Gewohnheit , mit zerrissenem Herzen zu arbeiten , machte es mir möglich , die Geschäfte zu beendigen . Endlich konnt ' ich Athem holen , eilte dann , sobald die zwey peinlichen Stunden der Mittagstafel überstanden waren , in die Gärten . Lange irrt ' ich umher , ohne mit mir selbst einig zu werden ; doch blieb der Gedanke : Maria , was es auch koste , zu retten , der Erste und Letzte . Sie erschrak , da ich zu ihr eintrat . Ich hatte in der Bestürzung das verhaßte Staatskleid nicht gewechselt , wollte es nun - die Zeit war kostbar - vergessen ; aber Mariens Aengstlichkeit machte es unmöglich . Ich sah , der Abend würde verloren gehen , eilte fort , und kehrte nach wenig Minuten in meiner gewöhnlichen Kleidung zurück . Jetzt flog mir Maria mit lautem Freudengeschrey entgegen , ich empfing sie mit offnen Armen , und - als wäre mit dem verhaßten Kleide Alles , was uns trennte , hinweggeschaft - mein Mund berührte den ihrigen . » O Gott ! « - rief Maria - » mein Traum wird erfüllt ! « ( Ich gestehe , daß diese , gerade jetzt wie eine fürchterliche Prophezeihung klingenden Worte , mich auf das heftigste erschütterten . ) » Maria ! « - sagte ich , sie mit bebender Hand zum Sofa leitend - » hören Sie mich ! Oft haben Sie gewünscht zu wissen , was ich denke . - Wohlan ! so mögen Sie es nun ohne Rückhalt erfahren . Ich wollte Ihr Vater seyn , wollte es bleiben , wollte keiner andern Empfindung Raum geben . - Ich vermochte es nicht . Ich liebte Sie früher , als Sie mich . « » Nein ! « - rief sie , und wollte mir wieder zu Füßen sinken ; aber ich hielt sie fest gedrückt an meiner Brust , und fuhr fort : » Als Ihr Herz nur für alles Große und Schöne , und keiner vorzüglich lebhaften Empfindung für mich empfänglich war , schon da liebte ich Sie , und war schwach genug , Raphael um seine Rosen zu beneiden . Doch vermochte diese Schwäche nicht , mich zu eigentlicher Ungerechtigkeit zu verleiten . Ihre Freyheit blieb mir heilig , und meine Liebe tief in meinem Herzen verschlossen . Eigennutz lag gleichwohl dem Allen zum Grunde . Ich wollte Alles aufgeben , um Alles zu gewinnen . Ihre Liebe sollte ein durchaus freyes Geschenk werden , und nur dann wollt ' ich Sie für das höchste irdische Gut erkennen . Aber dieser feine Eigensinn , diese eigensinnige Feinheit machte mich dennoch ungerecht . Ich forderte Liebe , ohne als Mann um Liebe zu werben . So forderte ich dann das Opfer des Heiligsten , das Opfer der Weiblichkeit . Ich wurde bestraft , vielleicht härter , als ich verdiente . Indem ich mich über menschliches Streben , über menschliche Begierde erhob , verlor ich menschliches Glück , erntete , was ich säete : Achtung , Bewunderung ; aber nicht Liebe . « » O mein Vater ! « - rief Maria , da ich einen Augenblick , von Empfindung überwältigt , einhielt - » ist das auch wahr ? « - Ich drückte einen zitternden Kuß auf die Engelstirn und fuhr fort : » Wäre es nicht wahr , müßte es nicht wahr werden ? Darf ich um Liebe werben ? Darf ich geliebt werden ? - Iwanova trägt verschmähte Liebe im brennenden Herzen , will hassen , weil sie nicht lieben soll . Aber ich bin ein freyer Mann , kann mich ihrem Hasse entziehen . So dacht ' ich vormals . Darf ich auch jetzt so denken , da ein ganzes Volk die Hände flehend zu mir erhebt ? mich Retter nennt ? Da ich täglich überzeugter