Mann förmlich unheimlich , daß er keinem derartigen irdischen Bedürfnis erlag und sich fortwährend regungslos in seiner Ecke hielt . Was war das für ein Mensch , der nie ausstieg , nichts genoß , nicht rauchte , nichts sprach , nicht einmal auf die übliche Frage : „ Wo sind wir jetzt ? “ antwortete , die doch sonst immer eine Unterhaltung eröffnet , weil sich dann Rede und Gegenrede so natürlich aneinanderknüpft ? Nichts verbrüdert so sehr wie gemeinsame Not und eine gemeinsame Nachtfahrt . Alle Reisenden im Wagen waren vertraulich geworden , reckten und dehnten sich und erzählten sich , ob und wie sie geschlafen . Nur Leuthold schloß sich ab , als wäre er taub und stumm . Natürlich verbündete das die Übrigen gegen ihn . Man beobachtete ihn ungeniert , man flüsterte sich auch wohl etwas zu . Leuthold fühlte sich endlich sehr unbehaglich . Die alte Dame neben ihm brachte ihn durch ihre Unruhe zur Verzweiflung , denn sie begrub ihn alle Augenblicke unter ihrem ungeheueren Pelzmantel , den sie eigentlich nur in den Waggon mitgenommen hatte , weil er nicht mehr in den Koffer ging . Nun hatte sie ihn aber doch recht gut brauchen können . Wer hätte gedacht , daß es im September schon solche kalten Nächte gebe ! Jetzt wollte sie ihn aber doch ausziehen , damit sie sich nicht zu sehr verwöhne . Und sie wickelte sich aus dem faltigen Kleidungsstücke heraus , wobei sie Leuthold förmlich verschüttete . Die übrigen Herren halfen ihr lachend und Leuthold arbeitete sich unmutig unter dem Ballast hervor . Der Mantel wurde mit großer Mühe auf das Netz für das Handgepäck geschafft und dabei ganz übersehen , daß in der Ferne die vom Morgenlicht übergossenen Türme der Hauptstadt an der Leine auftauchten . Die Mühe war vergebens gewesen , denn nun öffnete der Schaffner die Tür mit dem für Leuthold so erlösenden Rufe : „ Die Billets nach Hannover , meine Herrschaften ! “ „ Ei , du lieber Gott , ist es schon soweit ? “ rief die alte Dame erschrocken und wühlte in allen Taschen nach dem Billet , welches Leuthold glücklicherweise vom Boden aufhob . Durch diese Artigkeit versöhnt , fragte sie ihn dann , ob er auch in Hannover aussteige , worauf er ein kurzes „ Ja “ hören ließ und zu seinem Schrecken erfuhr , daß die Dame ihre jüngste Tochter aus dem dortigen Pensionat abhole , um sie als Gesellschafterin nach Kopenhagen zu bringen . Sie habe eine strenge Tour vor sich , denn sie reise noch am selben Abend weiter . Er beschloß nun , nicht , wie er es sich vorgenommen , den Nachtzug zu seiner Weiterfahrt zu benutzen . Er hatte ja mit dieser aufdringlichen Schwätzerin und ihrer Tochter den langen Weg bis Hamburg zusammen machen müssen . Und an ein Ausweichen wäre nun so weniger zu denken gewesen , als die Tochter , im gleichen Institute mit Gretchen erzogen , jedenfalls mit letzterer noch befreundet war . — Er mußte aber in seiner Lage um jeden Preis eine Reisegesellschaft meiden , die ihn kannte und einer etwaigen Nachforschung Anhaltspunkte gäbe . So groß die Gefahr einer Verzögerung war , diese war doch noch größer . Er mußte die kleinere wählen und einen Tag verlieren . Der Zug hielt . Die alte Dame wühlte sich wie ein Maulwurf aus der Erde zum Wagen heraus und ward unter lauten Freudenbezeugungen von der sie erwartenden Tochter empfangen . Leuthold warf sich in eine Droschke und fuhr in ein