donnerte Lys mit starker Stimme und kehrte sich stehenbleibend gegen mich ; » obgleich es ein Unsinn ist , den du sprichst , der an sich nicht beschimpfen kann , so weiß ich , wie du es meinst ; denn ich kenne diese unverschämte Sprache der Hirnspinner und Fanatiker , die ich dir nie zugetraut hätte ! Sogleich nimm zurück , was du gesagt hast ! Ich lasse nicht ungestraft meinen Charakter antasten ! « » Nichts nehm ich zurück ! Nun wollen wir sehen , wie weit deine gottlose Tollheit dich führt ! « Dies sagte ich mit wilder Streitlust ; Lys aber antwortete mit bitterer verdrußvoller Stimme : » Genug des Scheltens ! Du bist von mir gefordert ! Und zwar mit Tagesanbruch halte dich bereit , einmal mit der Waffe in der Hand für deinen Gott einzustehen , für den du so weidlich zu schimpfen weißt . Sorge für deinen Beistand , der meinige wird in zwei Stunden da und da zu finden sein , um alles übrige zu besorgen . « Er bezeichnete einen Ort , wo voraussichtlich die ganze Nacht der Verkehr des Festes mit seinen Nachklängen fortdauerte . Dann wandte er sich und ging mit raschen Schritten vorwärts , da der Weg besser geworden . Ich selber sprang auf die Straße hinüber , die während unseres Streites längst leer und still geworden . Das war nun das Ende des schönen Festes ! Der Mond warf meinen eigenen Schatten vor mir her , als ich mitten auf der Straße ging , und ich sah die Zipfel meiner Narrenkappe deutlich auf derselben abgezeichnet . Allein das half nichts das Licht der Vernunft war erloschen ; ich eilte meines Weges , um für den Zweikampf meine Helfershelfer zu suchen . Schon vor wenigstens sechs Jahren hatte ich von einem Polen , der in unserm Hause ein kleines Zimmer bewohnte , etwas fechten gelernt . Es war einer jener stattlichen , hochgewachsenen Militärs , wie sie aus der Revolution von 1831 als Flüchtlinge bekannt geworden und seither ziemlich aus der Welt oder wenigstens aus der Emigration verschwunden sind . Von vornehmer Geburt und ein gewesener Reiteroffizier , brachte er sich geschickt und redlich durch und fügte sich in die bescheidenste Lebensart , in jede Arbeit , war immer heiter und liebenswürdig , ausgenommen wenn er von den Schlachten und dem Unglücke seines Vaterlandes , von seinem Hasse gegen Rußland sprach . Obgleich gut katholisch erzogen , rief er dann jedesmal voll Bitterkeit , es sei kein Gott im Himmel , sonst hätte er die Polen nicht in die Hand des Russen gegeben . Der mochte mich wohl leiden , und um mir irgendeine Freundlichkeit oder Wohltat zu erweisen und weil er gerade nichts anderes hatte , ruhte er nicht , bis er mir einigen Unterricht in der Fechtkunst geben konnte . Aus eigener Tasche kaufte er zwei Stoßrapiere oder Fleurets , Drahtmasken und andern Zubehör und ging mit mir täglich eine Stunde auf den großen Estrich unter dem Dache , wo er mich dazu brachte , eine erste Schule notdürftig durchzumachen , und er tat es mit solcher Liebe und Ausdauer , als ob es sich um das Goldmachen handelte , bis ihn eine Schicksalswendung aus unserer Gegend hinwegführte . In der Stadt , wo ich jetzt lebte , hatte ich bei studierenden Landsleuten , mit denen ich zuweilen verkehrte und die sich Fechtapparate auf dem Zimmer hielten , manchmal wieder den einen oder andern Gang versucht , ohne an etwas anderes als an einen vorübergehenden Zeitvertreib zu denken . Einen oder zwei der jungen Leute dachte ich jetzt sicher noch an ihrem gewohnten Versammlungsorte zu treffen , um ihren Beistand in Anspruch zu nehmen , und