen Daseins durch sie erkennend , war er überzeugt , einen Schatz geheimer Kräfte in sich zu tragen , welcher , trotz dem Dunkel der Zeit , sicher an das Licht treten werde . Er hielt sich an diese Ueberzeugung , ward zuverläßiger in sich selbst , heiterer und achtsam auf die äußere Umstände , wie auf den Gang des Lebens , in welchem er die Einflüsse seiner Natur zu belauschen hoffte . Wie seltsam und ungewöhnlich er auch unter dem stäten Erspähen erschien , so trat ihm doch das Außenleben näher , er ließ sich ein damit , und es wirkte langsam und still wohlthätig auf ihn zurück . Die Baronin glaubte einen Umschwung in ihm bewirkt zu haben , und freuete sich der Gewalt ihrer Worte . Doch zu klug , um durch voreiligen Triumph die Eitelkeit und den Eigensinn des Marquis zu wecken , sammelte sie im Stillen die Früchte ihres Sieges und war auch ihrer Seits leichter ums Herz . So stand es mit allen Gliedern der kleinen Familie , als sie eines Abends bei der Baronin versammelt waren und heiter über ihre Zukunft sprachen . Der Marquis , überzeugt die Unruhen in Frankreich auf irgend eine Weise bald geschlichtet zu sehn , äußerte den Plan , den Winter über ruhig in Chambery zu bleiben , und dann erst zu bestimmen , ob sie nach Deutschland flüchten oder nach Frankreich zurückkehren wollten . Im letztern Fall , den Alle im Geheim als gewiß annahmen , erklärte er , daß er unverzüglich aus den Trümmern des eingeäscherten Schlosses ein neues , ganz im Plan des alten , erbauen werde , daß ihm die Stätte heilig , dieser Punkt auf der Erde durch Gesetz und Natur angewiesen sei , und er ihn auch , als die eigentliche Sphäre seiner Wirksamkeit , behaupten werde . Die Baronin ward durch das Feuer seiner Worte an seine früheste Jugend erinnert , und glaubte um so fester , er wolle von Anfang herauf ein ganz frisches , sicheres Leben beginnen . Giannina bat Marien leise