! « Sie lief neben ihm her wie ein treues , gläubiges Tier neben seinem Herrn . Und da fing er ruhig und heiter zu reden an . » So ein Dreißiger bei einem Kind , das ist nur wie bei einem großen Menschen ein Schnitt in den Finger . Man taucht das kranke Kind in fließendes Wasser . Dreimal . Und in drei Wochen ist das Kind wieder heil , ist gesünder und schöner als je . Dann reitet man in die Ramsau , selbdritt auf einem guten und festen Gaul . Da kauft man sich in ein Gütl hinein , das leer geworden . Und da schafft man und ist zufrieden . Und da ist man beisammen und lebt , wird alt und stirbt , und Kreuz darüber , und aus und gar ist ' s , und schöner hätt ' s nit sein können ! « Traudi , ein bißchen zweifelnd , fragte in ihrer bangen Freude : » Tust dich nit scheuen vor mir ? « Er schüttelte den Kopf . » Der Krieg ist schuld . Du bist die Beste gewesen . Und bist ' s noch allweil . Gott will nit , daß eins büßen muß durch ein langes Leben , was andere verschuldet haben . « Die Traudi bekam Augen , als hätte sie schweren , süßen Wein getrunken . Malimmes ging auf den Wärter des kleinen Tores zu und flüsterte die Losung des Tages : » König und Reich ! « Und sagte laut : » Befehl meines Fürsten . Ich muß eine gute Mutter und ihr liebes Kind geleiten . Nachher komm ich wieder . « Der Strom und drüben die Insel Wöhrd und die Bogen der Steinernen Brücke , alles war schon von den grauen Schleiern der Dämmerung umhangen . Das starke Rauschen des nahen Wassers verschlang jedes andere Geräusch . Die schmale Holzländ zwischen Mauer und Strom , wo in der Mittagsstunde viele Tausende ihr » Kaiser ! Kaiser ! Kaiser ! « geschrien hatten , war öde geworden . Nicht völlig . Ein paar graue Menschen saßen wie schlafend gegen die Mauer gelehnt . Sie gaben keine Antwort , als Malimmes grüßte : » Guten Abend , Leut ! « Und einer lag ausgestreckt auf der Erde , mit dem Gesicht nach unten . » Maidl , da mußt du ausweichen ! Wird wohl ein Rauschiger sein . « Er stieg zu einem Floß hinunter . Den Mantel knüpfte er wie ein Bündel um das Kissen herum . » So , Majdl ! Jetzt beten wir . Alles Hilfreiche muß mit Gott geschehen . « Auf den Knien liegend , betete er mit hochgefalteten Händen , wie die Kriegsknechte beten , bevor sie morden müssen . Die Traudi betete froh und gläubig , mit heller Stimme . » Also , Maidl ! Jetzt nimm den Mantelknoten um den Hals herum . Da hebst du das gute Kindl leichter . Und dreimal eintauchen , flink und fest . Und jedesmal mußt du sagen : Gott soll uns gnädig sein ! « Malimmes erhob sich , während Traudi auf den Knien blieb . Sie hatte ein bißchen Angst vor dem starken Rauschen des Wassers . Aber was der Malimmes will , das tut man , weil es das Gute und Rechte ist . Gehorsam schob sie den Kopf unter den Kreuzknoten des Mantels . » Gott soll uns gnädig sein ! « Sie ließ den dunklen Binkel hurtig hinuntertauchen . Das reißende Wasser schoß in den Mantelsack und zog wie ein Riese . Die Traudi kreischte noch : » Hilf , Malimmes ! « Und verschwand im jagenden Schuß der Wellen . » Ist schon geholfen , du arme Tochter ! « Malimmes bekreuzte sich . » Gott soll mir gnädig sein ! Die Menschen täten mich verdammen . « Lange stand er unbeweglich und sah dem Gewirbel der rauschenden Wellen nach , bis der Abend ihn umhüllte