fand sie auch in der verwegenen Stimmung , welche der späten Stunde und meinen Wünschen entsprach . Sie begaben sich sofort dahin , wo die Vertrauten meines Gegners sie erwarteten . Bald kamen sie mit der Verabredung zurück , daß der Duellhandel morgens um sechs Uhr in Lysens Wohnung vor sich gehen solle . Lys habe hervorgehoben , daß er ganz allein darin hause und also keine Zeugen zu befürchten seien ; ferner könne er , wenn er verwundet werde , sich gleich in sein eigenes Bett legen und in der Stille geheilt werden oder sterben , der Gegner aber mit aller Sicherheit und Muße abreisen . Treffe es aber mich , so könne ich dort an seiner Stelle mich zunächst hinlegen , indessen er sich aus dem Staube mache . Für einen Arzt , hieß es , sei auch schon gesorgt , ebenso für die Waffen , als welche ich Stoßdegen oder sogenannte Pariser , die einzigen , die ich etwas zu führen verstand , vorgeschlagen hatte , zumal ich wußte , daß auch Lys damit umgehen konnte . Wie er den kurzen Rest der Nacht verbracht , habe ich nicht erfahren ; was mich betrifft , so blieb ich mit meinen Ratgebern sitzen , da wir fanden , das gefährliche Abenteuer sei besser als Schluß der ganzen Feststrapaze zu bestehen , mit der es sozusagen in einem hinginge , als wenn ich nach unzureichender Ruhe , aus tiefem Schlafe geweckt und ohne Zusammenhang der Gedanken , fechten müßte . So kam ich nicht einmal dazu , den Anzug zu wechseln , und wenn mich das Geschick getroffen hätte , so wäre ich in der Gestalt eines erstochenen Narren weggetragen worden . Trotzdem überfiel mich die Müdigkeit ; ich schlummerte ein und lag zuletzt mit dem Kopfe schlafend auf dem Tische , während die andern mit ab- und zugehenden Nachzüglern und Spätlingen eine Bowle heißen Punsch tranken . Auch ich stürzte noch ein Glas hinunter , als ich mit dem Morgengrauen aufgerüttelt wurde , mich aber durch den kurzen Schlaf keineswegs erquickt oder ernüchtert fand . Doch erinnere ich mich wie aus einem Traume , daß ich gleich den zweien , die mit mir kamen , mit tiefem Ernst durch die Straßen ging und in Lysens stille Wohnung trat , wo er mit zwei oder drei jungen Männern ebenso ernst und kalt uns erwartete . Wir standen alle in dem geräumigsten seiner Zimmer , vor dem Bilde mit den Spöttern ; die Morgendämmerung ließ die aus dem Dunkel hervorleuchtenden Figuren wie belebt erscheinen , als ob sie der Dinge gewärtig wären , die da kommen sollten . Nun wurden aus einem langen Kistchen zwei glänzend polierte dreieckige und nadelspitze Klingen , zwei mit Silberdraht übersponnene Griffe und zwei vergoldete halbkugelförmige Glocken zum Schutze der Hand ausgepackt und ineinandergeschraubt . Nachdem gefragt worden , ob keine Versöhnung oder anderweitige Verständigung möglich sei , und keiner von uns beiden sich gerührt hatte , gab man uns die Waffen in die Hand und wies jedem seinen Platz an . Ich warf einen Blick auf Lys ; er sah ebenso blaß und überwacht aus wie ich selbst . Jeder Zug von Wohlwollen oder freundschaftlicher Gesinnung war aus unsern Gesichtern verschwunden , während auch der ursprüngliche Zorn verraucht war und nur die erstarrte Menschentorheit auf den Lippen saß . Da stand ich nun mit dem Eisen in der Hand , bereit , das Blut eines Freundes zu vergießen , um ihm die Wahrheit meines Gottesglaubens zu beweisen , und der Freund bedurfte meines Blutes zur Verteidigung der moralischen Ehre seiner Weltanschauung , und jeder hatte sich sonst für die Vernunft , Freiheit und Menschlichkeit selbst