konnte bis zum Morgen nicht einschlafen . Alle ihre gegenseitigen Briefe sind durch einen Zufall , den wir später erzählen , verbrannt worden ; sie beschäftigten ihn so ernstlich wie Staatsangelegenheiten , und kam irgendwo Feuer aus , so war immer sein erster Gedanke , wo er die geliebten Briefe ganz sicher wissen möchte . Diese viel geküßten Briefe seiner Dolores stellten recht lebendig manche kleine Begebenheiten dar , die sich in der Stadt ereigneten ; sie selbst aber hatte immer ein gewisses stolzes Vergnügen sich kalt wie eine Götterstatue über der jauchzenden Volksmenge zu denken . Klelia hatte einige Ängstlichkeit in ihren Briefen , sie enthielten manche quälende Betrachtung über den eignen Seelenzustand , ihre Strenge vergrößerte ihre Fehler ; ihre Freundschaft , da sie der Liebe noch ermangelte , nahm ohne ihr Wissen alle Ausdrücke feuriger Leidenschaft an . - Der Graf fühlte zuweilen , daß sie ihm beide nicht schrieben , was ihm das Wichtigste , die kleinen Verhältnisse ihres täglichen Lebens , wohin sie gebeten worden , was sie da gesprochen ; lauter Dinge , die ihm dringend notwendig waren , um jeden Augenblick ihrer mit Wahrscheinlichkeit bewußt zu werden , und so blieb er immer bei den nächsten Tagen nach seiner Abreise stehen , wo sie zum Prediger der Stadt gehen wollten . Er selbst merkte nicht , daß er eben so wenig treffe , was sie von ihm wissen wollten ; was ihm begegnete , schien ihm ganz unwert so herrlichen Wesen erzählt zu werden , auch waren seine sterndrehenden Phantasien , halb in Versen , meist mit flüchtiger Feder so eng geschrieben , daß oft keine der Schwestern sie heraus zu buchstabieren vermochte . Aber jeder seiner Briefe war doch beiden eine Freude ; er aber lebte in beider Briefen , lebte darin so schöne selige Stunden , sie waren ihm die höchste Belohnung für jede Arbeit , es schien ihm verdienstlich , wie bei manchen älteren Religionsbüchern ausdrücklich gesagt wird , sie oft durchzulesen , der Briefbote war sein bester Freund , er ahndete sein Kommen . Der Winter verging ihm langsam und schnell , langsam in der Erwartung , schnell wenn er überlegte , daß schon wieder ein Monat überwunden ; lange vorher , ehe der Frühling die Vögel um die Erde führt , sang ihm der Dompfaffe , den ihm Dolores in schöner Stunde geschenkt hatte und den er in seiner polnischen Mütze fortgetragen hatte , die wunderbare Melodie des Liedes : Liebend , um geliebt zu werden , Reis ich um die grüne Erde ; Ach wo wird der Blick mich finden , Der mich bindet , Und an welchem frommen Herde Bleib ich , um geliebt zu werden . Zweite Abteilung Reichtum Erstes Kapitel Geschichte der beiden Gräfinnen in der Abwesenheit des Grafen Karl Klelia reist nach Sizilien Das Schloß und die übrigen Lebensverhältnisse unsrer beiden armen Gräfinnen hatten sich während dieses Winters durch die Freigebigkeit des Grafen , der ihnen auf dem bekannten Wege durch den Gastwirt beinahe seinen ganzen Wechsel sendete , und nur das Notdürftigste für sich behielt , bedeutend bequemt und verschönert . Gegen die Bitten der eingezogenen Klelia hatte Dolores ein paar Zimmer des besten Stockwerkes in Ordnung gebracht , zwar möglichst sparsam mit altertümlichem Zimmergeräte aus dem fürstlichen Schlosse , das eben versteigert wurde , aber doch anständig genug , um wieder Gäste zu empfangen . Sie fühlte seit den sechs Wochen , deren sie in des Grafen Gesellschaft froh geworden , ein Bedürfnis der Geselligkeit ; sie erneute die alten Bekanntschaften mit den vornehmen