bin unschuldig ! - sie hat mich gereizt ! hat mich auf das Aeußerste gereizt ! Diese Beschuldigung trieb Amaliens Wuth bis zur Raserey . - Ich hatte ein Weib geliebt ; aber das war kein Weib , das war kein menschliches Wesen mehr , was ich da vor mir sah . - Meine Liebe entfloh ; und das Gefühl wie tief ich gekränkt war , kehrte in seiner ganzen Stärke wieder zurück . » Ruhig Madame ! ruhig « - rief ich - » was Sie wünschen soll geschehen ! auch ich verlange nicht Sie wieder zu sehen ! - trösten Sie sich ! Hannibal ist zu ersetzen ! - In der That ! ich ruhte nicht eher , bis ich einen eben so großen und noch schönern Hund aufgetrieben hatte . Diesen schickte ich der Gräfin , mit einem Zettel , den sie wahrscheinlich Niemand mitgetheilt haben wird ; und kündigte Heinrichen an : daß ich entschlossen sey morgenden Tages Berlin zu verlassen . Nichts von Allem was er mir einwandte , vermochte etwas über mich ; und ich reiste mit dem festen Entschlusse ab : eine vollgenügende Rache an dem ganzen weiblichen Geschlechte zu nehmen . Viertes Buch Erstes Kapitel Die Freude meiner Tante , mich nach einem Jahre wieder zu umarmen , war unbeschreiblich . Sie fand mich größer , männlicher , und wollte einen besondern Zug von Erfahrung in meiner Phisiognomie entdecken . Ich lächelte schweigend und nahm mir die neue Kammerjungfer ein wenig in Augenschein . Es war noch dieselbe kleine Brünette im grünen Corsettchen , und , wie wie mich dünkte , nichts weniger als zu ihrem Nachtheile verändert . Auch sie war gewachsen ; war noch voller und blühender ; aber , wenn ich nicht irrte , auch um ein ganz Theil stolzer geworden . Diese Vermuthung fand sich durch die Aeußerungen der Bedienten vollkommen bestätigt . Nach ihrer Aussage , war Röschen die grausamste , widerspenstigste Schöne auf dem Erdboden ; und sie würde - meynten sie - eher einen Mann zu ihren Füssen sterben lassen ; als einen mitleidigen Blick auf ihn werfen . » Kinder ! Kinder ! « - sagte ich - » ihr macht es auch gar zu arg ! « - » Nein gnädiger Herr ! « - rief Friedrich der Jäger , ein hübscher , schlanker Bursche - » Gott soll mich verdammen ! wo die kleine Hexe nicht ein Herz von Stahl und Eisen hat ! « » Hm ! « - antwortete ich - der Rechte ist noch nicht gekommen ! « - Friedrich . Ja das sagt sie auch ! - und da mögte man gleich ! .... Na ich will es noch erleben ! - » Sey ruhig Friedrich ! « - unterbrach ich ihn - » es giebt ja der hübschen Mädchen mehr ; und ein Bursche wie du , findet allenthalben noch eine Frau . « » Ja ! « antwortete er mißmüthig - » das sagen die Andern auch ! - aber wenn man einmal seinen Kopf darauf gesetzt hat ; so ärgerts einen doch ! « - Zweytes Kapitel Friedrich hat Recht ! - dachte ich - seinen Kopf muß man nun freylich nicht darauf setzen ; aber zum Spas kann man doch sehen was an der Sache ist . - » Höre ! Röschen ! - sagte ich am folgenden Morgen ; als ich ihr im Garten begegnete - man hat dich erschrecklich bey mir verklagt . « » Bey dem gnädigen Herrn ? « - fragte sie ; und ward roth bis an die Augen . Ich . Ja ! bey mir . Du bist ja ein entsetzliches Mädchen ! bringst alle Männer zur Verzweiflung . - Sie . Oh da hat gewiß Friedrich einmal wieder geschwatzt ! der hat immer dummes