fassen Sie sich - wir haben ... getanzt . - Ob die Erde nicht bebte ? ob sich die Sonne nicht verfinsterte ? - Ach nein ! Aber der Obriste hat , vor Schrecken und Ärger , einen Schwindel davon getragen . Gott weiß es ! Dies hat auch mich fürchterlich erschreckt ; aber .... Doch sie mögen selbst urtheilen . Nach , wer weiß wie vielen abschlägigen Antworten , bittet uns der König heute zu dem letzten Balle . Wie gewöhnlich sucht man Entschuldigungen hervor . Aber er läßt sich nicht irre machen , und besteht darauf , uns wenigstens als Zuschauerinnen daran Theil nehmen zu sehen . Julie frägt mich unentschlossen mit den Augen . Ich gebe ihr durch Zeichen zu verstehen , daß ja nichts dabey zu wagen ist , und ... wir versprechen zu kommen . Hoch erfreut eilt der König davon ; aber Angst , Reue und Schrecken ziehen nun augenblicklich bey uns ein . » Was wird der Obriste denken ! - Man hätte ihn um Rath fragen , man hätte schlechterdings nicht zusagen sollen . « Ich gestehe , diese übertriebene Bedenklichkeiten erbitterten mich . Um so mehr , da der König , trotz meiner kindischen Furcht , sich bis diesen Augenblick mit musterhafter Anständigkeit betragen hat . Wie gesagt , die Bedenklichkeiten erbitterten mich und ich hielt eine Strafpredigt über Freiheit , Selbstschätzung u.s.w. die sich vor Meister und Gesellen konnte hören lassen . Julie schwieg . Es scheint ihr unmöglich , einem heftigen Menschen zu widersprechen . Freilich , wer durch die stille Trauer auf diesem Engelgesichte nicht zur Besinnung kommt , mögte wohl schwerlich dazu gelangen . Ich aber suchte mich jetzt absichtlich dagegen zu verhärten , verliebte mich immer mehr in meine Tiraden , und würde ohne Zweifel noch eine gute Stunde damit fortgefahren haben , hätte mich der Durst nicht in einer der schönsten überfallen . Hastig ergrif ich ein Glas Wasser ; aber eben so schnell fiel mir Julie in den Arm : » Trink nicht - sagte sie mit einer Stimme , die sich zu der meinigen wie eine Flöte zu einem kleinen Brummbaß verhielt - das Wasser ist eiskalt , und Du bist schrecklich erhitzt . « Noch wollte ich trotzen ; aber da sah ich in das Himmelauge , aus dem die Liebe nicht weicht , alle meine Tiraden waren vergessen und ich mußte froh seyn mich an ihrer Schulter verbergen zu können . Das Andenken dieses Augenblicks hat etwas so feierlich rührendes für mich , daß ich meine Erzählung schlechterdings auf ein andres Mal verschieben muß . Ich will Sie durchaus weder feierlich , weder rührend noch gerührt machen . Denn , wahrhaftig ! würde hier die ganze Welt gerührt ; so mögte es schlimm um uns aussehen . Nur so viel zur Nachricht : Der Obriste ist außer Gefahr , und wie gewöhnlich von fünf Uhr an gestiefelt , gespornt und vollkommen marschfertig . Zum Niederlegen bey Tage haben ihn weder die Bitten des Königs noch des Arztes vermögen können . Sein Kammerdiener - der ihn , wohlbemerkt , niemals anrühren darf - versichert , er habe ihn bis diese Stunde noch nicht in Nachtkleidern gesehen . Dagegen aber müssen eine wohlgereinigte Uniform mit Wäsche und allem Zubehör auf den andern Tag bereit liegen , um dem Obristen beim Erwachen sogleich in die Hände zu fallen Sonderbar ! Ihnen das wie eine Neuigkeit zu erzählen ! Was will ich damit ? - Nun es macht eine dumme Empfindung in mir rege . Meine Feinde würden