das ich nie zuvor empfunden , das eine wunderbare Mischung von Ahnung und Erinnerung , nicht bloßes Wohlgefallen an der Kunst war . Als die Musik geendigt hatte , führte Nanette den Sänger zu mir , und stellte mir ihn als ihren sehr nahen Verwandten vor , der eben jetzt von einer kleinen Reise zurück gekommen sei . Ich erinnerte mich nun , daß ich sie unter dem Namen Eduard schon mehrmals hatte von ihm sprechen und vieles von ihm erzählen hören . - Unser Gespräch lenkte sich natürlich auf den nächstliegenden Gegenstand , die Musik , und gewann gar bald Leben und Bedeutung , besonders da wir mit Vergnügen in unserm Geschmack viel Uebereinstimmendes bemerkten . Nanette horchte einige Zeit mit muthwilliger Miene zu , aber bald , des ernstern Gesprächs überdrüßig , unterbrach sie es mit einer Neckerei , nahm Eduard am Arm , und hüpfte mit ihm weg . Sie beschäftigte sich auch den ganzen Abend sehr angelegentlich mit ihm , und schien in seiner Unterhaltung unendlich viel Vergnügen zu finden . Ich fühlte mich weniger theilnehmend wie sonst ; doch freute ich mich im Stillen an dem anmuthsvollen Wesen , das in Allem , was Eduard sagte und that , sichtbar ward . Warum besitze ich nicht die Kunst , Dir sein Bild durch einige genievolle Züge lebendig vor Augen zaubern zu können ? - - Sicher würdest Du mit Lust darauf verweilen , und Dich von diesem Auge , aus welchem Dir eine Welt von schönen Gefühlen entgegen strahlt , dieser hellen , geistvollen Stirn , diesem ganzen ausdrucksvollen Gesicht nur mit Mühe wieder wegwenden können . Auch Albret schien von dem ersten , allgemeinen günstigen Eindruck , nicht ausgenommen . Doch als ich ihn schärfer beobachtete , bemerkte ich bald , daß er etwas , dem jungen Mann nachtheiliges , in seinem Gemüth verschloß , so sehr er es auch mit seiner gewöhnlichen Feinheit zu verdecken wußte ; denn er hat sich so sehr in seiner Gewalt , daß nur sein Auge denen , die ihn genau kennen , die wahre Stimmung seiner Seele ahnen läßt . Wie bewundrungswürdig ist doch dieser Ausdruck des Auges , und worinnen besteht er eigentlich ? - Hier ist alles unendlich zärter , feiner , geistiger als in den übrigen Theilen des Gesichts , wo sich das , was in der Seele vorgeht , durch Röthe oder Blässe , oder Zusammenziehen der Haut entweder leicht verräth , oder bei festen Muskeln geschickt verheelen läßt . Aber das Auge ist unter allen das , was zunächst an Begeisterung , ans Unbeschreibliche gränzt - es ist hier , wo die Seele am unmittelbarsten zu wirken scheint . Doch , ist es nicht seltsam , daß ich im engen Zimmer sitze und schreibe , indeß mich im Freien alles zum fröhlichsten Leben und Empfinden einladet ? - Lebe wohl , und freue Dich , Du theilnehmendes Wesen , daß Deiner Freundin heute ein sehr heit ' rer Tag aufgegangen ist . Da der Brief noch nicht fort ist , muß ich Dir noch einmal schreiben . Ich habe diesen ganzen Tag allein zugebracht ; selbst Nanetten habe ich nicht gesehen , und doch war mir so wohl , doch fühle ich mich so glücklich , meine Julie ! - Eine leichte duftige Sommernacht schwebt ' über der Landschaft . Der Himmel mit allen seinen glänzenden Augen blickte heiter herab . Der Mond strahlt mit halbem Antlitz , und wirft ein leichtes Nebelmeer zwischen die Berge hin . Kleine Johanniskäfer fliegen wie herabgefallene Sterne durch die dunkeln Büsche . Eine neue , muntre Welt umgiebt mich ; alle