Zeug im Kopfe ! Ich . Er findet dich liebenswürdig ! kannst du das dumm nennen ? das thut mir leid ! - da wirst du mich auch dumm , sehr dumm nennen müssen ! - » Ach ! « - rief sie lebhaft - » mit dem gnädigen Herrn , das ist ja ganz was anders ! « - » Wirklich ? liebes Mädchen ! « - sagte ich ; indem ich ihre Hand zärtlich in der meinigen drückte , und meinen Ton so treuherzig als möglich zu machen suchte . Mit dem Tone gelang es mir so ziemlich ; aber ich mogte doch ein gewisses schalkhaftes Lächeln bey ihrer Naivetät nicht ganz unterdrückt haben . Sie fühlte jetzt was in ihrer Antwort lag , und ihre Verwirrung war unbeschreiblich . » Habe ich dich böse gemacht ? mein süßes Mädchen ! « sagte ich ; und fand meinen Ton jetzt meisterhaft - » wie innig leid würde mir das thun ! « - » Ach Gott nein ! « - antwortete sie - » ich bin nur böse auf mich selbst , weil ich immer so schwatze wie es mir in den Mund kömmt . « » Thue das immer lieber Engel ! « - fuhr ich fort ; indem ich meinen Arm um ihre Hüften schlang . - » Niemand kann es besser mit dir meynen als ich . Sieh mich als deinen Freund , als deinen Bruder an ! « » Ach lieber Himmel ! « - unterbrach sie mich - » wie könnte ich denn das ! « » Das kannst du ! das mußt du ! « - wiederholte ich ; und drückte schnell einen Kuß auf ihren niedlichen Mund . Sie verschwand mit einem Schrey ; und ich ärgerte mich , durch eine einzige Aufwallung beynahe alles verdorben zu haben . Drittes Kapitel Von diesem Augenblicke an , vermied sie mich eben so absichtlich , wie ich sie suchte , und ich war nahe daran , mit Friedrich einerley Schicksal zu haben : als ich mich noch zur rechten Zeit eines Mittels erinnerte , das ein sehr erfahrner Mann , mir als untrüglich empfohlen hatte . » Röschen ! « - sagte ich eines Tages zu ihr ; als sie sich abermahls aus meinen Armen wand . » Du hast Recht ! mein Stand wird eine ewige Scheidewand zwischen uns bleiben ! - Nein ! ich will dich nicht unglücklich machen ! - Wohlan ! ich entsage dir ! Du bist mir von nun an heilig ! « - Ihre Bestürzung war zu groß , als daß sie hätte gewahr werden können , wie scharf ich sie beobachtete . Schweigend , mit niedergeschlagenen Augen , schlich sie in ihr Kämmerchen ; während ich mit triumphirendem Lächeln mich zurückzog , um meines Sieges desto gewisser zu bleiben . Es war unverkennbar ! mit jedem Tage kam ich ihm näher . Zwar schien es , als hätte ich aller Hoffnung auf ewig entsagt - keinen Blick , kein Wort , viel weniger eine Berührung erlaubte ich mir . Mein Ton , der anfangs noch etwas zärtlich wehmüthiges hatte , ging allmählich in den freundlich ruhigen Ton eines milden , gütigen Herrn über : und in wenig Wochen war keine Spur mehr von unserm vorigen Verhältnisse zu entdecken . Das war zu viel für Röschen ! das hatte sie nicht erwartet . - Wie ! gar keine Klagen ! - keine Verzweiflung ? - so ruhig , so schnell , so ganz und gar konnte ich ihr entsagen ! - Sie ertrug es nicht ; - die Rosen ihrer Wangen verblühten , das schöne Feuer ihrer Augen erlosch , und bald wurde ihre Gesundheit so sehr angegriffen , daß sie das Bette nicht mehr verlassen konnte . Viertes Kapitel Da war es , wo ich sie erwartete ! - ach was kostete es , mich bis dahin zu bezähmen ! » Jetzt keine Zeit verloren ! « - rief ich - » sonst mögte alles verloren seyn . Das Schicksal kam mir zu Hülfe . » Was mag unserm Röschen fehlen ? « - sagte meine Tante - » sollte es die Liebe seyn ? « - » Wer weiß ! « - antwortete ich - » wohl möglich . « - » Friedrich « - fuhr sie fort - » hat sich viel Mühe um sie gegeben , sie wollte aber damals nichts davon hören . « - » Wenn ich wüßte , daß es das wäre - nun da könnte man noch wohl helfen ! « » Wenn ich ihm ein hundert Thaler mehr und ihr eine hübsche Ausstattung gäbe ; so könnten sie auf dem Lande schon ganz gut davon leben . Ich . Weiß denn Röschen , liebe Tante , daß Sie so darüber denken . Die Tante . Freylich ! aber wie ich dir sage , sie warf das alles weit von sich weg ! und wenn ich nachher wieder davon anfing ; so bekam ich eine spitzige Antwort . Wie wäre es ? wenn du einmal mit ihr sprächest ? - Ich . Ich ? - Die Tante . Nun ja ! warum nicht ? - thue es immer lieber Gustav ! ich wette das kleine dumme Ding weiß selbst nicht was sie will . » Wohl möglich ! « - dachte ich ; indem ich mich schweigend entfernte und den Weg zu Röschens Kammer nahm . Leise öffnete ich die Thür - da lag sie und schlummerte . Ein hohes Roth färbte ihre Wangen , ihr Athem war schnell und fieberhaft , und eine lebhafte Phantasie schien ihre Seele zu beschäftigen . » Sieh dahin hast du sie gebracht ! « - rief mein Gewissen . - Eine unbeschreibliche Rührung ergriff mich . Mein Kopf sank auf ihre Hand ; und eine brennende Thräne , die darauf fiel , erweckte sie aus ihrem Schlummer . Fünftes Kapitel » Helft ! helft ! er ertrinkt ! « - rief sie - » wir ertrinken Alle ! « Bey den letzten Worten sank ihre Stimme so hoffnungslos ; daß das Herz mir vor innigem Mitleiden erbebte . Länger hielt ich mich nicht ! - mit unaussprechlicher Reue schloß ich sie in meine Arme . » Mein theures , geliebtes Mädchen ! - rief ich - Erwache ! erwache ! - nein , du wirst nicht sterben ! Du bist gerettet ! bist in meinen Armen ! - Jetzt schlug sie die Augen auf . - Welch ein Blick ! - er verrieth meine ganze Schuld und alle ihre Leiden . » Großer Gott ! « - rief sie - » also ist es wahr ! also ist es doch kein « - Traum wollte sie sagen - aber hier sah sie sich um und verstummte . - » Ja ! « - sagte ich - » mein süßes Mädchen ! es war ein Traum ! aber daß ich dich unaussprechlich liebe , daß ich dich in meinen Armen halte , das ist Wahrheit ! - Ach wie sehr fühlte ich diese Wahrheit ! - zwar war ich fest entschlossen alles wieder gut zu machen ; meine Sinnlichkeit zu bekämpfen ; ihre Unschuld zu ehren ; sie wo möglich zu einer Verbindung mit irgend einem rechtschaffenen Manne zu bereden . - - Aber ach ! so reizend , so duldend war sie nie gewesen - so tief hatte mich ihr Anblick niemahls erschüttert . » Fliehe ! fliehe ! « - rief mein guter Engel - » noch ist es Zeit ! « - In der That , ich riß mich auf von ihrem Lager - ich wollte gehen . - Aber da sah sie mich an mit ihren großen schmachtenden Augen , als müßte sie auf ewig von mir Abschied nehmen . Ich trat zurück - - und bald war es zu spät zum Fliehen . - - Nein ! diesen Flecken in meinem Leben werden niemals die Thränen der bittersten Reue vertilgen ! wohl giebt es einen Himmel und eine