sich von selbst . « » Freilich , « rief Eduard ; » es kehrte zu seinem A zurück , zu seinem A und O ! « rief er , indem er aufsprang und Charlotten fest an seine Brust drückte . Sechstes Kapitel Ein Wagen , der Ottilien brachte , war angefahren . Charlotte ging ihr entgegen ; das liebe Kind eilte , sich ihr zu nähern , warf sich ihr zu Füßen und umfaßte ihre Kniee . » Wozu die Demütigung ! « sagte Charlotte , die einigermaßen verlegen war und sie aufheben wollte . » Es ist so demütig nicht gemeint , « versetzte Ottilie , die in ihrer vorigen Stellung blieb . » Ich mag mich nur so gern jener Zeit erinnern , da ich noch nicht höher reichte als bis an Ihre Kniee und Ihrer Liebe schon so gewiß war . « Sie stand auf , und Charlotte umarmte sie herzlich . Sie ward den Männern vorgestellt und gleich mit besonderer Achtung als Gast behandelt . Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast . Sie schien aufmerksam auf das Gespräch , ohne daß sie daran teilgenommen hätte . Den andern Morgen sagte Eduard zu Charlotten : » Es ist ein angenehmes , unterhaltendes Mädchen . « » Unterhaltend ? « versetzte Charlotte mit Lächeln ; » sie hat ja den Mund noch nicht aufgetan . « » So ? « erwiderte Eduard , indem er sich zu besinnen schien , » das wäre doch wunderbar ! « Charlotte gab dem neuen Ankömmling nur wenig Winke , wie es mit dem Hausgeschäfte zu halten sei . Ottilie hatte schnell die ganze Ordnung eingesehen , ja , was noch mehr ist , empfunden . Was sie für alle , für einen jeden insbesondre zu besorgen hatte , begriff sie leicht . Alles geschah pünktlich . Sie wußte anzuordnen , ohne daß sie zu befehlen schien , und wo jemand säumte , verrichtete sie das Geschäft gleich selbst . Sobald sie gewahr wurde , wieviel Zeit ihr übrigblieb , bat sie Charlotten , ihre Stunden einteilen zu dürfen , die nun genau beobachtet wurden . Sie arbeitete das Vorgesetzte auf eine Art , von der Charlotte durch den Gehülfen unterrichtet war . Man ließ sie gewähren . Nur zuweilen suchte Charlotte sie anzuregen . So schob sie ihr manchmal abgeschriebene Federn unter , um sie auf einen freieren Zug der Handschrift zu leiten ; aber auch diese waren bald wieder scharf geschnitten . Die Frauenzimmer hatten untereinander festgesetzt , französisch zu reden , wenn sie allein wären , und Charlotte beharrte um so mehr dabei , als Ottilie gesprächiger in der fremden Sprache war , indem man ihr die Übung derselben zur Pflicht gemacht hatte . Hier sagte sie oft mehr , als sie zu wollen schien . Besonders ergetzte sich Charlotte an einer zufälligen , zwar genauen , aber doch liebevollen Schilderung der ganzen Pensionsanstalt . Ottilie ward ihr eine liebe Gesellschafterin , und sie hoffte , dereinst an ihr eine zuverlässige Freundin zu finden . Charlotte nahm indes die älteren Papiere wieder vor , die sich auf Ottilien bezogen , um sich in Erinnerung zu bringen , was die Vorsteherin , was der Gehülfe über das gute Kind geurteilt , um es mit ihrer Persönlichkeit selbst zu vergleichen . Denn Charlotte war der Meinung , man könne nicht geschwind genug mit dem Charakter der Menschen bekannt werden , mit denen man zu leben hat , um zu wissen , was sich von ihnen erwarten , was sich an ihnen bilden läßt , oder was man ihnen ein für allemal zugestehen und verzeihen muß . Sie fand zwar bei dieser Untersuchung nichts Neues , aber manches Bekannte ward ihr bedeutender und auffallender . So konnte ihr zum Beispiel Ottiliens Mäßigkeit im Essen und Trinken wirklich Sorge machen . Das Nächste , was die Frauen beschäftigte , war der Anzug . Charlotte verlangte von Ottilien , sie solle in Kleidern reicher und mehr ausgesucht erscheinen . Sogleich schnitt das gute , tätige Kind die ihr früher geschenkten Stoffe selbst zu und wußte sie sich mit geringer Beihülfe anderer schnell und höchst zierlich anzupassen . Die neuen , modischen Gewänder erhöhten ihre Gestalt ; denn indem das Angenehme einer Person sich auch über ihre Hülle verbreitet , so glaubt man sie immer wieder von neuem und anmutiger zu sehen , wenn sie ihre Eigenschaften einer neuen Umgebung mitteilt . Dadurch ward sie den Männern , wie von Anfang so immer mehr , daß wir es nur mit dem rechten Namen nennen , ein wahrer Augentrost . Denn wenn der Smaragd durch seine herrliche Farbe dem Gesicht wohltut , ja sogar einige Heilkraft an diesem edlen Sinn ausübt , so wirkt die menschliche Schönheit noch mit weit größerer Gewalt auf den äußern und innern Sinn . Wer sie erblickt , den kann nichts Übles anwehen ; er fühlt sich mit sich selbst und mit der Welt in Übereinstimmung . Auf manche Weise hatte daher die Gesellschaft durch Ottiliens Ankunft gewonnen . Die beiden Freunde hielten regelmäßiger die Stunden , ja die Minuten der Zusammenkünfte . Sie ließen weder zum Essen , noch zum Tee , noch zum Spaziergang länger als billig auf sich warten . Sie eilten , besonders abends , nicht so bald von Tische weg . Charlotte bemerkte das wohl und ließ beide nicht unbeobachtet . Sie suchte zu erforschen , ob einer vor dem andern hiezu den Anlaß gäbe ; aber sie konnte keinen Unterschied bemerken . Beide zeigten sich überhaupt geselliger . Bei ihren Unterhaltungen schienen sie zu bedenken , was Ottiliens Teilnahme zu erregen geeignet sein möchte , was ihren Einsichten , ihren übrigen Kenntnissen gemäß wäre . Beim Lesen und Erzählen hielten sie inne , bis sie wiederkam . Sie wurden milder und im ganzen mitteilender . In Erwiderung dagegen wuchs die Dienstbeflissenheit Ottiliens mit jedem Tage . Je mehr sie das Haus , die Menschen , die Verhältnisse kennenlernte , desto lebhafter griff sie ein , desto schneller verstand sie jeden Blick , jede Bewegung , ein halbes Wort , einen Laut . Ihre ruhige Aufmerksamkeit blieb sich immer gleich , so wie ihre gelassene Regsamkeit . Und so war ihr Sitzen , Aufstehen , Gehen , Kommen , Holen , Bringen , Wiederniedersitzen ohne einen Schein von Unruhe , ein ewiger Wechsel , eine ewige angenehme Bewegung . Dazu kam , daß man sie nicht gehen hörte ; so leise trat sie auf . Diese anständige Dienstfertigkeit Ottiliens machte Charlotten viele Freude . Ein einziges , was ihr nicht ganz angemessen vorkam , verbarg sie Ottilien nicht . » Es gehört « , sagte sie eines Tages zu ihr , » unter die lobenswürdigen Aufmerksamkeiten , daß wir uns schnell bücken , wenn jemand etwas aus der Hand fallen läßt , und es eilig aufzuheben suchen . Wir bekennen uns dadurch ihm gleichsam dienstpflichtig ; nur ist in der größern Welt dabei zu bedenken , wem man eine solche Ergebenheit bezeigt . Gegen Frauen will ich dir darüber keine Gesetze vorschreiben . Du bist jung . Gegen Höhere und Ältere ist es Schuldigkeit , gegen deinesgleichen Artigkeit , gegen Jüngere und Niedere zeigt man sich dadurch menschlich und gut ; nur will es einem Frauenzimmer nicht wohl geziemen , sich Männern auf diese Weise ergeben und dienstbar zu bezeigen . « » Ich will es mir abzugewöhnen suchen , « versetzte Ottilie . » Indessen werden Sie mir diese Unschicklichkeit vergeben , wenn ich Ihnen sage , wie ich dazu gekommen bin . Man hat uns die Geschichte gelehrt ; ich habe nicht soviel daraus behalten , als ich wohl gesollt hätte ; denn ich wußte nicht , wozu ichs brauchen würde . Nur einzelne Begebenheiten sind mir sehr eindrücklich gewesen , so folgende : Als Karl der Erste von England vor seinen sogenannten Richtern stand , fiel der goldne Knopf des Stöckchens , das er trug , herunter . Gewohnt , daß bei solchen Gelegenheiten sich alles für ihn bemühte , schien er sich umzusehen und zu erwarten , daß ihm jemand auch diesmal den kleinen Dienst erzeigen sollte . Es regte sich niemand ; er bückte sich selbst , um den Knopf aufzuheben . Mir kam das so schmerzlich vor , ich weiß nicht , ob mit Recht , daß ich von jenem Augenblick an niemanden kann etwas aus den Händen fallen sehn , ohne mich darnach zu bücken . Da es aber freilich nicht immer schicklich sein mag und ich « , fuhr sie lächelnd fort , » nicht jederzeit meine Geschichte erzählen kann , so will ich mich künftig mehr zurückhalten . « Indessen hatten die guten Anstalten , zu denen sich die beiden Freunde berufen fühlten , ununterbrochenen Fortgang . Ja täglich fanden sie neuen Anlaß , etwas zu bedenken und zu unternehmen . Als sie eines Tages zusammen durch das Dorf gingen , bemerkten sie mißfällig , wie weit es an Ordnung und Reinlichkeit hinter jenen Dörfern zurückstehe , wo die Bewohner durch die Kostbarkeit des Raums auf beides hingewiesen werden . » Du erinnerst dich , « sagte der Hauptmann , » wie wir auf unserer Reise durch die Schweiz den Wunsch äußerten , eine ländliche sogenannte Parkanlage recht eigentlich zu verschönern , indem wir ein so gelegenes Dorf nicht zur Schweizer Bauart , sondern zur Schweizer Ordnung und Sauberkeit , welche die Benutzung so sehr befördern , einrichteten . « » Hier zum Beispiel « , versetzte Eduard , » ginge das wohl an . Der Schloßberg verläuft sich in einen vorspringenden Winkel herunter ; das Dorf ist ziemlich regelmäßig im Halbzirkel gegenüber gebaut ; dazwischen fließt der Bach , gegen dessen Anschwellen sich der eine mit Steinen , der andere mit Pfählen , wieder einer mit Balken und der Nachbar sodann mit Planken verwahren will , keiner aber den andern fördert , vielmehr sich und den übrigen Schaden und Nachteil bringt . So geht der Weg auch in ungeschickter Bewegung bald herauf , bald herab , bald durchs Wasser , bald über Steine . Wollten die Leute mit Hand anlegen , so würde kein großer Zuschuß nötig sein , um hier eine Mauer im Halbkreis aufzuführen , den Weg dahinter bis an die Häuser zu erhöhen , den schönsten Raum herzustellen , der Reinlichkeit Platz zu geben und durch eine ins Große gehende Anstalt alle kleine , unzulängliche Sorge auf einmal zu verbannen . « » Laß es uns versuchen ! « sagte der Hauptmann , indem er die Lage mit den Augen überlief und schnell beurteilte . » Ich mag mit Bürgern und Bauern nichts zu tun haben , wenn ich ihnen nicht geradezu befehlen kann , « versetzte Eduard . » Du hast so unrecht nicht , « erwiderte der Hauptmann ; » denn auch mir machten dergleichen Geschäfte im Leben schon viel Verdruß . Wie schwer ist es , daß der Mensch recht abwäge , was man aufopfern muß gegen das , was zu gewinnen ist , wie schwer , den Zweck zu wollen und die Mittel nicht zu verschmähen ! Viele verwechseln gar die Mittel und den Zweck , erfreuen sich an jenen , ohne diesen im Auge zu behalten . Jedes Übel soll an der Stelle geheilt werden , wo es zum Vorschein kommt , und man bekümmert sich nicht um jenen Punkt , wo es eigentlich seinen Ursprung nimmt , woher es wirkt . Deswegen ist es so schwer , Rat zu