Mathildens Alter zu sein schien , war die fast plastische Ruhe ihrer Züge , durch ein gleichförmig fortlaufendes Leben , ungestört geblieben , und ihre Schönheit über die Zeit hinausgehoben . Sie redete mit der einfachen Sicherheit , die ein längerer Umgang mit der Welt fast einem Jeden giebt . Vor Julius hatte sie eine Art von Ehrfurcht , weil er über die Gränzen Deutschlands hinausgekommen war , was sie ihm auch , durch bescheidne Zurückhaltung , die seinem Verdienst den Vorzug einzuräumen schien , bezeigte . Luise ward einigen Damen aus der Nachbarschaft vorgestellt , und dann von Emilien , die sie mit besondrer Herzlichkeit empfing , in den Kreis um den Theetisch eingeführt . Ihr zunächst saß eine hübsche junge Frau , die lebhaft mit einem bleichen , sehr ruhig scheinenden , Mann redete , und sich oftmals ärgerlich von ihm abwandte , ohnerachtet sie es nicht lassen konnte , immer wieder hin zu hören , so oft er mit einem weichen , fast leisen Organ , etwas Beißendes sagte , was sie unwillkührlich zur Antwort reizte . Der Baron war indeß mit einigen andern Herren hinzugekommen . Herr Werner , sagte die junge Dame zu einem derselben , tritt heute aufs neue wie der Baum der Erkenntniß zwischen die unschuldigsten Genüsse der Menschen , und ist bemüht uns durch die Früchte seines Witzes die Augen zu öffnen . Ich wiederhole nur , erwiederte jener , gleichgültig mit seinen Lünetten spielend , die er eben abgenommen hatte , um Emiliens Stickerei genauer zu betrachten , ich wiederhole nur , was die öffentlichen Blätter sagen . Ein von der gnädigen Frau beschütztes Buch , Rodrich , ist darin wie ein Rezept zu einer Torte zerlegt , so und so viel Orangenblüthen , Citronen nach Belieben , mehrere poetische Süßigkeiten , einige ergreifende Scenen als pikante Gewürze , und zuletzt zur Dekoration die Gruppe des Laokoon . Was meinen Sie dazu , Herr Professor , unterbrach ihn die Dame heftig , sich zu demjenigen wendend , welchen sie zuvor anredete , ich bitte Sie , was heißt das ? - So viel als nichts , erwiederte dieser , das könnte man so ziemlich von den mehrsten Romanen sagen , die im Süden spielen ; das bezeichnet äußre Zufälligkeiten , die keinesweges die Idee des Ganzen darstellen . Allein wer diese richtig auffaßt und sie angreift , ist meiner Meinung . - Werner lachte in sich . Ihrer Meinung ? wiederholte die hübsche kleine Frau ganz betroffen , und stand von ihrem Stuhl auf , als wolle sie jenes nachtheilige Urtheil fliehn . Räume ihnen nicht das Feld , liebe Auguste ! rief Emilie , vertheidige den armen Rodrich , Du weißt wohl - Gnädige Frau , hub der Professor aufs neue an , Sie forderten mich auf ; ich kann nicht anders als wahr sein . Nun denn , erwiederte Auguste , auf alles gefaßt , so sagen Sie nur was Sie denken . Ich denke , fuhr jener fort , was Ihrem Scharfsinn bei näherer Betrachtung nicht entgehen kann , wenn der erste Eindruck mancher anziehenden Verhältnisse verwischt sein wird . Es ist in dem Buche nicht sowohl die Rede von der Nichtigkeit des menschlichen Thun und Treibens in seinen verworrenen Richtungen , sondern ein völlig abwärts gehendes Streben bei früh erkanntem Ziel . Der Sündenfall nach der Erkenntniß . Rosalie personifizirt das Ganze , absichtlicher Wahnsinn . Alle sind klug , besonnen , ermessen und prüfen , heben sich über sich selbst hinaus , und neigen sich am Ende zur gemeinen Alltäglichkeit herab . Das kann ich so strenge nicht tadeln , sagte Werner , das bezeichnet eine Ansicht wie eine Seite des Lebens ; warum soll die nicht ausgesprochen