dafür bezahlen lassen , besteht darin , daß sie zu wissen glauben was sie nicht wissen , ich hingegen weiß , daß ich nichts weiß . Offenherzig zu reden , scheint er sich in diesem Punkte zuweilen ein wenig zu täuschen , und die Geringschätzung gewisser spekulativer Wissenschaften , deren Nutzen nicht sogleich in die Augen fällt , oder vielleicht erst künftig noch entdeckt werden mag , weiter zu treiben , als er thun würde , wenn er sich seiner Unwissenheit immer bewußt wäre . Uebrigens , und wenn er auch mit einigen Fächern des menschlichen Wissens zu wenig bekannt ist , um ein vollgültiges Urtheil über ihren Werth fällen zu können , so ist er hingegen desto gelehrter in den Künsten und Handwerken , die im gemeinen und bürgerlichen Leben von anerkanntem Nutzen sind . Er spricht mit einem jeden sehr verständig von seiner Profession und gibt ihnen nicht selten Anleitung oder Winke , wie sie dieß oder jenes besser einrichten oder ihre Fabricate und Kunstwerke zu einer größern Vollkommenheit bringen könnten ; benimmt sich aber so geschickt dabei , daß er , indem er sich mit ihnen über ihre Kunst bespricht , vielmehr das Ansehen eines Unwissenden hat , der durch bescheidene Fragen von ihnen belehrt zu werden sucht , als eines Klüglings , der sich anmaßt den Meistern Lehren zu geben . Er hat sich in verschiedenen Feldzügen als einen guten Soldaten bewiesen , versteht sich auf alles was zum Kriegsdienst zu Wasser und zu Lande gehört , und weiß im Nothfall das Steuerruder so geschickt zu führen als der erfahrenste Schiffer . Schwerlich gibt es irgend ein Geschäft , das durch ruhige Besonnenheit , unerschütterliche Festigkeit , ausharrende Geduld , Nüchternheit , Wachsamkeit , Gleichgültigkeit gegen Vergnügen und Schmerz , gegen Hunger und Durst , Frost und Hitze , mit Einem Worte , durch alle Eigenschaften und Tugenden , die einen ächten Mann von Marathon ausmachen , und nur durch diese wohl gelingen kann , schwerlich gibt es ein solches Geschäft im Frieden oder im Krieg , womit er nicht zu seiner Ehre zu Stande kommen würde ; und ich bin gewiß , wenn die Götter den armen Kechenäern zu einem so klugen Einfall verhelfen wollten , wie der wäre , wenn sie , anstatt ihre Kriegsobersten zu Duzenden aus dem Glückstopf zu ziehen , ihn zu ihrem Oberfeldherrn machten , ihre Angelegenheiten sollten gar bald eine bessere Gestalt gewinnen . Mit Einem Wort , Freund Kleonidas , Sokrates ist ein - tugendhafter Mann im höchsten und vollständigsten Sinne des Wortes , und darin besteht sein eigenthümlicher Charakter , Werth und Vorzug vor allen seinen Zeitgenossen . Er taugt zu allem wozu ein Mann taugen soll , kann alles was jedermann können sollte , weiß gerade so viel als niemand ohne seinen Schaden nicht wissen kann , und ist , in jedem Verhältniß des Lebens , was man seyn muß , um ein Vorbild für alle zu seyn . 8. An Kleonidas . Daß Sokrates , wenn er mit andern philosophirt , sich nur zweier Methoden , der Induction56 und der Ironie zu bedienen pflege , hat seine Richtigkeit ; wenigstens habe ich nie gesehen , daß er in seinen Gesprächen , es sey nun daß sie auf Belehrung oder auf Widerlegung abzielen , einen andern als einen dieser beiden Wege eingeschlagen hätte . Diese sonderbare Art zu philosophiren scheint mir deine hohe Meinung von ihm nicht wenig herabgestimmt zu haben . » Die Induction kann mich , sagst du , nichts lehren als was ich entweder bereits wußte , oder mir vermittelst eines kleinen Grades von Besinnung selbst sagen konnte ; und wie ein so weiser Mann die Ironie