Stadtbewohnern , da fand sie manchen jungen Mann recht schön angewachsen , dem sie schon als Kind geneigt gewesen ; diese mochte sie nicht vermeiden und ihre Gläubiger ließen sich nicht abweisen , und so fanden sich oft unerwartet die Zimmer ganz voll , sie aber war der schöne Mittelpunkt aller dieser Bemühungen . Klelia war wohl auch schön zu nennen , aber der ganze Ernst ihrer Erscheinung rückte sie über die Ansprüche des größeren Haufens hinaus ; keiner wagte sich ihr mit einer leeren Schmeichelei , oder mit einem bloßen Flickworte der Unterhaltung zu nähern , darum fand sie mancher zu kalt , zu gescheit und wenig unterhaltend . Dolores stellte gern jede Sonderbarkeit recht grell aus , sie fühlte sich erleichtert , wo sie dem allgemeinen Sinne für das Passende und Gefällige auf eine ungemeine Art getrotzt hatte ; die Männer kannten ihren Vorteil über jedes Mädchen der Art , sie mußte ihnen viel ärgere Sonderbarkeiten durchgehen lassen ; beides war der frommen Klelia verhaßt , ja sie würde die Gesellschaften vielleicht ganz gemieden haben , wenn ihre Gegenwart der Schwester nicht wohltätig gewesen wäre , um die verschiedenartigen Menschen in Zaum zu halten . Diese verschiedenartigen neuen Eindrücke , welche die Gesellschaft auf die Gräfin Dolores machte , verdrängten den Grafen immer mehr aus ihren herrschenden Gedanken ; ihre Briefe zeigten davon keine Spur , die Feder führte sie unbewußt immer wieder in die alte Gegend zurück und dem Grafen war alles herrlich , was ihn daran erinnerte . Ihr Gefühl schlug überhaupt hell und laut an nach der Art wie es berührt wurde , aber der Nachklang dieser Glocke ging in den nächsten Schlag des Hammers über und vermischte sich damit ; die Zärtlichkeit , die der Graf in ihr erweckt hatte , überraschte sie jetzt in der Nähe jedes liebenswürdigen Mannes ; nun fühlte sie sich freilich so an ihn gebunden , daß sie dies zu keiner eigentlichen Äußerung kommen ließ ; aber junge Leute in unseren Tagen verstehen sich schon auf Blicke , und also machte sie ihnen wenigstens falsche Hoffnungen , und des Grafen Bild verschwand allmählich so weit , daß sie ihre Karikatur aufsuchen mußte , um sich seiner zu erinnern . Eine schöne fromme Seele ist wie das Tüchlein der heiligen Veronika , auf welchem das Bild des Geliebten ohne Malerkunst in ewiger Treue abgedrückt bleibt , alles ist ihr reine Erinnerung von ihm , unverschönert , denn das bedarf er nicht , unverhäßlicht , denn das leidet sie nicht ; dagegen erscheint eine leichte Weltseele als ein Spiegel , der freilich alles Nahe , das Schöne und Häßliche mit einer Lebendigkeit faßt , daß es ganz davon aufgenommen scheint , aber nur das Sichtbare berührt sie ; jenseit eines schmalen Gebürges liegt ihr schon eine Ferne , die sie nicht verbinden kann , und über alles Vergangene fährt auslöschend eine Sündflut her . Wie treu bewahrte Klelia ihre Freundschaft zu dem Grafen , während ihn Dolores tagelang in ihren Umgebungen vergaß , und wie töricht legte sich der Graf , der Meinung seiner Mutter eingedenk , daß nie bloße Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern gefunden werde , jene Äußerungen warmer Freundschaft als eine unselige Liebe aus , die sich selbst nicht verstände und die er bekämpfen müsse . Diese kalten Briefe wirkten vielleicht mehr als die äußerlichen Vorteile und die Rücksichten auf ihre Gesundheit , sie zur Annahme eines Vorschlags zu bestimmen , der sie ihrer Schwester und dem Grafen auf längere Zeit entriß . Eine ihrer Basen , die würdige Frau eines