für mich wäre . Calpurnia ist zu reizend und zu leichtsinnig . Um sie zu seyn , und sie nicht zu lieben , ist unmöglich ; sie zu besitzen und glücklich zu seyn , noch unmöglicher . So sehr sie mich anzieht , so tief fühle ich , daß wir nicht für einander geboren sind . Darum ist es Pflicht gegen mich , gegen sie , daß dieser Zauber zerstört werde , und das kann und wird er sicher durch Entfernung . Weniger als je widert mir diesmal der Zweck und die Art des angefangenen Krieges . Es gilt keine neue Eroberung , kein prunkendes Hinzufügen neuer Provinzen zu dem ungeheuern Staatskörper , um sie eben so zu vernachlässigen und auszusaugen , wie die vorigen . Dem rechtmäßigen Beherrscher soll der Thron seiner Väter erstritten , und die Schmach vergangener Jahre an übermüthigen Barbaren gerochen werden . So ehrt der Zweck die Mittel , und ich erröthe nicht , ich freue mich vielmehr , in diesem Kriege auch meine Kräfte zu versuchen , und eine edle Absicht mit Aufopferungen befördern zu helfen . Tiridates ist nach Mailand zum Augustus Maximian . Ich folge ihm bald , wir schiffen uns in Ravenna ein , und in ein paar Wochen denke ich in Nikomedien zu seyn . Daß ich dich nicht mehr dort treffen soll , war eine schmerzliche , eine niederschlagende Nachricht für mich , die ich aus dem Briefe meines Vaters vernahm . Du bist als Lehrer in der Akademie nach Athen berufen , du verlässest deine Vaterstadt , vielleicht in dem Augenblicke , wo ich mich anschicke , sie wieder zu sehen . Wie hätte ich mich gefreut , dich noch dort zu finden ! Es sollte nicht seyn . So will ich denn auch diese fehlgeschlagene Hoffnung , wie so viele andere , woran mich mein Geschick von Jugend an gewöhnte , gelassen ertragen . Mein Vater hat mir geschrieben , so väterlich , so gütig , wie seit langer Zeit nicht . Ich weiß wohl , und fühle es dankbar , daß diese Milderung seiner Gesinnungen gegen mich dein Werk , daß es das schöne Vermächtniß ist , das du scheidend mir im väterlichen Hause zurücklässest . Habe Dank dafür , jenen innigen aber wortarmen Dank , den du weder verkennst , noch verschmähst ! Ich hoffe endlich meinen Vater , auch in dieser Hinsicht , mit mir zufrieden zu sehen . Ich habe ihm meinen Entschluß , Kriegsdienste zu nehmen , geschrieben , und ihn um seine Verwendung gebeten . Er wünschte längst , mich in irgend einer Laufbahn thätig zu sehen ; und so fällt sein Wunsch mit meinen Absichten zusammen . Trifft dich dieser Brief noch in seinem Hause , so schildere ihm meine kindliche Dankbarkeit für seine Güte , und sage ihm , daß ich es nächstens selbst thun werde . Leb ' wohl , theurer , väterlicher Freund ! 12. Calpurnia an Sulpicien . Rom , im März 301 . Zum erstenmal in meinem Leben setze ich mich mit rothgeweinten Augen , erschöpft von einer halbdurchwachten Nacht , nieder , um deinen Brief zu beantworten , den mir deine treue Chromis gestern in der Dämmerung verstohlen brachte , dein Schicksal mit dir zu beklagen , und , was mich selbst schmerzt , in deinen mittheilenden Busen auszugießen . Arme , unglückliche Freundin ! Und durch wen unglücklich , als durch das boshafte Geschlecht , das , zu unserer Qual geschaffen , uns durch seine Fehler und Tugenden gleich empfindlich martert ! O glaube mir , Sulpicia , ich fühle mit dir . Die Aussicht , einen Freund zu verlieren , dessen Vorzüge mich eine Weile verblendeten , zeiget mir , was es seyn muß , einen