: ich dachte , Sie wollten einen Ausflug machen . Es ist besser so : Hannah soll mit Ihnen gehen . “ “ Sagen Sie ihr also , daß sie sich bis morgen bereit hält . Hier ist der Schlüssel zu der Schulstube : den Schlüssel zu meinem Häuschen will ich Ihnen morgen geben . “ Er nahm ihn . “ Sie geben ihn sehr freudig ab , “ sage er ; “ ich verstehe Ihre Heiterkeit nicht ganz , da ich nicht weiß , welche Beschäftigung Sie anstatt der aufgegebenen zu wählen gedenken . Welchen Vorsatz , welchen Zweck , welchen Ehrgeiz haben Sie jetzt im Leben ? “ “ Meine erste Absicht ist , Moor House von der Bodenkammer bis zum Keller zu reinigen ; meine zweite , es mit Wachs , Oel und Tüchern abzureiben , bis es wieder glänzt ; meine dritte , jeden Stuhl , Tisch , Bett und Teppich mit mathematischer Genauigkeit zu ordnen . Dann wird es über Ihre Kohlen und Ihren Torf hergehen , um in jedem Zimmer ein gutes Feuer zu unterhalten , und endlich sollen die beiden Tage vorher , ehe wir Ihre Schwestern erwarten , von Hannah und mir dazu angewendet werden , daß wir viele Eier aufschlagen , Beeren auslesen , Gewürze reiben , Weihnachtskuchen backen , die Erfordernisse zu kleinen Pasteten zusammenstoßen und alle die andern Küchenceremonien feiern , wovon Worte einem Uneingeweihten , wie Sie , nur einen schwachen Begriff beibringen können . Kurz , meine Absicht ist , Alles vor nächsten Donnerstag für Diana und Maria in den vollkommensten Zustand der Bereitschaft zu setzen , und mein Ehrgeiz soll darin bestehen , ihnen ein Ideal von Willkommen darzubringen , wenn sie eintreffen . “ Saint John lächelte ein wenig , und doch war er unzufrieden . “ Es ist Alles sehr gut für jetzt , “ sagte er ; “ aber im Ernst , ich hoffe , wenn die erste Glut der Lebhaftigkeit vorüber ist , werden Sie etwas höher blicken und nicht Ihren Ehrgeiz in häusliche Genüsse und Freuden des Haushalts setzen . “ “ Das ist ja das Beste , was die Welt besitzt ! “ fiel ich ein . “ Nein , Johanna , nein : diese Welt ist nicht der Schauplatz des Genusses ; versuchen Sie nicht , Sie dazu zu machen : noch auch der Ruhe ; werden Sie nicht träge . “ “ Ich beabsichtige im Gegentheil , geschäftig zu sein . “ “ Johanna , ich entschuldige Sie für jetzt : zwei Monate gestatte ich Ihnen zum vollen Genuß Ihrer neuen Stellung und zu der Freude über diesen so spät erlebten Reiz der Verwandtschaft ; dann aber hoffe ich , werden Sie beginnen , über Moor House und Morton und schwesterliche Gesellschaft , so wie über die selbstsüchtige Ruhe und den sinnlichen Genuß des civilisirten Ueberflusses hinauszublicken . Ich hoffe , Ihre innere Kraft wird Sie dann wieder vorwärts treiben . “ Ich sah ihn mit Ueberraschung an . “ Saint John , “ sagte ich , “ ich halte Sie fast für böse , so zu reden . Ich bin geneigt , zufrieden zu sein , wie eine Königin , und Sie versuchen , mich zur Ruhelosigkeit anzuspornen ! Zu welchem Zweck ? “ “ Zu dem Zweck , die Talente , die Ihnen Gott anvertraut hat , zum Vortheil anzuwenden , denn er wird gewiß eines Tages strenge Rechenschaft darüber fordern . Johanna , ich werde Sie genau und ängstlich beobachten — das sage ich Ihnen vorher . Und versuchen Sie , die unverhältnißmäßige Glut zu unterdrücken , womit Sie sich in die alltäglichen häuslichen Freuden stürzen . Hängen Sie nicht zu beharrlich an den Banden des Fleisches ; sparen Sie Ihre Standhaftigkeit und Ihre Glut für eine angemessene Sache : hüten Sie sich , dieselben an