Verhältnisse scheinen mir leicht , von freundlichen Genien gewoben . Die Gegenwart begränzt meine Wünsche , ich erwarte , ich verlange nichts . Und wenn ich mich frage , woher diese Stimmung , weiß ich es ? - woher - doch ich kann dies nicht verschweigen - ja ! ich habe ihn heute gesehen . Meinem Garten gegenüber liegt eine kleine , anmuthige Anhöhe , da gieng er in der lieblichen Abendkühlung . Er blieb stehen und betrachtete rings die Gegend , und zuletzt , da ihn das einsame Plätzchen anzuziehen schien , warf er sich auf den frischen Rasen nieder ; halb verbarg ihn ein blühendes Gesträuch , und ich sah , daß er ein Buch hervorzog . - Es ist nichts , ich weis es ; leicht möglich , daß er nicht einmal bemerkte , wer ihm gegenüber stand , aber ich fühle , daß meine heitre Stimmung durch dies Nichts gewonnen hat . Elfter Brief Eduard an Barton Ich beklagte mich in meinem letzten Brief über Dein Schweigen , und nun gebe ich Dir Ursache über das Meinige zu klagen . Aber sind wir uns gleich ? - Du kannst meine Briefe entbehren , Du liesest sie vielleicht nur um meinetwillen ; mir sind die Deinigen unentbehrlich , ja sie machen einen Theil meines Lebens aus . Ich habe seit ich Dir zuletzt schrieb , Nanettens Freundin , die sie mir in ihrem Brief schilderte , kennen lernen , und in ihr jene Unbekannte wieder gefunden , die ich in den ersten Tagen meines Hierseins , neben dem ältlichen Mann im Wagen schlummern sah , und deren unbefangene Schönheit ich Dir schilderte . Eine nähere Bekanntschaft hat mich nur noch mehr zu ihr hingezogen , und ich überlasse mich willig den Eindrücken die sie auf mich macht , - unbekümmert , ob sie meine flüchtige Neigung wird fesseln können , oder nicht . Du selbst riethest mir oft , mich dem verfeinerten Theil der Weiber , der gleichsam ein andres Geschlecht ausmacht , zu nähern , und ich hätte es gern gethan , wenn mich nicht meine natürliche Ungeschicklichkeit immer davon zurückgehalten hätte . Doch jetzt fühle ich lebhafter als je den Wunsch , von diesem wunderbaren Wesen mehr zu erfahren , und ihre mächtige Einwirkung auf unsere Bildung und Zufriedenheit an mir selbst zu empfinden . Glaube jedoch nicht , daß mich der weibliche Umgang ausschließend beschäftigen und von allem andern , was mir bis jetzt wichtig war , abziehen werde , denn noch gedenke ich lebhaft der Stunde , wo Du mir einst sagtest : Nichts hindert die Bildung besserer Menschen mehr als Liebeleien . Leidenschaften können zerrütten und erheben ; die Seele , die sich ganz der Liebe hingeben kann , ist zu jeder Größe fähig , aber sie werden nur selten empfunden , und kleinlich ist es , ihren Schein zu erkünsteln . Auch müßte ich wol sehr eitel sein , wenn ich glauben wollte , auf Amandens Herz einen bedeutend tiefen Eindruck machen zu können ; denn sie ist reizend , sehr reizend , ein jeder fühlt das , der sie sieht , und ein wunderbarer Zauber , von tiefem , lebhaften Gefühl , der sie umgiebt , zieht Männer und Weiber mit Liebe zu ihr hin . Und doch , Barton ! - ich möchte gegen Dich , um alles in der Welt nicht Heuchler sein - wenn ich alles bedenke , so , - wie mich auch ihre Phantasie ihr vielleicht darstellt - wie ich auch auf sie gewirkt haben mag - genug ! ich muß es glauben , dieses Weib , dem Alles huldigt , das ich anbeten muß - sie liebt mich ! Höre was ich Dir zu sagen habe , und urtheile selbst . Nanette hat