Geliebten zu vermissen . Agathokles ist im Begriffe fortzureisen . Du staunst ? - So plötzlich , so unerwartet , so - wie soll ich sagen ? ohne alle hinlängliche Veranlassung ! Sein Eifer für die gute Sache deines Tiridates wurde auf einmal so brennend , und seine Pflicht , dem Wunsche seines Vaters entgegen zu kommen , so dringend , daß er sich auf der Stelle entschloß , Kriegsdienste zu nehmen , und den Feldzug wider , die Perser mitzumachen . Er , dessen Charakter , dessen Denkart nie diesem Beruf günstig oder gemäß war , er , der in so Manchem , fast in allen Stücken von seinem Vater verschieden denkt ; er hat nun nichts Angelegeneres zu thun , als sich zur Reise anzuschicken , und einen Ort bald zu verlassen , wo ihn nichts auf der Welt zurückhält . O ! Er hat vollkommen Recht ; aber diejenigen , die sich über seine Entfernung grämen wollten , hatten eben so vollkommen Unrecht . Das weiß ich , das fühle ich , und doch , Sulpicia - wie muß ich mich meiner Schwachheit schämen - doch , gestern , als er es mir ankündigte ! Ich war nicht vermögend , ihm sogleich zu antworten . Meine Kniee wankten , mein Blut schien auf einen Augenblick stille zu stehen , und ich empfand , daß auch meine Gesichtsfarbe , wenigstens zum Theil , die Bewegung verrathen mußte , die in meinem Innern vorging . Indessen - er war ja so gefaßt , so ruhig , so aus freiem Willen entschlossen ! Was hätte ich für ein verworfenes Geschöpf seyn müssen , wenn ich mich nicht an dieser Kälte abgekühlt , an dieser bewunderungswürdigen Kraft gestärkt hätte ! Ich wurde auch stark ! Ich fand in ein paar Secunden , ja indeß er noch , ich weiß nicht mehr was , sagte - denn zum Verstehen war ich zu sehr , o gegen dich darf ich ja den Ausdruck brauchen ! zu sehr betäubt - ich fand die Kraft wieder , ihm mit Gelassenheit , ja sogar scherzhaft zu antworten . Schnell , mit einer leichten Wendung drehte ich das Gespräch auf Nebensachen , auf die Anstalten zu seiner Reise , die günstige Witterung u.s.w. Mein Vater und meine Brüder waren gegenwärtig . Es ward mir leicht , unter einem Vorwande das Zimmer zu verlassen , und in der Einsamkeit die mühsam zurückgehaltne Erschütterung meines ganzen Wesens austoben zu lassen . Gern hätte ich auch den Thränen , die Schmerz und Zorn unaufgehalten hervorriefen , freien Lauf gegeben ; aber das durfte ich nicht wagen , denn die Stunde des Abendessens war nahe , und Agathokles , wie immer , bei uns . Ich wendete also blos die einsame Viertelstunde an , um eine leidentliche Haltung anzunehmen ; dann kam ich in ' s Speisezimmer zurück . Die Abreise , welche mein Vater und die Brüder recht aufrichtig bedauerten , war , wie du denken kannst , der Gegenstand aller Gespräche . Ich that mir Gewalt an , so viel Gewalt , daß mein Herz heimlich aus allen Tiefen zu bluten anfing ; aber ich erstaunte selbst über meine Kraft , und schien von Allen die Ruhigste , die Kälteste , sogar kälter als er , und das wollte Viel sagen ! Da bemerkte ich denn - o was sind diese Männer für schwache Geschöpfe ! Wie reizt sie so gar nichts , als was ihnen verwehrt ist ! Wie wird die unbedeutendste Sache ihnen , wie den kleinen Kindern , nur dann lieb , wenn sie sich ihnen entzieht ! - ich bemerkte deutlich , daß Agathokles in eben dem Maaße stiller , nachdenkender , mißmuthiger schien , je heiterer und fröhlicher ich wurde . Das verdoppelte meine Kraft ; denn es flößte mir ein