Hotel . Von dort aus schrieb er einige Zeilen an Gretchen und beschied sie zu sich . Eine lange halbe Stunde verging ihm . Wie würde er diese Tochter wiederfinden , die er seit sieben Jahren nicht gesehen ? War sie so wie in ihren Briefen ? Und wenn sie es war , wie wollte er ihr gegenübertreten und ihr in das unschuldsvolle Auge blicken ? — Da pochte es leise an die Tür . — „ Herein , “ rief er in höchster Spannung — und eintrat ein Wesen so wundervoll jungfräulich knospend , daß Leuthold ihr nur stumm vor freudigem Erstaunen die Arme entgegenzubreiten vermochte . Das Mädchen hatte einen Augenblick schüchtern fragend auf der Schwelle gestanden , nun aber stürzte sie sich mit einem einzigen Schrei an des Vaters Herz — einem Schrei , in dem das ganze , stille Heimweh langer Jahre im Entzücken des Wiedersehens sich brach . Fest und fester umschlangen sich die Beiden , unfähig eines Wortes . Das Kind weinte die ersten Freudetränen in des Vaters Armen und aus Leutholds Augen floß ein bitterer Tropfen um den andern auf das Haupt nieder , das er mit solch banger Inbrunst an sich preßte , als sei ihm dies Glück nur für Minuten beschieden . „ Vater , laß Dich ansehen , “ sagte endlich Gretchen , sich zuerst aus der heißen Umarmung lösend . Und sie faßte mit beiden Händen Leutholds Kopf und schaute ihm mit dem durchdringenden , geraden Blicke der Unschuld in die Augen . Er hielt ihn aus , diesen Blick , wie man es auch aushalten kann in die Sonne zu sehen , aber es war ihm , als müsse er daran erblinden , als könne er nachher nie mehr die Wimpern erheben . „ Väterchen , man sieht Dir das Leiden und die Mühe recht an , “ klagte Gretchen wehmütig . „ Es war hohe Zeit , daß Du Dir einmal eine kleine Erholung gönntest . Ach , wie lieb ist es von Dir , daß Du zu mir kommst , zu mir ! ! “ Und sie konnte nicht weiter reden und drückte alle ihre Gefühle nur in Küssen aus . „ Nein , die Überraschung — ! “ rief sie dann wieder Atem schöpfend . „ Die Überraschung ! Ich traute meinen Sinnen gar nicht , als mir der Brief gebracht wurde . — „ Die Hand meines Vaters , “ denke ich , „ und von hier ? “ Ich mache den Brief auf — ich lese — und lese — und da steht es ganz deutlich in klaren Buchstaben — mein Vater ist hier ! Ich stieß einen Schrei aus , daß Alles zusammenlief . Wir waren gerade erst aufgestanden und ich wäre am liebsten gleich im Nachtjäckchen fortgerannt . Ach Gott — ich zog Alles verkehrt an — die Fräulein mußten mir helfen , sonst wäre ich gar nicht fertig geworden vor lauter Eile ! “ Und sie lachte unter Tränen , während sie so sprach und schnappte nach Luft , als müsse sie sich immer noch tummeln , um zu dem Vater zu kommen — der ihr mittlerweile wieder davon fahren könnte . „ Ach , Vater — wie nenn ’ ich Dich nur ? Herzvater , Himmelsvater — bist Du denn bei mir ? Bleibst Du denn auch ein Weilchen ? Freust Du Dich denn auch nur halb so über mich , wie ich mich über Dich ? “ So bestürmte , bedrängte es ihn mit Liebe und Fragen , das ahnungslose glückselige Geschöpf den Verlorenen , der alle ihre Liebe nur als süße Verdammnis empfand . — Wenn dieser Engel je aus seiner reinen Sphäre herabstürzen müßte zu der Erkenntnis von des Vaters Schuld ? Wenn diese unverdorbene Seele mit dem Gedanken an Verbrechen befleckt würde , von denen sie keinen Begriff hatte und als deren Täter