sich in der Nähe ein Gut gekauft , weil ihr das hiesige Leben so sehr gefällt , daß sie jährlich einige Zeit in dieser Gegend zubringen will . Sie lud uns ein , mit ihr dahin zu fahren , Amanda , mich und noch einige Bekannte , die ich Dir ein andermal schildern will . Ich sage Dir nichts von der Reise , obgleich Witz und Vergnügen sie zu der angenehmsten erheben , und obgleich schon da ein unsichtbares , unnennbares Band sich zwischen mir und Amanda webte . Als wir ankamen war es bereits Nacht . Nanette , von der Hitze des Tages und ihrer eigenen Lebhaftigkeit ermüdet , sehnte sich nach Ruhe , und da Amanda , die , unveränderlich wie eine Göttin , noch wie am Morgen voll Geist und Leben war , sich gleichwol nicht von ihrer Freundin trennen wollte , so ließen wir übrigen sie allein und gingen in der heitersten Laune und mit der angenehmen Aussicht auf ein paar glückliche Tage in die uns angewiesene Zimmer . Ich erwachte früh am andern Morgen ; im Hause war noch alles still , und ich eilte hinaus in die Landschaft , auf welche eben die ersten Strahlen des Morgens fielen . - Die Schönheit der Gegend überraschte mich , denn die glückliche Stellung der Gebirge , die sich um das schöne Thal ziehen , bildete sehr romantische Parthien und einen reizenden Grund , wovon ich am Abend nicht das Mindeste geahnet hatte . Ich verlor mich seitwärts in den Wald , der sich sanft den einen Berg hinaufzog ; die frischen Waldgerüche durchdrangen und stärkten mich , und die Vögel wirbelten mit ihrer wilden , frohen Musik , mich zu neuer , rascher Lebenslust empor . Unvermerkt hatte ich die Höhe erreicht , und trat nun aus dem Dunkel des Waldes heraus . Ein wildes Klippengemisch sank unter mir ins Thal herab . Ringsumher waren alle Berge mit Wald bedeckt , der bald scharfe , dunkle Umrisse zog , bald gefällig wie mit grünen Wellen herabsank . Die Morgensonne glänzte mit heiligen Strahlen über die Berge , und meine Seele erklang wie Memnons Bildsäule , beim Wiedersehen der Mutter . Lange , lange stand ich da , das schöne Bild mit Wollust in mich aufzunehmen , und meine Gedanken hiengen an dem freudigen Wehen der Bäume , und an dem Leben , das aus ihren Zweigen in heiterer Ungebundenheit rauschte . Ueberall sah ' ich eine unaussprechliche Freiheit und Liebe verbreitet . Wie in einem glücklichen , wohl organisirten Staat gedieh ' hier alles , hinderte sich nichts , wuchs alles nach Kräften empor . - Mitten in diesen Bildern fühlte ich mein Herz von einer seltsamen Wehmuth durchschnitten . Hier , wo alles sich zu kennen , sich zu fassen schien , und fröhlich in Eins zerschmolz , schien ich mir ganz unzusammenhängend , ganz allein , dazustehen , und erschrack fast vor meiner eigenen Gestalt . - Ich breitete meine Arme aus , und fühlte mich so innig mit der Natur verwandt , hätte ein Mitglied dieser Bäumerepublik werden mögen ! Ach , das ängstliche Klopfen meines Herzens störte keinen in seiner Ruhe , und eine Thräne preßte sich mir ins Auge , indem ich die unübersteigliche Scheidewand fühlte , die mich von den Wesen , welche mich umgaben , trennte . - In diesem Augenblick sah ich nicht weit von mir , unter Felsen und wildem Gesträuch , eine weibliche Figur sitzen , die ich im ersten Augenblick für Amanda erkannte . Sie sah zu mir herauf , sie blickte mich seelenvoll an , und mir ward wohl , jugendlich wohl . - O ! Leben , rief ich - und