. - Hab ' ich denn sonst keine Pflichten zu erfüllen , als nur gegen ihn ? keine gegen mich selbst ? - XIII. Lass Er ' s doch gut seyn ! sagte der Alte zu Monsieur Schlicht , als ihm dieser in voller Bestürzung die auf dem Zimmer des Sohns gemachte Entdeckung mittheilte , und nicht fertig werden konnte , das Haus seines guten alten Wohlthäters zu bejammern , wenn es mit dem jungen Herrn seine erste und festeste Stütze verlieren sollte . Er sah es in Gedanken schon von allen Seiten baufällig werden und in Trümmer zerfallen . Hat nichts zu sagen ! meinte der Alte , der sich hinsetzte , um für seinen Sohn einen offnen Wechsel zu schreiben . Nichts zu sagen ! erwiederte Schlicht , und war unschlüssig , ob er über die Gleichgültigkeit des Alten mehr erstaunen oder sich ärgern sollte . - Nichts zu sagen , Herr Stark ? So erwägen Sie doch - - Dass dich ! rief hier der Alte : - da muss ich nun den Wechsel , der beinahe schon fertig war , wieder zerreissen , und einen andern anfangen . - Kann Er denn keinen Augenblick schweigen ? Ist Ihm denn das Plaudern so zur andern Natur geworden ? - Monsieur Schlicht hatte das Eigne , dass er die Wörter : Plaudern und Schweigen , wenn sie mit Beziehung auf ihn selbst gesagt wurden , gar nicht hören konnte , ohne misslaunig und stöckisch zu werden . Er hatte , in jüngern Jahren , sich lange und viel in der Welt umhergetrieben ; hatte , wie er immer zu rühmen pflegte , seine Augen nie in die Tasche gesteckt : und wenn andre Leute sich Einsichten und Erfahrungen gesammelt hatten , so hatt ' er ' s wohl auch . Ein solcher Mann , meinte er , müsste Freiheit zu reden haben , oder es hätte sie niemand , und alle Welt müsste schweigen . Er kehrte kurz um und wollte fort , als Herr Stark ihm ernstlich befahl , zu warten , und ihn dann zu seinem Sohne zu begleiten , wenn sich etwa noch dieses oder jenes zu veranstalten fände . - Die übrige Familie , die Monsieur Schlicht schon etwas früher , als den Vater , von seiner Entdeckung benachrichtiget hatte , war eben in vollem fruchtlosen Kampf mit dem Sohne , als Herr Stark , in Begleitung des alten Handlungsdieners , hereintrat . Seine Erscheinung auf einem so abgelegenen Zimmer , das er gewiss seit der Blatternkrankheit der Kinder mit keinem Fusse mehr betreten hatte , setzte Alle in die grösste Erwartung , und den Sohn in eine sichtbare Verwirrung . So gut es indessen in der Geschwindigkeit möglich war , raffte sich dieser zusammen , um den Vorwürfen oder Vorstellungen des Vaters , und wenn er die letztern auch noch so kräftig mit dem vollen Beutel in seiner linken Hand unterstützen sollte , nachdrücklich entgegenzuarbeiten . - Das sind viel Sachen , Monsieur Schlicht , sagte der Alte , indem er die Augen auf die vollen Stühle umherwarf : und ich sehe hier nichts , als den einzigen kleinen Coffer . Da gehn sie ja unmöglich alle hinein . So bleiben sie heraus , murmelte Schlicht , ohne dass es der Alte hörte ; warum ist er nicht grösser ? Wäre denn sonst keiner da ? Denn in diesen hier bringt Er ja kaum das Drittel von allen den Kleidungsstücken . Das könnt Er , dächt ' ich , mit halben Augen sehen . Ach , ich - mit meinen Augen , Herr Stark - ich sehe nur mein Leiden an der Geschichte . Warum denn aber ? - Sei Er nicht wunderlich , Freund ! Geb ' er