Hölle ! denn sie sind in unserm eigenem Herzen ! Sechstes Kapitel Röschens Verzweiflung , meine Angst - - ach ich muß davon schweigen ! - ich ertrage die Erinnerung nicht ! - Noch immer hoffte ich , daß die unglückliche Stunde keine weitern Folgen haben würde , und brachte es endlich dahin , Röschen das nemliche glauben zu machen . Aber leider sahen wir nur zu bald , daß wir uns geirrt hatten , und daß es nothwendig war , Röschen auf das schleunigste vor den Beobachtungen der Bedienten zu schützen . Der Nachsicht meiner Tante gewiß , wollte ich ihr alles entdecken . Aber Röschen versicherte : daß sie lieber in den Tod gehen , als sich dieser Schande aussetzen würde . Vielleicht wäre es noch möglich gewesen , sie zu bereden , wenn nicht gerade jetzt Friedrichs eifersüchtige Tücke sie aufs Aeußerste gebracht hätte . - Schon lange war unser Einverständniß von ihm bemerkt worden , und er hatte nur bis jetzt den Unwissenden gespielt , um sich plötzlich auf das Empfindlichste zu rächen . Erbittert , daß die Gelegenheit dazu noch immer nicht erschien , konnte er sich nicht enthalten , Röschen mit äußerst kränkenden Anmerkungen zu verfolgen . Das unglückliche Mädchen , war ihrer Schuld sich bewußt , und hatte stillschweigend alles erduldet . Aber das war Friedrichs Plane zuwider . Er wünschte zu größern und öffentlichern Mißhandlungen berechtigt zu werden , und da er sich hierin getäuscht fand ; so beschloß er auf eine andere Weise - es koste was es wolle , seine Rache zu befriedigen . Siebentes Kapitel Leider war ich genöthigt , mich wegen einer Erbschaftsangelegenheit auf einige Tage zu entfernen . Erst nach meiner Rückkehr sollte für Röschen gesorgt werden . Ihr Zustand hatte sie mir doppelt interessant gemacht , und ich hoffte noch immer , sie in meiner Nähe behalten , und meine Tante für sie gewinnen zu können . Die Unglückliche ! warum ahnete sie allein , was ihr bevorstand ! - warum konnte ich mich , ohngeachtet ihrer rührenden Bitten , aus ihren Armen reißen ! - Nein , niemals würde ich mich von ihr getrennt haben , wenn ich gewußt hätte , was ihr drohte . Kaum hatte ich mich entfernt , als Friedrich zu Röschens Vater eilte , ihm unser ganzes Verhältniß entdeckte , und den ohnehin jähzornigen Mann bis zur rasendsten Wuth erbitterte . Ein Brief voll der fürchterlichsten Drohungen meldete Röschen seine nahe Ankunft . Dies war genug um das bedauernswürdige Mädchen zur Verzweiflung zu bringen . Sie kannte ihren Vater und hoffte kein Erbarmen von ihm . Ohne Rath , ohne Schutz und ohne Trost , glaubte sie nur durch eine schleunige Flucht sich vor seinem Zorn sichern zu können . Ich kam zurück - und niemand wußte wo sie geblieben war . Mein Schrecken bey dieser Nachricht , mein Gram da ich nach unzählig mißglückten Versuchen , endlich die Hoffnung sie wieder zu finden , aufgeben mußte - wer begreift das nicht ? wem brauche ich es zu schildern ? - Wie ein Verbannter irrte ich umher . Das Leben , ich selbst , alles war mir verhaßt - und wahrscheinlich würde ich einer unheilbaren Melancolie nicht entgangen seyn ; hätte mich nicht Heinrich gerade jetzt an die Reise nach Italien erinnert . Diese Reise , war längst unter uns verabredet ; er hatte in Berlin alles dazu veranstaltet , und erwartete jetzt nur meinen letzten Entschluß . Achtes Kapitel Da waren wir denn in dem Lande der schönen Wunder ! Heinrichs Entzücken stieg jeden Augenblick ; aber für mich blieben sie todt , die Werke der unsterblichen Kunst . Nur einem kraftvollen Herzen offenbart sich ihr hoher Geist - das Meinige war durch die Leidenschaften entnervt . Aber der üppige Himmel wirkte desto mehr auf meine gereitzten Sinne . Bald entflohen alle traurigen Vorstellungen , und mein kochendes Blut mahnte mich nur zu sehr , daß ich mich in dem Lande des Genusses befände . Die italiänischen Frauenzimmer haben ein zu günstiges Vorurtheil für alles , was einem deutschen Manne ähnlich sieht , als daß ich lange nach Abentheuern hätte schmachten müssen . Im Gegentheil bothen sie sich mir so häufig an , daß nur die Wahl mich verlegen machen konnte . Aber diese Verlegenheit verschwand , sobald die Marquise P. mich mit gütigem Auge bemerkte . Sie wollte gefallen und - sonderbar genug - demohngeachtet gefiel sie wirklich . Ihre außerordentliche Schönheit , ihr blendender Witz rissen auch dann noch hin , wenn man am meisten auf seiner Huth zu seyn glaubte . Bald sah man sich gefesselt , und verlohr mit der Freiheit die Neigung ihren Verlust zu beklagen . Die italiänischen Frauenzimmer sind wohl geneigt mit Grausamkeit zu endigen ; aber nicht , wie die deutschen , damit anzufangen . Die Marquisin blieb der Sitte ihres Landes getreu , und bald waren wir auf das Innigste mit einander verbunden . - Will man eine sinnliche Anhänglichkeit Liebe nennen , so muß man gestehen : daß die italiänischen Frauenzimmer lieben , statt daß die deutschen sich nur lieben lassen . Die Deutsche ist glücklich , wenn sie umarmt wird - die Italiänerin will selbst umarmen - und das , was in Deutschland Verderbniß und Unnatur heißen würde , ist in der Nähe des Vesuvs Natur . Neuntes Kapitel So sehr mir die Marquise den Aufenthalt in Neapel interessant machte , so unangenehm war er für Heinrich . Er litt unbeschreiblich unter dem Einflusse des brennenden Himmels , und sehnte sich nach Raphaels unsterblichen Werken zurück , um seine Phantasie wieder mit erhabenen Bildern anzufüllen . Vergebens war mein Rath , sich dem Einflusse des Clima ' s nicht zu widersetzen - vergebens mein Spott , da mein Rath nichts helfen wollte . Er wankte nicht in seiner unerbittlichen Strenge gegen sich selbst . » Nein ! « rief er - » ich kann mein edleres Selbst nicht dem unedleren aufopfern ! « - » Edleres ! unedleres Selbst ! « - wiederholte ich - » welche verworrene Begriffe ! Ist irgend etwas unedel , was die Natur befiehlt ? « - Er . Die Natur befiehlt Ordnung , und besieht nur durch sie . Ich handle dieser Ordnung zuwider , wenn ich mich zu den Thieren erniedrige . Für sie mag Sinnlichkeit Zweck seyn - für mich kann sie nie etwas Anderes als Mittel werden . Ich . Lauter Extreme ! - Wer sagt dir : daß du dich zu den Thieren erniedrigen sollst ? - Liebe die Person , mit der du dich sinnlich verbindest , so ist der Unterschied , der dir so gewaltig am Herzen liegt , erwiesen . Er . Lieben ! - Wie kann ich sie lieben , wenn ich sie nicht achte ! - Wie kann ich sie achten und lieben und sie unglücklich machen wollen ? - Ich . Mache