war genug , daß Ihr Gemüth so entschieden hatte . Friedrichs Wesen umschließt alles , was Sie groß und edel nennen ; darum drängen Sie sich in seine Nähe , wie ich mich in die Ihrige gedrängt habe . Ich verstehe Sie vollkommen ; und weil ich Sie verstehe , muß ich Ihre Schritte billigen . Wie konnten Sie erwarten , daß wir hierin verschiedener Meinung seyn würden ? Dies sind wir nie gewesen , dies können wir niemals werden . Der Streit ist nur für diejenigen vorhanden , die sich einander nicht begreifen ; wir aber können , dünkt mich , nur zusammen sprechen , nicht mit einander disputiren . Ich , die Ihnen so viel verdankt , ich sollte dieselben Ideen , die Sie in mich niedergelegt haben , gegen Sie wenden ? Wie wäre dies nur möglich ! Ich habe nicht das Allermindeste gegen Ihren Entschluß vorzubringen ; erlauben Sie nur , Ihnen zu sagen , daß Sie im Schlachtgetümmel mir eben so gegenwärtig seyn werden , als Sie es in diesem Augenblicke sind . « Um keinen Preis hätte ich eine andere Antwort geben können , und ihre Wahrheit ergriff den Herrn von Z ... so sehr , daß er in ein tiefes Nachdenken versank . Mutter und Schwester kehrten zu uns zurück , und nun war von anderen Dingen die Rede . Schwerlich ist jemals eine Liebeserklärung in dieser Form gemacht worden ; und schwerlich meinten es gleichwohl zwei Liebende ernstlicher und redlicher mir einander . Mit welchem Feuer würden wir uns umfaßt haben , hätte es keinen Friedrich den Zweiten gegeben ! Wir fühlten auf das deutlichste , daß wir für einander da waren , aber wir fühlten zugleich , daß der Augenblick unserer Verbindung noch nicht gekommen sey . Ein Eilbote überbrachte in einem königlichen Handschreiben die Nachricht von Moritzens Anstellung im Gefolge des Monarchen nach einem monatlichen Garnisondienst . Die Anstalten zur Abreise wurden unverzüglich gemacht . Mein Herz klopfte bei dem Anblick derselben , und eine schwarze Ahnung bemächtigte sich meines Gemüths ; aber ich half beim Einpacken , indem ich Pflicht nannte , was ich zu meiner Zerstreuung that . Moritz war wechselsweise exaltirt und niedergeschlagen , und ich sah nur allzudeutlich , wie er sich zugleich an mich angezogen und von mir zurückgehalten fühlte . Einmal sagte er mir : » Es bleibt eine ewige Wahrheit , daß die Ruhe nur in dem Gemüthe der Weiber ist . « Ich hatte nicht das Herz darauf zu antworten , wiewohl ich für den Augenblick sehr viel gegen diese ewige Wahrheit einzuwenden hatte . Die Stunde der Trennung rückte immer näher . Ich wollte einem förmlichen Lebewohl ausweichen , weil ich mich nicht stark genug dazu glaubte ; allein Moritz hatte meine Absicht allzugut errathen , um sie nicht zu vereiteln . Überraschend erschien er in meiner Wohnung , und mit einer Miene , welche mir seinen inneren Zustand als sehr aufgeregt darstellte , überreichte er mir , außer einem Ringe , sein Bildniß im Kleinen an einer leichten goldenen Kette mit der Bitte , beides zu seinem Andenken zu tragen . Ich nahm Ring und Bildniß mit dem Versprechen an , daß ich sie tragen wollte , und fragte den Geber : Ob er gleiches Unterpfand von mir zu besitzen wünschte ? Auf seine bejahende Antwort verabredeten wir den Ort , wohin ich beides schicken sollte . Moritz zauderte noch . Ich legte ihm die Frage vor : Ob er noch etwas wünsche ? » Einen Kuß , Mirabella ! « war seine Antwort . » Wiewohl es der erste ist , « entgegnete ich , » den ein Mann von mir erhält ; so bin ich doch nicht berechtigt , dieses Zeichen weiblichen Wohlwollens dem vorzuenthalten , den