Gefühl von Spott ein , und so gelang es mir , bis zu Ende der Mahlzeit die Rollen ganz umzutauschen . Wir schieden scherzend auseinander . Ich ging auf mein Zimmer - ich hoffte ruhig bleiben zu können . Da trat deine Chromis ein , und ich las deinen Brief . Auf einmal fiel die Erinnerung an meine Lage , vermischt mit dem , was ich für dich empfand , wie eine Centnerlast auf mein Herz . An deinen Schmerzen erneuerten sich die meinigen , und meine Thränen fingen an so heftig zu fließen , daß der Morgen bereits zu dämmern begann , als endlich ein mitleidiger Schlaf meine Augen schloß . So sind es denn Männer , und immer Männer , die die höchsten Qualen über unser Leben ausgießen , sie mögen uns lieben oder hassen ! Serranus liebt dich , dein Vater , so hart er scheint , nimmt doch gewiß innigen Theil an dir , und Agathokles ? O wie oft las ich das Geständniß seiner Liebe in seinen Augen , seinen entschlüpften Worten ! Und doch , doch können sie uns so grausam peinigen , so aller Rücksichten vergessen , und in der rohen wilden Kraft ihres Wesens auch nicht von fern ahnen , wie ein Weib fühlt , und was unsre Herzen bei diesen rauhen Berührungen leiden müssen ! Was ist es bei Agathokles ? Philosophischer Stolz , keiner Leidenschaft zu unterliegen ? Spiel mit einer wachsenden Empfindung , oder lächerliche Treue gegen ein Schattenbild ? Was es immer sey - er befolgt seinen Plan , weil er ihn einmal entworfen hat , ohne Rücksicht auf die , die Antheil an seinem Schicksal nehmen , die ihn in jedem Zimmer , bei jedem einsamen Mahle , bei jeder reizlosen Freude schmerzlich vermissen werden . Er denkt nicht daran . Er will reisen , und so thut er es . Und ich sollte ihm nachweinen ? Nein , Sulpicia , diesen Triumph soll der kalte ernste Censor1 nicht erleben . O ! ich will fröhlich und heiter seyn , und lächeln , wenn er sein Pferd besteigt , und zum letztenmal aus dem Thore unsers Hauses sprengt . Ich will - denn er verdient es nicht anders ! Sieh doch , Sulpicia , was Stolz und Unmuth für eine Gewalt über den Menschen haben ! Ich habe mit Thränen zu schreiben angefangen , sie sind während des Briefes noch häufig geflossen ; jetzt sind sie getrocknet . Ich weine nicht mehr , denn ich zürne , und finde in meinem Zorn eine Stütze gegen die unzeitige Weichheit meines Herzens . O man tadle mir den Zorn nicht ! er ist eine erhebende , eine heldenmüthige Empfindung , er hält der lähmenden Wehmuth das Gleichgewicht , und stärkt uns , wenn mir zu unterliegen befürchten müssen . Mit deinen zwei Peinigern wollen wir schon auch noch fertig werden . Sie sollen uns nicht über die Köpfe wachsen . Sind sie hart , wir wollen es noch härter ; sind sie schlau , wachsam , wir wollen es noch mehr seyn . Es soll ihnen nicht gelingen , uns zu trennen . Wir sehen uns bald und ungestört wieder . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Censor war eine obrigkeitliche Person in Rom , unter deren Aufsicht die Sitten und das Vermögen der römischen Unterthanen standen . 