sie glücklich ! das hängt ja nur von dir ab . Er . Wollte Gott , daß es so wäre ! aber ich kann noch nicht heurathen . Ich . Also für das liebliche Ehestandsjoch sparst du dich , opferst die schönsten Jahre des Genusses einer Chimäre auf ? - Er . Immerhin ! mir ist diese Chimäre Wahrheit ! Ich . Hm ! - Was ist Wahrheit ! - Er . Alles , was den Menschen veredelt , ist menschliche Wahrheit . » Ich bleibe hier ! « - rief ich ärgerlich - » was du thun willst , hängt von dir ab . « » Was ich thun will « - antwortete er mit Festigkeit - » wirst du sehen . Ich habe deiner Tante versprochen , dich nicht zu verlassen . Ich halte es , aber ich rette mein Herz ! « - Zehntes Kapitel Der edle , vortrefliche Mensch ! wie rettete er es ! - Von nun an sah ich ihn nur des Morgens . Nachmittags , wenn ich nach ihm fragte , wußte Niemand , wo er war - aber des Abends kam er gewöhnlich todtmüde , und mit Schweiß bedeckt wieder zu Hause . Seit jenem Streite waren wir etwas gespannt , und ich hatte nicht den Muth , ihn zu fragen : wo er gewesen sey ? - aber die Neugier trieb mich , ihm eines Tages unbemerkt zu folgen . Wir waren schon weit von der Stadt , als ich ihm zwey halb nackte Kinder entgegenlaufen sah . Sie schrien laut vor Freuden , und das Eine ruhte nicht , bis er es auf den Arm nahm , während das Andre sich an seine Kleider hing , und so von ihm mit fortgezogen wurde . Sie gingen zu einem Hüttchen , wo ihm drey andere Kinder entgegen sprangen , und ihn laut jubelnd hinein führten . Ich war zweifelhaft , ob ich ihm folgen sollte , als er aus einer andern Thür heraustrat , einen Pflug anspannte , und auf das benachbarte Feld zog . Ich hatte mich hinter ein Gebüsch versteckt , und sah , wie er das Feld sehr ernsthaft auf und ab pflügte . Mit jeder Furche , die er zog , verschwand eine Falte von seiner Stirn , und wenn er nach dem Hüttchen blickte , so strahlte sein Gesicht von einer beynahe überirdischen Heiterkeit . » Ah ! doch wohl eine Liebschaft , « - dachte ich - » und wahrscheinlich eben so romantisch , wie er selbst . Das muß man doch ein wenig näher betrachten ! « - und so schlich ich unbemerkt zu dem Hüttchen . Ich fand einen abgezehrten Greis auf einem ziemlich reinlichen Lager . Er erzählte mir : daß sein Sohn - der Vater der fünf Kinder - auf einer Reise krank geworden , und daß seine Schwiegertochter ihrem Manne sogleich gefolgt sey , um seine Pflege zu übernehmen . » Jesus Maria ! « - rief er - » was wäre nun aus uns geworden , wenn Gott uns nicht einen Engel gesandt hätte ? - Ja , einen Engel ! denn er ist mehr als ein Mensch ! er hat übermenschliche Kräfte ! - mich trägt er wie ein Kind wohin er will , und was mein Sohn mit mehrern Arbeitern nicht bezwingen konnte , das ist ihm allein wie Kinderspiel . « » Sehen Sie ! sehen Sie ! « - fuhr er fort - » dort geht er und pflügt unsern Acker . Wenn meine Kinder nur erst wieder zurück sind ! sie werden ihn anbeten ! « » Ach ! wie mir so wohl geworden ist , daß ich es doch einen Menschen habe erzählen könne ! « Meine Augen wurden naß ; ich drückte dem Alten sprachlos die Hand ; ließ unvermerkt meine Börse auf dem Tische , und eilte , ohne auf das Feld wieder hinzublicken , in die Stadt . Eilftes Kapitel Die Marquise