den Sarg der Tante stehen ! Bamme , Rutze , Doktor Faulstich . Und denke Dir , auch Jeetze trauert . Es rührte mich fast , als ich ihn heute sah . Er hat ein Paar schwarze Gamaschen hervorgesucht , noch von der gnädigen Frau her , sagte er , und einen Flor . Meine Gedanken sind beständig bei Euch ; sie wandern von einem Giebelzimmer in das andere , und mir ist immer , als kennte ich das Dorf . Es ist dasselbe , von dem uns Lewin am ersten Feiertage erzählte , und ich sehe noch alles vor mir : den Christbaum mit der jungen , hübschen Krügersfrau und den Blondkopf und dann die dunkle Kirche mit der Stehleiter am Altar und der kleinen Handlaterne . Und vor dem Altar liegt der Grabstein mit dem schönen Spruch , den ich mir seitdem wohl hundertmal vorgesprochen habe . Mir ist dann immer , als wüchse ich und könnte fliegen . « Hier hielt Lewin einen Augenblick inne und wiederholte sich die Worte : als wüchse ich und könnte fliegen . » Wie gut sie es trifft « , setzte er hinzu . Dann nahm er das Blatt , das er aus der Hand gelegt hatte , wieder auf und las bis zu Ende . » Gebe Gott , daß sich des alten Leist Prophezeiungen erfüllen ; er hat versprochen , diese Zeilen wieder mit zurückzunehmen , und ich schicke sie durch Hoppenmarieken nach Lebus . Sie wartet draußen und stößt mit ihrem Stock auf die Flurfliesen , ein Zeichen , daß sie ungeduldig wird . Ich fürchte mich viel zu sehr vor ihr , um ihre schlechte Laune noch wachsen zu lassen . Und so lebe denn wohl , meine einzig geliebte Renate , mein Glück , mein Stolz und meine Zuversicht . Grüße die Schorlemmer , und wenn Lewin die Augen aufschlägt , so denke recht innig auch an mich . Dann fühl ich es in meinem Herzen . Deine Marie « Lewin , als er zu Ende gelesen , erhob sich und trat an den Zeisigbauer , um dem Vögelchen , das ihm die langen Stunden des voraufgegangenen Tages so freundlich weggezwitschert hatte , zu Dank und Abschied ein Zuckerstückchen zwischen die Stäbe zu stecken . Er wollte sich eben wieder setzen , als Krist eintrat , um zu melden , daß alles fertig und der Schlitten vorgefahren sei . Zugleich bepackte er sich mit der ganzen Winterausstattung , die unangerührt auf der Bettdecke liegengeblieben war , und stapfte wieder treppab , während Lewin ihm folgte . Auf der Türschwelle blieb dieser noch einmal stehen und sah in das Zimmer zurück . Er war nicht erschüttert , auch nicht eigentlich bewegt ( die Nachwehen der Krankheit hielten ihn noch in ihren Banden ) , aber aller Apathie zum Trotz empfand er doch deutlich , was ihm die hier verbrachten Tage gewesen waren und daß ein Leben hinter ihm versank und ein anderes begann . Unten stand die Krügersfrau . Kemnitz war noch nicht zurück , aber ihr Prachtstück , den Blondkopf , hielt sie auf ihrem Arme . Sie konnte sich zum Abschiede nicht besser präsentieren , wußt es auch und lachte herzlich und gefallsüchtig , bis ihr Lewin die Hand reichte und Dankesworte sprach , wobei sie sofort ebenso leidenschaftlich wie krampfhaft zu schluchzen begann . Denn trotzdem sie auf dem Amte hochdeutsch erzogen und im Konfirmandenunterricht bei Pastor Lämmerhirt viel spruchfester gewesen war als ihre kleine Freundin , so hatte sie sich doch die naturkindliche Kraft bewahrt , in jedem passend erscheinenden Moment einen Strom von Tränen vergießen zu können . Lewin , der diese Naturkraft von den Hohen-Vietzer Bauerfrauen her kannte , machte nicht mehr davon , als es wert war , streichelte das Kind , das mit der Hand freundlich nach ihm haschte , und stieg dann hinter den Pferden fort auf die Deichsel des Schlittens . » Und nun vorwärts , Krist . « Dabei drückte er sich bequem in die zu einer Rückenlehne fest zusammengepackten Strohbündel , und in raschem Trabe ging es um die Kirche herum , an den nächsten Gehöften vorbei , in die sonnenbeschienene Landschaft hinein . Es war ein wundervoller Tag , frisch und doch nicht kalt ; am Horizont standen dunkle Streifen von Tannenwald , und dazwischen zeigten sich die Spitztürme verschiedener Ortschaften und Dörfer . Einige davon wurden passiert , und Krist , der hier allerlei Freundschaft hatte , sprach ein Wort oder hielt auch wohl an , um seine Pfeife wieder in Brand zu bringen . Lewin aber genoß der wundervollen Luft und fühlte