mit dunklem Grau . Als er langsam zurückging zu der Mauerpforte , brannten auf den Türmen und Basteien unter Glockengeläut die Pfannenfeuer und Ehrenflammen auf . Über allen Dächern glomm ein strahlendes Leuchten , vor allen Fenstern flackerten die Lichterschnüre auf den Gesimsen . Griechische Feuer wechselten in weißen , roten und grünen Farben . Ein jubelnder Lärm in allen Gassen . Und auf dem Platz vor dem Stadthaus ein wogendes Stimmengebrause . So dick standen da die Menschen , daß Malimmes den Weg zum Wadmarkte nur mühsam erzwang . Er sah noch , wie auf dem kleinen Erker des großen Ratssaales der König und die Königin mit den Herzögen von München und Landshut im strahlenden Glanz der tausend Lichter erschienen . Und da begann im Jubel der anderen auch Malimmes zu schreien : » Kaiser ! Kaiser ! Kaiser ! « Seine Stimme war wie eine Trompete und schmetterte , daß alle Leute , die um ihn her waren , zu lachen anfingen . Wie betrunken war er . Und immer wieder schrie er : » Kaiser ! Kaiser ! Kaiser ! « Die grelle Stimme flog so scharf über das brausende Jubelgewoge hinaus , daß sie auf dem Erker der Fürstlichkeiten deutlich zu hören war . Die schöne Königin lachte belustigt auf . » So hört doch ! Hört ! Da drunten wiehert ein Elefant ! « » Die Stimme kenn ich « , sagte Herr Heinrich , dem das braune Gesicht vom genossenen Weine brannte , » das ist einer von den meinen , mein Bester , mein Galgenvogel Malimmes . So hab ich ihn schreien hören einmal in hartem Gefecht , wie er in Sorg um einen jungen Buben war . Der hat eine Gurgel wie keiner mehr . Und alles kann er besser als andere . « » Alles ? « Frau Barbara kicherte , und neugierig suchten ihre Augen in dem von Lichterschein beglänzten Gewühl des Volkes . » Alles ? « wiederholte der kleine Herzog . Er lachte . » Da bin ich überfragt . Aber was ich weiß von ihm , reicht aus . Das ist das mannhafteste Mannsbild , das ich je gesehen hab auf der Welt . Ist schlechter als schlecht und besser als gut . « Die wunderliche Neugier der Königin wuchs . » Der beweist das Leben und widerlegt den Tod . Schon siebenmal hat er im hänfenen Strick gehangen und ist jedesmal aus der Schling lebendig wieder herausgesprungen ins unsterbliche Lachen . « » Siebenmal gehangen ? Und siebenmal wieder auferstanden ? « Die Königin hatte die glänzenden Augen eines staunenden und begehrlichen Kindes . » Den will ich sehen . « Der Herzog sagte scherzend : » Aber da müßt Ihr Eure Zofen ermahnen , daß sich keine in ihn verliebt . Der Mann ist so keusch wie ein steinernes Heiligenbild . « » Gibt es solche ? « » Der ist einer . « » Das glaub ich nicht . « Belustigt schüttelte die schöne Frau das von kupferroten Locken umzitterte Köpfchen , das die zierliche Krone trug . » Heilige gibt es nur im Himmel . Auf Erden sind auch die Männer selten . « Als der König mit anmutsvollen Handbewegungen das jubelnde Volk zum Abschied grüßte und dem Hochsitz der Fürstentafel zuging , hängte sich Königin Barbara an den Arm des kleinen Herzogs . Über dem bunten Farbengewirr der sieben lärmvollen Tafeln schimmerte der große , schöne Saal von strahlendem Licht . Der Wein begann schon die Stimmen rauh und laut zu machen . Das Schwatzen wurde zum Geschrei , die Heiterkeit zum Gebrüll . Der König , der die Ausbrüche