als nur die Zerstörung der paar Heidentempel , die es im Lande China gibt . Das sei ganz im Gegenteil eine Forderung , durch deren Erfüllung er das Reich der Mitte nicht nur hier glücklich , sondern auch dort selig machen werde ! Während er diese Rede hielt , brachen wir wieder auf und zogen weiter . Sie folgten uns dann zwar , aber mit immer größer werdender Sorge . Denn je weiter wir kamen , desto deutlicher war zu sehen , welch ein Strom von frohen , guten und dankbaren Menschen vor uns , neben uns und hinter uns demselben Ziele wie wir entgegenfloß . Da war mit einigen aufrührerischen Reden nichts getan ! Wer da Etwas erreichen wollte , der mußte zu Tausenden und Abertausenden kommen , und auch da stand Hundert gegen Eines , daß es mißlingen werde ! Das waren die Gedanken , die man nicht von sich weisen konnte , und sie begannen bald , zu wirken - - - auf die Europäer . Nämlich es wurden ihrer immer weniger . Bei jedem Male , daß ich nach ihnen zurückschaute , war ihre Zahl eine geringere geworden . Als ich dies unserm Ho-Schang sagte , lächelte er still vor sich hin und antwortete mir : Ich wußte es ! Das wird das Schicksal eines jeden Angriffes gegen die » Shen « , gegen dieses Land und seine Bewohner sein . Man wird sie in Ruhe lassen müssen ! Es ist niemals rätlich , der Feind , sondern immer gut , der Freund eines Riesen zu sein ! Ist das Abendland klug , so schützt es sich vor diesem Riesen , indem es ihm gewährt , was er begehrt : Neutralität für alle Zeiten ! So sagte er , und dann sandte er mich voraus zu Euch , um seine Ankunft anzumelden . Er läßt Euch um eine Erhöhung auf dem großen Platze Eurer Stadt bitten . Da will er sich hinaufstellen und das Gefolge jener Fan-Fan um sich versammeln , um zu ihnen zu sprechen . Er will sie über die Lüge belehren , der sie dienen sollten , und über die Wahrheit , die sie vernichten wollten , und ist überzeugt , daß sie sich ebenso schnell wie gern aus Gegnern in Freunde der Shen verwandeln lassen werden . « » Er wünscht also eine Tribüne , « meinte Fu . » Die steht schon da , genau wie für diesen seinen Zweck gemacht . Da kann er sprechen . Vorher aber wünschen wir , ihn hier zu empfangen . Ich werde ihm die Obersten der Stadt entgegensenden . Du meinst also , daß keiner dieser Europäer sich noch bei ihm befindet ? « » Keiner ! Sie sind alle so nach und nach aus dem Zuge verschwunden . Niemand hat sich verabschiedet und für die genossene Gastlichkeit bedankt ! Wer weiß , wo sie sich nun von Neuem zusammenfinden werden , um sich über die Verschiedenheiten , Fehler und Gebrechen ihrer Religionen , Völker und Fürsten noch klarer zu werden , als sie es hier bei uns gewesen sind ! Wer derart gegen den Glauben , die Nationalität und das Regentengeschlecht seines christlichen Mitbruders spricht und agitiert , wie diese Leute es taten , der mag fortan verschwunden sein ; es wird ihn Niemand suchen ! Nur Einer ist geblieben , nämlich Dilke , der vollständig überzeugt ist , daß für ihn nicht die geringste Gefahr vorhanden sei . Er trägt sich ganz im Gegenteile so aufrecht und so stolz , als ob er erwarte , daß unser Einzug hier für ihn einen Triumph zu bedeuten habe . - - Nun bitte ich , mich zu entlassen ! Ich muß zu meinem Ho-Schang zurück , um ihm zu melden , daß ich seine Botschaft an Euch ausgerichtet habe . « Er wurde für einstweilen