brauche nur 14 zu seyn - aufsuchen . Habe dieser junge Mann noch niemals aus Eitelkeit einem jungen Mädchen gefallen wollen - aus Liebe schade es nichts - und überhaupt noch keine bösen Gedanken gehabt ; so dürfe er nur ein Stückchen von dem feinsten Scharlache Nachts und Tags , drei Monate lang , auf dem Herzen tragen , und er könne damit das Mädchen retten . Wie so ? Ja , das Stückchen Tuch müsse ihr dann auch aufs Herz gebunden werden . Habe der junge Mensch aber , in der Zeit , wo er es getragen , etwas Böses gedacht oder gethan ; so helfe es nichts . Nun wie ging es ? Half es wirklich ? Ach sie haben keinen solchen jungen Menschen gefunden . Ich glaube es ! Aber du , Gretchen , könntest das einmal mit dem Maler versuchen . Ich hab ' es schon versucht . Du hast es versucht ? Ja ! aber auf eine andere Art. Die Dame setzte noch hinzu : wenn auch die Leute einen solchen jungen Mann gefunden hätten , wär ' es noch immer die Frage gewesen , ob er die Liebe des Mädchens gewünscht hätte . Dafür sey aber auch Rath . Man brauche nur nicht das Stückchen Tuch dem Mädchen gerade aufs Herz zu binden , sondern nur Alles , was sie an sich trage , und berühre , damit zu bestreichen , so werde sie doch gleich ruhig und alle ihre Leidenschaften gemässigter . Und du ? Ja , mein seliger Vater sagte immer , all dergleichen sey Aberglauben . Man sieht aber doch heut zu Tage , daß manches für Aberglauben gehalten worden , was es nicht ist , sondern wirklich tief in der Natur liegt . So dacht ' ich dann : hilft es nicht , so schadet es doch auch keinem Menschen , du kannst es immerhin versuchen . Du trägst ein solches Stückchen Tuch ? Ja , ich trage es . Und nach drei Monaten wirst du es ihm aufs Herz binden lassen ? Gott bewahre ! Warum Gott bewahre ? Es wäre ihm ja dann für immer geholfen . Ach Gott , nein ! ich mag es nicht ! Das ist sonderbar ! Du willst ihm helfen , und dann willst du es wieder nicht . Ach , gnädiger Herr ! - rief ich - Verstehen sie mich doch nur recht ! Ich will ja wohl , daß ihm geholfen ; aber nicht , daß er gezwungen werde , mich zu lieben . Ich sehe nicht ein - sagte er nun ganz heftig - warum du dich so sehr dagegen wehrst ! Liebe ist ja Liebe , sagst du , sie mag kommen , woher , und mag vermischt seyn , womit sie will . Wie schlecht er dich Anfangs auch liebt , er wird es schon einmal lernen . Ach , gnädiger Herr ! - rief ich nun , und konnte das Weinen nicht mehr zurückhalten - das hätte ich nicht geglaubt , daß Sie meine einfältigen Worte so gegen mich kehren , und so durch und durch bös auf mich werden würden ! Was ich Ihnen jetzt vertrauete , hat noch kein Mensch , ja meine Mutter nicht einmal erfahren . Nicht wahr ? - sagte er nun recht bitter lächelnd - es gereuet dich , daß du so aufrichtig warest ? Doch nein ! es darf dich nicht gereuen , und du mußt nun aufrichtig bleiben , sonst verliert ja der Scharlach seine Kraft . Das war mir nun ein rechter Stich durchs Herz . Ich riß das Stückchen Tuch hervor , hielt es ihm hin und rief : nehmen Sie es , gnädiger Herr ! wenn Sie das glauben . Sie haben keinen Freund , sagen Sie , und trauen keinem Menschen recht mehr , als mir . Aber nun trauen Sie ja auch mir nicht mehr , und da sind Sie noch viel unglücklicher als der arme junge Herr . Er sah mich mit grossen Augen an , nahm das Stückchen Tuch und betrachtete es von allen Seiten . Dann gieng er schnell damit zum Fenster - ich erschrack und dachte ; er wolle es hinaus werfen ; denn er glaubt doch nicht daran , das konnt ' ich an seinen Mienen sehen - verbarg es in seinen Busen und kam dann wieder ganz freundlich auf mich zu . Gretchen ! - sagte er - ich sehe