Schweizer-Obersten in Sizilien , war von ihrem Manne zu einer schnellen Abreise dahin bestimmt ; da ihre Kinder gestorben , so wünschte er ein paar seiner ärmeren Anverwandten sich zu gewöhnen , und in sein Haus zu nehmen , um ihnen den Mitgenuß seiner reichlichen Einnahmen und seines angenehmen Hauses zu schenken , wenn er ihnen gleich kein bedeutendes Vermögen hinterlassen könne . Sie machte den beiden Gräfinnen den Vorschlag , ihr Glück in jenen entfernten schöneren Klimaten zu versuchen . Wir wissen , was Klelia zu der Annahme dieses Vorschlages bestimmte ; auch die schmerzliche Erinnerung an ihre Eltern und das Unerträgliche von fremden Wohltaten zu leben , hatten Anteil an dem Entschlusse ; wie sehr erstaunte sie aber , als Dolores ganz rücksichtslos sich auch für die Mitreise erklärte . Das Fremdartige des Unternehmens reizte sie , daß sie viele , und viele von ihr sprechen würden ; der blaue Himmel , die Musik , der Karneval , endlich die Kunstdenkmale , an denen sie ihr Malertalent ausbilden wollte , der ganze Feststaat , den tausend Beschreibungen um den Namen Italia gelegt haben , das alles rauschte vor ihr über , und die vernünftigen Vorstellungen der Schwester , eine nahe vorteilhafte Heirat mit einem geliebten Manne der bloßen Neugierde nicht aufzuopfern , genügten ihr nicht davon abzustehen ; die Obristin mußte ihr , nachdem sie die Umstände erfahren , den Platz in ihrem Wagen ausdrücklich versagen . Wir , die wir den Ausgang kennen , wünschen , sie wäre dem Winke ihrer Natur gefolgt , der Natur , die sich in ihrer Sehnsucht und Laune selten ungestraft widersprechen läßt , denn sie allein weiß , was sie will , wir aber wollen , was wir nicht wissen . Klelia reiste mit schwerem Herzen aus dem väterlichen Hause , Dolores hatte ihre Ermahnungen nicht anhören wollen ; sie ließ ihr ein schriftliches Vermächtnis , das diese zerstreut und weinend über ihr Schicksal wohl durchlas , aber in keiner Hinsicht beachtete . Statt der Erinnerung zu folgen , allen den Gesellschaften zu entsagen , die ihrem künftigen Leben meist ganz unangemessen , suchte sie sich vielmehr für alle entbehrte italienische Luft zu entschädigen . Die Stadtbälle , die sie sonst aus gemeinsamem Stolze wie ihre Schwester verschmäht hatte , wurden ihr ganz notwendig ; sie wollte sich eben so in Kleidern auszeichnen , wie sie durch Schönheit hervor leuchtete , und so verschwendete sie sehr schnell , was der Graf sich abgespart , und was die Obristin ihr verehrt hatte . Auch ihre Lust am Reiten kam ihr wieder ; sie wußte , wie verhaßt dies dem Grafen an Frauen war , der darin einen besondern Trotz gegen die öffentliche Meinung ahndete , die an kleineren Orten Deutschlands gewöhnlich hinter den Reiterinnen herlacht und jeden kleinen Unglücksfall mit Spott wiederholt und vergrößert . Natürlich schrieb sie ihm nichts von dem allen , sie suchte die einsamen Stunden eines allgemeinen Überdrusses auf , wo die Sehnsucht nach seinem vetraulichern Umgang ihr wiederkehrte , um ihm so schmachtend , so süßtraurend zu schreiben , wie eine Braut des Himmels ; es war das gar keine absichtliche Verstellung , sie hätte aber wahrlich keine andre Zeit dazu finden können und in den Stunden war es ihr Ernst . Eins unterscheidet das reine Gemüt und das große Talent , die Einheit seines ganzen Daseins , mannigfaltig wie Gottes Welt . Das kleinliche Gemüt ist gleich dem besten Menschenwerke aus widersprechenden Stücken zusammengesetzt , unter denen manches herrlich sein kann , aber es muß aus dem