13. Sulpicia an Tiridates . Rom , im März 301 . Aus einer düstern Einsamkeit , von keinem Trost , von keinem heitern Gedanken erhellt , nur von den Manen meines ehemaligen Glückes umschwebt , dessen Erinnerung die Stacheln meiner Leiden schärft , schreibe ich an dich , Tiridates ! Bald vielleicht ist mir auch dieses letzte Gut geraubt . Härte und niedere Selbstsucht umgibt mich mit hundert feilen Argusaugen . Unser Verhältniß ist auf eine unwürdige Art vom Unwürdigen entheiligt dem Serranus und meinem Vater verrathen worden . Alles , was strenge , von trüben Ansichten geleitete Härte , was engherzige Kleinlichkeit und niedrige Eifersucht von Qual und Lasten auf ein zerrissenes Herz wälzen können , erdulde ich . Man hat gesucht , mich von Calpurnien zu trennen . Ihre treue Liebe und schlaue Kühnheit hat dies gedrohte Unglück von mir abgewandt . Sie hat Serranus rufen lassen . Ihr Verstand , ihre wohlangewandte Freundlichkeit hat ihn gewonnen . Das Geschlecht , aus dem sie stammt , und ihres Vaters Einfluß hat dem meinigen , Ehrfurcht geboten , und man wehrt ihr jetzt nicht , mit mir umzugehen . Nur fühle ich wohl , daß mich selbst in ihren Armen Verdacht und Argwohn umlauert . Man läßt uns selten allein . Immer weiß man es zu veranstalten , daß noch ein Besuch zu gelegener Zeit kömmt , oder ein Mitglied der Familie sich etwas in unserm oder den anstoßenden Gemächern zu schaffen macht . Wie klein , wie armselig , wie verächtlich mir das erscheint , brauche ich dir das wohl zu schildern ? O wenn ich hier je hätte lieben können , die leiseste Empfindung wäre mit der letzten Wurzel durch ein solches Betragen vertilgt ! Und vollends nun - da ich nie liebte , nicht einmal achtete ! Man lauert auf meine Briefe . Diese besorgt Calpurnia selbst , und auch ihre Briefe müssen durch Umwege an mich gelangen . Wenn nichts mich zum Haß , zur Rache berechtigte , wäre es nicht schon die fürchterliche Nothwendigkeit , in die man mich setzt , mich zu solchen Schritten herablassen zu müssen ? Ich bin unaussprechlich unglücklich . Mein Leben ist eine grauenvolle Nacht , in der bewußtlos hinzuschlummern , jetzt der höchste Wunsch meines gepeinigten Wesens wäre ! Tiridates ! Warum mußte ich dich kennen lernen ? Warum mußte dein Anblick die stille Fassung , worein Gleichgültigkeit und Ueberlegung mein Herz gebracht hatten , so gewaltsam stören ? Warum mußte mir das mögliche Ideal männlicher Vollkommenheit , das bisweilen in einsamen Stunden meine Seele , wie ein schöner Traum , beschäftigte , in dir auf einmal wirklich erscheinen , in dir , den Geburt , Vaterland und Verhältnisse mir ewig fremd halten mußten ? Welches grausame Vergnügen findet das Schicksal darin , in den Gebirgen Armeniens und im glänzenden Rom zwei Seelen ganz für einander zu bilden , sie sich finden zu lassen , und sich gewaltsam zu trennen ? Doch nein , ich klage nicht . Ich habe dich gefunden , ich habe dich geliebt , das kann mir keine Macht der Erde rauben : und wenn auch das Glück , daß ich dich kennen gelernt habe , mich von diesem Augenblicke an ewig elend machen müßte , ich könnte es nicht bedauern , nicht bereuen ; denn ich war selig - selig wie die Götter ! Und ist denn jede Hoffnung verschwunden ? Liegt hinter der grauenvollen Gegenwart keine bessere Zukunft ? Tiridates ! ich bin sehr schwach . Es gibt Augenblicke , wo mein Herz in seinen unendlichen Schmerzen versunken , ihn heftig ergreift , und von keiner Hoffnung etwas wissen will ; wo es sich jeder Aussicht möglicher Verbesserung verschließt , und eine Art von dumpfer Beruhigung darin findet , daß es nie aufhören wird , zu leiden . Dann ist mir , als wäre meine Rechnung mit dem Schicksal abgeschlossen . Mein Leben , auch das noch kommende , liegt hinter mir , wie ein vollbrachter Tag . Die Zukunft ist vorüber , ich fürchte