pflegen , besonders mit der Menge , die im Täglichen ganz verständig ist , aber selten weiter sieht als auf morgen . Kommt nun gar dazu , daß der eine bei einer gemeinsamen Anstalt gewinnen , der andre verlieren soll , da ist mit Vergleich nun gar nichts auszurichten . Alles eigentlich gemeinsame Gute muß durch das unumschränkte Majestätsrecht gefördert werden . « Indem sie standen und sprachen , bettelte sie ein Mensch an , der mehr frech als bedürftig aussah . Eduard , ungern unterbrochen und beunruhigt , schalt ihn , nachdem er ihn einigemal vergebens gelassener abgewiesen hatte . Als aber der Kerl sich murrend , ja gegenscheltend mit kleinen Schritten entfernte , auf die Rechte des Bettlers trotzte , dem man wohl ein Almosen versagen , ihn aber nicht beleidigen dürfe , weil er so gut wie jeder andere unter dem Schutze Gottes und der Obrigkeit stehe , kam Eduard ganz aus der Fassung . Der Hauptmann , ihn zu begütigen , sagte darauf : » Laß uns diesen Vorfall als eine Aufforderung annehmen , unsere ländliche Polizei auch hierüber zu erstrecken ! Almosen muß man einmal geben ; man tut aber besser , wenn man sie nicht selbst gibt , besonders zu Hause . Da sollte man mäßig und gleichförmig in allem sein , auch im Wohltun . Eine allzu reichliche Gabe lockt Bettler herbei , anstatt sie abzufertigen , dagegen man wohl auf der Reise , im Vorbeifliegen , einem Armen an der Straße in der Gestalt des zufälligen Glücks erscheinen und ihm eine überraschende Gabe zuwerfen mag . Uns macht die Lage des Dorfes , des Schlosses eine solche Anstalt sehr leicht ; ich habe schon früher darüber nachgedacht . An dem einen Ende des Dorfes liegt das Wirtshaus , an dem andern wohnen ein Paar alte , gute Leute ; an beiden Orten mußt du eine kleine Geldsumme niederlegen . Nicht der ins Dorf Hereingehende , sondern der Hinausgehende erhält etwas ; und da die beiden Häuser zugleich an den Wegen stehen , die auf das Schloß führen , so wird auch alles , was sich hinaufwenden wollte , an die beiden Stellen gewiesen . « » Komm , « sagte Eduard , » wir wollen das gleich abmachen ; das Genauere können wir immer noch nachholen . « Sie gingen zum Wirt und zu dem alten Paare , und die Sache war abgetan . » Ich weiß recht gut , « sagte Eduard , indem sie zusammen den Schloßberg wieder hinaufstiegen , » daß alles in der Welt ankommt auf einen gescheiten Einfall und auf einen festen Entschluß . So hast du die Parkanlagen meiner Frau sehr richtig beurteilt und mir auch schon einen Wink zum Bessern gegeben , den ich ihr , wie ich gar nicht leugnen will , sogleich mitgeteilt habe . « » Ich konnte es vermuten , « versetzte der Hauptmann , » aber nicht billigen . Du hast sie irregemacht ; sie läßt alles liegen und trutzt in dieser einzigen Sache mit uns ; denn sie vermeidet davon zu reden und hat uns nicht wieder zur Mooshütte eingeladen , ob sie gleich mit Ottilien in den Zwischenstunden hinaufgeht . « » Dadurch müssen wir uns « , versetzte Eduard , » nicht abschrecken lassen . Wenn ich von etwas Gutem überzeugt bin , was geschehen könnte und sollte , so habe ich keine Ruhe , bis ich es getan sehe . Sind wir doch sonst klug , etwas einzuleiten ! Laß uns die englischen Parkbeschreibungen mit Kupfern zur Abendunterhaltung vornehmen , nachher deine Gutskarte ! Man muß es erst problematisch und nur wie zum Scherz behandeln ; der Ernst wird sich schon finden . « Nach dieser Verabredung wurden die Bücher aufgeschlagen , worin man jedesmal den Grundriß der Gegend und ihre landschaftliche Ansicht in ihrem ersten , rohen