ich für den ersten der Männer halte . « Mit diesen Worten reichte ich ihm meine Lippen . Meine Thränen ergossen sich ; die seinigen nicht minder . Und so schieden wir aus einander , hoffend , daß wir uns wiedersehen würden . Moritz hörte nicht auf , mir gegenwärtig zu seyn , weil er abwesend war . Ring und Bildniß hatten nur eine untergeordnete Kraft , die sich bisweilen ganz verlor . Eine höhere lag in der italiänischen Poesie ; denn noch immer dauerte die Täuschung fort , vermöge welcher diese für mich mit Moritz einerlei war . So oft ich das befreiete Jerusalem in die Hand nahm , unterhielt ich mich nicht mit Tasso - dieser war gar nicht für mich vorhanden - sondern mit dem Geliebten , durch welchen sich in mir die Fähigkeit entwickelt hatte , in diesem Gedicht ein Meisterwerk zu schätzen . Vermöge eines besonderen Mechanismus meines Inneren fing ich die Lektüre nie mit der Betrachtung des Bildnisses an , das Moritz mir zurückgelassen hatte ; wohl aber endigte ich mit derselben . Und diese Eigenthümlichkeit ist mir mein ganzes Leben hindurch geblieben ; ich kann noch immer keinen Vers eines italiänischen Dichters hören oder lesen , ohne sogleich an Moritz zu denken und mir die ganze Periode zu vergegenwärtigen , in welcher ich seine erste Bekanntschaft machte , und durch ihn Richtungen erhielt , die mir eine ganze Ewigkeit hindurch bleiben mußten . Moritz schrieb häufig an mich und die Seinigen . Am liebsten sprach er von dem großen König , der ihn in seinen Strudel gezogen hatte . In einem seiner Briefe drückte er sich folgendermaßen aus : » Über Friedrichs ganzes Wesen ist ein unwiderstehlicher Zauber verbreitet , der eben so sehr aus seinen großen blauen Augen , als von seinen kleinen geschlossenen Lippen spricht . Eine Folge dieses Zaubers ist , daß er in dem Urtheil seiner Umgebung immer Recht hat . Viele hassen ihn , weil sie nicht von ihm geliebt werden ; aber sie vollbringen seine Befehle deshalb nicht langsamer , als ob die feurigste Liebe sie beseelte . Um als Diener eines solchen Monarchen in keinem Widerspruche mit sich selbst zu stehen , muß man auf Gegenliebe Verzicht leisten können ; denn er hat sie nicht in seiner Gewalt . Das große Ganze mit seinem Gemüthe umspannend , kann er zu Individuen nicht mit Liebe herabsteigen , ohne sein Wesen zu zerstören . Sie gelten ihm etwas , aber nur im Vorbeigehn , nur im Fluge , nur in so weit sie sich deutliche Begriffe von seinem Geschäfte machen und keine Ansprüche an den Menschen bilden , die der Monarch nicht erfüllen kann , ohne seiner Pflicht zu entsagen . Wer dies nicht fassen kann , weil es ihm an Kraft fehlt , aus sich selbst heraus zu gehen und sich gewissermaßen mit dem Könige zu identifiziren , der ist verloren , wenigstens in sofern sein Verhältniß zu dem Könige nie ein angenehmes für ihn werden kann . Wie neu mir auch der Dienst noch ist , so erkenne ich doch schon aufs deutlichste , daß ich , um jedem Widerspruch zu entgehen , in welchen ich mit mir selbst gerathen könnte , von vorn herein allem Egoismus entsagen und nur in der Liebe leben muß ; und um mir die Auflösung dieses schweren Problems zu erleichtern , wiederhole ich mir unaufhörlich , daß Friedrich nichts anderes ist , als die allgemeine Intelligenz des Staates , an dessen Spitze er steht , und daß ich für alle Dienste , die ich ihm leisten kann , hinlänglich belohnt bin , wenn ich ihn als allgemeine Intelligenz begriffen habe . In der That , das ist das große Ziel , das ich mir vorgesetzt habe . Erreiche ich es jemals , so