Zusammenhange herausgerissen sein , um ganz gewürdigt zu werden . Zweites Kapitel Graf Karls Rückkehr zur Gräfin Dolores . Mißvergnügen und Streit Unserm befreundeten Grafen gaben endlich die Osterferien volle Freiheit zu seiner Braut hinzuwandern , jeden Tag hatte er bis dahin an seiner Türe ausgestrichen , alles war voraus eingepackt , geordnet , der Abschied war genommen , und einsam wie ein Pilger nach heiligen Orten , voll Gedanken fromm und rein , in denselben alten , an der Sonne verschossenen grünen Husarenkleidern , schritt er eifrig über Berg und Tal , ohne Umsehens , schweigend in sich , dem hohen Ziele seiner Wallfahrt zu . Und wie er sich dem näherte , immer höher schlug ihm sein Herz , und als er wieder auf dem Felsen saß , wo er sie zuerst belauscht , wie sie Linnen begossen : weicher kann kein König sitzen , der lange vertrieben seinen Thron fest und unbesetzt wiederfindet . Die Sonne stand ihm im Abendscheine gerade gegenüber , sie blendete ihn und erweckte vor seinen Augen eine Welt von Blumen , wie es kaum die Morgensonne vermag ; endlich konnte er hinuntersehen , wo ihn das Linnen sonst geblendet ; er wischte sich die Augen , so viele springende Funken erschienen vor ihm . Endlich unterschied er Dolores , wie sie mit verbundenen Augen zwischen einer Zahl junger Herren und Mädchen ein Haschen spielte . Was war unschuldiger als dieses Kinderspiel und doch gehörte es nicht zu ihr , wie er sie gekannt , wie sie sich und ihre Stimmung und ihre Lebensweise in ihren Briefen dargestellt hatte ; sie hatte sich in einen Edelmut und Heiligkeit verwegen hinein geschrieben , die sie nun jeden Augenblick ableugnen mußte ; die Briefe waren kein Schattenriß von ihr , sondern eine abgestreifte glänzende Haut , von der sie sich gern zu gewissen Zeiten befreite , um dann um so gelenkiger in ihrer eigentlichen Natur sich zu bewegen . Das alles bemerkte der Graf mit einem tiefen Ingrimm , den er noch nie in sich gespürt ; fluchte , als sie einen jungen Mann erhaschte , der sich lange wehrte , bis sie die Binde sich von den Augen gerissen und ihn erkannt hatte . Nun kniete der junge Mann vor ihr nieder und sie verband ihm die Augen und spielte dann so artig mit den Händen vor ihm herum , ihn zu prüfen , ob er sehen könne , bis er die eine Hand ergriff und einen Kuß darauf drückte ; nun sprang der Malm gleichgültig auf und das Spiel begann in der bekannten Art. Der Graf dachte , wie dankbar er für solche Gunst würde gewesen sein , und da träumte er sich so hinein , daß seine Neigung die Eifersucht bald niedergekämpft hatte . Jetzt wurde sie wieder gefangen und augenverbunden ; er freute sich an ihren zierlichen Bewegungen , und als er sich an der Mauer möglichst genähert hatte , lief sie einmal wild suchend so schnell nach der Gegend , daß der Luftstrom das feine weiße Kleid so dicht anwehete , daß der ganze Umriß ihres schönen Wuchses deutlicher , als er ihn je gesehen , ihm entgegentrat : welche Fülle im schönsten Ebenmaße ! Jetzt hielt er sich nicht mehr , er sprang über die Mauer und mischte sich unter die laufende Menge , der es nicht befremdlich war , noch durch einen Gast vermehrt zu werden . Der Graf nahm sich absichtlich so ungeschickt , daß Dolores ihn fing ; wie war sie überrascht , als sie heißatmend ihre Binde lüftete , ihren Geliebten zu sehen , aber leider wie verändert . Das ärmliche eingezogene strengfleißige Leben hatte ihm wohl etwas von der Frische genommen , in der er das erstemal erschien , und die Liebe , die in ihm verschlossen , und die Sonne , in der er selig träumend , ihrer gedenkend , oft stundenlang gelegen , hatten ihn gebräunt ; mehr aber entstellten ihn in ihren Augen die verschossenen Kleider , die schmutzige Wäsche und vor allem die Vergleichung mit gar vielen schöneren , größeren Männern , die sie unterdessen kennen gelernt und die ihn zum Teil in der Gesellschaft neugierig umstanden . Damals in ihrer Einsamkeit war er ihr als der Schönste erschienen , so hatte sie ihn allen ihren neuen Bekannten beschrieben , damals hatte sie ihm rücksichtslos , weil niemand sie störte , jede Liebkosung gewährt , jetzt wäre ihre große Vertraulichkeit leicht ein Gegenstand übler Nachrede für die Mädchen der Gesellschaft geworden ; das alles wirkte auf sie , ohne daß sie es einzeln deutlich dachte ; so froh sie erst aufjauchzte bei seinem Anblicke , so folgte gleich eine verwundernde Stille . Der Graf wollte sie küssen , sie kam ihm etwas mit dem Munde entgegen , dann zog sie ihn wieder zurück ; der Kuß kam zustande , aber wie ein Wappenabdruck , wenn das Siegellack schon kalt geworden ; genug , die Wonne , die er in ihrem ersten Gruße erwartete , die fand er nicht . Das machte ihn nachdenkend ; statt der tausend Dinge , die sich ihr vorher mitteilen wollten , fiel ihm jetzt kaum ein unbedeutendes Wort ein zum herzlichen Gruße . Die Lebhaftigkeit der Dolores suchte das auszugleichen , und zu vergüten ; sie neckte alle , sie neckte ihn und suchte sich vor ihrem Geliebten in der ganzen Pracht ihrer neuen geselligen Ausbildung zu entfalten , die bei Mädchen des Alters häufiger als bei Männern in eine Art unbändigen Geschwätzes übergeht . Es war ein böser Streich , den ihr die Eitelkeit spielte ; dem Grafen schien es ein entsetzliches Geschrei ohne allen Sinn und Geschick , ein dummdreistes Zudecken der Verlegenheit mit Verlegenheit , unzierlich , leer und absprechend ; es schien ihm , all und jeder fände darin seine Stelle , nur er nicht mit seiner Gesinnung , mit seinem Ernst , mit seiner Laune - und nun schmerzte ihn die Abwesenheit der guten Klelia doppelt , die sicher alle schreiende Farben dieses Bildes in einen milden Schatten gestellt hätte . Gern wäre er mit Dolores einige Augenblicke allein gewesen , aber sie gab keine Gelegenheit dazu ; und da die Gäste keine Lust bezeigten , sich seinetwegen zu beurlauben , so entfernte er sich ihretwegen , indem er eine Ermüdung nach langer Reise vorschützte . Dolores glaubte daran und merkte nichts von seinem Unmute ; sie horchte , was jeder von ihm sagen würde , und lobte ihn allen mit vieler Beredsamkeit , bis einer ihr so heimlich schmeichelnd sagte : » Ich weiß nicht , ob Sie schöner oder gütiger sind , aber das weiß ich , Ihr Geist setzt alles durch , macht die Stummen geistreich ; gestehen Sie ' s nur , Sie selbst können nicht blind sein ? « - Sie lächelte und die Unterredung war aus , die Gesellschaft ging aus einander und einer sprach heimgehend zum andern : » Schade , hätte das hübsche Mädchen Geld , so brauchte sie den ungeschliffenen Grafen nicht zu heiraten ; lieben kann sie ihn unmöglich , ich hab ' s ihr wohl angemerkt . « - » Nun da gibt ' s gute Zeit für uns junge Leute « , meinte scherzend ein alter Hagestolz . Graf Karl sah die Gesellschaft die Straße herunter bei sich vorüber gehen , er hatte sich eine Wohnung in der Nähe der Gräfin gemietet ; er würfelte mit seinen Gedanken in Gedanken , ihm war es einerlei , ob er etwas oder nichts geworfen ; in dieser Gesinnung sind die folgenden Verse damals von ihm