für eine taugliche Methode die Wahrheit ausfindig oder einleuchtend zu machen halten könne , ist mir vollends unbegreiflich . « - Ueber beides , lieber Kleonidas hoffe ich dich ins Klare zu setzen , wenn ich dir sage , bei welchen Personen und zu welcher Absicht Sokrates von der einen und der andern Gebrauch zu machen pflegt . Die Personen , mit welchen er sich am meisten abgibt , sind ( außer seinen nähern Freunden und Günstlingen ) entweder solche , die von ihm belehrt zu werden wünschen , es sey nun daß sie ihre Unwissenheit in der Sache , wovon die Rede ist , anerkennen , oder so schwach an ihrer bisherigen Meinung hangen , daß sie immer bereit sind sie mit einer bessern zu vertauschen ; oder es sind naseweise Klüglinge und eingebildete Allwisser , die er , da sie Belehrung weder suchen noch anzunehmen aufgelegt sind , bloß beschämen und wenigstens zum stillen Bekenntniß ihrer Unwissenheit nöthigen will . Bei den erstern bedient er sich der Induction als einer Lehrart ; gegen die letztern der Ironie als einer sowohl zur Vertheidigung als zum Angriff gleich bequemen Waffe . Die Athener verbinden mit dem Worte Ironie ungefähr denselben Begriff ( der Verspottung ) wie wir und alle andern Griechen ; nur daß sich ihm durch den gemeinen Gebrauch ein Nebenbegriff bei ihnen angehängt hat , der aus einem besondern Zug ihres Nationalcharakters zu entspringen scheint . Der Athener pflegt nämlich seine Meinung nicht leicht so kurz und geradezu herauszusagen , wie der Spartaner oder Böotier ; nicht etwa aus vorsichtiger Zurückhaltung ( wie ich dieß an den Korinthern bemerkt zu haben glaube ) , sondern weil es ihm , wenn er spricht , selten oder nie so viel um Wahrheit oder um die Sache selbst zu thun ist , als um das eitle Vergnügen mit der Feinheit und Gewandtheit seines Witzes und der Geläufigkeit seiner Zunge zu prunken , und den andern entweder seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen , oder , falls es ein höherer an Stand und Rang oder ein Mann von vorzüglichen Verdiensten ist , die beiden großen Geburtsrechte des Attischen Bürgers , Freiheit und Gleichheit gegen ihn zu behaupten , indem er ihm zu verstehen gibt , er dünke sich nicht geringer , und mache sich wenig aus Vorzügen die er nicht selbst besitzt . Du kannst dir kaum vorstellen , auf wie vielerlei Art die Eitelkeit der Athener sich , in dieser Absicht , durch Mienen , Gebärden , Ton und Beugung der Stimme , kleine Zwischenwörter u. dergl. zu äußern pflegt . Daher das Attikon blepos ( wie es Aristophanes nennt ) diese unnachahmliche edle Unverschämtheit im Blick und im Lächeln , die den Athener aus tausend andern kenntlich macht , und der höhnische Ton , den sie , sobald sie merken daß der andere nicht ihrer Meinung ist , in die Frageformeln , » wär ' s etwa nicht so ? « oder , » was könntest du wohl dagegen haben ? « zu legen wissen . Vermuthlich ist es diese Eitelkeit , was in Verbindung mit der lebhaften Ader von leichtem Witz , wovon der Athener immer sprudelt , diese Neigung zum Spotten , Necken und Auslachen erzeugt , die einer der gemeinsten Züge dieses Volkes ist . Ich erkläre mir daraus , daß sie so gern das Gegentheil von dem , was sie sagen wollen , sagen ; zu loben scheinen , wenn sie tadeln , und zu schelten , wenn sie loben wollen ; sich stellen als ob sie den andern unrecht verstanden hätten , um ihm widersprechen oder seiner Rede eine lächerliche Deutung geben zu können , und was dergleichen mehr ist . Diese Art von spottender oder auch bloß scherzhafter Verstellung ist es