mir Auskunft ! Der alte Mantelsack mag noch da seyn , den Sie vor etwa dreissig oder vierzig Jahren auf Ihren Reisen brauchten . Er war ja schon damal in lauter Fetzen . Der Alte konnte sich kaum enthalten zu lachen . - Ich weiss nicht , wie Er mir manchmal vorkömmt , Monsieur Schlicht . Solche feine und kostbare Kleidungsstücke - denn Er sieht ja wohl , dass das eine Garderobe ist die für keine tausend Thaler geschafft worden - die will Er in den schmutzigen alten Mantelsack schnüren ? Ich nicht . Ich will hier weder packen noch schnüren . Noch einmal : Sei Er nicht wunderlich , Freund ! Steck ' Er Geld ein , und geh ' Er zu dem Manne gegen der Börse über ! Der hat Coffers , den ganzen Laden voll , von allerhand Grösse und allerhand Art : da such ' Er sich einen aus ! - Zu hoch und zu breit , denk ' ich , wird Er ihn wohl nicht nehmen können ; aber mit der Länge wird Er sich vorzusehn haben . - Am besten , Er geht vorher in den Schuppen , und nimmt an meiner Chaise das Maass . An welcher Chaise ? - Der Alte sah ihn einen Augenblick an , und schüttelte mit dem Kopfe . - An der zerbrochenen nun doch wohl nicht ? denn von der ist ja nichts als der Kasten übrig . Nun , ich höre ja wohl ! An der neuen , die Sie zur Reise von vorigem Sommer kauften . Richtig ! - Ich mache sie meinem Sohn zum Geschenk ; denn mir steht sie da nur im Wege : mit meinen Reisen ist ' s aus . Und , Monsieur Schlicht - dass Er mir das ja nicht vergisst ! - lass Er vorher erst recht nachsehen , ob auch noch Alles in haltbarem Stande ist : Riemen und Eisenwerk , Räder und Achse . Nichts ärgerlicher , als wenn man unterwegs mit seinem Fuhrwerk in Krüppeleien geräth ! - Die Chaise , fuhr er mit unwilligem , verweisenden Tone fort , hat mir da , den ganzen Sommer hindurch , in der Trockniss gestanden . - Woran ich selbst nicht - denke , denkt niemand . Ich wollte , sie wär ' in tausend Trümmern , brummte Schlicht vor sich hin , und verliess das Zimmer in einer noch weit üblern Stimmung , als worin er ' s betreten hatte . Sich Mangel an Aufmerksamkeit auf das Haus oder irgend etwas zum Hause Gehöriges , oder sonst unter seiner Aufsicht Befindliches , Schuld geben zu lassen , war ihm ganz unerträglich . Ein getreuerer Aufseher , und ein besserer Ökonom , als Er , sollte auf Erden noch erst gefunden werden . - Übrigens liess er es bleiben , zur Abreise des lieben jungen Herrn auf irgend einige Art zu helfen ; den Coffer für ihn mogte ein Anderer schaffen . Der Alte sah mit einem trüben , mitleidigen Lächeln hinter ihm her . - Wie schwach einen doch manchmal das Alter macht ! sagte er dann , mit einer Wendung gegen den Doctor . Der gute , ehrliche Schlicht ist meinem Sohne so herzlich , so herzlich ergeben , dass er ihn , vor lauter Ergebenheit , lieber hier würde umkommen , als auswärts sein grösstes Glück machen sehen . - Nein , Gottlob ! da bin ich festrer Natur . - Es ist freilich wohl angenehm , die lieben Seinigen immer um sich zu haben ; aber , wenn das einmal nicht seyn kann - - Und warum nicht ? Warum kann das nicht seyn ? fragte die Alte , die ihre Bewegung nicht länger bergen konnte . - Aus mehr als einer Ursache nicht , gute Mutter . Darf ich die hören ? - Nur eine einzige , bitt ' ich . Alle ! - Es sind ja keine Geheimnisse . Nun ? - Zuerst