hat die Stunde meines Abschiedes in eben dem Augenblick geschlagen , wo ich es erreicht habe . Eben so unbefangen , ehrlich und uneigennützig , als ich in Friedrichs Dienste getreten bin , verlasse ich dieselben , indem ich dem Monarchen melde , daß ich die Reife erhalten habe , die ich beim Eintritt in seine Dienste suchte . Die Urtheile um mich her berühren mich nicht , weil ich die Quelle derselben aufgefunden habe ; wenn das Gemüth die Stelle des Verstandes vertritt , so ist Schiefheit und Verwirrung unvermeidlich . Man muß , einem Friedrich gegenüber , nicht als Mensch , sondern nur als Staasdiener gelten wollen ; man muß sich mit ihm identifiziren , ohne jemals zu verlangen , daß er sich mit uns identifizire . « Moritz , welcher , unmittelbar nach der Übergabe von Schweidnitz , in die Nähe des Königs gekommen war , begleitete sein Idol als Adjutant auf dem Zuge nach Mähren . Viele unvorhergesehene Hindernisse hemmten den Lauf der Kriegsoperationen . Als alle endlich überwunden waren und Olmütz belagert werden konnte , fehlte es an den Belagerungsmitteln , weil es den Österreichern gelungen war , einen großen Theil derselben zu zerstören . Die Lage des preußischen Heeres in Mähren war um so kritischer , da Laudon eine solche Stellung genommen hatte , daß der Rückzug nach Schlesien wo nicht unmöglich , doch wenigstens sehr gefährlich geworden war . Nur Friedrichs überlegenes Genie konnte hier Rettung bringen . Ein Marsch , auf den der österreichische General nicht gerechnet hatte , weil er über lauter Gebirge führte , brachte das preußische Heer in verschiedenen Abtheilungen durch Böhmen und die Grafschaft Glatz dennoch nach Schlesien zurück . Gewiß waren die Mühseligkeiten dieses Marsches für jeden unbeschreiblich ; aber , wie andere sie mehr oder weniger empfinden mochten , für Moritz waren sie , wenigstens seinen Briefen nach , gar nicht vorhanden . Überhaupt war es auffallend , daß er nie von den Beschwerden seiner Existenz , sondern nur immer von den neuen Ideen sprach , womit sie ihn bereicherte . Bekanntlich waren die Russen , während Friedrich in Mähren verweilte , aus Preußen , welches sie als Eigenthum verschonten , verheerend nach Pommern und der Mark vorgedrungen . Küstrin , dessen Festung sie allein verhindern konnte , in das Herz des preußischen Staates einzudringen , wurde von ihnen belagert und in einen Aschenhaufen verwandelt . Der Sturm , womit der russische General die Festung bedrohete , sollte anheben , als sich die Nachricht von der Ankunft des Königs verbreitete . Mit vierzehntausend Mann war Friedrich aus Schlesien aufgebrochen , den Barbaren , die nur zerstören konnten , das Handwerk zu legen . In einem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum hatte er unter großen Beschwerden sechzig deutsche Meilen zurückgelegt ; und so wie er sich dem Kriegesschauplatz genähert hatte , war sein Gemüth von den Brandstätten und Trümmern ergriffen worden , welche den verheerenden Zug der Russen bezeichneten . Die Stimmung , worin er sich befand , ging , wie ein elektrischer Strahl , auf seine Krieger über . In allen entwickelte sich der Gedanke : daß Verschonung eines solchen Feindes ahndungswürdiger Frevel sey , den man an der Menschheit selbst begehe . Racheschnaubend näherten sich die Preußen den Russen , und in dem Heere der letzteren erfuhr man nur allzubald , daß die ersteren keinen Pardon geben würden . Eine mörderische Schlacht lag im Hintergrunde . Sie wurde bei Zorndorf geliefert . Was Andere vor mir beschrieben haben , mag ich nicht wiederholen . Genug , diese Schlacht war die Verklärung der preußischen Tapferkeit . Der König selbst stürzte sich in jegliche Gefahr . Um ihn her fielen seine Adjutanten , seine Pagen . Gleich einer ehernen Mauer stand der linke Flügel der Russen da , als der rechte bereits geschlagen war . Was diesem geschehen war , mußte auch jenem zu Theil werden , wenn Friedrich seine Staaten mit Erfolg retten wollte . Seidlitz eröffnete das Gemetzel , indem er die russische Reiterei warf . Es wurde vollendet ; aber indem Moritz als Adjutant hiehin und dorthin flog , fiel er , von einer Flintenkugel , welche der Zufall leitete , ereilt , eine halbe Stunde vor dem Ausgang einer der merkwürdigsten Schlachten des siebenjährigen Krieges , mit vielen anderen Edlen , welche im Kampfe fürs Vaterland hier ihr Grab fanden . Erst am folgenden Tage fand man ihn unter den Todten . Die Kugel war durchs Herz gefahren . Den Tod hatte er also nicht empfunden . Seine Briefe blieben aus . Eine schwarze Ahnung trat in unsere Seelen . Die Sache selbst war gewiß , ehe die Bestätigung erfolgte . Endlich erfolgte auch diese . Die Mutter war trostlos ; denn es war ihr einziger Sohn , den sie verloren hatte , und dieser einzige Sohn war um so mehr ihr Stolz , je unerreichbarer ihr die Höhe war , auf welcher er als geistiges Wesen stand . Adelaide weinte ; allein ihr Kummer war weder tief , noch von Dauer ; die Wandelbarkeit ihres Wesens rettete sie von einem langen Schmerze . Ich - - Was soll ich von mir sagen ? Daß es keinen Ersatz für mich gebe , fühlte ich tief ; aber in der Größe meines Verlustes selbst lag ein Trost , der , wenn ich ihn auch auf niemand übertragen konnte , doch aufs bestimmteste von mir empfunden wurde . Nur das begränzte Etwas kann ein Gegenstand menschlicher Empfindung werden , und das Gemüth in angenehme oder unangenehme Bewegungen setzen ; das unendliche Alles ist immer nur ein Gegenstand des Geistes , und kann daher nie auf die Empfindung zurückwirken . Weil ich in Moritz untergegangen war , konnte ich nicht um ihn weinen . Eine zweite Alceste , hätte ich für ihn eben so bereitwillig sterben können , als er für sein eigenes Ideal gestorben war ; aber seinen Verlust bejammern konnte ich nicht . Er war ja nicht der Meinige , wie ich die Seinige war . Dem Gemahl hätte ich folgen müssen in den Tod ; den Bräutigam konnte ich um so eher überleben , weil es sehr problematisch war , ob das Verhältniß , worin ich mit ihm stand , so modifizirt werden konnte , daß aus dem Bräutigam ein Gemahl wurde . Denn nur seinem Ideale hatte Moritz gelebt . Wollte er sich mit mir verbinden , so mußte er aus seinem Wesen heraustreten . Konnte er das , wenn er es auch wollte ? Konnte er es nicht , so mußte zwischen uns eine Kluft befestigt bleiben , welche durch nichts auszufüllen war ; und die natürlichste Folge davon war , daß ich mich in einer ewigen Sehnsucht verzehrte . Und hatte ich durch seinen Tod das Mindeste an ihm verloren ? In sofern er für mich das Symbol des Schönen und Edlen war , existirte er für mich noch immer . Auf ihn mußte ich zurückkommen , so oft ich einen Maaßstab gebrauchte , das unsichtbare Große nach allen seinen Dimensionen zu erforschen . War er gleich nie der Meinige gewesen , und war es gleich jetzt physisch unmöglich geworden , ihn als Gemahl zu besitzen ; so konnte ich doch nie aufhören , die Seinige zu seyn und ihn mit aller der Hingebung zu lieben , die meiner durch ihn veredelten Natur eigen war . Ich sage nicht , daß ich in jenen