trunkener Stunden kannte , hatte seiner Gemahlin schon einen Wink zum Aufbruch der Frauen gegeben . Das wollte die Königin nicht bemerken ; in Eifer und mit schimmernden Augen lauschte sie den seltsamen Dingen , die Herzog Heinrich von seinem Galgenvogel Malimmes berichtete . Zwei Ratsherren kamen mit dem Goldenen Buche der Stadt zur Fürstentafel , damit der Herrscher und die Herzöge den festlichen Tag durch weise Worte verewigen möchten . Freundlich plauderte der König mit den beiden Bürgern über die Not der Zeit und schrieb in das Buch : » Streitigkeiten sollte man mit guten Worten schlichten , nicht aber mit bösen Streichen . « Diesen Weisheitsspruch der Majestät glossierte der Narr durch die Anmerkung : » Könige wissen immer das Rechte . Aber sie tun es nie . « Darunter schrieb Herzog Ernst von Bayern-München : » Gott hat den Frieden erfunden , der Teufel erfand den Krieg . « Friedrich von Zollern schrieb : » Wird ein Bauer erschlagen , so zittert die Krone seines Fürsten ; wird ein Bauer geboren , so wächst das Reich . Das Volk ist Volk auch ohne uns Fürsten , wir sind nicht Fürsten ohne das Volk . « Als Herzog Heinrich diese Worte las , nickte er seinem Schwager lächelnd zu und schrieb mit seinen flinken , kritzeligen Buchstäbchen darunter : » Leichter als den Verlust eines Dukaten verschmerzt die Welt den Totschlag von tausend Menschen . Wo Menschen sterben , gewinnt das bleibende Leben . Da werden die Leute tüchtiger , weil vier Fleißige leisten müssen , was früher zehn Faule nicht zustande brachten . « Herzog Wilhelm von München , der nicht las , was die anderen geschrieben hatten , bereicherte das Goldene Buch durch den alten Vers : » Was du weißt , verschweig , Wo dir wohl ist , bleib , Was du hast , behalt , Werd mit Lachen alt ! « Kardinal Branda schrieb lateinisch : » Gott und Petrus . Dann das andere . « Der Ingolstädter , als man das Buch vor ihn hinlegte , lachte heiser , tat aus seinem Becher einen schweren Trank , sah zum Ende der Tafel hinunter , wo der Bucklige in guter Laune zwei junge Damen der Königin zu verlegenem Gelächter brachte - und schrieb : » Ich hab an einer Gewohnheit gelitten : So oft ich bin von Haus geritten , Tat ich zu Gott ein heiß Gebet , Daß ich bald wieder heimkommen tat . Jetzt bitt ich meinen Herrgott sehr , Daß ich heimkomm nimmermehr . « Als das Goldene Buch nach langem Wandern zum Ende der Tafel kam , schrieb Ludwig Höckerlein mit zierlicher Klosterschrift ein einziges Wort unter die Verse seines Vaters : » Amen ! « Während er neben dieses Wort ein gekröntes Kreuzlein malte , gab es im Saal einen scharrenden Lärm . Frau Barbara hatte sich erhoben . Der König küßte seine schöne Gemahlin vorsichtig auf beide Wangen . Geführt von Edelknaben mit Windlichtern , unter einem Schmettertusch der Musikanten und unter den jubelnden Zurufen der Fürsten , Ritter und Ratsherren verließ die Königin mit allen Frauen den Saal . Ihrer Sänfte gingen die städtischen Pfeifer voran , und in den lichtschimmernden Gassen begleitete sie der fröhliche Jubel des Volkes bis zur Türe des Gumbrechtischen Hauses . Eine Stunde später , als die strenge Bierglocke der Stadtpolizei schon geläutet hatte und die dunkelgewordenen Gassen zu veröden begannen , huschte eine verhüllte Magd durch ein enges