schon deswegen nicht : weil ich und er , wenn wir hier länger zusammenblieben , uns einander das bischen Leben nur schwer machen würden . Das sei Gott geklagt ! Und die Schuld ? - Die ist mein . Das versteht sich . - Ferner deswegen nicht ; weil ich so oft ihm vorgeworfen , dass es ihm an Entschluss und Unternehmungsgeist fehle , und weil es seltsam herauskommen würde , wenn ich gerade beim ersten Beweise vom Gegentheil - wie nun dieser auch immer seyn mag - ihm durch den Sinn fahren wollte . Endlich und hauptsächlich deswegen nicht : weil die Errichtung eines neuen Handlungshauses und der dazu nöthige Vorschuss ihn zu einer Thätigkeit zwingen , ihn zu einer Sparsamkeit und Ordnung gewöhnen werden , wie ich sie ihm hier , mit allen meinem Predigen , nicht habe beibringen können . Ich hoffe , er soll mir jetzt eine ganz andere Denkungsart annehmen ; soll mir jetzt ganz so werden , wie ich ihn immer wünschte . Und deine Handlung ? fuhr die Alte mit etwas gesunkenem Tone fort : deine Geschäfte ? - Die , Mutter , sind meine , nicht deine Sache . Wer sie so lange gut zu führen gewusst hat , wirds auch jetzt wohl noch wissen . - Denke du lieber an das , was dir noch wird zu besorgen bleiben . Mir ? - Und das ist ? Du wirst ihn doch nicht so trocken abfertigen wollen ? wirst ihm doch zu guterletzt noch einen Abschiedsschmaus geben ? - Ich hoffe , Sie kommen dazu auch , lieber Doctor . Und du - indem er die Tochter ansah - und euer ganzer kleiner Anhang , versteht sich . - Er lächelte mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit gegen sie hin . - Da wollen wir noch einmal recht von Herzen mit einander vergnügt seyn . Vergnügt ? Recht von Herzen ? seufzte die Mutter . - Wirst du das können ? Warum nicht ? Was in der Welt soll mich hindern ? - Der Ort , wohin er zieht , liegt ja so nahe . Wir dürfen nur auf die Post schicken und anspannen lassen , wenn uns künftig einmal das Herz zu gross wird ; wir dürfen nur zu ihm fahren . - Ja , wenn es zur See nach America , oder gar bis nach China ginge ! oder gar bis nach der Botanybay ! Behüte Gott ! rief die Alte . Amen ! Amen ! Und nun keine Seufzer weiter ! Es ist genug . - - Du hörst , fuhr er dann fort , indem er sich mit gütigem Ernst gegen den Sohn herumwandte , dass ich von deinen Absichten weiss , und dass ich sie , nach Lage der Umstände , wie diese nun einmal sind , eben nicht tadle . - Geh mit Gott , mein Sohn ! Meinen Segen zu deiner Reise ! - An deine Stelle hier kann der erste Buchhalter treten , Monsieur Burg ; den kennst du selbst als einen gewandten , thätigen , rechtschaffnen Mann : und ich , so alt ich bin , habe doch auch noch Kräfte , um arbeiten , und Augen , um nachsehen zu können . Für meine Handlung also sorge nur nicht ; aber wie es mit deiner gehn wird ? - Aller Anfang , sagt man , ist schwer ; und was du dir selbst , bei so mancherlei Nebenausgaben , erübriget haben kannst , mag dich eben nicht drücken . - Da ! indem er den ziemlich schweren Beutel , den er bisher gegen die linke Hüfte gestützt hatte , auf den Tragkasten unter den Spiegel setzte - eine kleine Erkenntlichkeit für geleistete Dienste ! Ich hob sie dir immer auf , um eine Zeit damit abzuwarten , wo sie dir eben gelegen käme ; und diese , denk ' ich , ist jetzt . - Aber , da es dir