wie eine bleiche , edle , jugendliche Gestalt vor , die auf einem großen Stein mitten unter wildem Pöbel säße , und auf eine entsetzliche Weise gemißhandelt würde , als wenn sie mit kummervollen Gesichte nach einem Kreuze blicke , was im Hintergrunde mit lichten Zügen schimmerte , und sich in den bewegten Wellen eines Meeres unendlich vervielfältigte . Seine Mutter schickt eben herüber , um ihn zu holen , und der Hausfrau des Ritters vorzustellen . Die Ritter waren in ihr Gelag und ihre Vorstellungen des bevorstehenden Zuges vertieft , und bemerkten nicht , daß Heinrich sich entfernte . Er fand seine Mutter in traulichem Gespräch mit der alten , gutmüthigen Frau des Schlosses , die ihn freundlich bewillkommte . Der Abend war heiter ; die Sonne begann sich zu neigen , und Heinrich , der sich nach Einsamkeit sehnte , und von der goldenen Ferne gelockt wurde , die durch die engen , tiefen Bogenfenster in das düstre Gemach hineintrat , erhielt leicht die Erlaubniß , sich außerhalb des Schlosses besehen zu dürfen . Er eilte ins Freye , sein ganzes Gemüth war rege , er sah von der Höhe des alten Felsen zunächst in das waldige Thal , durch das ein Bach herunterstürzte und einige Mühlen trieb , deren Geräusch man kaum aus der gewaltigen Tiefe vernehmen konnte , und dann in eine unabsehliche Ferne von Bergen , Wäldern und Niederungen , und seine innere Unruhe wurde besänftigt . Das kriegerische Getümmel verlor sich , und es blieb nur eine klare bilderreiche Sehnsucht zurück . Er fühlte , daß ihm eine Laute mangelte , so wenig er auch wußte , wie sie eigentlich gebaut sey , und welche Wirkung sie hervorbringe . Das heitere Schauspiel des herrlichen Abends wiegte ihn in sanfte Fantasieen : die Blume seines Herzens ließ sich zuweilen , wie ein Wetterleuchten in ihm sehn . - Er schweifte durch das wilde Gebüsch und kletterte über bemooste Felsenstücke , als auf einmal aus einer nahen Tiefe ein zarter eindringender Gesang einer weiblichen Stimme von wunderbaren Tönen begleitet , erwachte . Es war ihm gewiß , daß es eine Laute sey ; er blieb verwunderungsvoll stehen , und hörte in gebrochner deutscher Aussprache folgendes Lied : Bricht das matte Herz noch immer Unter fremdem Himmel nicht ? Kommt der Hoffnung bleicher Schimmer Immer mir noch zu Gesicht ? Kann ich wohl noch Rückkehr wähnen ? Stromweis stürzen meine Thränen , Bis mein Herz in Kummer bricht . * Könnt ich dir die Myrthen zeigen Und der Zeder dunkles Haar ! Führen dich zum frohen Reigen Der geschwisterlichen Schaar ! Sähst du im gestickten Kleide , Stolz im köstlichen Geschmeide Deine Freundinn , wie sie war . * Edle Jünglinge verneigen Sich mit heißem Blick vor ihr ; Zärtliche Gesänge steigen Mit dem Abendstern zu mir . Dem Geliebten darf man trauen ; Ewge Lieb ' und Treu den Frauen , Ist der Männer Losung hier . * Hier , wo um krystallne Quellen Liebend sich der Himmel legt , Und mit heißen Balsamwellen Um den Hayn zusammenschlägt , Der in seinen Lustgebieten , Unter Früchten , unter Blüthen Tausend bunte Sänger hegt . * Fern sind jene Jugendträume ! Abwärts liegt das Vaterland ! Längst gefällt sind jene Bäume , Und das alte Schloß verbrannt . Fürchterlich , wie Meereswogen Kam ein rauhes Heer gezogen , Und das Paradies verschwand . * Fürchterliche Gluten flossen In die blaue Luft empor , Und es drang auf stolzen Rossen Eine wilde Schaar ins Thor . Säbel klirrten , unsre Brüder , Unser Vater kam nicht wieder , Und man riß uns wild hervor . * Meine Augen wurden trübe ; Fernes , mütterliches Land , Ach ! sie bleiben dir voll Liebe Und voll Sehnsucht zugewandt ! Wäre nicht dies Kind vorhanden , Längst hätt ' ich des Lebens Banden Aufgelöst mit kühner Hand . Heinrich hörte das Schluchzen eines Kindes und eine tröstende Stimme . Er stieg tiefer durch das Gebüsch hinab , und fand ein bleiches , abgehärmtes Mädchen unter einer alten Eiche sitzen . Ein schönes Kind hing weinend an ihrem Halse , auch ihre Thränen flossen , und eine Laute lag neben ihr auf dem Rasen . Sie erschrack ein wenig , als sie den fremden Jüngling erblickte , der mit wehmüthigem Gesicht sich ihr näherte . Ihr habt wohl meinen Gesang gehört , sagte sie freundlich . Euer Gesicht dünkt mir bekannt , laßt mich besinnen - Mein Gedächtniß ist schwach geworden , aber euer Anblick erweckt in mir eine sonderbare Erinnerung aus frohen Zeiten . O ! mir ist , als glicht ihr einem meiner Brüder , der noch vor unserm Unglück von uns schied , und nach Persien zu einem berühmten Dichter zog . Vielleicht lebt er noch , und besingt traurig das Unglück seiner Geschwister . Wüßt ich nur noch einige seiner herrlichen Lieder , die er uns hinterließ ! Er war edel und zärtlich , und kannte kein größeres Glück als seine Laute . Das Kind war ein Mädchen von zehn bis zwölf Jahren , das den fremden Jüngling aufmerksam betrachtete und sich fest an den Busen der unglücklichen Zulima schmiegte . Heinrichs Herz war von Mitleid durchdrungen ; er tröstete die Sängerin mit freundlichen Worten , und bat sie , ihm umständlicher ihre Geschichte zu erzählen . Sie schien es nicht ungern zu thun . Heinrich setzte sich ihr gegenüber und vernahm ihre von häufigen Thränen unterbrochne Erzählung . Vorzüglich hielt sie sich bei dem Lobe ihrer Landsleute und ihres Vaterlandes auf . Sie schilderte den Edelmuth derselben , und ihre reine starke Empfänglichkeit für die Poesie des Lebens und die wunderbare , geheimnißvolle Anmuth der Natur . Sie beschrieb die romantischen Schönheiten der fruchtbaren Arabischen Gegenden , die wie glückliche Inseln in unwegsamen Sandwüsteneien lägen , wie Zufluchtsstätte der Bedrängten und Ruhebedürftigen , wie Kolonien des Paradieses , voll frischer Quellen , die über dichten Rasen und funkelnde Steine durch alte , ehrwürdige Haine rieselten , voll bunter Vögel mit melodischen Kehlen und anziehend durch mannichfaltige Überbleibsel ehemaliger denkwürdiger Zeiten . Ihr würdet mit Verwunderung , sagte sie , die buntfarbigen , hellen , seltsamen Züge und Bilder auf den alten Steinplatten sehn . Sie scheinen so bekannt und nicht ohne Ursach so wohl erhalten zu seyn . Man sinnt und sinnt , einzelne Bedeutungen ahnet man , und wird um so begieriger den tiefsinnigen Zusammenhang dieser uralten Schrift zu errathen . Der unbekannte Geist derselben erregt ein ungewöhnliches Nachdenken , und wenn man auch ohne den gewünschten Fund von dannen geht , so hat man doch tausend merkwürdige Entdeckungen in sich selbst gemacht , die dem Leben einen neuen Glanz und dem Gemüth eine lange , belohnende Beschäftigung geben . Das Leben auf einem längst bewohnten und ehemals schon durch Fleiß , Thätigkeit und Neigung verherrlichten Boden hat einen besondern Reiz . Die Natur scheint dort menschlicher und verständlicher geworden , eine dunkle Erinnerung unter der durchsichtigen Gegenwart wirft die Bilder der Welt mit scharfen Umrissen zurück , und so genießt man eine doppelte Welt , die eben dadurch das Schwere und Gewaltsame verliert und die zauberische Dichtung und Fabel unserer Sinne wird . Wer weiß , ob nicht auch ein unbegreiflicher Einfluß der ehemaligen , jetzt unsichtbaren Bewohner mit ins Spiel kommt , und vielleicht ist es dieser dunkle Zug , der die Menschen aus neuen Gegenden , sobald