werden ? Störender ist mir , daß das Buch weder ein Roman , noch eine Novelle oder ein Mährchen ist ; diese äußerliche Unvollkommenheit verrückt alle Augenblick den Standpunkt , aus welchem man es betrachten soll , und verwirrt es in sich selbst . Noch bemerke ich , daß die sogenannten poetischen Situationen gekünstelt und absichtlich erscheinen , und die einzige Wahrheit des Gefühls in der anspruchlosen Aline niedergelegt ist . Das eben , das eben , unterbrach ihn der Professor , ist das frevelhafte Spiel , was durch das ganze Buch geht . Das Heiligste wird niedergetreten , weil es schwach , ohnmächtig , abhängig , erscheint , indeß die reichste Kraft sich in sich selbst zernichtet . Für mich ist es immer schwer , von diesem Buche reden zu hören , sagte Reinhold , im Guten sowohl als im Bösen , denn ich möchte gegen Beides anstreiten , und gerathe deshalb unausbleiblich ins Gefecht , oft gar auch in ein kreuzendes Feuer , wie es mir zum Beispiel hier gehen würde . Aber eine bloße Gefühlsäußerung , die keinen Anspruch auf irgend eine richtende Kraft hegt , zieht wohl als ein friedlicher Gesandter durchhin , und ich will es daher nur dreist heraussagen , daß ich von dem Rodrich tief angesprochen werde , dann wieder unendlich hart abgestoßen , dann wieder zum allerkühnsten Spott gereizt . Oft tritt er ganz fremd vor mich hin , als wäre gar keine Berührung zwischen uns Beiden , treibt mich durch gezierte Gesellschaften vornehm umher , erinnert mich an andre Bücher , die eben so vornehm thun und die ich nicht leiden kann , der Unwille runzelt meine Stirn , der Hohn schwebt auf meiner Lippe - und plötzlich brechen die Stralen des reinsten , seligsten Friedens hervor ; das Wehmüthigste aus meinem Leben , das Lieblichste aus meiner Kindheit tritt vertraulich kosend auf mich zu ; ich zürne über meinen Hochmuth , über meinen Spott , und lösche mit linden Thränen Rodrichs und meine Fehler zugleich aus . Gottlob ! rief Auguste , das ist doch etwas Andres , als der bloße Verstand , das empfind ' und begreife ich zugleich ! Luise blickte zufrieden auf das edle Gesicht des jungen Mannes , das eine fromme , fast demüthige , Rührung überzog . Lieber Reinhold , hub Werner an , Sie sagten mit Unrecht , daß Ihre poetische Ergießungen wie ein Friedensbote durch jene Urtheile hingingen ; sie gehen darüber hin und schwemmen die einfache Wahrheit derselben in ein unsichres Rauschen der Gefühle weg . O ! nichts weiter , sagte Auguste ungeduldig , wir wollen uns lieber auf dem warmen Strom seiner Gefühle hin und her schwingen , als mühsam an Ihre Weisheit hinanklimmen ! Die Baronin , der das Gespräch schon lange nicht angenehm war , weil es durch seinen Gegenstand kein allgemeines Interesse gewinnen konnte , schlug der Gesellschaft einen Spaziergang vor , und man machte sich bereits auf den Weg , als Herr Aaron , wie vor sich selbst redend , bemerkte , daß man dem Buch zu viel gethan habe , da es doch wirklich mehrere glückliche Momente und eine große Pracht und Reichthum der Phantasie enthalte . Ich lasse mich hängen , flüsterte Carl Luisen zu , wenn das alles nicht eine abgeredete Karte ist ; der Jude steckt mit dem Buchhändler unter einer Decke und hat den Andren zugeredet , das närrische Zeug anzugreifen , damit man neugierig werden und es lesen möchte . Carl , sagte Luise sehr ernsthaft , Ihr Vorurtheil macht Sie boshaft . Nehmen Sie sich in Acht , Ihre Gutmüthigkeit läuft Gefahr , von einem häßlichen Gifte befleckt zu werden . Emilie , die herzu gekommen war , drückte ihr die Hand