Gäßlein . Sie lief zum Platze vor dem Stadthaus und blieb da wartend in einem Winkel stehen . Droben im Saal war die Bankettmusik verstummt . Doch hinter den erleuchteten Fenstern tobte noch immer der heitere Lärm der betrunkenen Herren . Vornehmen Gästen , die den Saal verließen , wurde mit Wachsfackeln heimgeleuchtet . Mancher ging aufrecht , mancher taumelte . Den Herzog Heinrich , dem sehr übel geworden war , trug man zum Mallerschen Hause auf den Wadmarkt . Dann kam eine kleine Schar junger Hofleute . Bei ihnen war der Narr des Königs und ein Mißgestalteter in schimmerndem Festkleid . Er benahm sich sehr übermütig und machte Scherze , die seine Begleiter bei stetem Gelächter erhielten . Inmitten dieser Überfröhlichen ging ein hochgewachsener Mann mit anmutigem Schritt , schweigsam , über dem Kopf einen schwarzen Ratsherrenmantel . Die Nachtschwärmer zogen hinunter zum Latron . Hier lag , der alten Kapelle gegenüber , das von einem Gärtlein umzogene Frauenhaus , der armen Töchter süße Herberg , in der die Stadt auf ihre Kosten ein heiteres Nachtfest bestellt hatte . Dem lärmenden Häuflein war die verhüllte Magd bis zum Latron nachgegangen . Als sie den Mann mit dem schwarzen Ratsherrenmantel im Gärtlein des Frauenhauses verschwinden sah , lief sie schnell durch die stillen Gassen zurück . Das Rauschen der Donau schwamm in der kühlen , sternhellen Herbstnacht . Aus der Richtung des Ostentores klang ruhelos ein dumpfes Summen . Und vom Tiergarten dröhnten die Orgeltöne brünstiger Hirsche . Auf dem Wadmarkt , in einem Zelte vor dem Haus der Maller , wurde ein Schläfer geweckt , der in den Kleidern auf den Pferdedecken lag . » Komm ! « flüsterte der Hämischer , der ihn aufgerüttelt hatte . Eine ruhige Stimme : » Was ist denn ? « » Komm nur ! « Als Malimmes vor das Zelt hinaustrat , wurde ihm rasch eine dicke Binde um die Augen geknüpft . » So so ? « Er lachte ein bißchen . » Jetzt weiß ich nit , holt mich der Henker , oder ist was anderes los ? « Eine linde Hand umfaßte seine knöcherne Faust . Er sagte verdrießlich : » Höia , jetzt weiß ich , wie ich dran bin . Die Menschen leben in harter Zeit . Da muß man so einer armen Seel einen Spaß vergönnen . « Es ging sehr flink durch die stillen Gassen . Neben dem festen Schritt des Söldners rauschte immer das Kleid der Magd . 11 Malimmes , noch immer mit der Binde um die Augen , spürte einen zarten Duft von Rosenwasser , Lavendel und reifen Birnen . » Teufel , da schmeckt ' s aber fein . Beim Hallturm hat ' s übler gerochen . « Ein leises Kichern . Er hob den Kopf . » Ui , jetzt bin ich angeschmiert . Ich hab gemeint , man holt mich zu einer . Da kudern viere . Und eine steht hinter mir , die sich nit zu mucksen traut . « » Deine Sinne sind scharf ! « sagte ein leises , heiteres Stimmchen . » Wer bist du ? « » Kluge Frauen fragen nit , was sie schon wissen . Warum die Zeit vergeuden ? « Wieder das vierstimmige Kichern . Und das heitere , leise Stimmchen : » Bist du jener Malimmes , der schreien kann wie ein Elefant ? « » Soll ich ' s tun , Frau ? « Ein erschrockenes Nein . Dann die flüsternde Frage : » Bist du jener Malimmes , der siebenmal hängen mußte und siebenmal wieder auferstand ? « » Siebenmal ? Ganz sicher weiß ich ' s nit . Kann auch bloß sechsmal sein . Oder der