sagen ; es verdrüßt mich . Acht und vierzigster Brief Olivier an Reinhold Sie ist mein ! Ach das war zu viel gesagt ! - Nein ! noch ist sie nicht ganz mein ; aber sie wird nie eines Andern . Das hat sie mir versprochen und das gilt mehr , als wenn Andre schwören . Höre wie es kam ! Geschäfte halber war ich den ganzen Tag ihres Anblicks beraubt gewesen . Nur erst gegen Abend konnte ich auf ein paar Minuten zu ihr fliegen . Sie war nicht zu Hause . Mir unbegreiflich ; denn ich hatte sie ja immer gefunden . Ich fühlte die Unbescheidenheit ; konnte mich aber nicht enthalten zu fragen : » wo ist sie denn ? « - » Auf dem Balle . « Ich muß sehr blaß geworden seyn ; denn ich sah das Mädchen erschrecken . Aber ohne mich weiter einzulassen , eilte ich davon . Wie ich in den Saal trete , finde ich alles in einer Ecke zusammengedrängt . » Was giebts ? « - frage ich den Lieutenant D ... - » Der König tanzt mit Fräulein S .... « - antwortet er - » Aber mein Gott ! was fehlt Ihnen , Herr Obrister ? « - » Nichts ! nichts ! « - sage ich , und dränge mich vor . Sie ! sie selbst ! mit ihm , an seiner Hand , tanzte - Nein ! nein ! das ist nicht wahr ! schwebte leise , unhörbar . Nur von fern berührte er sie , bückte sich jedesmal , wenn sie sich näherte . Jetzt sollte gewalzt werden , und ich grif krampfhaft an den Degen . Ob ich es gleich wußte , nicht zweifelte . - O ich hatte Recht ! Er wagte es nicht , und sie konnte es nicht dulden , oder sie wäre nicht sie selbst gewesen . - Mit schüchterner Achtung - ja wahrhaftig mit Schüchternheit - führte er sie hinauf , während die Andern ras ' ten . O , er ist noch nicht ganz verwahrlost ! Er fühlt noch ihren Werth . - Ich war wieder zu mir selbst gekommen , ich hatte mich gefaßt . Aber jetzt trat Antonelli hervor , und ehe er noch um ihre Hand bitten konnte , war ich aus dem Saale , riß meinen Braunen in den Garten , und stürmte mit ihm durch die Felder . Mit einem Male - so viel weiß ich noch - ward alles schwarz um mich her , mein Pferd stürzte und ich verlor das Bewußtseyn . So hatte man mich gefunden . Mein treuer Brauner war unbeweglich bey mir stehen geblieben . Ich erwachte in meinem Bette und fand Antonelli an meiner Seite . » Julie ! Julie ! « - rief er und stürzte zur Thür hinaus . Noch ehe ich recht zur Besinnung kam , war er wieder da , umarmte mich , küßte meine Kleider und alles was ihm vorkam . Ach es ist ein unbeschreiblich liebenswürdiger Junge ! Mit tiefem Schmerz muß ich es mir gestehen . - - Ich glaubte er würde vor Freuden die Decke zersprengen ; als endlich der Arzt erschien , und ihm Ruhe gebot . Aber daran war nicht zu denken . Mit tausend närrischen Vorschlägen plagte er nun den armen Mann . Ich müsse in die freie Luft . Könne ich nicht gehen ; so wolle er und der Kammerdiener mich tragen . Der große Lehnstuhl müsse dazu eingerichtet werden - u.s.w. Alles Kopfschütteln des Arztes half nichts . Er tobte hinaus zu den Leuten . Stricke , Betten , allerley Geräthschaften mußten herbeygeholt werden , und ehe wir es uns versahen , stand er mit seinem Tragsessel vor uns . Nun erklärte freilich der Doctor , für diesmal könne nichts daraus werden , und nöthigte ihn , unverrichteter Sache wieder abzuziehen . Aber nach einer kleinen Weile erschien er abermals und hatte sich wieder ein Anderes ersonnen . Der Doctor sollte mit ihm zu Julien gehen und sie bitten , zu mir zu kommen . Dann sollte sie an meiner Seite sitzen , während er auf der Flöte spielen und dazu tanzen wollte . Der ernsthafte Mann konnte sich doch jetzt des Lächelns nicht enthalten und fragte nun , wer denn diese Julie wäre ? - Antonelli höchst erstaunt , hier jemand zu finden , der noch nichts von Julie gehört hatte , zog ihn nun , ohne weiter auf Einwendungen zu hören , mit Gewalt aus der Thüre . Was konnte ich von dem großen Kinde anders erwarten , als daß er das theure Mädchen mit oder wider ihren Willen herschleppen würde . Darum sprang ich , ohne meine Schmerzen zu achten , schnell aus dem Bette , warf mich in meine Uniform , und eilte in das andere Zimmer , um sie zu empfangen Ich hatte richtig geahnet . Nach wenigen Minuten hörte ich schon den Lebendigsten aller Lebendigen - so nennt ihn Wilhelmine - jauchzend und tobend die Treppe stürmen . Aufgerissen ward die Thür , und wie ein Pfeil schoß er , ohne mich zu bemerken , in die Kammer . In meinem Leben werde ich das Gesicht nicht vergessen , mit dem er wieder heraus kam . Aber jetzt blickte er nach dem Sopha und würde mich ohnfehlbar erstickt haben , wäre ihm nicht zu rechter Zeit eingefallen , er müsse sogleich die fröhliche Bothschaft verkündigen . Kaum hatte ich mich also von seinen kräftigen Umarmungen erholt , so sah ich das himmlische Mädchen , von dem Arzte geführt , zu mir eintreten . Mein Zimmer verwandelte sich von nun an , und hat auch seitdem immer etwas Magisches behalten . Ich wollte ihr entgegen , der Arzt befahl mir zu bleiben . Antonelli ruhte nicht ; sie mußte sich zu mir setzen . Ich sah ihre unbeschreibliche Verlegenheit ; aber ach Gott ! ihre Nähe that mir so wohl . - Doch Antonelli war es noch alles nicht recht . » Ansehen ! - rief er - die Hand geben ! Sprechen ! viel Gutes sprechen ! Ich die Flöte holen ! « Jetzt war er wie ein Sturmwind hinaus , und hatte den Arzt mit sich fortgerissen . Wir blieben allein . Ich fühlte es , und sie fühlte es noch tiefer . - Daß sie zuerst sprechen würde , konnte ich nicht hoffen . Ihre Augen waren an den Boden geheftet , und ein hohes Roth hatte das Engelgesicht überzogen . » Julie ! - sagte ich endlich - wollen Sie mir auch nicht die Hand geben ; ansehen können Sie mich wenigstens . Ich habe sehr viel gelitten . « Ich glaubte , sie könne nicht schöner werden . Ich hatte geirrt . Mit tiefem Schmerze ward ich es jetzt inne und mit dem Muthe der Verzweiflung ergriff ich nun ihre Hand , drückte sie fest an mein Herz , und rief : » Julie ! Wenn Sie einen Andern lieben , wenn Sie mich nicht lieben können ; so sagen Sie es ! Machen Sie mich mit einem Male so unglücklich , als ich werden kann . « Sie schwieg . Mein Urtheil war gesprochen . Ich dachte , empfand nichts mehr . Mein Herz hörte auf zu schlagen ; aber mein Auge wandte sich noch einmal zu ihr hin . Da sah ich , daß sie die Lippen öfnete , und mein Blut begann wieder den Lauf . » Julie ! - rief ich - was wollten sie sagen ? - Sagen Sie es ! sagen Sie es ! was es auch sey ! - Lieben Sie einen Andern ? können Sie mich nicht lieben ? « - » Ich achte Sie , und werde nie einem Andern gehören . « Ja ! ja ! das sagte sie ; und ich stürzte vor ihr nieder und rief : nun will ich gehen ! will gehen in den Tod ! Wann auch