eigentlich , was die Athener Ironie nennen , und was sie , zumal bei fröhlichen Tischgelagen , und überall , wo ihre gute Meinung von sich selbst nicht zu sehr dabei ins Gedränge kommt , einander gern zu gut halten . Auch Sokrates , der überhaupt einer der witzigsten und gutlaunigsten Sterblichen ist , macht im gemeinen Umgang ziemlich häufigen Gebrauch von dieser Art von Ironie , und weiß sie mit so vieler Leichtigkeit und Feinheit zu handhaben , daß sie , sogar wenn er einen wirklich schraubt , unmöglich beleidigen kann , sondern entweder für bloßen Scherz gilt , oder von einfältigen und sich selbst gefallenden Personen so aufgenommen wird , als ob er ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hätte . Am gewöhnlichsten bedient er sich derselben , um den Verweisen , die er zuweilen seinen jüngern Freunden zu geben Ursache findet , den Stachel zu benehmen ; und ich muß gestehen , daß er in solchen Fällen , wenn die Operation an einem seiner Günstlinge zu verrichten ist , eine sehr sanfte Hand hat ; wiewohl ich mich nicht rühmen kann , es an mir selbst erfahren zu haben . Aber die Ironie , die ihm als eine besondere Art zu disputiren , ausschließlich zugeschrieben wird , ist von jener gewöhnlichen , sowohl der Art als dem Zweck nach , sehr verschieden . Sie besteht darin , daß er , wenn er ' s mit Personen , die ihm in gewissen Stücken entweder wirklich oder in ihrer eigenen und andrer Leute Einbildung überlegen sind , z.B. mit schlecht denkenden aber vielvermögenden Männern in der Republik , oder mit angesehenen Sophisten zu thun hat , sich äußerst einfältig und unwissend stellt , und in diesem Charakter ( zu dessen Simulierung ihm seine Gesichtsbildung ungemein zu Statten kommt ) durch die scheinbare Naivetät seiner Fragen und die verdeckt spitzfindige Art , wie er aus ihren Antworten immer neue Fragen hervorzulocken weiß , sie endlich in die Nothwendigkeit setzt , sich entweder in offenbare Ungereimtheiten zu verwickeln , oder ihre erste Behauptung wieder zurückzunehmen . Du erräthst ohne mein Zuthun , wie viel er durch diese Art von Ironie , eine Zeit lang wenigstens , über seine Gegner gewinnen mußte . Er verschaffte dadurch sich selbst desto leichter Gehör , und vernichtete unvermerkt die Vortheile , welche Stand , Name , Ansehen und Glücksumstände jenen über ihn hätten geben können . Sie waren nun minder auf ihrer Hut ; antworteten desto rascher und zuversichtlicher , je weniger sie vorhersehen konnten wo er hinaus wolle ; räumten ihm immer mehr ein , als geschehen wäre , wenn sie die Schlingen gemerkt hätten , die er ihnen durch seine einfältig scheinenden Fragen legte ; und wenn sie sich endlich darin verfingen , schien er ganz unschuldig daran zu seyn , und die Lacher waren auf seiner Seite . Diese Methode war also da , wo er sie am gewöhnlichsten anwandte , ich meine gegen die Sophisten , sehr fein ausgedacht und vollkommen zweckmäßig . Denn es war ihm nicht darum zu thun sie zu belehren , sondern sie vor ihren Zuhörern und Verehrern in ihrer Blöße darzustellen . Aber du siehst auch , daß sie nur so lange mit Vortheil zu gebrauchen war , als der Gegner die Falle nicht gewahr wurde ; und natürlicherweise konnte dieß in einer Stadt , wo beinahe alles öffentlich geschieht , nicht sehr lange anstehen . Sobald die Sophisten merkten , daß sie einen Schlaukopf vor sich hatten , der mit den Spitzfindigkeiten und Kunstgriffen der Dialektik wenigstens eben so bekannt war als sie selbst , so hätten sie noch zehenmal einfältiger seyn müssen als Sokrates