verstand . Allmählich aber fühlte Tassilo , wie der Druck der dürren , heißen Finger , die er mit beiden Händen umschlossen hielt , sich linderte und löste . Erschrocken verstummte er und spähte in das Gesicht des Vaters . Graf Egge lag ruhig , mit schweren Atemzügen ; die geröteten Lider waren halb über die starren Augen gesunken , und wie ein versteinertes Lächeln lag es um den welken Mund . » Vater ? « Keine Miene zuckte in dem müden Antlitz . Graf Egge schlief . Es rieselte kalt durch Tassilos Herz . Er wußte , was dieser Schlaf bedeutete . Er wußte , daß das Ende begann , und in den Schmerz , der ihn um den Vater erfüllte , mischte sich die bedrückende Erkenntnis , daß keine Stunde mehr kommen würde , in der Graf Egge mit klaren Sinnen über die Zukunft seiner Tochter entscheiden könnte . Tassilo preßte die zitternden Hände an seine Stirn . Sollte über den Lebensweg seiner Schwester der Schatten des Gedankens fallen , daß sie ein Glück genoß , das die Zustimmung des Vaters nicht gefunden ? Tassilo erhob sich . Er fand die Schwester im Flur . Leise weinend saß sie neben der Tür . Moser stand bei ihr und tröstete sie mit stotternden Worten . Als sie den Bruder sah , taumelte sie in seine Arme . » Tas ? Ich habe deine Stimme gehört - und die seine ? « Er umschlang sie und flüsterte ihr ins Ohr : » Wir sind versöhnt . Und ich habe mit ihm gesprochen von dir und deinem Hans ! Der Vater nickte und lächelte . Sprechen konnte er nimmer . « Aufschluchzend streckte Kitty die Arme nach der Tür . Tassilo hielt sie zurück . » Er schläft . Weck ' ihn nicht ! Der Schlummer lindert seine Schmerzen . « Lautlos traten sie ein . Unter Tränen , zärtlich drückte Kitty ihre Lippen auf die regungslose , glühende Hand des Vaters . Tassilo zog die Schwester auf seinen Schoß . So saßen sie zu Füßen des Lagers . Schweigende Stunden verrannen . Manchmal murmelte Graf Egge im Schlaf . Das Licht des Abends leuchtete rot in die Stube und wurde grau . Moser brachte die Lampe , und Gundi Kleesberg kam , mit dem nassen Bund um die Stirn ; vor Migräne vermochte sie kaum die Augen zu öffnen , aber sie ließ sich nicht wieder fortschicken . Immer lauter klangen die Worte , die Graf Egge im Schlummer lallte . Er redete wirr . Von Jagd und Jagd . Ärgerlich zankte er mit einem Jäger , staunte über das abnorme Gehörn eines Bockes , wähnte unter dem Adlerhorst zu stehen und befahl , die Leiter aufzuziehen . Dann wollte er mit mattem Stöhnen mit beiden Händen nach seinen Augen greifen . Der kranke Arm versagte . Ein schmerzliches Zucken fuhr durch seinen Körper , und Graf Egge richtete sich auf . » Tas ? Was wollt ' ich sagen ? - Richtig , ja , daß du heuer den Abschuß beschränken mußt ! Im letzten Jahr hab ' ich toll gewirtschaftet . Das mußt du wieder einholen , oder die Jagd leidet ! - Wer kommt ? « Moser hatte die Stube betreten , deutete mit dem Daumen hinter sich und machte ein Kreuz in die Luft . » Vater ! Der hochwürdige Herr ist hier , « sagte Tassilo , » bist du bereit , ihn zu empfangen ? « » Ja ! « Graf Egges Stimme klang ruhig und klar . » Aber nicht so , wie ich hier liege . Moser ! Ruf den Fritz , er soll dir helfen , mich anzukleiden . Und bring ' mir von meinem Jagdzeug das Allerbeste : die gute Sommerjoppe - sie hat weite Ärmel - meine neue Lederhose und die grüne Weste mit den schwarzen Hirschgranen ! Den lieben Herrgott muß man in Gala