entlassen , mit der Bedeutung , daß er sich als unsern speziellen Gast zu betrachten habe und daß ebenso auch alle andern Unterpriester des Ho-Schang geladen seien , an unserm Mahle , welches vorbereitet werde , teilzunehmen . Wir hatten von da aus , wo wir uns befanden , eine prächtige Aussicht über den großen , freien Platz und alle die vielen Menschen , die sich auf ihm bewegten . Eine Beschreibung des uns gebotenen Anblickes wäre wohl im höchsten Grade interessant , würde aber über den Rahmen einer altruistischen Studie , die sich mit Höherem zu beschäftigen hat , hinausgehen . Die vorhin von Fu erwähnte Tribüne stand in Hörweite von uns . Wir konnten also während der Rede des Ho-Schang Zuhörer sein , ohne das Lokal , in dem wir uns befanden , verlassen zu müssen . Nach einiger Zeit war weithinschallende Musik zu hören . Man unterschied die Töne der Glöckchen , der Gongs , der Cymbeln , des Yünlo , Hautung , Lapa , der Paisiao , Titsu , Sona , Kuantsu , der Tschin und Si , der Pipa , Sansien und Yütschien , der Paipan , des Scheng , des Tambourin und anderer Instrumente . Das klang scharf durch die ganze Stadt und sagte uns , daß der Ho-Schang mit seinen Scharen komme . Voran kamen , wie wir später bemerkten , die verführten Leute der Fan-Fan , die angewiesen wurden , sich rund um die Tribüne aufzustellen , und hinter ihnen die geistlichen Untertanen des Priesters . Es waren ihrer so viele , daß der Platz nicht ausreichte ; sie füllten außer ihn auch noch die Mündungen der anliegenden Gassen . Während sie sich verteilten , dauerte die Musik fort ; dann aber hörte sie auf , und es trat eine Ruhe , eine Stille ein , die in einer europäischen Stadt bei einer solchen Menschenmenge ganz unmöglich gewesen wäre . Der Ho-Schang saß in einer Sänfte , die in das Haus herein und bis an die Treppe getragen wurde . Da stieg er aus . Wir empfingen ihn an der obersten Stufe und führten ihn in den Saal . Das geschah natürlich ganz in der umständlichen , außerordentlich höflichen Art der Chinesen . Als er aber Platz genommen hatte , unterbrach er ganz unerwartet dieses Zeremoniell durch die Bitte , mit uns in kurzer europäischer Weise verkehren zu dürfen . Das sei weniger anstrengend und führe schneller zum Ziele . Ein sehr vernünftiger Herr ! Auch er war hochbetagt , von ehrwürdigstem Aussehen , doch außerordentlich einfach , anspruchslos . Kein einziges Abzeichen deutete auf seinen Rang ; ja , er war sogar noch bescheidener gekleidet als seine Unterpriester , die jetzt noch nicht mit heraufgekommen waren . Sie standen unten an der Tribüne , jeder mit einem Mu-Yü , das ist » hölzerner Fisch « , in der Hand . Dieser hohle , hölzerne Fisch ist ein Musikinstrument und wird fast nur von den Geistlichen gebraucht , für ihre besonderen Zwecke . Warum die » Fische « jetzt , da unten an der Tribüne in Bereitschaft gehalten wurden , das sollten wir baldigst erfahren . Nämlich , eben als wir hier oben bei uns die Formalitäten beendet hatten und nun auf das Haupthema der Unterhaltung eingehen wollten , ertönte drunten oder draußen auf dem Platze eine sehr laute , weithin schallende Männerstimme . Aber schon nach den ersten Sätzen gaben die Unterpriester mit ihren Mu-Yü ' s das Zeichen , und sofort ließ sich eine solche Menge von Sona ' s und Kuantsu ' s hören , daß ich entsetzt von meinem Stuhle