sich stellte , wenn sie sich durch die schülerhafte Miene , womit er sich ihre Belehrung ausbat , und die vorgegebene Bewunderung ihrer hohen Weisheit länger hätten täuschen lassen . Auch zeigte sich ' s bald genug , daß er , außer dem erklärten Haß der Sophisten , wenig mehr mit dieser Art zu disputiren gewonnen hatte , als daß er noch jetzt bei dem großen Haufen im Ruf eines Spötters steht , der nie seine wahre Meinung sagt , und dessen Reden man auch dann nicht trauen darf , wenn er etwas ernstlich zu behaupten scheint , weil man nie gewiß ist , ob es nicht Verstellung sey und was für geheime Absichten er darunter habe ; - ein Ruf , der ihm , wie ich besorge , bei einem so argwöhnischen Volke wie das Athenische über lang oder kurz noch gefährlich werden kann . Uebrigens muß ich noch bemerken , daß diese ironische Art zu fragen nicht mit einer andern vermengt werden muß , deren er sich , gewöhnlich in Verbindung mit der Induction , als einer Lehrart bei seinen Freunden ( am häufigsten bei jungen Leuten ) bedient , und in welcher , wenn ich nicht irre , seine Kunst den Seelen zur Geburt zu helfen besteht , deren ich in einem meiner vorigen Briefe gedacht habe . Die Fragen werden in dieser Absicht immer so gestellt , daß der Gefragte die rechte Antwort entweder gar nicht verfehlen kann , oder falls er sie verfehlte , durch die Folgerungen , welche vermittelst neuer Fragen aus seiner Antwort hervorgelockt werden , sich selbst gar bald von ihrer Unrichtigkeit überzeugen muß . Diese Lehrart , außer dem daß sie die leichteste und populärste ist , scheint mir vorzüglich darin auf den besondern Charakter der Athener berechnet zu seyn , daß sie die Aufmerksamkeit des Lehrlings fester hält , und indem sie dem Lehrer das Ansehen gibt , als ob er selbst durch seine Fragen erst belehrt zu werden wünsche , die Rollen gleichsam verwechselt und den Lehrer zum Schüler macht oder wenigstens beide auf gleichen Fuß setzt , nämlich in aller Gelassenheit etwas mit einander zu suchen , das keiner von beiden hat , und woran beiden gleich viel gelegen ist . Er weiß es dann immer ohne Mühe so einzurichten , daß der Lehrling das schmeichelhafte Vergnügen hat , derjenige zu seyn der das Gesuchte findet , wiewohl dazu eben keine große Scharfsichtigkeit erfordert wird ; denn er bringt ihn unvermerkt Schritt vor Schritt so nahe zu der Sache hin , daß er endlich mit der Nase darauf stoßen muß . Ein Beispiel wird dir dieß am besten erläutern . Es war dem Sokrates darum zu thun , den Begriff eines seiner Lehrlinge von der Religiosität gegen die Götter ins Reine zu bringen . Daraus entstand der folgende Dialog.57 Sokrates . Sage mir , Euthydem , was hältst du von der Gottesfurcht ? Euthydem . Ich halte sie für etwas sehr Schönes . Sokrates . Kannst du mir also sagen , was du unter einem gottesfürchtigen Menschen verstehst ? Euthydem . Einen der die Götter in Ehren hat . Sokrates . Steht es aber bloß in eines jeden Willkür , auf welche Weise er die Götter ehren will ? Euthydem . Nein ; sondern es sind Gesetze vorhanden , deren Vorschrift man hierin zu befolgen schuldig ist . Sokrates . Wer diese Gesetze befolgt , wüßte der also nicht , wie man die Götter zu ehren schuldig ist ? Euthydem . Ich sollt ' es denken . Sokrates . Wer nun weiß wie er die Götter zu ehren schuldig ist , glaubt also nicht , daß er es auf eine andere Art zu thun schuldig sey , als wie er es weiß ? Euthydem . Gewiß nicht ! Sokrates . Meinst du daß es einen Menschen gebe , der die Götter anders ehrt als er glaubt daß er es zu