sie das Liebste auf Erden verachten lernen müßte ? Aber nicht das allein war es , was er fürchtete . Wenn seine Schande auf das Kind fiel ? Wenn seine zertrümmerte Existenz die junge Knospe unter ihrem Schutte begrub ? Wer würde sich der Tochter des Verurteilten annehmen ? „ Und ich werde die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied ! “ Dies harte Wort der Schrift , an die er nie geglaubt , trat ihm jetzt in furchtbarer Wahrscheinlichkeit vor die Seele . Es war der volle Ausdruck dessen , was er fürchtete . „ Vater , Du bist so still , “ sagte Gretchen verschüchtert . „ O , mein Kind , mein Leben ! Ich kann Dich nur ansehen und mich schweigend freuen . Dein wunderbarer Liebreiz kam wie eine höhere Offenbarung über mich . Ich bin ein neuer Mensch geworden , seit ich mich als Vater eines solchen Kindes empfinde . Das Alles will mit Sammlung durchlebt sein , es ist zu köstlich , um es wegzuscherzen . Drum laß mich ernst sein und glaube mir — je ernster ich bin , desto mehr liebe ich Dich . “ Gretchen ging rasch und sympathisch auf diese Stimmung ihres Vaters ein : „ Du hast Recht , man scherzt und lacht ja auch nicht in der Kirche und mir ist es jetzt gerade so zu Mute , so hingegeben , so erfüllt von Gottes Gnade . Ach , wie danke ich ihm , diesem guten Gott , für die Freude dieses Augenblicks ! So viele Jahre habe ich Dich von ihm erbeten und nun erhört er mich wirklich und schickt Dich mir ! Ach , er sorgt weise in Allem — er hat Dich mir wohl erst so spät gesandt , weil ich früher noch nicht reif genug gewesen wäre , dies Glück ganz zu begreifen ! “ Leuthold hatte sich gesetzt , sie drückte seinen schmalen Schlangenkopf an ihre junge Brust . „ Sie haben Dich müde gemacht , mein Väterchen , ich sagte es ja gleich , Du siehst so traurig aus . Aber nun hab ’ ich Dich endlich einmal und will Dich wieder auffrischen und pflegen , bis Du alles Weh und alle Plage vergessen hast . O , diese Ernestine — ich will ihr nicht zürnen , aber ich möchte jedes Lächeln , um das sie Dich gebracht , von ihr zurückfordern , denn sie hat es mir gestohlen , mir , die nichts hat als Dein Lächeln ! “ Sie drückte einen Kuß auf seine Stirn , der darauf fortbrannte wie eine glühende Kohle . „ Laß Ernestinen aus dem Spiel , mein Kind , “ sagte Leuthold beklommen . „ Sie ist , wie sie sein kann . Wir sprechen später einmal darüber . — Sie ist in der letzten Zeit nicht ganz so schlimm gewesen und erwähnte Deiner öfter mit Liebe . Ich glaube , sie wird bald heiraten , das macht sie weicher , denn die Liebe veredelt . Sie ist nur noch etwas unentschlossen , aber ich bin überzeugt , daß es so weit kommt . Da könnte sie Dir für alle Fälle eine Stütze sein , wenn mir irgend etwas zustieße — ja , sie würde es sein — dess ’ bin ich gewiß . “ „ Vater — “ rief Gretchen erschrocken , „ wie kannst Du nur so reden , was sollte Dir denn zustoßen ? “ „ Nun , mein Kind — ich könnte ja plötzlich sterben — man muß an Alles denken , denn man steht in — Gottes Hand . “ Gretchen kniete neben ihm nieder und drückte ihre roten Lippen auf seine hageren Finger . „ Väterchen , warum in diese himmlisch schöne Stunde einen Schatten werfen ? Kaum halte ich Dich in den Armen und soll an ein Scheiden für immer denken ? O nein , so grausam kann der liebe Gott nicht sein . Du stehst in seiner Hand — und er , der