empfangen . Und man darf ihn nicht warten lassen . Flink ! « » Vater ! « stammelte Tassilo . » Ich bitte dich , deine Kräfte zu schonen ! Dein frommer Wille hat Feiertagsgewand - « » Widersprich nicht , Tas ! Ich will es . « Das war ein Ton , der an vergangene Zeiten erinnerte . » Gundi ? Sind Sie hier ? Führen Sie die kleine Geiß hinüber ! Oder ich steige vor euch beiden aus dem Bett . Das dürfte kein vergnüglicher Anblick sein . Flink , Moser ! « Sie mußten ihm den Willen tun . Als der Geistliche die Kruckenstube betrat , im Chorhemd und mit dem Ziborium , saß Graf Egge völlig angekleidet und mit starrer Haltung im Lehnstuhl und bekreuzte sich mit der Linken . Kitty und Gundi Kleesberg knieten vor der Tür im Flur . Tassilo war abgerufen worden . Die gerichtliche Kommission , die im » Fall Bruckner-Schipper « amtierte und den Tatort in Augenschein genommen hatte , war in Hubertus erschienen , um den Jagdherrn zu vernehmen . Erschrocken hörte Tassilo von der blutigen Tragödie , die sich auf den Bergen abgespielt hatte . Als die Beamten erfuhren , in welchem Zustand Graf Egge sich befände , verzichteten sie auf die Einvernahme und entfernten sich . Am Ausgang der Ulmenallee begegnete ihnen der Postbote und grüßte : » Recht guten Abend ! « Tassilo , der in das Schloß zurückkehren wollte , hörte die Stimme und rief in das sinkende Dunkel hinaus : » Bringen Sie eine Depesche ? « » Ja , Herr Graf ! « Tassilos Hände zitterten , als er auf der Veranda im Schein der Laterne das Blatt öffnete . Er las - und Blässe rann ihm über das Gesicht . » Sie spielen - und beschimpfen sich - und der eine streicht den Gewinn ein und jagt dem andern das Blei durchs Herz ! Und das heißt Ehre bei ihnen ! « Da tönten Schritte aus dem Flur , wirres Geräusch und ein schluchzender Schrei . Die Depesche verbergend , stürzte Tassilo ins Haus . Graf Egge war ohnmächtig geworden , kaum daß er die heilige Wegzehrung empfangen hatte . Mühsam entkleidete man den Bewußtlosen und brachte ihn zu Bett . Seine Ohnmacht ging in Schlummer über , in stille Delirien . Das währte die ganze Nacht . Gegen Morgen kam er zur Besinnung und wischte sich mit der Linken den Schweiß vom Gesicht . » Wer ist bei mir ? « Tassilo faßte seine Hand . » Ich , Vater , deine kleine Geiß und die Gundi Kleesberg . « » Einer fehlt . Und ich weiß , er kommt nicht mehr . Tas ! Nimm du dich seiner an ! Aber ich fürchte , daß ihm nicht mehr zu helfen ist . « Ein schwerer Seufzer löste sich aus der Brust des Kranken . » Ist das deine Hand , Tas , die ich halte ? « » Ja , Vater ! « Tassilos Stimme war tonlos . » Und du , Geißlein ? Komm ! Leg ' deine Hand dazu ! Tas wird dir den Vater ersetzen , und die Kleesberg wird dir eine Mutter sein - freilich eine etwas rapplige - , nichts für ungut , Sie guter alter Haubenstock ! Die beiden , liebe Schmalgeiß , werden sorgen für dein Glück - « » Vater ! Vater ! « Schluchzend schmiegte Kitty ihre Wange an die Schulter des Vaters . » Was machst du da für Geschichten , kleine Geiß ! Nimm dich zusammen ! Sei meine Tochter ! Stark ! - Gundi ! Nehmen Sie das Kind ! - Und du , Tas , laß unsere Leute kommen ! Und die Jäger ! Meinen braven Franzl ! Der hat fest zu mir gehalten . Jetzt soll er mir auch Waidmanns Heil wünschen zur Pirsch über alle Berge . Den halte dir warm , Tas ! Das ist ein feiner Kerl . Sei auch den anderen ein guter Jagdherr ! Sie verdienen