thun schuldig sey ? Euthydem . Ich sollt ' es nicht meinen . Sokrates . Wer also weiß , was die Gesetze in Betreff der Götter verordnen , ehrt der die Götter gesetzmäßig ? Euthydem . Allerdings . Sokrates . Und wer sie gesetzmäßig ehrt , ehrt sie wie es seine Schuldigkeit ist ? Euthydem . Wie könnt ' er denn anders ? Sokrates . Wer sie also gesetzmäßig ehrt , ist gottesfürchtig ? Euthydem . Ganz unläugbar . Sokrates . Wir haben also den Begriff des Gottesfürchtigen richtig bestimmt , wenn wir sagen : es sey derjenige , der da weiß , was die Gesetze in Betreff der Götter verordnet haben ? Euthydem . So dünkt mich ' s. Ich sehe dich zu dieser Manier den Seelen zur Geburt zu helfen die Achseln ein wenig zucken , Kleonidas ; - - unter uns gesagt , auch ich habe schon oft große Noth gehabt , die meinigen bei solchen Gelegenheiten im Respect zu erhalten . Aber es ist nun nicht anders . Dieß ist einmal seine Manier , und du wirst wenigstens gestehen müssen , daß Mangel an Deutlichkeit nicht ihr Fehler ist . - » Sie ist nur gar zu deutlich , hör ' ich dich sagen . Was soll man von dem Verstande der jungen Athener denken , wenn sie einer so wortreichen Methode nöthig haben , um einen so leichten Satz zu begreifen ? Und das Schlimmste ist denn noch , daß er nicht einmal wahr ist . Denn es ist doch ein täglich vorkommender Fall , daß einer recht gut weiß , was er nach dem Gesetz zu thun schuldig ist und es doch nicht thut . « - Auf das letztere hab ' ich dir keine andere Antwort zu geben als , bei Sokrates ist zwischen Wissen und Ausüben dessen was pflichtmäßig ist kein Unterschied , und er bemüht sich , auch seine Zöglinge so zu gewöhnen . Was aber die Lehrart betrifft , wovon ich dir ein Beispiel aus Tausenden gegeben habe , so weiß ich mir die Sache selbst nicht anders zu erklären , als daß er sie nöthig gefunden haben muß , um die unsägliche Flatterhaftigkeit der jungen Leute in Athen , wenigstens einige Minuten lang , bei dem nämlichen Gegenstande festzuhalten . Hätte er zu Cyrene oder Korinth oder Theben gelebt , so würde er vermuthlich gefunden haben , daß er auf einem kürzern Wege zum Ziele kommen könne . Aber nun ist ihm diese Methode so sehr zur Gewohnheit geworden , daß er sie auch bei solchen Personen gebraucht , bei denen sie keine gute Wirkung thut . Ich wenigstens bekenne , daß ich schon mehr als einmal alle meine Geduld aufbieten mußte , um die Ehrerbietung nicht aus den Augen zu setzen , die jedermann , und ein junger Mensch mehr als irgend ein anderer , einem Greise schuldig ist , der an Naturgaben und Geisteskräften den Besten gleich ist , an sittlicher Vollkommenheit vielleicht alle übertrifft ; und , da ein Sterblicher doch nicht ganz ohne Tadel seyn kann , sich durch die wenigsten und unbedeutendsten Schwachheiten von dem allgemeinen Loose der Menschheit , so zu sagen , frei gekauft hat . Die neuesten Nachrichten , die mir aus Cyrene zugekommen sind , lassen mich besorgen , daß die zeitherige Ruhe unsers so glücklich scheinenden Vaterlandes von keiner langen Dauer mehr seyn werde . Doch vielleicht gibt irgend ein guter Dämon unsern Regenten noch ein Mittel ein , das Ungewitter vor dem Ausbruch zu beschwören . Auf alle Fälle , mein Lieber , suche dich so lang ' als möglich frei zu erhalten ; und siehst du daß die Sachen eine Wendung nehmen , die dich entweder unvermerkt verwickeln oder wohl gar gewaltsam in eine der Factionen , die sich bereits zu bilden scheinen , hinein ziehen möchte , so folge meinem Beispiel , und flüchte dich in Zeiten unter den zwar etwas engen aber sichern Mantel des weisen Sokrates . Das politische Meer , worin die griechischen Republiken , wie eben so viele schwimmende Inseln , hin und her treiben , ist zwar immer ein wenig stürmisch ; aber in Vergleichung mit den letztern Zeiten , genießen wir dermalen halcyonischer Tage , und für einen aufstrebenden Zögling der Musenkünste ist doch Athen der einzige Ort in der Welt . 