eine gewisse Zeit ihres Erwachens kömmt , mit so zerstörender Ungeduld nach der alten Heymath ihres Geschlechts treibt , und sie Gut und Blut an den Besitz dieser Länder zu wagen anregt . Nach einer Pause fuhr sie fort : Glaubt ja nicht , was man euch von den Grausamkeiten meiner Landsleute erzählt hat . Nirgends wurden Gefangene großmüthiger behandelt , und auch eure Pilger nach Jerusalem wurden mit Gastfreundschaft aufgenommen , nur daß sie selten derselben werth waren . Die Meisten waren nichtsnutzige , böse Menschen , die ihre Wallfahrten mit Bubenstücken bezeichneten , und dadurch freylich oft gerechter Rache in die Hände fielen . Wie ruhig hatten die Christen das heilige Grab besuchen können , ohne nöthig zu haben , einen fürchterlichen , unnützen Krieg anzufangen , der alles erbittert , unendliches Elend verbreitet , und auf immer das Morgenland von Europa getrennt hat . Was lag an dem Namen des Besitzers ? Unsere Fürsten ehrten andachtsvoll das Grab eures Heiligen , den auch wir für einen göttlichen Profeten halten ; und wie schön hätte sein heiliges Grab die Wiege eines glücklichen Einverständnisses , der Anlaß ewiger wohlthätiger Bündnisse werden können ! Der Abend war unter ihren Gesprächen herbeygekommen . Es fing an Nacht zu werden , und der Mond hob sich aus dem feuchten Walde mit beruhigendem Glanze herauf . Sie stiegen langsam nach dem Schlosse ; Heinrich war voll Gedanken , die kriegerische Begeisterung war gänzlich verschwunden . Er merkte eine wunderliche Verwirrung in der Welt ; der Mond zeigte ihm das Bild eines tröstenden Zuschauers und erhob ihn über die Unebenheiten der Erdoberfläche , die in der Höhe so unbeträchtlich erschienen , so wild und unersteiglich sie auch dem Wanderer vorkamen . Zulima ging still neben ihm her , und führte das Kind . Heinrich trug die Laute . Er suchte die sinkende Hoffnung seiner Begleiterinn , ihr Vaterland dereinst wieder zu sehn , zu beleben , indem er innerlich einen heftigen Beruf fühlte , ihr Retter zu seyn , ohne zu wissen , auf welche Art es geschehen könne . Eine besondere Kraft schien in seinen einfachen Worten zu liegen , denn Zulima empfand eine ungewohnte Beruhigung und dankte ihm für seine Zusprache auf die rührendste Weise . Die Ritter waren noch bey ihren Bechern und die Mutter in häuslichen Gesprächen . Heinrich hatte keine Lust in den lärmenden Saal zurückzugehn . Er fühlte sich müde , und begab sich bald mit seiner Mutter in das angewiesene Schlafgemach . Er erzählte ihr vor dem Schlafengehn , was ihm begegnet sey , und schlief bald zu unterhaltenden Träumen ein . Die Kaufleute hatten sich auch zeitig fortbegeben , und waren früh wieder munter . Die Ritter lagen in tiefer Ruhe , als sie abreisten ; die Hausfrau aber nahm zärtlichen Abschied . Zulima hatte wenig geschlafen , eine innere Freude hatte sie wach erhalten ; sie erschien beym Abschiede , und bediente die Reisenden demüthig und emsig . Als sie Abschied nahmen brachte sie mit vielen Thränen ihre Laute zu Heinrich , und bat mit rührender Stimme , sie zu Zulimas Andenken mitzunehmen . Es war meines Bruders Laute , sagte sie , der sie mir beym Abschied schenkte ; es ist das einzige Besitzthum , was ich gerettet habe . Sie schien euch gestern zu gefallen , und ihr laßt mir ein unschätzbares Geschenk zurück , süße Hoffnung . Nehmt dieses geringe Zeichen meiner Dankbarkeit , und laßt es ein Pfand eures Andenkens an die arme Zulima seyn . Wir werden uns gewiß wiedersehn , und dann bin ich vielleicht glücklicher . Heinrich weinte ; er weigerte sich , diese ihr so unentbehrliche Laute anzunehmen : gebt mir , sagte