veralteter Tracht die Stammväter des fürstlichen Hauses zu seyn schienen . Der Einsiedler war darunter , und er wollte ihn eben genauer in der weltlichen Kleidung betrachten , als sich eine Seitenthür öffnete und der Herzog mit dem Grafen erschien . Die lang bekämpfte Scheu machte plötzlich einem Widerwillen Platz , dessen erster Anflug so unwillkührlich wie das Entstehen der Liebe ist . Zwar rechtfertigte ihn des Herzogs Anblick auf keine Weise . Die zerstörten Blüthen schimmerten noch aus den Trümmern hervor , und er galt überall für einen schönen Mann . Er begrüßte Rodrich mit Würde , und hatte eben einige fürstliche Worte unverständlich hingeworfen , als er plötzlich schnell auf ihn zutrat , die unsichern Blicke über ihn hingleiten ließ und ihn dann schärfer und immer schärfer anstarrend todtenbleich in des Grafen Arme sank . Rodrich schauderte bei dem furchtbaren Ereigniß , und ohnerachtet ihm der Graf und mehrere herzueilende Diener versicherten , daß er öfters diesem Zufalle ausgesetzt sey , so wollte er doch nicht länger in dem Schlosse verweilen , wo ihn alles so peinlich drückte . Auf dem Rückwege traf er den Ritter , der bei seinem Anblicke erschrack , und als er die Veranlassung erfuhr , ihn beruhigend , manch ' ähnlichen Fall erzählte , und wie dieser krankhafte Zustand den Herzog in den liebsten Umgebungen an Miranda ' s Seite , die er anbete , überfalle , ohne daß er von außen die geringste Anregung erhalte . Das geschwätzige Volk , fuhr er fort , das ihn ohnehin nicht liebt , hat tausend Ursachen dieses Uebels ersonnen . Vor allem glaubt man ihn nicht unschuldig an dem plötzlichen Tode seiner Gemahlinn , durch deren Hand ihm , als einem fremden Prinzen , dies Land erst zugefallen ist . Indessen hält ihn mein Oheim , der ihn seit langen Jahren kennt , und auf dessen Schicksal er früher einen bedeutenden Einfluß hatte , solcher That nicht fähig . Auch ist es gewiß , daß der schwankende Mensch zum Morde nicht reif ist , wenn ihn der Augenblick nicht fortreißt . Diesen , fiel Rodrich ein , weiß nur der Starke herbeizuführen , der in der lebendigen Anschauung der That , das Verbrechen zur Tugend adelt . Er dachte hier an Brutus , und was diesen selbst vom Cassius unterschied . Allein der Ritter betrachtete ihn verwundert und er selbst erschrack über die Heftigkeit , mit welcher er eben gesprochen hatte . Sie schwiegen beide einige Augenblicke . Er war verstimmt und wußte das Gespräch auf keine Weise wieder anzuknüpfen . Doch bald lud ihn sein Freund in Seraphinens Namen zu einem Conzert für diesen Abend ein , wo er Rosalien und viel schöne Frauen der Stadt sehen werde . Seraphinens Bild verscheuchte jeden ängstigenden Gedanken . Er nahm die Einladung gern an , und trennte sich mit erheitertem Gemüth vom Ritter . Ungeduldig hatte er den Augenblick erwartet , wo es ihm vergönnet war , vor der Gräfinn zu erscheinen . Endlich betrat er ihre freudige Wohnung , und kam durch eine Reihe ungewöhnlich bunt verzierter Gemächer zu einem Saale , dessen eine Hälfte ein halber Kreis glänzender Schönen , auf grünen Polstern ruhend , einnahm , die in dem wechselnden Farbenschmuck wie ein fortlaufendes Blumengewinde auf dunklem Grunde prangten . In dem andern Theile des Zimmers waren die Herren mit verschiedenartigen Unterhaltungen beschäftigt , als sich oberhalb der Kuppel plötzlich eine Gallerie , von einer beweglichen chrystallnen Sonne beleuchtet , eröffnete , und Chöre von Knaben und Mädchen , hinter bläulichem Flor geisterartig schwebend , Rosaliens Ankunft in weichen gleitenden Tönen feierten . Indem trat