ins Tagebuch geschrieben : Da steh ich an meinem Fenster , Und sehe doch nicht heraus , Da gehen so viel Gespenster , Die tauschten mein Liebchen mir aus . Das sind so geistreiche Männer , Die sprachen mit Liebchen so tief , Bis sie von allem die Kenner , Was in der Seele noch schlief ; Das haben sie aufgewecket , Noch eh ' es recht wachen konnt , Und haben sich mit genecket , Als wenn der Mondschein sich sonnt , Die Seel ist ihr ausgetauschet , Sie war mir ja sonst so lieb , Wo nun ihr Geschrei mir rauschet , Da mein ich , es werde so trüb . Ich hatte so fromm sie verlassen , Als trostlos ins Städtlein ich ging , Sie tät noch so heimlich da spaßen , Ich mußte ihr messen den Ring ; Zwar lang mußt im Städtlein ich warten , Bis ich ein Ringlein ihr fand , Der Feinen und der Vielzarten , Das paßte an ihre Hand . Da bin ich auf Freunde gestoßen Und sagt es doch keinem nicht , Warum die Tränen mir flossen Froh über mein Angesicht , Und will es auch keinem hier sagen , Warum ich nun traurig und stumm , Denn alle Worte versagen , Wo alles geht so dumm . Denn wie ich zurückgekommen , Da saßen so viele beim Schmaus , Die hatte sie aufgenommen , Mir blieb da kein Plätzchen im Haus . Da fehlt es an Schüssel und Teller , Zwar gab sie das Beste mir gern , Doch waren die andern viel schneller , Es sorgten für sich nur die Herrn . Sie hatten sich selber geladen , Und rühmten sie alle so sehr , Das muß ihr wahrlich noch schaden , Daß sie so vorlaut wär ; Sie hat den einen geschlagen , Er wußte gar nicht warum , Den andern auf Händen getragen , Ich saß da betreten und stumm . Da hat mich der eine betrogen , Gar heimlich um meinen Ring , Ihn auf ein Bändlein gezogen , Im Kreise er da ging ; Ich kann wohl beten und singen , Doch weiß ich nicht für was , Vor Ärger möchte ich springen , Wenn das noch heißt ein Spaß ! Was steh ich und sinn über andre , Und bin nicht recht bei mir , Viel lieber geh ich und wandre , Viel tausend Meilen von hier ; Viel tausend Meilen und weiter , Geh über und unter im Meer , Drin steht eine Himmelsleiter , Ach wer nur im Himmel erst wär . Kaum hatte er diese Worte geschrieben , so übte die Ermüdung ihr Recht ; er warf sich unausgezogen auf den Sessel am offenen Fenster und betrat die ersten Stufen der Himmelsleiter , auf denen sich der Mensch ohne zu schwindeln erhalten kann . Frische Jugend , reich an Hoffen , wie der Frühling an blauen Blumen , jeder Morgen weckt neue für die abgeblühten am Abend , deren Stelle kaum mehr zu finden , unzählige Knospen warten noch ungeduldig auf ihre Entfaltung ! Am Morgen , der ihn aus schönem Traume zum schöneren Leben erweckte , war des jungen Mannes Gram von der Brust , die am offenen Fenster voll Tau hing , bald mit diesem hinweggesonnt ; der Wind trieb das Zimmer voll Blüten aus dem Schloßgarten her ; die Ebene von den einzelnen Baumreihen der abgeteilten Gärten durchschnitten , wo jeder Zweig ihm altbekannt , hallte vom alten Jubel ; er schalt seinen Argwohn , der ihm den Genuß der ersten Freude getrübt hatte , eine Torheit , eine Krankheit , eilte hinunter , im vorbei rauschenden Flusse sich rein zu baden und aus zu frieren . Als er so im Flusse gegen den Strom sich zu erhalten strebte , sah er ferne in dem gräflichen Schlosse ein Fenster sich öffnen ; es war Dolores , die er wohl zwischen den Gesträuchen durch , aber sie nicht ihn erkennen konnte ; wie Tantalus spannte er die Arme nach ihr aus , und dachte mit seliger Zuversicht : Du siehst mich nicht , du schönster Apfel der ganzen Flur und