das Schicksal gebietet ! Neun und vierzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Julie sagte mir , der Obriste hätte gestern ein großes Paquet an Sie abgehen lassen . Was kann ich nun weiter erzählen ? Sie wissen ja alles . - Sie ist gebunden ; und ich werde mich losmachen . Was soll ich hier ? - Sie hat meines Rathes nicht bedurft , und wird dessen künftig eben so wenig bedürfen . Ich mag diese Unnatürlichkeiten nicht länger mit ansehen . Ich bin ihrer müde . Meinetwegen mag bewundern wer da will ; ich kann mir nicht helfen ! - Mein gesunder Menschenverstand sagt mir : es taugt nichts , und wird nie etwas taugen . - Wenn ich mir die Folgen dieser schrecklichen Überspannung denke , so weine ich vor Gram und Verdruß . Es ist Selbstmord ! ja , sagen Sie was Sie wollen ! es ist der grausamste , fürchterlichste Selbstmord . Mußte sie sich nicht einem Manne erhalten , der sie liebte , den sie lieben konnte ? - Darf sie sich muthwillig elend machen ? - Sie ist gut , ja sie ist besser als Alles was wir kennen und kennen werden ; aber einen Fehler hat sie doch : sie ist zu weich , und ohne Härte giebt es keine Tugend . Was wird nun diese übermenschliche Aufopferung hervorbringen ? - O Gott , ich darf nicht daran denken ! - Leben Sie wohl . Funfzigster Brief Reinhold an Wilhelmine Bestes Fräulein ! Das war nicht Ihr Ernst . Wie könnten Sie sich von Ihrer Julie trennen ; jetzt da sie Ihrer am meisten bedarf ? - Ich will sie nicht rechtfertigen ; aber das Mitleiden , die innigste Theilnahme ihrer Freundin darf ich für sie auffodern . Wie viel mag sie leiden ! - sich selbst hat sie verloren , nun soll sie auch noch ihre Wilhelmine verlieren . - Doch welch ein Geschwätz ! In der That ich verdiene eine Strafe , daß ich von einer kleinen Aufwallung so viel Wesens mache . Wilhelminen kennen und glauben , sie werde sich jemals von Julien lossagen ! Diese Lächerlichkeit springt in die Augen . - Kein Wort mehr davon ! Es wäre das was die Franzosen nennen : die Heiligen bekehren . Noch einmal ! ich wollte Julie nicht rechtfertigen ; aber mir selbst das alles begreiflich machen , der Versuchung konnte ich nicht widerstehen . Wenn sie nun - dachte ich - ihre Freiheit bewahrt hätte ? was würde die wahrscheinliche Folge gewesen seyn ? - Sie hätte einem Andern ihre Hand gegeben und ... wäre glücklicher geworden ? - Schwerlich ! gewiß nicht . Welcher Mann könnte dieser reinen Seele das seyn , was sie ihm seyn wird ? - In jeder menschlichen Verbindung wird sie aufopfern müssen . Nie wird sie an ein menschliches Wesen hinauf sehen und sich in seinem Anschauen mit Wohlgefallen vertiefen können . Nicht einmal ein ähnliches wird sie finden . Mit einem Worte ! hienieden ist kein eigentliches Glück für sie zu erwarten . Sicher hat sie auch längst Verzicht darauf gethan . Findet sie nur einen Mann , der sie begreift ; mehr darf sie nicht hoffen . Und , mein Fräulein , mögen wir es gestehen wollen oder nicht , diesen Mann hat sie gefunden . Hier , lesen Sie diese Briefe , und wenn Sie dann nicht überzeugt werden ; so gebe ich mich gefangen . Ein und funfzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Das habe ich nicht gewußt und - aufrichtig gesagt - das würde ich auf keinen Fall geglaubt haben . Sie selbst fodre ich auf ; wenn Sie diese Briefe nicht empfangen