erwartete mich , aber ohngeachtet meine erste Empfindurg mich trieb , Heinrich zu fliehen , so war es mir dennoch unmöglich , diesen Abend ohne ihn zuzubringen , und um ihn nicht zu verfehlen , eilte ich sogleich auf sein Zimmer . Alles , was ich hier fand , überzeugte mich von seinem unabläßigen Streben nach Vervollkommnung . Seine Papiere verriethen ein so tiefes und ausgebreitetes Studium , daß ich jetzt sehr wohl begriff : warum er sich des Morgens vor jedem Besuche verleugnete . Endlich kam er , und ich sprang auf , um mich an seine Brust zu werfen . Aber es war etwas so Hohes , Ueberirdisches in seinem Wesen , daß meine Arme unwillkührlich sanken , und meine Knie sich beugten . Wer wüßte , was ich gethan haben würde , hätten mich nicht Schaam und Stolz aufrecht erhalten . Aber sie siegten und der Neid erwachte mit ihnen . Ich both ihm einen kalten guten Abend , entschuldigte mich , daß ich in seinen Papieren gekramt hätte , und eilte sehr übler Laune auf mein Zimmer . Hier bestürmten mich eine Menge unangenehmer Empfindungen , und die Marquise würde sich eben nicht geschmeichelt gefunden haben , wenn sie gewußt hätte , was mich so spät noch zu ihr führte . Ihr spöttischer Witz , der mit vormals so reitzend schien , dünkte mich diesen Abend beleidigend ; bald waren wir in einer sehr unfreundschaftlichen Stimmung , und versöhnten uns nur auf Kosten meiner Ruhe und meiner Gesundheit . Diese hatte seit einiger Zeit merklich gelitten , und ich konnte mir nicht verbergen , daß das etwas zu lebhafte Temperament der Marquise die Ursach davon war . Die Anmerkungen meiner Bekannten , - Heinrichs thränenvolles Auge , wenn ich nach einer leichten Geistesanstrengung mich erschöpft und muthlos fühlte - ach das Alles machte mich freylich für Augenblicke aufmerksam ; aber dann rissen mich wieder Sinnlichkeit und Gewohnheit dahin , und bald fing ich an , an mir selbst zu verzweifeln . - Ich war verlohren , wenn mich der Zufall nicht rettete . Zwölftes Kapitel Eines Tages , als ich früher wie gewöhnlich zur Marquise ging , fand ich sie nicht zu Hause , aber ihre Zimmer offen . Es hatte mich Niemand von ihren Leuten bemerkt , und ich beschäftigte mich , einige neue Schriften , die ich in ihrem Kabinette fand , zu durchblättern , als ein Wagen vor dem Hause hielt . Sie war es selbst . Ich beschloß , mich ganz still in dem Kabinette zu verhalten , um sie nachher angenehm zu überraschen . Die Thüre war nur angelehnt , und ich konnte das ganze daran stoßende Zimmer beobachten . Sie erkundigte sich im Hereintreten : ob ich da gewesen sey ? - » Nein ! « - sagte die Kammerjungfer . » Nun , gleichviel ! « - antwortete die Marquise - » laß mir Anton herauf kommen . « » Gleichviel ! « murmelte ich zähnknirschend , und schon hatte ich die Hand an der Thüre , als ein Geräusch mich wieder zu mir selbst brachte . Es war der geliebte Anton . Ein langes , keuchendes Gerippe , in der Livree der Marquise . Man schleppte ihn in die Mitte des Zimmers , wo er wie eine leblose Masse auf das Sopha niederfiel . Aber sobald sich die Marquise ihm näherte , flog eine Fieberröthe über seine eingefallnen Wangen , und in seinen erstorbnen Augen loderte plötzlich eine wüthende Gluth . Sie sagte ihm : daß