nun wohl , daß wir beiden , der arme Maler , so wie ich , uns nur deines Mitleids zu erfreuen haben . Viel können wir uns freilich nicht darauf einbilden . Grosser Gott ! - rief ich - was könnten Sie sich denn auch darauf einbilden ? - Laß das ! - sagte er - untersuche das nicht ! Was wir auch könnten ; du hast uns davor geschützt . Geh lieber Engel ! ( es war närrisch , daß er mich nun mit einemmale einen Engel nannte , nachdem er kurz zuvor geglaubt hatte , meine ganze Aufrichtigkeit komme von dem Stückchen Tuche her ) . Ich habe mancherlei zu überlegen , besonders aber , wie ich dir meine grossen und manchfaltigen Schulden abtragen will . So nahm ich dann mein Körbchen , und ging voller Gedanken über all das Sonderbare , was ich von dem Fürsten gesehen und gehört hatte . Er ist wohl , wie sie immer gesagt hat , daß die Männer sind , aufbrausend und launisch , aber doch gleich wieder gut und herzlich , und gar nicht so , wie der Herr Vetter sagt , daß die Fürsten sind . Sie sieht auch , herzliebste Mutter ! daß ich ihr Alles , wie sie es verlangt hat , schreibe . Das werde ich auch immer thun , damit sie weiß , daß sie nicht nöthig hat , angst meinetwegen zu seyn . Nun lebe sie wohl , herzliebste Mutter ! Ich arbeite viel auf die Weihnacht für die Frau Präsidentin ; denn die Reihe der lieben Kinder ist gar zu lang , und sie kann es nicht allein bestreiten . Wenn der Bote aber zurückkömmt , habe ich doch einen ganzen Pack Geschriebenes wieder fertig . Man braucht nur ein bischen früh aufzustehen , so muß sich Alles schicken . Stephani an seine Verwandten . Sie wurde an einen der benachbarten Höfe mit verdoppeltem Gehalte berufen . Der Brief kam gerade an dem Tage , als sie zum erstenmale das Bett verlassen hatte . Sie gab ihn mir lächelnd und sagte : die guten Leute glauben , mit Geld sey Alles gethan . Aber ich will bei meiner Schwester ruhen , und gehe nicht weiter ; es sey denn , daß man mich gehen heißt . Ich hinterbrachte diese Worte dem Fürsten , und er kam am folgenden Tage , ihr das , was sie aufgeopfert hatte , zu ersetzen . Von jeder Krankheit ersteht sie schöner , und ich sah , daß ihr Anblick ihn abermals überraschte . Er gestand es mir , und versicherte , er werde sie um keinen Preis gehen lassen . Ihre Kunst sey unersetzlich . Und ihre Gestalt ! - rief ich . Das möcht ' ich nicht so geradezu behaupten - antwortete er . Kennen Sie etwas Schöneres ? - rief ich abermals . Ja ! - rief er eben so lebhaft ; aber es war sichtbar , daß er seine Lebhaftigkeit bereuete . Schon lange verbarg er mir etwas ; aber ich war zu sehr mit meinem Schmerze beschäftigt , auch mocht ' ich mich nicht aufdringen . So schwieg ich denn auch jetzt , und zeichnete , wie ich oft während des Sprechens zu thun pflege . Es war eine Gruppe spielender Knaben , welche ich auf dem Wege zu ihm mit Entzücken betrachtet hatte . Er ging kämpfend mit sich selbst auf und ab , blieb dann wieder eine Weile bei mir stehen , und betrachtete die Zeichnung . Himmlische Unschuld ! - rief er - Für wen die Knaben ? O ich weiß nicht ! Für mich selbst ! Lebende habe ich doch nicht zu hoffen . Unselige Leidenschaft ! Wenn ich so sehe , wie sie deine Jugendkraft verzehrt ! dich mir der Kunst raubt - dann möcht ' ich bereuen , was ich gethan habe , möchte sie ziehen lassen , möchte dich retten , um welchen Preis es auch sey ! Von ihr getrennt , wär ' ich gerettet ? - Ewig - verlöre die Kunst etwas an mir - ewig für sie verloren ! Mein Leben ruht tief in Rosamunden , nur von ihren Lippen empfang ich es wieder . Trennung ? - Wahnsinn ! Selbstmord ! Wohin sie auch geht , ich folge , so gewiß mein Schatten mir selbst . Unbegreiflich ! Warum ? Sie ist das Vollkommenste , was ich kenne . In ihr ruht eine Welt herrlicher Gebilde . Nur sie durchschaut mein Innerstes , kennt den leisesten Wunsch meiner Seele ..... Wie ? Und das Weib läßt dich verschmachten ? O wenn ich sie nicht gerade sehe , und durch ihre Schönheit bestochen werde ; ergreift mich oft eine ordentliche Wuth , und ich könnte das kalte , selbstsüchtige Geschöpf ermorden . Sie blüht schon dem Tode entgegen . Und zieht dich mit in die Gruft . Bei Gott ich fordre Rechenschaft von ihr ! Ich kann und darf es nicht länger mit ansehen . Du gehörst nicht allein dir ! du gehörst uns , der Kunst , der Welt ! Melde ihr , daß ich komme , daß sie sich bereit halte , entscheidende Antwort zu geben . Wann ? Morgen ! wenn es irgend meine Geschäfte erlauben . So wird es dann gut seyn - erwiederte ich , indem ich ihm die Geschichte ihres Lebens , die ich , seit ich sie empfing , beständig mit mir herumtrage , überreichte - dieses vorher zu lesen . Und hierauf entfernt ' ich mich schnell , ohne seine Antwort abzuwarten . Am folgenden Tage ließ er mich plötzlich , als ich gerade vor der Staffelei saß , rufen . Aber ich ließ ihm zurück melden , daß es mir , ohne Gefahr für mein Bild , welches mir theilweise eintrocknen würde , unmöglich sey zu erscheinen . Es seyen die spielenden Knaben . Wenn sie ganz untermalt waren , würde ich aufwarten . Er soll lernen - dacht ' ich - wofern er es noch nicht weiß , daß die Kunst , wie das Gemüth , frei ist . Aber er ließ mir sogleich zurück sagen : ich solle mich nicht stören . Er wolle sich gedulden , bis das Bild vollendet sey , und , wäre es ihm möglich , selbst lieber kommen . Diese plötzliche Nachgiebigkeit , diese tiefe Verehrung vor der Kunst , rührte mich dann wieder bis in das Innerste der Seele , und ich hätte ihm zu Füssen fallen , und Vergebung meiner Härte von ihm erflehen mögen . Er kam wirklich , war so liebe- , freudevoll , so entzückt von dem Bilde , so ganz entfernt zu ahnen , ich habe mich gegen ihn vergangen , daß ich wie vernichtet vor ihm stand , und nichts , als häßliche , falsche Scham mich abhielt , ihm meine tiefe Reue zu bekennen . Er gab mir die Handschrift zurück , gestand , daß sie ihm vieles erläutere , er aber dennoch auf Entscheidung dringen werde . Am folgenden Tage gingen wir zu ihr . Ich sah , daß er eine harte Anrede im Sinne hatte , aber im Augenblicke , da wir eintraten , verändert und im höchsten Grade verwirrt wurde . Sein Unmuth darüber war unverkennbar . Sich selbst und dem mächtigen Eindrucke zum Trotze , schien er nun seinen Vorsatz ausführen zu wollen . Wie gewöhnlich ging er mit grossen Schritten auf und ab , während ich mit Rosamunden die spielenden Knaben , die ich auf ihr Bitten hatte zu ihr bringen lassen , betrachtete . Endlich trat er auch zu dem Bilde , und rief , nachdem er es gleichfalls eine Weile betrachtet hatte : glückselige Mutter , die solche Kinder der Welt hinterläßt ! Wie arm ist das gepriesenste Weib neben ihr ! Nach wenigen Jahren ihre Spur nicht mehr zu finden ! Nutzlos verwelkt ihre Schönheit , verloschen in dem Andenken der Menschen ! Rosamunde sah schweigend vor sich nieder . Wozu seyd ihr da ? - fuhr er fort - als gleich Blumen das Auge zu ergötzen , das innerste Leben zu erquicken , und Früchte zu tragen ? Euer schnelles Verblühen predigt euch jeden Augenblick die treffende Aehnlichkeit dieses Bildes . Was seyd ihr ? was bleibt ihr , wenn Früchte nicht an euer kurzes Daseyn erinnern ? Blumen - antwortete sie lächelnd . - Blumen ! - wiederholte er spöttisch . - Die durch ihre Schönheit - fuhr sie sanft und heiter fort - das Auge ergötzen , das innerste Leben erquicken , nur keine Früchte tragen . Und wenn es bey dem Ersten nur bleibt ? Das Erste schließt das Zweite schon in sich . Alle Schönheit erquickt das innigste Leben . Sie kann auch zur Marter werden - rief er heftig - Darüber haben Sie als Weib keine Stimme . Sehen Sie ihn an ! - fuhr er fort , und sein Zorn stieg höher - Er stirbt ! und Sie haben ihn mir , der Kunst und der Welt ermordet ! Glauben Sie , daß ich das so dulden werde ? Ich sage Ihnen nein ! ich werde es nicht dulden . Von mir fordert ihn die Kunst , die Welt , und wüßten Sie , was das gesagt heißt , so würd ' ich sagen : von Ihnen . Aber Sie haben nur Gefühl für Ihren eigenen Werth . Doch stirbt Ihre Kunst mit Ihnen . Nicht so bei ihm ! er wird von ihr überlebt . Nach Jahrhunderten werden seine Bilder ergötzen , und Menschen über Erdennoth erheben . Ein unvergängliches Denkmal könnten Sie sich stiften , wenn Sie sein Leben verlängerten . Aber Sie verkürzen es , und so seyen Sie meines Hasses gewiß ; es sey denn , daß Sie plötzlich bereuen . Gern will ich auch Ihre Kunst meinem Volke erhalten , denn ich bin ihm dafür , wie für alles Schöne , was ihm als das höchste Bildungsmittel geraubt werden kann , verantwortlich . Aber dann eilen Sie , sich zu entschliessen ! Seyen Sie ein Weib , ein wahrhaft schönes , ein liebendes Weib ! Opfern Sie sich auf , und werden Sie - gelüstet Sie nach Ruhm - durch dieses Opfer grösser , als der , dem Sie sich opfern . Ich zweifele - erwiederte sie - daß er das Opfer annähme , und nähme er es an , so wäre er dessen nicht würdig . O ja ! - rief er , glühend vor Zorn - Er wär ' es ! er wär ' es ! Wem anders , als dem Manne , gehört die Schönheit der Frau ? Ich glaube - fuhr sie sehr sanft und lächelnd fort - sie gehöret ihr selbst ; so wie ihr Herz und ihr Leben . Wem sie es auch giebt , es ist ein freies Geschenk ; oder es giebt keine Freiheit mehr auf Erden . Er maß nun wieder mit grossen Schritten das Zimmer , blieb dann plötzlich vor ihr stehen , und fragte , wie er glaubte , sehr gefaßt ; aber mit blitzenden Augen - Wo aber soll das enden ? das frag ' ich Sie , und darauf will ich Antwort . Es endet mit meinem Leben - antwortete sie ruhig - und davon ist nicht viel mehr übrig . Täuschung ! Schwärmerei ! Wer , der Sie sieht , kann das glauben ? Wohlan Sie wollen nicht endigen ! so endige dann ich , auf eine Art , die Sie nimmermehr erwarten . Verstehen Sie mich ? auf eine Art , die Sie nimmermehr ahnen . Ich habe verstanden - antwortete sie . - Nein , Sie haben mich nicht verstanden ! - rief er - Ich kenne ein Mädchen , das schöner ist , als Sie ..... Ha sehen Sie ! erbleichen Sie nur ! Ja schöner ! Ein Mädchen , das nichts kennt , nichts weiß , als lieben . Ein Engel stralend von Unschuld . Sein Ideal , dafür bürg ' ich mit meinem Leben ! sein Ideal , das er aufgab , da er Sie kennen lernte , wähnend es sey auf Erden nicht zu finden . Es ist gefunden ! Jubelnd als Mann und als Künstler wird er bekennen , daß es gefunden ist . Mit unendlichem Preise gegen den Allgütigen , der ihn schon lebend in seinen Himmel erhob . Ja , ein himmlisches , tausendfältiges Leben wird er beginnen ! Unsterbliche Werke wird er hervorbringen . Dieser Engel , voll ewiger Unschuld und Liebe , das Urbild aller Schönheit wird er ihm werden , und sein Bild wird der Nachwelt den ewigen Frieden aus jedem seiner Werke zulächeln . Sie , o Sie sind verschwunden , vertilgt aus seinem Gedächtnisse ! Gedenkt er Ihrer , so ist es , wie einer schweren Krankheit , wo sein Geist verfinstert , seine Kraft gelähmt war , wo sein Schatten nur lebte . Wollen Sie das ? Wollen Sie , daß ich so