Dunst . Da rief Albano : Ich will alle meine Tränen vergießen und die Säule aufschwellen , damit ich dich erreiche , schönes Auge ! Und das blaue Auge wurde feucht von Sehnen und sank vors Liebe zu . Die Säule wuchs brausend , das Gewitter senkte sich und drückte das Wölkchen voraus , aber er konnt ' es nicht berühren . Da riß er seine Adern auf und rief : Ich habe keine Tränen mehr , Geliebte , aber all ' mein Blut will ich für dich vergießen , damit ich dein Herz erreiche . Unter dem Bluten drang die Säule höher und schneller auf - der weite blaue Äther wehte und das Gewitter verstäubte und alle verschlungnen Sterne traten mit lebendigen Blicken heraus - das flatternde freie Wölkchen schwebte blitzend zur Säule nieder - das blaue Auge tat sich in der Nähe langsam auf und schneller zu und hüllte sich tiefer in sein Licht ; aber ein leiser Seufzer sagte in der Wolke : Zieh mich in dein Herz ! - O da schlang er die Arme durch die Blitze und schlug den Nebel weg und riß eine weiße Gestalt , wie aus Mondlicht gebildet , an die Brust voll Glut - Aber ach der zerrinnende Lichtschnee entwich den heißen Armen - die Geliebte verging und wurde eine Träne und die warme Träne drang durch seine Brust und sank in sein Herz und brannte darin und es rann auseinander und wollte vergehen « .... Da schlug er die Augen auf . Aber - welches überirdische Erwachen ! - Das weiße ausgeleerte Wölkchen , mit Gewittertropfen befleckt , hing , auf ihn hereingebückt , noch am Himmel - - - es war der helle , liebendnahe über ihn hereingesunkne Mond . Er hatte sich im Schlafe verblutet , weil sich darin die Binde von der Wunde des Armes durch das heftige Bewegen desselben verschoben hatte . Die Entzückungen hatten den Nachtfrost des Geisterschreckens zerschmolzen . In einem verklärenden Ersterben flatterte aufgebunden sein so festes Dasein umher wie ein beweglicher Traum in den gestirnten Himmel war er wiegend aufgeschwemmt wie an eine Mutterbrust , und alle Sterne waren in den Mond geflossen und dehnten seinen Schimmer aus - sein Herz , in eine warme Träne geworfen , ging sanft darin auseinander - außer ihm schattete es nur , in ihm strahlte es blendend - der Flug der Erde wehte vor der aufgerichteten Flamme seines Ichs vorbei und bog sie nicht um . - Ach seine Psyche glitt mit scharfen ungeregten ungehörten Falkenschwingen entzückt und still durch das dünne Leben .... Ihm kam es vor , als sterbe er , denn spät war er die steigende Erwärmung des linken verblutenden Armes innen geworden , der ihn ins lange Elysium , das aus dem Traume ins Wachen reichte , gehoben hatte . Er legte ihm die Binde fester um . Auf einmal hört ' er unter dem Verbinden ein lauteres Plätschern unter sich , als bloße Wellen machen konnten . Er schauete über das Geländer - und sah seinen Vater mit Dian ohne Abschied - der für Gaspard nur die giftige Herbstblume in der Herbstminute einer Abreise war - wie ausgefallne Blütenblätter aus der Blumenkrone seines Lebens über die Wellen fliehen unter dem Schwanenliede der Nachtigallen ! ... Guter Mensch , wie oft hat dich diese Nacht betöret und beraubt ! - Er breitete die Arme ihnen nach - der Schmerz des Traums fuhr fort und begeisterte ihn - der fliehende Vater schien ihm wieder liebender - schmerzlich rief er hinab : » Vater , sieh dich um nach mir ! - Ach wie kannst du mich so stumm verlassen ? - Und du auch , Dian ! - O tröstet mich , wenn ihr mich hört ! « - Dian warf ihm Küsse zu , und Gaspard legte die Hand auf das sieche Herz . Albano dachte an die Kopistin des Todes , an die Starrsucht , und hätte gern den verletzten Arm über die Wellen gehalten und das warme