diese an der Gräfinn Hand in die Versammlung . Alle Blicke waren auf sie gerichtet . Sie erschien mit den bleichen Mienen des Kummers , in der einfachen Kleidung , unendlich rührend . Ihr dunkles Haar lag ganz schlicht auf der Stirn , und ward nur von einer Perlenschnur zusammen gehalten . Ein schwarz sammetnes Kleid von ungewöhnlichem Schnitt bildete den schönsten Faltenwurf , und während es sich der schlanken Gestalt anschmiegte , erhob es den seltnen Glanz ihrer Haut . Sie neigte sich mit einiger Verlegenheit gegen die Gesellschaft , zu deren neugierigen Blicken sie ungern hinaufsah . Indessen wehrete Seraphine jedes unzarte Wort von ihr ab , und als sie bemerkte , wie sehr die Musik sie bewege , winkte sie mit der Hand ; die Sonne verschwand ; ein frisches Laubdach überzog die Kuppel und breitete sich längs den Wänden herunter . Bald erschienen die kleinen Sänger in vielfacher Hirtentracht , und tanzten zu dem Klange der Flöten und Schalmeyen , wie Rodrich nur im Gebirge hatte tanzen sehen . Er ward lebhaft an seine Kindheit erinnert , und theilte vielleicht unter Allen Rosaliens Rührung am meisten . Die Gesellschaft hatte sich indessen immer bunter in einander gemischt . Man ging und kam aus anstoßenden geschmackvoll erleuchteten Cabinetten , wo man Erfrischungen , Bücher , Musikalien , tausend klone Spiele , kurz die mannichfachste Unterhaltung fand . Seraphine war überall , und überall von ihrem kleinen Gefolge umringt , in dessen Mitte sie wie eine Feenköniginn erschien . Der Ritter hatte sich jetzt Rosalien genahet , die ihn mit höflicher Kälte entfernte . Sie schien das zu fühlen , und suchte es durch einige freundliche Worte wieder gut zu machen , die den armen Alexis , auf ' s neue bethörend , unablässig an ihre Seite fesselten . Rodrich bemerkte mit innerer Angst wie sie sich in dem Maaße von ihm abwandte , als er sie ungetheilt fesseln wollte . Ihre Ungeduld wuchs , in den gespannten Zügen lag Widerwille und Aerger . Er nahete sich , um durch ein verändertes Gespräch seinem Freunde diese Entdeckung zu ersparen . Einige allgemeine Höflichkeiten veranlaßten bald die Frage : ob er schon mit den Umgebungen der Stadt bekannt sey ? und als er es verneinte , erzählte sie ihm von schönen Wasserfällen , Thälern und überaus anziehenden Spaziergängen in den nahen Gebirgswäldern . Stephano , der herzugekommen war , sagte : was indessen von allem das Interessanteste und dennoch hier ganz ungekannt seyn möchte , ist ein altes Bergschloß , in dessen Trümmern eine Köhlerfamilie lebt . Es ist unmöglich , eine prachtvollere Lage zu erdenken . Von einer steilen Anhöhe sieht man auf der einen Seite in einen dunklen dicht verwachsnen Wald , den ein reißender Bach durchschneidet , während er mit dumpfem Rauschen eine ferne Mühle treibt . Von der andern Seite eröffnet sich eine ganz entgegengesetzte Welt . Bebaute , blühende Felder , Gärten , Triften , ruhig weidende Heerden , kleine Landhäuser , alles still , friedlich , wenn Sie wollen gewöhnlich , allein durch den Contrast gehoben , und gleichsam da , um die aufgeregten Sinne zu beruhigen . Im Innern des Gebäudes finden sich noch einige wohl erhaltene Zimmer , vorzüglich eine Gallerie , die zu einem hervorspringenden Altane nach der Feldseite führt , von wo sich erst die rechte Herrlichkeit offenbart . Rosalie bezeigte ein großes Verlangen , das Schloß zu sehen , und die Gräfinn , die sich ein neues Fest davon versprach , sah mit Ungeduld einer Wanderung nach dem Walde entgegen . Stephano ' s Beschreibung hatte mehrere herbeigezogen , und alle stimmten für den