aufsprang und nach dem Fenster eilen wollte . Die beiden genannten Instrumente haben nämlich so fürchterlich quiekende und für einen Europäer geradezu entsetzliche Töne , daß es förmlich schmerzt , sie hören zu müssen . Der Ho-Schang veranlaßte mich aber durch eine beruhigende Handbewegung , mich wieder niederzusetzen , und sagte , indem ein schalkhaftes Lächeln um seine Lippen spielte : » Das geschieht auf meinen Befehl . Dilke beabsichtigt , heut alle Menschen hier zu Christen zu machen . Er will mehrere große Reden halten , bis die Bewohner von Shen-Fu so für ihn begeistert sind , daß sie ihre Heidentempel ganz von selbst verbrennen und zerstören ! Als ich die Tribüne sah , ahnte ich , daß er sie schleunigst benutzen werde . Nun wird er so lange , bis er aufhört , von dem Lärm der schärfsten Instrumente unterbrochen . Man könnte ihn auf andere Weise viel schneller , ja sofort zum Schweigen bringen , aber wer sich so große Mühe gibt , lächerlich zu erscheinen , dem soll man es gestatten und ihn ja nicht ernsthaft nehmen ! Horcht ; er beginnt von Neuem ! « Ja , so war es : Sobald die kleinen , schrillen , spitztönigen Instrumente schwiegen , erhob Dilke seine Stimme wieder . Die priesterlichen Mu-Yü ' s gaben augenblicklich das Zeichen abermals , und der gräßliche Lärm der Sona ' s und Kuantsu ' s erscholl in einer zweiten , außerordentlich verstärkten Auflage . So ging der Kampf noch eine Weile fort . Bald war Dilkes Stimme und bald der Spektakel zu hören . Dadurch wurde ein Gespräch für uns zur Unmöglichkeit . Ich ging nun doch zum Fenster , und da John Raffley mir folgte , so kam dann Fu und später selbst auch der Ho-Schang mir nach . Ganz selbstverständlich strengte sich Dilke vergeblich an . Er war so töricht , den Kampf in die Länge zu ziehen , anstatt ihn gleich bei der ersten oder doch zweiten Niederlage aufzugeben . Das bisher still gebliebene Publikum begann , sich dabei zu amüsieren . Man lachte zunächst hier und dort , dann überall , und endlich gab es ein einziges , großes , allgemeines Gelächter , bei dem der arme , beklagenswerte Mensch nun doch zu der Einsicht kam , daß er verloren habe . Er stieg von der Tribüne herab und machte den Versuch , unter der Menge der vielen Menschen zu verschwinden . Er war übrigens in der chinesischen Sprache gar nicht so übel bewandert . Mary Waller sagte mir später , daß er ein sehr gut begabter Schüler gewesen sei und grad für diese Sprache eine besondere Vorliebe besessen habe . Jedenfalls verstehe und spreche er sie bedeutend besser als ihr Vater . Da hörte ich den Ho-Schang hinter mir sagen : » Das ist der richtige Augenblick für mich . Ich eile hinab , um die Verführten auf den rechten Weg zu bringen und die noch Unentschiedenen zu überzeugen ! « Er verließ den Saal . Da bemerkte ich , daß auch John nicht mehr da war . Schon wollte ich Fu fragen , wohin er sei , da kam er wieder . Er lachte fröhlich vor sich hin . » Das war jedenfalls ein guter Gedanke , der mir kam , als ich die Pfeifen da unten so schreien , zetern und quieken hörte . Ich bin sofort hinab und habe dafür gesorgt , daß man ihm folgt , unaufhörlich , überallhin , wohin er sich wendet , immerfort , den ganzen Tag , so lange es nur möglich ist ! Man hat ihn nicht aus den Augen zu lassen . Wenn Einer ermüdet , tritt der Andere ein ; wir haben hier in Shen-Fu