er , das goldene Band mit den unbekannten Buchstaben aus euren Haaren , wenn es nicht ein Andenken eurer Eltern oder Geschwister ist , und nehmt dagegen einen Schleyer an , den mir meine Mutter gern abtreten wird . Sie wich endlich seinem Zureden und gab ihm das Band , indem sie sagte , Es ist mein Name in den Buchstaben meiner Muttersprache , den ich in bessern Zeiten selbst in dieses Band gestickt habe . Betrachtet es gern , und denkt , daß es eine lange , kummervolle Zeit meine Haare festgehalten hat , und mit seiner Besitzerin verbleicht ist . Heinrichs Mutter zog den Schleyer heraus , und reichte ihr ihn hin , indem sie sie an sich zog und weinend umarmte . - Fünftes Kapitel Nach einigen Tagereisen kamen sie an ein Dorf , am Fuße einiger spitzen Hügel , die von tiefen Schluchten unterbrochen waren . Die Gegend war übrigens fruchtbar und angenehm , ohngeachtet die Rücken der Hügel ein todtes , abschreckendes Ansehn hatten . Das Wirthshaus war reinlich , die Leute bereitwillig , und eine Menge Menschen , theils Reisende , theils bloße Trinkgäste , saßen in der Stube , und unterhielten sich von allerhand Dingen . Unsre Reisenden gesellten sich zu ihnen , und mischten sich in die Gespräche . Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft war vorzüglich auf einen alten Mann gerichtet , der in fremder Tracht an einem Tische saß , und freundlich die neugierigen Fragen beantwortete , die an ihn geschahen . Er kam aus fremden Landen , hatte sich heute früh die Gegend umher genau betrachtet , und erzählte nun von seinem Gewerbe und seinen heutigen Entdeckungen . Die Leute nannten ihn einen Schatzgräber . Er sprach aber sehr bescheiden von seinen Kenntnissen und seiner Macht , doch trugen seine Erzählungen das Gepräge der Seltsamkeit und Neuheit . Er erzählte , daß er aus Böhmen gebürtig sey . Von Jugend auf habe er eine heftige Neugierde gehabt zu wissen , was in den Bergen verborgen seyn müsse , wo das Wasser in den Quellen herkomme , und wo das Gold und Silber und die köstlichen Steine gefunden würden , die den Menschen so unwiderstehlich an sich zögen . Er habe in der nahen Klosterkirche oft diese festen Lichter an den Bildern und Reliquien betrachtet , und nur gewünscht , daß sie zu ihm reden könnten , um ihm von ihrer geheimnißvollen Herkunft zu erzählen . Er habe wohl zuweilen gehört , daß sie aus weit entlegenen Ländern kämen ; doch habe er immer gedacht , warum es nicht auch in diesen Gegenden solche Schätze und Kleinodien geben könne . Die Berge seyen doch nicht umsonst so weit im Umfange und erhaben und so fest verwahrt ; auch habe es ihm verdünkt , wie wenn er zuweilen auf den Gebirgen glänzende und flimmernde Steine gefunden hätte . Er sey fleißig in den Felsenritzen und Höhlen umhergeklettert , und habe sich mit unaussprechlichem Vergnügen in diesen uralten Hallen und Gewölben umgesehn . - Endlich sey ihm einmal ein Reisender begegnet , der zu ihm gesagt , er müsse ein Bergmann werden , da könne er die Befriedigung seiner Neugier finden . In Böhmen gäbe es Bergwerke . Er solle nur immer an dem Flusse hinuntergehn , nach zehn bis zwölf Tagen werde er in Eula seyn , und dort dürfe er nur sprechen , daß er gern ein Bergmann werden wolle . Er habe sich dies nicht zweymal sagen lassen , und sich gleich den andern Tag auf den Weg gemacht . Nach einem beschwerlichen Gange von mehreren Tagen , fuhr er fort , kam ich nach Eula . Ich kann euch nicht sagen , wie herrlich mir zu Muthe ward , als ich von einem Hügel die Haufen von Steinen erblickte , die mit grünen Gebüschen durchwachsen waren , auf denen breterne Hütten standen , und als ich aus dem Thal unten die Rauchwolken über den Wald heraufziehn sah . Ein fernes Getöse vermehrte meine Erwartungen , und mit unglaublicher Neugierde und voll stiller Andacht stand ich bald auf einem solchen Haufen , den man Halde nennt , vor den dunklen Tiefen , die im Innern der Hütten steil in den Berg hineinführten . Ich eilte nach dem Thale und begegnete bald einigen schwarzgekleideten Männern mit Lampen , die ich nicht mit Unecht für Bergleute hielt , und mit schüchterner Ängstlichkeit ihnen mein Anliegen vortrug . Sie hörten mich freundlich an , und sagten mir , daß ich nur hinunter nach den Schmelzhütten gehn und nach dem Steiger fragen sollte , welcher den Anführer und Meister unter ihnen vorstellt ; dieser werde mir Bescheid geben , ob ich angenommen werden möge . Sie meynten , daß ich meinen Wunsch wohl erreichen würde , und lehrten mich den üblichen Gruß » Glück auf « womit ich den Steiger anreden sollte . Voll fröhlicher Erwartungen setzte ich meinen Weg fort , und konnte nicht aufhören , den neuen bedeutungsvollen Gruß mir beständig zu wiederholen . Ich fand einen alten , ehrwürdigen Mann , der mich mit vieler Freundlichkeit empfing , und nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt , und ihm meine große Lust , seine seltne , geheimnißvolle Kunst zu erlernen , bezeugt hatte , bereitwillig versprach , mir meinen Wunsch zu gewähren . Ich schien ihm zu gefallen , und er behielt mich in seinem Hause . Den Augenblick konnte ich kaum erwarten , wo ich in die Grube fahren und mich in der reitzenden Tracht sehn würde . Noch denselben Abend brachte er mir ein Grubenkleid , und erklärte mir den Gebrauch einiger Werkzeuge , die in einer Kammer aufbewahrt waren . Abends kamen Bergleute zu ihm , und ich verfehlte kein Wort von ihren Gesprächen , so unverständlich und fremd mir sowohl die Sprache , als der größte Theil des Inhalts ihrer Erzählungen vorkam . Das Wenige jedoch , was ich zu begreifen glaubte , erhöhte die Lebhaftigkeit meiner Neugierde , und beschäftigte mich des Nachts in seltsamen Träumen . Ich erwachte bey Zeiten und fand mich bey meinem neuen Wirthe ein , bey dem sich allmählich die Bergleute versammelten , um seine Verordnungen zu vernehmen . Eine Nebenstube war zu einer kleinen Kapelle vorgerichtet . Ein Mönch erschien und las eine Messe , nachher sprach er ein feyerliches Gebet , worinn er den Himmel anrief , die Bergleute in seine heilige Obhut zu nehmen , sie bey ihren gefährlichen Arbeiten zu unterstützen , vor Anfechtungen und Tücken böser Geister sie zu schützen , und ihnen reiche Anbrüche zu bescheeren . Ich hatte nie mit mehr Inbrunst gebetet , und nie die hohe Bedeutung der Messe lebhafter empfunden . Meine künftigen Genossen kamen mir wie unterirdische Helden vor , die tausend Gefahren zu überwinden hätten , aber auch ein beneidenswerthes Glück an ihren wunderbaren Kenntnissen besäßen , und in dem ernsten , stillen Umgange mit den uralten Felsensöhnen der Natur , in ihren dunkeln , wunderbaren Kammern , zum Empfängniß himmlischer Gaben und zur freudigen Erhebung über die Welt und ihre Bedrängnisse ausgerüstet würden . Der Steiger gab mir nach geendigtem Gottesdienst eine Lampe und ein kleines hölzernes Krucifix , und ging mit mir nach dem Schachte , wie wir die schroffen Eingänge in die unterirdischen Gebäude zu nennen pflegen . Er lehrte mich die Art des Hinabsteigens , machte mich mit den nothwendigen Vorsichtigkeitsregeln , so wie mit den Namen der mannichfaltigen Gegenstände und Theile bekannt . Er fuhr voraus , und schurrte auf dem runden Balken hinunter , indem er sich mit der