Leben als eine Libation für den Vater vergossen ; und rief nach : » Lebt wohl , lebt wohl ! « - Schmachtend drückt ' er die kalten steinernen Glieder einer kolossalischen Statue an seine brennenden Adern an , und Tränen der vergeblichen Sehnsucht überquollen sein schönes Angesicht , während die warmen Töne der welschen Nachtigallen , die von dem Ufer und der Insel gegeneinanderschlugen , mit linden Vampyrenzungen das Herz wundsogen . - - Ach wenn du einmal geliebt wirst , glühender Jüngling , wie wirst du lieben ! - Er weckte , im Durste nach einer warmen sprechenden Seele , seinen Schoppe auf und zeigte ihm die Flucht . Aber indem dieser irgend etwas Tröstendes sagte , schauete Albano unverwandt dem grauen Punkte des Fahrzeugs nach und hörte nichts . - 9. Zykel Beide blieben auf und erfrischten sich durch die Streiferei in der betaueten Insel ; und sie wurden durch den Anblick , wie das erhobene Bildwerk des Tages farbig-gleißend aus den erlöschen den Kreidenzeichnungen des Mondlichts heraustrat , lebendig und wach . Augusti kam auch und schlug ihnen die halbstündige Fahrt nach Isola madre vor . Albano flehte beide herzlich an , allein hinzufahren , ihn aber hier in seinen einsamen Spaziergängen zu lassen . Der Lektor faßte jetzt die Spuren der nächtlichen Angriffe schärfer ins Auge - wie schön hatte der Traum , der Mönch , die Schlaflosigkeit , die Verblutung die tapfere kecke Gestalt gemildert und jeden Laut erweicht , und die Kraft war jetzt nur ein zauberischer Wasserfall im Mondenlicht . Augusti nahm es für Eigensinn und fuhr allein mit Schoppe ; aber die wenigsten Menschen begreifen , daß man nur mit den wenigsten Menschen ( mit keiner Visiten-Armee ) , eigentlich nur mit zweien , mit dem innigsten und ähnlichsten Freunde und mit der Geliebten , spazieren gehen könne . Wahrlich ich will ebenso gern im Angesichte des Hofes am Geburtstage der Fürstin zu einer Liebeserklärung öffentlich niederknien als - denn man zeige mir doch den Unterschied - zwischen einem langen Vor- und Nachtrabe das trunkne Auge auf dich , Natur , meine Geliebte , heften . Wie glücklich wurde durch die Einsamkeit Albano , dessen Herz und Augen voll Tränen standen , die er schamhaft verbarg und die ihn doch vor seinem eignen Urteile so rechtfertigten und erhoben ! - Er trug sich nämlich mit dem sonderbaren Irrtume feuriger und starker Jünglinge , er habe kein weiches Herz , zu wenig Gefühl und sei schwer zu rühren . Aber jetzt gab ihm die Entkräftung einen dichterischen weichen Vormittag , wie er noch keinen gehabt , wo er alles weinend umarmen wollte , was er je geliebt - seine guten fernen Pflegeeltern in Blumenbühl - seinen kranken Vater , ders gerade im Frühling war , wo immer der Tod sein blumiggeschmücktes Opfertor aufbauet - und seine in die Vergangenheit gehüllte Schwester , deren Bild er bekommen , deren After-Stimme er diese Nacht gehört und deren letzte Stunde ihm der nächtliche Lügner näher gemalt . - Sogar das nächtliche , noch in seinem Herzen verschlossene Schattenspiel machte ihn durch die Unerklärlichkeit - da ers keinem bekannten Menschen zuzuschreiben wußte - und durch die Weissagung beklommen , daß er an seiner Geburtsstunde - und diese stand so nahe , am Himmelfahrtstage - den Namen seiner Braut vernehmen würde . Der lachende Tag nahm zwar den Geisterszenen die Totenfarbe , gab aber der Krone und der Wassergöttin frischen Glanz . Er durchschwankte alle heilige Stätten in diesem gelobten Lande - Er ging in die dunkle Arkade , wo er die Reliquien seiner Kindheit und seinen Vater gefunden hatte , und nahm mit einem bangen Gefühle die auf den Boden entfallne zerquetschte