werde , daß ich es bin ? Da ich vergebens unter Allen , die Pflicht und Vaterland im Munde führen , Einen suche , der den Sinn dieser Worte zu fassen , der die Hälfte von dem , was auf mir liegt , zu tragen vermöchte ? Und so heißt dann die Losung nicht mehr Liebe , oder Haß ! Freyheit , oder Zwang ! sondern : Liebe , oder Pflicht ! - Wenn Maria entscheiden dürfte , was würde sie sagen ? « Liebe und Pflicht ! Iwanova kann hier nur gerecht , oder verabscheuungswürdig seyn . Wie , wenn sie das Letzte wäre ? - Maria staunt mich an ? - Wer war es , der mir schrieb : Iwanova beschließt unser Verderben ! Wer war es , der da fragte : Ist keine Rettung möglich ? - O Gott ! Ja sie ist möglich ! sie soll möglich seyn ! Maria wird , muß gerettet , muß glücklich werden . Wie ? Graf Perçy liebt Maria . Sein Alter paßt besser zu dem ihrigen . Das hat sie selbst im Traume gefühlt . O mein Vater ! Ja ! Alexander bleibt Mariens Vater . Und so liebt sie ihn , wie sie ihn immer geliebt hat , vielleicht lieben kann . Und was wird dann aus Maria ? Graf Perçy führt sie als Gemahlin nach England , und sie ist für immer gerettet . Gerettet ! Maria gerettet ? Wenn sie nach England geführt wird ? - Wo bleibt Mariens Vater ? Hier , wo Pflicht und Vaterland ihn binden . Und Maria in England ? Nimmermehr ! Maria wird nicht Graf Perçy ' s Gemahlin . Warum nicht ? Weil Maria keinen Mann lieben kann , der ihr gleich ist . Der ihr gleich ist ? - Ja ! Graf Perçy ist nicht mehr werth als Mann , wie Maria als Mädchen . Er kann Mariens Gespiele , nie ihr Gemahl werden . Maria ist gewohnt , das über sich zu sehen , was sie liebt . Sie würde in schlaffe Unthätigkeit versinken , entrisse man ihr den sichtbaren Gott , durch den sie lebt und empfindet . Maria ! Maria ! So ist es ! So wird es seyn ! Soll nun Maria nach England gehen ? ( Ich verhüllte mein Gesicht und schwieg . ) » Soll nun Maria nach England gehen ? « - wiederholte sie und lag , eh ' ich es hindern konnte , zu meinen Füßen . Verschwunden war die Zukunft . Ich zog sie schnell in meine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit brennenden Küssen . » O mein Vater ! mein Geliebter ! « - rief sie - » jetzt leben wir ! Müssen wir nun sterben , weil wir lebten ? Ist keine Rettung ? « Vielleicht . - Doch ehe von Rettung gesprochen werden kann , muß Maria Alles wissen und bedenken . Was ? » Heute nichts mehr ! « - sagt ' ich , mich losreißend - » Morgen , Maria ! Morgen ! Und dann gilt es einen festen Entschluß . « Ich drückte sie noch ein Mal fest an mein Herz , und eilte davon . Am andern Tage fand ich Maria in tiefen Gedanken . Sie eilte mir nicht , wie gewöhnlich , entgegen , sondern reichte mir schweigend die Hand . » Was denkt Maria ? « - fragt ' ich besorgt . Mein geliebter Vater sagte gestern : er habe das Opfer des Heiligsten , das Opfer der Weiblichkeit gefordert . - Hat Maria dieses Heiligste wirklich geopfert ? Nein ! Maria ist rein und weiblich geblieben , wie vorher . Aber das bestätigt meine Furcht : Mariens Liebe sey nur zärtliche Achtung , Bewunderung . - Die eigentlich menschliche , immer mehr oder minder leidenschaftliche Liebe , kann von dem reinen Weibe nie mit dieser Unbefangenheit bekannt werden . Und wenn Mariens Liebe nun höchste Bewunderung wäre ? - So könnte sie zu spät eine lebhafte