gehalten . Eine unglückliche Sekunde , und der gleißende Stahl war in ein warmes Herz geglitten ! Aber zu einer heilsamen Überlegung war keine Zeit mehr . Das Zeichen wurde gegeben , wir machten mit den Degen den üblichen Gruß und setzten uns in Positur , aber nicht wie geübte Duellanten , sondern mehr wie etwas unsichere Schüler . Unsere Hände zitterten fast gleichmäßig , als wir die Degenspitzen sich umeinander drehen ließen , um den Anfang zu finden , und der erste Stoß , den ich tat , war auch richtig der erste Schulstoß , wie er der Nummer nach auf dem Fechtsaale gezeigt wird . Lys parierte ihn ebenso schulmäßig , da er ihn von weitem kommen sah ; er erwiderte den Ausfall , und ich wies ihn etwas schwerfälliger , aber noch gerade zeitig genug ab . Der liebe Gott , um den wir uns schlugen , mochte wissen , wie ein Paar so friedlicher Fechter in eine so gefährliche Lage geraten war . Allein gefährlich war sie nichtsdestoweniger ; denn mit dem Geräusch der gleitenden Klingen wurde das Gefecht belebter und rascher , so daß schon wegen der Notwehr die Stöße zahlreicher und fester wurden . Da blitzten plötzlich Stahl und Glocken unserer Waffen mit einem rötlichen Schimmer auf , und gleichzeitig begann das Bild im Hintergrunde des Zimmers sachte zu leuchten , beides vom Glühen einer Wolke , die im Widerscheine der anbrechenden Morgenröte stand . Lys warf unwillkürlich einen Blick seitwärts auf sein Bild und sah die Blicke seiner Sachverständigen , wie er sie nannte , auf uns gerichtet . Er ließ seinen Degen sinken , und mir , der ich eben wieder auszufallen im Begriffe war , wurde ein » Halt ! « zugerufen . Lys , der im übrigen vollkommen nüchtern geblieben , war der Nichtigkeit unseres Tuns durch den Anblick zuerst innegeworden . » Ich nehme meine Herausforderung zurück « , erklärte er mit ernstem , aber ruhigem Tone , » und will das Vorgefallene vergessen , ohne daß Blut fließen soll ! « Er trat mir einen Schritt entgegen und bot mir die Hand . » Laß uns schlafen gehen , Heinrich Lee ! « sagte er , » und zugleich leb wohl ! Da ich einmal zur Abreise gerüstet bin , so will ich heute für einige Zeit fort . « Damit ging er , nachdem er die Anwesenden gegrüßt , nach seinem Schlafzimmer , und wir verließen uns trotz der unerwarteten Aussöhnung ohne Freundlichkeit , weil wir uns eigentlich selbst beleidigt hatten und zur Stunde keiner mit sich im reinen war . Die Zeugen und der Arzt , welche in den Verlauf der Streitigkeit überhaupt keinen klaren Einblick hatten , verabschiedeten sich vor dem Hause stillschweigend , und jeder ging seines Weges , ich überdies mit einem Gefühle , wie wenn ich von der moralischen Überlegenheit eines Gegners , den ich hatte schulmeistern wollen , heimgeschickt worden wäre . Als ich meine Wohnung betrat , wurde ich von den Wirtsleuten , die an ihrem Frühstücke saßen , als ein ausdauernder Lustigmacher begrüßt . Obschon ich erschöpft und müde war , konnte ich beinahe nicht einschlafen , und als es geschah , träumte mir , ich hätte den Freund totgestochen , blutete aber statt seiner selbst und werde von meiner weinenden Mutter verbunden . Indessen würgte ich an einem geträumten Schluchzen herum , über welchem ich erwachte . Ich fand die Augen und das Kissen zwar trocken , dachte aber über die möglich gewesenen Folgen nach , bis ich endlich fester einschlief . Fünfzehntes Kapitel Der Grillenfang Ich schlief bis in den Nachmittag hinein , und als ich erwachte , wußte ich nichts mit mir anzufangen ; die Welt