es . Nur einer nicht ! « Graf Egges Stimme klang heiser , und zwischen den verzerrten Lippen blinkten die Zähne . » Tas ! Ich warne dich vor ihm . Der Schuft hat Aasgeruch an sich wie der Horst in der Hangenden Wand . Und Fänge hat er wie mein letzter Adler . Das zuckt nur ein bißchen - du merkst es nicht - und bist vergiftet ! Setz ' ihn hinter Schloß und Riegel ! In den Käfig ! Nein , Tas - den Käfig - reiß den verfluchten Käfig nieder - er stinkt ! Ich hab ' den Geruch in der Nase - zum Henker auch , so macht doch das Fenster zu ! Der Käfig stinkt ! Das Fenster zu ! « » Aber es ist ja geschlossen ! « stammelte Gundi Kleesberg . Graf Egge schien nicht zu hören ; immer wirrer wurden seine Reden , und seine Stimme versank in neubeginnendem Taumel . Eine Stunde lag er still , in dumpfem Schlaf . Als die Dämmerung des erwachenden Tages durch die Fenster graute , wurde er unruhig , und wieder begann das Raunen und Gemurmel : Jagd , Jagd , immer Jagd - und Willys Name . Während die Kirchenglocke ihren Morgensegen in die wachsende Helle sang , hob Graf Egge sich ächzend auf und griff mit der Linken unter die Kissen . Er zog einen Schlüssel hervor und drückte ihn in Tassilos Hand . » Nimm , mein guter Junge , nimm ! Sperr ' den Schrank auf ! Deine Hand ist sicher . Sperr ' auf und bring ' mir die Rubinen ! Links in der Lade liegen sie obenauf . So tu es doch ! Hörst du nicht , was ich sage ? Die Rubinen bring ' mir ! « Tassilo erfüllte den Willen des Vaters , obwohl er sah , daß das Fieber aus ihm redete . Graf Egge , als die Tablette mit den blutrot funkelnden Juwelen auf seinem Schoße lag , tastete mit zuckenden Fingern von Stein zu Stein und raunte : » Stimmt ! Stimmt ! Alle . Nur einer fehlt . Den hab ' ich dir geschenkt . Komm , mein guter Junge , nimm den da auch noch ! Es ist mein schönster . Ich schenk ' ihn dir . Aber zeig ' mir nicht dieses weiße , wächserne Gesicht . Oder willst du jagen ? Komm , ich weiß für dich einen Kapitalhirsch . Meinen besten . Komm , ich führe dich . Und meine Büchse laß ich daheim . - Ich kenne mich . Du sollst ihn haben ! Du ! Hast du Patronen ? Gut ! Alles gut . Aber dreh ' den blauen Rock um - die goldenen Knöpfe blinken - und wirf diese dummen Blumen weg , sie verpesten mir den Wald . Leiser ! Leiser ! Nimm die Schuhe besser in acht - « Graf Egges Züge verschärften sich , seine Nase wurde spitz und veränderte die Farbe ; sein Oberkörper schrumpfte in sich zusammen , und die starren Augäpfel quollen aus den Lidern . » Siehst du ihn ? Dort , im Lager ! Flink ! Er verhofft schon - « Keuchend ging der Atem des Sterbenden . » Her mit der Büchse ! Du fehlst ihn ja doch ! « Eine zuckende Bewegung des Armes , ein Laut wie ein Jauchzer , der in mattem Stöhnen erlosch - und Graf Egge fiel schwer zurück . » Die Kugel sitzt . Da liegt er - « Seine Glieder streckten sich . Die Tablette mit den Rubinen glitt zu Boden , und kollernd hüpften die funkelnden Steine nach allen Seiten über die Dielen . Von Jammer und Grauen erfüllt und den Ernst des Augenblickes ahnend , starrte Kitty zu ihrem Bruder auf . Als er die Arme nach ihr streckte , verstand sie , daß sie den Vater verloren hatte . Jetzt , in diesem fassungslosen Schmerz der ersten Trauerstunde , konnte sie leichter hören , was ihr Tassilo nicht länger verschweigen durfte : daß der Tod mit diesem Tage zwiefach in Schloß Hubertus eingezogen war . Die