hätten ; würden sie geglaubt haben , der Obriste könne sie schreiben ? - Aber was beweisen sie denn nun , diese Briefe ? Daß er Julie begreift ? Immerhin ! aber denken Sie an mich ! dieses Begreifen wird Julie doppelt elend machen . Sich ganz zu ihr erheben ; das vermag er nicht . Die Fieberhitze giebt ihm jetzt Kraft ; aber diese Kraft wird mit dem Fieber verschwinden . Könnte Julie immer so unabhängig , so entfernt von ihm bleiben ; ich würde mich selbst zur Täuschung geneigt fühlen . Aber , geben sie Acht ! Sie ist in seiner Gewalt , und bey dem besten Willen wird jede Täuschung unmöglich . Der Obriste muß in seinen eigentlichen Charakter zurückfallen . Dann wird er seine Frau für eine Schwärmerin erklären , und diese Schwärmerey entweder verspotten , oder zu seiner Bequemlichkeit nutzen . Auf diese Weise endigt denn noch alles so ziemlich erträglich . Aber wie ? wenn er sich rächt für die Überlegenheit seiner Frau ? - Haben sie auch daran gedacht ? - Zwey und funfzigster Brief Reinhold an Wilhelmine Wahrlich , mein Fräulein ! Sie sehen weit in die Zukunft ; aber wer kann Sie darum beneiden ? - In der That ! ich halte Sie jetzt für die Unglücklichste von uns Allen . Warum nun der Hofnung so gänzlich entsagen ? warum nun das Schlimmste ergreifen ? - Der Obriste soll sich rächen für die Überlegenheit seiner Frau ? - Nein , mein Fräulein ! das liegt nicht in der männlichen Natur ; oder diese Überlegenheit muß sich auf eine sehr unliebenswürdige Weise ankündigen . Nur ein Pfaffe könnte mit einem Weibe um Reinheit des Herzens sich streiten . Könnte sich rächen , wenn sie mehr wäre , als er sich vorgenommen hätte zu scheinen . Der wahre Mann ist gewöhnlich zu sinnlich , zu sehr durch die Gegenwart gefesselt , zu sehr von ihr begünstigt , um mit dem Weibe hierinnen wetteifern zu wollen . Sein Reich ist ganz eigentlich von dieser Welt , und wenn es ihm in diesem Reiche nicht gar zu übel ergehet ; so denkt er nur spät an das Andre . Überdem bietet ihm ja diese Reinheit so manches Ruhekissen für seine irdischen Wünsche . Wo er hervortreten will , da zieht sie sich zurück , wo er erndten will , da hat sie niemals gesäet . Mit einem Worte ! hier ist kein Wetteifer möglich . Weswegen soll er sich rächen . Aber Oliviers Eifersucht kann erwachen . Und freilich , hier gestehe ich Ihnen , wird mir bange . Doch was kann diese Bangigkeit helfen ! Julie hat entschieden , und wir vermögen nichts , als ihr Schicksal zu mildern . Drey und funfzigster Brief Olivier an Reinhold Morgen reiset der König , und in acht Tagen muß ich ihm folgen . Um mich völlig zu bestimmen , hat er mir meine alten Kamaraden zugeschickt . Sie bestehen darauf , ich soll sie anführen und schieben mir ihre Ehre ins Gewissen . Was konnte ich thun ? - ich habe Ja gesagt , und so geht es denn wieder in die feindlichen Säbel . Wenn einer mich träfe ! - Wenn ich die Einzige nicht wiedersähe ! Wenn ich nach dem Tode fortdauern müßte , ohne sie zu besitzen ! - Nein ! nein ! das ist nicht möglich ! Allenthalben durchbreche ich die Schranken und eile wieder zu ihr hin . Der König weiß , daß sie nicht reich ist , und hat ihr eine Pension angeboten , mit der Erlaubniß sie verzehren zu können , wo es ihr gut dünkt . Natürlich hat sie sie ausgeschlagen . Man muß ihm verzeihen . Er ist an seine bettelnden