und sagte ( einen strafenden Blick auf Carl ) , wie ist es möglich , daß Sie Herrn von Stein fähig halten - O ich weiß , ich weiß , unterbrach sie jener , Reinhold nicht beachtend , der ihn in dem Augenblick gutmüthig umfaßte und durch einige freundliche Worte beschämt in sich selbst zurückdrängte . Trauen Sie dem wilden Jäger nicht , er geht auf eine gefährliche Jagd aus , lispelte Werner im Vorübergehen . Gefährliche Jagd ? wiederholte Carl ; was soll das heißen . Gott weiß , sagte Reinhold , aus dem wird niemand klug ; aber lassen Sie ihn nur , er meint es nicht böse . Luise dachte anders , sie konnte sich einer innern Scheu nicht erwehren , die ihr Werners höhnende Ruhe aufdrang . Uebrigens gefiel sie sich ganz wohl in dem gemischten Kreise und beantwortete Emiliens vertrauliche Liebkosungen , wie der Baronin feines Zuvorkommen , mit dankbar frohem Herzen . Bei einer großen Empfänglichkeit für fremde Eindrücke , ward es ihr leicht , den herrschenden Ton der Gesellschaft aufzufassen , wodurch sie , zu ähnlich freier Mittheilung angeregt , sehr bald vortheilhaft ausgezeichnet wurde . Der kleine Triumph entging ihr nicht , so wenig wie Augustens Empfindlichkeit darüber , die sich verstimmt zurückzog , indeß die unbefangne Emilie nur noch liebreicher und heitrer wurde . Gewohnt , Huldigungen zu empfangen , war diese niemals bemüht , irgend eine Aufmerksamkeit gewaltsam an sich zu reißen , sondern alles gehen zu lassen wie es gehen wollte und konnte , weshalb sie auch das Wohlwollen der Männer , bei ganz veränderter Beziehung des Gefühls , immer rein erhielt . Ein kleiner Regen trieb die Gesellschaft in die Zimmer zurück . Emilie verbarg sich unter Luisens Shawl , und , indem sie sich Beide umschlangen , rannten sie schnell dem Hause zu . Der weiche indische Stoff , der sich um die schlanke Gestalten schmiegte , bildete eine Gruppe , die von allen Herren unter lautem Beifallruf bewundert wurde . Nun nur schnell Musik ! rief Auguste im Hereintreten , durch jenes Lob verletzt , die Worte tödten uns sonst heute in der ängstlichen Stubenluft ; Herr von Stein , Sie versagen mir es nicht ! Reinhold , immer bereit , Andren Freude zu machen , trat zum Clavier ; Werner stellte sich zu Augusten , und , während er die Gruppe von vorhin in farbigem Papier sehr geschickt ausschnitt , lockte er ihr unter künstlichen Wendungen die Ursach ihrer trüben Laune ab . Die andern hörten indeß auf folgendes Lied : Ein weiches Herz im Busen , Ein krieg ' risch glüh ' nder Sinn , Manch holder Wink der Musen , Das ward mir zum Gewinn . Und früh besonnte Bahnen , Sie schlossen mir sich auf ; Beifällig sah ' n die Ahnen Auf ihres Enkels Lauf . Wie schnell , wie hart geendet ! Wie nah ' der Freude Grab ! Vom weichen Herzen wendet Die kluge Welt sich ab . Die ehmals tapfre Klinge Blitzt matt in Trümmern auf , Und wenn ich Lieder singe , Wer hört in Liebe drauf ? - Zwar edle Kränze rauschen Fernher zu meinem Preis ; Die möcht ' ich gerne tauschen Um ein demüth ' ges Reis . Um ' s Reis der süßen Minne , Das welkend mir verblich . Umsonst ! Im stillen Sinne Verzehrt mein Sehnen mich . - - Emilie reichte mit ihrer gewohnten Gutmüthigkeit , Reinhold , nachdem er geendet , die Hand , und ließ ganz rücksichtslos die Rührung blicken , welche jene Worte in ihr erregten . So viel Theilnahme überraschte ihn . Er drückte die schönen Finger an seine Lippen , während er , über ihren Stuhl gelehnt , einen langen , fragenden Blick auf sie richtete . Luisens Herz klopfte unwillkürlich . Eine seltsam dunkle Ahndung