und mein Kopf schienen mir beide leer und ausgestorben . Ich dachte an das Ende des Kadettenfestes in meiner Knabenzeit , an dasjenige des Tellenspieles , und sagte mir Wenn alle deine Freudenfeste einen solchen Ausgang nehmen , so wird es besser sein , du gehst nicht mehr hinzu , wo es dergleichen gibt ! Zunächst las ich das Narrenkleid zusammen , das zerstreut am Boden lag , und hing es im Atelier als malerischen Gegenstand an einen Nagel , und den Distel-und Stechpalmenkranz legte ich um den Zwiehansschädel , den ich auf die Kommode des kleinen Schlafzimmers setzte , um dergestalt ein heilsames Memento zu errichten . Das Spielerische und Ziersüchtige in uns bleibt in allem Elende und unter allen Gestalten lebendig , bis wir zerbrochen sind . Vielleicht ist es ein Teil des Gewissens ; denn wie das Tier nicht lacht , so spielt der ganz Gewissenlose nicht , es sei denn um Gewinn . In meiner dunkel müßigen Lage war mir der Besuch Reinholds , des Winzers und Geigenspielers , willkommen , der mich aufsuchte und einen Liebesdienst von mir verlangte . Er berichtete , daß der hilflose Zustand Agnesens noch stundenlange gedauert und sie sich erst gegen Morgen soweit erholt habe , daß die Heimschaffung möglich geworden , und zwar bereits bei Tageshelle . Allein nachteilige Gerüchte von einem sozusagen zuchtlosen Benehmen , von einer Berauschung , in deren Folge sie von einem reichen Bewerber sofort verlassen und aufgegeben worden sei , wären schon vorausgedrungen , und als das Gefährt vor dem Hause angekommen und das Mädchen , matt und niedergeschlagen , ausgestiegen sei , hätten sich die Nachbarfenster geöffnet und die Leute mit sichtlicher Verachtung oder wenigstens Mißbilligung zugeschaut . Er selbst habe nebst einer Magd vom Landhause die Arme begleitet , sich aber natürlich sofort wegbegeben , ohne mit in das Haus zu treten . Aber auch dies Erscheinen eines neuen Beschützers habe den bösen Schein noch verschlimmert , und es liege wohl an uns , die wir das Unsrige beigetragen , den Leumund des unschuldigen Wesens zu verteidigen . Er habe nun den Plan gefaßt und mit seinen Freunden verabredet , heute abend unter dem Fenster des geprüften Fräuleins eine ernsthafte und ehrbare Musik , eine Serenade in würdigster Form , abzuhalten ; um jede Störung zu vermeiden und das Ansehen der Sache zu erhöhen , sei schon die amtliche Erlaubnis eingeholt . Nach Schluß der Serenade aber gedenke er stracks hinaufzugehen und der Verlassenen feierlich seine Hand anzutragen . » Absichtlich « , fuhr er fort , » will ich von allem , was vorausgegangen , nichts wissen , was man auch munkeln mag ! Wie sie ist , in diesem Augenblicke , mit ihrem Gesichtchen , ihrer leichten Gestalt , mit ihrem ganzen Wesen und ihrem kleinen Schicksal gefällt sie mir und dünkt mich unentbehrlich ! Und wenn ich mich irre , so wird es nur in dem Sinne sein , daß sie mehr ist , als ich geglaubt habe ! Etwas warme Sonne , ein wenig Glück , was man so nennt , gleichsam ein Gläschen guten Rheinweins werden sie munter machen ! « » Und was soll ich hiebei tun ? « fragte ich verwundert , aber auch mit Teilnahme , da mir das Vorhaben des gemütlichen Mannes als die beste Hilfe in der Not erschien . » Was ich von Ihnen wünsche « , versetzte er , » ist , daß Sie gegen Abend in das schmale Haus , in das Juwelenkästchen , gehen und die Frauen suchen hinzuhalten , damit sie es nicht verlassen und doch von der Musik überrascht werden . Ferner sollen Sie , wenn es nicht von selbst geschieht , das Gespräch auf mich bringen , in nicht auffälliger Weise , und mich ein bißchen anrühmen , das heißt , nicht meine Person , sondern meine Verhältnisse , ich will sagen , meinen bescheidenen Wohlstand , der mir erlaubt , unbesorgt eine Frau heimzuführen . Ich wünsche , daß Sie das ganz beiläufig tun , jedoch als von etwas Bekanntem , sozusagen außer Zweifel Stehendem sprechen , so daß diese Voraussetzung bereits vorhanden ist , wenn ich komme , und ich nicht selbst davon anfangen muß . Es ist solches wichtig und in dergleichen Verwicklungen meistens von entscheidendem Einfluß . Und Sie werden nicht lügen , sofern Sie nicht etwa aufschneiden , ich geb Ihnen mein Wort darauf ! Etwas Grundeigentum und mein Kunsterwerb reichen zu einem bürgerlichen , doch keineswegs knauserigen Leben hin , und für die Zukunft ist mir das Erbe einer alten Tante sicher , die mich immer wegen des Heiratens plagt und eine Aussteuer bereithält wie für eine einzige Tochter . Halt - diesen Umstand könnten Sie etwas ausmalen ! Es ist wirklich komisch , wie die Gute immer noch Einkäufe macht , sobald sie etwas sieht , wovon sie denkt , es wäre in meinem dereinstigen Haushalt zu brauchen , und so stapelt sie in ihrem von alters her angefüllten Hause stets neue Vorräte von kleinen und großen Dingen auf . - Also reden Sie , sprechen Sie ! wollen Sie meine Wünsche erfüllen ? Ich kann Ihnen sagen , es ist mir zu Mute wie einem , der einen Diamant , den ein Dummkopf weggeworfen hat , liegen sieht und nun fürchtet , es möchte ihn ein anderer finden , eh er selbst zur Stelle ist ! « Ich mußte innerlich lächeln über dies treffliche Stückchen Weltlauf , das sich so artig selbst berichtigte , wenn Reinholds Pläne gelangen . Gern sagte ich ihm zu , seine Wünsche zu erfüllen , so gut ich es verstände , und er eilte nach der weiter nötigen Verabredung in Hoffnung davon . Mir konnte für den leeren öden Tag der Auftrag nur willkommen sein , so neu es mir war , eine Art Kuppelei zu betreiben . » Nachdem du fast zwei Tage lang das hintangestellte Schätzchen eines Don Juans gehütet hast « , sagte ich mir , » kannst du dies Altweibergeschäft dir auch noch gefallen lassen , es paßt zum andern , auch zu dem gefehlten Duell ! « Mit anbrechender Dämmerung begab ich mich auf den Weg und stand alsbald vor der Stubentüre der Frauen , die in tiefster Stille saßen ; denn kein Laut war zu vernehmen . Erst auf ein Anklopfen hörte ich ein mattes » Herein ! « und als ich eintrat , sah ich in dem halbdunklen Gemache nur die Frau Mutter in ihrem Lehnsessel , den Kopf in beide Hände gestützt . Auf dem Tische vor ihr lag ein kleines Kästchen . Mich erkennend , sagte sie mit heiserer Stimme nichts als : » Ein schönes Fest für uns ! Eine schöne Nacht und ein schöner Tag ! « » Ja « , antwortete ich kleinlaut , » es war etwas verhext und ist manchem wunderlich gegangen ! « Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann geläufiger fort : » Eine schöne Wunderlichkeit ! Wenn ich den Kopf vor die Türe strecke , so zeigen die Nachbaren mit Fingern auf mich ! Eine Gevatterin nach der anderen , die sich sonst nie sehen lassen , ist heute eingedrungen , um sich an der Schande zu weiden ! Da schleppt man das Kind zwei Nächte herum und schickt es mir betrunken nach Haus und durch fremde Leute ! Und der hübsche reiche Bewerber , dieser Herr Lys , hat natürlich genug an der Aufführung , sagt ab und macht sich davon ! Da sehen Sie , was wir alles erlebt haben ! « Sie zog einen Brief hervor , der