doch noch fehlen , und Dieser oder Jener , wegen unsrer unvermutheten Trennung , bedenklich werden und dir sein Zutrauen versagen mögte ; so ist hier noch ein offner Wechsel , der hoffentlich allen Bedürfnissen abhelfen und alles Misstrauen entfernen wird . Der Alte schwieg , und schien einen Augenblick auf die schuldige Danksagung des Sohns zu warten ; aber es erfolgte nichts , als eine steife , ungeschickte Verbeugung . - Ich sehe wohl , sagte er dann , dass ich dir in einer Arbeit gekommen bin , worin man sich eben darum so ungern stören lässt , weil man sie so ungern anfängt . - Ich will dich jetzt länger nicht aufhalten . Wenn du hier fertig bist , sprechen wir einander schon weiter . - XIV. Die Verbündeten sahen dem Alten , als er das Zimmer verliess , mit sehr verschiednen Empfindungen nach . Die Mutter war voll Ärgers und Jammers , dass er dem Sohne , den er sollte zu halten suchen , selbst das Fortgehen erleichterte ; die Tochter , voll Empfindlichkeit und Beschämung , dass sie mit dem guten Worte , welches ihr versprochen und in gewisser Absicht freilich gehalten worden , so schlau hinter das Licht geführt war ; und der Doctor , voll stiller Bewunderung des scharfen , richtigen Blicks , womit der Vater den Charakter seines Sohns musste gewürdiget haben . So wie man diesen nur ansah , entdeckte man sogleich sein ganzes Inners in seinem Äussern . Das Licht der Augen , die bedeutunglos vor sich hinstarrten , schien bis auf den letzten Funken verlöscht ; aus den Gesichtsmuskeln war alle Festigkeit , alle Spannung verschwunden , und die Arme hingen an beiden Seiten so schlaff und welk herunter wie die Zweige einer Zitterespe . Erst , als Mutter und Schwester zu ihm hinantraten , um ihre Theilnahme an seiner Entlassung zu bezeugen , kam auf einmal in die todte , seelenlose Gestalt wieder Leben ; er bat sie , mit abwärts gekehrtem Blick und hinter sich ausgestreckter verwandter Hand , dass sie , wenn sie noch einige Zärtlichkeit für ihn hegten , ihn auf der Stelle verlassen mögten . Diese Bitte ward von dem Doctor , der selbst voranging , mit Wink und Blick unterstützt ; er urtheilte , dass der Schwager noch ein wenig mehr beschämt als gekränkt sei : und Scham , glaubte er , sei eine Empfindung , bei der man überhaupt keine Zeugen , und am wenigsten die mitleidigen , liebe . - Wirklich war die Art , wie sich der Alte benommen hatte , eben weil sie so äusserst nachgebend und sanft schien , für die Eitelkeit des Sohns sehr verwirrend . So wenig auch dieser die Absicht gehegt hatte , seinem Vater wehe zu thun - denn dazu war er , wie wir aus der besten Quelle , nehmlich von ihm selbst , wissen , viel zu gut und zu fromm - : so lag es doch leider ! in der Natur der Sache , dass der Alte für so manche Kränkungen , die er erwiesen , jetzt an seinem Theil eine empfinden musste ; und da hätt ' es der Anstand nun wohl erfordert , dass er sich diese Kränkung auch ein wenig hätte merken lassen . So ohne die mindeste Einwendung , und ohne eine Spur von Missmuth und Kummer , in den Abgang des Sohnes einwilligen : das hiess von den Verdiensten desselben um die Handlung sehr herabwürdigend denken , und gegen seine Unentbehrlichkeit , die doch so vollgültig durch die Unruhe der Familie und durch das Schrecken des alten Schlicht