Larve zu sich . Er bestieg die von Limonien mit Sonnenschein besprengte Galerie und sah nach den hohen Zypressen und den Kastaniengipfeln im weiten Blau , wo ihm der Mond wie das aufgegangne Mutter-Auge erschienen war . - Er trat nahe vor eine Kaskade hinter dem Lorbeerwalde , die sich in 20 Absätze wie er in 20 Jahre zerteilte , und er fühlte auf den heißen Wangen ihren dünnen Regen nicht . Er stieg nun auf die hohe Terrasse zurück , um seinen Freunden entgegenzusehen . Wie gebrochen und magisch stahl sich der Sonnenschein der äußern Welt in den heiligen dunkeln Irrhain der innern ! - Die Natur , die gestern ein flammender Sonnenball gewesen , war heute ein Abendstern voll Dämmerlicht - die Welt und die Zukunft lagen so groß um ihn und doch so nahe und berührend , wie vor dem Regen Eisberge näher scheinen im tiefern Blau - er stellte sich auf das Geländer und hielt sich an die kolossalische Statue , und sein Auge schweifte hinab zu dem See und hinauf zu den Alpen und zu dem Himmel und wieder herab , und unter der freundlichen Luft Hesperiens flatterten leicht bedeckt alle Wellen und alle Blätter auf - weiße Türme blinkten aus dem Ufer-Grün , und Glocken und Vögel klangen im Winde durcheinander . - Ein schmerzliches Sehnen faßte ihn , da er nach der Bahn seines Vaters sah ; ach nach dem wärmern Spanien voll schwelgerischer Frühlinge , voll lauer Orange-Nächte , voll umhergeworfener Glieder zerstückter Riesengebürge , da wäre er gern durch den schönen Himmel hingeflogen ! - Endlich löste sich das Freuen und das Träumen und das Scheiden in jene unnennbare Wehmut auf , worein das Übermaß der Wonne den Schmerz der Grenzen kleidet , weil ja unsere Brust leichter zu überfüllen als zu füllen ist . - - Auf einmal wurde Albano gerührt und ergriffen , als wenn die Gottheit der Liebe ein Erdbeben in seinen innern Tempel schickte , um ihn für ihre künftige Erscheinung einzuweihen , da er an einem indischen Bäumchen neben sich den Zettel mit dessen Namen Liane las . Er sah es zärtlich an und sagte immer : » Liebe Liane ! « Er wollte sich einen Zweig abbrechen ; da er aber daran dachte , daß dann Wasser aus ihm rinne , so sagte er : » Nein , Liane , durch mich sollst du nicht weinen « und unterließ es , weil in seiner Erinnerung das Gewächs auf irgendeine Art mit einem unbekannten teuern Wesen in Verwandtschaft stand . Sich unaussprechlich-hinübersehnend blickte er jetzt nach den Tempeltoren Deutschlands , nach den Alpen - in einem Frühlingswölkchen schien sich der schneeweiße Engel seines Traums tief einzuhüllen und nur stumm darin dahinzuschweben - und es war ihm , als hör ' er von fernen Harmonikatöne . - Er zog , um nur etwas Deutsches zu haben , eine Brieftasche heraus , worauf seine Pflegeschwester Rabette die Worte gestickt : Gedenke unserer ; er fühlte sich allein und war nun erfreuet über die Freunde , welche heiter von Isola madre zurückruderten . Ach Albano , welch ein Morgen wäre dieser für einen Geist wie deinen zehn Jahre später gewesen , wo sich die feste Knospe der jungen Pracht schon weiter und weicher und loser auseinander geblättert hätte ! Vor einer Seele wie deiner wären dann , da die Gegenwart in ihr blaß wurde , zwei Welten zugleich - die zwei Ringe um den Saturn der Zeit - die der Vergangenheit und die der Zukunft miteinander aufgegangen ; du hättest nicht bloß über die kurze rückständige Laufbahn an das helle weiße Ziel geblickt , sondern dich umgewandt und die krumme lange durchlaufene überschauet . Du hättest die tausend Fehlgriffe des Willens , die Fehltritte des Geistes zusammengerechnet und die unersetzliche Verschwendung des Herzens und