ja Musikanten mehr als genug . So oft dieser Dilke den Mund öffnet , um einen Bekehrungsversuch zu unternehmen , hat man ihn sofort zu unterbrechen . Was sagt Ihr dazu , Charley ? « Die Antwort wurde mir erspart . Ich hätte wohl nicht grad das gesagt , was er erwartete ; da aber erklang von der Tribüne die Stimme des Ho-Schang , und wir wendeten uns den offenen Fenstern zu , damit keines seiner Worte verloren gehe . Ueber die Rede selbst , die er hielt , will ich nichts sagen ; aber daß er ein Sprecher war , und zwar was für einer ! das zeigte der Erfolg . Es gab einen allgemeinen , zustimmenden Jubel , der gar nicht enden wollte . Und als er zu uns zurückgekehrt war , erschienen von allen Seiten Boten , Abgesandte und Deputationen bei uns , um Dank und Anerkennung auszusprechen und , was besonders Freude machte , den Beitritt ganzer Ortschaften oder Korporationen zu melden . Diese Besuche und Audienzen nahmen mehrere Stunden in Anspruch , so daß wir viel später zum Essen kamen , als es bestellt worden war . Für die Anmeldung Einzelner oder kleinerer Trupps zur » Shen « war unten im Parterre ein besonderes Bureau angelegt worden . Da wurde ein Jeder eingeschrieben und erhielt dann als Erkennungszeichen eine Arekanuß mit dem betreffenden , eingegrabenen Worte . Schon am Nachmittage gab es in ganz Shen-Fu keinen Menschen mehr , der nicht durch eine irgendwie geformte Betelnuß bewies , daß er ein Kind der » Menschlichkeit « , ein Glied der großen , edlen » Shen « geworden sei . Der » Shen-Ta-Shi « , der große Tag der » Shen « , fiel auf heut ; damit ist aber nicht gesagt , daß dieses Fest mit heut zu Ende gehen sollte . O nein ! Heut war der Anbeginn ; es dauerte mehrere Tage , und das Ende konnte erst dann ersehen werden , wenn die vielen , auf den Plan gesetzten , wichtigen Berichte und Verhandlungen vorüber waren . Die Auslandsreise unsers Fu hatte große , wenn auch noch nicht besprechbare Erfolge gehabt . Man war aufmerksam geworden . Man hatte sich vorgenommen , zu beachten , zu studieren . Da galt es , deutlicher zu werden , bestimmter aufzutreten , das bisherige Feld zu erweitern , den Ahnungslosen die Augen zu öffnen , Jahrtausend alte Vorurteile zu beleuchten und die guten Regungen der Gegenwart mit allem Nachdruck zu unterstützen . Kurz , es lag eine Arbeit vor , die hohe Kraft erforderte , aber auch einen Segen verhieß , der gar nicht zu ermessen war . Wenn ich so still dasaß und zuhörte , stieg das Bild der » Shen « immer größer , immer höher , immer edler , schöner und mächtiger in mir auf . Ich kam mir so klein vor , obgleich ich hier so deutlich sah , was selbst der Kleinste zu wirken vermag , wenn er für Großes sich begeistert ! Zum endlich beginnenden Festmahle waren alle die Personen geladen , welche man im Abendlande als die » Spitzen der Gesellschaft « von Shen-Fu bezeichnen würde . Wir hatten kaum zu essen begonnen , so drängte sich Jemand herein , der sich von der draußen stehenden Dienerschaft nicht zurückweisen ließ , sondern sie zur Seite schob . Das war Robert Waller , genannt Dilke ! Im folgten auf dem Fuße fünf oder sechs Chinesen , welche Blasinstrumente in den Händen hatten . Er befand sich offenbar in großer Erregung . Sein Gesicht war wie verstört ; sein Anzug hatte gelitten . Er trat mehrere Schritte vor und fragte , sich an uns alle wendend : » Ich