sprang über die Felsen zu ihr hinab , welch ein liebes , freundliches Geschenk bist du ! - Mit innigen Vergnügen hörte ich , wie sie mir zurief , nicht diesen Weg , der allzugefährlich sei , zu kommen . Ich sah sie schöner , himmlischer als je , eine überirdische Glut loderte in ihren Blicken , und jeder Zug ihres Gesichts , jede Bewegung , war Anmuth und Seele . - Meine Amanda ! dachte ich - und merkte erst an ihrem überraschten Blick , daß ich es auch gesagt hatte . Aber wer hätte bei dieser Umgebung , in solcher Stimmung , und bei ihr , wol an Verhältnisse , oder nur an etwas Entferntes denken können ? - Die Gegenwart war so allbeseligend , und eine fröhliche Begeisterung , gab allen Gegenständen um uns her eine neue , schönre Bedeutung . Ich schlang meinen Arm dicht um den ihrigen ; mein Blick durchirrte die Gegend nicht mehr , und so oft auch sie mich anblickte , mit ihrem Auge voll Geist und Liebe , flog ein heiliger , nie gefühlter Schauer durch meine Seele . Nach diesem Morgen war alles ganz anders , zwischen ihr und mir . Ueberall schienen wir uns zusammen zu gehören , und ein geheimes Verständniß leitete uns , ohne daß davon zwischen uns die Rede gewesen wäre . Wir blieben einige Tage auf dem Lande . Am letzten war Amanda trübe , aber diese Schwermuth war reizender als alle Freude der Welt . Wir alle hatten den schönen Abend in der Laube des Gartens zugebracht . Die andern giengen weg ; sie verspätete sich einen Augenblick : O ! daß ich sie zu erheitern vermöchte ! sagte ich , daß ich ihnen nur etwas sein könnte ! - Eduard , sagte sie , sie können mir Viel sein ! Und in diesem Augenblick fühlte ich einen leisen Druck ihrer Hand , der meine ganze Seele erschütterte . Was wirst Du mir schreiben , Barton ? ich erwarte Deinen Brief mit der höchsten Ungeduld . Wie ? wenn ich vor Dir da stände , wie einer jener Gecken , die ich immer so bitter gehaßt habe , die jedes freundliche Wort eines Weibes , jeden leichten , vorübergehenden Scherz für Liebe halten ! - Tage sind vergangen , ich habe sie nicht gesehen , und jene seltsame , freudige Gewißheit , ist nicht mehr in meiner Brust ; ja fast schäme ich mich , daß einige Blicke , halbe Worte , und ein Händedruck , mir sie erregen konnten . Und doch ! - - O ! sag ' Du mir Deine Meinung , aber bald ! ich bin entschlossen , sie nicht wieder zu sehen ; denn , wenn die Gewalt eines Weibes so groß ist , daß sie uns mit uns selbst entzweit , so ist sie mir furchtbar . Zwölfter Brief Amanda an Julien Hab ' ich bis jetzt geträumt ? oder sendet eine höhere Sonne nur zuweilen einen flüchtigen , aber göttlichen Blick auf unser düstres Leben ? - Was für Stunden sind mir geworden ! Das erste goldne Alter der Menschheit ist zurückgekehrt , alle Mißverhältnisse sind verschwunden , alle Fesseln zerbrochen , und ungehindert folgen die Herzen dem süßen Zug der Harmonie . Ich trage in meiner Seele ein hohes Bild ; ich denke an nichts , kein Mensch hat Recht auf meine Theilnahme , ich lebe jetzt nur mir , nur meinem Himmel . Zu welcher Höhe von Glück bin ich auf einmal emporgestiegen ? Welch ein göttlicher Frühlingshauch hat alle Blüthen meines Gefühls entfaltet ? Julie ! wenn Du jetzt nicht mit mir fühlst ! - Du sagtest mir es oft - und ich bestritt es zuweilen - wenn zwei gleichgestimmte Herzen sich fänden , das sei die lieblichste Blüthe des Lebens . O ! freue Dich mit mir , holde