des Gehirns . Würdest du auf den Boden haben sehen können , ohne dich zu fragen : Ach haben die 1004 Erschütterungen17 , die durch mich wie durch das Land hinter mir gegangen sind , mich ebenso befruchtet wie dieses ? - O da alle Erfahrungen so teuer sind , da sie uns entweder unsere Tage kosten oder unsere Kräfte oder unsere - Irrtümer : o warum muß der Mensch an jedem Morgen vor der Natur , die mit jedem Tautropfen in der Blume wuchert , so verarmet über die tausend vergeblich vertrockneten Tränen erröten , die er schon vergossen und gekostet hat ? - Aus Frühlingen zieht diese Allmächtige Sommer auf , aus Wintern Frühlinge , aus Vulkanen Wälder und Berge , aus der Hölle einen Himmel , aus diesem einen größern - - und wir törichte Kinder wissen uns aus keiner Vergangenheit eine Zukunft zu bereiten , die uns stillt - wir hacken wie die Steindohle nach jedem Glanze und tragen die Glutkohle als Goldstück beiseite und zünden damit Häuser an - ach mehr als eine große schöne Welt geht unter in der Brust und läßt nichts zurück , und gerade der Strom der höhern Menschen verspringt , und befruchtet nichts , wie sich hohe Wasserfälle zersplittern und schon weit über der Erde verflattern . - Albano empfing die Freunde mit vergütender Zärtlichkeit ; aber dem Jünglinge wurde mit der Zunahme des Tages so öde und bange wie einem , der seine Stube im Gasthofe ausgeleeret , der die Rechnung entrichtet und der nur noch einige Minuten in dem rauhen leeren Stoppelfelde auf- und abzugehen hat , bis die Pferde kommen . Wie fallende Körper bewegten sich in seiner heftigen Seele Entschlüsse in jeder neuen Sekunde schneller und stärker ; er bat mit äußerer Milde , aber innerer Heftigkeit seine Freunde , noch heute mit ihm abzureisen . - Und so ging er nachmittags mit ihnen von der stillen Kindheits-Insel ab , um durch die Kastanienalleen Mailands eilig auf die neue Bühne seines Lebens und an die Falltüre zu kommen , die sich in den unterirdischen Gang so vieler Rätsel öffnet . - Antrittsprogramm des Titans Eh ' ich den Titan dem flachsenfingischen geheimen Legationsrat und Lehnpropst , Herrn von Hafenreffer , dedizierte : so fragt ' ich bei ihm erst so um die Erlaubnis an : » Da Sie weit mehr an dieser Geschichte mitarbeiteten als der russische Hof an Voltairens Schöpfungsgeschichte des großen Peters : so können Sie meinem dankbegierigen Herzen nichts Schöneres geben als die Erlaubnis , Ihnen wie einem Judengotte das zu opfern und zu dedizieren , was Sie geschaffen haben . « Aber er schrieb mir auf der Stelle zurück : » Aus derselben Raison könnten Sie , wie es Sonnenfels getan , das Werk noch besser sich selber dedizieren und , in einem richtigern Sinne als andere , den Verfasser und Gönner desselben zugleich vereinen . - Lassen Sie mich ( auch schon des Herrn von * * und der Frau von * * wegen ) aus dem Spiele ; und schränken Sie sich bloß auf die notwendigsten Notizen ein , die Sie dem Publikum von dem sehr maschinenmäßigen Anteil , den ich an Ihrem schönen Werke habe , etwa gönnen wollen , aber um der Götter willen hic haec hoc hujus huic hunc hanc hoc hoc hac hoc . « v. Hafenreffer . Die römische Zeile ist eine Chiffre und soll dem Publikum dunkel bleiben . - Was dasselbe vom Antrittsprogramme zu fordern hat , sind vier Namenerklärungen und eine Sacherklärung . Die erste Namenerklärung , welche die Jobelperiode angeht , treff ' ich schon bei dem Stifter der Periode , dem Superintendent Franke , an , der sie für eine von ihm erfundne Ära oder Zeitsumme von 152 Zykeln erklärt , deren jeder seine guten 49 tropischen Mondsonnenjahre in sich hält . Das Wort Jobel setzt der Superintendent