Unglückstagen , wo Mutter und Schwester durch die Bestätigung seines schönen Todes zu Boden geworfen wurden , so dachte ; aber ich sage , daß ich so empfand , wenn es anders erlaubt ist , diesen Ausdruck da zu gebrauchen , wo Ruhe und Resignation obwalten . So also , und nicht anders , hätte ich mich gegen den Vorwurf der Fühllosigkeit vertheidigen müssen , wäre er mir gemacht worden . Ich würde sehr Wenigen verständlich geworden seyn ; aber alle diejenigen , welchen ein über die gewöhnlichen Schranken hinausgehendes Verhältniß nicht ganz unbegreiflich gewesen wäre , würden den Muth verloren haben , mich zu verdammen . Aller Widerspruch , den man an mir entdeckt zu haben wähnen konnte , lag nicht in mir , sondern in den mangelhaften Vorstellungen derer , die davon beleidigt waren . Man hätte mich , man hätte Moritz ganz kennen müssen , um zu begreifen , wie ich bei seinem Tode gelassen seyn konnte . Ich bin versichert , daß Moritz , wäre mir sein Schicksal zu Theil geworden , auch ruhig geblieben seyn würde , wiewohl ich von allen weiblichen Geschöpfen das einzige war , dem er wohlwollen konnte . Nur da , wo eine Identifikation zweier Wesen vorhergegangen ist , kann eine Trennung mit tödtlichen Schmerzen verbunden seyn ; nicht da , wo sie noch im Hintergrunde der Zukunft liegt und aus weiter Ferne winkt . Übrigens war es , in Beziehung auf Moritzens Mutter und Schwester , ein Glück für mich , daß ich mich genug für sie interessiren konnte , um mit ihnen zu weinen - nicht um Moritz , sondern aus jener reinen Sympathie , welche sich bei allen besseren , von keiner Art des Egoismus zusammen geschrumpften Menschen wiederfindet , so oft sie Thränen des Kummers oder der Freude vergießen sehen . Was beide beklagten , war für mich noch kein Gegenstand der Klage ; aber sie selbst waren Gegenstände des Mitleids , und so vermischten sich unsere Zähren , während der edlere Theil meines Selbst eben so unumwölkt blieb , als , nach dem Ausdruck des ersten aller Sänger , der Wohnsitz der seligen Olympier ist . So wenig war ich in meinem ganzen Wesen gestört , daß kein einziges meiner Geschäfte stockte . Es kam mir zwar vor , als wäre ich in vielen Dingen hurtiger und bestimmter geworden ; und in sofern dies wirklich der Fall war , konnte meine größere Hurtigkeit und Bestimmtheit nur daher rühren , daß mich das Problem , Moritz zu dem Meinigen zu machen , weniger beschäftigte . Ich kann aufs Heiligste versichern , das ich bei der Auflösung dieses Problems nie an seiner Rechtlichkeit zweifelte ; durch diese mußte er mir zu Theil werden . Das Einzige , was mir immer zweifelhaft blieb , war : Ob seine höhere Natur ihn , seinen Wünschen gemäß , zu mir hinführen würde ? Und bei diesem Zweifel mußte ich nothwendig sehr viel von meiner natürlichen Klarheit einbüßen . Zweites Buch Mein Verhältniß mit dem Herrn von Z ... hatte mich seit Jahr und Tag sehr isolirt ; allein die gute Meinung , welche man vorher von mir gehabt hatte , war sich gleich geblieben ; und so fand ich bei meinem Zurücktritt in die gesellschaftlichen Zirkel , welche ich ehemals besucht hatte , denselben Empfang wieder , womit man mir in allen Dingen zuvor zu kommen gewohnt war . Die etwanigen Bewegungen des Neides , wenn ja dergleichen in dem Busen der einen oder der andern meiner Gespielen vorhanden gewesen waren , hatte Moritzens Tod zum Stillstand gebracht ; man näherte sich mir mit desto mehr Freundschaft , je bestimmter man voraussetzte , daß dieser Tod mich sehr unglücklich gemacht hätte . Ich sprach , ganz der Überzeugung gemäß , welche das Anschaun mit sich führt , mit Enthusiasmus von dem Vollendeten ; aber ich überließ es Anderen , mein Schicksal zu beklagen , weil ich mich hiermit nicht befassen konnte , ohne zur Lügnerin zu werden , was ich aus allen Kräften verabscheuete . Dafür hatte ich denn freilich den Verdruß , Condolenzen über Condolenzen annehmen zu müssen , von welchen die eine noch abgeschmackter war , als die andere . Überhaupt bemerkte ich bei diesem meinen Zurücktritt in die Gesellschaft , daß ich seit Jahr und Tag eine so spröde Individualität gewonnen hatte , daß ich für den Umgang unendlich weniger taugte , als vorher . Ich untersuchte nicht , ob die Personen , mit welchen ich gerade zu schaffen hatte , über oder unter meinem Horizont waren ; allein ich fühlte , daß zwischen mir und ihnen irgend eine Antipathie obwaltete , die , sie mochte nun gegründet seyn , worin sie wollte , die größte Aufmerksamkeit auf mich selbst nöthig machte , da ich als ein unverheirathetes Frauenzimmer nicht berechtigt war , den Ausschlag zu geben . Selbst mit dem größten Wohlwollen und den hellsten Ideen kann man dahin kommen , die Gesellschaft zu fliehen ; ja , in solchen Eigenschaften liegt zuletzt der stärkste Bewegungsgrund zur Isolirung , oder wenigstens zur Beschränkung auf einige Wenige , da einmal kein Einzelner verlangen kann , daß alle Übrigen sich in seine Form schmiegen sollen , und es von der anderen Seite doch etwas sehr Wesentliches ist , seine Individualität zu retten . Sind wir einmal breit getreten , so mag es immerhin etwas Gutes seyn , aller Menschen Freund seyn zu können ; allein so lange wir es noch nicht sind , müssen wir alles , was unseren Charakter ausmacht , als das köstlichste Kleinod bewahren , weil eine kräftig ausgesprochene Individualität zuletzt mehr werth ist , als die ganze Gesellschaft . Ich sollte dies nicht sagen , weil ich ein Weib bin ; aber meine Rechtfertigung liegt in dem Stillschweigen , welches die Männer in Beziehung auf diese Wahrheit behaupten . Adelaide , welche mir unter diesen Umständen besonders theuer wurde , nicht weil der Unterschied , den die Natur selbst zwischen uns gelegt hatte , durch die Länge der Zeit aufgehoben war , sondern weil die Gewohnheit des Beisammenseyns den Ausschlag über diesen Unterschied gab - Adelaide sah sich seit dem Tode ihres Bruders , der sie zu einer sehr reichen Erbin gemacht hatte , von Bewerbern umgeben , welche den Augenblick , wo sie sich für den einen oder den anderen von ihnen erklären würde , nicht zeitig genug erleben konnten . Das Unglück des armen Mädchens bestand recht eigentlich darin , daß unter diesen Bewerbern kein einziger war , der ihr Achtung abgewinnen konnte . Ich habe immer bemerkt , daß diejenigen Frauenzimmer , welche im Besitze bestimmter Talente sind , in die größte Verlegenheit gerathen , so bald es darauf ankommt , über ihre Person zu disponiren ; und in dieser Verlegenheit befand sich auch Adelaide . Was ihre Freier am meisten in Betrachtung zogen , ihr Vermögen , war gerade das , worauf sie den geringsten Werth legte . Dagegen brachte sie ihre Fertigkeit in der Musik und Poesie , oder vielmehr im Clavierspielen und Versemachen , in einen desto höheren Anschlag ; und wo nun unter den jungen Männern ihres Standes denjenigen finden , den sie der Erwerbung solcher Talente in ihrer Person würdig gehalten hätte ? Es gab Einen , der sich nur hätte zeigen dürfen , um mit offenen Armen von ihr empfangen zu werden ; aber dieser Eine war fern , im