Jugendgespielin ! Laß Dich von keiner Sorge , keiner Bedenklichkeit zurückhalten . - Wahrheit des Gefühls , wo und wenn sie auch erscheint , und wie sie sich auch äussert , ist immer ehrwürdig , immer heilig ! - Ich begleitete Nanetten auf ihr neuerkauftes Gut , das in einer mäßigen Entfernung von hier liegt . Sie hatte noch einige ihrer Bekannten eingeladen , und in unserm Wagen fuhr ihr Vetter Eduard , und noch ein andrer junger Mann , der zu unserm nähern Umgang gehört . Nanette war ausgelassen lustig ; aber diese Laune ist bei ihr stets von einer gewissen Kindlichkeit begleitet , wodurch sie für mich erst reizend wird . Sie neckte und plagte die Männer auf mancherlei Weise . Eduard machte sie Vorwürfe über seine Sentimentalität , mit welcher er eigentlich nur seine gränzenlose Eitelkeit zu verdecken strebe , und sein unliebenswürdiges Betragen gegen die Weiber . Sie schloß mit der Prophezeihung , daß es mit ihm noch ganz anders werden würde . » Mein Herz , sagte Eduard lächelnd , ist gleich dem Diamant , den kein Feuer zerschmelzen kann , ausser die reinen Strahlen der Sonne . « Er sah mich flüchtig , aber ausdrucksvoll an , und Nanette fuhr fort , ihm zu sagen , daß er ihr wol auf vier Wochen lang gefährlich werden könnte ; sie schlug ihm vor , den Verliebten zu spielen , und ermahnte ihn , seine Rolle aufs natürlichste vorzutragen . - Dann fieng sie Händel mit unserm andern Begleiter an , der immer viel von Verhältnissen und Uebereinstimmung sprach . Er nannte ihre Laune einen schönen Auswuchs , der eigentlich nur bewies , daß sie in ihrem Innern nicht ganz harmonisch sei . » Was das für phantastische Grillen sind ! rief sie aus . Wie , ich sollte die gute , freundliche Stimmung , die mir stets ungerufen und unerwartet vom Himmel kommt , grämlich von mir weisen , weil sie sich nicht zu allen meinen innern und äussern Verhältnissen schickt ! - Ich bitte , verschonen sie mich mit ihrer Uebereinstimmung , und lassen sie mir meine Fragmente , die mir auch das Fremde , Unharmonische ertragen lehren . ! « Der Abend war unbeschreiblich schön , und ich schlug vor , den Rest des Weg ' s zu Fuß zu machen . Eduard stimmte mir sogleich bei ; doch Nanettens Bequemlichkeit war stärker als ihre vorgenommene Liebe zu ihm ; sie lies ihn unter tausend scherzhaften Verhaltungsregeln , mit mir allein wandern und blieb im Wagen . - Der Weg gieng durch ein verwachsenes , süß duftendes Gehölz . Julie ! was war es , was ich empfand ? - hast Du es je gefühlt , was , ganz von dem gewohnten Gang der Gedanken getrennt , verschieden , mit zarten , leisen Schwingen , alle Saiten Deines Herzens rührt ? - was Deinen Sinn von der Weiblichkeit abschneidet , und mit geheimnißvollem Zug , Dich in ein fremdes , himmlisches Leben führt , wo selbst die Flügel des Gedankens nicht hinreichen ? - welch ' eine Wehmuth , eine Ahnung quoll mir aus den Abendgerüchen des Waldes , den bethauten Pflanzen , aus der zarten Dämmerung , die schon durch die fernen Sträuche hervordrang , entgegen ! Ich hatte so manches Gespräch anknüpfen , Eduard über manches fragen wollen , aber ich war stumm , doch ohne mißvergnügt darüber zu sein . Eduard schien meine Gefühle zu theilen , doch , vielleicht mehr gewohnt mit Eindrücken zu spielen , suchte er sich und mich , auf eine angenehme Weise zu zerstreuen , und ich wußte es ihm Dank , denn ich kam gefaßter zu den