Schranzen gewöhnt . Auch hat er nicht den Muth gehabt , selbst von der Sache zu sprechen . Die Mutter ist wieder hergestellt , und Julie geht mit Wilhelminen nach W ... Antonelli wird unter mir dienen . Es ist ein Trost für mich , den herrlichen Jungen an meiner Seite zu haben . Wäre er bey Julien geblieben - der Gram hätte mich getödtet . Er liebt sie und mich bis zur äußersten Schwärmerey . Mit seiner kindlichen Unschuld schlägt er die Eifersucht in dem Augenblicke nieder , wo er sie reizt , und zwingt sie sich in Liebe zu verwandeln . Er hat sich bey mir angesiedelt und weicht nicht mehr von meiner Seite . Oft erschüttern mich seine kindischen Spiele bis in das Innerste der Seele . Eins seiner liebsten ist , wenn er durch die ganze Reihe von Zimmern bis in das äußerste laufen kann . Dann muß ich rufen : wo bist Du mein Sohn ? und nun stürzt er in meine Arme , und weint und lacht , und bedeckt mein Gesicht mit unzähligen Küssen . Letzt war Julie dabey , und da ruhte er nicht , sie mußte die Worte in ein Rezitativ bringen . Nun hat er eine Antwort komponirt , die er nach den Umständen verändert . Bald hat der Sohn den Vater verloren , und kann ihn , trostlos , nicht finden . Dann schildert er die Sicherheit des väterlichen Hauses , und die Liebe des Vaters . Dieser ist immer ein Krieger und hat tausend Gefahren überwunden . Bis ans Ende der Welt will der Sohn ihm nun folgen . In den Tod will er gehen , um den Vater zu retten u.s.w. Aber der Sohn hat auch eine himmlische Freundin . Von Lichtglanz umflossen , schwebt sie nur über der Erde und tröstet die leidenden Menschen . Wenn er gut ist , wird sie ihn lieben ... Ach ! und was weiß ich , was die kindische , liebliche Phantasie sonst noch erdichtet . So bin ich den ganzen Tag von seinen Zauberbildern umgaukelt und höre ich dann einmal wieder von andern Leuten ein vernünftiges prosaisches Wort , ohne Musik , so wird mir ganz unheimlich zu Muthe . In dieser Zauberwelt verstärken sich alle meine Gefühle . An den Abschied mag ich nicht denken . Vier und funfzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Diesen Morgen ist der Obriste abgereist . Von ihm und Julien hörte ich kein Wort ; aber Antonelli drückte wechselweise ihre Gefühle aus . Dieser wunderbare Mensch scheint durch eine Art von Inspiration die geheimsten Empfindungen zu kennen . Mit bewundernswürdiger Leichtigkeit weiß er sich in jeden Zustand zu versetzen und spricht andere Gefühle mit einer Kraft und Wahrheit aus , die zur Bewunderung hinreißt . Wo er sich naht , da werden alle Gegenstände verwandelt . Man befindet sich nicht mehr auf der kleinen alltäglichen Erde . Alles ist groß , alles verkündigt ein reicheres , höheres Leben . Selbst der Schmerz wird in seiner Nähe zum Genuß ; denn er muß sich veredlen und verschönern . Wahrlich ! der Obriste ist und bleibt doch ein verzogenes Kind des Schicksals . Welcher Mensch kann sich zweyer Wesen wie Julie und Antonelli rühmen ? - Wenn jetzt etwas aus ihm wird , so kann er sich nicht damit brüsten . Sonnabend gehe ich mit Julien nach * * * . Ich habe einen zweyten Bedienten angenommen , damit Friedrich unser ordentlicher Führer werden kann . Sein Alter , seine Welt- und Menschenkenntniß und sein äußerst gebildeter Ton macht ihn mir in dieser Rücksicht unschätzbar . In * * * kommt er nun recht