endige ? Wofern nicht auch mein Geist gänzlich verfinstert ist , so muß ich das wollen . Wie ! Ist dieses Mädchen sein Ideal , kann es mich aus seinem Herzen vertilgen : so wäre ja das Opfer , was Sie fordern , zwecklos , widersinnig , ja schändlich ; denn ich verkennete durch dieses Verschleudern meines Herzens , meines Lebens , den Werth , welchen sogar Sie mir noch beilegen . Ist seine Liebe zu mir Krankheit , und geneset sein Geist nur durch Verbindung mit diesem Mädchen , wie eigensüchtig und hassenswürdig , ihn nicht genesen zu lassen . Nur dann , sagen Sie , wird sein wahres , sein himmlisches Künstlerleben beginnen , nur dann wird er die unsterblichen Werke hervorbringen , die nun mit ihm untergehen . Was fordert die Welt nun von mir ? was kann und muß sie nun fordern ? Daß er erhalten werde , um welchen Preis es auch sey , ja , daß , liebt ' ich ihn , sogar dieser Liebe nicht geachtet werde . Mit diesen Worten schien ein Lichtstral in seine Seele zu fallen . Er betrachtete sie mit schweigender Rührung , und sagte dann sanft : Warum aber , wenn sie ihn lieben , zwingen Sie mich zu dieser Härte ? warum wollen Sie ihn nicht sich selbst und uns Allen erhalten ? Es ist ja eben die Frage , ob ich dieses vermag ? Ja Sie vermögen es ! Das Herz hat seine Launen . Wie himmlisch auch mir und Vielen das Mädchen erscheint , Ihnen gehört nun einmal sein Herz , und über Verwandschaft der Geister läßt sich nicht rechten . Aber das Alles ist Täuschung . Sieht er das Mädchen , muß sie verschwinden . Doch was thut ' s ? hat doch seine Laune ihr freies Spiel gehabt . Mir Weggeworfenen , Nichtgeachteten mag das Herz nur brechen . Hat er doch Alles gekonnt , was er gewollt hat . Nun ging er wieder schweigend und heftig auf und ab . Sie strafen mich hart sagte er dann - für meine unbesonnenen Worte . Oft - erwiederte sie - scheint uns unbesonnen , was das Besonnenste ist . Indem Sie mir die Zukunft so wahr und treu vorhielten , wurden Sie mein Wohlthäter , und Ihre Härte wurde die höchste Güte . Sie haben mich mir selbst erhalten , mich vor dem grausamsten Spiele geschützt . Ein Spiel , was die Männer mit unserm ganzen herabgewürdigten Geschlechte treiben , und dessen Anblick mir das Herz schon lange empört und zerrissen hat . Ich will die Schmach dieses schändlich mißhandelten Geschlechts nicht länger mit ansehen . Ich bin dem Tode geweiht , will es seyn , wer darf es mir wehren ? Er trat jetzt schnell auf sie zu , wollte etwas sagen ; aber mußte sich abwenden , denn seine Augen füllten sich mit Thränen . Wie aber - hub er endlich an - wenn das Herz , was so oft Recht hatte , auch hier Recht gehabt hätte ? Wenn er , den wir für den Unvernünftigsten hielten , der Vernünftigste gewesen wäre ? allein Ihren ganzen tiefen Werth , gegen den auch ich leider verblendet war , empfunden und für alle Zeiten gewürdigt hätte ? Wenn seine Ahnung , daß Nichts sie ersetzen kann , Wahrheit würde ? er sich Ihnen nach ins Grab stürzte , und Sie jenseits erränge ? O wenn er für uns dennoch verloren wäre ! Wer wäre Schuld daran ? - rief ich durch dieses Aufzählen meiner Schmerzen aus trostloser Betäubung erwachend - wer wäre Schuld daran , als die , welche dieses hohe , und wahrhaft liebende Wesen irre machten über seinen tiefen und ewigen Werth . Wer wäre Schuld daran , als die , welche mein Herz besser verstehen wollten , als ich selbst . Längst wäre sie mein , hätten grausame Vernünftler mich nicht für Augenblicke geblendet , und mir ihre verwirrten Ansichten aufgedrungen . Ach sie trauet nicht mehr der Kraft meines Herzens ! Jetzt ist sie verloren , und ich bin es mit ihr ! Nein ! - rief er - du bist