Dich zu mir geführt — er wird Dich mir auch lassen . “ Sie legte in unbeschreiblich süßer Zärtlichkeit den Kopf auf seine Kniee und schwieg . , ,Und ich werde die Sünden der Väter an den Kindern heimsuchen — “ sprach es wieder in dem glücklichen , unglücklichen Vater . So gingen ihm mehrere Stunden hin unter dem lieblichen , bald rührenden , bald schäkernden Geplauder des Mädchens . Endlich sprang sie auf , es war Mittag , und sie sollte zum Essen heim . Leuthold ließ sie nicht fort — man konnte in dem Pensionat wohl denken , daß sie bei ihrem Vater blieb und so speisten sie mit einander zum ersten Mal nach so langer Zeit , aber es war Leuthold , als sei es eine Henkersmahlzeit . Nach Tische ging er zur Vorsteherin des Institutes und trug dieser die Bitte vor , ihm Gretchen für einige Wochen auf eine < < Vergnügungsreise > > mitzugeben , was ohne Anstand bewilligt wurde . Nur meinte die Vorsteherin , sie wisse nicht , wie sie es sämmtlich ohne Gretchen so lange aushalten sollten . „ Sehen Sie , “ sagte die liebenswürdige Frau , „ dieses Kind ist eines der Wenigen , die uns für unsere Mühe belohnen . Wenn ich sie einst verlieren muß , so geht ein Stück meines Herzens mit . “ „ O , wie verdien ’ ich das ! “ rief Gretchen und warf sich tief beschämt an die Brust ihrer Gönnerin . Leuthold kämpfte schwer . Sollte er dies Kind aus dem Erdreich reißen , wo es so feste , gesunde Wurzeln geschlagen , wo es gedieh im Sonnenschein des Friedens und Wohlwollens ? Und doch , sollte er es hier lassen , um es für immer zu verlieren ? War er einmal vom Gesetz verfolgt in Amerika , so konnte er seine Tochter nicht nachkommen lassen , seinen Aufenthalt nicht verraten . Sie war sein Kind , er hatte das heiligste Recht auf sie und konnte sie , seit er sie wiedergesehen , weniger entbehren als je . — Sie sollte sein Schicksal teilen . Während er noch im Sprechzimmer war , kam auch die alte Dame herein , die sich den ganzen Tag im Institut aufhielt , und war natürlich höchst erfreut , ihren Reisegefährten wiederzusehen . Sie bedauerte nur , daß Leuthold nicht denselben Abend fuhr , sie hätten den Weg so hübsch zusammen machen können . Die Vorsteherin lud ihn zum Tee ein , was er nicht ablehnen konnte , und er empfahl sich , um mit Gretchen einen Spaziergang zu machen . Des Mädchens Jubel kannte keine Grenzen , als sie ganz allein am Arme des Papas in die Welt wandern durfte . Es war wirklich , als blicke sie manchmal prüfend zum Himmel empor , ob sie auch nicht etwa oben anstieße . Es ist seltsam , wie uns oft eine Äußerlichkeit zum Maßstabe für Glück oder Unglück wird : Gretchen konnte den ganzen Umfang ihres Glücks erst ermessen , indem sie am Arme des Vaters dahinschritt und allen Menschen zulächeln durfte : „ Seht , das ist mein Vater ! “ Sie hatte auch ihren neuen Hut aufgesetzt und ihre Sonntagskleider angezogen — sie wollte ihrem Papa gefallen und ihm vor den Leuten Ehre machen . Beides gelang ihr vollkommen . Sie war reizend . Leuthold betrachtete sie mit zunehmender Bewunderung , sein geschäftiger Geist fing bereits wieder an , zarte Fäden der Hoffnung aus ihren braunen Haaren und üppigen Wimpern zu spinnen . Diesem Engel stand die Welt offen , sollte er nicht auch einen geächteten Vater mit hindurch führen können ? Wer konnte diesen halb lachenden , halb weinenden Gazellenaugen , diesen schwellenden Lippen widerstehen , wenn sie für den Vater flehten ? Wie sie so neben ihm herging , die elastische Gestalt , sich leicht an seinem Arme wiegend , wie ein zum ersten Mal angeschirrtes Füllen , und ihm vorplauderte mit aller Anmut eines natürlich entwickelten , jugendlichen Geistes und eines innigen Gemüts , da fing auch er an zu lächeln und aufzuleben — er war , wenn auch der elendeste Mensch , doch ein beneidenswerter Vater ! Da unterbrach Gretchen sein Sinnen : „ Vater , “ sagte sie leise , „ Du hast es nie gerne gehabt , wenn ich als Kind von der Mutter sprach . Aber , ich möchte doch wissen , was denn eigentlich , seit sie den Kellner heiratete , aus ihr geworden ist ? Darf ich Dich heute einmal danach fragen ? “ „ Ich kann Dir mit dem besten Willen keine andere Auskunft geben , als daß sie von Marburg fortzog , nachdem ihr Vater starb . Damals sandte sie die bei der Scheidung für diesen Fall bedungene Summe der Beisteuer zu Deiner Erziehung an mich und von da an duldete ihr roher Gatte keinerlei Briefwechsel zwischen ihr und mir . Er schickte mir jeden Brief , in dem ich versuchte , unsere Angelegenheiten genauer zu ordnen , unerbrochen zurück . So erfuhr ich nur noch durch dritte Hand , sie habe Marburg für immer verlassen . Wo sie nun lebt , weiß ich nicht . “ Gretchen schüttelte das Köpfchen und schwieg . „ Nicht wahr , Vater , ich sehe Dir ähnlich ? “ fragte sie fast ängstlich — sie wollte dieser ungetreuen Mutter in nichts gleichen . „ Du hast ihre Schönheit , jedoch verfeinert und veredelt , und meine Art zu denken und zu fühlen . “ Gretchen schmiegte sich an ihn : „ Ach , möchte ich Dir immer ähnlicher werden ! “ „ Gott verhüt ’ s. “ dachte Leuthold bei sich mit vollster Selbsterkenntnis und schlug den Rückweg ein . Hätte er auch auf seinem Lebenswege so umkehren können ! — Der Abend bei der Vorsteherin verging ihm langsamer als die Stunden mit Gretchen allein , obgleich sie ihm Proben ihres Könnens und Wissens ablegte , die ihn hocherfreuten . Besonders überraschten ihn ihre künstlerischen Talente , ihr Zeichnen und Malen . Sie hatte nicht übertrieben , als sie ihm geschrieben , sie verstehe Alles , womit ein Mädchen sein Brot verdienen könne . In dieser Hinsicht war Leuthold beruhigt . Und als er sich Nachts spät zur Ruhe begab , da überkam ihn eine Art von Zuversicht , die er lange nicht mehr empfunden und die ihn in festen Schlummer wiegte . Am andern Morgen hörte Gretchen zu ihrem Erstaunen , daß der gütige Vater ihr das Meer zu zeigen gedenke . — Das eigentliche Ziel seiner Reise wollte er ihr erst auf dem Schiffe entdecken . Sie fuhren mit dem nächsten Zuge bis Hamburg , wo sie gegen Abend ankamen . Leuthold fand es am Geratensten , in einem großen Gasthaus abzusteigen , wo der Einzelne nicht so beachtet wurde wie in einem kleinen . Er wählte eines der prachtvollen Hotels am Jungfernstieg , der belebtesten Straße Hamburgs . Gretchen jubelte laut auf , als sich das nordische Venedig vor ihren unerfahrenen Blicken entfaltete . Da breitete es sich hin , das mächtige Alsterbassin , umrahmt von Hunderten strahlender Flammen , abgeschlossen durch den bunterleuchteten Alsterpavillon und mitten durch die leichtgekräuselte Flut zog der Mond eine endlose silberne Straße . Wie Schatten in der Laterna magica108 glitten die Gondeln darüber