Empfindung kennen lernen , welche gleichwohl diese höchste Bewunderung nicht ausschlösse . Durch einen Mann ? Durch einen Mann ! der Graf Perçy ' s Jugend mit der Achtungswürdigkeit , die Maria nicht erlassen kann , verbände . Ich kenne einen solchen Mann . Und Maria ist sich keiner lebhafteren Empfindung bewußt ? Maria ist sich bewußt , daß sie , so lange sie athmet , nach dem Höheren werde streben müssen ; denn nur das heißt ihr leben . Maria ist sich bewußt , daß nur dieses Höhere das wahrhaft Liebenswürdige für sie seyn und bleiben wird . Maria hat den Mann gefunden , der diese Liebenswürdigkeit im höchsten Grade besitzt . So ist sie dann ihrer Empfindung gewiß . Denn , gäbe es auch einen Zweyten , der dem Geliebten ähnlich wäre ( ihm gleich ist keiner ) so fesseln sie ja schon tausend Bande an den Ersten . » Ach , Maria ! « - rief ich innigst bewegt - » Sie mögen wohl Recht haben ! Doch bleibt meine Furcht nicht weniger gegründet . Aber gesetzt , alle Schwierigkeiten wären gehoben , Iwanovens Haß überwunden , bleibt in meiner Bestimmung nicht ein unüberwindliches Hinderniß ? - Maria hat verrathen , was sie unter lieben sich denkt . Es ist ein unaufhörliches Eins seyn mit dem Geliebten , eine Allwissenheit seiner Gedanken und Empfindungen , ja sogar ein Ausschließen Alles zu dieser Liebe nicht Gehörigen . - So liebt Gott nur die Welt . So kann die Welt nur von Gott geliebt werden . Diese vollkommenste Ehe ist dem Menschen ein nie zu erreichendes Ideal . Wer dürfte , ohne Betrug , Marien eine solche versprechen ? - Der freye Mann darf es nicht ; denn er ist Mensch , Alexander darf es noch weniger ; denn er ist Mensch und Staatsmann zugleich . - Aber wenn er sich dem Staate opfert , darf er von einem weiblichen Wesen dasselbe verlangen ? - Und vielleicht ist es nicht einmal dasselbe , vielleicht ist das Opfer viel größer . - Dem Manne ( mag er sich von Lob und Tadel so frey dünken , wie er will ) wird immer die Stimme der Nachwelt etwas gelten , wird ihm noch hörbar seyn , wenn Alles Andere verstummt . - Aber was bleibt dem zarteren Weibe , wenn der Mann ihre Liebe wie die erquickende Luft , ohne die er nicht leben kann , aber doch nur unbewußt empfindet ? Wenn der Theil seiner Kraft , den er im Streben nach ihrem Besitze verwandte , nun auch dem Staate anheim fällt ? Wenn er sich am Ende , durch ihre Großmuth verwöhnt , nur lieben läßt , wähnend : das könne und müsse nun so seyn ? So wäre Alexander ! So würde es seyn ! So war Alexanders Vater ; ein Mann , den Alexander jetzt noch bey weitem nicht erreicht . Und wußte Alexanders Mutter vor ihrer Verheirathung , was Maria jetzt weiß ? Nein ! denn sie fand sich bitter getäuscht ; aber trug ihr Schicksal mit unbeschreiblicher Milde . So übertrift dann Alexander seinen Vater entweder an Offenheit , oder an Einsicht , und so muß das Schicksal seiner Gattin , von dem seiner Mutter ganz verschieden seyn . Und wie ? Weiß Alexanders Gemahlin , daß sie sich , wie er , dem Staate opfern muß , so kann sie ihre Kräfte ja prüfen , und nur sie selbst kann sich dann täuschen . Weiß Alexander , daß sie mit ihm sich opfert , so kann er das Opfer ja würdigen . In beyden Fällen muß ihr Schicksal von dem seiner Mutter verschieden seyn . Es könnte verschieden , und dennoch sehr traurig seyn . Es ist es schon ! Alexanders Mutter war glücklich ; denn sie wurde , obgleich getäuscht , dennoch geliebt . Maria ist niemals geliebt worden . Maria ! Maria ! Vielleicht ist sie auch dieses Glückes nicht würdig , und so war ihr Wunsch , ins Kloster zu gehen , sehr passend . Dort ist sie sichrer , als in England . Darf sich Maria ihrer Bestimmung entziehen ? - Mariens Bestimmung kann nicht seyn , einen Mann zu betrügen , oder sich einem hinzugeben , der sich mit dem Bewußtseyn , er werde nicht geliebt , dennoch mit ihr verbände . O nein ! Maria geht ins Kloster . Ist dort glücklicher , als Tausende in der Welt es sind . In ihrem Herzen ist das ewige Leben . Die Liebe , auf ihrem Altare ein sichtbarer Gott , das herrlichste Ebenbild des Unsichtbaren und Ewigen . Dann , wann die Glocken läuten , wann die geweihten Jungfrauen sich nah ' n , dann schließen sich die eisernen Thore zwischen ihr und dem irdischen Wechsel auf ewig ! Dann gehört sie ganz ihrer Liebe ! Sie schwebte fort , und ich blieb mit namenloser Empfindung zurück . Welch ein Schmerz nagt so schrecklich an meinem Inneren ? Ist es Reue ? Was , was hab ' ich zu bereuen ? - Sollt ' ich sie täuschen ? Sie ins Elend führen ? - Aber ist sie jetzt nicht elend ? Will sie sich selbst nicht auf das schrecklichste täuschen ? - Wer giebt mir Licht in dieser Finsterniß ? - Und dabey diese sich stündlich häufenden Geschäfte ! Iwanova , die sich mit Sterndeutern und Wahrsagern einschließt ! Jedem unglaublich , der es vor seinen Augen nicht siehet . Die geistvollste Frau , in den schändlichsten Banden ! - Unglückliches Volk ! wer könnte jetzt dich verlassen ? Wilhelm hat Euch geschrieben , und so wißt ihr schon , daß ich von dem schrecklichen Traume erwacht bin . Die Grausame ! Getäuschte ! Bedauernswürdige ! Sie leidet jetzt mehr als ich litt . Dieses Leiden hatten die Schändlichen bey ihren Zaubertränken nicht berechnet . Sie versprachen ihr Liebe , Liebe bis zum Wahnsinn . Sie haben ihr nur gelassen , was sie schon hatte , und ihr , statt dessen , was sie gelobten , nur Reue gegeben . Wo soll ich anfangen , Euch mit der ganzen Abscheulichkeit bekannt zu machen ? Im vorigen Monathe bekamt Ihr den letzten Brief von mir . Ich schrieb Euch von einem entsetzlich nagenden Schmerze . Aber das , was ich damals für Seelenleiden hielt , war körperliches zugleich . Ich hatte von den schändlichen Giftmischern , durch Iwanovens eigne Hand , einen sogenannten Wundertrank bekommen , der bis an Wahnsinn grenzende Liebe , wenn auch nicht in meinem Herzen , doch in meinem Blute entzünden sollte . Schon fühlt ' ich das schreckliche Feuer in meinen Adern . Aber eine Menge wichtiger Geschäfte war zu beendigen . Ich arbeitete fort mit brennendem Blute , machte schnell eine Verfügung auf alle mir gedenkbaren Fälle , und widerstand dann noch dem wüthenden Fieber , bis mir , mit dem Bewußtseyn , alle Kraft zum Widerstand geraubt wurde . Jetzt , da mir das Vergangene allmählich wieder deutlich wird , erinnere ich mich , in den beyden letzten Tagen vor meiner Krankheit , oft zu Iwanova gerufen worden zu seyn , und eine sonderbare neugierige Freundlichkeit an ihr bemerkt zu haben . Aber mein Ernst und ein eben so sonderbarer , nie empfundner Widerwille , schien in eben dem Grade zuzunehmen . Mit einer Härte , derer ich bis dahin nicht fähig war , schilderte ich ihr die Folgen ihrer gänzlichen Pflichtvergessenheit . Mein exaltirter Zustand machte mir jede Vorsicht , jede Schonung unmöglich . » Ich bin krank ! « - rief ich , mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend - » Ich bin krank ! Sie klag ' ich an ! denn Sie haben Uibermenschliches von mir gefordert ! mit unbegrenzter Sorglosigkeit Alles auf meine Schultern geworfen . Ach , Sie wußten , daß ich das unglückliche Volk nicht verlassen würde ! Jetzt werf ' ich die ungeheute Last auf Sie zurück ! Hören Sie mich ? Sind Sie erwacht ? « - Sie antwortete mit einem lauten Ausrufe des Schmerzens ; denn ich hatte mit wüthender Kraft ihre Hand fast zerquetscht - » Von Ihnen fordere ich dieses Volk ! mag ich der fürchterlichen Krankheit unterliegen oder sie überwinden , von Ihnen will ich es fordern ! « Mit diesen Worten verließ ich sie und war von nun an der Krankheit überlassen . Folgendes hab ' ich aus Wilhelms Erzählung , der , Nacht und Tag nicht von mir weichend , nur das Allgemeine Euch melden konnte . Er empfing mich beym Eintritt in mein Zimmer mit einem Thränenstrome , und dankte Gott , daß ich mich endlich für krank erklären , und die Hülfe der Aerzte annehmen wollte . » Maria ! « - rief ich . Er stürzte bey diesem Ausrufe mir zu Füßen , schlug heftig an seine Brust , und streckte dann die Rechte gen Himmel . Ich sah , daß er mich verstanden hatte , und sank auf mein Lager . Dies ist das Letzte , dessen ich mir bewußt bin . Alles Andere scheint mir nur ein fürchterlich verworrner Traum . Mein Fieber wurde jetzt so heftig , daß die Aerzte nur wenig von ihrer Kunst erwarteten . Bey Iwanovens Anblick schien es Raserey werden zu wollen . Die Unglückliche , Betrogene , war selbst von diesem schrecklichen Zustande nicht mehr fern , und vertrauete , von Verzweiflung getrieben , ihrem Leibarzte das ganze schändliche Geheimniß . Er gab nun einige Hoffnung ; drang aber sogleich auf die Entfernung der übrigen Aerzte , welche , mit dem wahren Ursprunge der Krankheit nicht vertraut , ihm entgegen handeln konnten . Eben so dringend bat er Iwanova , sich entfernt zu halten , und nur solche Personen bey mir zu dulden , deren Anblick mich nicht zu beunruhigen schien . Aber diese waren nur Wilhelm und Maria , welche von nun an meine Pflege übernehmen mußten . Ich erkannte sie im heftigsten Fieber , und ließ mich von ihnen bedeuten . Besonders schien Mariens Spiel und Gesang wunderbar auf mich zu wirken ; doch konnte sie mir nur immer durch ein und dasselbe Lied ein Lächeln abzwingen . Bey allen Anderen verrieth ich , obwohl beruhigt , minder oder mehr schmerzhafte Empfindungen . Sie hatte es kurz vor unserer entscheidenden Unterredung gedichtet , und ich setze es Euch seiner Einfalt und Herzlichkeit wegen her . Du bist bey mir , ich bin bey Dir , Bis an mein Lebens Ende . Und trennte Dich der Tod von mir , Wüßt ' nicht , wie ' s um mich stände . Ach , schleuß mich in Dein Herz hinein ! Dann kann ich ewig bey Dir seyn . Sie sang dieses Lied zu ihrer Laute , nach einer alten , herzerschütternden Melodie . Oft - sagt Wilhelm - haben Thränen ihre Stimme erstickt . Dann habe ich - sonderbar genug - mich unwillig von ihr abgewandt und die Augen geschlossen . Endlich aber vermochte sie es , das Lied ohne Thränen zu singen , und bewirkte dadurch , selbst nach dem Zeugnisse des Arztes , meine Genesung augenscheinlich . Durch den Anblick schöner Blumen , schöner Gemählde , suchte sie gleichfalls wohlthätig auf mich zu wirken . Aber bey den Blumen alle grelle Farben , bey den Gemählden alle leidenschaftlichen Gegenstände vermeidend . Oft wählte sie , wenn ich schlummerte , stundenlang unter den Blumen und weinte immer stärker , je länger sie wählte , bis sie dann bey meinem Erwachen plötzlich erheitert zu mir hineilte . Anfangs hatte ich die Gemählde nur in finsterer Betäubung angestarrt . Aber nun verfiel sie darauf , mir das Dargestellte zugleich vorzusingen , und die im Gesange vorkommenden Personen mit der Hand anzudeuten . Das erheiterte mich augenscheinlich und ich horchte nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit . So vergingen zehn Tage . Kein Schlaf kam in Mariens Auge . Oft versuchte Wilhelm sie zu bereden , wenigstens die Zeit , wo ich schlummerte , für ihre Ruhe zu benutzen ; aber das leiseste Geräusch schreckte sie auf , und so stand sie plötzlich wieder , mit zurück gehaltenem Athem , mir zur Seite . Auch konnte sich Iwanova nur während meines Schlummers mir nähern , mußte fliehen , wenn ich erwachte , irrte so , schattenähnlich hin und her , Verzweiflung im Blick , in jeder Bewegung . Anfangs bezeigte ihr Maria , von Ahnung getrieben , einen fast eben so großen Widerwillen , wie ich selbst , vermochte aber doch nicht dem Anblicke ihres tiefen Leidens lange zu widerstehen . Die Verzweiflung der Großen , Gefürchteten , lös ' te sich endlich , am Busen des tröstenden Engels in Wehmuth auf . Aber nun wurde Maria auch mit der ganzen , schrecklichen Leidenschaft Iwanovens bekannt . Ach , wie sorgfältig hatte ich ihre reine Seele davor gehütet ! - Ihr Erstaunen war unbeschreiblich , das Liebe , äußerste Liebe nennen zu hören , was sie mit empörtem Gefühle Haß nennen mußte . Wie oft es ihr auch betheuert wurde ; sie bestand darauf : es sey ein schrecklicher Irrthum . » Sehen Sie ! « - rief sie aus - » ich liebe ihn auch , werde nicht von ihm geliebt und doch sind alle meine Empfindungen von den Ihrigen verschieden . Wäre es möglich , daß er ein Weib seiner würdig fände , ich wurde mich dennoch glücklich schätzen , in seiner Nähe zu athmen . Wird nicht Alles , was er sein nennt , geheiligt ? Ist seine Wahl nicht das sicherste Kennzeichen der Vortrefflichkeit ? - Da ein thörichter Eigendünkel mich noch irre führte , da ich mich seiner Liebe noch würdig hielt , weil ich die meinige zum Maasstabe meines Werthes machte , da wollte mich auch eine kleinliche Empfindlichkeit niederdrücken , entfernen . Ach , das ist Alles verschwunden ! Nur in seiner Nähe ist Leben ! Alles Tod , Finsterniß , wo sein Auge nicht leuchtet ! Das hab ' ich jetzt , bey der Möglichkeit seines Verlustes begriffen . « Denkt Euch meine Empfindung ! als Wilhelm mir Alles dieses , in seine treuherzige Sprache übersetzt , bald mit zurückgehaltener Thräne , bald mit triumphirendem Lächeln berichtete . Er saß während dieser Unterredung an meinem Bette . Vielleicht glaubte man ihn ganz mit mir beschäftigt , vielleicht setzte Iwanova voraus , er sey doch von Allem unterrichtet ; oder , was mir das Wahrscheinlichste ist , sie hielt es , wie gewöhnlich , nicht der Mühe werth , ihn irgend einer Rücksicht zu