in seine Sphäre . Er freut sich wie ein Kind auf die Gemählde-Sammlung und hat mir schon wer weiß was für Wunder davon erzählt . Meine Mutter ist wohl und schreibt mir sehr fleißig . Da aber diese Briefe nur Versicherungen ihrer Liebe und Beschreibungen kleiner häuslicher Scenen enthalten ; so habe ich Ihnen bis jetzt nichts davon mittheilen wollen . Julie läßt Sie grüßen . Leben Sie wohl , aus * * * ein Mehreres . Fünf und funfzigster Brief Olivier an Reinhold Welch ein fürchterliches Wetter . Ist es nicht , als ob der ganze Himmel in Regen herabstürzen wollte . Meine armen Leute sinken ein bis an die Knie und die Kanonen sind kaum mehr fortzubringen . Schon den vierten Theil der Mannschaft haben wir durch Krankheit eingebüßt . Es ist schrecklich ! Jeder leidet für sich , aber ich leide für sie alle . Ich lasse Wein , Brandwein und alles was stärken und erquicken kann , unter sie austheilen ; aber wenn ich des Morgens den bleichen Gesichtern das Marsch ! zurufen soll ; so muß ich mich wohl zehnmal räuspern . Wären wir nur wo wir seyn sollen ! Gienge es nur gegen den Feind ; dann müßte alles schon werden . Aber dieses Kämpfen mit den Elementen zerstört die Kraft der Seele und des Körpers . Antonelli freilich scheint von dem allen nichts zu empfinden . Er ist der Barde unsers kleinen Heeres , und mitten im Sturm und Regen dichtet er seine Gesänge . Wäre er nur allenthalben . Da , wo die Leute ihn sehen , lächeln sie mitten unter den Schmerzen und lassen sich willig täuschen durch sein liebliches , tröstendes Geschwätz . Allmählig kommen sie dann auch ins Erzählen . Besonders den Alten ist er äußerst willkommen . Er frägt , ergänzt und eh ' sie es sich versehen , ist er der Beschreiber . Jetzt erstaunen sie selbst über das was sie thaten , und schwören mit funkelnden Augen : sie wollen alles wahr machen , was er von ihnen prophezeiht . Unser erstes Augenmerk ist nun auf B ... gerichtet . Es wird Menschen kosten ; aber wir müssen es haben . Was macht die Einzige . Ich will ihr nicht schreiben , um in diesem allgemeinen Elende meiner eignen Schmerzen nicht zu gedenken . Lebe wohl ! Bald hoffe ich etwas Entscheidendes melden zu können . Sechs und funfzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Ein Kind von fünf Jahren machte Julien vor einigen Tagen ein Kompliment , das der feinste und gewandteste Dichter kaum schmeichelhafter und passender hätte ersinnen können . Nachdem wir die Gemählde in der äußern Gallerie besehen hatten , wollten wir eben in die innere treten ; als ein kleiner goldlockiger Knabe mit großem Angstgeschrey zu seiner Mutter lief , und sich so tief er nur konnte , in ihre Kleider zu verhüllen suchte . » Was fehlt Dir , mein Kind ? « - sagte die Mutter - » Ach Mama ! die große Frau ! Sie ist herunter gestiegen , sie kann gehen ! « - und so suchte er sich immer tiefer zu verbergen . Die Mutter , ein sanftes , vernünftiges Weibchen , ließ den kleinen Krauskopf ohne ihm vorzudemonstriren , in ihren Kleidern , und fragte erst , nachdem er schon mehrere Male aus seinem Hinterhalte hervorgeschielt hatte : » Wo ist denn die große Frau ? « - » Da ! da ! « - rief der Knabe und zeigte auf Julie - » Sie hat ein hübsches Kleid angezogen . Aber Mama : wo ist der kleine Junge ? » - » Ach ! « - sagte die Mutter - » er meint die große