suche den Mandarinen erster Klasse und Ritter der gelben Flagge Ki Ti Weng . Welcher von Euch ist dieser Mann ? « » Ich bin es , « antwortete Fu sofort , fügte aber in strengem Tone hinzu : » Wer wagt es , mich hier zu stören , ohne zu mir befohlen worden zu sein ? ! « Dilke hatte chinesisch gefragt und die Antwort also auch in dieser Sprache erhalten . Er behielt sie bei , während er weiter redete . Er sprach nicht fließend , aber deutlich , nicht richtig , aber verständlich , und wendete den nicht sehr großen Wortschatz , den er besaß , nach den Regeln seiner heimatlichen Grammatik an . Also , um ihn ganz begreifen zu können , mußte man der englischen Sprache mächtig sein . Er richtete sich bei den Worten Fu ' s hoch und stolz auf und antwortete : » Wagen ? Ich bin ein Mann Gottes , ein christlicher Missionar ! Für mich kann es also nie ein Wagnis geben ! Ich bin gekommen , Euch selig zu machen , indem ich Euch von Eurem Heidentum und seinen Götzentempeln befreie . Ich habe Euch zu belehren , mit Euch zu sprechen , zu Euch zu reden und zu predigen . Aber diese Eure Musikanten lassen mich nie zu Worte kommen . Wohin ich nur gehe , da gehen sie mit , durch die ganze Stadt , durch alle Gassen . Und wo ich nur stehen bleibe , da bleiben sie auch . Und sobald ich den Mund öffne , um zu sprechen , übertäuben sie mich mit dem höllischen Gequieke ihrer teuflischen Instrumente . Meine Nerven sind schon alle vollständig abgerissen ; meine Ohren schmerzen , meine Seele zittert , und wenn ich das nur noch eine Stunde lang ertragen soll , so werde ich verrückt . Darum habe ich mich nach dem höchsten Mandarinen dieses Landes erkundigt , und bin gekommen , ihn über dieses unverschämte Verhalten seiner Bevölkerung zur Rede zu stellen . Ich bin nicht etwa ein hiesiger Mensch , sondern der Untertan einer fremden Macht und der Prediger einer fremden Religion . Als dieses Beides habe ich größere und unantastbarere Rechte als Jedermann , den ich hier vor mir sehe ! Wer einem heidnischen Volke die einzig wahre Religion und die einzig wahre Bildung bringt , der muß befehlen dürfen ; das ist es , was ich fordere . Und darum erkläre ich hiermit - - - « Er kam nicht weiter . Die Musici hielten ihre Augen auf John Raffley gerichtet . Dieser hob die Hand zum Zeichen , und sofort gab es einen Lärm , als ob zehn Schweinen die Ohren und fünfzig jungen Hunden die Schwänze abgeschnitten worden seien ; so viele schändlich quiekende Stimmen schienen zu hören zu sein ! Dilke fuhr mit beiden Händen nach den Ohren und machte eine ganz unbeschreibliche Grimasse . Er wartete aber doch , bis der Skandal vorüber war und fuhr dann fort : » Ich erkläre also Folgendes : Wenn diese satanische Bande nicht auf der Stelle in Strafe genommen wird , so begebe ich mich sofort und direkt hinauf nach Raffley-Castle und - - - « Hier fiel die Musik wieder ein , mit noch größerem Eifer als vorher . Da brüllte er vor Wut und Entsetzen so laut auf , daß dieser Schrei sogar die Instrumente übertönte , ballte die beiden Fäuste , warf uns eine Drohung zu , die wir aber nicht verstanden , drehte sich dann um und sprang zur Türe hinaus . Zur Ehre aller Anwesenden muß ich sagen , daß kein Einziger unter ihnen war , der da lachte . Der Eindruck , den er da gemacht hatte , war ein ganz andrer als vorhin bei dem vergeblichen Redeversuch auf