bestätiget war , sehr beleidigende Zweifel äussern . Noch mehr musste es schmerzen , dass der Alte , durch sein Betragen , eine heimlichgenährte sichre Hoffnung des Sohns , die zwar dieser sich selbst noch nicht bekannt hatte , geradehin für eitel und thöricht erklärte . Die Unentbehrlichkeit des Sohnes einmal festgesetzt , liess es sich nehmlich voraussehn , dass der Vater sich alle ersinnliche Mühe geben würde , ihn zurück zu halten : und da hätte dann jener , nach seinem so vorzüglich guten Charakter , sich gewiss am Ende bewegen lassen , über alles Vergangne einen Schleier zu werfen , und auf gute vorteilhafte Bedingungen wieder an seinen alten Platz zu treten . Jetzt , da sich einmal der Vater so ganz anders erklärt hatte , war bei seiner störrischen Sinnesart nichts gewisser , als dass er sich in Ewigkeit nicht zum Ziele legen , sondern , wenn Noth an Mann ginge , lieber seine Geschäfte äusserst zusammenziehen , als das geringste gute Wort gegen den Sohn verlieren würde . Und so stand denn dieser mit seiner Wahl zwischen den zwei gleich unangenehmen Entschlüssen mitten inne : entweder Reue zu zeigen , und das Joch , das er hatte abschütteln wollen , ganz geduldig wieder auf seinen Nacken zu nehmen ; oder den unglücklichen Vorsatz zur Abreise ins Werk zu setzen , ohne dass er davon die beabsichtigten Vortheile hätte . Er bereute es jetzt zu spät , dass er sich das prophetische Herzklopfen bei dem versuchten Abschiede vom Vater nicht ein wenig mehr hatte warnen lassen . Was ihm diese Unannehmlichkeiten noch weit peinlicher machte , war der Umstand : dass seine Gesinnungen in Betreff der Witwe nicht mehr völlig die alten waren . Von den Schwierigkeiten , die einer Verbindung mit ihr entgegenstanden , hatten die meisten , durch das längere und öftere Betrachten , wie das so oft zu geschehen pflegt , an ihrer Wichtigkeit schon verloren ; und vollends seit gestern , wo sich die Witwe so äusserst liebenswürdig gezeigt hatte , waren sie fast gänzlich verschwunden . Über den Mangel an Vermögen konnte ein Mann , der dessen selbst genug hatte , hinwegsehn ; die Kinder , da sie Ebenbilder einer so liebreizenden Mutter waren , schienen eher eine angenehme , als eine beschwerliche Zugabe ; und das Gerede einer albernen Menge , das ohnehin nie lange Dauer hat , lässt kein Kluger sich irren . Es blieb also von allen Steinen des Anstosses nur der grösste , der zu fürchtende Widerspruch des Vaters , übrig ; und diesen wegzuräumen , war wohl schwerlich ein bessres Mittel , als dass man die Verbindung mit Madam Lyk zum ersten und wesentlichsten Vergleichspuncte bei der gehofften triumphirenden Wiederkehr machte . Statt also , wie es der anfängliche Wunsch des Herrn Stark gewesen war , seiner Liebe aus dem Wege zu gehen , wollt ' er jetzt dieser Liebe vielmehr entgegeneilen ; es war nichts als eine der Selbsttäuschungen , denen der junge Mann so sehr unterworfen war , wenn er sich am vorigen Abende zu einem so herrlichen Siege seiner Vernunft über seine Schwachheit Glück wünschte : denn gar nicht die Vernunft , sondern die Schwachheit , hatte gesiegt , und in dem Entschluss zur Trennung hatte die Hoffnung der Vereinigung versteckt gelegen . Seine vielen Thränen hatte inm weniger der Schmerz des Abschieds , als der heimliche Gedanke