würdigen . Solche Menschen scheinen den Großen Würmer , die sie zerdrücken können , wann sie wollen . In dieser ganzen Ergießung des unschuldsvollen , himmlischen Herzens , fiel Iwanoven nur die Versicherung auf : Maria werde nicht geliebt . Sie forderte Beweise , und Maria erzählte mit ihrer , alle Herzen gewinnenden Offenheit den Traum und die darauf folgende Unterredung . » Er wollte mich also « - fuhr sie fort - » nicht allein entfernen , er zweifelte sogar an der Dauer seiner Empfindung , ja er sagte vorher : daß sie nicht dauern werde und könne . Wer , der da liebte , hat jemals Aehnliches versichert oder geahnet ? - Bey wahrer Liebe ist schon der Zweifel unmöglich . Liebe hält sich für ewig , und ist es . « » Mädchen , woher weißt du das Alles ? « - rief Iwanova . Woher ? O Gott , ich liebe ihn ja ! Jetzt erfolgte ein langes Stillschweigen . Iwanova blieb unbeweglich in tiefen Gedanken mir gegenüber , Maria eilte an das andere Ende des Zimmers , mir Erfrischung zu bereiten . Aber jetzt schien ich zu erwachen . Iwanova warf noch einen Feuerblick voll Rührung und Bewunderung auf Maria , entfernte sich dann schnell , die sorgenvolle Stirn mit der Hand unterstützend . Noch am selbigen Abend wurde eine spanische , mit durchsichtigem Zeuge bedeckte Wand in mein Zimmer gebracht , hinter welcher Iwanova mich und Maria Stunden lang beobachtete . Maria wußte das ; aber es war nicht die geringste Veränderung in ihrem Betragen zu erspähen . Ach was konnte , was sollte das Engelherz auch verbergen ! Oft , wenn ich nun einschlummerte und Iwanova hervortrat , griff sie schnell nach Mariens Hand , zog sie mit Heftigkeit an das andere Ende des Zimmers und schien das , was ihr Innerstes bewegte , nicht mehr unterdrücken zu können . Aber plötzlich stand sie dann wieder unbeweglich , die Worte erstarben auf ihren Lippen und nur finstere , Unglück verkündende Blicke fielen auf das zitternde Mädchen . Endlich war die Krankheit überwunden , und mit meiner Kraft kehrte mein Bewußtseyn auch wieder . Doch schien mir Mariens beständiges Umschweben , im Anfange nichts als ein beseligender Traum . Ach ! daß nicht große schreckliche Sorgen , daß nicht blutige Welthändel mich beschäftigten , mir nicht jeden Lebensgenuß entrissen , daß ich sie , die ewig Theure ! wie in stiller seliger Häuslichkeit , um mich , mit mir beschäftigt sah - mußt ' es mir nicht wie ein Traum erscheinen ? Die Krankheit hatte mich weicher , auch gegen mich selbst , gemacht . Ich schien mir losgerissen , freygegeben , nahe dem Lohne für tausendfältigen Schmerz . Ich begriff das Glück , dem ich entsagen wollte , ich sah , daß ich es , grausam gegen mich selbst , absichtlich meinem Auge entrückt hatte , um mich sicherer täuschen zu können . Ach , ich begriff , daß ich ein Mensch war und menschliche Rechte hatte ! Unwillig über diese absichtliche Verblendung schalt ich mich feige , ein Gut preis gegeben zu haben , nach dem die Weisesten trachten und beschloß nun es auf das äußerste zu vertheidigen . Worte verriethen mich nicht ; aber was bedurft ' es der Worte ! - O , wie wurde das Engelgesicht durch Erstaunen verschönt , wenn ich die liebe Hand , sie die mich dem Grabe entriß , an mein Herz zog , mit tausend Küssen bedeckte , und mein von Bewunderung , Dankbarkeit und Liebe trunkenes Auge den Blick