nichts , ich hoffe nichts , nicht einmal den Tod . Ich fühle nur , daß ich elend , daß ich von dir getrennt bin . Und was wird , indessen ich hier leide , dein Schicksal seyn ? Vielleicht kämpft dein Schiff mit Sturm und Wogen - ein Blitz trifft es - es sinkt - du bist im Abgrunde des Meeres begraben ! Oder ich sehe dich späterhin im Schlachtgewühl - ein Pfeil durchbohrt dein Herz , für das zu leben meine einzige Bestimmung ist ! Was soll ich denn auf der Welt ? O laß mich dir nacheilen ! Laß mich mit dir in ' s öde Reich der Nacht hinabsteigen , oder an deiner Seite liegen und schlafen ! Beneidenswerthes Loos , wenn uns im Reiche des Lichtes und fröhlichen Wirkens kein Glück mehr beschieden ist ! O schreibe mir bald , Tiridates ! Reiß mich aus dieser Angst , die oft bis zur Verzweiflung steigt ! Nur dies , daß du lebst , daß ich hoffen kann , dich noch einmal zu sehen , macht es mir möglich zu leben . Auch Agathokles hat uns verlassen . Er eilte dir bald nach , um sich mit dir einzuschiffen . Ich vermisse seinen Umgang , seine thätige warme Freundschaft recht sehr , obwohl wir über viele und wichtige Punkte nicht gleich dachten . Aber ich war die Geliebte seines Freundes , und das war genug , ihn für mich zu gewinnen . Er hat Manches für mich gethan , das ihm mein Herz nie vergessen wird . Er ist sehr edel , aber ich fürchte , er wird nie glücklich werden ; denn seine Begriffe passen nicht in sein Zeitalter Calpurnia hat sicher einen starken Eindruck auf ihn gemacht ; dennoch erlaubte er sich - die Götter mögen wissen warum - nicht , diesem sanften Zuge zu folgen . Man sah die Gewalt , mit der er dieser Einwirkung widerstand . Er ist ein sonderbarer Mensch ! Bei ihm gilt nicht , was in ähnlichen Fällen Calpurnien vor heftigen Eindrücken bewahrt - Leichtigkeit des Sinnes , und ein fröhliches Temperament . Seine Kälte ist Gewalt über sein Gemüth , seine Gelassenheit die Frucht eines schmerzlichen Kampfes . Die glückliche Calpurnia ! Agathokles war ihr sehr werth . Sie war wohl zu stolz , es ihm zu zeigen , da sie die strenge Entfernung bemerkte , in der er sich geflissentlich von ihr hielt . Ich weiß aber , daß sie ihn sehr geliebt hat . Viele und bittere Thränen sind über seine Abreise in meinen Schooß vergossen worden . Ich hatte sie noch nie gesehen , als am Tage nach seinem Abschiede . Dennoch nach drei Tagen kam sie zu mir , ihre Thränen floßen noch bei jeder Erwähnung des theuren Namens , und - sie hoffte schon auf die Linderung , die ihr die wohlthätige Zeit bringen würde , auf die allmählige Schwächung jedes heftigen Eindrucks , auf die Kraft der Zerstreuung , der sie sich zu überlassen recht ernstlich vornahm ! O wie glücklich ist sie ! Soll ich - darf ich sie beneiden ? Nein , Tiridates ! Ich kann nicht , wenn ich auch dürfte . Nein , daß ich dich liebe , und so innig , so unaustilgbar , so mit aller Kraft meines Wesens , ist mein Glück , und wenn es mich auch verzehrt . Du aber , der du weißt , daß deine Briefe jetzt mein einziger Trost , der einzige helle Strahl in der Nacht meines Kummers sind : schreibe mir bald , oft , Alles , was dich betrifft , jede Kleinigkeit , jeden Gedanken , jeden Wunsch . Bedenke , was mir diese Briefe zu ersetzen haben , für was sie mich entschädigen sollen - und laß mich nicht verzweifeln . 14. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Mai 301 . Nach einer ziemlich beschwerlichen Seereise , wo unstäte Winde , und ein empörtes Meer uns beinahe auf immer von dem Ziele unserer Reise , dem holden Vaterlande , getrennt hätten , langten Tiridates und ich vor acht Tagen in Nikomedien an . Süßer Zauber der heimathlichen Gefilde ! Wie sanft bewegst du unser Herz ! Wie lieblich erscheint die Küste des Vaterlandes nach langer Abwesenheit ! Zwar wirst du mir sagen , nach einer gefahrvollen Seereise wäre uns jedes Ufer erwünscht erschienen ? Doch es ist nicht ganz so . Bei Erblickung dieser Hügel , die ich als Knabe bestieg , dieses Gestades , an dem ich so oft lag , um Aug ' und Gemüth an der Unermeßlichkeit des Meeres zu stärken , und endlich des väterlichen Hauses , seiner nächsten Umgebungen , wo so Manches vorgefallen war , das noch jetzt süß und schmerzlich meine verödete Brust bewegt - ich fühle mich ergriffen , und ich schäme mich nicht , zu gestehen , daß ich die theuren Gegenstände mit einigen Thränen grüßte , die unwillkührlich über meine Wangen floßen . Auch Tiridates , obwohl noch fern von seinem Vaterlande , war durch den Anblick des asiatischen Ufers des Schauplatzes großer noch unentschiedener Thaten , nicht weniger bewegt , als ich . Wir umfaßten uns , und schwuren ernst und heiter , uns selbst und dem treu zu bleiben , was wir für gut und recht erkannten . So sprangen wir an ' s Land , so eilten wir in die Stadt , in meines Vaters Haus . Er kam uns sehr freundlich entgegen . Die Gesellschaft des Prinzen , des Lieblings zweier Cäsaren , schielt ihm angenehm für sich , und ehrenvoll für mich . Ich gab mich , ohne weiter zu grübeln , dem Gefühl des Augenblicks hin , und genoß die Freude , meinen Vater so zuvorkommend und gütig zu sehen , mit vollen Zügen . Ich durchlebte einen frohen Tag . Am zweiten ging es schon anders . Wir sollten zum Diocletian . Mein Vater wollte mich ihm vorstellen . Auch Tiridates billigte diesen Schritt , und schien ihn nothwendig zu finden . Mir widerte das Ansehen von Aufwartung und Unterthänigkeit , das er durch die Umwege und feierlichen Anstalten bekam , die jetzt nöthig sind , um sich dem Imperator zu nähern . Ich dachte an das alte Rom , an die Hof- oder Haushaltung der ersten Cäsarn , wie selbst der schlaue Octavian , der edle Marc-Aurel , der tugendhafte Pertinar , aus Biedersinn oder List des Volkes Meinung schonend , nichts anders als Roms erste Bürger schienen - und mein Inneres empörte sich . Was mußte da herumgeschickt , angefragt , gebeten , zubereitet werden ! Selbst an unserer Kleidung wurde gemustert . Endlich schien meinem Vater Alles würdig und gehörig bestellt , und wir traten in sehr kostbaren Gewändern , von vielen Sclaven gefolgt , unsern Weg nach dem Palast an . Ich glühte vor Schaam und Unwillen . Ich glaubte in den Mienen jedes Vorübergehenden den verächtlichen Spott über unsere eigennützige Erniedrigung zu lesen . Mir war ' s , als schwebten in dem Augenblicke die Schatten der Ahnen um uns , und sehen verachtend auf die entarteten Enkel nieder , die sich knechtisch vor dem zu bücken gingen , den sie in ihren Zeiten als einen ihres Gleichen behandelt hatten . Tiridates nahm es viel gelassener auf . An orientalische Sitte gewöhnt , bewegte ihn unsere Lage nur zu seinem Spott , mit dem er sich selbst nicht schonte . So kamen wir in den Palast . Durch eine Reihe Gemächer geführt , in denen asiatische Wollust und Pracht um den Vorrang stritten , ließ man uns endlich