abgedroschene , vorübergehende Gegenstände zu verschwenden . Hören Sie wohl , Johanna ? “ “ Ja , gerade als wenn Sie griechisch sprächen . Ich fühle , ich habe guten Grund , glücklich zu sein , und ich will mich freuen . Leben Sie wohl ! “ Glücklich war ich in Moor House und arbeitete angestrengt ; Hannah auch , und sie war entzückt , zu sehen , wie heiter ich unter der Verwirrung eines umgekehrten Hauses sein konnte — wie ich zu bürsten , abzustäuben , zu reinigen und zu kochen verstand . Und in der That war es entzückend , nach einem oder zwei Tagen der ärgsten Verwirrung nach und nach wieder Ordnung in das Chaos zu bringen , welches wir selbst veranstaltet hatten . Ich hatte vorher eine Reise nach S. gemacht , um einige neue Möbeln zu kaufen , da meine Verwandten mir die Erlaubniß ertheilt hatten , alle Veränderungen nach meinem Gefallen vorzunehmen , zu welchem Zwecke wir eine Summe ausgesetzt hatten . Das gewöhnliche Wohnzimmer und die Schlafzimmer ließ ich fast ganz so , wie sie waren ; denn ich wußte , daß Diana und Maria mehr Vergnügen daran finden würden , die alten einfachen Tische , Stühle und Betten wieder zu sehen , als an dem Schauspiel der zierlichsten Neuerungen . Dennoch war einige Neuerung nöthig , um dem Ganzen bei ihrer Rückkehr etwas Pikantes zu geben . Dunkle , schöne und neue Teppiche und Vorhänge , eine zierliche Vertheilung einiger sorgfältig ausgewählten antiken Zierrathen in Porzellan und Bronze , neue Decken , Spiegel und Toilettenkästchen entsprachen diesem Zweck und Alles sah frisch aus , ohne schimmernd zu sein . Ein unbenutztes Sprachzimmer und Schlafzimmer möblirte ich ganz aus mit alten Mahagoni-Möbeln mit rothen Ueberzügen ; ich legte Wachstuch in den Gang und Teppiche auf die Treppen . Als Alles vollendet war , hielt ich Moor House für ein so vollständiges Muster glänzender und bescheidener Zierlichkeit im Innern , wie es zu dieser Jahreszeit von Außen einer winterlichen Einöde glich . Endlich kam der verhängnisvolle Donnerstag . Sie wurden bei Anbruch der Nacht erwartet und ehe die Dämmerung eintrat , wurde oben und unten Feuer angebrannt ; die Küche war vollkommen zierlich eingerichtet , Hannah und ich angekleidet und Alles in Bereitschaft . Saint John kam zuerst an . Ich hatte ihn gebeten , das Haus nicht zu besuchen , bis Alles in Ordnung sei ; und in der That war schon der Gedanke an das schmutzige und alltägliche Geschäft , welches in seinem Hause vorging , hinreichend , ihn entfernt zu halten . Er fand mich in der Küche , wo ich mit dem Backen einiger Kuchen zum Thee beschäftigt war . Indem er sich dem Heerde näherte , fragte er , ob ich endlich von dem gemeinen Geschäfte der Mägde genug habe ? Ich antwortete , indem ich ihn einlud , eine allgemeine Uebersicht des Gelingens meiner Arbeiten anzustellen . Mit einiger Schwierigkeit bewog ich ihn , den Gang durch das Haus zu machen . Er blickte nur eben in die Thüren , die ich öffnete ; und als er hinauf und wieder herunter gewandert war , sagte er , es müßte mir viel Mühe und Anstrengung verursacht haben , in so kurzer Zeit so beträchtliche Veränderungen hervorzubringen ; doch sprach er keine Silbe , die ein Vergnügen über das verbesserte Aussehen seiner Wohnung ausdrückte . Dieses Schweigen dämpfte meine Freude . Ich dachte . die Veränderungen hätten vielleicht einige alte Erinnerungen gestört , die er schätzte . Ich fragte , ohne Zweifel in etwas muthlosem Tone , ob dies der Fall sei . “ Durchaus nicht , “ sagte er , “ ich habe im Gegentheil bemerkt , daß Sie sorgfältig jede Erinnerung geschont haben : ich fürchte freilich , daß Sie mehr Nachdenken auf die Sache verwendet haben , als sie werth ist . Wie viele Minuten haben Sie z. B. darauf verwendet , die Anordnung dieses Zimmers zu studiren ? “ Hierauf fragte er , ob ich ihm nicht sagen könne , wo ein Buch sei , welches er nannte . Ich zeigte ihm den Band auf dem Repositorium : er nahm ihn herunter , zog sich in seine gewohnte Fenstervertiefung zurück und begann darin zu lesen . Dies gefiel mir nicht , Leser . Saint John war ein guter Mann ; aber ich begann zu fühlen , daß er die Wahrheit von sich gesprochen , als er gesagt , er sei hart und kalt . Die Menschlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens hatten nichts Anziehendes für ihn — der friedliche Genuß keinen Reiz . Er lebte im buchstäblichen Sinne nur , um zu streben — freilich nach dem , was gut und groß war ; doch er wollte niemals ruhen und billigte nicht , das Andere um ihn ruheten . Als ich seine hohe Stirn ansah , still und bleich wie ein weißer Stein — seine schönen Züge , starr und gespannt beim Studiren — da sah ich sogleich ein , daß er schwerlich ein guter Ehemann sein würde , und daß es eine schwere Aufgabe sein müsse , sein Weib zu sein . Ich begriff wie aus Inspiration die Art seiner Liebe zu Miß Oliver : ich stimmte mit ihm überein , daß es nur eine Liebe der Sinne sei . Ich begriff , wie er sich verachten müsse , wegen des fieberhaften Einflusses , den sie auf ihn ausübte ; wie er wünschen müsse , sie zu ersticken und zu verbannen ; wie er zweifeln müsse , daß sie je zu seinem oder ihrem dauernden Glücke führen könne . Ich sah , daß er von dem Material war , woraus die Natur ihre christlichen und heidnischen Helden , ihre Gesetzgeber , Staatsmänner und Eroberer bildet : ein festes Bollwerk für große Interessen , aber nur zu oft am häuslichen Kamin eine kalte , schwere Säule , düster und nicht an ihrem Platze . “ Dieses Sprachzimmer ist nicht seine Sphäre , “ dachte ich : “ das Himalajagebirge , die Kaffernwüste und selbst die von der Pest heimgesuchte sumpfige Küste von Guinea würde besser für ihn passen . Wohl mag er die Ruhe des häuslichen Lebens meiden ; es ist nicht sein Element , dort verdumpfen seine Fähigkeiten — sie können sich nicht entwickeln oder sich vortheilhaft zeigen . In Scenen ves Kampfes und der Gefahr , wo Muth bewiesen , Thätigkeit angewendet und Tapferkeit geprüft wird — da wird er als Anführer und Herrscher reden und handeln . An seinem Heerde würde ein Kind ihm den Vortheil abgewinnen . Er hat Recht , die Laufbahn eines Missionairs zu wählen — ich sehe es jetzt . “ “ Sie kommen , sie kommen ! “ rief Hannah , die Thür des Sprachzimmers aufreißend . In demselben Augenblick bellte der alte Carlo freudig . Ich lief hinaus . Es war dunkel , aber man hörte Wagenräder rollen . Hannah hatte bald eine Laterne angezündet . Der Wagen hielt an der Pforte ; der Kutscher öffnete die Thür : zuerst kam eine wohlbekannte Gestalt heraus und dann die andere . In einer Minute hatte ich mein Gesicht unter ihren Hüten , kam erst mit Maria ' s sanfter Wange und dann mit Diana ' s fliegenden Locken in Berührung . Sie lachten — küßten mich — dann Hannah ; streichelten Carlo , der halb wild vor Entzücken war . Sie fragten lebhaft , ob Alles wohl sei , und als es bejaht wurde , eilten sie in ' s Haus . Sie waren steif von