Mann fuhr uns an ein fremdes Ufer , wo der Anblick der vielen Menschen und Häuser mich in Erstaunen setzte . Ich ward durch viele Straßen in ein sehr großes Haus geführt , dann durch eine Menge Zimmer , in denen sich viele Menschen hin-und herdrängten . Die meisten waren schwarz und wunderlich gekleidet , und obgleich es so viele waren , und alle besorgt und beschäftigt schienen , so ging es doch still und feierlich zu . Mein Herz ward kalt bei dem geistermäßigen Anblick , den ich mir so gar nicht erklären konnte . Endlich gelangte ich in ein sehr großes Zimmer , dessen Wände und Fußboden schwarz behängt waren ; kein Tageslicht drang herein , ein paar Wachskerzen mit schwarz umwundenen hohen Leuchtern brannten düster . Ganz am entgegensetzten Ende stand ein schwarzbehangenes Ruhebett , auf dem eine gleichfalls ganz schwarz gekleidete Dame saß , die einen langen schwarzen Schleier über das Gesicht hatte . Indem ich hineintrat , stand die Dame auf , und ich erkannte die Stimme meiner Mutter ; der geistliche Herr bat sie ruhig zu sein , und ging mir entgegen , um mich zu ihr zu führen , ich war vor Angst und Schrecken wie im Fieber , und ich verbarg mich zitternd im Gewand meiner Wärterin . Meine Mutter mochte die Ursache meines Schreckens erraten , sie kam auf mich zu , und legte ihren Schleier zurück , so daß ich ihr Gesicht erkannte ; aber ich vermißte schmerzlich den glänzenden Schmuck , den ich sonst mit solchem Ergötzen in ihren Haaren , an Hals und Ohren hatte schimmern sehen . Ich blieb lange furchtsam und ängstlich ; man gab mir glänzendes Spielzeug , ich konnte mich aber nicht beruhigen . Endlich ward mir ein kleines Mädchen zugeführt , die mir freundlich zuredete , und den Gebrauch des schönen Spielzeugs kannte ; man sagte mir , sie sei meine Schwester ; ich spielte mit ihr , und meine Furcht verschwand beinah ganz . Dies war das erstemal , daß ich ein anderes Kind sah , und meine Freude war sehr groß über diese neue Bekanntschaft . Nun war ich glücklich genug , nur konnte ich mich durchaus nicht an die finstern Zimmer gewöhnen , ich sehnte mich nach der frischen Luft , nach dem Himmel und den Bäumen ; meine Mutter begegnete mir mit der größten Zärtlichkeit , ich liebte sie , aber ich ging doch noch lieber mit meiner Wärterin ins Freie . Meine Mutter blieb immer in diesen mir verhaßten Zimmern , sie weinte fast immer , wenn ich sie sah , und ich hörte sie oft wiederholen : mein Vater sei gestorben ; aber ich konnte es nicht fassen , ich wußte nicht , wer mein Vater gewesen sei , ich hatte diese Benennung gar nicht zu brauchen gelernt . Meine Mutter sagte mir mit Tränen : der schöne Herr , der mich in ihrer Gesellschaft auf der Insel besucht hätte , wäre mein Vater gewesen . Ich weinte nun auch , und war nicht wieder zu beruhigen ; die Wärterin fragte mich : warum ich denn so sehr weinte ? Ich wollte es nicht sagen , man drang in mich . O daß der Prior nicht mein Vater war , schrie ich , so wäre der tot , und der andre Herr lebte noch ! - Ich erinnere mich jetzt nicht mehr , was auf diesen Ausruf erfolgte , auch nicht , ob der Prior zugegen war . Von den Hausleuten hörte ich manchmal mit Bedauern sagen : es wäre doch sonst viel anders im Hause gewesen ! Ich erkundigte mich dann bei ihnen und bei meiner Schwester , wie es eigentlich gewesen wäre ? Ihre Erzählungen gaben mir ein wunderliches buntes Bild von den weltlichen Freuden , die jetzt ganz aus dem Hause verbannt , und an deren Stelle feierliche Unterredungen