des Himmelsauges verfolgte ! Ich fühlte , daß ich lebte , ich war , ich bin entschlossen zu leben . Die entscheidende Stunde rückt heran . Ich soll sie wiedersehen , sie , die mein Leben der Leidenschaft preis gab . Daß sie selbst mich zu sehen verlangt , zeugt von einer Verhärtung , die , wollt ' ich noch einen Augenblick wanken , mir meine ganze Kraft wiedergiebt . Sie kennt meine schwache Seite , sie wird sie benutzen wollen ; aber auch darauf bin ich gefaßt . Will sie mich dem Vaterlande entreißen ; sie möge es verantworten . Ich will die Bürde wieder aufnehmen , deren ganze Last ich jetzt , da ich frey bin , erkenne . Ich will es ; aber Maria ist mein , bleibt mein , oder ich rette diesen Schatz , mit ihm meine Freyheit , um welchen Preis es auch sey . Morgen also ! Wohlan ! ich bin bereit . Darauf war ich nicht gefaßt ! Ich weiß schon ! Ihr werdet mich tadeln . Höret ! höret ! Ich sah sie , wie ich sie niemals gesehen ! Werde ich Alles sagen dürfen ? - flehend um das , was ich nicht geben kann - und wie flehte sie ! - Nein ! das sterbe mit mir ! - Das ist mein Trost ! das ist mein einziger Trost ! daß sie die Liebe nicht kennt . Wie könnte sie sonst darum bitten ? - sie für irgend einen Preis feil halten ? Sie bot einen Thron . Das hat selbst sie , die doch einen Thron nicht überschätzen sollte , verblendet . Das wird Euch verblenden , wie sie . Seht , es schmerzt mich , daß ich das im voraus schon weiß . Was soll ich weiter schreiben ? Ich will Eure Antwort mit Eurem Tadel erwarten . O , ich wußt ' es vorher ! Die Hoffnung Euch zu überzeugen , geb ' ich auf . Aber glaubt Ihr wirklich , ich habe nicht Alles , was Ihr mir vorrechnet , erwogen ? Von Pflicht schweiget nur ! Das bitt ' ich ! » Sey es ein Rausch « - sagt Ihr - » möge er verfliegen , möge sie inne werden , daß es nichts war , als ein Rausch ; Dir bleibt die Macht , ein Volk zu beglücken , das jetzt schon Retter Dich nennt . « Groß gedacht ! Auch schön gedacht ? - Ich zweifle ! Auch recht gedacht ? - Nein ! denn ich erkaufe diese - ich gebe es zu - verführerische Macht mit Betrug . Ihr zuckt die Achseln , spöttisch und mitleidig , starrt unverwandt auf den Zweck und scheltet jeden kleinlich , der auf sich selbst zurück blickt . Ich nicht . Das ist der Unterschied . Er wird unter uns bleiben , wie er von jeher unter uns war . O , glaubet mir ! ich könnte Euern Gründen noch manche , die Ihr nicht ahnet , hinzufügen ! Glaubt mir , ich begreife Euch ! Daß Ihr mich nicht begreift , ist ein Unglück . Ich könnte ausruhen bey Euch , könnte mich nach dem schweren Kampfe Eures Beyfalls erfreuen . Auch das nicht ! - Nun , es sey aufgegeben , wie so vieles . Das war falsch ! Das war Bestechung ! noch dazu verschwendete Bestechung . Also glaubet Ihr , Maria halte mich ? Maria müsse man bewegen , mich frey zu geben ? O , wie Ihr das Engelherz verkanntet ! Vergaßet Ihr , wie schnell sich ihre Liebe über Selbstsucht erhob ? Wie sie hoffnungslos ihr ganzes Leben mir weihte ? - Sagt ihr : sie müsse Der , die ich wähle , dienen , und sie thut es , Dienst und Dienstbarkeit adelnd . Maria ! Maria ! sie kennen dich nicht ! Werden sie dich begreifen , wenn sie dich kennen ? - Und welche Beredsamkeit Ihr verschwendet an der Kunstlosen ! Reinen ! - Ach ich fühle ein ordentliches Mitleiden , daß Ihr so