Plan , nächstens dort ein ländliches Mahl einzunehmen . Wenn Sie die verwöhnten Sinne einmal mit einfacher Kost reizen wollen , sagte Stephano , so will ich schon dafür sorgen , daß die Köhlerfrau mindestens Ihren Hunger stille . Die jungen Leute sprachen viel von dem Poetischen solcher Feste , und verhießen einander großen Genuß von den lustigen Waldscenen . Ich , sagte eine junge Dame mit vielem Nachdruck , ich liebe nichts so sehr , als das unmittelbare Leben in der Natur . Da streifen die Menschen alles Conventionelle ab , und zeigen sich in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit . Ach meine Liebe , sagte die Gräfinn , das thun Sie in jedem unbewachten Augenblick . Es braucht dazu keiner Wälder und Ruinen , um die Gebrechlichkeit zu ahnen . Verdammen Sie das Formelle nicht so absolut , es bedeckt manche Blöße , und viele gehen in dem Festgewande noch ganz erträglich einher , die in den gewohnten Kleidern widerwärtig erscheinen würden . - Überdem , sagte ein Gelehrter , der zu Seraphinens täglicher Gesellschaft gehörte , ist es noch die Frage , ob sich die Menschen auch so wahr in der freien Natur zeigen , als Sie mein Fräulein es glauben , oder ob nicht vielmehr die ungewohnten Umgebungen dem Gemüthe nur etwas neues aufdringen , das gerade der Neuheit wegen für das Rechte gehalten wird . Die Unschuld des Sinnes , das geheime Band zwischen Mensch und Natur , der eigentliche Schlüssel ihrer Hieroglyphen-Sprache , kann sich wohl auch in conventionellen Verhältnissen erhalten , und wo der einmal verloren ging , da wird ihn kein vorüberrauschendes Lüftchen wieder erzeugen . Sehr wahr , sagte Alexis , und ich sehe es nicht wohl ein , warum man sich unaufhörlich in Luft und Duft ertränken müsse , um die Herrlichkeit der Welt zu erkennen ! Im Gegentheil , dünkt mich , zeuge es von einer Beschränktheit , alles nur von außen zu erwarten . Nun , sagte die Dame empfindlich , so fliehen Sie nur gleich in eine Zelle , und trennen Sie sich von einer Welt , die Ihnen so entbehrlich dünkt . - Wer den Muth hat , erwiederte der Ritter , freiwillig , aus einer angebornen Lust , eine Scheidewand zwischen sich und der Welt zu ziehen , der muß gewiß einen großen Reichthum in sich tragen . - Die Bären , sagte Stephano , zehren auch von dem eignen Fette , daher verschlafen sie auch die halbe Lebenszeit . - Wer weiß , fiel Alexis ein , zeigt sich Ihnen im Traume nicht etwas Besseres , als wachend an ihnen vorübergeht . Rodrich hatte einst die ganze Fülle ausströmender Seeligkeit in der erwachten Natur empfunden , unwiderstehlich zog ihn alles zu ihr hin . Er war nie besser , nie gotterfüllter , als wenn er in dem reinen Luftmeere schwamm , und die ewig bewegte Fluth alle Bilder des Lebens an ihm vorüberführte . Jetzt hörte er das Klosterleben preisen , das , seine Jugend verdunkelnd , eine widrige Störung zurückgelassen hatte . Er blickte unwillig auf den Ritter , indem er sagte : ich zweifle nicht , daß Sie in strenger Abgezogenheit eine Welt in sich hervorrufen könnten , die als ideale Anschauung für Sie keine Spur der Mangelhaftigkeit an sich trüge ; ob indessen die lebendige Frische , die Beweglichkeit in ihr zu finden wäre , die uns die stete Reibung gemeinsamer Kräfte täglich offenbart ; ob der gesunde Sinn nicht dennoch einen kränklichen Schimmer in ihr wahrnehme , bleibt unentschieden , bis Sie ihr Inneres in irgend einem bleibenden Kunstwerke außer sich hinstellen . Ihr seyd seltsame Menschen , sagte die Gräfinn , Euch über den mannigfaltigen Lebensgenuß zu streiten , und so eigenmächtige Abtheilungen darin