9. An Kleonidas . Der Komödiendichter , nach welchem du dich so angelegen erkundigest , lieber Kleonidas , ist hier eine so allgemein bekannte Person , daß es mir nicht schwer fallen kann , dein Verlangen zu befriedigen , zumal da ich ( wie du mit Recht voraussetzest ) Gelegenheiten genug gefunden habe , öfters in seiner Gesellschaft zu seyn , und sogar in eine Art von Vertraulichkeit mit ihm zu kommen . Ungeachtet er eine gewisse sehr gut zu seiner satyrischen Physionomie passende Ernsthaftigkeit affectiert , wovon sich der Beweggrund leicht errathen läßt , wird er doch , der witzigen Einfälle wegen , die ihm ohne Anspruch und Absicht gleichsam unfreiwillig zu entwischen scheinen , für einen der angenehmsten Tischgesellschafter ( einer in Athen sehr zahlreichen Classe ) gehalten , und man findet ihn gewöhnlich bei allen großen Gastmählern , die in vornehmern Häusern gegeben werden . Da er sich den Freunden des Sokrates durch seine Wolken58 ( die sie ihm nach mehr als zwanzig Jahren noch immer nicht vergessen haben ) sehr übel empfohlen hat , so wird mir ' s nicht zum Besten ausgelegt , daß ich kein Bedenken trage , mit einem so verworfenen Menschen umzugehen . Aber Sokrates selbst scheint davon keine Kenntniß zu nehmen , und spricht überhaupt weder Gutes noch Böses von ihm ; wiewohl er , so oft sich eine Gelegenheit dazu findet , seine Geringschätzung der Komödie , wie sie ehmals zu Athen beschaffen war und es zum Theil noch jetzt ist , mit seiner gewohnten Freimüthigkeit zu Tage legt . Nicht als ob er das komische Drama überhaupt mißbilligte ; denn ich hörte ihn einst von den Komödien des Epicharmus59 mit Achtung sprechen ; sondern weil er den gränzenlosen Muthwillen , die leidenschaftlichen Anfälle auf einzelne Personen , und die pöbelhaften Späße , Unflätereien und unzüchtigen Darstellungen , womit die Stücke der neuern Athenischen Komiker besudelt sind , vermöge seiner Grundsätze und seines ganzen Charakters , unmöglich duldbar finden kann . Nichts ist gewisser , als daß diese Art von Komödie , worin Kratinus60 , Aristophanes und Eupolis mit einander wetteiferten , schon lange auf immer abgeschafft worden wäre , wenn Sokrates eine entscheidende Stimme in Athen gehabt hätte : aber ohne allen Grund ist , was ich in Cyrene von einem unsrer gereisten Leute ( die alles besser als andre wissen wollen ) gehört habe : Sokrates und seine Freunde hätten das Gesetz bewirkt , wodurch unter dem Archon Myrrhichides die Komödie aufgehoben wurde , und dieser an der komischen Muse begangene Frevel sey die wahre Ursache des Hasses , den die Komödienschreiber auf den Sokrates geworfen , und der Rache , welche Aristophanes , im Namen der ganzen Gilde , an ihrem gemeinschaftlichen Feinde genommen habe . Ich sage , dieses Vorgeben ist ohne allen Grund ; denn der Sohn des Sophroniskus , der im ersten Jahre der fünfundachtzigsten Olympiade , als jenes Gesetz gegeben wurde , erst achtundzwanzig Jahre zählte , war damals noch ein unbekannter Steinmetz , und weit entfernt unter den Sophisten selbiger Zeit einen Namen und Rang zu haben . Das Wahre ist , daß Perikles selbst der unsichtbare