und Andachtsübungen getreten waren . Meine Schwester wußte nicht viel zu erzählen , außer daß die Mutter damals sehr reiche glänzende Kleider angehabt hätte . Einigemal hörte ich den Prior meine Mutter erinnern , daß es jetzt die höchste Zeit sei , mir die Erziehung meiner künftigen Bestimmung zu geben , und mich in die notwendige Lebensart einzuführen . Meine Mutter bat ihn aber , ihr die Gesellschaft der Kinder noch nicht zu nehmen , sie würde alles Versäumte wieder nachholen . Ohne daß ich den Sinn dieser Worte verstand , ängstigten sie mich mit trauriger Ahndung , die auch sehr bald erfüllt ward . Meine Mutter ward immer ernster und trüber , und bald auch strenger gegen uns . Anstatt unsrer gewöhnlichen zierlichen leichten Kleidung gab man uns häßliche Kleider von grobem Zeuge , mit klösterlichem Schnitt , und das während derselben Tage , da ich die Freude hatte , daß man die schwarzen Vorhänge aus dem Zimmer meiner Mutter nahm . Die hellen Teppiche kamen nun zum Vorschein , die prächtig vergoldeten Zieraten glänzten mir entgegen , ich war voller Freude über diese Herrlichkeiten ; und nun mußte ich diese Kleidung anlegen , die mir schon an den Mönchen , die ich gesehen hatte , so widerlich war . Ich war außer mir , ich wollte es durchaus nicht leiden , keine Drohung konnte mich bewegen . Endlich zog meine Schwester mit stillen sanften Tränen an , was man von ihr verlangte , da ließ ich mir ' s auch gefallen . Noch mehre Schrecken erwarteten mich an diesem unglücklichen Tage . Wir wurden zur Mutter hereingerufen ; sie war im Gespräch mit dem Prior und noch einem Mann in geistlicher Kleidung , den ich nicht kannte , der mir aber einen so fatalen Eindruck machte , daß ich gewiß den Augenblick , wo ich ihn zuerst gesehen , nie vergessen werde . Er hatte ein finstres kaltes Gesicht wie der Prior , nur daß dieser , ein vollkommen schöner Mann , mit feierlichem stolzen Anstand sich sehr gut zu präsentieren wußte , auch über meine Mutter eine Superiorität hatte , die allen Ehrfurcht einflößen mußte . Der neue Ankömmling war lang und mager , von gelber Gesichtsfarbe , und hatte so durchaus etwas Jämmerliches und Demütiges . Er bückte sich bei jedem Wort , das meine Mutter mit einer Protektionsmiene zu ihm sprach , so furchtsam und ungeschickt . Mir entging nichts von dem allen , meinen Widerwillen wußte ich aber erst später zu erklären . Er ward mir als mein Hofmeister bekannt gemacht , und zu gleicher Zeit sagte meine Mutter zu meiner guten Wärterin , sie wäre von nun an die Hofmeisterin meiner Schwester , die unter ihrer unmittelbaren Aufsicht stehen sollte . Ich beneidete meine Schwester , ich wäre so gern bei meiner Wärterin geblieben . Es erfolgte jetzt ein förmliches Abschiednehmen ; meine Mutter küßte mich , und führte mich zum Prior , der mir seinen Segen gab , meine Schwester ward weinend von mir getrennt , der Hofmeister empfing mich aus den Händen des Priors , der ihm Wachsamkeit und Fleiß empfahl . Er führte mich fort , ich folgte ihm halb tot vor Entsetzen und bangem Erwarten . Es war der Anfang einer unglücklichen Reihe von Jahren , der ich entgegenging . Er führte mich in das für uns bestimmte Zimmer , es war ganz entlegen , und vom geräuschvollen Teile des Hauses entfernt . Eine große schwere Türe , am Ende eines finstern Ganges ward aufgetan . Wir traten hinein , eine kalte Luft umfing mich , ich schauderte , und derselbe Schauder überfiel mich jedesmal , wenn ich hineinkam . Das Zimmer war groß und hoch , gotisch gewölbt , die Fenster ganz oben , und zum Überfluß noch vergittert , die nackten grauen Wände nur von finstern Heiligenbildern verziert . Am einen Ende bedeckte ein großes Kruzifix einen Teil der Wand ; drunter ein Tisch , worauf eine Decke und zwei große Kerzen sich befanden , gegenüber unsre Betten , zwei Tische mit Schreibzubehör , ein Repositorium mit Büchern und einige Stühle : das war alles , was diese Gruft enthielt , in der ich vier lange , bange Jahre mit meinem gespensterhaften Aufseher , unter unaufhörlichem Zwang verleben mußte . Ich mochte ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein , als ich hineingelassen ward . Seltne spärliche Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Gitter , und diese vermehrten nur immer mehr meine Traurigkeit und meine Sehnsucht nach dem freien Himmel , wenn sie die gegenüberstehende Wand erhellten . Jeden Morgen beim Erwachen fiel mir das Kruzifix in die Augen , auf das oft ein solcher blasser Strahl schräg hinfiel und es so schauderhaft erleuchtete , daß ich davor zurückbebte . Ich habe mich in diesen ganzen vier Jahren an den Anblick nicht gewöhnen können ; ich war froh , wenn der Himmel umwölkt war , damit ich die Strahlen nicht mehr sähe , die sonst meine größte Freude gemacht hatten . Seitdem war ich noch oft sehr unglücklich , ich habe Momente der schrecklichsten Verzweiflung erlebt ; aber gegen die Bitterkeit jenes Zustandes , in dem ich die lieblichsten Jahre meiner Kindheit vertrauren mußte ... daran reichte seitdem nichts wieder ! Wie grenzenlos unglücklich ein Kind sein kann , dem die Hoffnung noch nicht bekannt ist , das nichts hat , nichts kennt als den gegenwärtigen Moment , an dem es mit allen Sinnen , mit aller Kraft und Begierde seiner empfangenden Seele hängt ; wenn es abhängig von fremder Laune , fremder Absicht , seine frohen Wünsche , die natürlichen Gefährten seines Alters unterdrücken muß , so daß selbst diese ihm fremd werden ... gewiß hat ein jeder dies irgendeinmal erfahren : aber die meisten vergessen diesen peinvollen Zustand wieder , sobald sie darüber hinaus sind . Ja oft rächen sie sich für das ausgestandne Übel wiederum an ihren Kindern , so wie diejenigen gegen ihre Untergebenen am härtesten verfahren , die selbst aus dem Stand der Dienstbarkeit sind . Kinder werden von einer Generation auf die andre als angebornes Eigentum angesehen , das man zu seinem eigenen Vorteil , oder nach Laune , bearbeitet und benutzt . Nun , wenn es unabänderlich so bleiben muß , so ist es nur eine Inkonsequenz , daß die Eltern nicht auch über Leben und Tod ihrer Kinder zu richten haben ! Es hielt schwer , eh ich mich bewegen ließ , bei meinem Hofmeister zu bleiben , der im Hause allgemein der Pater genannt ward . Ich sträubte mich aus allen Kräften dagegen . Endlich ward mir im Namen meiner Mutter notifiziert , daß ich mich durchaus fügen müßte , sonst sollte ich sogleich ins Kloster der Benediktiner , wohin ich durch besondere Vergünstigung des Priors nun erst in vier Jahren zu gehen brauchte . Er hätte aus Gewogenheit für mich und meine Mutter es erlaubt , daß der größte Teil meines strengen Noviziats in ihrem Hause unter der Aufsicht des Paters vergehen dürfte , und für diese Gunst sollte ich doppelt gehorsam und dankbar sein . Mein Schrecken war übermäßig , als ich erfuhr , daß ich zu den Benediktinern sollte . Der Prior hatte mich einmal im Kloster herumgeführt , mir die Ordnung , Einrichtung und Gesetze erklärt , und trotz dem , daß