einen Hand an einem Seil anhielt , das in einem Knoten an einer Seitenstange fortglitschte , und mit der andern die brennende Lampe trug ; ich folgte seinem Beispiel , und wir gelangten so mit ziemlicher Schnelle bald in eine beträchtliche Tiefe . Mir war seltsam feyerlich zu Muthe , und das vordere Licht funkelte wie ein glücklicher Stern , der mir den Weg zu den verborgenen Schatzkammern der Natur zeigte . Wir kamen unten in einen Irrgarten von Gängen , und mein freundlicher Meister ward nicht müde meine neugierigen Fragen zu beantworten , und mich über seine Kunst zu unterrichten . Das Rauschen des Wassers , die Entfernung von der bewohnten Oberfläche , die Dunkelheit und Verschlungenheit der Gänge , und das entfernte Geräusch der arbeitenden Bergleute ergötzte mich ungemein , und ich fühlte nun mit Freuden mich im vollen Besitz dessen , was von jeher mein sehnlichster Wunsch gewesen war . Es läßt sich auch diese volle Befriedigung eines angebornen Wunsches , diese wundersame Freude an Dingen , die ein näheres Verhältniß zu unserm geheimen Daseyn haben mögen , zu Beschäftigungen , für die man von der Wiege an bestimmt und ausgerüstet ist , nicht erklären und beschreiben . Vielleicht daß sie jedem Andern gemein , unbedeutend und abschreckend vorgekommen wären ; aber mir scheinen sie so unentbehrlich zu seyn , wie die Luft der Brust und die Speise dem Magen . Mein alter Meister freute sich über meine innige Lust , und verhieß mir , daß ich bey diesem Fleiße und dieser Aufmerksamkeit es weit bringen , und ein tüchtiger Bergmann werden würde . Mit welcher Andacht sah ich zum erstenmal in meinem Leben am sechzehnten März , vor nunmehr fünf und vierzig Jahren , den König der Metalle in zarten Blättchen zwischen den Spalten des Gesteins . Es kam mir vor , als sey er hier wie in festen Gefängnissen eingesperrt und glänze freundlich dem Bergmann entgegen , der mit soviel Gefahren und Mühseligkeiten sich den Weg zu ihm durch die starken Mauern gebrochen , um ihn an das Licht des Tages zu fördern , damit er an königlichen Kronen und Gefäßen und an heiligen Reliquien zu Ehren gelangen , und in geachteten und wohlverwahrten Münzen , mit Bildnissen geziert , die Welt beherrschen und leiten möge . Von der Zeit an blieb ich in Eula , und stieg allmählich bis zum Häuer , welches der eigentliche Bergmann ist , der die Arbeiten auf dem Gestein betreibt , nachdem ich anfänglich bey der Ausförderung der losgehauenen Stufen in Körben angestellt gewesen war . Der alte Bergmann ruhte ein wenig von seiner Erzählung aus , und trank , indem ihm seine aufmerksamen Zuhörer ein fröliches Glückauf zubrachten . Heinrichen erfreuten die Reden des alten Mannes ungemein , und er war sehr geneigt noch mehr von ihm zu hören . Die Zuhörer unterhielten sich von den Gefahren und Seltsamkeiten des Bergbaus , und erzählten wunderbare Sagen , über die der Alte oft lächelte , und freundlich ihre sonderbaren Vorstellungen zu berichtigen bemüht war . Nach einer Weile sagte Heinrich : Ihr mögt seitdem viel seltsame Dinge gesehn und erfahren haben ; hoffentlich hat euch nie eure gewählte Lebensart gereut ? Wärt ihr nicht so gefällig und erzähltet uns wie es euch seit dem ergangen , und auf welcher Reise ihr jetzt begriffen seyd ? Es scheint , als hättet ihr euch weiter in der Welt umgesehn , und gewiß darf ich vermuthen , daß ihr jetzt mehr als einen gemeinen Bergmann vorstellt . - Es ist mir selber lieb , sagte der Alte , mich der verflossenen Zeiten zu erinnern , in denen ich Anläße finde , mich der göttlichen Barmherzigkeit und Güte zu erfreun . Das Geschick hat mich durch ein