Lampe , die noch im Zimmer brannte , warf ihren trüben Schein über den Toten und über die Geschwister , die sich umschlungen hielten . Und draußen erwachte der Frühlingsmorgen mit reinem Blau , mit Duft und leuchtenden Farben . Strahlend ging die Sonne über die Berge , alle Zinnen in Feuer tauchend . Immer schöner wuchs der Tag , während vom Kirchturm das Zügenglöcklein mit seinen dünnen , abgehackten Klängen über alle Dächer rief : » Betet , Leut - betet , Leut - betet , Leut - « Einer der erste , den die im Dorf umlaufende Kunde von Graf Egges Ableben erreichte , war Franzl . Atemlos kam er ins Schloß gerannt und stand erschüttert vor seinem still gewordenen Herrn . Als er hörte , mit welchen Worten Graf Egge in der letzten Stunde seiner noch gedacht hatte , fuhr ihm vor weher Freude das Blut ins Gesicht . » Moser , schau , er hat seine Mucken und Marotten ghabt , aber ' s Herz , ganz einwendig , ' s Herz is gut gwesen . Und a Jager ! Moser , so a Jager kommt nimmer ! Dös is noch einer gwesen aus der alten , guten Zeit . Oft hat er über d ' Schnur ghaut - ' s Jagerblut hat halt seine gachen Hitzen . Aber wenn ' s golten hat , is er gstanden wie a Baum . Und kein Unrecht hat er leiden können , gar keins ! Dös weiß ich , dös hab ich erlebt . Moser , Moser , so einer kommt so bald nimmer ! Weinen könnt ich um ihn , grad weinen ! « Franzl sagte das in der Bedingungsform - er schien nicht zu wissen , daß ihm der Bart von den Zähren tropfte . Die Veranda begann sich mit Leuten zu füllen . Das halbe Dorf kam gelaufen - die einen aus Pflicht oder Teilnahme , die andern aus Neugier . Zu Mittag kehrte der Wagen von der Bahn zurück . Gräfin Anna kam mit Hans Forbeck und Professor Werner . In wortloser Bewegung zog Tassilo die geliebte Frau in seine Arme , und Kitty klammerte sich schluchzend an ihren Verlobten : » Hans ! Wir dürfen glücklich werden ! Tas hat ihm alles gesagt . Und er hat genickt und gelächelt - sprechen konnte er nimmer . Er war dir gut , Hans ! Du hast ihm gefallen . Das hat er mir selbst gesagt . Und daß er deinen Taler noch immer hätte - als Erinnerung an dich ! « Während die beiden Paare im Sterbezimmer vor dem schlummernden Vater standen , fiel die Sonne durch das offene Fenster . Draußen im Frühlingslaub der Bäume pisperten die Meisen und Finken . Bevor es Abend wurde , fingen die Glocken zu läuten an . Zwei Schläfer wurden in einem Grab zur Ruhe bestattet , der Jäger neben dem Wildschützen - Jochl Schipper neben dem Bruckner-Lenzi . Jener Pirschgang vor vielen Jahren , am Morgen des Johannistages , hatte sie zu Kameraden für die Ewigkeit gemacht . Nach dieser stillen Feier im Kirchhof gab es keinen » Gsturitrunk « beim Seewirt . Die Leute , die der Bestattung beigewohnt hatten , zechten wohl bis spät in die Nacht , aber auf eigene Kosten . Die Ereignisse der letzten Tage wurden auf der Bierbank unter endlosem Disput erörtert , man erinnerte sich der » Grafenleich « vom vergangenen Herbst und sah der Wiederholung des Schauspiels mit Spannung entgegen . Diese Neugier blieb ungestillt . In der folgenden Nacht verließ ein stiller Kondukt den Park von Hubertus und nahm den Weg zur Bahn . Der Sarg wurde nach München gebracht , um in der Familiengruft der Egge seinen Platz zu finden , Seite an Seite mit einem anderen . Ein ruhiger Tag kam über Schloß Hubertus . Gräfin Anna , Kitty und die Kleesberg waren mit