er mir alles auf schönste und unter vielen Schmeicheleien vortrug , konnte doch nichts den Abscheu überwinden , den ich mit der größten Heftigkeit gegen Kloster und Mönche faßte . Er war sonderbar , dieser Haß , denn ich kannte ja die Welt noch nicht , und wußte nichts von ihren Freuden . Aber es war mir immer , als spräche etwas in meinem Innern zu mir : es gibt noch viel schöne Dinge , aber weit von hier ! Doch alles , was ich einwenden mochte , half nichts , wollte ich diese vier Jahre noch im Hause meiner Mutter bleiben dürfen , so mußte ich mir alles gefallen lassen ; und nun war es beschlossen , daß sowohl ich , als meine Schwester zum Kloster bestimmt wären , und daß wir , dieser Absicht gemäß , schon jetzt unsre Lebensart daran gewöhnen sollten . Anfangs wurde ich und meine Schwester täglich zu meiner Mutter geführt , nach und nach wurden aber diese Besuche immer seltner , meine Schwester blieb meiner alten Wärterin ganz überlassen , und ich war allein mit dem Pater . Nur an seltnen Festtagen durften wir zur Mutter kommen ; auch fanden wir immer weniger Trost bei ihr , sie bezeigte uns zwar viel Liebe , besonders mir ; aber sie selbst ward täglich trüber , und den Andachtsübungen immer mehr hingegeben . Mein einziger Trost war meine Schwester , die ich aber nie sprechen konnte als im Garten , wohin mich der Pater regelmäßig jeden Abend führte , wo sie sich dann auch mit ihrer Hofmeisterin einfand ; dies war die einzige frohe Stunde , die ich den ganzen Tag hatte ; und auch diese war beschränkt , denn der Pater verließ mich keinen Augenblick , und gelang es uns auch , uns allein zu unterhalten , so verging sie unter gegenseitigen Klagen . Das arme kleine Mädchen jammerte besonders sehr über die häßliche Kleidung , die ihr nicht stehen wollte , ich tröstete sie oft , wenn ich weniger übelgelaunt war , und einigemal versicherte ich ihr sogar als eine Prophezeiung , ich würde es , wenn ich erst älter wäre , gewiß ändern , und ich wollte sie freimachen , sobald ich frei wäre . Darauf wußte sie aber niemals etwas zu sagen , sie sah mich mit großen Augen an , und es schien als glaubte sie mir nicht , was mich denn nicht wenig verdroß . Meine Tage füllten trostlose Studien , die alle darauf abzweckten , mich zu meinem künftigen Stande geschickt zu machen ; das kanonische Recht , geistliche Gebräuche , Kirchengeschichte , kurz alles was in dieses Fach gehört : mein armes Gedächtnis ward mit diesen toten Dingen bis zur Zerstörung gemartert . Das Beste , was ich davontrug , war die Kenntnis einiger alten , und der deutschen Sprache ; der Pater war ein Deutscher von Geburt , und liebte seine Sprache . Der Prior , der als ein gelehrter Mann bekannt war , hatte es über sich genommen , meine Studien zu dirigieren . Er kam jede Woche einmal und untersuchte meine Fortschritte , es war daher leicht zu begreifen , daß der Pater sein Bestes an mir versuchte . Mit der größten Strenge hielt er mich an , mir Sachen einzuprägen , die ich , Gott sei Dank , in kürzerer Zeit vergaß , als ich zu ihrer Erlernung gebraucht hatte ; zur Erholung wurde mir verstattet in den Legenden die Geschichte der Heiligen und Märtyrer zu lesen , deren Gemälde an den Wänden hingen . Auch versuchte ich es oft , mit der Feder die Umrisse dieser Bilder nachzuahmen , welches mir immer gut gelang ; mit einiger Anleitung hätte ich vielleicht ein Künstler werden können . Gewiß ist es aber , daß Kinder von lebhaftem Geiste gegen die Dinge , wozu man ihnen durch