Naturzustande gezeichnet sah , sodann auf andern Blättern die Veränderung vorgestellt fand , welche die Kunst daran vorgenommen , um alles das bestehende Gute zu nutzen und zu steigern . Hievon war der Übergang zur eigenen Besitzung , zur eignen Umgebung und zu dem , was man daran ausbilden könnte , sehr leicht . Die von dem Hauptmann entworfene Karte zum Grunde zu legen , war nunmehr eine angenehme Beschäftigung ; nur konnte man sich von jener ersten Vorstellung , nach der Charlotte die Sache einmal angefangen hatte , nicht ganz losreißen . Doch erfand man einen leichtern Aufgang auf die Höhe ; man wollte oberwärts am Abhange vor einem angenehmen Hölzchen ein Lustgebäude aufführen ; dieses sollte einen Bezug aufs Schloß haben ; aus den Schloßfenstern sollte man es übersehen , von dorther Schloß und Gärten wieder bestreichen können . Der Hauptmann hatte alles wohl überlegt und gemessen und brachte jenen Dorfweg , jene Mauer am Bache her , jene Ausfüllung wieder zur Sprache . » Ich gewinne , « sagte er , » indem ich einen bequemen Weg zur Anhöhe hinaufführe , gerade soviel Steine , als ich zu jener Mauer bedarf . Sobald eins ins andre greift , wird beides wohlfeiler und geschwinder bewerkstelligt . « » Nun aber « , sagte Charlotte , » kommt meine Sorge . Notwendig muß etwas Bestimmtes ausgesetzt werden ; und wenn man weiß , wieviel zu einer solchen Anlage erforderlich ist , dann teilt man es ein , wo nicht auf Wochen , doch wenigstens auf Monate . Die Kasse ist unter meinem Beschluß ; ich zahle die Zettel , und die Rechnung führe ich selbst . « » Du scheinst uns nicht sonderlich viel zu vertrauen , « sagte Eduard . » Nicht viel in willkürlichen Dingen , « versetzte Charlotte . » Die Willkür wissen wir besser zu beherrschen als ihr . « Die Einrichtung war gemacht , die Arbeit rasch angefangen , der Hauptmann immer gegenwärtig und Charlotte nunmehr fast täglich Zeuge seines ernsten und bestimmten Sinnes . Auch er lernte sie näher kennen , und beiden wurde es leicht , zusammen zu wirken und etwas zustande zu bringen . Es ist mit den Geschäften wie mit dem Tanze : Personen , die gleichen Schritt halten , müssen sich unentbehrlich werden , ein wechselseitiges Wohlwollen muß notwendig daraus entspringen , und daß Charlotte dem Hauptmann , seitdem sie ihn näher kennengelernt , wirklich wohlwollte , davon war ein sicherer Beweis , daß sie ihn einen schönen Ruheplatz , den sie bei ihren ersten Anlagen besonders ausgesucht und verziert hatte , der aber seinem Plane entgegenstand , ganz gelassen zerstören ließ , ohne auch nur die mindeste unangenehme Empfindung dabei zu haben . Siebentes Kapitel Indem nun Charlotte mit dem Hauptmann eine gemeinsame Beschäftigung fand , so war die Folge , daß sich Eduard mehr zu Ottilien gesellte . Für sie sprach ohnehin seit einiger Zeit eine stille , freundliche Neigung in seinem Herzen . Gegen jedermann war sie dienstfertig und zuvorkommend ; daß sie es gegen ihn am meisten sei , das wollte seiner Selbstliebe scheinen . Nun war keine Frage : was für Speisen und wie er sie liebte , hatte sie schon genau bemerkt ; wieviel er Zucker zum Tee zu nehmen pflegte und was dergleichen mehr ist , entging ihr nicht . Besonders war sie sorgfältig , alle Zugluft abzuwehren , gegen die er eine übertriebene Empfindlichkeit zeigte und deshalb mit seiner Frau , der es nicht luftig genug sein konnte , manchmal in Widerspruch geriet . Ebenso wußte sie im Baum- und Blumengarten Bescheid . Was er wünschte , suchte sie zu befördern , was ihn ungeduldig machen konnte , zu verhüten , dergestalt daß sie in kurzem wie ein freundlicher Schutzgeist ihm unentbehrlich ward und er anfing , ihre Abwesenheit schon peinlich zu empfinden . Hiezu kam noch , daß sie gesprächiger und offener schien , sobald sie sich allein trafen . Eduard hatte bei zunehmenden Jahren immer etwas Kindliches behalten , das der Jugend Ottiliens besonders zusagte . Sie erinnerten sich gern früherer Zeiten , wo sie einander gesehen ; es stiegen diese Erinnerungen bis in die ersten Epochen der Neigung Eduards zu Charlotten . Ottilie wollte sich der beiden noch als des schönsten Hofpaares erinnern ; und wenn Eduard ihr ein solches Gedächtnis aus ganz früher Jugend absprach , so behauptete sie doch , besonders einen Fall noch vollkommen gegenwärtig zu haben , wie sie sich einmal bei seinem Hereintreten in Charlottens Schoß versteckt , nicht aus Furcht , sondern aus kindischer Überraschung . Sie hätte dazusetzen können : weil er so lebhaften Eindruck auf sie gemacht , weil er ihr gar so wohl gefallen . Bei solchen Verhältnissen waren manche Geschäfte , welche die beiden Freunde zusammen früher vorgenommen , gewissermaßen in Stocken geraten , so daß sie für nötig fanden , sich wieder eine Übersicht zu verschaffen , einige Aufsätze zu entwerfen , Briefe zu schreiben . Sie bestellten sich deshalb auf ihre Kanzlei , wo sie den alten Kopisten müßig fanden . Sie gingen an die Arbeit und gaben ihm bald zu tun , ohne zu bemerken , daß sie ihm manches aufbürdeten , was sie sonst selbst zu verrichten gewohnt waren . Gleich der erste Aufsatz wollte dem Hauptmann , gleich der erste Brief Eduarden nicht gelingen . Sie quälten sich eine Zeitlang mit Konzipieren und Umschreiben , bis endlich Eduard , dem es am wenigsten vonstatten ging , nach der Zeit fragte . Da zeigte sich denn , daß der Hauptmann vergessen hatte , seine chronometrische Sekundenuhr aufzuziehen , das erstemal seit vielen Jahren ; und sie schienen , wo nicht zu empfinden , doch zu ahnen , daß die Zeit anfange , ihnen gleichgültig zu werden . Indem so die Männer einigermaßen in ihrer Geschäftigkeit nachließen , wuchs vielmehr die Tätigkeit der Frauen . Überhaupt nimmt die gewöhnliche Lebensweise einer Familie , die aus den gegebenen Personen und aus notwendigen Umständen entspringt , auch wohl eine außerordentliche Neigung , eine werdende Leidenschaft in sich wie ein Gefäß auf , und es kann eine ziemliche Zeit vergehen , ehe dieses neue Ingrediens eine merkliche Gärung verursacht und schäumend über den Rand schwillt . Bei unsern Freunden waren die entstehenden wechselseitigen Neigungen von der angenehmsten Wirkung . Die Gemüter öffneten sich , und ein allgemeines Wohlwollen entsprang aus dem besonderen . Jeder Teil fühlte sich glücklich und gönnte dem andern sein Glück . Ein solcher Zustand erhebt den Geist , indem er das Herz erweitert , und alles , was man tut und vornimmt , hat eine Richtung gegen das Unermeßliche . So waren auch die Freunde nicht mehr in ihrer Wohnung befangen . Ihre Spaziergänge dehnten sich weiter aus , und wenn dabei Eduard mit Ottilien , die Pfade zu wählen , die Wege zu bahnen , vorauseilte , so folgte der Hauptmann mit Charlotten in bedeutender Unterhaltung , teilnehmend an manchem neuentdeckten Plätzchen , an mancher unerwarteten Aussicht , geruhig der Spur jener rascheren Vorgänger . Eines Tages leitete sie ihr Spaziergang durch die Schloßpforte des rechten Flügels hinunter nach dem Gasthofe , über die Brücke gegen die Teiche zu , an denen sie hingingen , soweit man gewöhnlich das Wasser