in einem der Innersten unter einer Menge schimmernder Sclaven und Clienten warten - warten - drei tödtlich lange Stunden , und - schickte uns in der vierten unverrichteter Dinge nach Hause , weil der Augustus nicht für gut fand , uns vorzulassen . Nur der ausdrückliche Befehl meines Vaters , und mein fester Vorsatz , unser scheinbar gutes Einverständniß , so lange ich in Nikomedien bleiben mußte , nicht zu stören , brachte mich dazu , am andern Morgen den erniedrigenden Versuch zu erneuern . Diesmal dankte ich ' s dem Einfluß des Tiridates , daß wir ziemlich bald vorkamen . Aber , o mein Phocion ! Welche Wunden schlug meinem Herzen der blendende Schimmer , die empörende Eitelkeit , das lächerlichsteife Ceremoniel1 am Hofe dieser gekrönten Sclaven ! Aus dem Staube der Dienstbarkeit durch eignen Genius , noch mehr durch Umstände und eine Denkart , der kein Mittel zu schlecht war , auf den Thron erhoben und befestigt , herrscht er mit einem Trotz und Uebermuth über die zitternde Welt , der mit nichts als dem ungeheuren Glücke zu vergleichen ist , das ihn in seiner Laune erhob , und mit bisher beispielloser Treue hegt und pflegt . Nicht daß ich seine wahrhaft großen Geistesanlagen , verkennte , nicht daß ich ihm die Stille nicht dankte , die während seiner Regierung das erschöpfte Menschengeschlecht genießt : aber sehen - sehen muß man so etwas nicht in der Nähe , wenn man unparteiisch bleiben soll ! Er empfing uns ziemlich anständig ; aber die Thiara , die von seinem Haupte strahlte , der Thron , auf dem er hoch erhoben , saß , verengten meine Brust , und schloßen meine Lippen . Mein Vater führte das Wort . Er stellte mich ihm vor , er bat ihn um einen Platz unter den Truppen für mich . Ich ließ Alles geschehen , ohne eine Sylbe zu sprechen . Mag mich der Tyrann für einfältig oder störrisch halten , mir gilt es gleich . Doch hat er mich zum Centurio ernannt , und übermorgen gehe ich mit Tiridates zum Heere ab . Hier brennt der Boden unter meinen Füßen . So ungewohnt meiner Denkart das wilde Leben im Lager seyn wird , so wird mir doch dort im Freien , im Getümmel , besser seyn , als hier . Sisenna Statilius hat das Haus neben dem unsrigen wieder verkauft , es gehört einem unbedeutenden Bürger . Unter einem Vorwande war ich gestern dort . Es ist noch Vieles unverrückt , wie es vor acht Jahren war . Mir war sehr weh und sehr wohl zu Muthe . Ich erkundigte mich nach seinen ehemaligen Bewohnern . Die Meisten in Nikomedien erinnerten sich ihrer kaum mehr doch wollen einige gehört haben , daß Timantius in Syrien , unbekannt , unter einem fremdem Namen gelebt habe , und vor ein paar Jahren gestorben sey . Die Söhne sind zerstreut , die Tochter - o Phocion ! wie schlug mein Herz - soll geheirathet haben ! Geheirathet ! ! Also bin ich vergessen ! Kann ich es ihr verdenken ? Und doch schmerzt es mich ! Vielleicht ist sie auch schon todt ! Ich weiß nicht , in welchem Gedanken mehr Qual liegt . Sie zu finden ist wohl jede Hoffnung verloren , und nichts ist , was mir Ersatz gewähren könnte ! Calpurnia nun gewiß nicht ! Ich habe mich in Rom seltsam von ihr getrennt . Als ich ihr meine Abreise ankündigte , schien sie - nicht bewegt , nicht wie eine Freundin betrübt ; sie schien beleidigt , gereizt . Ihre Eitelkeit war gekränkt . Der Sclave , den sie sicher an ihrem Triumphwagen gekettet glaubte , war noch stark genug , sich loszureißen . Das war ihr