meine Hände können dich nicht erreichen und doch bist du mein , bald mein , und ich bin bei dir ; wohl mir , daß ich nicht bin wie die Erle und wie die wilde Rose neben mir , die auch ihre Ärme zu dir ausstrecken ; ich kann wandeln über Berg und Tal , durch Luft und Wasser und bald bin ich bei dir , und du reichst mir die Hand ! - Wir wollen nicht lächeln , daß ein Mensch sich einmal freut ein Mensch zu sein , verfluchen es doch so viele und verleugnen es . - Er zog sich zierlich an , Weste und Pantalons von rot und weiß gestreiftem Sommerzeuge , eine rund geschnitten Jacke von leichtem grünen Tuche ; so trat er in das Zimmer der Gräfin , die ihn in einem gegen die gestrige Pracht allzu sehr vernachlässigten , durchgestoßenen Morgenanzuge von dem fatalen Zeuge , das Sanspeine genannt wird , empfing , doch ganz die alte in Liebenswürdigkeit und Zutraulichkeit . Mit vieler Laune spottete sie über einen großen Teil der Gesellschaft , die ihr nur zur Zerstreuung wegen der Abwesenheit ihrer Schwester dienen sollte . Der Graf deckte nun ein Paket auf , wonach sie neugierig geblickt hatte ; oben auf lag der Verlobungsring , den er ihr aus der Nachlassenschaft seiner Mutter verehrte : die zwölf Apostel , jeder mit seinem Zeichen , bildeten in halberhabener Silberarbeit den Reifen ; in ihrem Kreise glänzte in Golde Christus in einem Strahlenscheine hoch erhaben , in seinen Händen Kelch und Brot : alles von sehr schöner Arbeit , aber freilich nicht im neuesten Stile ; er übergab ihn ihr als das liebste Geschenk unter allem , was er je besessen ; sie tat zwar ihm zur Liebe , als wenn er ihr lieb sei , doch dachte sie mit Ärger daran , daß sie ihn in Gesellschaft nicht würde tragen können ; steckte ihn aber an und bewahrte ihn . Dann übergab er ihr eine ganze Reihe der zierlichsten Nonnenarbeiten , die er in einem Kloster am Wege mit großer Freude erkauft hatte ; es waren teils fein gemalte Heilige auf zerstochenem Papiere , ein kleines elfenbeinernes Tabernakel , Marienbilder , aus seidenen Läppchen zusammengesetzt , geweihte Rosenkränze , eine Menge kindlich zierlicher kirchlicher Pracht . Auch hierüber mußte sie sich aus Anstand freuen , sie hatte aber etwas viel Angenehmeres , allerlei neuen Putz erwartet , auch wußte sie nichts mit diesen artigen Kleinigkeiten anzufangen , zu denen sie weder Andacht noch Spiellust fühlte ; sie konnte sich nicht zufrieden geben über den gewaltigen Fleiß , der auf so was Unnützes verwendet , und schon diese Äußerung war ihm unangenehm , der ganz gerecht den Fleiß hochachtete , der so unbedeutende Stoffe zu beleben vermocht hatte . Dolores hatte aber während des einen Winters regelmäßiger Stadtvergnügungen sehr viel von der innern Freudigkeit vergessen , die aus sich selbst und geringen Anlässen schöpft ; zu einer Klaviermusik hätte sie nicht mehr tanzen können ; um sie anzuregen , gehörte wenigstens eine Gesellschaft von zehnen , die alle auf sie achteten , und wenigstens die Gegenwart eines Menschen , der ihr ganz unbekannt und dessen Aufmerksamkeit sie an sich ziehen wollte . Wie unglaublich nutzt die tägliche Mittelstufe der Gesellschaft , die stets sich beachtet , um nicht in Lust oder Schmerz abzuirren , die selbst überlassene Freude auf ; mit Hamlet möchten wir jungen Mädchen , die wir darin erblicken , zurufen : » Geht in ein Nonnenkloster - statt an den Spieltisch zu gehen . « Schon darum reizen uns die Landfräulein , die nur auf wenige Wochen in die Stadt kommen , weil sie wie die Beurlaubten unter den Soldaten