verfolgte , dessen Ufer sodann , von einem buschigen Hügel und weiterhin von Felsen eingeschlossen , aufhörte , gangbar zu sein . Aber Eduard , dem von seinen Jagdwanderungen her die Gegend bekannt war , drang mit Ottilien auf einem bewachsenen Pfade weiter vor , wohl wissend , daß die alte , zwischen Felsen versteckte Mühle nicht weit abliegen konnte . Allein der wenig betretene Pfad verlor sich bald , und sie fanden sich im dichten Gebüsch zwischen moosigem Gestein verirrt , doch nicht lange ; denn das Rauschen der Räder verkündigte ihnen sogleich die Nähe des gesuchten Ortes . Auf eine Klippe vorwärts tretend , sahen sie das alte , schwarze , wunderliche Holzgebäude im Grunde vor sich , von steilen Felsen sowie von hohen Bäumen umschattet . Sie entschlossen sich kurz und gut , über Moos und Felstrümmer hinabzusteigen , Eduard voran ; und wenn er nun in die Höhe sah und Ottilie leicht schreitend , ohne Furcht und Ängstlichkeit , im schönsten Gleichgewicht von Stein zu Stein ihm folgte , glaubte er ein himmlisches Wesen zu sehen , das über ihm schwebte . Und wenn sie nun manchmal an unsicherer Stelle seine ausgestreckte Hand ergriff , ja sich auf seine Schulter stützte , dann konnte er sich nicht verleugnen , daß es das zarteste weibliche Wesen sei , das ihn berührte . Fast hätte er gewünscht , sie möchte straucheln , gleiten , daß er sie in seine Arme auffangen , sie an sein Herz drücken könnte . Doch dies hätte er unter keiner Bedingung getan , aus mehr als einer Ursache : er fürchtete sie zu beleidigen , sie zu beschädigen . Wie dies gemeint sei , erfahren wir sogleich . Denn als er nun herabgelangt , ihr unter den hohen Bäumen am ländlichen Tische gegenübersaß , die freundliche Müllerin nach Milch , der bewillkommende Müller Charlotten und dem Hauptmann entgegen gesandt war , fing Eduard mit einigem Zaudern zu sprechen an : » Ich habe eine Bitte , liebe Ottilie ; verzeihen Sie mir die , wenn Sie mir sie auch versagen ! Sie machen kein Geheimnis daraus , und es braucht es auch nicht , daß Sie unter Ihrem Gewand , auf Ihrer Brust ein Miniaturbild tragen . Es ist das Bild Ihres Vaters , des braven Mannes , den Sie kaum gekannt und der in jedem Sinne eine Stelle an Ihrem Herzen verdient . Aber vergeben Sie mir : das Bild ist ungeschickt groß , und dieses Metall , dieses Glas macht mir tausend Ängste , wenn Sie ein Kind in die Höhe heben , etwas vor sich hintragen , wenn die Kutsche schwankt , wenn wir durchs Gebüsch dringen , eben jetzt , wie wir vom Felsen herabstiegen . Mir ist die Möglichkeit schrecklich , daß irgendein unvorgesehener Stoß , ein Fall , eine Berührung Ihnen schädlich und verderblich sein könnte . Tun Sie es mir zuliebe , entfernen Sie das Bild , nicht aus Ihrem Andenken , nicht aus Ihrem Zimmer ; ja geben Sie ihm den schönsten , den heiligsten Ort Ihrer Wohnung ; nur von Ihrer Brust entfernen Sie etwas , dessen Nähe mir , vielleicht aus Übertriebener Ängstlichkeit , so gefährlich scheint ! « Ottilie schwieg und hatte , während er sprach , vor sich hingesehen ; dann , ohne Übereilung und ohne Zaudern , mit einem Blick mehr gen Himmel als auf Eduard gewendet , löste sie die Kette , zog das Bild hervor , drückte es gegen ihre Stirn und reichte es dem Freunde hin mit den Worten : » Heben Sie mir es auf , bis wir nach Hause kommen ! Ich vermag Ihnen nicht besser zu bezeugen , wie sehr ich Ihre freundliche Sorgfalt zu schätzen weiß . « Der Freund wagte nicht , das Bild an seine Lippen zu drücken , aber er faßte ihre Hand und drückte sie an seine Augen . Es