voran , weil in jedem siebenten Jahre ein kleines , und in jedem siebenmal 7ten oder 49sten ein großes Jobel- , Schalt- , Erlaß- , Sabbats-oder Hall-Jahr anbrach , wo man ohne Schulden , ohne Säen und Arbeiten und ohne Knechtschaft lebte . Glücklich genug wend ' ich , wie es scheint , diesen Jobelnamen auf meine historischen Kapitel an , welche den Geschäftsmann und die Geschäftsfrau in einem sanften Zykel voll Frei- , Sabbats- , Erlaß- , Hall- und Jobelstunden herumführen , worin beide nicht zu säen und zu bezahlen , sondern nur zu ernten und zu ruhen brauchen ; denn ich bin der einzige , der als krummgeschlossener pflügender Fröner an dem Schreibtische steht und welcher Säemaschinen und Ehrenschulden und Handschellen vor und an sich sieht . - Die siebentausendvierhundertundachtundvierzig tropischen Mondsonnenjahre , die eine Frankesche Jobelperiode enthält , sind auch in meiner vorhanden , aber nur dramatisch , weil ich dem Leser in jedem Kapitel immer so viel Ideen - und diese sind ja das Längen- und Kubikmaß der Zeit - vortreiben werde , bis ihm die kurze Zeit so lang geworden , als das Kapitel verlangte . Ein Zykel - welches der Gegenstand meiner zweiten Namenerklärung ist - braucht nun gar keine . Die dritte Nominaldefinition hat die obligaten Blätter zu beschreiben , die ich in zwanglosen Heften in jeder Jobelperiode herausgebe . Die obligaten Blätter nehmen durchaus nur reine gleichzeitige , mit meinem Helden weniger zusammenhängende Fakta von solchen Leuten auf , die mit ihm desto mehr zusammenhängen ; auch in den obligaten Blättern ist nicht das kleinste , nur einer Brandblase große satirische Extravasat von Ausschweifung ersichtlich , sondern der selige Leser und Lektor wandelt mit den Seinigen frei und aufgeweckt und gerade durch das weite Hoflager und die Reitbahn und Landschaft eines ganzen langen Bandes zwischen lauter historischen Figuren - auf allen Seiten von fliegenden Corps , von tätigen Knapp- und Judenschaften , anrückenden Marschsäulen , reitenden Horden und spielenden Theatertruppen umzingelt - und er kann sich gar nicht satt sehen . Ist aber der Tomus aus : so fängt - das ist die letzte Nominaldefinition - sich ein kleiner an , worin ich mache , was ich will ( nur keine Erzählung ) , und worin ich mit solcher Seligkeit mit meinem langen Bienenstachel auf- und abfliege von einer Blüten-Nektarie und Honigzelle zur andern , daß ich das bloß zum Privatvorteile meines Ausschweifens gebauete Filialbändchen recht schicklich meine Honigmonate benenne , weil ich darin Honig weniger mache als esse , geschäftig nicht als eintragende Arbeitsbiene , sondern als zeidelnder Bienenvater . - Bisher hatt ' ich freilich geglaubt , das Durchfahren meiner satirischen Schwanzkometen würde jeder Leser von dem ungestörten Gange meines historischen Planetensystems auf der Stelle absondern , und ich hatte mich gefragt : » Wird denn in einer Monatsschrift die Einheit einer Geschichte durch das Abbrechen der letztern und durch die Erbfolge eines andern Aufsatzes beschädigt ; und haben sich denn die Leser darüber beschweret , wenn z.B. in den Horen-Jahrgängen zuweilen Cellinis Geschichte abgebrochen und ein ganz anderer Aufsatz eingehoben wurde ? « - Aber was geschah ? Wie im Jahre 1795 eine medizinische Gesellschaft in Brüssel den contract social unter sich machte , daß jeder eine Krone Strafgeld erlegen sollte , der in der Session einen andern Laut von sich gäbe als einen medizinischen : so ist bekanntlich ein ähnliches Edikt vom 9ten Juli an alle Biographen erlassen , daß wir stets bei der Sache - welches die Historie ist - bleiben sollten , weil man sonst