dem Fahren auf den holperigen Wegen und erstarrt von der kalten Nachtluft ; aber ihre lieblichen Gesichter erheiterten sich bei dem belebenden Kaminfeuer . Während der Kutscher und Hannah die Schachteln und Koffer hereinbrachten , fragten sie nach Saint John . In diesem Augenblick kam er aus dem Sprachzimmer . Beide umarmten ihn zugleich . Er gab Jeder einen ruhigen Kuß und sprach in leisem Tone einige Worte des Willkommens , blieb eine Weile stehen und ließ mit sich reden , sagte dann , er vermuthe , sie würden bald zu ihm in das Sprachzimmer kommen und zog sich in dieses Asyl zurück . Ich hatte ihre Lichter angezündet , um sie auf ihr Zimmer zu führen , doch Diana hatte noch einige gastfreundliche Befehle hinsichtlich des Kutschers zu ertheilen ; als dies geschehen war , folgten mir Beide . Sie waren entzückt von der Ausschmückung und Verschönerung ihrer Zimmer , von der neuen Draperie , den frischen Teppichen , den reich bemalten chinesischen Vasen und sie sprachen in nicht kargen Worten ihren Beifall aus . Ich hatte die Freude , zu fühlen , daß meine Anordnungen vollkommen ihren Wünschen entsprachen , und das , was ich gethan , erhöhte den lebhaften Reiz ihrer freundlichen Rückkehr nach Hause . Dieser Abend war sehr angenehm . Meine Cousinen waren voll Heiterkeit und so beredt in ihren Erzählungen und Bemerkungen , daß ihre Lebhaftigkeit Saint John ' s Schweigsamkeit vergessen machte . Er war aufrichtig erfreut , seine Schwestern wiederzusehen ; doch konnte er mit der Glut ihrer Freude nicht sympathisiren . Das Ereigniß des Tages — das heißt Diana ' s und Maria ' s Rückkehr — war ihm angenehm ; doch die begleitenden Umstände dieses Ereignisses , der freudige Triumph , die geschwätzige Heiterkeit des Empfanges verletzte ihn : ich sah es ihm an , daß er den ruhigeren Morgen herbeiwünschte . In der Mitte der heitern Abendunterhaltung , um die Theestunde , wurde an die Thür geklopft . Hannah trat mit der Nachricht herein , es sei ein armer Junge zu dieser ungelegenen Zeit gekommen , um Herrn Rivers zu seiner Mutter zu holen , die dem Tode nahe sei . “ Wo wohnt sie , Hannah ? “ “ Dort oben in Whitcroß Bow , fast vier Meilen von hier , und auf dem ganzen Wege nichts als Moor und Moos . “ “ Sage ihm , ich werde kommen . “ “ Ich denke es wäre besser , Sie gingen nicht , Herr . Es ist der schlimmste Weg zu reisen , wenn es dunkel ist , den man sich nur denken kann : es ist gar keine Bahn über den Sumpf . Und dann ist es eine so bitterlich kalte Nacht — und der Wind geht so scharf , wie man ihn nur je gefühlt . Es wäre besser , Herr , Sie ließen sagen , Sie wollten morgen kommen . “ Aber er war schon im Gange , legte seinen Mantel an und ging ohne Einwendungen zu machen und ohne zu murren fort . Es war damals neun Uhr und er kehrte erst um Mitternacht zurück . Erfroren und ermüdet genug war er , doch sah er heiterer aus , als da er ging . Er hatte eine Pflicht erfüllt , eine Anstrengung gemacht , seine eigene Kraft der Selbstverleugnung gefühlt und war zufriedener mit sich selber Ich fürchte , daß die ganze folgende Woche seine Geduld auf die Probe stellte . Es war die Weihnachtswoche : wir nahmen kein bestimmtes Geschäft vor , sondern brachten sie in heiterer häuslicher Unterhaltung hin . Die Luft des Moors , die Freiheit des jetzigen Lebens , die Morgenröthe des Glücks — dies Alles wirkte auf Dianens und Mariens Lebensgeister wie ein belebendes Elixir : sie waren heiter vom