unter dem Kästchen lag , und entfaltete ihn ; es war aber zu dunkel , um lesen zu können . » Ich will Licht holen ! « sagte sie , ging müde und verdrossen hinaus und kehrte mit einem bescheidenen Küchenlämpchen zurück , da es nicht der Mühe wert schien , einem von der schnöden Gesellschaft ein besseres Licht vorzusetzen . Ich las den kurzen Brief , worin Lys mit wenigen Zeilen anzeigte , daß er auf unbestimmte Zeit , vielleicht für immer , abreisen müsse , für gute Freundschaft , die er genossen , herzlich dankte , Glück und Wohlergehen wünschte und die Tochter bat , ein kleines Andenken freundlich anzunehmen . Als ich das gelesen , öffnete die betrübte Frau das Kästchen , in welchem eine ziemlich kostbare Uhr mit feiner Kette glänzte . » Ist dies reiche Geschenk « , rief sie , » nicht ein Beweis , wie ernst er gesinnt war , da er sich sogar jetzt noch so edel benimmt , trotz der Schmach , die man ihm angetan ? « » Sie irren sich ! « sagte ich ; » niemand hat sich etwas vorzuwerfen , am allerwenigsten das gute Fräulein ! Lys hat Ihre Tochter von Anfang an sitzenlassen und ist einer anderen Schönheit nachgelaufen ; und weil er von dieser zurückgewiesen wurde , denn es ist , kurz gesagt , die nunmehrige Braut seines Freundes Erikson , hat er sich von hier entfernt . Ich weiß bestimmt , daß er für Ihr Kind verloren war , eh dasselbe aus Kummer und Aufregung unwohl wurde . Und es ist wahrscheinlich ein Glück für das Fräulein , nach meiner Meinung sogar gewiß ! « Die Frau sah mich groß an ; aus dem Hintergrunde des schmalen , aber tiefen Zimmers ertönte ein stöhnender Laut . Erst jetzt gewahrte ich , daß Agnes in einem Winkel neben dem Ofen saß . Ihr Haar war aufgelöst , aber nicht wieder geflochten worden und bedeckte das Gesicht und die Hälfte der gebeugten Gestalt . Überdies hatte sie ein Tuch um Kopf und Schultern geworfen und in das Gesicht gezogen ; das letztere drückte sie , vom Zimmer abgewendet , an die Wand und verharrte so ohne Bewegung . » Sie getraut sich nicht mehr am Fenster zu sitzen ! « sagte die Mutter . Ich ging hin , sie zu begrüßen und ihr die Hand zu reichen ; allein sie wendete sich noch tiefer ab und begann leise in sich hinein zu weinen . Verlegen ging ich zum Tische zurück , und da ich von meinen eigenen Abenteuern moralisch geschwächt war , so kamen mir selbst Tränen in die Augen . Das rührte hinwieder die Witwe , daß auch sie anfing , wobei sich ihr Gesicht so stark verzerrte , wie man es nur an flennenden kleinen Kindern sieht . Es war ein ganz merkwürdiger , unbehaglicher Anblick , über welchem sich meine Augen schnell trockneten . Aber auch bei der Frau war der Gewitterschauer wie bei Kindern rasch zu Ende , und mit ganz veränderter Stimme lud sie mich erst jetzt zum Sitzen ein . Zugleich fragte sie , wer eigentlich der Fremde gewesen , der Agnesen in der Frühe heimbegleitet habe ? Ob der die Unglücksgeschichte nicht noch weiter verbreiten werde ? Keineswegs , antwortete ich ; denn das sei ein gutbestellter braver Mensch ; und ich säumte nun nicht , mit anscheinend gleichgültigen Worten und mit der nötigen Vorsicht diejenige Beschreibung des Gottesmachers und seiner Verhältnisse anzubringen , die seinen Wünschen entsprechen mochte . Nur bei der Schilderung der Tante und ihrer Ausstattungssucht , welche es einer dereinstigen Frau des Neffen fast unmöglich mache , außer ihrer Person etwas im Hause unterzustellen , zu legen , aufzuschichten oder zu hängen , wurde mein Vortrag belebter , weil er mich selber