Uebrigen zurück . Wir hatten von gleichgültigen Dingen gesprochen , und doch schien es , als hätte dieser Gang uns einander näher gebracht . Was ist das , Julie , was ohne Worte , die Seelen leise zusammen bindet ? hast Du es je erklären können ? Es ward Nacht , wir waren angekommen , und ohne Müdigkeit zu fühlen , war ich froh , allein zu sein . Die Bilder des Tages giengen lächelnd vor meiner Seele vorüber ; aber bald that es mir unbeschreiblich weh , daß ich mit Eduard nicht mehr gesprochen hatte . Ich wußte noch so wenig von ihm ; seine ganze Vergangenheit war todt für mich , seine Zukunft konnte uns leicht auf immer trennen , und ich lies die kurzen Augenblicke der Gegenwart unbenützt vorbei ! - Es schien mir in meiner Unruhe , als könnte diese schöne Gelegenheit nie wieder kommen , und doch beschloß ich sie wieder zu suchen . - Ich erwachte mit dem Tag , die Morgenröthe erschien mit ihrer Rosenstirn und ihren goldnen Füßen . Alles zog mich ins Freie ; und ich folgte gern . Wie verändert war alles ! Der Duft der Ahnung ruhte nicht mehr auf dem Thal , die Begeisterung hatte ihren Schleier aufgerollt , aber ein Glanz , ein Leben , eine Herrlichkeit schwebte über der Gegend , die ich nicht zu beschreiben vermag . Ich war wie von unsichtbaren Händen empor getragen , mein ganzes Wesen , war leichte , freie , süße Freude . Lange schwelgte ich auf der Höhe in reinem Luftstrohm , dann lies ich mich die Felsen herab , und stand nun da , in einsam lieblicher Wildniß . Vor mir wehte und wogte die Gegend in sichtbarem Aether ; Himmelswärme spielte um meine Wangen , Begeisterung küßte meine Seele , und frohe Schauer durchbebten mich . - Augenblicke voll unendlicher Seligkeit giengen mir vorüber ; dann kehrten meine Gedanken zur Erde zurück , ich fühlte mich angenehm beschränkt , meine Wünsche überflogen diese Höhen nicht ; ich hatte alles was ich wünschte - denn ich liebte . Da sah ich auf , und die schöne Gestalt die in meinem Herzen wohnte , stand lebendig vor mir . Nachdenkend , mit schönem Ausdruck , stand er auf der Höhe und bemerkte mich lange nicht . Endlich aber , wie von Zephirs getragen , kam er herab , leicht und glücklich über die gefährlichsten Stellen . Was soll ich Dir noch sagen , Julie ? - Dieser Morgen band meine Seele auf ewig an die seine . - Alles um uns her blühte schöner , ein zarter , heimlicher Sinn säuselte in jedem Lüftchen , das uns küßte . Das Herz war des Herzens gewiß , jedes unsrer Worte war voll Geist und Leben , ein hoher Genius trug alles weit über das Mittelmäßige empor . - Ich zwang mich nicht . Was mir ins Herz kam , das sagte , das that ich . Ach ! wie lange , wie innig hatte ich mich nach einem verwandten Wesen gesehnt , wie bitter mir die gestrige , verlorne Stunden vorgerückt - jetzt von der ganzen Natur zur Freude eingeladen , von allem Zwange fern , an seinem Arm , der heiß ersehnte Augenblick - denk ' Dir , was ich empfand ! Wir kommen wieder unter Menschen . Etwas Unnennbares hatte ihn an mich gefesselt , hielt ihn ganz an mich gebannt . Die gleichgültigste Kleinigkeit , wie erhielt sie durch seine Gegenwart ein besonderes , unbeschreibliches Interesse ! - in Allem was wir sprachen , lag ein geheimer Sinn , den der Scharfsinn des Andern immer leicht und glücklich zu finden wußte ; ein zufriedenes Lächeln war dann die Belohnung . - Ohne Geist , welche traurige Liebe ! Aber wenn