Urheber jenes Gesetzes war , aber es doch mit allem seinem Einfluß nicht länger als zwei Jahre aufrecht erhalten konnte , weil der pöbelhafte Theil des souveränen Volks sich eine seiner liebsten Belustigungen schlechterdings nicht länger vorenthalten lassen wollte . Es wird dir vielleicht nicht unangenehm seyn , bei dieser Gelegenheit die Substanz einer Unterredung zu lesen , die zwischen Aristophanes und mir , nachdem wir bekannter mit einander geworden waren , vorfiel . Denn ich darf nicht vergessen , dir zu sagen , daß sein Satyr , ich weiß nicht warum , eine Art von Geschmack an meinem - weißen oder schwarzen Genius gefunden , und ( da wir beide so ziemlich unter der Herrschaft unsrer angebornen Hauskobolde stehen ) eine Art von gutem Vernehmen zwischen uns gestiftet hat , welches ich mir gleichwohl in meinen Verhältnissen weit weniger zu Nutze machen kann , als ich thun würde , wenn ich bloß dem Antrieb meines Dämons oder der Lockstimme seines Satyrs folgte , der , sobald er will , der artigste und wohlgezogenste aller Bocksfüßler ist . Die Rede war von seinen Wolken , die er noch immer für sein bestes Werk hält , wiewohl die Athener geschmacklos oder launisch genug waren , ihm die Weinflasche des neunzigjährigen Kratinus vorzuziehen . Es versteht sich , daß ich ihm so viel Schmeichelhaftes über das Lieblingskind seines Witzes gesagt hatte , als nöthig seyn mag , um einen Autor in gute Laune zu setzen ; und so entspann sich denn folgender Dialog zwischen uns . Ich . Wiewohl wir Cyrener dermalen noch kein scenisches Schauspiel besitzen , so gehen doch vielleicht mehr als zwanzig Abschriften deiner Stücke bei uns aus einer Hand in die andere ; und - abgerechnet , daß unsre Schuhflicker , Sackträger und Bootsknechte über Werke der Musenkunst keine Stimme haben , - wird das , was die Wolken zum schönsten deiner Stücke macht , schwerlich in einer griechischen Stadt mehr Beifall gefunden haben , als bei uns . Um so viel größer war die Verwunderung , da man hörte , die Athener , deren Urtheil in solchen Dingen im Auslande einem Götterspruch gleich ist , hätten ganz anders darüber erkannt ; und da das Bestreben sich das Unbegreifliche begreiflich zu machen nun einmal unter die stärksten Naturtriebe des Menschen gehört , so war und ist noch jetzt die gemeine Meinung bei uns , das Schicksal , das die Wolken zu zweien Malen betroffen haben soll , könne von keiner andern Ursache herrühren , als weil dem weisen Sokrates so übel darin mitgespielt wird . Er . Die Cyrener schließen , wie ich sehe , von sich auf die Athener , und glauben , weil sie eine so hohe Meinung von Sokrates und seiner Weisheit hegen , so müßten wir , seine Mitbürger , die das Glück haben , von dieser Sonne täglich angestrahlt zu werden , nothwendig um so viel größer von ihm denken . Dieß ist aber keineswegs der Fall , und würde es vermuthlich auch in Cyrene nicht seyn , wenn er euer Mitbürger wäre . Gesetzt aber , Sokrates gälte zu Athen wirklich für das , wofür ihn die von seinem Chärephon befragte Pythia erklärt haben soll , so kennst du die Athener noch wenig , wenn du nicht auf den ersten Blick siehst , daß ich ihm in diesem Falle keinen größern Dienst hätte erweisen können , als ihn dadurch , daß ihn dem öffentlichen Gelächter preisgab , vom Ostracism61 oder einem vielleicht noch härtern Schicksal zu retten . Denn daß wir keine gar zu rechtschaffnen , gar zu klugen , gar zu vorzüglichen Leute unter uns dulden können , ist , sollt ' ich denken , durch unser Verfahren gegen einen Miltiades , Aristides , Themistokles , Cimon , Anaxagoras , Diagoras , und so manche andre , schon lange außer allen Zweifel gesetzt . Indessen fehlt viel , daß der Sohn des Steinhauers Sophroniskus und der Hebamme Phänarete den Athenern in einem eben so glänzenden Licht erscheinen sollte als Ausländern , die ihn nur dem Namen und Rufe nach kennen . Wir , die wir ihn leibhaft vor unsern Augen herum wandeln sehen , und mit unsern Ohren reden hören , wir kennen der Ehrenmänner gar viele , die eben so barfuß und spärlich gekleidet gehen wie er , ihren Bart eben so selten dem Barbier untergeben , eben so schlecht essen und wohnen , sich eben so ehrbar und genügsam mit ihrer Xantippe behelfen , und den ganzen langen Tag eben so geläufig , und ungefähr eben so gescheidt und witzig , Moral und Politik sprechen wie er . Natürlich können also alle , die nicht zu seinen besondern Freunden gehören , außer seinem silenenmäßigen Kopf und Bauch ( hinter welchen man eben nicht die höchste Weisheit zu suchen pflegt ) nicht viel mehr an ihm sehen , als was er mit hundert und tausend andern gemein hat . Was ihn aber von andern unterscheidet , sein Blick und Gang und Tragen des Kopfs , wodurch er sich gleich beim ersten Anblick als einen Mann ankündigt , der nichts bedarf , nichts fürchtet , und seinen Werth nicht erst von andern zu erfahren braucht , ingleichen die ihm eigene Art von Ironie , die ihm seine Verehrer sogar zum besondern Verdienst anrechnen ; das alles ist gerade das , was ihn dem großen Haufen seiner Mitbürger entweder lächerlich , oder gewissermaßen verhaßt und furchtbar macht . Denn wie gesagt , der Athener kann nicht leiden , daß jemand durch seine eigene Größe über ihn hervorrage , und er duldet seine Obern nur deßwegen , weil er ihnen die Kothurnen , worin sie um so viel größer als er sind , selbst angeschnallt hat , und sie , sobald es ihm beliebt , wieder auf ihre eigenen Füße stellen kann . Du siehst also , daß die Ursache , warum die Wolken nicht so gut als ich billig erwarten konnte , aufgenommen wurden , nicht darin zu suchen ist , daß sie die öffentliche Meinung von dem Manne , der darin verspottet wird , gegen sich gehabt hätten : auch hat derjenige , der euch sagte , daß sie von den Zuschauern übel aufgenommen worden , die Sache sehr übertrieben . Ich müßte meine guten Kechenäer gröblich verleumden , wenn ich nicht bekennte , daß bei weitem der größere Theil über die drei ersten und die drei oder vier letzten Auftritte das lebhafteste Vergnügen äußerte ; und ohne den Einfluß des Alcibiades , und die Furcht , in welche sein Anhang ( ein Haufen handfester verwegner Gesellen ) den friedeliebenden Theil der Zuschauer setzte , würde mein Stück wenigstens den zweiten Preis erhalten haben , da doch einmal der gutherzige Entschluß dem alten halbkindischen Kratinus aus Dankbarkeit für ehmalige Verdienste vor seinem Ende noch eine Freude zu machen , von den Meisten schon vorausgefaßt war , bevor sie noch beide Stücke gehört hatten . Ich . Bei dieser Bewandtniß der Sache muß man sich um so mehr verwundern , daß die Wolken ( wie man sagt ) bei der zweiten Aufführung keinen bessern Erfolg hatten , als bei der ersten . Er . Auch hierin hat euch die Sage falsch berichtet . Die Wolken sind nicht zweimal aufgeführt worden . Anfangs hatte ich zwar den Vorsatz , mein Glück an den nächsten Dionysien noch einmal zu versuchen . Ich machte zu diesem Ende einige wenig bedeutende Veränderungen , und schrieb eine Anrede an die Zuschauer , wodurch ich diese zweite Vorstellung gegen das Schicksal