frohes und heitres Leben geführt , und es ist kein Tag vorübergegangen , an welchem ich mich nicht mit dankbarem Herzen zur Ruhe gelegt hätte . Ich bin immer glücklich in meinen Verrichtungen gewesen , und unser aller Vater im Himmel hat mich vor dem Bösen behütet , und in Ehren grau werden lassen . Nächst ihm habe ich alles meinem alten Meister zu verdanken , der nun lange zu seinen Vätern versammelt ist , und an den ich nie ohne Thränen denken kann . Er war ein Mann aus der alten Zeit nach dem Herzen Gottes . Mit tiefen Einsichten war er begabt , und doch kindlich und demüthig in seinem Thun . Durch ihn ist das Bergwerk in großen Flor gekommen , und hat dem Herzoge von Böhmen zu ungeheuren Schätzen verholfen . Die ganze Gegend ist dadurch bevölkert und wohlhabend , und ein blühendes Land geworden . Alle Bergleute verehrten ihren Vater in ihm , und so lange Eula steht , wird auch sein Name mit Rührung und Dankbarkeit genannt werden . Er war seiner Geburt nach ein Lausitzer und hieß Werner . Seine einzige Tochter war noch ein Kind , wie ich zu ihm ins Haus kam . Meine Ämsigkeit , meine Treue , und meine leidenschaftliche Anhänglichkeit an ihn , gewannen mir seine Liebe mit jedem Tage mehr . Er gab mir seinen Namen und machte mich zu seinem Sohne . Das kleine Mädchen ward nach gerade ein wackres , muntres Geschöpf , deren Gesicht so freundlich glatt und weiß war , wie ihr Gemüth . Der Alte sagte mir oft , wenn er sah , daß sie mir zugethan war , daß ich gern mit ihr schäkerte , und kein Auge von den ihrigen verwandte , die so blau und offen , wie der Himmel waren , und wie die Krystalle glänzten : wenn ich ein rechtlicher Bergmann werden würde , wolle er sie mir nicht versagen ; und er hielt Wort . - Den Tag , wie ich Häuer wurde , legte er seine Hände auf uns und segnete uns als Braut und Bräutigam ein , und wenige Wochen darauf führte ich sie als meine Frau auf meine Kammer . Denselben Tag hieb ich in der Frühschicht noch als Lehrhäuer , eben wie die Sonne oben aufging , eine reiche Ader an . Der Herzog schickte mir eine goldene Kette mit seinem Bildniß auf einer großen Münze , und versprach mir den Dienst meines Schwiegervaters . Wie glücklich war ich , als ich sie am Hochzeittage meiner Braut um den Hals hängen konnte , und Aller Augen auf sie gerichtet waren . Unser alte [ r ] Vater erlebte noch einige muntre Enkel , und die Anbrüche seines Herbstes waren reicher , als er gedacht hatte . Er konnte mit Freudigkeit seine Schicht beschließen , und aus der dunkeln Grube dieser Welt fahren , um in Frieden auszuruhen , und den großen Lohntag zu erwarten . Herr , sagte der Alte , indem er sich zu Heinrichen wandte , und einige Thränen aus den Augen trocknete , der Bergbau muß von Gott gesegnet werden ! denn es giebt keine Kunst , die ihre Theilhaber glücklicher und edler machte , die mehr den Glauben an eine himmlische Weisheit und Fügung erweckte , und die Unschuld und Kindlichkeit des Herzens reiner erhielte , als der Bergbau . Arm wird der Bergmann geboren , und arm gehet er wieder dahin . Er begnügt sich zu wissen , wo die metallischen Mächte gefunden werden , und sie zu Tage zu fördern ; aber ihr blendender Glanz vermag nichts über sein lautres Herz . Unentzündet von gefährlichem Wahnsinn , freut er sich mehr über ihre wunderlichen Bildungen , und die Seltsamkeiten ihrer Herkunft und ihrer Wohnungen , als über ihren alles verheißenden Besitz . Sie haben für ihn keinen Reiz mehr , wenn sie Waaren geworden sind , und er sucht sie lieber unter tausend Gefahren und Mühseligkeiten in den Vesten der Erde , als daß er ihrem Rufe in die Welt