Hänfene des Fischbauren vom Hintersee müßt gelten als voll ! « Seine Stimme wurde ernst . » Nachher wird ' s wohl so sein , daß jetzt der achte kommt , der gefährlich ist . « Er streckte sich . » So in der Finsternis , das taugt mir nit . Ich muß Licht haben . Frau , ich bin ein Verläßlicher . Ich red nit aus , was ich seh . « Er nahm die Binde herunter und warf sie fort . Die Magd , die ihn hergeführt hatte , hob das Tuch vom Teppich und verschwand . Eine große , schöne , matt beleuchtete Stube mit kunstvoll geschnitzem Getäfel , mit wertvollen Bildern auf Goldgrund , mit dem Gefunkel silberner Geräte . Gegen die Gasse lag ein mächtiges Fenster , in dessen bunten Scheiben die Wappen des Bayerlandes einen aufrechten , mit der Tatze schlagenden Löwen umgaben . Eine offene Türe führte zu einer Kammer , in der eine farbige Helle war . Ein leerer Sessel vor einem kleinen Tisch , auf dem eine Platte mit Früchten , ein schwerer Krug und fünf zierliche Becher standen . Hinter dem Tisch eine geschnitzte Bank mit roten Polstern . Da saßen vier junge schmucke Weiblein , alle gleich gekleidet wie die Dienerinnen einer fürstlichen Frau . Jede von ihnen hatte um den Kopf einen rötlichen Schleierbund , der die Stirn , die Augen und auch das halbe Naschen bedeckte . Malimmes guckte rasch über die vier Frauen hin , und forschend blieb sein Blick an der einen haften , die zierlicher war als die anderen ; sie hatte ein rosiges , heiteres Mädchengesicht ; doch die schweren , schwarzen Locken , die wie zwei starre Wände über die nackten Schultern bis zu den halb entblößten Brüsten herunterhingen , machten das kleingesichtige Köpfchen ein bißchen unförmig . Und immer betrachtete sie den Malimmes , immer lächelte sie ; er schien ihr zu gefallen . Der lange Söldner tat einen schwülen Atemzug ; dann sagte er ruhig : » Da sieht man so viel schöne Sachen , daß man gar nimmer weiß , wo man hinschauen muß . « Er sah die Platte mit den Früchten an . » Das tät mir taugen . Am Abend bin ich nit zum Speisen gekommen . Da hab ich nötige Sachen erledigen müssen . Jetzt hungert mich . Darf ich zugreifen ? « Die mit den schwarzen Locken sagte : » Alles darfst du ! « Die drei anderen kicherten . » Das wär ein lützel zu viel . Man muß genügsam nach dem Besten greifen . « Er nahm die schönste Birne von der Platte , ließ sich auf den Sessel nieder und biß in die Frucht . Sie schmeckte ihm , und während er wortlos schmauste , guckte er ein bißchen spöttisch die vier jungen Frauen an . Auch gab er sich Mühe , nett und reinlich zu essen . Bevor er nach einer neuen Birne griff , säuberte er an seinem braunen Langhaar die Finger . Mit vorgestreckten Hälsen sahen ihm die munteren Weibchen in wunderlicher Neugier zu . Immer hatten sie über ihn zu lachen . Halb war ' s ein Auslachen , halb ein Gekicher des Wohlgefallens . » Warum bist du so schweigsam ? « Ohne zu antworten , aß er eine Frucht zu Ende . Dann sagte er : » Man schwätzt nit , derweil man schluckt . Das können die Herren tun , die keiner anraunzt . Ein Knecht muß gute Sitten haben . Jetzt bin ich satt , jetzt kann ich reden . Also , ihr feinen Knösplein ? Weswegen bin ich da ? Man wird ' s mir sagen müssen . « Er schmunzelte . » Selber komm ich nit drauf . « » Du sollst uns erzählen , warum man dich