mit uns reden würde . Der Sinn des Mandats ist der , daß , wenn ein Biograph in allgemeinen Welthistorien von 20 Bänden , ja in noch längern - wie z.B. in dieser - ein- oder zweimal denkt oder lacht , d.h. abschweift , Inkulpat auf der kritischen Pillory als sein eigner Pasquino und Marforio ausstehen soll - welches man an mir schon mehr als einmal vollstreckte . Jetzt aber geb ' ich den Sachen eine andere Gestalt , indem ich erstlich Geschichte und Digression in diesem Werke strenge auseinanderhalte - wenig Dispensationsfälle ausgenommen - , zweitens indem ich die Freiheiten , die ich mir in meinen vorigen Werken nahm , im jetzigen zu einem Rechte , zu einer Servitut verjähre und verstärke ; der Leser ergibt sich , wenn er weiß , nach einem Bande voll Jobelperioden erscheinet durchaus nie etwas anders als einer voll Honigmonate . Ich schäme mich , wenn ich mich erinnere , wie ich sonst in frühern Werken mit dem Bettelstabe vor dem Leser stand und um Ausschweifungen bat , indes ich doch - wie ich hier tue - mir das Anleihen hätte erzwingen können , wie man von Weibern mit Erfolg nicht nur Tribut als Almosen , sondern auch das don gratuit als Quatembersteuer zu begehren hat . So macht es nicht bloß der kultivierte Regent auf dem Landtage , sondern schon der rohe Araber , der dem Passagier außer der Barschaft noch einen Schenkungsbrief derselben abnötigt . Ich komme nun auf den geheimen Legationsrat von Hafenreffer , welcher der Gegenstand meiner versprochnen Sacherklärung ist . Aus dem 45sten Hundsposttage sollt ' es einmal bekannt sein , wer Flachsenfingen beherrscht - nämlich mein Herr Vater . Im Grunde war meine so frappante Standeserhöhung mehr ein Schritt als ein Sprung ; denn ich war vorher schon Jurist , mithin schon die Knospe oder das Blütenkätzchen eines noch eingewickelten Doktors utriusque , und folglich ein Edelmann , da im Doktor der ganze Rogen und Dotter zum Ritter steckt ; daher er auch so gut wie dieser , wenn gerade etwas vorbeigeht , vom Sattel oder Stegreif lebt , wiewohl weniger in einem Raubschlosse als Raubzimmer . Ich habe also seit dem Avancement weniger mich geändert als mein Residenzschloß - das väterliche in Flachsenfingen ist gegenwärtig mein eignes . Ich mag nun nicht gern am Hofe mein Zuckerbrot mit Sünden essen - wiewohl man gemächlicher Zucker- und Himmelsbrot erwirbt als Schiffsbrot - , sondern ich stelle , um zu wuchern mit meinem Schiffspfunde , das ganze flachsenfingische Departement der auswärtigen Angelegenheiten zu Hause im Schlosse vor samt der erforderlichen Entzifferungskanzlei . Das will aber getan sein : wir haben einen Prokurator in Wien - zwei Residenten in fünf Reichsstädten - einen Komitialsekretarius in Regensburg unter der Querbank - drei Kreis-Kanzlisten und einen bevollmächtigten Envoyé an einem bekannten ansehnlichen Hofe unweit Hohenfließ , welches eben der obgedachte Herr Lehnpropst von Hafenreffer ist . Letzterem hat sogar mein Herr Vater ein vollständiges Silberservice vorgestreckt , das wir ihm lassen , bis er den Rappell erhält , weil es unser eigner Vorteil ist , wenn ein flachsenfingischen Botschafter dem flachsenfingischen Fürstenhute oder Krönlein auswärts durch Aufwand mehr Ehre macht als gewöhnliche . Auf einem solchen Posten wie meinem steht man nun nicht zum Spaße da ; die ganze Legations-Schreibe- und Lesegesellschaft kouvertiert und schreibt an mich , die chiffre banal und die chiffre déchiffrant ist in meinen Händen , und wie es scheint , versteh ' ich den Rummel . Unsäglich ists , was ich erfahre - es wäre nicht zu lesen von Menschen , noch zu ziehen von Pferden , wollt ' ich allen den