der Tribüne . Mir kam sein Verhalten nicht mehr lächerlich , sondern beinahe unheimlich vor , besonders wenn ich an die fast vollständige Gleichheit mit dem früheren Auftreten seines Oheims dachte . Es wurde bereits gesagt , daß der Ho-Schang heut nicht nur nach Shen-Fu kommen , sondern auch Raffley-Castle sehen wollte . Das war leicht zu ermöglichen , obgleich voraussichtlich erst nach Abends Anfang von Shen-Fu aufgebrochen werden konnte . Die Straße war vortrefflich , und da der geistliche Herr die Einladung annahm , mit seinen Unterpriestern für die Nacht auf dem Schlosse zu bleiben , so gab es keine Verspätung , die als Hinderungsgrund hätte geltend gemacht werden können . John telephonierte heim , um das dort Nötige vorbereiten zu lassen , und gab sodann auch hier die zur Beleuchtung während des Rittes erforderlichen Befehle . Auf diese Weise erfuhr man , was geschehen sollte , und die Folge davon war , daß sich sowohl bei den Hiesigen als auch bei den Auswärtigen eine Bewegung geltend machte , die auf Raffley-Castle zielte . Ueber die Fan-Fan , die » westlichen Barbaren « , konnten wir nichts erfahren ; sie blieben verschwunden . Was aber Dilke betraf , so wurde gemeldet , daß es ihm doch noch gelungen sei , seinen musikalischen Verfolgern zu entkommen . Er war ihnen ganz plötzlich so schnell davongelaufen und hatte dabei eine solche Ausdauer entwickelt , daß sie ganz außer Atem stehengeblieben waren und die Verfolgung aufgegeben hatten . Das war aber nicht hier in der Stadt geschehen , sondern draußen auf dem Lande , weit weg von hier , gegen das Einkehrhaus hin , wo die Straße sich nach Raffley-Castle teilt . Der Tag hatte sich zur Rüste geneigt und dem Abend Platz gemacht , als wir soweit waren , den Heimritt beginnen zu können . Der Ho-Schang hatte auch um ein Pferd gebeten ; das war bequemer als die enge Sänfte . Seine Unterpriester wünschten Maultiere ; die waren ruhig und bedächtig . So brachen wir auf . Die Straße war belebt , fast wie am Tage . Viele faßten noch jetzt den Entschluß , nach Raffley-Castle zu gehen , weil sich das Gerücht verbreitet hatte , daß es dort eine große Illumination geben werde . Wir wurden von Läufern begleitet , welche Fackeln trugen . Andere liefen freiwillig nebenher , mit leuchtenden Laternen in jederlei Gestalt . Das gab ein hübsches , abendliches Bild für Alle , an denen wir vorüberkamen . Am Einkehrhause wurden wir für einige Augenblicke angehalten . Fu bekam Meldungen , die für ihn hier abgegeben worden waren ; dabei erzählte der Wirt , daß Einer von den Fan-Fan bei ihm gewesen sei und ihn aber nur gefragt habe , nach welcher Richtung und wie lange er zu gehen habe , um nach Raffley-Castle zu gelangen ; weiter nichts . Das war Dilke gewesen , der also im Sinne hatte , seine Drohung wirklich auszuführen . Was aber wollte er dort ? Wer droht , der beabsichtigt nichts Gutes . Ein klein wenig besorgt , wenigstens um Waller und seine Tochter , ritten wir weiter . Es wurde schon einmal erwähnt , daß dieses Einkehrhaus im Walde lag . Als wir aus demselben in das freie Feld kamen , wo der Blick nicht mehr gefangen gehalten wurde , ließ Fu anhalten . » Wir haben dunklen Himmel , fast keinen einzigen Stern , « sagte er . » Ich habe durch den Wirt das Zeichen nach dem Schlosse geben lassen . Das Kreuz wird gleich erscheinen . « Kaum hatte