frühe Gewöhnung eine Neigung zu geben sucht , grade dadurch einen Widerwillen bekommen ; nur auf schwache , furchtsame Gemüter vermag die Gewohnheit etwas . Der Abscheu gegen mein Leben und meine Bestimmung nahm mit jedem Tage zu , da alles , was mich umgab , mich bis zur Ermüdung darauf hinwies . Freiwillig und lebensmüde hätte ich sie vielleicht einst selbst gewählt . Alle erwachsenen Leute erschienen mir nicht allein mürrisch und hart , sondern ganz unverständig und blind , ihre Befehle und Verbote sinnlos und abgeschmackt . Darin ward ich besonders durch einen Zufall aus dem ersten Jahre meines widrigen Lebens bestärkt . Ich war nämlich einmal mit meiner Schwester im Zimmer meiner Mutter , sie wollte unsre Fähigkeit im Lesen prüfen . Zufällig war kein andres Buch in der Nähe , als ein Gedicht , das meine Mutter eben gelesen hatte . Ich las einige Verse , in denen das Glück der Kindheit gepriesen ward ; meine Mutter war mit der Fertigkeit , womit sie gelesen wurden , zufrieden , und rühmte , indem sie sich zum Pater wandte , die Schönheit der Verse , und die rührende Wahrheit des Inhalts ; der Pater stimmte laut mit ein . Schwache Geschöpfe , die in solcher Abhängigkeit leben müssen , glücklich zu preisen , zu beneiden , das war zu toll ! Ich ward ganz wütend , weinte , und war durch nichts zu bewegen , noch weiter zu lesen , und mußte die Strafe für meinen Eigensinn , wie sie es nannten , erleiden , deren Ungerechtigkeit mich nur noch mehr empörte , und meine Verachtung gegen die geringe Einsicht meiner Vorgesetzten noch vergrößerte . Wie seufzte ich nach dem Moment , mich von den hartherzigen , unverständigen Tyrannen loszumachen , sie nicht mehr fürchten zu dürfen ! Ich suchte in den Augen meiner Schwester eine Übereinstimmung mit diesem Gefühle , ohne sie zu finden ; das Kind war durch meine erlittne Strafe erschreckt , und las gedankenlos , was man ihr aufgab , mit allem Eifer , bloß um den Beifall der Mutter zu erhalten ; ich hatte Mitleid mit ihr , aber mein Zutrauen zu dem schwachen Kinde war verschwunden . Der Eindruck dieser Begebenheit haftete unauslöschlich in meinem Gemüt ; ich war seitdem überzeugt , mehr Verstand zu haben , als die mich beherrschten , und sie betrügen zu dürfen . Weil sie stärker waren und ihre Stärke gegen mich anwandten , so glaubte ich meinen Verstand , als die einzige Waffe , wodurch ich ihnen überlegen wäre , gebrauchen zu müssen . Ich suchte auf jede Weise meine Unabhängigkeit in meinem Innern zu erhalten , je mehr ich meine Handlungen und mein äußeres Leben nach ihrem Willen ordnen mußte . In jeder Meinung ging ich geflissentlich von der ihrigen ab , es war mir genug , daß jene etwas fest glaubten , um starke Zweifel in mir dagegen zu hegen , und gerade das Entgegengesetzte anzunehmen . Da ich nun meine Freidenkerei sorgfältig verbergen mußte , so hielt ich mich heimlich für den Zwang schadlos ; jeder Akt von Unabhängigkeit , auch der allerunbedeutendste , erfüllte meine Seele mit einem geheimen Triumph , und daß ich nicht gleich auf der Stelle für meine Unwahrheit von Gott bestraft wurde , befestigte mich in meiner Überzeugung . So lebte ich , in anscheinendem Frieden , innerlich in beständigem Krieg mit meinen Vorgesetzten , dachte auch , sie verachteten mich ebenso , wie ich sie , und suchten mich nur zu überlisten . Wie ward ich nun überrascht und erschüttert , als ich bei einer Krankheit , die ich aus Stolz einige Tage verbarg , der ich aber endlich unterliegen mußte , die