Seidenwurmsamen von Nouvellen biographisch ausbrüten , großfüttern und abhaspeln , den mir das Gesandten-Corpo posttäglich in festen Düten schickt . Ja ( in einer andern Metapher ) das biographische Bauholz , das meine Flößinspektion für mich bald in die Elbe , bald in die Saale , bald in die Donau oben herabwirft , steht schon so hoch vor mir auf dem Zimmerplatze , daß ichs nicht verbauen könnte , gesetzt daß ich die ästhetischen Bauten meiner biographischen Narrenschiffe , Redoutensäle und Zauberschlösser forttriebe Tag und Nacht , jahraus , jahrein und weder mehr tanzte noch ritte noch spräche noch niesete .... Wahrlich wenn ich oft so meinen schriftstellerischen Eierstock gegen manchen fremden Rogen abwäge : so frag ' ich ordentlich mit einem gewissen Unmut , warum ein Mann einen so großen zu tragen bekommen , der ihn aus Mangel an Zeit und Platz nicht von sich geben kann , indes ein andrer kaum ein Windei legt und herausbringt . - Wenn ich ein Pikett aus meiner Legations-Division den Ritterbüchermachern mit dessen offiziellen Berichten zuschicken könnte : würden sie nicht gern Ruinen gegen Schlösser und unterirdische Klostergänge gegen Korridore und Geister gegen Körper vertauschen , anstatt daß ihnen jetzt aus Mangel an offiziellen Berichten des Piketts die Dirnen die Weltdamen , die Feimer die Justizminister vertreten müssen , so wie die Schalken die Pagen , die Burgpfaffen die Hofprediger und der Raubadel die Pointeurs ? - Ich kehre zu meinem Gesandten von Hafenreffer zurück . Am obgedachten ansehnlichen Hofe sitzt dieser treffliche Herr und fertigt mir - seiner Nebenarbeiten unbeschadet - von Monat zu Monat so viele Personalien von meinem hohenfließischen Helden zu , als er durch sieben Legations-Zeichendeuter oder Clairvoyants erwischen kann - die kleinsten Lappalien sind ihm erheblich genug für eine Depesche . Wahrhaftig eine ganz andre Denkweise als die andrer Gesandten , die nur für Ereignisse , die nachher in die Universalhistorie einrücken , Platz in ihren Berichten machen ! - Hafenreffer hat in jeder Sackgasse , Bedientenstube und Mansarde , in jedem Schornstein und Wirtschaftsgebäude seinen Operngucker von Spion , der oft , um eine Tugend meines Helden auszumitteln , sich zehn Sünden unterziehet . Freilich bei solchen Hand- und Spanndiensten des Glücks muß es keinen von uns wundernehmen , ich meine nämlich bei einem solchen Schöpfrade , das mir Fortuna selber umdreht - bei solchen Diebsdaumen , die man meinem eignen Schreibdaumen anschienet - bei solchen Silhouetteurs eines Helden , die alles machen außer der Farbe - kurz bei einer so außerordentlichen Vereinigung von Umständen oder Montgolfieren kann es freilich nichts , als was man erwartet , sein , wenn der Mann , den sie heben , droben auf seiner Berghöhe ein Werk zusammenbringt und nachher herunterschickt , das man ( denn es verdients ) nach dem Jüngsten Tage auf der Sonne , auf dem Uranus und Sirius frei übersetzt , und auf welches sogar der glückliche Posenschraper , der die Kiele dazu abzog , und der Setzer , der die Errata druckt , sich mehr einbilden wollen als der Autor selber , und in welches weder die schnelle Sense noch der träge Zehn der Zeit - besonders da man dieses Gebiß nach Erfordern mit der Zahnsäge der kritischen Feile entzweibringen kann - einzuschneiden vermögend sind . Fügt der Verfasser solchen Vorzügen noch gar den der Demut bei : so ist ihm niemand weiter zu vergleichen ; aber leider hält jede Natur sich , wie Doktor Crusius die Welt , zwar nicht für die beste , aber doch für sehr gut . Der gegenwärtige Titan benutzt noch den andern Vorteil , daß ich gerade den