das Auge von Begeisterung glänzt , und ein süßes Staunen über die Vorzüge des Geliebten die Seele erhebt , dann- Himmel ! o Entzückung ! O , Julie ! - die süße erfinderische Liebe ! - Eben kömmt Wilhelm , dessen Anhänglichkeit an mich sich nicht mindert , und immer stärker zu werden scheint , zu mir . Ich höre ihn hastig die Treppe herauf springen ; die Mutter hält ihn auf ; fragt , wo er die schönen Blumen her habe ? Gefunden , ruft er dreist und schnell , macht sich los und schlüpft zu mir herein . Er hält mir einen großen , mahlerisch schönen Rosenzweig , mit voll entfalteten und noch halb geschlossnen Blüthen entgegen , und aus der kleinen festgeschloßnen Hand zieht er ein feines Blatt Papier hervor , das in leicht geschriebenen Zügen , folgendes enthält : » Ein reizender Knabe spielt an meinem Garten . Sein Anblick erfreut mich ; ich finde Mittel ihn gesprächig zu machen , und erfahre , daß er in Amanda ' s Nähe lebt , daß er sie liebt- wie könnt ' er anders ? - Ich breche die schönsten Rosen meines Gartens ; wie ihr Duft umschwebt mich das Andenken an die schönsten Tage , aber wie ihr Stachel , verwundet mich der Zweifel , ob sie auch je wiederkehren ? - Bote der Liebe ! bringe sie der Gebieterin , und wenn ihr der Duft gefällt , wenn sie den Zweifel zu heben würdigte , vielleicht durch Dich - o ! dann eile schneller als ein Gott und segnender , zu dem Sehnsuchtsvollen zurück ! « O ! wie schmeichelt dieser Duft , dieses Geschenk der Liebe aus eines Amors Hand - wie mich die Nähe des Gottes ergreift ! Der Kleine hat mir noch vieles von dem schönen , jungen Mann erzählt , vieles , was mich entzückte . - Leb ' wohl . Ich sende - ja ich sende ihn zurück . Der nächste Augenblick und mein Herz mag entscheiden , mit welcher Antwort . Dreizehnter Brief Amanda an Julien Ich sitz ' allein in meinem Zimmer , von den seligsten Träumen umgaukelt . Die Kleider , welche ich heute trug , liegen zerstreut umher . Ich küsse sie , ich drücke sie an mein Herz - seine Blicke , sein Hauch haben sie umschwebt und geheiligt . Ach , Julie ! wie liebe ich diese Erinnerungen ! wie süß ist diese Träumerei ! Endlich , endlich bin ich glücklich ! - Die Stunden hüpfen wie silberklare Wellen um mein Dasein ; aus dem verworrenen Spiel menschlicher Wünsche , tönt eine leise Harmonie zu mir her - die ganze Natur ist ein schöner , ewig ungetrübter Spiegel , der mir heiter nur mein eignes Glück zurückstrahlt ! Wenn ich Dir sagen werde , was heute geschehen ist , und was ich fühle , so wirst Du vielleicht erstaunen , und wie in Deinem vorigen Briefe fragen , ob ich noch dieselbe Amanda bin , und ein so weises Mißtrauen in sie setzte ? - Aber , Julie , so lange wir noch nicht geliebt haben , dürfen wir nicht hoffen , uns selbst recht zu kennen . Eine fremde , höhere Macht bestimmt dann unsere Handlungen , ja sie reicht bis in das Heiligthum unserer Gedanken und wir freuen uns noch ihrer Allgewalt . Wahre Liebe ist nicht möglich ohne das vollkommenste Vertrauen ; wir haben keine Gründe dazu , aber wir bedürfen auch keine . Unser Gefühl reicht weiter , als unsre Ueberzeugung , und ein heiliger Glaube bürgt uns für das fremde Herz , wie für unser eignes . Ich schrieb Dir zuletzt , auf welche Art ich von Eduard Nachricht erhalten . Vom Schreibtisch gieng ich zu den Blumen , die einen kleinen Garten vor meinen Fenstern bilden , und suchte bei ihnen