stieg in ihr auf , ihr Athem stockte , helle Thränen drangen aus ihren Augen ; da unterbrach Werner die augenblickliche Stille mit einem lauten Gelächter und zeigte auf den Professor , der in einer Ecke des Sophas in guter Ruhe schlief . Geschwind , Herr Professor , rief Auguste , geschwind eine Vorlesung über die Trägheit der Menschen . Der kleine Mann rieb sich die Augen , sprang mit einem Satze auf , als treibe ihn angeborne Schnellkraft , während er sich mit zusammengebißnen Zähnen die Sporen gab , setzte sich mitten ins Zimmer und hub dann mit einer Stimme , die noch heiser vom Schlafe war , folgendermaßen an . » Keine Gefahr steht dem Menschen näher , als zu jener trägen Dumpfheit herabzusinken , die , indem sie die Regsamkeit der Sinne hemmt , oder doch nur einseitig und mechanisch übt , den innern Reichthum der Gefühle einengt , den Blick verdunkelt und den Geist mit bleiernen Gewichten zu dem kurzgesteckten Ziele hinabdrängt . « Alle lachten , denn seine Augen schienen noch jetzt von diesen bleiernen Gewichten herabgezogen . Der Engländer aber meinte , es gehe ihm wie den Somnambülen , die im Schlafe das Beste zu Tage fördern ; denn , setzte er hinzu , im Grunde hat er doch eine Saite angeschlagen , die jeden mehr oder weniger trifft . Wahr ist es am Ende , daß wir alle nach und nach von der innern Regsamkeit verlieren , und daß selbst das wackerste , mit Lust und Liebe unternommne Geschäft den Mehrsten unter den Händen zum abschmeckenden Einerlei wird . Das müde Auge heftet sich dann auf irgend einen befreundeten Gegenstand , und starrt ihn so lange gedankenlos an , bis es gar nichts mehr sieht und alle Dinge in einem trüben Dämmerlichte vor ihm hinziehn . Der Professor ward von einem kleinen Froste überfallen , den ein unterbrochner Schlaf allemal zurückläßt ; er schüttelte sich gähnend und sagte dann , um die an ihn gerichtete Rede einigermaßen zu beantworten : was sich nicht unaufhörlich aus sich selbst erzeugt , das gehört einer fremden Gewalt an , die mit tausend Händen nach uns greift und uns ohne Leben und Bewegung in ihren Banden gefesselt hält . Viele schmachten , sich selbst unbewußt , in diesem Zustande , indeß Andre den innren Funken im eignen Dunstkreis ersticken und sich überreden , Eines sei wie das Andre und das Nächste das Beste . Eines ist wie das Andre , sagte Werner kalt ; der Rangstreit , dächte ich , wäre lange abgemacht . Freilich , erwiederte der Professor , durch diesen Widerspruch schnell aufgeregt , freilich alles ist schön und herrlich , wie es der wache Sinn erkannt und geprüft in sich trägt , aber das innre Licht soll in tausend Blitzen durch den festen Kern glühen und ihn überstralen , daß man es inne werde , welch ein Geist hier waltet . In der Liebe , sagte Reinhold , Emiliens Hand , die er noch immer in der seinigen hielt , sanft drückend , wird das jedem anschaulich . Alles ist ihr Zeichen , Hindeutung überschwenglicher Fülle ; unter ihrer Berührung erweitert sich das beschränkteste Dasein und ruft Kräfte hervor , die sonst wohl ewig schliefen . Bei den Mehrsten , fiel der Engländer ein , währt dieser Zustand des innern Wachens nur nicht lange . Sie sinken sogleich in den vorigen Traum von Leben und Thätigkeit zurück und blicken höchst vornehm auf die wenigen lichten Punkte ihrer dunklen Wirksamkeit . Wer es nicht scheut , fuhr er fort , in sich selbst zurückzugehn , wird über die kunstreichen Wiegenlieder erstaunen , mit denen man sich selbst in träge Ruhe singt . Das ist es aber eben , erwiederte der Professor , was fast