es nicht und sollst es nicht seyn ! Nicht wir allein haben geirrt ; auch sie . Hatte sie nicht in ihrem eigenen Herzen den Maaßstab ihres Werthes ? mußte sie sich von uns Kurzsichtigen bethören lassen ? Hätte sie deine Wünsche erfüllt , längst wären wir beschämt . Sie wird sie erfüllen , denn sie hat ein liebendes Herz , und unser aller Trauer wird sich in Freude verwandeln . Sie lächelte ; aber ihr Lächeln war ein Stral der untergehenden Sonne , und in meinem Herzen blieb die Trauer . Gretchen an ihre Mutter . Endlich , herzliebste Mutter ! kann ich einmal wieder schreiben . Wir haben Nacht und Tag auf die Weihnacht gearbeitet . Dafür ists aber auch eine Freude geworden , wie ich in meinem Leben nicht gesehen habe . Die Frau Präsidentin macht es recht klug . Alles , was die Kinder das ganze Jahr durch nöthig haben , spart sie auf die Weihnacht . Sie hätten - sagt sie - tausendmal mehr Freude daran , und hielten es viel werther . Der Herr Präsident ist ein vortrefflicher Herr ; aber doch ein bischen sehr ernsthaft , und meint , die Frau Präsidentin mache gar zu viel aus dem Feste , und für die ältesten Kinder sey das ganze Wesen nicht mehr passend . Die Frau Präsidentin aber meint , man könne gar nicht genug aus dem Feste machen . Es sey die traurigste Zeit im ganzen Jahre , und ein wahres Glück für Groß und Klein , daß das Fest gerade in diese Zeit falle . Was den Kindern an Spielen in freier Luft abgehe , ersetze die Freude vor und nach Weihnacht . Sie halte ihren Geist munter , und stärke sie gegen vielerlei Unarten , und mit dem wildesten Buben sey im ganzen Jahre nicht so gut auszukommen . Das giebt dann der Herr Präsident für die Kleinen wohl zu ; spricht aber doch immer von der Unschicklichkeit für die Grossen . Die Grossen , sagt aber die Frau Präsidentin , seyen eben die Hauptsache . Sie wissen Alles , was die Kleinen bekommen , helfen es mit herbeischaffen und zubereiten , und freuen sich tausendmal vorher über die Freude der Kleinen . Sie geben sich auch um diese Zeit ein viel weniger gelehrtes Ansehen gegen sie , schlichten mancherlei Streitigkeiten , eben weil sie Freude im Sinne hätten , mit Güte , und gestern haben sie ihnen noch zugerufen - sie habe es im Nebenzimmer gehört - ach wer will sich denn streiten ! hört ihr denn nicht die Glocken ? es geht ja auf Weihnacht ! Nun immerhin ! - sagte der Herr Präsident , und lachte doch wieder recht freundlich - aber das sag ' ich dir ! in meiner Nähe kann ich den Spectakel nicht mehr dulden . Meine Geschäfte leiden darunter . Der Saal - meinte die Frau Präsidentin - sey ja noch zwei Zimmer von dem seinigen entfernt . Nichts ! nichts ! - rief aber der Herr Präsident - der ganze Troß läuft dann von Morgen bis Abend auf und ab , und des Thürzuschlagens wird kein Ende . So blieb uns dann nichts übrig , als Herrn Stephani ' s Vorzimmer ; denn im Wohn- und Eßzimmer ist man keinen Augenblick sicher vor den Kleinen . Seit Rosamundens Krankheit war auch Herr Stephani noch keinen Abend zu Hause ; sondern entweder bei ihr , oder bei dem Fürsten . So schaften wir dann in der Dämmerung den grossen Tisch mit allem Zubehör herein , und putzten so prächtig auf , daß die ältesten Kinder vor Freude auf den Stühlen herumsprangen , und die Frau Präsidentin genug zu wehren hatte . Da nun aber Alles fertig war , umringten sie sie mit einemmale und riefen : ach du allerweltssüsseste Mutter ! - so nennen sie sie immer , wenn sie recht bitten wollen - nun thue uns aber noch einen einzigen Gefallen ! mach ' es nun einmal ganz so , wie die andern Leute , und laß auch ein Christkind dabei kommen ! Sieh ! Gretchen kann das Christkind seyn . Gieb ihr dein silberflornes Kleid ! Wir haben schon eine Krone von dem Stück Goldstoff , was du uns schenktest , gemacht , und vom Hofgärtner einen Palmzweig dazu bekommen . Wir haben die Krone schon vor acht Tagen gemacht , mochten sie dir aber nicht zeigen . Sonst hättest du es dem Vater gesagt , und der hätt ' es nicht gelitten . Nun aber , wenn es so mit einemmale kommt , wird er sich prächtig darüber freuen . Du weißt es ja ! wenn er auch manchmal etwas nicht leiden will , freuet er sich doch nachher darüber , und sagt dann : so , ja so wäre es ganz anders , als er gedacht hätte . Und es macht ja auch gar keine Unruhe , und Gretchen zerreißt dir auch nichts an dem Kleide . O allerweltssüsseste Mutter ! thue es nur ! Und so liessen sie nicht nach , bis sie endlich Ja nickte . Nun wurde ich geschwind in der Frau Präsidentin Kammer gezogen , bekam das silberflorne Kleid an , den Palmzweig in die Hand , und die goldene Krone dazu auf . Meine Haare wurden ganz lang herunter gekämmt , und da sie sich ein wenig locken , paßte es recht gut dazu . Aber es war spät über dem Allen geworden , beinahe wären die Kleinen eingeschlafen ; da sie aber das gewöhnliche Zeichen mit der Glocke hörten , wurden sie Alle wieder munter , und stürmten nun mit einemmale herein . Aber , mein Gott ! wie wurde mir ! als Herr Stephani , der Fürst und der Herr Präsident hinter ihnen her kamen . Ich stand oben am Tische , und sollte mich gar nicht rühren ; hätte aber vor Zittern bald den Palmzweig fallen lassen . Nun wurden mich auch erst die Kinder recht gewahr , und riefen mit einemmale : ach Gretchen ! Gretchen ist das Christkind ! Ich hätte in die Erde sinken mögen , so schämte ich mich . Nun trat aber noch Herr Stephani hinzu , und betrachtete mich so erstaunt , als hielte er mich für ein wirkliches Christkind . Darüber kamen mir dann vor Verlegenheit die Thränen in die Augen , und ich wurde so bestürzt und betäubt , daß ich gar nicht mehr wußte , was ich anfangen sollte . Die Kinder hatten sich indessen an die Spielsachen gemacht ; aber Herr Stephani stand noch immer unbeweglich und staunte mich an . Ach Gott ! hätte mir ein Mensch von meinem Putze geholfen , ich hätte ihm Alles zu Gefallen gethan . Vor Angst bekam ich entsetzliche Kopfschmerzen , die vielen Lichter blendeten mich auch , und ohne mehr recht zu wissen , was ich that , nahm ich die Krone ab , und gab sie mit dem Palmzweige Herrn Stephani . Ich wollte nun geschwind hinauslaufen ; aber die Knie zitterten mir so schrecklich , daß ich kaum die paar Schritte zur Thüre machen konnte . Das war aber gewiß ein grosses Glück ; denn sonst hätt ' ich vor Angst das ganze Kleid zerrissen . Die Frau Präsidentin kam gleich hinter mir her , und sagte , der Herr Präsident habe befohlen , ich solle den Abend mit an ihrem Tische essen . Das war nun gewiß eine grosse Ehre ; konnte sie aber doch nicht annehmen ; sondern mußte zu Hause gehen , und mich geschwind zu Bette legen . Mir war , als hätt ' ich ein Fieber ; fiel aber doch bald in Schlaf , und wachte den andern Morgen , beim herrlichen Glockengeläute , frisch und munter wieder auf . # # # Ich war wohl eigentlich nicht krank ; sondern nur von dem vielen Nähen bis tief in die Nacht , und von dem Schrecken , sehr angegriffen . Nach der Kirche ging ich aber doch gleich wieder zu der Frau Präsidentin . Lieber Gott ! was hatt ' ich aber da wieder für ein freudiges Schrecken ! In der Frau Präsidentin Stube war für mich beschert . Ich wollt ' es Anfangs gar nicht glauben , daß das Alles für mich seyn sollte . Aber die Kinder riefen immer : ja , Gretchen , es ist Alles für dich ! Nimm ' s nur ! nimm ' s