siebenmal gehangen hat . « Immer sprach nur die Schwarzgelockte . » Und wie du siebenmal wieder lebendig wurdest . Willst du ? « » Meintwegen ! Aber bloß ein Karren pfeift , wenn er trücken ist . Ein Mensch , der reden soll , muß den Schnabel feuchten . « Alle viere griffen nach dem Krug . Die mit den schwarzen Locken sagte : » Ich will ihm geben . « Sie füllte die kleinen Becher . Als vier Becher gefüllt waren , stülpte Malimmes den fünften um . » Die taugen für eure dünnen Hälslein . Ich hab noch nie aus einem Fingerhütl getrunken . Ich nimm den Krug . « Ein heiteres Lachen . Und die Schwarze sagte lustig : » Nein , du Genügsamer ! Für uns soll auch noch bleiben . « Sie glitt zur Wand hinüber und streckte sich , um von dem Bord mit dem Silbergerät einen getriebenen Kupf herunterzunehmen . Dabei sah man , wie leicht sie gekleidet war . Malimmes bekam eine Furche auf der Stirn und schloß die Augen . Als er sie wieder öffnete , versuchte er zu lachen und nahm den großen Becher , den man für ihn gefüllt hatte . Ein leichtes Beben war in seiner Stimme : » Euch zum Wohlsein , ihr feinen Frauen ! Auf alles Gute und Schöne der Welt ! Dessen ist so viel , daß man nit greifen muß nach dem Schlechten . Wer ' s tut , soll hängen . « Er hielt ihnen mit der eisernen Faust den Becher hin , den sie ein bißchen verwundert und ein bißchen erregt mit den kleinen Kelchen antippten . Zuerst nahm Malimmes nur einen kurzen Schluck , um zu kosten . » Teufel ! Ist das einer ! « Er leerte den Becher mit einem flinken Sturz und lachte : » Der kann einen Heiligen um die fromme Seel betrügen und einen Sünder um die letzte Reu . « Die Hand streckend , fragte er , in der Stimme ein heißes Betteln : » Also , krieg ich noch einen ? « Unter übermütigem Lachen füllte ihm die Schwarzgelockte den Silberkupf ; die drei anderen wurden ängstlich , guckten einander an und hätten es gern gehindert . Malimmes merkte ihre Sorge . » Um meinetwegen , ihr feinen Knösplein , müssen euch nit die Graushaar wachsen . Mich hat noch kein Roter und kein Weißer umgeschmissen . Meine Seel bleibt hell . « Er leerte den tiefen Kelch , als wär ' s eine Haselnußschale . » Das ist gewesen wie ein Tröpfl auf glühendem Ofen . « Die Schwarze , deren Lachen einen seltsam gereizten Klang bekam , füllte ihm gleich den Becher wieder . Er sah den dunkel rinnenden Strahl des Weines an . » Den hab ich noch nie gekostet . Wie heißt denn der ? « Sie neigte sich flüsternd zu ihm : » Lacrimae Christi , Tränen des lieben Herrn . « Die Augen des Malimmes wurden groß . Er hielt den vollen Becher vor sich hin . » So ist ' s ein billiger . Weil ' s mehr von ihm geben muß als Wasser und Blut . Das ist ein Jahr gewesen , in dem der liebe Herr hat weinen müssen vom ersten Morgen auf dem Hängmoos bis zum heutigen Abend bei der Steinernen Brück . « Er stand vom Sessel auf , hob den Kelch und sah zur Stubendecke : » Du lieber Herr , schau her , ich trink , daß du bald wieder lachen sollst ! « Er schlürfte den Wein mit ruhigen Zügen . Und stellte den Becher auf den Tisch . Und als die wunderlich erregte Schenkin den Krug wieder heben wollte , sagte Malimmes streng : » Nit schöne Frau ! Heut trink ich keinen Tropfen nimmer ! « Sie reichte den Krug den drei anderen hin , trat flink auf den langen