waren vielleicht die zwei schönsten Hände , die sich jemals zusammenschlossen . Ihm war , als wenn ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre , als wenn sich eine Scheidewand zwischen ihm und Ottilien niedergelegt hätte . Vom Müller geführt , langten Charlotte und der Hauptmann auf einem bequemeren Pfade herunter . Man begrüßte sich , man erfreute und erquickte sich . Zurück wollte man denselben Weg nicht kehren , und Eduard schlug einen Felspfad auf der andern Seite des Baches vor , auf welchem die Teiche wieder zu Gesicht kamen , indem man ihn mit einiger Anstrengung zurücklegte . Nun durchstrich man abwechselndes Gehölz und erblickte nach dem Lande zu mancherlei Dörfer , Flecken , Meiereien mit ihren grünen und fruchtbaren Umgebungen ; zunächst ein Vorwerk , das an der Höhe mitten im Holze gar vertraulich lag . Am schönsten zeigte sich der größte Reichtum der Gegend , vor- und rückwärts , auf der sanfterstiegenen Höhe , von da man zu einem lustigen Wäldchen gelangte und beim Heraustreten aus demselben sich auf dem Felsen dem Schlosse gegenüber befand . Wie froh waren sie , als sie daselbst gewissermaßen unvermutet ankamen ! Sie hatten eine kleine Welt umgangen ; sie standen auf dem Platze , wo das neue Gebäude hinkommen sollte , und sahen wieder in die Fenster ihrer Wohnung . Man stieg zur Mooshütte hinunter und saß zum erstenmal darin zu vieren . Nichts war natürlicher , als daß einstimmig der Wunsch ausgesprochen wurde , dieser heutige Weg , den sie langsam und nicht ohne Beschwerlichkeit gemacht , möchte dergestalt geführt und eingerichtet werden , daß man ihn gesellig , schlendernd und mit Behaglichkeit zurücklegen könnte . Jedes tat Vorschläge , und man berechnete , daß der Weg , zu welchem sie mehrere Stunden gebraucht hatten , wohlgebahnt in einer Stunde zum Schloß zurückführen müßte . Schon legte man in Gedanken unterhalb der Mühle , wo der Bach in die Teiche fließt , eine wegverkürzende und die Landschaft zierende Brücke an , als Charlotte der erfindenden Einbildungskraft einigen Stillstand gebot , indem sie an die Kosten erinnerte , welche zu einem solchen Unternehmen erforderlich sein würden . » Hier ist auch zu helfen , « versetzte Eduard . » Jenes Vorwerk im Walde , das so schön zu liegen scheint und so wenig einträgt , dürfen wir nur veräußern und das daraus Gelöste zu diesen Anlagen verwenden , so genießen wir vergnüglich auf einem unschätzbaren Spaziergange die Interessen eines wohlangelegten Kapitals , da wir jetzt mit Mißmut , bei letzter Berechnung am Schlusse des Jahrs , eine kümmerliche Einnahme davon ziehen . « Charlotte selbst konnte als gute Haushälterin nicht viel dagegen erinnern . Die Sache war schon früher zur Sprache gekommen . Nun wollte der Hauptmann einen Plan zu Zerschlagung der Grundstücke unter die Waldbauern machen ; Eduard aber wollte kürzer und bequemer verfahren wissen . Der gegenwärtige Pachter , der schon Vorschläge getan hatte , sollte es erhalten , terminweise zahlen , und so terminweise wollte man die planmäßigen Anlagen von Strecke zu Strecke vornehmen . So eine vernünftige , gemäßigte Einrichtung mußte durchaus Beifall finden , und schon sah die ganze Gesellschaft im Geiste die neuen Wege sich schlängeln , auf denen und in deren Nähe man noch die angenehmsten Ruhe- und Aussichtsplätze zu entdecken hoffte . Um sich alles mehr im einzelnen zu vergegenwärtigen , nahm man abends zu Hause sogleich die neue Karte vor . Man übersah den zurückgelegten Weg und wie er vielleicht an einigen Stellen noch vorteilhafter zu