Hans und Werner schon am Morgen nach München abgereist . Tassilo blieb noch bis zum Abend , um alles Nötige zu ordnen . Für den Nachmittag waren die Jäger bestellt , um sich mit Handschlag ihrem neuen Jagdherrn zu verpflichten ; es stand auf ihren gebräunten , wetterharten Gesichtern zu lesen , daß sie unter dem neuen Herrn sich gute Zeiten versprachen ; ein ausgiebiges Teil ihrer Hoffnungen erfüllte sich schon beim ersten Rapport ; Tassilo erhöhte ihre Bezüge , und um den strengen Dienst zu erleichtern , den sie bisher zu leisten hatten , sollten zwei neue Jäger aufgenommen werden . » Der eine wird in den nächsten Tagen aus München kommen . Er ist ein abgestrafter Wilddieb , aber ich weiß , er wird ein braver Mensch und verläßlicher Jäger werden . Und ich erwarte , daß ihm keiner von euch aus seiner Vergangenheit einen Vorwurf machen wird . Nehmt ihn als guten Kameraden auf , er hat aus Leidenschaft gefehlt , und das ist verzeihlich . In diesem milderen Sinne will ich in meinen Revieren auch den Schutz geführt wissen . Tretet jedem ungesetzlichen Eingriff mit Strenge entgegen , aber erspart euch und mir die Folgen jähzorniger Übereilung . Ich will edles Weidwerk pflegen und in meinen Revieren den Boden grün erhalten . Und was den zweiten Jäger betrifft - Hornegger ? Glauben Sie , daß mit Patscheider zu reden wäre ? Der Mann war tüchtig , ich möcht ' ihn gerne wiedergewinnen . « » Mar ' und Joseph , Herr Graf , « stotterte Franzl in Freude , » an einzigs Wörtl , und der Michl springt wie narrisch . Ich weiß , er hat Heimweh . « » Gut , sprechen Sie mit ihm , Sie haben freie Hand , Hornegger ! Und nicht nur in dieser Frage . Sie sind von heut an mein Förster , der Leiter meiner Jagd . Es war der letzte Wille meines Vaters , seine Jagd im besten Stand zu erhalten . Für die streng weidmännische Erfüllung dieses Wunsches weiß ich mir keinen Besseren als Sie , lieber Hornegger ! Sie haben mein volles Vertrauen , und Ihr Wort hat den Jägern zu gelten wie das meine . Auf Wiedersehen im nächsten Jahr ! « Tassilo empfing den festen Druck dieser braunen Fäuste ; dann gingen die Jäger ; nur Franzl blieb noch ; er stand wie angewurzelt , drehte den Hut zwischen den Händen und rang nach Worten . » Herr Graf - Herr Graf - « Mehr brachte er nicht heraus . » Schon gut , Franzl ! « Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter . » Und wie steht ' s daheim ? « In Franzls Augen wurde die Freude zu Wasser . » Allweil im gleichen . Noch allweil net besser . Der Herr Doktor macht schieche Augen an dös gute Madl hin ! « » Jetzt nicht mehr ! « klang eine Stimme von der Tür . Doktor Eisler war eingetreten . » Ich komme gerade zu gutem Trost , wie mir scheint ! Munter , lieber Hornegger ! Das Mädel hat ' s überklettert , das Fieber sinkt ! « Er fügte bei , daß es noch ein paar Tage dauern könnte , bis die Kranke aus der Bewußtlosigkeit erwachen würde . Aber das hörte Franzl nimmer . Mit stammelndem Laut hatte er einen Sprung zur Tür gemacht ; den Abschied von seinem Herrn und den schicklichen Dank für die gute Botschaft des Doktors vergessend , stürzte er in den Flur hinaus , stieß mit der Schulter an eine Säule der Veranda , daß er taumelte , sprang über die Stufen hinunter und rannte - und rannte - - Doktor Eisler blieb bis zu Tassilos Abfahrt . Was sie miteinander zu reden hatten , betraf den » guten Jungen « , der nicht einsam und