Morgen bis zum Mittag und vom Mittag bis zur Nacht . Sie konnten immer sprechen , und ihre Unterhaltung , die stets witzig , lebhaft und originell war , hatte einen solchen Reiz für mich , daß ich es jeder anderen Beschäftigung vorzog , ihnen zuzuhören und mit einzustimmen . Saint John tadelte unsere Lebhaftigkeit nicht : doch wich er ihr aus und war selten zu Hause : da seine Gemeinde groß und die Bevölkerung sehr zerstreut war , so fand er täglich Beschäftigung , die Kranken und Armen in den verschiedenen Districten zu besuchen . Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana , nachdem sie ihn einige Minuten angesehen , ob seine Pläne noch immer unverändert seien ? “ Unverändert und unveränderlich , “ war die Antwort . Und er fuhr fort uns zu benachrichtigen , daß seine Abreise von England jetzt auf das folgende Jahr fest bestimmt sei . “ Und Rosamunde Oliver ? “ bemerkte Maria , deren Lippen diese Worte unwillkürlich zu entschlüpfen schienen ; denn sobald sie sie ausgesprochen , machte sie eine Bewegung , als wollte sie sie zurückrufen . Saint John hatte ein Buch in der Hand — es war seine ungesellige Gewohnheit , bei den Mahlzeiten zu lesen — er machte es zu und blickte auf . “ Rosamunde Oliver , “ sagte er , “ ist im Begriff , sich mit Herrn Gramby in S. zu verheirathen ; es ist ein sehr schätzbarer Mann mit den besten Verbindungen , der Enkel und Erbe des Sir Frederik Gramby . Ich erhielt die Nachricht gestern von ihrem Vater . “ Seine Schwestern sahen einander und dann mich an ; wir alle Drei sahen ihn an : er war so heiter wie Glas . “ Die Sache muß hastig zu Stande gekommen sein . “ sagte Diana ; “ sie können einander noch nicht lange gekannt haben . “ “ Erst zwei Monate . Sie trafen einander im October auf dem Deputirtenball zu S. Aber wo einer Verbindung keine Hindernisse entgegenstehen , wie im gegenwärtigen Falle , wo die Partie in jeder Hinsicht wünschenswerth ist , da ist der Aufschub unnöthig : sie werden sich verheirathen , sobald das Herrenhaus , welches Sir Frederik ihnen gibt , zu ihrer Aufnahme hergestellt werden kann . “ Das erste Mal , als ich Saint John nach dieser Mittheilung allein traf , fühlte ich mich geneigt , zu fragen , ob das Ereigniß ihm Kummer verursache : doch er schien so wenig der Sympathie zu bedürfen , daß , weit entfernt ihm mehr anzubieten , ich mich bei der Erinnerung schämte , wie weit ich bereits gegangen . Ueberdies war ich außer Gewohnheit gekommen , mit ihm zu reden : seine Zurückhaltung war wieder übergefroren und meine Offenheit darunter erstarrt . Er hatte sein Versprechen nicht gehalten , mich wie seine Schwestern zu behandeln : er machte beständig kleine , erkältende Unterschiede zwischen uns , die durchaus nicht der Entwicklung der Herzlichkeit günstig waren : kurz jetzt , da ich als seine Verwandte anerkannt war und unter demselben Dache mit ihm wohnte , fand ich , daß die Entfernung zwischen uns viel größer sei , als da er mich als Dorfschulmeisterin besucht hatte . Wenn ich mich erinnerte , wie weit er mich einst in sein Vertrauen eingeweiht hatte , da konnte ich seine gegenwärtige Kälte kaum begreifen . Da dies der Fall war , fühlte ich mich nicht wenig überrascht , als er seinen Kopf plötzlich von dem Schreibpult erhob , über welches er sich neigte , und sagte : “ Sie sehen , Johanna , die Schlacht ist gefochten und der Sieg gewonnen . “ Bestürzt über diese Anrede , antwortete ich nicht sogleich . “ Aber