väterlichen Hof bewohne und schmücke und mithin als Zeichner gewisse Sünden recht glücklicherweise näher und heller vor dem Auge zum Beschauen habe , wovon mir wenigstens der Egoismus , die Libertinage und das Müßiggehen gewiß bleiben und sitzen ; denn diese Schwämme und Moose säete das Schicksal so weit , als es konnte , in die höhern Stände hinauf , weil sie in den niedern und breitern zu sehr ausgegriffen und sie ausgesogen hätten - welches das Muster derselben Vorsicht gewesen Zu sein scheint , aus der die Schiffe den Teufelsdreck , den sie aus Persien holen , stets oben an den Mastbaum hängen , damit sein Gestank nicht die Fracht des Schiffraums besudle . - - Ferner hab ' ich hier oben am Hofe jede neue Mode zur Beobachtung und Verachtung schon um mich , eh ' sie drunten nur gelästert , geschweige gepriesen worden . Z.B. die schöne Pariser Mode , daß die Weiber durch einen kleinen Faltenwurf ihre Waden vorzeigen - welches sie in Paris tun , um sehen zu lassen , daß sie nicht unter die Herren gehören , die bekanntlich auf Steckenbeinen gehen - , diese wird ( denn auf eine einzige Dame kommt es an ) morgen oder übermorgen gewißlich eingeführt . Doch ahmen die Flachsenfingerinnen diese Mode aus dem ganz andern Grunde nach - denn uns Herren fehlet nichts - , weil sie zu beweisen wünschen , daß sie Menschen und keine Affen ( geschweige weniger ) sind , da nach Camper und andern nur der Mensch allein Waden anhat . - Derselbe Beweis wurde vor einem Jahrzehend , nur mit höhern Gründen geführt . Denn da nach Haller sich der Mensch in nichts von einem Affen trennt als durch den Besitz eines Steißes : so suchten damals die weiblichen Kronbeamten , die Putzjungfern , an ihren Gebieterinnen diesen Geschlechtscharakter , der sie unterscheidet , durch Kunst - durch den sogenannten cul de Paris - so sehr als möglich zu vergrößern , und bei einer solchen Penultima der Ultima war es damals schon auf 200 Schritte weit ein Spaß und ein Spiel , eine Weltdame von ihrer Äffin abzutrennen , welches jetzt viele , die ihren Buffon auswendig können , in keiner größern Nähe sich getrauen wollen als in einer zu großen . - Ähnliche biographische Denunzianten und Familiaren unterhalt ' ich in mehrern deutschen Städten - mein Herr Vater bezahlts - , in den meisten einen , aber in Leipzig zwei , in Dresden drei , in Berlin sechse , in Wien ebensoviel in jedem Stadtviertel . Maschinen solcher Art , die den Perspektiven so sehr gleichen , womit man aus seinem Bette alles beschauen kann , was unten auf der Gasse vorfällt , machen es freilich einem Autor leicht , hinter seinem Dintenfasse in dunkle verbauete Haushaltungen - in einer 20 Meilen entfernten Winkelgasse geführt - hell hinunterzusehen . Daher kann mir jede Woche der närrische Fall begegnen , daß ein gesetzter stiller Mann , den niemand kennt als sein Barbier und dessen Lebensweg eine dunkle Sackgasse ist - dem aber heimlich einer meiner Gesandten und Spione mit einem biographischen Hohlspiegel nachgeht , welcher des Mannes Unterkleider und Schritte in meine an dreißig Meilen abliegende Studierstube hineinspiegelt - , es kann mir der Fall aufstoßen , sag ' ich , daß ein solcher entlegner Mann zufällig vor den Ladentisch des Buchhändlers tritt und in meinem Werke , das rauchend aus dem Backofen dort liegt , sich mit seinen Haaren , Knöpfen , Schnallen und Warzen so deutlich auf der 371 . Seite abgebildet findet , als man auf den Steinen in Frankreich die Abdrücke indischer Pflanzen antrifft . Es tut aber nichts . Leute hingegen , die mit mir an einem Orte wohnen , welches sonst die Höfer taten , kommen gut davon ; denn neben mir halt '