Kriegesstrudel umgetrieben , vollkommen unbekannt mit der Schönen , welche ihn über alle Männer ehrte ; es war der berühmte Kleist , dessen einzelne Gedichte damals anfingen bekannter zu werden , und der , wenig Monate darauf , in der Schlacht bei Cunersdorf verwundet , sein Leben nur rettete , um es im Lazareth auszuhauchen . Alle Übrigen mochten sie noch so sehr loben ; da ihr die Idee blieb , daß sie von der Sache selbst nichts verständen , so konnte sie nicht umhin , sie sammt und sonders als ein Pack feiler Schmeichler zu verachten . Mir leuchtete schon damals ein , daß Adelaide für eine Ehe so gut als verdorben sey . Hätte sie kein bedeutendes Vermögen gehabt , so hätte es nur gewisser Umstände bedurft , um ihr die Weiblichkeit wiederzugeben , welche die Talente ihr genommen hatten ; durch die Herrschaft , welche sie als reiche Eigenthümerin über die Umstände ausübte , mußte sie ewig verhindert werden , in die volle Weiblichkeit zurück zu treten . Sie war klug genug , um nur dem Manne , dessen Anspruchslosigkeit ihr vollendete Freiheit versprach , ihre Hand zu geben ; allein , weil bei ihr alles ins Unendliche ging , so bedurfte sie für ihre Eigenthümlichkeit eines Beschränkers , und da sie diesen in ihrem Gatten nicht fand , so war es wohl kein Wunder , wenn sie in der Folge von der Sonderbarkeit zur Seltsamkeit und von dieser zur Albernheit überging . Herr von M ... , den sie wählte , war ein begüterter Landedelmann , von gesundem Geist und guten Sitten . Er war unstreitig die beste Parthie , die Adelaide machen konnte ; das Schlimme war nur , daß es für Adelaiden keine gute Parthie gab . Vermöge der Eigenthümlichkeit ihres Geistes standen ihre Mittel nie in einem nur erträglichen Verhältniß zu ihren Zwecken . Man hätte mit großer Wahrheit von ihr sagen können : Sie setze einen Ocean in Bewegung , um eine Feder fortzuschaffen . Die Liebe ihres Gatten zu gewinnen , glaubte sie sich die Hochachtung der ganzen Welt erwerben zu müssen . Wie bot sie alles auf , um die Meinung zu erwerben , daß sie eine Frau von großem Verstande sey , und wie blieb sie immer und ewig hinter ihrer Erwartung zurück ! Ein besonderes Unglück für sie war ihre Kinderlosigkeit . Diese setzte sie in eine Art von Wuth , welche sich dadurch offenbarte , daß sie alles vereinigen wollte , was nur immer ein Gegenstand des menschlichen Wissens ist . Nachdem sie alle Zweige der Naturgeschichte studirt hatte , endigte sie mit dem Studium der Mathematik ; aber ihr armer Mann wurde ihr in eben dem Maaße unausstehlicher , in welchem sie selbst gelehrter wurde . Eine Scheidung , die aus allen Gründen nothwendig geworden war , erfolgte , so bald Herr von M ... eingesehen hatte , daß seine Individualität sich nur auf diesem Wege retten ließ . Adelaide zog in eine Hauptstadt , um den Bibliotheken und Gelehrten näher zu seyn , als sie es bisher gewesen war ; aber auch diese Art der Existenz wurde ihr nur allzubald lästig und abgeschmackt . Sie warf sich in die sogenannte schöne Kunst , und um diesem Studium mit desto besserem Erfolge obzuliegen , ging sie nach Italien , wo sie große Summen verschwendete . Die Briefe , die ich von Zeit zu Zeit von ihr erhielt , sagten mir , wie über Alles reizend ihr diejenige Periode ihrer Jugend erschiene , in welcher sie meine Bekanntschaft gemacht , und wie alles , was sie unternähme , um sich zu zerstreuen , doch nicht die Kraft habe , sie über die Dauer weniger Stunden zu beglücken . Es würde Thorheit gewesen seyn , ihr mit einem guten Rath an die Hand zu