entlockt , dass sein Entwurf nicht vor aller Gefahr des Scheiterns gesichert seyn mögte ; wenigstens , wie es jetzt leider ! am Tage lag , wäre so ein Gedanke ganz nicht unvernünftig gewesen . - - Der Doctor , der die Gemüthslage des Herrn Stark , bis auf den Punct von der Witwe , durch und durch sah , kam jetzt in der Absicht zurück , ihm mit seinem guten Rathe zu dienen . - Es wandelte ihn einige Verachtung an , als er den Schwager , in armselig zusammengekrümmter Gestalt , auf dem zugeworfnen Coffer sitzend fand , wie er mit der einen Hand auf das Knie griff , und mit der andern das schwere , sorgenvolle Haupt unterstützte . Er sah wohl , dass so einem Manne sich der Rath unmöglich geben liesse , den er sich selbst , unter ähnlichen Umständen , in die er aber nie hätte gerathen können , ganz gewiss gegeben hätte ; nehmlich : einen Entwurf , mit dem es einmal so weit gediehen , trotz aller Unannehmlichkeiten lieber durchzusetzen , als schimpflicher Weise davon zurückzutreten . Für den Schwager , glaubte er , sei nichts anders zu thun , als dass er irgend eine erträgliche Wendung ausspüre , womit jener sich dem Vater , ohne zu grosse Beschämung , wieder anbieten könnte ; und diese Wendung schien ihm durch die grossmüthigen Geschenke des Vaters , gleichsam absichtlich , vorbereitet . Es war natürlich , dass das Herz des Sohnes davon gerührt werden musste , und eben so natürlich , dass diese Rührung das Verlangen erzeugte , einen so edeldenkenden Vater lieber nie verlassen zu dürfen . Wenn man dann dem Alten noch in dem Hauptpuncte willfahrte und sich geneigt zu einer Heirat erklärte ; so liess sich erwarten , dass dieser mit Freuden einschlagen , and dass er dem Sohne wohl gar seine Handlung , mit dem einzigen Vorbehalt der Geldgeschäfte , völlig abtreten würde . Herr Stark hörte diesen Entwurf , den ihm der Doctor mit aller möglichen Feinheit und Schonung vortrug , zwar nicht ohne Scham , aber doch mit Gelassenheit an ; nur bei dem Worte Heirat Stiess er auf einmal einen so mächtigen , so tief aus dem Herzen geschöpften Seufzer aus , dass der Doctor sogleich einen neuen Sorgenstein argwöhnte , der härter als alle übrigen , drücken müsse . Er liess jetzt , im Fortgange der Rede , ein Wörtchen von Madam Lyk und ihrer Liebenswürdigkeit fliessen ; - die Wirkung davon übertraf alle Erwartung : Herr Stark riss sich vom Coffer auf , floh in ein Fenster und entdeckte durch laute Thränen , wie weit es mit seinem Herzen schon müsse gediehen seyn . Jetzt ward nun guter Rath etwas theurer , und der Knoten verwickelte sich allzusehr , als dass der Doctor ihn auf der Stelle zu lösen gewusst hätte . - Um Zeit zu gewinnen , fiel er auf das Mittel : dass er sich , als Bruder und Arzt , für die Gesundheit des Schwagers besorgt stellte , ihn um seine Hand bat , und in seinem Pulse fieberhafte Bewegungen entdeckte . Herr Stark , als ob er schon sehnlich auf einen Vorwand , seine Reise aufzuschieben , gewartet hätte , ergriff dieses Wort des Doctors mit vielem Eifer ; er liess sogleich einen kleinen freiwilligen Frost über sich hinschaudern , setzte sich , wie ermattet , nieder , und versicherte , dass er wirklich seit einigen Tagen etwas Fieberhaftes verspüre . Der Doctor verschrieb ihm nun Arzeneien , die weder helfen noch schaden