eine Antwort , denn diese Sprache hatte mir etwas so liebliches , daß auch ich sie wählen wollte . Ich brach einen schönen , frischen Myrthenzweig , und umwand ihn dicht mit Stundenblumen , deren schöne , vergängliche , aber sich schnell wieder erholende Blüthe Du wohl kennst . Dann schrieb ich auf ein Blättchen : » Liebe hält das Flüchtige fest und erneuert das Vergangene . « Der Kleine sprang vergnügt und schnell mit seinem Auftrage fort . Eduard wiederholte auf diese Weise seine Erinnerungen öfterer ; wir sahen uns zwar zuweilen , aber stets in Gesellschaft , wo , eben der geheime Wunsch , einander näher zu sein , uns mehr von einander entfernte . Ich antwortete einigemal , und der Knabe vollzog seine Aufträge mit einer Geschicklichkeit und Besonnenheit , die mich in Erstaunen setzte . Aber bald befremdeten sie mich nicht allein ; sie erschreckten mich . Diese früh geübte Verstellung mußte ja eine Rinde um sein Herz legen , die vielleicht nie ein Strahl der Wahrheit zu durchdringen fähig war . Durfte diese zarte Seele mit einem Geheimniß belastet werden , diese Unbefangenheit etwas zu verheelen haben , und sind Verschwiegenheit und Tugenden für Kinder ? Nein ! um diesen Preis konnte ich meine Freunde nicht erkaufen , und was ich auch dabei verlor , so schrieb ich dies doch Eduard , und verbot ihm , mir ferner auf diesem Wege Nachricht von sich zu geben . So giengen mehrere Tage traurig hin , an denen ich nichts von ihm hörte , und mein Herz war weit entfernt , in dem Gedanken : gut gehandelt zu haben , Beruhigung und Freude finden zu können ; ja es warf mir vielmehr meine Bedenklichkeit und Unempfindlichkeit bitter vor . Heute war es , wo ich , wie ich oft zu thun pflege , allein spazieren gieng . Ich gieng durch blühende Alleen , zwischen Hecken und über gemäheten Wiesen ; unachtsam auf das was um mich her vorgieng und ganz meinen Träumen hingegeben , war ich weit gegangen , als ich sahe , daß eine dunkle Wolke sich tief in die Thäler hereinneigte , und bereit schien , sie mit ihrem Seegen zu tränken . Die Linden hauchten starke , begeisternde Gerüche aus , eine laue , zärtliche Luft drang mir entgegen , und die ganze Natur erschien mir wie die Geliebte des Himmels , die ahnend den Thränen der Liebe entgegen harrt . - Jetzt stand ich ganz nah vor einem Garten ; die kleine Thür , von grünen Ranken und blauen Blumen beinah verdeckt , stand halb offen , und ich trat , vor den nahen Stürmen flüchtend , eilig hinein . Meine Blicke suchten nach einem Obdach , als ein junger Mann mir entgegen kam , den ich sogleich für Eduard erkannte . Er selbst war der Bewohner dieses Gartens , und wir fühlten uns durch dies wunderliche Spiel des Zufalls unbeschreiblich überrascht und befangen . Es war das erstemal seit jenen schönen Tagen auf dem Lande , daß wir uns allein sahen , und es schien , als wären wir uns durch die Briefe selbst , nur fremder geworden . Und - es ist gewiß - Liebe verträgt keine fremde Mittheilung , so wie sie keine andre Nahrung als sich selbst bedarf . Was sollen Zeichen , die der Verstand erfand , wo keine Begriffe auszudrücken sind , wo nur ein Blick aus dem verklärten Auge des Geliebten , der Seele die Gewißheit , daß ihr unnennbares Gefühl auch von dem verwandten Wesen verstanden und empfunden wird ? - Wir giengen durch einige Gänge , die nach dem Gartenhaus führten , als eine Nische von Acazienbäumen