getrennt vom Vater im Friedhof des Dorfes schlummern sollte . Auch er sollte die Heimkehr finden in die Erbgruft seines Geschlechtes . Der Abend war lau , und sanftes Geflüster ging durch das Laub der Ulmen , als Tassilo sich von Doktor Eisler verabschiedete und in den Wagen stieg . Seine Augen glitten über die stillen Fenster des Schlosses , über den weiten Park und zu den Bergen hinauf , deren Höhen vom Goldglanz des Abends so klar beleuchtet waren , daß man jeden Baum und jeden einzelnen Felsblock unterscheiden konnte . In reiner Schönheit zeichneten sich die schimmernden Grate vom tiefen Blau des Himmels ab , und ihre Schatten milderten sich im Duft der farbigen Lüfte . * * * Zwei Tage später wurde im Friedhof ein grün überwachsenes Grab geöffnet . Und während hier die Tragödie des Schlosses ihre letzte Szene fand , nahm an anderer Stelle ein Satyrspiel der Bauernstube seinen Anfang . Im Steinbruch stand der Pointner-Andres vor dem mit Quadern beladenen Wagen ; er wollte mit der Ladung zur Bahn fahren , hatte die Pferde zur Deichsel geführt und entwirrte gerade den ledernen Leitstrang , um den Riemen in die Zäume einzuschnallen . Da ging eine junge Dirn vorüber ; sie lächelte ganz merkwürdig , als sie den Pointner gewahrte , der mit verdrossenem Gesicht an den Schlingen des Riemens nestelte ; ein paarmal guckte sie kichernd über die Schulter , und an der Waldecke blieb sie stehen und rief dem Pointner lachend zu : » Du , Andresl , mir scheint , du hast was Schöns mit der Post kriegt . Ja ! Grad hab ich den Biamtn bei dir daheim einkehren sehen - der hat a blaus Röckerl an ! « Kichernd verschwand sie . Eine Weile stand der Pointner regungslos , den Kopf mit dem Stiernacken vorgestreckt , die Augen funkelnd ; dann drehte er dem Gespann den Rücken , und mit dem verschlungenen Riemen in der zitternden Faust ging er langen Schrittes dem Dorfe zu . Als er sich seinem Gehöfte durch die Gärten näherte , gewahrte er , daß eine Magd sein Kommen bemerkt hatte und erschrocken in das Haus rannte . Er änderte die Richtung seines Weges , und statt die Haustür zu suchen , lief er um den Stall herum zu dem Hintertürchen , das aus der Küche ins Freie führte . Da hörte er schon das Gewisper einer Stimme und das Klirren des Riegels . Die Tür wurde aufgerissen , und einer im » blauen Röckerl « wollte das Weite suchen . Aber der Pointner hatte schon die Faust geschwungen . Die Riemen pfiffen . Und auf dem Gesicht des Herrn Postpraktikanten , der halb bewußtlos gegen den Düngerhaufen taumelte , brannten drei dunkelrote Striemen . Was weiter mit dem Gezeichneten geschah , schien den Pointner-Andres nicht zu kümmern . Er hatte in der dunklen Küche einen kreischenden Laut gehört und war mit einem Sprung über der Schwelle . Zwei Türen krachten ins Schloß , ein Gepolter und Geklirr ließ sich vernehmen , als wäre ein Tisch umgefallen und ein Haufen Geschirr zu Boden gestürzt . Und trotz der geschlossenen Fenster klangen aus der Stube des Pointnerhofes zeternde Schmerzensschreie so laut in den Hofraum und auf die Straße , daß die Dienstboten zusammenliefen und die Nachbarsleute aus den Häusern sprangen . Nach einer Weile wurde es in der Stube des Pointners still , ganz still . Mit rotem Gesicht trat der Bauer aus der Haustür . Er schien die Dienstboten nicht zu sehen , die sich in Stall und Scheune verzogen . Schmunzelnd hob er die Faust , betrachtete