gehen , von welchem sie keinen Gebrauch machen konnte ; auch sah sie selbst sehr deutlich ein , daß sie nicht mehr genesen konnte . Den Hang nach ewiger Bewegung befriedigte sie dadurch , daß sie von einem Lande in das andere reisete . Von England aus meldete sie mir : Die europäische Welt mache ihr Langeweile , und darum sey sie fest entschlossen , nach Asien zu gehen . - Seit dem hab ' ich nichts von ihr erfahren . Mehreren Anzeigen zufolge ist sie auf ihrer Reise nach Ostindien am Kap der guten Hoffnung gescheitert . Anders , aber nicht besser , konnte eine Person endigen , in welcher die Phantasie den Ausschlag über den Verstand gab , indeß das Schicksal dafür gesorgt hatte , daß es ihr nicht an Mitteln fehlte , jeden noch so seltsamen Einfall ins Werk zu richten . Ihre ganze Geschichte hab ' ich , der Zeit vorgreifend , an diesem Orte conzentrirt , um nicht auf sie zurückkommen zu dürfen , nachdem wir uns einmal getrennt hatten , und nur neben nicht mit einander gehen konnten . Um eben die Zeit , wo Adelaide sich mit dem Herrn von M .... verband , wurde mir die Stelle einer Gesellschaftsdame bei der jüngsten Tochter unseres Fürsten angetragen , welche damals ein Alter von funfzehn Jahren erreicht hatte . Dieser Antrag war um so ehrenvoller , weil ich berechtigt war , ihn als das Resultat der guten Meinung zu betrachten , in welche ich mich bei dem Publikum gesetzt hatte . Mehr indessen , als die Ehre , bestimmte mich die Liebenswürdigkeit der jungen Prinzessin , über welche nur Eine Stimme war . Das Einzige , was mich von der Annahme abschrecken konnte , war meine eigene Individualität , die , wie es mir vorkam , sehr schlecht zu den Verhältnissen paßte , welche ein Hof in sich selbst zu erzeugen pflegt . Als dieser Punkt zwischen meinem Pflegevater und mir zur Sprache kam , beruhigte mich dieser durch folgende Vorstellungen , die mir immer gegenwärtig geblieben sind : » In dem Leben mit Seinesgleichen , « sagte er , » hat man entweder gar keinen , oder nur einen sehr schwachen Antrieb , die eigene Individualität zu verbergen ; und indem man sie mit Unbefangenheit Preis giebt , läuft man beständig Gefahr , dadurch anzustoßen , weil jeder einmal die seinige retten will . Nicht so im Umgange mit Vornehmeren . Hier kommt es darauf an , solche Formen zu gewinnen , daß man selbst die kräftigste Individualität rettet , ohne jemals dadurch zu beleidigen . Es ist wahr , daß es Personen giebt , die zuletzt nichts weiter haben , als die Form ; allein dies ist nicht sowohl die Wirkung des Hoflebens , als vielmehr die einer ursprünglichen Leerheit , welche sich hinter Repräsentation verkriecht . Wer einmal inneren Gehalt und eigentlichen Kern hat , für den ist das Untergehen in der Form unmöglich ; dagegen gewinnt er durch die Form eben das , was der Diamant durch die Politur erhält . Vollendet ist zuletzt doch nur derjenige Mensch , der mit der gefälligsten Form den meisten inneren Gehalt verbindet , den das Individuum erwerben kann . Und gehe von diesem Grundsatz aus , so giebt es für dich , meine liebe Mirabella , keine bessere Schule , als den Hof . In ihr soll dir das Siegel der Vortrefflichkeit aufgedrückt werden ; denn in ihr sollst du lernen , wie man , ohne weder seiner Individualität zu entsagen , noch durch dieselbe anzustoßen , allen Menschen ohne Ausnahme gebietet . Könnt ' ich befürchten , daß du zu lauter Form würdest , so würde ich der Erste seyn , der dich von der Annahme des dir gemachten Antrages zurückschreckte ; denn nichts ist mir in der