vorzunehmen , während ihr mit vollen Sinnen in der Gegenwart lebt , und Euch , wie mich dünkt , ganz wohl darin gefallt . Und Sie , Alexis , kommen trotz alle dem , von der kleinen Wallfahrt nicht los , so bitter Sie sich auch über die milden Einflüsse der Natur auslassen . Der Ritter küßte ihr lachend die Hand , indem er sagte , womit verständen Sie nicht die hartnäckigsten Gemüther auszusöhnen , liebenswürdige Seraphine ! Ich werde den dunklen Wald mit allen Schlangen und Kröten für ein Elysium halten , und Mücken und Käfer als eine Würze der Speisen tapfer mit hinunter schlucken . Sie sind ein feindseliges Gemüth , sagte die Gräfinn unwillig , und wenig geschickt zu kleinen Aufopferungen . Weil ich , erwiederte er ernst , in den größern zu streng geübt werde . Rosalie begann schnell ein anderes Gespräch , und bald darauf ging man unter frohen Erwartungen des lustigen Festes aus einander . Mehrere Tage waren Rodrich unter Beschäftigungen verflossen , die seine neue Lage herbei führte , und deren edle Bedeutung ihn mit den freudigsten Aussichten erfüllte , als er eines Morgens zu der Gräfinn beschieden ward , um nach eingenommenem Frühstück die verabredete Wanderung anzutreten . Er folgte sogleich ihrem Befehle , und fand im Vorhofe schon Wagen und Pferde zur Abreise bereit . Seraphine trat ihm in einem dunkelgrünen Reitkleide freudig entgegen . Der kleine Hut mit weißen Federn gab ihrem zarten Gesichtchen etwas keckes , wie überall der halb männliche Anzug der zierlichen Gestalt sehr wohl stand . Rodrich fand sie jeden Augenblick reitzender , ihre Bewegungen schienen ihm wie lustige Musik jedes ihrer Worte zu begleiten , er konnte die Augen nicht von ihr abwenden , und als er ihr nachher auf ' s Pferd half und sie sich vertraulich an ihn lehnte , fühlte er eine Unruhe , die ihn für den ganzen Tag weich und reitzbar stimmte . - Die übrige Gesellschaft machte sich nun auf den Weg , der sie mehrere Stunden leicht und angenehm über Wiesen und Felder führte . Doch beim Eintritt in dem Wald ward er uneben , und manche Stöße und Schläge weckten die Reisenden aus ihren Träumereien . Stephano hatte dafür gesorgt , daß ein Platz vor dem Schlosse geebnet , und des Köhlers Reichthum an Stühlen , Tischen , Milch und Brodt herbeigeschafft wurde . Der Ritter und der Gelehrte sahen mit nüchternen Mienen auf die ärmliche Kost . Ueberdem war es drückend heiß . Kein Lüftchen durchstrich den dichten Wald , und der gutmüthig dargebrachte Honig der Köhlerinn , der den Durst nur noch mehr reitzte , war für die Feinde des Wassers und der Milch kein erfreuliches Labsal . Seraphine weidete sich einige Augenblicke an der innern Unzufriedenheit der meisten , die sich jedoch bei vielen hinter emphatischen Ausbrüchen erzwungenen Entzückens verbarg ; dann winkte sie ihren Knaben , und Saumthiere mit Wein und Speisen wurden herbeigeführt . Sie ordnete alles geschäftig an , und indem sie das Köstlichste vor Alexis und seinen Freund hinstellte , sagte sie : Euch gebühren vor Allen die stärkenden Speisen ; denn sonst lauft ihr Gefahr , der Erde ohne Widerstand in den Schooß zu sinken . Alles erheiterte sich jetzt , und viele gestanden , daß es mit den gewohnten Bequemlichkeiten doch eine schöne Sache sey , und man sich ungern davon losmache . Wie wäre es aber , Alexis , sagte die Gräfinn , wenn Sie sich hier eine Einsiedelei anlegten ? Der Wald , die Trümmer der Vorzeit , die Abgeschiedenheit der Welt , hier eine Quelle , dort das Echo , das Ihre frommen Seufzer nachhallt , Wurzeln , Kräuter , kurz alles , was der genügsame Mensch bedarf . Nur Ihr Anblick nicht , schöne Gräfinn , sagte Alexis ; wie könnte ich mich trösten , Ihnen nicht mehr als Gegenstand des heitersten Spottes zur Seite zu stehen ! Gewiß , erwiederte Seraphine herzlich , Niemand läßt sich so willig auslachen und erwiedert meinen Spott mit dieser wohlwollenden Güte . Sie reichte ihm hier die Hand , und die Gesellschaft folgte ihnen und Stephano über zerbrochne Stiegen und halb verfallne Gewölbe in die oberen Zimmer des Schlosses . Sie hatten lange Zeit vom Altane die herrliche Aussicht genossen , als ein dumpfes Rauschen im Walde sie erschreckte . Stephano trat hinaus , und sah wie die Bäume ihre Wipfel bewegten , und das fliegende Gewölk sausend über ihnen hinzog . Indem kam der Ritter lachend heraus , und sagte , daß der Köhler ein entsetzliches Unwetter prophezeye , und er daher der Gesellschaft , die vielleicht nie solche Gelegenheit zur Contemplation ähnlicher Naturscenen finden werde , rathe , hier versammelt zu bleiben , da des Köhlers Stübchen ohnehin die Menschenzahl nicht fassen könne . Während er sprach , blitzte es entsetzlich ; die Frauen liefen mit verhülltem Gesichte davon , und einige versicherten , lieber in das unterste Gewölbe zwischen Molche und Kröten zu flüchten , als hier die Angst zu ertragen . Seraphine trat beherzt unter sie und stellte ihnen vor , daß sie nirgend sichrer als gerade hier in der gewölbten Gallerie seyn könnten . Laßt uns daher , fuhr sie fort , ruhig dort bleiben , und das gestörte Fest trotz allem drohenden Ungemach auf irgend eine erfreuliche Weise enden . Die geängsteten Schönen fügten sich widerstrebend der Nothwendigkeit . Morsche Bänke wurden zusammen geschoben und alles drängte sich in einen engen Kreis , während das Gewitter immer schwerer heraufzog . Der Wind heulte furchtbar durch die zerbrochnen Thüren . Steine rollten krachend von den Mauern herunter ; wie ein Feuerregen schossen die häufigen Blitze ihre Strahlen durch die fensterreiche Gallerie . Seraphine war keinesweges gleichgültig . Sie zitterte heftig , und hielt sich in der innern Angst an Rodrich und Stephano , die ihr zur Seite saßen . Plötzlich sprang sie auf ; laßt Musik kommen ! rief sie . Wir wollten ohnehin im Freien tanzen , warum nicht hier ? Freudige Klänge verscheuchen böse Geister . Die Knaben kamen mit ihren kleinen Instrumenten . Seraphine nahm Rodrich bei der Hand , alles folgte unwillkührlich , jeder übertäubte sich selbst in der Todesangst . Rosalie schweifte geisterbleich an des Ritters Arm durch die Reihen . In dem Augenblick fuhr ein Blitz schlängelnd durch das Gemach . Das zitternde Licht brach sich zischend an den Wänden , und verschwand durch die Fenster . Die erschrocknen Tänzer blickten sich erstaunt an . Alle glaubten Rosaliens Gestalt doppelt gesehen , und ein leises Wimmern vernommen zu haben ; sie selbst lag ohnmächtig in Seraphinens Armen . Rodrich trug sie schnell in ein Nebenzimmer , während der zerrüttete Alexis in einen Wald floh , und seine Ahnungen und Schmerzen in bittere Klagen ausströmte . In der allgemeinen Verwirrung schwieg die Musik , der Tanz war aufgehoben , man trat zusammen , ohne daß jemand das Herz hatte zu reden . Endlich sagte Stephano mit leiser Stimme : warum erschrecken wir vor einer ganz natürlichen Begebenheit ? Der Hang zum Wunderbaren verblendet die klarsten Menschen und reißt alle gesunde Überlegung mit sich fort . Was ist es denn , das diese Bestürzung erregte ? Ein Blitz , Rosaliens Ohnmacht und der jammervolle Ton , der während dem aus ihrer Brust drang ? Was wir sonst sahen oder zu sehen glaubten , ist