den Riemen und atmete erleichtert auf : » Mein lieber Herrgott , ich dank dir , daß ich bloß den Riem in der Hand ghabt hab ! Und net die Brechstang ! Jetzt hätte ich nimmer gfragt , mit was ich zuschlag . « Er blies die Backen auf und ging zur Straße . Vor dem Zaun des Försterhofes stand die Horneggerin , mit dem Netterl auf den Armen . » Aber Andres ! Andres ! « rief sie den Bauer an . » Du wirst doch um Gottes willen dein Weib net prügelt haben ? « » Und ghörig auch noch ! « lautete die ruhige Antwort . » Sie hat ' s verdient . Und gsunde Schläg , dös is noch ' s einzige , was ihr Mores beibringt . Ihr Vater hat ' s versäumt . Jetzt hab ich ' s wieder eingholt . Heut hat s ' Respekt vor mir ! Heut hat s ' betteln können : Verzeih mir ' s , Andres , verzeih mir , lieber Andres ! Jaaa , lieber hat s ' gsagt ! Paß auf , Nachbarin , aus der mach ich noch die Brävste . Jetzt weiß ich , was hilft bei ihr . Paß auf , die kriegt mich noch gern ! « Der Pointner ging seiner Wege und lachte . Dieses Lachen kam ihm freilich nicht ganz von Herzen . Es war aber doch ein Lachen , aus dem es wie Hoffnung klang . Kopfschüttelnd sah die Horneggerin dem Bauern nach und kehrte zur Haustür zurück , das kraushaarige Köpfchen des Kindes streichelnd , das im Halbschlaf an ihrer Schulter lag , mit roten Pausbacken und rund gepolsterten Händchen . Noch hatte die Försterin die Tür nicht erreicht , als Franzl mit brennendem Gesicht aus dem Flur geschossen kam . » Mutter ! Gib mir ' s Kind her ! D ' Mali wacht auf . Sie muß uns alle gleich im ersten Augenblick sehen , uns alle miteinander ! Komm , Mutter , komm ! « Er hatte der Mutter das Netterl vom Arm gerissen und rannte ins Haus zurück . Vor der Kammertür blieb er stehen und atmete tief . Lautlos trat er ein , und das Kind umschlungen haltend , ließ er sich auf den Sessel nieder , der zu Füßen des Bettes stand . Ruhig schlummerte Mali in den geblumten Kissen ; die schmal gewordenen Wangen waren überhaucht von einer matten Röte , die noch die letzte Glut des weichenden Fiebers und schon der erste Schimmer der wiederkehrenden Gesundheit war . Fast glich das Gesicht der Kranken einem schmächtigen Knabengesicht , umrahmt von kurzgeschnittenem Haar - auf den Rat des Arztes waren die dicken , schweren Flechten der Schere zum Opfer gefallen . Manchmal regten sich die weißen Finger auf der roten Decke , und unter einem tieferen Atemzug bewegte die Schlummernde den Kopf . Jetzt schlug sie die Augen auf . Es war ein freundliches Bild , das ihr erster Blick umfaßte : Franzl mit lachendem Gesicht , auf seinen Armen das Netterl , das große Augen machte , und hinter den beiden die vergnügte Försterin . Ein Lächeln - und Mali schloß unter tiefem Seufzer die Augen wieder . » ' s Madl meint , sie träumt ! « lispelte die Horneggerin ihrem Buben zu . So flüsternd das gesprochen war - es hatte doch den Weg zum Ohr der Erwachenden gefunden . Ihre Lider hoben sich , die Augen schienen zu wachsen , und ein Zittern rann durch ihre Arme . Mit zärtlicher Scheu legte Franzl seine braune Hand auf diese blassen Finger ; da fuhr die Erwachte aus den Kissen auf , ein feiner , wunderlicher Laut erschütterte ihre Brust , und wie in Bangen , daß zu Luft zerrinnen könnte , was ihre Blicke schauten , umklammerte sie die Hand des Jägers . Durch die kleine weiße Stube ging auf leisen Sohlen der Engel eines großen Glückes .