konnten ; und Herr Stark fing an , eines Flussfieberchens wegen , worüber die Familie sich nicht sonderlich beunruhigen durfte , das Zimmer zu hüten . XV. Was giebst du mir , wenn ich dir eine Entdeckung mache ? - sagte der Doctor , als er zu seiner Frau zurückkam . Lass hören ! - Vielleicht eine Gegenentdeckung . Der Bruder ist sterblich verliebt in die Lyk . - Die Lyk ist sterblich verliebt in den Bruder . - Ist ' s möglich ? - Und nun erfolgte von beiden Seiten eine Herzenserleichterung , die mit allen Holdseligkeiten ehelicher Vertraulichkeit gewürzt war . - Sie ist krank , sagte die Doctorinn , herzlich krank ; ich habe die Freundinn von ihr , die eben da war um dich zu ihr zu bitten , über alle Umstände befragt ; sie hat gestern Abend - und merke dir ' s wohl : weil eben der Bruder von ihr gegangen - - Der Bruder ? Da hat er Abschied genommen ! Natürlich ! - Sie hat , sagt mir die gute Freundinn , gar nicht aufhören können zu weinen ; die ganze Nacht hindurch hat sie kein Auge geschlossen ; alle Munterkeit , alle Esslust ist bei ihr fort ; - dazu hat sie Krämpfe - die schrecklichsten ! - Krämpfe ? Hm ! Kurz : das arme Weib steckt in Liebe bis über die Ohren . - Und nun bitt ' ich dich , Herzensmann : lass Essen und Alles seyn , und mach dass du hinkömmst , damit wir das Nähere erfahren ! Sie ist ohnehin nicht die stärkste , sagte der Doctor , der ein wenig ungläubig schien ; - sie ist dem Bruder ungemein viel Verbindlichkeit schuldig ; - sie hat ein dankbares Herz - Eben deswegen ! Solche Herzen sind dir die brennbarsten ; die fangen Feuer , wie Zunder . - Der Bruder ist ein ganz artiger Mann . - Das wohl . Und ich kenne dir eine , die Anfangs auch nur dankbar war , weil ein Gewisser - ein noch artigerer Mann - ihr von einem bösen Fieber geholfen hatte , und die nachher - - Das verdiente einen Kuss , der gegeben ward , und der Doctor flog fort . Er fand die Witwe freilich nicht wohl ; aber so krank denn doch nicht , als die gute Freundinn , und dann weiter die Frau Doctorinn , es gemacht hatten . Sie gestand , nach einigem Kampf mit sich selbst , dass der Hauptgrund ihres Übelbefindens in einer Unruhe des Herzens liege . Der Doctor horchte mit beiden Ohren : denn er glaubte schon den ausserordentlichen Fall vor sich zu haben , dass ein Frauenzimmer die Schwachheiten seines eigenen Herzens verplaudre ; aber als das Geheimniss an den Tag kam , war es weiter nichts , als ihr Verhältniss mit dem gedachten Gläubiger . Der Doctor war Hausarzt dieses Mannes , und hatte ihm und seiner Familie grosse Dienste geleistet : die Witwe gründete hierauf die Hoffnung , dass ein von ihm eingelegtes gutes Wort ihr Nachsicht auf einige Wochen bewirken könnte ; und sie beschwur ihn um dieses Wort , als um eine Freundschaft , die ihre Genesung mehr , als alle Arzeneimittel , befördern würde . Ihre Lage , sagte sie , sei die dringendste von der Welt , aber nichts weniger als verzweifelt : sie sei im Stande , wenn man ihr Zeit lasse , alle ihre Schulden bis auf den letzten Heller zu tilgen ; und sie berufe sich deswegen auf das Zeugniss seines Schwagers , des Herrn Stark - wenn er anders noch hier sei . - Das Eigne in der Modulation der Stimme , womit sie diese letzten Worte aussprach , zusammengenommen mit einem kleinen übelverhehlten