her und hin und von dem Lusttempel am jenseitigen Ufer trug der frische Seewind die Klänge rauschender Musik herüber . Wasser- , Licht- und Schallwellen fluteten in vollendeter Harmonie an Gretchens Auge und Ohr und wiegten sie in einen Taumel von Entzücken ein . Sie glaubte Nixen auftauchen zu sehen , die am Tage Handel und Wandel auf dem belebten Strom in die Tiefe verscheucht haben mochten ; sie umschwammen zutraulich die hindernden und sangen ihnen sehnsüchtige Lieder vor . Und wenn sie dann wieder den Blick dem Ufer zuwandte , wo Pallast sich an Pallast reihte , wo eine wogende Schar von Spaziergängern und rasselnden Equipagen sich drängte , ein Bild der Wirklichkeit gegenüber dem träumerischen Eindruck des Bassins — aber der Wirklichkeit in ihrer glänzendsten , stolzesten Gestalt , da glaubte die jugendliche Seele , die Welt sei ein Zaubergarten und ihr Vater der Magier , der darin gebiete , und er habe sie jetzt geholt , um seine Herrlichkeiten zu genießen . Sie warf sich an seine Brust und küßte seine Hände , und wußte ihm nicht mit Worten zu danken für alle die fremdartige , niegeahnte Wonne ! Da hielt der Wagen vor einem der schönsten Hotels des Jungfernstiegs . Der Portier rannte zur Glocke , das Personal stürzte herbei . Ein Oberkellner nahte mit dem seiner Würde angemessenen Schritt und erwartete unter der Tür die Ankommenden . Leuthold hatte Gretchen herausgeholfen und dem Hausknecht das Gepäck übergeben . Jetzt erst beim Ersteigen der Stufen richtete er den Blick auf den wohlfrisierten Stellvertreter des Wirtes . Er stutzte — jener gleichfalls . Sie kamen sich Beide bekannt vor — einige Sekunden des Besinnens — jetzt wußten sie ' s , Jeder vom Andern , wer sie waren . Leuthold mußte sich an Gretchen halten , um nicht zu straucheln : es war der Oberkellner aus seines Schwiegervaters Gasthaus , der Mann Berthas ! Sie wechselten einen kurzen , feindlichen Gruß . Dann rief der Oberkellner in dem unbefangensten Tone : „ Louis , führen Sie Herrn Doktor Gleißert mit Fräulein Tochter auf Nummer zwei- und dreiundvierzig . “ Es kam Leuthold vor , als lächelte der Angerufene bei Nennung seines Namens , als tausche er einen bedeutsamen Blick mit dem Vorgesetzten . Doch war dies wohl nur eine Vorspiegelung seiner geängstigten Phantasie . Er überlegte , ob es nicht besser sei , in ein anderes Hotel zu gehen . Doch mußte das wie eine Flucht ausgelegt werden , und erkannt war er ja doch schon ; wenn ihn der Oberkellner verfolgen wollte , wußte er ihn in jeder Herberge Hamburgs zu finden . Der Gefürchtete zog sich mit einer höhnischen Verbeugung zurück und Leuthold stieg hinter dem Führer vier Treppen hinan . „ Haben Sie denn kein Zimmer im unteren Stocke ? “ fragte er . „ Bedaure sehr , “ sagte der Gefragte lächelnd , „ ist Alles besetzt ! Sie haben ja da oben eine weit schönere Aussicht über das Alsterbassin . “ Leuthold schwieg . Es war ihm , als sei er in eine Falle geraten . Mußte er auch in der großen Stadt gerade das Haus wählen , wo ihm der schlimmste Feind lebte ! Wie war dieser Mensch hierher gekommen ? Louis , der Zimmerkellner , öffnete ein elegantes Gemach mit der Aussicht auf das Bassin , und Gretchen konnte einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken , als sie von solcher Höhe herab die ganze Herrlichkeit mit einem Blick überschaute . Sie meinte geradezu , sie sei im Himmel . Louis zündete die Kerzen an und harrte weiterer Befehle . “ „ Seit wann ist Herr Meyer Oberkellner bei Ihnen ? “ fragte Leuthold nebenbei . „ Seit einem Jahre etwa , “ erklärte Louis , die Serviette durch die Hände ziehend . „ Er ist mit dem Besitzer dieses Hauses verwandt und nachdem derselbe seinen einzigen Sohn verlor , ließ er Herrn Meyer kommen , damit das Geschäft doch nicht in fremde Hände falle . 