sind Sie auch gewiß , nicht in der Lage derjenigen Eroberer zu sein , deren Triumphe ihnen zu theuer zu stehen kommen ? “ sagte ich endlich . “ Würde nicht noch ein solcher Sieg Sie zu Grunde richten ? “ “ Ich denke es nicht ; und wenn es der Fall wäre , so liegt nicht viel daran ; ich werde nie aufgefordert werden , noch einen zweiten solchen Sieg zu erringen . Der Ausgang des Kampfes ist entscheidend : mein Weg liegt jetzt klar vor mir ; ich danke Gott dafür ! “ So redend , kehrte er zu seinen Papieren zurück und versank wieder in sein Schweigen . Unser wechselseitiges Glück — d.h. Dianens , Mariens und meins — nahm einen ruhigeren Charakter an ; wir begannen wieder unsere gewöhnlichen Beschäftigungen und unsere regelmäßigen Studien ; Saint John blieb mehr zu Hause und saß zuweilen Stunden lang bei uns im Zimmer . Während Maria zeichnete und Diana ihre encyclopädischen Studien trieb , die sie zu meinem Schrecken und meiner Bewunderung unternommen , und ich mich mit der deutschen Sprache abquälte , beschäftigte er sich mit seinem eigenen geheimnißvollen Studium , nämlich mit dem Erlernen einer orientalischen Sprache , deren Kenntniß er für seine Pläne nothwendig hielt . So beschäftigt , erschien er , in seinem Winkel sitzend , ruhig und vertieft genug ; aber sein blaues Auge pflegte die fremd aussehende Sprachlehre zu verlassen , zu uns hinzuschweifen und uns , seine Studiengenossen , zuweilen mit auffallender Schärfe der Beobachtung anzusehen . Wenn man ihn dabei überraschte , zog er seinen Blick sogleich zurück , richtete ihn aber von Zeit zu Zeit wieder forschend auf unsern Tisch hin . Es wunderte mich , was dieser Blick zu bedeuten habe : ich wunderte mich auch über die pünktliche Zufriedenheit , die er bei einer Gelegenheit , die mir von geringer Bedeutung schien , niemals zu zeigen unterließ — nämlich bei meinem wöchentlichen Besuch in der Schule zu Morton ; und noch mehr setzte es mich in Erstaunen , daß er , wenn das Wetter ungünstig war , wenn es schneite , regnete oder der Wind stark wehte und seine Schwestern mir zuredeten , nicht zu gehen , stets ihre Besorgniß leicht nahm und mich ermuthigte , meine Aufgabe ohne Rücksicht auf die Elemente zu erfüllen . “ Johanna ist kein solcher Weichling , wie Ihr aus ihr machen möchtet , “ pflegte er zu sagen ; “ sie kann den kalten Wind des Gebirges , einen Regenschauer oder einige Flocken Schnee so gut ertragen , wie nur einer von uns . Ihre Constitution ist zugleich gesund und elastisch — besser darauf berechnet , den Wechsel des Klima ' s zu ertragen , als viele stärkere Personen . “ Und wenn ich zuweilen sehr ermüdet und von Wetter angegriffen zurückkehrte , wagte ich nicht zu klagen , denn ich sah , daß mein Murren ihn ärgerlich machte . Bei allen diesen Gelegenheiten gefiel ihm die Standhaftigkeit sehr und das Gegentheil davon machte einen sehr unangenehmen Eindruck auf ihn . Eines Nachmittags aber erhielt ich die Erlaubniß , zu Hause zu bleiben , weil ich mir wirklich eine Erkältung zugezogen hatte . Seine Schwestern waren anstatt meiner nach Morton gegangen : ich saß da und las im Schiller , während er seine verzwickten morgenländischen Schnörkeln entzifferte . Als ich bei mir das Gelernte wiederholte , sah ich zufällig nach ihm hin und bemerkte , daß sein stets wachsames blaues Auge auf mich gerichtet war . Wie lange er mich auf und nieder beobachtet hatte , kann ich nicht sagen , doch der Blick war so scharf und