Söldner zu , streckte sich , hob den Arm , dessen weiter Ärmel bis zur Schulter fiel , und während in ihrem halbverhüllten Gesicht eine heiße Spannung war - wie im Gesicht eines Kindes , das einen seltenen Schmetterling gefangen - strich sie mit dem Finger langsam und zart über die große Narbe herunter . Das kitzelte den Malimmes , daß er sich schütteln mußte . Er sagte mit einer tollen Lustigkeit : » Gotts Tod ! Wenn die Leut mich hängen das achtemal , und ich bleib im Hanfsamen und rühr mich nimmer , schöne Frau , da müßt Ihr kommen mit Eurem Fingerlein . Und ich steh wieder auf . « Er strich mit dem Arm über seine Stirn und warf sich lachend in den Sessel . » Guck , ich vergiß ja schier , weswegen ich da bin . Und daß ich erzählen muß ! Ich will doch die Tränen des lieben Herrn nit umsonst genossen haben . Also ! « Er zog das rechte Bein übers linke Knie herauf . » Wie ich zum erstenmal hab hängen müssen , das ist im Ungerland gewesen - « Dieses hänfene Abenteuer berichtete er so ähnlich , wie er ' s im Ramsauer Leuthaus erzählt hatte , damals , als er wider Willen die Traudi mit Herz und Leib gewonnen . Doch alles hatte jetzt einen noch heißeren Puls , ein tieferes Grauen , eine wildere Freude . Die zierliche Frau mit den schwarzen Locken bekam schon bei dieser ersten Geschichte vor prickelndem Schauer ein leises Zähneschnattern . Als Malimmes den zweiten Hänfenen an den Eichbaum im Clevischen knüpfte , wurden die lauschenden Weiblein zappelig vor Neugier nach der bösen Sünde , durch die er des Rappenholzes schuldig geworden . Sie baten , wurden ärgerlich , reizten ihn durch Spott und wollten ihm die Wahrheit abschmeicheln . Er schüttelte lachend den Kopf . » Und nit ums Leben ! Ich sag ' s nit . Und nit um euren süßen Leib . Das Ding ist grauslich gewesen . Ich tät mir lieber die Hand abhacken , eh daß ich was Schieches hinlegen möcht vor eure lieben , sauberen Füßlein . « Und während sie noch baten und schmeichelten , erzählte er schon weiter , ließ den Blitz mit Gerassel herunterfahren in den Eichbaum und malte den Heiligenschein , der die Sünde des Malimmes umlodert hatte , mit so schaudervollem Humor , daß die Frauen stumm wurden und sich zitternd aneinanderhuschelten . Dann wandelte die lustige Geschichte vom Ulmer Schragen und vom ungeschickten Freimann ihr abergläubisches Gruseln in heiteres Gelächter . Und als er vom Wolf erzählte , der den mageren Schultheiß zu Landshut fraß , vom empfindsamen Henker , der das Frieren nicht vertrug , und von der Schlittenfahrt auf dem dünnen Hosenboden , spickte er das Bild des kleinen , verdutzten Herzogs mit den Kletten eines so beißenden Spottes , daß die Zierliche vor Freude und Lachen ganz närrisch wurde . Nun rauschte die Ramsauer Ache . Und es zitterte ein weher Ton durch die übermütige Lustigkeit des Malimmes , als sein Bidenhänder die fliegenden Eier in der Luft zerschnitt und als der schlechte Reusenstrick des Fischbauern vom Hintersee entzweisprang wie eine kraftlose Saite bei verrücktem Spiel . » Das will ich sehen ! « bettelte die junge Frau wie eine Fiebernde . » Das mußt du mir zeigen . Willst du ? Willst du ? « Er lachte rauh . » Einer schmucken Frau tut man alles zulieb . « Ihr Stimmchen zitterte . » Komm her zu mir ! Knie nieder vor meinem Schoß ! Ich