folgen , und auf der Oberfläche des Bodens durch täuschende , hinterlistige Künste nach ihnen trachten sollte . Jene Mühseeligkeiten erhalten sein Herz frisch und seinen Sinn wacker ; er genießt seinen kärglichen Lohn mit inniglichem Danke , und steigt jeden Tag mit verjüngter Lebensfreude aus den dunkeln Grüften seines Berufs . Nur Er kennt die Reize des Lichts und der Ruhe , die Wohlthätigkeit der freyen Luft und Aussicht um sich her ; nur ihm schmeckt Trank und Speise recht erquicklich und andächtig , wie der Leib des Herrn ; und mit welchem liebevollen und empfänglichen Gemüth tritt er nicht unter seines Gleichen , oder herzt seine Frau und Kinder , und ergötzt sich dankbar an der schönen Gabe des traulichen Gesprächs ! Sein einsames Geschäft sondert ihn vom Tage und dem Umgange mit Menschen einen großen Theil seines Lebens ab . Er gewöhnt sich nicht zu einer stumpfen Gleichgültigkeit gegen diese überirdischen tiefsinnigen Dinge und behält die kindliche Stimmung , in der ihm alles mit seinem eigenthümlichsten Geiste und in seiner ursprünglichen bunten Wunderbarkeit erscheint . Die Natur will nicht der ausschließliche Besitz eines Einzigen seyn . Als Eigenthum verwandelt sie sich in ein böses Gift , was die Ruhe verscheucht , und die verderbliche Lust , alles in diesen Kreis des Besitzers zu ziehn , mit einem Gefolge von unendlichen Sorgen und wilden Leidenschaften herbeylockt . So untergräbt sie heimlich den Grund des Eigenthümers , und begräbt ihn bald in den einbrechenden Abgrund , um aus Hand in Hand zu gehen , und so ihre Neigung , Allen anzugehören , allmählich zu befriedigen . Wie ruhig arbeitet dagegen der arme genügsame Bergmann in seinen tiefen Einöden , entfernt von dem unruhigen Tumult des Tages , und einzig von Wißbegier und Liebe zur Eintracht beseelt . Er gedenkt in seiner Einsamkeit mit inniger Herzlichkeit seiner Genossen und seiner Familie , und fühlt immer erneuert die gegenseitige Unentbehrlichkeit und Blutsverwandtschaft der Menschen . Sein Beruf lehrt ihn unermüdliche Geduld , und läßt nicht zu , daß sich seine Aufmerksamkeit in unnütze Gedanken zerstreue . Er hat mit einer wunderlichen harten und unbiegsamen Macht zu thun , die nur durch hartnäckigen Fleiß und beständige Wachsamkeit zu überwinden ist . Aber welches köstliche Gewächs blüht ihm auch in diesen schauerlichen Tiefen , das wahrhafte Vertrauen zu seinem himmlischen Vater , dessen Hand und Vorsorge ihm alle Tage in unverkennbaren Zeichen sichtbar wird . Wie unzähliche mal habe ich nicht vor Ort gesessen , und bey dem Schein meiner Lampe das schichte Krucifix mit der innigsten Andacht betrachtet ! da habe ich erst den heiligen Sinn dieses räthselhaften Bildnisses recht gefaßt , und den edelsten Gang meines Herzens erschürft , der mir eine ewige Ausbeute gewährt hat . Der Alte fuhr nach einer Weile fort und sagte : Wahrhaftig , das muß ein göttlicher Mann gewesen seyn , der den Menschen zuerst die edle Kunst des Bergbaus gelehrt , und in dem Schooße der Felsen dieses ernste Sinnbild des menschlichen Lebens verborgen hat . Hier ist der Gang mächtig und gebräch , aber arm , dort drückt ihn der Felsen in eine armselige , unbedeutende Kluft zusammen , und gerade hier brechen die edelsten Geschicke ein . Andre Gänge verunedlen ihn , bis sich ein verwandter Gang freundlich mit ihm schaart , und seinen Werth unendlich erhöht . Oft zerschlägt er sich vor dem Bergmann in tausend Trümmern : aber der Geduldige läßt sich nicht schrecken , er verfolgt ruhig seinen Weg , und sieht seinen Eifer belohnt , indem er ihn bald wieder in neuer Mächtigkeit und Höflichkeit