doch so kalt , daß ich im ersten Augenblick eine abergläubische Furcht empfand , als ob ich mich mit einem Wahnsinnigen in demselben Zimmer befinde . “ Johanna , was thun Sie ? “ “ Ich lerne Deutsch . “ “ Ich wünschte , Sie gäben das Deutsch auf und lernten Hindostanisch . “ “ Sie reden nicht im Ernst ? “ “ In solchem Ernst , daß es geschehen muß ; und ich will Ihnen sagen , warum . “ Dann erklärte er mir , daß das Hindostanische die Sprache sei , die er gegenwärtig studire ; daß er beim weiteren Fortschreiten leicht die Anfangsgründe vergessen werde und es ihm daher sehr vortheilhaft sein müsse , eine Schülerin zu haben , mit welcher er die Elemente wiederholen und sie so vollkommen seinem Geiste einprägen könne . Seine Wahl habe eine Zeit lang zwischen mir und seinen Schwestern geschwankt ; doch habe er sich für mich entschieden , weil er gesehen , daß ich am längsten von den Dreien bei einer Aufgabe sitzen könne . Wenn ich ihm die Gefälligkeit erweisen wolle , so würde ich dieses Opfer nicht lange zu bringen haben , da er in drei Monaten abzureisen gedenke . “ Saint John war kein Mann , dem man leicht etwas abschlagen konnte : man fühlte , daß jeder Eindruck des Schmerzes oder Vergnügens , der auf ihn hervorgebracht wurde , tief und dauernd war . Ich willigte ein . Als Diana und Maria zurückkehrten , fand die Erstere , daß ihre Schülerin ihr abtrünnig geworden und zu ihrem Bruder übergegangen war . Beide lachten und stimmten darin überein , daß Saint John sie nie zu einem solchen Schritte hätte überreden können . “ Ich wußte es , “ antwortete er ruhig . Ich fand in ihm einen sehr geduldigen , schonenden und doch viel fordernden Lehrer ; er erwartete , daß ich viel thun solle , und wenn ich seine Erwartungen erfüllte , bezeugte er auf seine eigene Weise seine Billigung . Nach und nach erlangte er einen gewissen Einfluß auf mich , der mich der Freiheit meines Geistes beraubte : sein Lob und sein Tadel übten eine größere Macht über mich als seine Gleichgültigkeit . Ich konnte nicht mehr frei reden oder lachen , wenn er dabei war , weil ein lästiger Instinkt mich warnte , daß Lebhaftigkeit ihm wenigstens an mir zuwider sei . Ich war so vollkommen überzeugt , daß nur ernste Stimmungen und Beschäftigungen ihm angenehm waren , so daß jede Bemühung vergeblich wurde , in seiner Gegenwart eine andere zu behaupten oder zu treiben , und ich gerieth in die Macht eines erstarrenden Zaubers . Wenn er sagte : gehen Sie , so ging ich ; kommen Sie , so kam ich , thun Sie dies , so that ich es . Aber ich liebte meine Knechtschaft nicht : ich wünschte oft , er hätte fortgefahren , mich zu vernachlässigen . Eines Abends , als wir zu Bett gehen wollten , standen seine Schwestern und ich um ihn und sagten ihm gute Nacht ; er küßte Beide , wie es seine Gewohnheit war , und reichte mir die Hand , wie er gleichfalls zu thun pflegte , und Diana , die gerade in sehr lustiger Stimmung war , denn sie ließ sich nicht schmerzlich von seinem Willen lenken , denn der ihre war stark und hatte eine andere Richtung genommen , rief plötzlich aus : “ Saint John , Du pflegtest Johanna Deine dritte Schwester zu nennen , Du behandelst sie aber nicht als solche : Du solltest sie auch küssen . “ Sie schob mich zu ihm hin . Ich hielt Diana für sehr unüberlegt und fühlte mich sehr verwirrt ; doch während ich so dachte und fühlte , neigte Saint John sein Haupt , sein griechisches Gesicht kam mit dem meinen in eine