ein jeder scheut . Das Denken ist dem ungeübten Denker wirklich eine Last . Wie sich die dunkle Fluth von Ahndungen , Begriffen , Empfindungen und Ideen regt , reißt sie das blöde Auge mit sich fort , bis es sich angstvoll verschließt und nur den gewohnten Kreisen eröffnet . Ohne gewaltsamen äußren Stoß wiederholt selten jemand ähnliche Versuche , bis die innre Beweglichkeit immer mehr stockt und der Geist zuletzt nur noch bang an die enge Klause anpocht und sich durch ein gespenstisches Rauschen verkündet . Das gilt doch nur von einzelnen Augenblicken , sagte Reinhold , in andren regt sich in eines jeden Brust irgend ein Laut , der sein innerstes Wesen kund giebt . Bei dem Tode eines geliebten Freundes , oder beim Erwachen der Natur durchzieht ihn ein wehmüthiger Ruf , den er versteht , wie man Gott fühlt und empfindet , ohne eigentliche Worte für dies Gefühl zu haben . Werner , dem jene Rührung in Luisens Seele nicht entgangen war , hatte sich indeß zu ihr gestellt und fragte sie um ihre Meinung über den eben behandelten Gegenstand . Sie dachte an ihre Mutter und die Bibel , und sagte mit bewegter Stimme , daß , wenn den Frauen auch das eigentlich künstliche Denken fremd sei , sie dennoch in Religion und Liebe eine stete innre Anregung fänden , der sie sich nur überlassen dürften , um vor der gefürchteten Dumpfheit sicher zu sein ! - Indem trat der Baron mit einem jungen Mann in das Zimmer , den er der Gesellschaft als Künstler und Freund des Hauses vorstellte , welcher , nach geendigten Reisen , in seine Heimath zurückkehre . Es war der Sohn des Pfarrers aus dem Dorfe , von dem Baron früh hervorgezogen , und , bei der Entdeckung eines aufblühenden Talents , auf alle Weise begünstigt . Emilie begrüßte ihn herzlich und machte ihn sogleich mit allen Anwesenden bekannt . Der junge Mann hörte nicht sobald , daß sich der Graf Falkenstein hier befinde , als er aus seiner Brieftasche ein Schreiben hervorzog , welches er Julius sogleich einhändigte . Von Fernando ! rief dieser , angenehm bei dem Anblick der Schriftzüge überrascht . Wo verließen sie ihn ? In Wien , erwiederte der Maler , wohin wir von Venedig mit einander reisten . Dort , setzte er lächelnd hinzu , wird er nun wohl so lange bleiben , als ihn seine Grillen fesseln . Julius hatte indeß das Siegel erbrochen und stellte sich hinter Luisens Stuhl , so daß Beide folgende Worte lasen . » Du weißst , lieber Julius , ich liebe die Coltsequenz im Leben . Du hast geheirathet , und das ist weise ; ich durchziehe die Welt , und das ist ebenfalls weise . Jetzt bin ich hier , die deutsche Häuslichkeit zu bewundern , von der ihr selbst viel Aufhebens und einige schlechte Schauspiele gemacht habt . Daß ich nächstens nach Deinem Hexensteine komme , begreifst Du wohl ; der Himmel bewahre mich dort nur vor Bezaubrung . « Luise entfärbte sich etwas , und sagte , ohne das Ende des Briefes abzuwarten , sie wünsche , daß er in Wien bleibe , da sie auf seine Bekanntschaft weiter nicht begierig sei . Julius fragte indeß den Maler , indem er den Brief zusammenfaltete , was Fernando abgehalten habe , ihn sogleich zu begleiten . Eine Begebenheit seiner Art , erwiederte dieser . Die Blicke der Gesellschaft richteten sich bei dem Worte , das immer etwas Ungewöhnliches erwarten läßt , auf den jungen Mann , und schienen eine nähere Erklärung zu verlangen . Er fuhr auch sogleich fort : Es war wenig Tage vor meiner Abreise , als wir bei dem Herausgehn aus dem Schauspiel einen Knaben begegneten , welcher auf seiner schnarrenden Leier unaufhörlich