unerhört , unverzeihlich . Sie behandelte mich nun beständig so , bis zum Tage meiner Abreise , und ich ward sehr ernst durch die Entdeckung dieser Falte in ihrem Gemüthe . So ist auch sie , die so weit über den meisten Weibern steht , von dieser allgemeinen Schwäche nicht frei , und keiner Freundschaft fähig , wenn Eitelkeit sich in ' s Spiel mischt ! Nur Ein Weib habe ich gekannt , in deren reinem mildem Gemüth nichts als Liebe , holde Demuth und Selbstvergessenheit war ! Nur Eine ! Und wo ist sie ? Beim wirklichen Abschiede schien indeß Calpurniens besseres Selbst die Oberhand zu gewinnen . Sie entließ mich , wie die Freundin den werthen Freund , theilnehmend , gütig , gerührt . Wir haben uns zu schreiben versprochen . Die Erinnerung an ihren Liebreiz , an ihre hohen Vorzüge wird mich , wie die Erinnerung an einen froh durchlebten Tag , freundlich begleiten : aber ich glaube versprechen zu können , daß sie meine Freiheit nie stören wird . Dazu sind wir zu unähnlich . Mögen gute Götter sie beschützen , und bald ein würdiger Gatte ihre Vorzüge erkennen und mit Liebe vergelten ! Ich schreibe dir heute nicht mehr . Die Anstalten zu meiner Reise , die ich mit großer Eile betreibe , rauben alle meine Muße . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Diocletian war der erste römische Kaiser , der , vielleicht aus sehr guten Ursachen , in diesem verderbten Zeitalter jene Popularität ablegte , die längst aufgehört hatte , mehr als Maske und eine kluge Schonung alter Volksbegriffe von Republikanismus zu seyn . Er führte persisches Ceremoniel ein , trug eine Thiare , eine mit Perlen besetzte Binde im Haar , und umgab sich mit einer blendenden Hülle von Pracht , Gefolge und Unzugänglichkeit . 15. Calpurnia an Sulpicien . Rom , im Mai 301 . Mein treuer Phädo bringt dir diesen Brief sammt dem Einschlusse , der dir freilich lieber seyn wird , als Alles , was der meinige enthält . Ich will dir ' s auch nicht übel nehmen ; denn ich würde im umgekehrten Falle eben die Nachsicht , von dir fordern , wenn ich ihrer bedürfte . Ich bin aber so glücklich , oder so unglücklich , wenn du willst , daß die Briefe , die ich bekommen soll , ganz frei und ungehindert zu mir gelangen können , ohne des Einschlusses einer dienstfertigen Freundin zu bedürfen , die die mir unbemerkt in die Hände spielt . Vielleicht sind sie aber auch aus dieser Ursache so beschaffen , daß die ganze Welt sie unbedenklich lesen dürfte . Es ist nun einmal eine Eigenheit des männlichen Herzens , daß es nur durch das heftig gereizt wird , was ihm verwehrt ist , und einen Gegenstand nur nach dem Maaße des Kraftaufwandes schätzt , den ihm sein Besitz kostete . Sie können nicht dafür , die armen Herren der Schöpfung ; die Natur hat diese Triebe in ihr Herz gelegt . Wir wollen sie auch darum nicht verdammen , aber in Acht sollen und werden wir uns vor ihnen nehmen . Wende mir nicht ein , Sulpicia , daß das überhaupt eine Eigenheit des menschlichen Herzens , und eine Anstalt des Schicksals sey , um unsre Fähigkeiten zu wecken und zu entwickeln . Ich weiß wohl , daß die Mutter manchmal auch das schwächliche Kind , das ihr viel Sorgen und Mühe gemacht hat , mehr liebt , als die übrigen ; und wie manche Frau sehen wir nicht in seltsamer Verirrung mit unauslöschlicher Zärtlichkeit an einem Mann hängen , der ihr durch Leichtsinn und Untreue nichts als Kummer macht ? Doch nie - gewiß nie wendet