sie seinetwegen mit einem Arzte gesprochen , und alle Hoffnung zu seiner Besserung habe . Jetzt wollte sie seine Hand ergreifen , aber mit Abscheu stieß er sie von sich . » Lassen Sie mich ! « - schrie er - » Sie allein haben mich in dies unabsehbare Elend gestürzt ! - ich verfluche Sie und alle ihre Aerzte ! « - » Was soll ich hier ? - wollen Sie sich an meiner Marter weiden ? - Bey Gott , ich schwöre Ihnen ! « - - Hier schloß die Wuth ihm den Mund , und er sank ohnmächtig auf das Sopha zurück . Die Marquise rief ihre Leute , der Unglückliche ward fortgeschleppt , und da sie selbst ihm folgte , so nutzte ich den Augenblick , um dieser Hölle zu entfliehen . Eine Minute wollte die Rache mich zurückhalten ; aber der Abscheu überwand , und ich stürzte über die Straße , als ob alle Geister des Abgrundes mich verfolgten . Heinrich hatte mich kommen sehen , und eilte mir erschrocken entgegen . » Was ist es ! « - rief er - » um Gottes Willen , was ist es ? « - Mit einem Strohm von Thränen sank ich in seine Arme . » Rette mich ! rette mich ! « - rief ich , » großer , edler Mensch ! verstoß mich nicht von deinem Herzen ! « » Ich dich verstoßen ! - antwortete er - » nimmermehr ! - Komm , erzähle mir , was dich so heftig erschüttert . « - Und da ich ihm Alles gesagt hatte , rief er begeistert : » Willkommen ! willkommen ! mir und der Tugend ! Jetzt ist ein Rückfall unmöglich ! jetzt bist du für ewig gewonnen ! « - Fünftes Buch Erstes Kapitel Jetzt bedurfte es keiner Ueberredung , um mich von Neapel zu entfernen , und schon am folgenden Tage waren wir auf dem Wege nach Rom , wo wir uns gleichwohl , der Vorschrift des Arztes zufolge , nur kurze Zeit verweilen durften . Er hatte mir gerathen , durch die Schweiz zu gehen , und den Winter im südlichen Frankreich zuzubringen ; und ich war auch um so mehr geneigt , dieser Vorschrift zu folgen , da ich durch Heinrich , welcher mit Sophie im fortwährenden Briefwechsel stand , wußte : daß sich dieselbe seit mehrern Monaten in Avignon aufhielt . Ihr und Mariens Bild wurden jetzt die herrschenden meiner Seele und oft so in einander verschmolzen , daß sie mir zuletzt nur ein Wesen auszumachen schienen . Ich wollte mich der Tugend widmen ; aber meine Phantasie bedurfte einer menschlichen Gestalt , sie zu umhüllen , und indem Sophie mir für die Tugend selbst galt , schmückte ich sie mit allen jugendlichen Reitzen Mariens . Italien hatte ich nur durchgejagt , jetzt würde die Sehnsucht nach Avignon mich wahrscheinlich verleitet haben , die Schweiz eben so zu durcheilen , wenn es mir meine zerrüttete Gesundheit nicht unmöglich gemacht hätte . Ich mußte in Chamouny ein Häuschen miethen , und meine Reise nach Avignon wenigstens um einen Monat verschieben . Wer war froher , als Heinrich ! - » Nur hier wirst du genesen ! « - rief er - » nur hier wirst du den Adel der Menschheit begreifen ! « - Aber ach ! was ihn mit Muth und Freude erfüllte , erregte mir nur Schauder , und wenn ich die schroffen Felsen hinanblickte , so dünkte mich , sie würden über mir zusammenstürzen . Oft wollte ich es wagen mich durch die Aussicht von ihren Gipfeln zu erheitern ; aber schon auf der Hälfte des Weges sank ich kraftlos zu Boden , und wir mußten nach Genf eilen ,