sich mit jedem Atemzuge mehr und mehr genesen ; seine Nerven belebten sich wieder , und der Druck schwand , der bis dahin auf ihm gelegen hatte . Immer freundlicher wurden die Bilder , er gedachte Seidentopfs , und es war ihm , als zöge er dem Frieden entgegen . So vergingen die Stunden ; schellenläutend trabten die Pferde dahin , und schon neigte sich die Sonne zum Untergang . Vier Uhr war vorüber , als sie vor dem Dolgeliner Kruge hielten . Gerade gegenüber war die Pfarre . Lewin stieg ab , um drinnen in der Krugstube einen Imbiß zu nehmen ; Krist aber , nachdem er dem einen Braunen eine wollene Decke , dem andern einen alten Militärmantel aufgelegt hatte , ging über den Fahrdamm auf die andere Seite des Dorfes hinüber , wo gerade Pastor Zabels kleiner Schlitten dicht vor dem Staketenzaune hielt . Der Pfarrknecht nahm die Leinen abwechselnd in die linke und rechte Hand und stampfte ungeduldig den Schnee . » ' n Abend , Karges « , sagte Krist . » Wo wiste henn ? « » Na ' h Gus ' . « » Woto denn ? Se is joa all unner de Ihrd . Siet vörvörgestern . « » Joa . Awers de Schoolkinner hebben hüt ihrst ehren Dag . De süllen um Klocker söss spiest wahren : Hirs und Swiensbroaten . Un jeed een noch en Kringel för to Huus . « » Richtig , richtig , de Schoolkinner . Awers wat hätt denn dien Pastor dabi to dohn ? « » Joa , wat hätt hi dabi to dohn ? Ick weet et nich . He möt man ümmer mit dabi sinn . « In diesem Augenblicke trat Lewin wieder aus dem Krug auf die Straße . Krist , als er seinen jungen Herrn sah , brach das Gespräch rasch ab und kehrte zu den Pferden zurück . Hier nahm er den alten Kavalleriemantel vom Rücken des einen Braunen und hielt ihn ausgebreitet vor Lewin hin , zum Zeichen , daß dieser , ehe er wieder einsteige , ihn anziehen müsse . Lewin wollte aber nicht . » Laß , Krist « , sagte er , » es ist nicht kalt . « » Doch , junge Herr . De Sünn is all unner . Un ick süll acht upp Se hebben , dat hebben se mi beed seggt , ihrst de een , un denn de anner . Un dat helpt nu nich . « » Laß nur . Ich werde schon sagen , daß ich nicht gewollt habe . « » Ne , junge Herr , dat geiht nu nich anners . Mit uns Frölen , da mücht et ja wull noch sinn , awers bi de Oll-Schorlemmern , doa hedd ick verspeelt . « » Na , denn gib her « , sagte Lewin und wickelte sich in den bereitgehaltenen Mantel ein . Es war ihm bald lieb , dem Andringen Krists nicht eigensinnig widerstanden zu haben ; es wurde frischer von Minute zu Minute , und die Wärme , die der dicke Mantel gab , tat ihm wohl . Die Sterne zogen herauf ; ein Gefühl süßen , unnennbaren Wehs überkam ihn , und ein Tränenstrom brach aus seinen Augen , nicht reichlicher , als ihn die gute Frau Kemnitz vor wenig Stunden erst vergossen hatte , aber viel , viel heißer . Und doch bedeuteten ihm diese Tränen Glück und Genesung . Er gedachte Mariens , und wie sie beide so gleich empfänden . » Mir ist dann , als wüchse ich und könnte fliegen « , wiederholte er aus ihrem Briefe und sah dabei zu den Sternen hinauf , die immer heller funkelten . So ging die Fahrt . Die Braunen , die seit gestern abend zwölf Meilen gemacht hatten , fielen allmählich in Schritt , und erst von Manschnow aus , wo sie den Stall zu wittern begannen , setzten sie sich wieder in Trab . Es schlug sieben vom Hohen-Vietzer Turm , als sie der vordersten Parkspitze ansichtig wurden , und ehe der letzte Schlag ausgeklungen , hielt der Schlitten vor der Rampe des Wohnhauses . Das erste , was Lewin sah , war der in Trümmern daliegende Saalanbau , und sowenig ihn damals die Nachricht von dem Feuer erschüttert hatte , so groß war jetzt der Eindruck , den die Brandstätte auf ihn machte . Und dieser Eindruck wurde noch dadurch gesteigert , daß im Wohnhause selbst alles in Schweigen und Dunkel lag . Niemand ließ sich sehen . Krist knipste mit der Peitsche , und die Braunen schüttelten ungeduldig ihr Schellengeläut . Endlich kam Licht , und Jeetzes hagere Gestalt zeigte sich hinter der Glastüre . Er stellte den Leuchter etwas seitwärts , um die Flamme gegen den Zugwind zu schützen , und trat dann ins Freie , um seinem jungen Herrn bei dem Aussteigen behilflich zu sein . » Guten Abend , Jeetze . Alles ausgeflogen ? « » Ja , junger Herr . Wir hatten Sie nicht so früh