will die Schlinge machen . Ich lege sie um deinen Hals . Dann mußt du wieder auferstehen . Willst du ? Willst du ? « Malimmes nickte und ließ sich niederfallen . Immer lachte sie , war wie eine hübsch Betrunkene , und während sie die Gürtelschnur an ihrem leichten Kleide löste , wies sie die anderen Frauen mit einem herrischen Wink aus der Stube . Er hörte die leisen Schritte und das Rauschen der Gewänder . Seine Augen wurden klein . Doch er wandte keinen Blick . Mit einem sonderbar starren Lächeln sah er an der zarten , heiß erregten Frau hinauf . Und als sie ihm mit bebenden Händen die Schlinge der Gürtelschnur um den Hals legte , beugte er den Kopf zurück , wie in Sorge , daß ihre Brüste sein Gesicht berühren könnten . » Darf ich ? « fragte sie mit der Ungeduld eines glühenden Kindes und wollte die Schlinge straffen . Da faßte er die Schnur mit den Fäusten und lachte müd , während ihm das Gesicht wie Feuer brannte . » Ein lützel langsam ! Das ist der achte . Der könnt mir gefährlich werden . Da muß ich Fürsicht üben . Und für den Fall , daß der Spaß heut schiefgeht - da möcht ich mich erst noch ledig machen von meiner Pflicht . Ich muß doch erst erzählen vom sechsten und vom siebenten Hänfenen . Nit ? « In seinen Worten war etwas so Unheimliches , daß die junge Frau erschrocken vor ihm zurückwich und schlaffe Hände bekam . » Das sechstemal , das ist zu Berchtesgaden gewesen . Da haben sie mich hängen wollen , weil ich ein Esel war . Und einer hat mich gelöst . Dem hab ich ' s teuer bezahlen müssen . « Seine Stimme zerbrach . » Und das siebentemal , das ist bei Dachau geschehen . Da wär ich von Herzen gern gestorben , schöne Frau ! « Sie fragte leise : » Warum ? « » Weil ich am selbigen Tag so arm geworden bin wie eine Maus , der man die Kirch verbronnen hat . Und da hat mich ein Grausamer wieder herausgerissen ins Leben . Ich hab ' s ihm nit gedankt . Aber seit heut am Abend weiß ich , warum es sein hat müssen . Bei allem Harten ist ein Gutes . « Er machte eine Bewegung , wie um etwas Schweres von sich abzuschütteln . » Und jetzt ? Wenn ' s dumm geht ? Soll ich mich da erwürgen lassen von Eurer spaßigen Lust ? Da müßt mir leid sein um Eure weißen Fingerlein ! Auch möcht ich noch leben , bis ich auf der Welt ein rechtschaffenes Ding getan . « Durch eine Drehung der Fäuste sprengte er die feste , mit Silber durchwobene Schnur entzwei , ließ die Stücke auf den Teppich fallen und lachte ein bißchen . Stumm betrachtete sie den Unbegreiflichen . Seine wunderlichen Worte waren dunkle Rätsel für sie gewesen . Doch im Klang seiner Stimme war eine Macht , die sie empfand . Und ganz verstand sie die brennende Marter in seinen Augen . Rasch sich vorbeugend , nahm sie seine Gesicht zwischen ihre Hände und wollte ihn küssen . Er faßte ihre Handgelenke und schob sie zurück . » Nit , schöne Frau ! Auf die Letzt ist jeder ein schwacher Mensch . Auch der Stärkste . « Schwül atmend erhob er sich und gab ihre Hände frei . Seinen Kampf erkennend , fragte sie lächelnd : » Mißfall ich dir ? « Er schüttelte den Kopf . » So ein feines Weibl hab ich im Leben nit oft gesehen . « Und ganz leise : » Nur ein einziges Mal . « » Heute ? « Weil er nicht antwortete , streckte sie die Hand zu seiner Schulter hinauf und schmiegte sich an ihn . Und