belustigte . Übrigens , schloß ich , werde Herr Reinhold mit der Erlaubnis der Frauen heute abend seinen Besuch abstatten , um der Anstandspflicht zu genügen und sich nach dem Befinden des erkrankten Fräuleins zu erkundigen , und weil er wisse , daß ich die Ehre hätte , im Hause eingeführt zu sein , so habe er mich ersucht , die Erlaubnis auszuwirken und ihn alsdann vorzustellen . Diese höfliche Ankündigung gab der Frau einen Teil ihres Selbstvertrauens zurück . » Kind ! « rief sie auffahrend , » hörst du ? Wir bekommen Besuch ; geh , zieh dich an , mache dein Haar auf , du siehst ja aus wie eine Hexe ! « Aber Agnes regte sich nicht , und auch als die Mutter hinging und sie sanft rüttelte , wehrte sie ab und bat wimmernd , sie ruhig zu lassen , oder das Herz breche ihr entzwei . In ihrer Verzweiflung begann jene den Tisch zu decken und Tee zu bereiten ; sie holte ein paar Schüsseln mit kalten Speisen und eine Torte herbei und setzte alles auf den Tisch . Schon für gestern abend , klagte sie , habe sie ein Dütchen des feinsten Tees gekauft und etwas zum Knuspern bereitgehalten , da sie auf die frühzeitigere Rückkunft der jungen Leutchen gehofft habe ; jetzt möge die kleine Mahlzeit uns doch noch dem erwarteten Besuch zu Ehren nützlich werden ; verdorben sei nichts . Wir saßen , und das Wasser kochte in dem blanken , wenig gebrauchten Teekesselchen seit geraumer Zeit , und noch meldete sich kein Besuch , weil es überhaupt noch zu früh war . Die gute Frau wurde ungeduldig ; sie fing an zu zweifeln , ob Reinhold wirklich kommen werde ; ich suchte sie zu beruhigen , und wir warteten wieder eine gute Weile . Endlich wurde sie Wartens satt und machte den Tee fertig ; wir tranken eine Tasse , aßen etwas weniges und harrten wieder , plauderten mit zerstreuten Worten und Gedanken , bis die ermüdete Frau über meiner Einsilbigkeit einnickte . So trat jetzt eine tiefe Stille ein , und nach einiger Zeit merkte ich an den sanften regelmäßigen Atemzügen , die ich vom Ofenwinkel her vernahm , daß auch Agnes schlummerte . Da ich selbst keineswegs genug geschlafen hatte , fielen mir die Augen ebenfalls zu , und ich schlief zur Gesellschaft mit , während die kleine Lampe das Zimmer schwach erleuchtete . Wir mochten ein Stündchen einträchtig geschlummert haben , als wir durch eine volltönige , aber sanfte Musik geweckt wurden und gleichzeitig das Fenster von rotem Glanze erhellt sahen . Die überraschte Witwe und ich eilten zum Fenster . Auf dem kleinen Platze standen acht Musizierende vor einigen Musikpulten , vier Knaben hielten brennende Fackeln empor , und am Eingange des Platzes gingen zwei Polizeimänner auf und ab , welche die rasch sich sammelnden Zuhörer in Ordnung hielten . Zu den Geigern hatte Reinhold noch einige Bläser mit Horn , Hoboen und Flöte angeworben ; er selbst saß auf einem Feldstühlchen und handhabte das Violoncell . » Jesus Maria ! was ist das ? « sagte die erstaunte Mutter Agnesens . » Zünden Sie Lichter an ! « erwiderte ich ; » das ist eben der Herr Reinhold mit seinen Freunden , der Ihrer Tochter eine Serenade bringt ! Ihr gilt die Musik , um ihr vor der Welt und dieser Stadt eine Ehre zu erweisen ! « Ich öffnete einen Flügel des Fensters , indessen die Frau nach ihren Staatsleuchtern eilte und die rosenroten Kerzen entflammte , welche jetzt trefflich zustatten kamen . Das Adagio aus einem ältern Italiener floß mit dem lauen frühzeitigen Lenzhauche gar prächtig herein . » Kind ! « flüsterte die Mutter dem aufhorchenden Mädchen