24 „ So — da wird also Herr Meyer einmal sein Nachfolger ? “ „ Zu dienen , ja wohl ! “ Leuthold ging auf dem weichen Teppich hin und wieder . „ Speisen die Herrschaften zu Abend ? “ „ Ja ! “ „ Wollen Sie sich in den Speisesaal bemühen ? “ „ Ich möchte die vier Treppen nicht noch einmal steigen . Servieren Sie gefälligst hier oben . “ „ Sehr wohl — ich werde sogleich die Karte bringen . “ „ Eh — hören Sie — “ „ Befehlen ? “ „ Bringen Sie mir doch auch ein paar Zeitungen mit herauf — wollen Sie ? “ „ Sehr wohl ! “ Als Louis die Tür hinter sich geschlossen , wandte sich Gretchen , die bisher mit gefalteten Händen am Fenster gestanden , zu Leuthold um . „ Vater , “ sagte sie , „ ich bin wie berauscht von Allem , was ich sehe . So glücklich war ich in meinem Leben noch nie . Aber in aller Zerstreuung und Freude vergesse ich doch keinen Augenblick , wem ich es zu danken habe . “ Und sie kniete auf den Teppich nieder und legte das Köpfchen auf Leutholds Knie , der sich mittlerweile erschöpft in einen Stuhl geworfen . „ Ach , Vater , ist es denn Dir nur auch so leicht und frei hier oben in der reinen , herrlichen Luft mit dem Ausblick über das weite , leuchtende Wasser hin ? “ „ O ja , mein süßes Kind ! “ erwiderte Leuthold aus tödlich beklommener Brust . Gretchen sprang wieder auf und tat ein paar tiefe Atemzüge . „ Ach , “ rief sie ans Fenster zurücktretend , „ mir ist , als sei ich bisher durstig gewesen , zum Verschmachten durstig , und tränke jetzt mit vollen Zügen Labung aus dem Anblick dieser wogenden Flut — Ah ! “ Sie lehnte die schöne Stirn an das Fensterkreuz und sog sehnsüchtig den frischen Hauch ein , der von der Alster herüberwehte . „ Wie glücklich sind die Menschen , die zwei Elemente zur Heimat haben , “ fuhr sie fort : „ Land und Wasser ! Wir armen Landratten kleben immer nur an der Erde . Ach — wer alle vier Elemente bewohnen dürfte , wer bald auf der Erde schaffen und wirken oder in die Lüfte sich schwingen , bald auf kühlen Wellen dahin träumen oder in Feuersglut auflodern könnte — der wäre beneidenswert . “ „ Also Mensch , Fisch , Vogel und Salamander in Person möchtest Du sein ? “ lächelte Leuthold , erstaunt über des Mädchens leidenschaftlichen Ausdruck . „ Nun , nun , wenn man in das sechszehnte Jahr geht , hat man schon solche Gelüste — wer aber so bejahrt ist wie Dein alter Vater , der dankt dem Himmel , wenn er auf Erden anständig durchkommt . “ „ Mein alter Vater , “ lachte Gretchen und eilte zu ihm hin . „ O , Du schöner Papa , wie magst Du Dich nur einen Greis nennen ? Komm nur , komm mit nur an das Fenster , der Anblick da draußen wird Dich gleich um zwanzig Jahre verjüngen . “ Sie zog ihn mit sich . „ Es ist ganz eigen , weißt Du — ich meine , die Schönheit , wie und wo sie sich uns offenbare , müsse alte Leute jünger und junge älter machen . Der Jugend ist sie eine Erfahrung , und Erfahrung reift — dem Alter