Zärtlichkeit meiner Mutter und die Sorgfalt meines Hofmeisters für meine Genesung gewahr ward ! Es waren die Blattern , die mit gefährlichen Symptomen herausbrachen . Einige Tage lag ich in heftigem Fieber ohne Bewußtsein ; in dem Augenblick , als ich endlich zu mir kam , und noch ganz entkräftet die Augen aufschlug , war das erste , was ich unterscheiden konnte , der Anblick meiner Mutter , die auf ihren Knien lag , und mit heißen Tränen und geängstigtem Herzen Gebete für ihr Kind zum Himmel schickte . Ich machte eine Bewegung , sie kam zu mir , ich sah sie bleich und ihre Kleidung und Haare zerstreut und nicht in der gewöhnlichen Ordnung ; ich erkundigte mich nach der Ursache , da hörte ich : sie wäre in den Nächten meiner Lebensgefahr nicht von meinem Bette gewichen , und hätte sich auch am Tage nicht von mir entfernen wollen , um gehörig auf ihrem Bette zu ruhn , oder sich umzukleiden . Ihre Freude , als sie gewahr ward , daß ich meine Besinnung wiedererlangt hätte , und sie mich wieder ruhig und zusammenhängend sprechen hörte , auch der Arzt versicherte , ich sei jetzt außer aller Gefahr , war unbeschreiblich , und bewegte mich tief . Mein Zustand schien mir selbst höchst abschreckend und ekelhaft ; doch hielt er weder meine Mutter noch meinen Hofmeister ab , mir alle möglichen Dienste selbst zu leisten , und Erleichterungen zu verschaffen . Sie verließen mich fast keinen Augenblick , begegneten mir mit nie erfahrner Freundlichkeit , und suchten mir sogar durch kleine Spiele diese Leidenszeit zu verkürzen . Trotz meiner körperlichen Schmerzen war ich zum erstenmal vergnügt ; mein Herz erweichte sich gegen diejenigen , die ich für meine Feinde gehalten hatte , und die mich jetzt so freundlich und zärtlich behandelten . Mein Vergehen , sie als Feinde betrogen zu haben , fiel schwer auf mein Gewissen ; es drängte mich , mich ihnen zu entdecken , und sie selbst um die Auflösung meiner Zweifel zu bitten . In dieser Aufwallung von frommer Treuherzigkeit legte ich eine vollständige Beichte in Gegenwart meiner Mutter und des Paters ab ; heiße Tränen entfielen meinen Augen bei dem Bekenntnis meiner Sünden ! Der Moment war entscheidend , denn jetzt hing es von ihnen ab , mich auf immer für sich zu gewinnen . Die Idee vom Kloster ausgenommen , war ich zu allem bereit , was von mir gefordert würde ; ja auch zu diesem hätte ich mich vielleicht verleiten lassen , wenn sie mich mit weniger sichtbarer Absicht behandelt hätten ; aber sie verstanden mich nicht , dies rettete mich . Während meiner Beichte waren beide sehr erschreckt , wegen der Tiefe meiner Ruchlosigkeit , wie mein Hofmeister sich ausdrückte , meine Mutter aber wegen meines weltlichen Hanges zur Unabhängigkeit , der durch keine geistliche Übung und Anstrengung zu unterdrücken sei . Während meiner Genesung ward ich mit Schonung behandelt , nur mußte ich mehr noch als vorher , Gebete hersagen , und sonst allerlei von mir verachtete Dinge vornehmen . Mit unbeschreiblicher Geduld verrichtete ich alles , bloß aus Gefälligkeit für die Menschen , die mich liebten , und die ich beleidigt hatte . Daß sie mir mein Unrecht nicht fühlen ließen , hatte ihnen mein ganzes Herz wiedergewonnen . Ihr Betragen veränderte sich aber , je mehr ich wieder an Kräften zunahm . Mit der möglichsten Strenge ward ich beobachtet ; zu unaufhörlichen , mir verabscheuungswürdigen Übungen angetrieben ; nicht die allergeringste Freiheit ward mir verstattet ; im Hause der Mutter mußte ich vollkommen