dasselbe Lied spielte und die Vorübergehenden so um Almosen ansprach . Fernando warf ihm ein Stück Geld hin und bat ihn , zu schweigen ; allein der Knabe folgte uns durch eine lange Straße , immer dasselbe leiernd . Fernandos Ohr ward aufs äußerste verletzt ; er wandte sich ungeduldig , um den Knaben zu fassen , der angstvoll vor ihm hinrannte - indem öffnete sich die Thür eines ansehnlichen Hauses , an welchem beide streiften ; der Knabe drängte sich hinein und riß Fernando in seinem Grimme nach . Gleich darauf fiel die Thüre wieder zu , die Leier ertönte einen Augenblick , dann ward alles still , der Knabe trat allein heraus und ging frisch und fröhlich an mir vorüber . Ich war noch voll Verwundrung über den seltsamen Zufall , als ich einen Mann in einem dunklen Mantel auf das Haus zueilen sah . Ich zog mich sogleich hinter einen hervorspringenden Pfeiler zurück , und bemerkte daß der Unbekannte an dem Schlosse drehte , dann unmuthig mit dem Fuße stampfte und sich auf der andern Seite der Thür hinter einem ähnlichen Pfeiler verbarg . Wir mochten beide ohngefähr eine halbe Stunde auf diese Weise gestanden haben , als mir , bei einer unvorsichtigen Bewegung , der Stock aus der Hand fiel und mit ziemlichem Geräusch auf den Steinen hinrollte . Mein ungekannter Feind bog sich , auf den nahen Lärm , sogleich hervor , und da er mich in einer peinlich-lauernden Stellung wahrnahm , sprang er ungestüm auf mich zu und fragte keck nach der Ursach meines Dortseins . Ich war nicht in der Stimmung , ihm auf eine geschickte Weise auszuweichen , noch weniger Rechenschaft von meinem Thun und Lassen abzulegen , daher antwortete ich eben so heftig , ohne eigentlich zu antworten . Das Gespräch erhitzte sich immer mehr und riß uns vom Gegenstand desselben zu persönlichen Beleidigungen fort . Während der Zeit war Fernando unbemerkt aus der Thüre geschlüpft . Von dem , was ihm eben begegnet war , konnte er sehr leicht auf die Veranlassung unsers Wortwechsels schließen . Er trat daher zu uns , und nachdem er sich für meinen Reisegefährten und uns beide für Fremdlinge in dieser Stadt erklärt hatte , bewies er dem armen Betrognen , daß wir uns bei verschiednen , von einander abweichenden , Geschäften in dieser Gegend dies ausgezeichnete Haus , zum Wahrzeichen gemeinschaftlichen Zusammentreffens , ausersehen hätten . - Eine Fluth von Worten und feinen Wendungen drückte jeden Zweifel in unserm Gegner nieder , der sich am Ende beschämt und reuig zurückzog . Kaum waren wir allein , so riß mich Fernando , unter tollem Lachen , nach einem nahgelegnen Kaffeehause . Hier machte er endlich seinem Herzen Luft , und , während er seine eigne kleine Geschichte als eine fremde Begebenheit erzählte , zog er die Aufmerksamkeit mehrerer Anwesenden auf sich . Der Zusammenhang war übrigens nicht schwer zu errathen . Die Leier hatte das Ende des Schauspiels und den Augenblick einer verabredeten Zusammenkunft anzeigen sollen . Fernandos Ungeduld verwirrte alles , indem er den Knaben mit Gewalt zu seinem Ziele drängte . Bei Annäherung der Töne sprang die Thüre auf , Fernando fuhr hinein , eine weiche kleine Hand drückte sich schmeichelnd auf seine Lippen und zwang ihn , zu schweigen . Er stand einen Augenblick unschlüssig ; allein als dieselbe kleine Hand ihn ungeduldig fortzog , folgte er in der Dunkelheit durch mehrere Zimmer , bis ihn seine Führerin am Eingang eines schwach erleuchteten Vorsaals verließ . Alles war hier still , nichts regte sich , er blickte neugierig umher und sah endlich durch einen