Linie , seine Augen fragten durchdringend meine Augen , und er küßte mich . Es gibt keine Marmorküsse oder Eisküsse , sonst würde ich sagen , daß der Kuß meines geistlichen Vetters in eine dieser Klassen gehöre ; aber es kann Experimentalküsse geben , und der seine war ein Experimentalkuß . Als er ihn gegeben , sah er mich an , um die Wirkung zu beobachten ; sie war nicht auffallend ; ich bin gewiß , daß ich nicht erröthete ; vielleicht wurde ich ein wenig blaß , denn es war mir , als sei dieser Kuß ein meinen Fesseln aufgedrücktes Siegel . Er unterließ später die Ceremonie niemals , und der Ernst und die Ruhe , womit ich mich derselben unterzog , schien ihm einen gewissen Reiz zu gewähren . Ich meines Theils wünschte ihm täglich mehr zu gefallen ; aber um dies zu thun , fühlte ich täglich mehr und mehr , daß ich die Hälfte meiner Natur verleugnen , die Hälfte meiner Fähigkeiten unterdrücken , meinen Geschmack von seiner ursprünglichen Neigung ablenken und mich zwingen müsse , etwas zu treiben , wozu ich keinen natürlichen Beruf hatte . Er suchte mich auf eine Höhe zu führen , die ich nie erreichen konnte : es quälte mich stündlich , nach der Standarte aufzustreben , die er aufgepflanzt ; die Sache war ebenso unmöglich , als hätte ich meine unregelmäßigen Züge nach seinem correcten und classischen Muster formen und meinen veränderlichen grünlichen Augen die meerblaue Färbung und den feierlichen Glanz der seinigen geben wollen . Doch nicht sein Uebergewicht allein hielt mich gegenwärtig in Knechtschaft gefangen . In der letzten Zeit war es mir leicht genug geworden , traurig auszusehen : ein nagendes Uebel hatte sich meines Herzens bemächtigt und trocknete die Quelle meines Glückes aus — das Uebel der ungeduldigen Erwartung . Vielleicht wird der Leser denken , ich habe bei diesen Wechseln des Orts und des Glücks Herrn Rochester vergessen . Keinen Augenblick . Der Gedanke an ihn war mir stets gegenwärtig , denn es war kein Dunst , den der Sonnenschein zerstreuen konnte , noch ein in Sand gezeichnetes Bild , welches die Stürme auslöschen konnten : es war ein Name , in eine Tafel gegraben , der so lange dauern sollte , als der Marmor , auf den er geschrieben war . Das Verlangen , zu wissen , was aus ihm geworden sei , verfolgte mich überall : wenn ich in Morton war , trat ich immer jeden Morgen wieder in meine Hütte , um daran zu denken , und jeden Abend suchte ich in Moor House mein Schlafzimmer auf , um darüber zu brüten . Im Verlaufe meiner nothwendigen Correspondenz mit Herrn Briggs wegen des Testamentes , hatte ich gefragt , ob er nicht etwas von Herrn Rochester ' s gegenwärtigem Aufenthalt und Gesundheitszustand wisse ; doch wie Saint John vermuthet hatte , war er mit allen seinen Angelegenheiten völlig unbekannt . Ich schrieb dann an Mistreß Fairfax und bat sie um Auskunft über diesen Gegenstand . Ich hatte mit Sicherheit darauf gerechnet , daß dieser Schritt meinem Zwecke entsprechen werde : ich hielt mich überzeugt , daß ich eine baldige Antwort erhalten müsse . Ich war erstaunt , als vierzehn Tage ohne Antwort vergingen , aber als zwei Monate vorüber waren , die Post täglich ankam und Nichts für mich brachte , da wurde ich eine Beute der lebhaftesten Aengstlichkeit . Ich schrieb noch einmal : mein erster Brief konnte verloren gegangen sein . Erneuerte Hoffnung folgte der erneuerten Bemühung ; sie schimmerte gleich der ersteren einige Wochen und erlosch flackernd gleich