vor den steten Diensttuern eine große Munterkeit bewahren , auch gewinnen die meisten Menschen durch Reisen in sehr verschieden gebildete Länder bloß darum ein gewisses poetisches Wesen , weil ihnen der Unwert vieler Verhältnisse unwiderlegbar einleuchtend geworden ; ihr eignes Vaterland überrascht sie mit manchem , was sie sonst übersehen und verachtet . Diese Betrachtungen geben wir als Leichenrede jener artigen Sächelchen , die der Graf zum Geschenke brachte und ein paar Tage darauf die Heiligen mit Schnurrbärten und Schönpflästerchen schrecklich bemalt bei Dolores antraf , die von dieser Arbeit ausruhend , sich vor Lachen nicht zu lassen wußte . Ihre Gleichgültigkeit dagegen hatte ihn gekränkt , aber dieser Mißbrauch war nicht zu ertragen ; er zerriß alles mit großer Wut und warf es zum Fenster hinaus , sie lachte immer mehr und schlug scherzend mit dem Rosenkranze auf ihn . » Ich glaube , der Teufel lacht aus dir « , sagte er zuletzt , das Schweigen hätte ihm das Herz abgestoßen ; er flog aus dem Zimmer fort nach Hause , da setzte er sich nieder und überdachte , was er getan , wie ein Missetäter , der bald seine Strafe erwartet und sich selbst dafür überliefert . Aber die Heiligkeit der Wahrheit durchzuckte ihn auf einmal , auch sein höchstes Glück wollte er keiner Lüge danken , nicht auf Schmeicheleien sich erborgen ; er fühlte sein Recht und wollte es ihr in einer leichten Allegorie deutlicher machen , und dazu schrieb und übersandte er ihr die beigefügte kleine Erzählung : Das Heidenmädchen Der Sohn des Himmels und der Erde Sah , aus der Weihnacht Abendrot , Ein schönes Kind bei einer Herde , Und keiner da Geschenke bot . Der Glaube war noch nicht gedrungen Zu diesen spät erschaffnen Aun , Denn von den Felsen ganz umschlungen , Konnt wenig Sonne überschaun . Doch freut die Kleine sich am Lichte , Das neu durch Felsenschatten strahlt , Sie hat so gar ein lieb Gesichte , Ein edles Blut die Wangen malt . Sie muß im Lichte zierlich springen , So glatt und weich schien ihr das Grün , Und zu dem holden Echo singen ; Der Herr will sie zum Glauben ziehn . Es sprengt der Herr mit Strahlenzügen Die Ziegen ihr weit auf den Fels , Sie klettert sorgsam nach den Ziegen , Er zeigt den Weg im Blick des Hells . Hin über die bemoosten Platten Sie wagt sich , schaut ein andres Land , Da will ihr Herz vor Schreck ermatten , Denn alles scheint vor ihr in Brand . Da stehen tausend kleine Tische Mit bunten Lichtern rings besteckt , Und Brot und Wein steht im Gemische , Schön Meßgewand die Tische deckt . Und statt der Puppen heil ' ge Bilder , Bewohnen dieses Paradies , Und Kinder ziehen sanft und milder Und sehn wie dies so herrlich ließ . Das Mädchen sieht ' s und meint ihr eigen , Was ihr kein andrer wehren will , Doch bald sich viele Knaben zeigen , Die bitten drum in Demut still . Der eine will ihr Händchen küssen , Dem wirft sie Äpfel ins Gesicht ; Der will sie schön mit Reden grüßen , Dem hält sie in den Mund das Licht . Doch einer kommt mit Witz zu streiten , Da nimmt sie alle heil ' gen Bild , Beginnt sie närrisch umzukleiden , Verliert sie dann im Spiele wild . Was so viel tausend Engel säten , Zerstört das Kind aus Unverstand , Worum viel fromme Kinder beten , Geschenk des Herren ist ihr Tand . Da kam der Herr zu ihr gegangen , Als armes Kindlein angetan , Und tät nach etwas nur verlangen , Was sie verworfen und vertan . Da fand sie leer die reichen Tische , Die Lichter waren fast verbrannt , Es dampften schon die Buxbaumbüsche , - Noch fand sie was ,