so leben , als im Kloster ; dabei zeigte man mir unaufhörlich das größte Mißtrauen . Ich fühlte mich hier so rein , war es mir bewußt , daß ich durch meine Aufrichtigkeit vielmehr ihr Zutrauen hätte erwerben sollen ; ich fand jene so klein , so unedel in ihrem Mißtrauen , und mich so unwürdig behandelt , daß mein Entschluß wieder aufs neue fest ward , mich zu befreien . Wie ? und wann ? das sah ich , unerfahren und kindisch wie ich war , durchaus nicht ein . Der Zufall kam mir zu Hülfe . Wir machten unsern gewöhnlichen Spaziergang im Garten ; der Prior kam dazu und nahm unsre Aufseher auf die Seite , um etwas mit ihnen zu überlegen ; ich blieb mit meiner Schwester in einem bedeckten Gang allein . Auf einmal hörten wir auf dem Hof nebenan einige Stimmen und Pferdegetrappel ; neugierig , wie jeder Eingekerkerte , guckten wir durch eine ziemlich große Öffnung der Planke , die unsern Garten von jenem Hofe trennte . Ich erblickte einen Jüngling , der sich in muntrer militärischer Tracht eben auf ein schönes Pferd schwang , und vom Hofe herunterritt . Er war nicht mehr zu sehen , und alles still um uns . Ich betrachtete bald mich , bald meine Schwester . Das Bild des leichten schlanken Jünglings , wie er sich auf das rasche Pferd schwang , einen reichgekleideten Knaben hinter sich , schwebte mir noch immer vor Augen ; mein Zustand kam mir ganz unleidlich vor ; ich weinte heftig , ich war außer mir , und in einem Zustande von Verzweiflung . Meine arme Schwester versuchte mich zu trösten ; es gelang ihr aber nicht eher , bis sie mir versprach , sie wollte ihr möglichstes tun , mich mit dem Jüngling bekannt zu machen . Wirklich gelang es ihr einige Tage darauf , ihn durch die Planke zu sprechen , und ihn zu bitten , den andern Tag in derselben Stunde wieder an dem Ort zu sein , zugleich sagte sie ihm von meiner Begierde , ihn zu sprechen . Sie gewann ihre Hofmeisterin für mich , die mir noch immer sehr gewogen war , öffentlich aber nichts für mich tun konnte . Den andern Tag , als wir im Garten waren , entfernte sie sich um die bestimmte Zeit mit dem Pater und meiner Schwester , die nur unter der Bedingung nicht dabei zu sein , sie in ein so gewagtes Unternehmen hatte hineinziehen können . Ich blieb allein am bestimmten Ort , der Jüngling erschien bald darauf , nicht wenig neugierig auf eine so abenteuerliche Zusammenkunft . Mit wenigen Worten , und ohne Zeitverlust , sagte ich ihm kurz die Ursache , warum ich seine nähere Bekanntschaft wünschte , bei welcher Gelegenheit ich ihn zuerst gesehen , und welche Hoffnung ich gleich beim ersten Anblick von ihm gefaßt habe ; zugleich machte ich ihn mit meiner ganzen Lage bekannt . Er nahm auf der Stelle den wärmsten Anteil an meiner Not , beklagte mich , versprach mir seine Hülfe und seinen Rat in allem , was ich unternehmen wollte , und gewann mein ganzes Herz durch sein edles Wesen . Er bestärkte mich in meinem Vorsatz , mich mutig zu widersetzen , vorher aber sollte ich zu erlangen suchen , daß wir freundschaftlich zusammen umgehen könnten . Wir trennten uns , da ich die Stimmen der übrigen vernahm , mit dem gegenseitigen Versprechen , uns bald wiederzusehen . Ich hatte neuen Mut durch diese Bekanntschaft gewonnen ; und die erste Wirkung war die , mich nicht ferner zu verstellen ; jetzt verachtete ich meine Unterdrücker mehr , als ich sie fürchtete . Den andern Morgen sagte ich dem Pater in einer ordentlichen Anrede : Ich dankte ihm für seine bisherige Bemühung , der er aber von nun