gegenüber hangenden Spiegel eine zierliche Gestalt , die sich , fast schwebend , auf den Zehen , in der Thür eines anstoßenden Cabinets hielt und ihm winkte , sich zu nähern . Er that , wie man ihm gebot . Ein lauter Schrei empfing ihn , den er indeß , wie er lächelnd hinzusetzte , bald zu unterdrücken und die arme Kleine überall zu trösten verstand . Fernando gefiel sich so wohl in diesem Abentheuer , daß er auch noch das Ende desselben und das Zusammentreffen mit dem wahren Geliebten wiederholte , worüber ein kleiner , sehr weiß gepuderter Herr , der ein besondres Behagen an der Geschichte fand , fast vor Lachen sticken wollte . Er konnte sich gar nicht wieder von Fernando losreißen und nöthigte uns beim Weggehn , den Abend bei ihm zuzubringen . Wir willigten ein , und er führte uns zu unserm Erstaunen in dasselbe Haus , das nun einmal der Schauplatz der lächerlichsten Begebenheiten bleiben sollte . Wir traten endlich in das bekannte Cabinet , wo uns der Herr Rath mit vieler Artigkeit seiner halbtodt erschrockenen Gemahlin vorstellte . Fernandos geschickte Haltung beugte indeß jeder Unvorsichtigkeit vor und erhielt uns den Abend in der besten Laune . Er hat nun einmal Zutritt bei der Familie und reißt sich vielleicht nicht so schnell wieder los , da ihn alles , was von der hergebrachten Weise abweicht , fesselt . Luise war aufgestanden und redete mit der Baronin sehr eifrig über eine vor ihr liegende Handarbeit , die nach französischem Dessein gemacht war , Werner aber hörte nicht auf , von Fernando zu reden , und warnte Emilien vor seiner Bekanntschaft . Nach dem , was wir eben gehört , fiel Luise schnell ein , setzen Sie den Geist wie das Zartgefühl des Fräuleins durch solche Warnung sehr herab , da sie gewiß etwas Edleres zu würdigen versteht . Werner zuckte spöttisch mit der Oberlippe , und meinte , sie gerade lasse dem Fräulein keine Gerechtigkeit wiederfahren , da es ihren Reizen wohl gegeben sei , solchen Unbeständigen zu fesseln . Nach der Annahme des Aristophanes beim Platon , fuhr er fort , der ich nun einmal zugethan bin , waren die Korper ursprünglich sphärisch geformt und beschrieben ungestört ihre Bahnen . Nach dem Fall der ganzen Welt wurden sie mitten von einander getheilt und laufen irrend umher , bis ein jedes seine Hälfte findet . Wer sagt uns nun , daß Fräulein Emilie nicht die Hälfte ist , welche der interessante Fremde unter tausend vergeblichen Bemühungen aufzusuchen strebt ? - Emilie lachte . Wer ist denn eigentlich dieser Fernando ? fragte die Baronin . Ein in der That sehr liebenswürdiger Mann , erwiederte Julius , von den seltensten Anlagen , aus guter Familie und von einem Vermögen , das ihm eine unabhängige Existenz sichert . - Hm - sagte die Baronin beifällig . - Carl aber fragte schnell , ob er auch ein Dichter oder sonst so etwas sei . Mein Gott ! rief Emilie , und zuckte die kleinen , beweglichen Schultern , lassen Sie ihn doch sein was er will ; es ist ja noch die Frage , ob wir ihn jemals sehen , er gefällt sich so gut in Wien . Alle lachten über ihre naive Ungeduld . Luise blieb indeß unruhig und verbarg es sich auch weiter nicht , daß sie eine Scheu vor Fernandos Ankunft habe , die sie hinderte , an der Heiterkeit der Gesellschaft Theil zu nehmen , weshalb sie des andern Tages auch gern ihre Rückreise antrat und sich von den neuen Bekannten , in der Erwartung , sie nächstens auf dem Falkenstein zu sehen , ohne sonderlichen Kummer trennte . Sie fuhren durch ein trübes , feuchtes Wetter hin . Der graue Nebel lag schwer auf Luisens Seele . Sie sprach wenig ; auch Julius war einsilbig . So trat sie , beklommen , mit einer ängstigenden Leere im Innren , in ihre Zimmer . Julius ging seinen Geschäften nach ; sie blieb allein , ohne ein lebendiges Wesen , außer die bewegliche Flamme im Kamine , um sich zu haben . Gedankenvoll trat sie an das Feuer , und warf einzelne Blumen , die sie aus einer nahstehenden Vase zog , hinein . Da hörte sie einen Postillon blasen ; ein Wagen rollte in den Hof , hielt vor der Thür . Sie fühlte im Augenblick , wer es sei , und blieb unbeweglich , den Kopf zwischen beiden Händen auf dem Kamin gestützt , in dunklen Ahndungen verloren . Julius trat mit einem jungen , schönen Mann herein , welcher sie auf den ersten Blick Fernando erkennen ließ . Drittes Buch In einem Gemisch von Bangigkeit und Ueberraschung begrüßte Luise ihren Gast , mehr kalt als würdig ; er hingegen maß sie mit einem seltsam lächelnden Blick , der sich gleich darauf unter den schönsten Wimpern senkte , und dem beweglichen Mienenspiel einen Anflug von bescheidner Zurückhaltung gab . Julius Augen ruheten forschend auf Luisen . Er fürchtete jedes störende Gefühl in ihrer Seele und eben deshalb ihr Mißfallen über Fernandos Ankunft . Allein sie verbarg alles was in ihr vorging unter einer scheinbaren Gleichgültigkeit , und beschäftigte sich angelegentlich bei dem Theetisch , den man vor den Kamin gestellt hatte . Fernando setzte sich ihr gegenüber ; die Unterhaltung blieb einsilbig . Julius fühlte wohl , daß sein gewandter Freund leise auftrat , um erst den herrschenden Geist seiner Umgebungen aufzufassen ; er suchte ihn daher durch die Frage : was ihn so schnell zu einer Reise nach Deutschland bewogen habe ? mehr auf sich selbst zurück , und zugleich einen Gegenstand herbeizuführen , über welchen beide öfter schon mit vieler Laune gestritten hatten . Sonst , fuhr er fort , lag Dir solch ein Gedanke sehr fern ; Berlin und Novazembla stellten sich Dir ziemlich unter einem Bilde dar . Du hast unmöglich , erwiederte Fernando ernsthaft und mit weicher Stimme , Du kannst keinen Begriff von einem Gemüth haben , was ewig zu suchen und nie zu finden verdammt ist . Luise sah ihn zum erstenmal genauer an . Er hatte sich etwas vorgebeugt , so daß die Flamme aus dem Kamin einen hellen Schein auf sein Gesicht warf und den Glanz seiner Augen erhöhte . Mich , fuhr er fort , schleudert das Schicksal vielleicht noch durch ganz Europa , indeß Dich das schönste Glück gefesselt hält . Ein Loos wie das Deinige könnte mich auf ewig mit mir selbst entzweien , da ohnehin die Täuschungen der Jugend immer schneller und gedrängter an mir vorübergehn ! Seit Wien - ? fragte Julius lächelnd . O mein Gott ! rief jener , aufspringend , solche Erinnerungen können wohl niemand bis hieher begleiten , am wenigsten finden sie in diesem Zimmer Raum . Luise blickte unwillkührlich auf . Dasselbe zweideutige Lächeln schwebte um seinen halbgeöffneten Mund und wandte sie schnell wieder von ihm ab . Ueberall , fuhr er fort , sie scharf ins Auge fassend , möchte ich die Vergangenheit unberührt lassen , sie paßt nicht zur Gegenwart , und ich will in dieser gern ganz und ungetheilt leben . Luisens Verlegenheit ward jetzt noch vermehrt , da man Julius abrief und sie nun allein mit dem gefürchteten Fremden blieb . Es fiel ihr schwer aufs Herz , daß solche Augenblicke oft wiederkehren und sie der peinlichsten Unruhe aussetzen würden . Sie beschloß daher bei sich , noch diesen Abend die Baronin dringend zu einem Gegenbesuch einzuladen , und die dortige bunte Welt