nur eine Folge des Vorhergehenden . Schon früher als der Blitz uns verwirrte , hatte Rosaliens sterbendes Auge Alle erschüttert . Der Schreck über sie und diese unerwartete Erscheinung treffen zusammen , wir sahen mit kranken Sinnen . - Ihrer Erklärung , sagte der Gelehrte , geht es , wie allen Erklärungen dieser Art ; sie sind unbefriedigend . Daß nichts allein , losgerissen von mitwirkenden Ursachen , deren jede wieder die Wirkung einer andern ist , und so ins Unendliche fort , scheinen Sie auch beweisen zu wollen . Diese mögen wir indessen wohl nicht in einer Folgereihe aufstellen können . Sichtbare und unsichtbare Kräfte berühren sich , wir sehen die Sternenwelt durch ihr Licht mit der unsrigen verbunden ; ist der Schein anders und leichter zu erklären , als der Ton ? Und lassen Sie es einen Wahn seyn , der mindestens sehr ausfallend Alle zugleich bethörte , was ist denn Wahn ? Ist es ein absoluter Gegensatz der Wahrheit : so sage ich , daß er gar nicht statt finden , und dem Menschen einwohnen könne ; ist er nur das Zufällige der Wahrheit : so lassen Sie uns das Bleibende darin aufsuchen und dies ist Glaube an die Verwandtschaft aller Kräfte , Liebe zu jener innern Mystik , Sehnsucht nach einer Offenbarung derselben . Wenn Mißgriffe daraus hervorgehen , so steigen Sie bis zum Grunde , und Sie werden eine innre Wahrheit empfinden . Vieles hat sich dem menschlichen Geist aufgehellt , und wir werden die verborgenen Tiefen verstehen lernen . - Wenn Sie es so meinen , sagte Stephano , sind wir einig ; ich bestritt auch nur die Mißgriffe . Das tobende Unwetter hatte sich indessen mit dem letzten Ausbruch erschöpft . Es ward nach und nach stiller . Der heraufkommende Abend wiegte die beruhigte Natur in den seeligen Schlaf der Frommen . Rosalie erholte sich , und trat mit ergebenem Sinn auf den Altan . Rodrich , den ihr Bild seit dem Augenblick , da er sie wie einen sterbenden Engel an seinem Herzen fühlte , nicht mehr verließ , war ihr gefolgt , und hörte sie mit leiser Stimme singen : Ich ging im bittern Schmerze , Tief in der Berge Grund Verklungen Lust und Scherze Im Innern todeswund . Was Jugend mir gelogen , Was Liebe mir verhieß , Wie ich mich selbst betrogen , Vom Schein bethören ließ , Und fort , in schnellen Flügen Das Rechte übersah , Das stand in Flammenzügen Vor meiner Seele da . Mir war die Welt verschlossen , Gebleicht der frische Glanz , Aus Liebe Leid entsprossen , Zerrissen Blüth ' und Kranz . Da zog es mich zur Tiefe Durch öder Felsen Spur Der grausen Hieroglyphe Umwandelnder Natur . Und über mir im Bogen Sprang hell ein Wasserstrahl , Des Perlen niederflogen , Benetzend Fels und Thal . Da grünten frisch die Moose , Und aus dem kalten Stein Wand eine weiße Rose Sich einsam und allein . Ich weiß nicht welch ein Sehnen Mich plötzlich überfiel , Es flossen meine Thränen , Als ständ ' ich hier am Ziel . Ach Rose , süße Blume , Du nah ' st dich mir auf ' s neu ; Im dunkeln Heiligthume Bewahrt dich stille Treu ' . Du wirst mich neu beglücken , Dich färbt der Liebe Hauch ! So rief ich voll Entzücken , Und nahte mich dem Strauch . Und wie ich sie berühre , So theilt sich schnell das Laub ; Ich sah des Grabes Thüre , Und alles sank in Staub . Ich kann den Fluch nicht lösen , So rauscht es fern herauf ; Dich traf die Macht des Bösen Im herben Lebenslauf . So walle nun von dannen , Im Leiden wirst Du groß . Was Lieb ' und Lust gewannen , Birgt nun der Erde Schooß . Rodrich weinte heftig zu ihren Füßen . O um Gottes willen nicht diese stille Verzweifelung , rief er , ich möchte meines Herzens Blut