an überhoben sein sollte , weil es mit meinen Studien vollkommen aus wäre ! Wollte er mich aber etwa zum Studieren zwingen , so würde ich sogleich zu meiner Mutter gehen und es ihr selber sagen , daß ich unter keiner Bedingung ins Kloster gehen , noch auch die geistlichen Studien weiter fortsetzen wolle ; ich sei fest entschlossen und ganz bereit , mich jeder Begegnung auszusetzen , um mich freizumachen . Der Pater war wie aus den Wolken gefallen , als er mich diese Sprache führen hörte , und wollte einiges versuchen , mich wieder zum alten Gehorsam zu bringen ; da er mich aber unwandelbar entschlossen sah , nahm er plötzlich eine ganz andre Miene an . Der arme Teufel mochte wohl fürchten , seine gute einträgliche Stelle , und die künftige Versorgung , die ihm der Prior zugesagt hatte , zu verlieren , wenn ich mich meiner Mutter entdeckte ; er wußte , diese würde den Fall sogleich dem Prior mitteilen , der dann vor allen Dingen einen andern Hofmeister für den rebellischen Knaben herbeischaffen würde ; eine Veranstaltung , die zuerst den Pater zu seinem eignen Nachteil hätte betreffen müssen . Nach einigem Bedenken fragte er mich nach meinem Plan , sagte viel zu seiner Verteidigung : wie ich ihn verkennte , wie er mich im Herzen immer bedauert hätte , und mir aufrichtig zugetan sei ; da es ihm aber aufgetragen wäre , mich so zu behandeln , so hätte er seine Pflicht doch tun müssen . Verlassen wollte er mich aber auf keinen Fall , und hier würde Gott es ihm verzeihen , wenn er , im Zweifel über seine Pflicht , seinem Herzen folgte ; und was der Worte mehr waren . Sobald ich nur merkte , daß es sein Vorteil sei , mir nichts in den Weg zu legen , hörte ich nicht weiter darauf . Alles was er für mich tun könnte , sagte ich ihm , wäre , mir die Erlaubnis zu geben , daß ich den Sohn unsers Nachbars , des Marchese , besuchen dürfte , mir auch unverzüglich und insgeheim ein Pferd und eine anständige Kleidung für mich anzuschaffen , dies alles dann dem jungen Manfredi zu überbringen , und soviel möglich mir zum Ausgehen zu verhelfen . Er versprach alles , nur sollte ich Sorge tragen , daß er mich nicht verlassen dürfte ; ich gab ihm mein Wort , und von dem Augenblick schwur er mir ganz ergeben zu sein . - Ich traute ihm viel zu leicht : wahrscheinlich hätte er mich bei der nächsten Gelegenheit verraten , wenn er Zeit dazu gefunden hätte , aber es nahm schneller eine gute Wendung , als ich selber hoffen durfte . Ich ging sogleich zu meinem jungen Freunde , der Pater begleitete mich , damit es im Hause keinen Verdacht erregte , wenn man mich ohne ihn ausgehen sähe . Zu meinem Freunde ließ er mich aber allein , nachdem wir einen Ort verabredet hatten , wo wir uns jedesmal wieder antreffen wollten . Die Freude , die wahrhaft kindische Lust , als ich nun im Zimmer meines lieben Manfredi war , und in Freiheit mich mit ihm unterhalten konnte , beschreibe ich euch nicht . - Ich machte ihm bekannt , wie weit ich in der Insurrektion gekommen wäre , und daß er nun das Pferd , das mir der Pater verschaffen würde , versorgen , und meine Kleider bei sich verbergen möchte , die ich dann immer bei ihm anlegen wollte , sooft wir zusammen ausritten ; denn daß ich gleich zuerst wollte reiten lernen , versteht sich von selbst , mein guter Manfredi wollte mein Meister sein . In unsern heißen Köpfen fand dieser ganze Plan nicht die geringste Schwierigkeit , mein Freund versprach mir alles , was ich verlangte ; was am Ende daraus werden sollte , das