er diese Worte gesagt , so flammte es auf , nicht langsam , nach und nach , sondern ganz plötzlich , mit einem Male ! Hoch und höher , wie eine plötzliche , ganz unerwartete Gotteswundertat , stand es am nächtlich düstern Firmament erleuchtend und erhebend - triumphierend ! So weit es in unserer Nähe Menschen gab , erklangen die Rufe der Freude , des Entzückens . Da legte der Ho-Schang die Zügel über den Sattelknopf , faltete seine beiden Hände und sprach : » Das kommt so wunderbar ! Zwar vorbereitet , aber doch erstaunlich ! Wie die Erfüllung eines Menschheitstraumes ! Auch ich war Träumer - - träume vielleicht noch ! Will es der Herr des Himmels , so werde ich erwachen , bei Euch , bei Euch , und seine Wahrheit , seine Klarheit sehn ! « Das ging uns durch und durch ; leicht zu begreifen , bei dieser Situation ! Indem wir die Pferde wieder in Bewegung setzten , erschienen noch drei andere Lichtzeichen , über dem Kreuze und rechts und links von ihm . Diese entstanden nach und nach und wurden um so deutlicher , je weiter wir vorwärts kamen . Endlich erkannten wir sie als die chinesischen Schriftfiguren für Schin , Ti und Ho , die Humanität , die Bruderliebe und den Frieden . Das waren die Worte der » Shen « , die wir auf der Karte unseres Tsi in Kota Radscha gesehen hatten . Wir ritten so , daß Fu und John den Ho-Schang zwischen sich hatten . Hinter ihnen kam ich mit den Unterpriestern , die sehr ernste , aber außerordentlich aufgeweckte , intelligente Leute waren . Und dann folgten die » Spitzen der chinesischen Gesellschaft « , mitten unter ihnen mein Sejjid Omar , der sich , so weit es ging , sehr lebhaft mit ihnen unterhielt . Er schien seine sprachlichen Erfahrungen heut ausgedehnt zu haben , denn ich hörte ihn in seiner Freude über die Gesellschaft , in der er sich befand , behaupten : » Für Jedermann , der Mitglied unserer Shen geworden ist , gibt es nur drei wirkliche , richtige Sprachen , weiter keine , nämlich die arabische , die deutsche und die chinesische ; die andern sind alle bloß nur Redensarten . Also ich kann sprechen ; mein Shidi kann sprechen , und Ihr könnt sprechen . Was die Andern sagen , das ist mir ganz egal ! « » Und die englische ? « fragte ich , indem ich mich nach ihm umwendete . » Die fiel mir nicht gleich ein , « antwortete er . » Ich werde darüber nachdenken . Aber weil ich Miß Mary , den Governor und Sir John lieb habe , will ich einstweilen sagen : Sie ist zwar nicht bloß eine Redensart , aber doch weiter nichts als nur ein Dialekt . Nur wo man das ganze Volk lieb hat und nicht bloß Einzelne , da gibt es eine Sprache ! « Indem es ihm nicht möglich war , seinen Gedanken einen bestimmteren Ausdruck zu geben , ahnte er nicht , daß es eine unendlich wichtige Wahrheit war , an welche er mit diesen Worten streifte . Immer das herrliche Kreuz vor uns , sahen wir trotz der sonstigen Dunkelheit nun bald rechts und links die gigantischen Gingkobäume stehen . Dann erreichten wir den Spießtannenwald , in dem es wieder dunkel wurde . Aber als wir aus ihm wieder in das Freie kamen , wurde es umso heller : Der ganze , weite Platz vor uns war ein einziges , ununterbrochenes Meer von Licht , von Flammenstrahlen . So Etwas hatte ich noch nie , noch nie gesehen , selbst nicht an jenem wohlbekannten lichten Abende im Thale meiner lieben Dschamikun65 , als das » verzauberte Gebet « im Scheine der Riesenflammen stand , die meine » Seele « angezündet hatte ! Erst nun , erst jetzt war das Kreuz zum Kruzifix geworden . Es schwebte nicht mehr in der Luft , sondern es stand , stand auf der Erde fest . Das Dorf war überaus künstlich beleuchtet und illuminiert . Das hohe , breite Gerüst , welches heut früh bei unserm Ausritte noch nicht fertig gewesen war , bildete jetzt das riesengroße Zeichen » Shen « und stand in einer weithin leuchtenden Flut von heiligem Feuer . Aus diesem flammenden Postament der » Menschlichkeit , « der christlichen Nächstenliebe , wuchs es empor , gewaltig himmelan , das Zeichen des Erlösers . Noch über seinem Scheitelpunkte , der Kapelle , leuchtete die » Humanität « , der » Friede « rechts , die » Bruderliebe « links an seinen beiden Armen . Das waren die drei andern Gerüste , welche wir schon früh da oben in der Höhe gesehen hatten . Wie das wirkte - - - ! Wie es das Herz erhob - - - ! Und Tränen des Gebetes in die Augen trieb - - - ! Rundum saßen , lagen und standen tausende und tausende von Menschen , dicht bis ganz zu uns heran , die wir noch ganz am Waldesrande hielten . Der Ho-Schang war tief , außerordentlich tief ergriffen . Er sah vor sich viele , viele seiner bisherigen Buddhisten und sprach mit laut erhobener Stimme : » Herr , deine Sonne leuchtet uns am seligen Himmelstage ; in dunkler Erdennacht strahlt uns die Liebe Derer , die unsre Brüder sind . Du hast sie uns gegeben , diese Liebe , damit wir in ihr wandeln bis zum Morgen , wo deine Sonne wiederkommen wird . So mach ' uns stark in ihr ! Gib Kraft und guten Willen ! Und gib auch das , was uns das Höchste ist hierzu im Himmel und auf Erden : Gib deinen Segen . Amen ! « Da kam ein Reiter langsam unter den nächsten Bäumen hervor . Es war Pfarrer Heartman , der hier auf uns gewartet hatte , um unsere Gäste , die in geistlicher Beziehung besonders die seinen waren , zu empfangen . Sein langes , silbernes Haar wallte weit auf dem Talar herab , den er heut Abend trug . Er lenkte sein Pferd bis hin zu dem Ho-Schang und sprach , indem er seinen Arm erhob : » Er gibt ihn dir durch diese meine Hand und diese meine Worte : Der Herr segne dich und behüte dich . Der Herr erleuchte dir sein Angesicht und sei dir gnädig . Der Herr erhebe dich zu seinem Angesicht und gebe dir Frieden ! Der Herr segne dich und all die Deinen , Euer Kommen und Euer Gehen , nun und in Ewigkeit . Amen ! « Und sich an seine Seite lenkend , bat er ihn : » Gib mir deine Hand , daß ich dich leite ! Wir sind ja Brüder . Ich führe dich empor am Stamm des Kreuzes ; das ist der Weg zu Christi Paradies . Dort wirst du den Erlöser stehen sehen , an seiner Brust die Shen . Ja , komm ; ich führe dich ! « Er setzte sich mit ihm an unsere Spitze , und so ritten wir nun zwischen den Wiesen und Feldern und durch das Dorf den breiten Serpentinenweg hinauf zum lichtstrahlenden Schlosse , an dessen Tor Tsi bereit stand , die neuen Gäste zu begrüßen . Ich ging so schnell wie möglich nach meiner Wohnung , denn ich hatte das Bedürfnis , zunächst für einige Zeit allein zu sein , um mit der Verarbeitung der heutigen , äußerlichen Eindrücke innerlich fertig zu werden . Ich hatte es mir aber kaum ein wenig bequem gemacht , so kam der Sejjid und sagte : » Sihdi , ich habe ihn gesehen ! « Das war so seine Art und Weise