geben , um Ihnen einen freudigen Augenblick zu gewinnen . - Sie wollen mein Elend , sagte der Ritter , der plötzlich hinter ihnen stand . Muthwillig geben Sie sich der Erkältung , dem Tode hin , oder fachen die Geister dieses Zauberschlosses neue Flammen in ihrem Busen an ? - Rodrich verstand ihn anfangs nicht , doch als er den Sinn seiner Worte ahnete , sagte er bewegt : Du zerreißt das edelste Herz , das ohnehin in Kummer vergeht . Die welkende Blume , sagte Rosalie , blühet ihm noch zu frisch , er muß sie völlig in den Staub treten . Sie ging stolz und empört an Alexis vorüber , der ihr schweigend nachsah , dann sank er an Rodrichs Brust und rief schluchzend : ach ! hüte diesen Himmelsfunken , wenn du ihn anzufachen verstandest ; ich werde ungesehen mein Leid tragen . Seraphine rief sie hier zur Rückreise ab . Alles war bereit , und die muntre Gesellschaft kehrte erschöpft und verstimmt von dem gehofften Feste zurück . Zweites Buch Rodrich hatte die Nacht kein Auge geschlossen . Des Ritters Worte erregten Wünsche in ihm , die seinem Herzen bis dahin sehr fremd waren . Jetzt fiel es ihm ein , ob er nicht wirklich Rosaliens Liebe gesucht und den großmüthigen Freund beleidigt habe ? Er ward ungewiß über sich selbst , und die innere Angst wuchs in der einsamen Nacht . - Bald verscheuchte indessen Rosaliens Schmerz jedes andre Gefühl . Er sah sie wieder auf dem Altan wie eine schwankende Lilie in Liebeshauch zerrinnen , und begriff nicht , wie der Ritter sie mit rauhen Worten berühren , wie er es wagen könne , dies gequälte Herz durch Vorwürfe zu verletzen . Welche Rechte , sagte er mit steigender Bitterkeit , darf er sich über sie anmaßen ? und giebt es etwas widersinnigeres , als eine erzwungene Liebe ? Kann der Verein zweier Seelen aus dem matten Hingeben erschöpfter Natur erblühen ? und sollte nicht ein edles Gemüth diesen Sieg verschmähen ? Je mehr er nachdachte , je schuldiger fand er Alexis . Zuletzt hielt er den Gedanken seines Unrechts so fest , daß er nichts als eigensüchtige ungestüme Thorheit in ihm erblickte . In dieser Stimmung fanden ihn folgende Zeilen der Gräfinn . » Rosalie ist krank . Die unerwarteten Erschütterungen drohen sie umzuwerfen . Ich selbst bin matt , unfähig zu erheiternder Unterhaltung . Ueberdieß verschwimmt jede freudige Aufwallung in diesem unversiegbaren Quell innerer Trauer , und was ich ihr reiche , wird mir unter den Händen zu Gift . Alle Freunde schweigen , auch Alexis . Rosalie scheint deshalb beunruhigt . Ist etwas zwischen ihnen vorgefallen ? Eilen Sie doch , dies liebe bewegliche Herz zu beruhigen , und führen Sie uns so bald als möglich den Ritter wieder zu , mit dem ich gern zanken und so die gute Laune wiedergewinnen möchte . « Rosaliens Krankheit weckte neue Schmerzen in Rodrichs Brust , und versöhnte ihn mit dem bekümmerten Freunde , zu dem er ungesäumt hingehen wollte , als Stephano in sein Zimmer trat und ihm zurief : was ist es denn mit dem Ritter ? Ich komme aus seinem Hause , wo ich bis auf einen alten Diener alles leer fand , der mir zwar versichern wollte , sein Herr kehre in wenigen Tagen zurück , allein ich glaube daran nicht ; zu einer Lustreise sind die Anstalten zu ernsthaft , überdieß kann ihn nichts Geringes zu diesem Entschluß gebracht haben . Ist denn irgend etwas Wichtiges geschehen ? Sie waren zuletzt mit ihm und Rosalien , können Sie mir keine nähere Auskunft geben ? Denn von dort her kann es nur kommen , was ihn so plötzlich forttreibt . - Rodrich war so erschrocken , daß er lange keine Worte finden konnte ; endlich erzählte er Stephano den