Seufzer , und mit dem Niedersinken ihres bis dahin aufgehobenen Blicks in den Busen , schien dem Doctor eine Indication zu geben , die er sich nicht dürfe entschlüpfen lassen . Ich bin zu Ihrem Befehl , sagte er , liebe Freundinn ; aber ich bitte Sie zu erwägen ; dass die Summe die Sie mir angeben , von keinem Belang , und dass der Mann mit dem wir zu thun haben , von rauher , unfreundlicher Art ist . So wenig ich zweifle , meinen Antrag bei ihm durchzusetzen ; so könnte er doch leicht sich herausnehmen , bei dieser Gelegenheit Dinge zu sagen , die mir wehe thun würden . - Warum denn auch einen rauhen , beschwerlichen Umweg zum Ziele gehen , wenn ein gerader , gebahnter Weg offen da liegt ? Welcher ? seufzte die Witwe . Sie nannten vorhin einen Freund , dem jede Gelegenheit , Ihnen gefällig zu werden , das grösste Vergnügen erweckt . Ich bürge Ihnen für seine Gesinnungen gegen Sie . Dieser Freund - - Gönnen Sie ihm doch das Glück , Madam , Ihnen dienen zu können ! Das Glück ? - Aber wenn ' s denn ein Glück ist ; so gestehn Sie : er hat es nur zu reichlich genossen . - Ich erliege unter der Last meiner Verbindlichkeiten . Ich kann sie ewig nicht tilgen . - Und will er jetzt nicht fort , dieser Freund ? Will er uns nicht verlassen ? Wird er des Geldes genug nur zu eigener Einrichtung haben ? - Ihre Stimme schwankte , und sie schien in ausserordentlicher Bewegung . Es mangelt ihm nicht , Madam ; ganz gewiss nicht ! - Geben Sie ihm die Freude mit auf den Weg , Ihre Wohlfahrt gesichert zu haben ! Lassen Sie mich hin , ihm es vorzutragen ! Es ist in wenig Augenblicken geschehen . - Er stand auf , und machte Miene sich zu entfernen . Nein ! Nein ! - war Alles , was die Witwe hervorbringen konnte . Sie hatte die Hand des Doctors , um ihn zurückzuhalten , mit einer ihr ungewöhnlichen Hitze ergriffen . Er fühlte das Brennen und Zittern der ihrigen , und bat sie , ihrer schwachen Gesundheit zu schonen . - Ich rede dann , weil Sie ' s so wollen , mit Ihrem Gläubiger , und ich halte die Sache mit ihm für so gut als berichtigt . Werden Sie ruhiger , liebe Freundinn ! - - Der Doctor hatte an diesem Wenigen schon genug , um bei seiner Zuhausekunft seiner Frau zu sagen , dass sie wohl schwerlich geirrt haben mögte . - Aber , setzte er hinzu , wie in aller Welt soll das werden ? Wo soll das hinaus ? Du fragst ? - Wenn sie wirklich so liebenswürdig und sanft und gut ist , wie du sie mir immer gerühmt hast - - Das ist sie wahrlich ! wahrlich ! Nun so lässt man den dritten Mann kommen , den Priester . Der weiss Mittel für solche Übel . Mir wär ' s recht ; in der That ! Ich nennte die gute Frau mit Vergnügen Schwester . - Aber ich gestehe dir : dass ich zittre , wenn ich an deinen Vater denke . O , der wunderliche , alte - liebe , böse Mann der , der Vater ! - Ich bin so erbittert auf ihn ; ich mögt ' ihn gleich - - ja , was mögt ' ich , ich Närrinn ? - - Aber je lieber ich ihn habe , desto abscheulicher war ' s , mich so herumzuführen , so zum Besten zu haben . - Ich vergess ' ihm das nicht ; nimmermehr ! Ich spiel ' ihm irgend einen Gegenstreich , und einen recht argen . - Wart ! Eben mit der Lyk muss ich ihm einen spielen . - Wie ? Soll denn darum , weil er sich gegen die arme Frau eine wunderliche Grille in den Kopf gesetzt hat -