Madonna ! « Nun ward Julie wie mit Blut übergossen , und peinigte mich , sogleich mit ihr fortzugehen . Natürlich ward ich ein wenig böse . In der That , sie hat mir durch diese übertriebene Schüchternheit schon so manches Vergnügen geraubt . Überdem ehrte Jedermann ihre Verlegenheit . Nur ein junger Künstler umarmte den Knaben und lobte ihn gegen die Mutter . Demohngeachtet mußte ich mich entschließen , wollte ich sie nicht allein gehen lassen , für diesen Morgen alles aufzugeben , und mit den anhaltendsten Bitten habe ich sie noch nicht wieder hinauf bringen können . Nun ist sie beständig zu Hause und läßt sich kaum zu einem Spaziergange bereden . » Der Knabe - sagte sie letzt mit Thränen in den Augen - hat eine Lächerlichkeit auf mich geworfen . Man wird mich die herumwandelnde Madonna nennen . « - » Nun , und wenn man Dich so nennt ? Ein gewaltiges Unglück ! ! « » Ein Frauenzimmer mit einem Beynamen ! « - sagte sie und eilte nun , ohne weiter auf meine Ausrufungen zu hören , mit sehr betrübtem Gesicht in ihr Zimmer . Der kleine vorlaute Bube wird mich also wohl zwingen * * * weit früher als ich gewollt hätte zu verlassen . Doch werde ich Ihnen vor meiner Abreise sicher noch einmal schreiben . Sieben und funfzigster Brief Reinhold an Olivier Hier schicke ich Dir einen Brief von Wilhelminen . Es ist viel von Julien darin und dies wird Dir angenehmer seyn als vielerley , was ich Dir schreiben könnte . Eure Lage ist schrecklich ; aber Du hast ja wohl schrecklichere überwunden . Ich sage mit Dir : mögte es nur gegen den Feind gehen ! - Doch bitte ich Dich , suche die Gefahr nicht so absichtlich wie vormals . Du selbst hast mir gestanden , es sey oft ganz ohne Nutzen , und blos um des Ruhms willen geschehen . Ich liebe Dich und kann den Gedanken nicht ertragen , Dich fern von mir sterben zu lassen . Lebe wohl ! lebe wohl ! mache , daß ich Dich wiedersehe . Acht und funfzigster Brief Olivier an Reinhold Wuth , Reue und Verzweiflung zerreißen wechselweise mein Herz . Nichts , nichts kann ich thun . Ich muß die unglücklichen Menschen vor Hunger und Ermüdung zu meinen Füßen hinstürzen sehen und kann , kann ihnen nicht helfen . O , daß ich mein Wort gegeben ! daß ich mich an das schreckliche Leben gebunden habe ! - Liebe und Freundschaft , die Erinnerung alles Sanften und Schönen ist rein aus meinem Herzen verschwunden . Nur Wuth über die Buben , die uns in dieses Elend geführt haben , beweist mir , daß ich empfinde , Spott und Schande werden sie erndten , die heillosen Betrüger ! - Aber ich , ich schwöre es ! und sollte ich nur zehn Mann gegen den Feind bringen , ich werde mich retten vor dieser Schande . - Leb wohl , und rechne nicht auf die Zukunft . Neun und funfzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Wir giengen heute in die Oper , und waren durch das was wir von dem ersten Sänger gehört hatten , berechtigt , unsre Erwartung aufs höchste zu spannen . Er sollte uns Cäsar auf Farmakusa darstellen . Ehe wir hinkamen , hatte ich meinen Cäsar schon fertig . Es war ein langer stattlicher Mann , mit großem brennendem Auge und milder Hoheit auf der Stirne . Sein Gang war fest , seine Bewegungen waren kraftvoll und edel . Er sprach einen schönen Tenor und , wenn er es nicht ändern konnte , mußte er ihn freilich auch singen . Der singende Cäsar ! -