Vorgang auf dem Altan , und wie Alexis hart und feindselig erschienen sey . Seltsam , sagte dieser , wie er Rosalien nur so wenig verstehen und die Tiefen ihres Gefühls hier ganz übersehen konnte ! Ueberall kenne ich Niemand , dessen Urtheil sich augenblicklich so verwirrt , wenn er selbst in die Handlung eingreift , und eine individuelle Beziehung statt findet ! Wie , sagte Rodrich , ist es aber bei dem Reichthum seiner Phantasie , bei der innern Schwungkraft möglich , sich der Gegenwart so hinzugeben ? Weil , erwiederte Stephano , es ihm an Elastizität , an Freiheit fehlt , die Wechselwirkung zwischen Innerem und Aeußerem lebendig zu erhalten . Er gehört entweder dem Einen oder dem Andern an . Daher die Ungleichheit in seinem Betragen , die ungebundene Fröhlichkeit in einem und der feierliche Ernst im andern Momente . Die Sinnenwelt blendet ihn , entrücken sie ihm diese , so ist er klar , besonnen , in sich fest . Es ist gewiß , fuhr er nach einigem Nachdenken fort , er kehrt entweder bald , oder bei Rosaliens Leben nie wieder . Nie ? wiederholte Rodrich , und wir sollten also Einen von Beiden aufgeben und für immer von ihnen scheiden müssen ! Alle Liebe und Theilnahme des wohlwollenden Alexis stellte sich plötzlich vor ihn hin . Er fühlte es schmerzlich , daß er die Brust verwundet , die sich ihm so vertrauend geöffnet hatte ! Lassen Sie uns eilen , rief er , vielleicht ist er noch zu retten ; ich will mein Leben daran setzen , ihm seinen Argwohn zu benehmen ? Werden Sie ihn überzeugen ? fragte Stephano , - und gesetzt , es gelänge ihnen , fuhr er fort , was gewinnen wir ? Kann in dieser Stimmung die nächste Stunde nicht dasselbe erzeugen ? Wo das Uebel nicht aus der Wurzel zu heilen ist , da kann man die Wirkungen niemals berechnen . Lassen Sie uns nicht so eigenmächtig in den Willen eines Menschen eingreifen , man bewirkt wohl etwas andres , selten aber das Bessere . Ach , sagte Rodrich , mich dünkt , wir schläfern unsre Theilnahme mit allgemeinen Klugheitsregeln ein , während der Freund vor unsern Augen versinkt ! Stephano suchte ihn von ähnlichen Vorstellungen abzulenken , indem er ihn auf die Nothwendigkeit aufmerksam machte , Rosalien diese Nachricht mitzutheilen , ehe das allgemeine Gerücht sie erreiche . Woran erinnern Sie mich , sagte Rodrich , dies fehlte noch , um sie ganz elend zu machen ! Wie wird sie sich trösten können , die dargereichte Hand so kalt und fremd zurückgestoßen zu haben ? Mußte Reue noch den innern Unfrieden mehren ! Vielleicht , erwiederte Stephano , nimmt sie es auch weniger trübe auf , vielleicht glaubt sie , daß im Laufe fortschreitender Ereignisse die Unabänderlichkeit des Erfolgs auf dem Ursprung früherer That beruhet , der selten dem Einzelnen allein angehört . Man sagt sich das so gern zum Trost , wenn Neigungen uns fortreißen , und Zorn und Liebe mit unsrer Freiheit spielen . Sie waren unter diesem Gespräch zu des Grafen Wohnung gegangen , und betraten Rosaliens Vorzimmer , als ihnen die Gräfinn entgegen eilte , und im bittersten Unmuth zurief : sie weiß alles ! Meine Ungeduld hat die Entdeckung beschleunigt ! Ich bin außer mir über die kränkliche Weichlichkeit der Männer . Eine Thräne zieht Euch aus Eurem Gleichgewicht und wiegt das Bischen Besonnenheit auf , das Euch zu Theil ward . Geht nur , fuhr sie fort , und helft bereuen , was ihr verdarbt , denn weiter versteht Ihr doch nichts . Ich bin recht unglücklich , von lauter Männern umgeben zu seyn ! Miranda ist leider seit wenigen Tagen mit ihrer Mutter im Bade , und ich traue mir selbst nicht mehr , seit alles solche