ist sie eine Erinnerung , denn es hat sie immer irgendwo schon einmal gesehen , und es kehrt zurück zu der Empfindung , mit der es sie zuerst genoß . Solch eine Erinnerung nimmt gewiß Jahrzehnte von der Seele ! “ Leuthold sah Gretchen mit unverhehltem Erstaunen an — „ Kind , wo hast Du diese Weisheit her ? “ „ Ei nun — wohl aus den guten Büchern , die ich las , “ sagte Gretchen bescheiden , „ da bleibt einem etwas hängen ! “ „ Gesegnet sei der Tag , der Dich mir schenkte , Du bist mein ganzer Reichtum . “ „ Vater — “ rief Gretchen und sank mit unaussprechlicher Innigkeit an seine Brust . Da klopfte es an die Tür und der Kellner trat ein mit Speisekarte und Zeitungen . „ Sie verzeihen , es hat etwas lange gedauert — ich mußte erst die heutigen Blätter bei Madame suchen . “ „ Es tut nichts , “ sagte Leuthold fast heiter , denn das Gespräch mit seiner Tochter hatte ihm wohlgetan . — Er bestellte ein kleines Souper und als der Kellner sich wieder entfernt hatte , setzte er sich auf das Sofa und begann zu lesen . Gretchen hatte nach Mädchenart eine Handarbeit mitgenommen , denn sie war noch in dem Alter , wo sich jedes Gefühl zunächst in Sticken und Häckeln für den geliebten Gegenstand kund gibt . So nähte sie mit rührendem Eifer an einer Brieftasche für den Papa , während er las . Sie schaute nur dann und wann zum Fenster hin , wie um sich zu überzeugen , ob auch alle die Herrlichkeit noch da draußen sei . Plötzlich erschreckte sie ein dumpfer Seufzer ihres Vaters , und als sie aufblickte , sah sie ihn todesblaß auf die seinen Händen entfallene Zeitung starren , dann sprang er auf und schritt in stummer Verzweiflung im Zimmer auf und nieder . „ Was ist Dir , Vater , lieber Vater , was hast Du ? “ fragte Gretchen ängstlich , da aber keine Erklärung erfolgte , suchte sie dieselbe in dem vor ihr liegenden Blatt , das die Aufregung Leutholds jedenfalls hervorgerufen hatte . Sie las unbemerkt von ihm , der unter dem Fenster Atem schöpfte — sie las , als sei es in einer fremden , unverständlichen Sprache gedruckt , die sie erst mit ihrem Herzblut entziffern müsse . Es war ein telegraphisches Fahndungsausschreiben des Amtsgerichts N * * : „ Der vormalige Professor Leuthold Gleißert aus Pr . ist angeschuldigt , mittelst Fälschung einer öffentlichen Urkunde das Vermögen seiner Mündel Ernestine v. Hartwich in Hochstellen im ungefähren Betrage von neunzigtausend Talern sich widerrechtlich zugeeignet und im eigenen Nutzen verwendet , auch einen Briefdiebstahl begangen zu haben . Wir bitten , auf denselben zu fahnden und ihn an uns abzuliefern . “ Das Signalement war beigefügt , aber Gretchen hatte genug gelesen . „ Vater , “ schrie sie , „ Vater , — Vater ! “ Und als habe sie in den drei Worten Alles gesagt , was zu sagen war , stürzte sie verstummt auf das Antlitz nieder , wie wenn sie es für immer in die Erde verbergen wolle . Da stand nun der Verbrecher und mußte es mit Augen sehen , „ wie der Schutt seiner zertrümmerten Existenz sein Kind mit zerschmetterte . “ Er wagte es nicht , den heiligen Leib zu berühren , der in Todesweh vor ihm hingestreckt lag . — Er sah fast wahnsinnig auf sie nieder . Gott hatte den Unempfindlichen an der einzigen Stelle gefaßt , wo er noch menschlich fühlte ; seine Strafe lag in dem Leiden seines Kindes , das er mitansehen mußte , ohne es lindern zu