zu , » wir haben ein Ständchen , wir haben ein Ständchen ! Komm , sieh nur hinaus ! « Ich hörte ihre Stimme zum ersten Mal so herzlich erfreut und wirklich beseelt zu dem Kinde reden , so erlösend wirkte der musikalische Vorgang auch auf sie , und Agnes wandte ihr bleiches Gesicht stumm nach dem Fenster . Dann erhob sie sich langsam und ging heran . Sowie sie aber die vielen Gesichter auf der Straße und unter allen Nachbarfenstern im Fackellichte erblickte , floh sie wieder nach ihrem Sitze , legte die gefalteten Hände in den Schoß und neigte das Haupt leise zur Seite , um keinen Ton der schönen Musik zu verlieren . So blieb sie , bis die drei Stücke , welche die Männer aufführten , zu Ende waren und die Musik mit einer melodisch heiteren , fast reigenartigen Wendung geschlossen hatte , die Musikanten aufbrachen und still hinweggingen , während das Volk auf der Gasse lauten Beifall klatschte . Auch die sauberen Kästchen und Futterale , in welchen sie ihre Instrumente trugen , erhöhten beim Publikum den Eindruck des Außergewöhnlichen und Vornehmen ; die Leute betrachteten , indem sie sich langsam zerstreuten , neugierig das merkwürdige Haus , und die am Fenster stehende Frau genoß alles bis zum letzten Momente ; selbst das Forttragen der Pulte dünkte ihr das Feierlichste und Großartigste , was sie erleben konnte . Als sie endlich das Fenster zumachte und sich umwandte , stand Reinhold in der Stube und begrüßte sie ehrerbietig , und ich nannte zugleich seinen Namen . Dann entschuldigte er sich wegen der Freiheit , die er sich genommen , eine so aufdringliche Störung zu bringen , welche sie der allgemeinen Karnevalsstimmung zu gut halten wolle ; und sie erwiderte ihm mit großen Komplimenten und Danksagungen , wobei sie in einen so glückselig singenden Ton geriet , daß es beinahe klang , wie wenn einer in Flageolettönen auf der Geige spielen würde . Plötzlich unterbrach sie sich , um die Tochter herbeizurufen , die ihr ungebührlich lang im Winkel zu säumen schien . Diese war aber unbemerkt hinausgeschlüpft und kam jetzt wieder herein . Sie hatte über ihr Morgenkleid , in welchem sie den Tag über getrauert , einen weißen Shawl geschlagen und die Enden auf den Rücken gebunden . Das schwarze Haar hatte sie einfach zusammengefaß und im Nacken in einen mächtigen Knoten geschlungen , alles in einer Minute und wahrscheinlich ohne in den Spiegel zu sehen . In Haltung und Gesichtsausdruck schien sie um zehn Jahre älter ; selbst die Mutter sah sie mit großen Augen an , wie wenn sie einen Geist erblickte . Aufrechten Ganges trat Agnes dem Gottesmacher entgegen , richtete mit ruhigem Ernste die Augen auf ihn und gab ihm die Hand . Wäre sie in Sammet und Seide gehüllt gewesen , so hätte sie den Blick Reinholds nicht so bannen können , wie sie jetzt mit ihrer einfachen Erscheinung tat , und ich selbst mußte sogleich denken Gott sei Dank , daß Lys fort ist und sie nicht mehr sieht , sonst ginge das Unheil von neuem an ! Reinhold aber betete mit stummer Anschauung sein eigenes Werk an ; denn , buchstäblich zu sagen , hatte er die geknickte Blume aufgerichtet , daß sie wieder leben konnte . Die Ehren , die er ihr gegeben , leuchteten so rein von ihrer Stirn und um die stillen dunklen Augensterne , daß er demütig betreten nicht zu Worten zu kommen wußte , auch als wir nun am Tische saßen und die Mutter neuen Tee machte . Es ging etwas verlegen und einsilbig zu , bis die Alte auf die rheinische Heimat des Gastes zu reden kam und ihn fragte , ob es