erwartet . « » Und wo ist Papa ? « » Immer noch in Guse . « » Und Renate ? « » Bei Müller Miekley . Uhlenhorst ist da , und da sind ja nun die Lutherschen wieder zusammen . Auch die von drüben ; der Zehdensche Amtmann und der alte Oberförster von Lietze-Göricke . Unser Fräulein wollte erst nicht mit ; aber Tante Schorlemmer hat ihr keine Ruhe gelassen . « » So , so « , sagte Lewin in leiser Verstimmung . » Soll ich sie holen ? « » Nein , laß . Ich bin müde . « Damit traten sie von der Halle her , in der dies Gespräch geführt worden war , auf den Hinterflur des Hauses , wo Hektor schon seinen jungen Herrn erwartete . Aber als ob er wisse , daß dieser krank gewesen sei , enthielt er sich aller stürmischen Liebkosungen . Still wedelnd ging er neben ihm her und leckte ihm nur immer wieder die Hand , während sie die Treppe hinaufstiegen . In Lewins Zimmer war alles zu seinem Empfange bereit . Das leichte Federbett war halb zurückgeschlagen , und die bunte Steppdecke lag zusammengefaltet auf dem Stuhl daneben . Auf dem Sofatisch standen Maiblumen , das einzige , was das seit dem Tode der Frau von Vitzewitz vernachlässigte Gewächshaus hergegeben hatte . Aber was ihnen Wert lieh , war das , daß es Lewins Lieblingsblumen waren . Er sog ihren Duft ein und sagte mit bewegter Stimme : » Renate ! « , während sich ihm ein beglückendes Gefühl des Geborgenseins in Heimat und treuer Liebe um das schwergeprüfte Herz legte . Eine Stunde später öffnete Jeetze leise wieder die Tür . Das Licht brannte noch , und der Alte nahm es vom Tisch , um es zu löschen . Hektor , der auf seinem Rehfell lag , blinzelte mit dem einen Auge , aber rührte sich nicht . Und im nächsten Augenblicke war alles wieder still . Fünftes Kapitel Letztwillige Bestimmungen Der nächste Abend sah unsere Freunde wieder im Halbkreis um den Hohen-Vietzer Kamin her . Es war so ziemlich dasselbe Bild wie am ersten Weihnachtsfeiertage , nur der Christbaum fehlte und mehr noch die Heiterkeit , die damals das Spiel mit den goldenen Nüssen begleitet hatte . Die Schorlemmer strickte wieder an ihrem Vlies , Renate , einen Crêpestreifen vor sich , nähte an einer Trauerrüsche , und Lewin - immer noch unter der Nachwirkung seiner Krankheit oder doch der Anstrengungen des gestrigen Tages - sah abgespannt vor sich hin und spielte gleichgültig mit einem Tannapfel , den er aus dem neben ihm stehenden Holzkorb genommen hatte . Nur Marie war bemüht , durch allerlei Fragen ein Gespräch einzuleiten , aber es blieb bei kurzen Antworten . Die kleine Uhr auf dem Kaminsims schlug acht . In diesem Augenblick meldete Jeetze den Pastor , der gleich darauf eintrat . Jeder bezeigte herzliche Freude , die sich bei Renaten in allerhand kleinen Neckereien äußerte . Es sei nicht gut , wenn der Hirt seine Herde verlasse ; schon vier Stunden seien zuviel , und nun gar vier Tage ! Nun sei der Wolf eingebrochen : Uhlenhorst in Person . » Ich weiß « , sagte Seidentopf . » Und wer begab sich freiwillig in die Gefahr ? Wer war wieder mit dabei ? « » Natürlich wir . Aber wir sind diesmal ungeschädigt davongekommen . Und nicht bloß wir , auch der Zehdensche Amtmann ließ ihn im Stich , als er beständig wiederholte : Wer das Schwert nimmt , soll durch das Schwert umkommen . Er konnte schon in den Weihnachtstagen von diesem Spruche nicht los , und nun wurd es jedem zuviel . Er vergißt immer , daß er zu alten Soldaten spricht . Er ist ein Lauenburger oder aus dem Eutinschen , und wenn ich ihn so höre , so bedünkt es mich immer , als ob jede andere Provinz auch ein anderes Christentum hätte . Aber das führt uns in Streit ; ich sehe Tante Schorlemmer schon ungeduldig werden . Also nichts mehr davon . Und nun nehmen Sie Platz , teuerster Pastor , hier ist Ihr Stuhl , zwischen Marie und mir . Und nun erzählen Sie . « » Wovon ? « » Von all und jedem , aber zuerst von Guse , denn wir wissen so gut wie nichts . Papa war nur einmal hier , und das war , als wir noch in Bohlsdorf waren . Also bitte , alles ist neu für uns . War es feierlich ? War der Sarg offen oder geschlossen ? Ach , ich hätte mich totgeängstigt , so stundenlang neben dem offenen Sarge zu stehen . Wer hielt die Rede ? Wer war da ? « » Alle , der ganze Freundeskreis : Bamme , Drosselstein , Krach , der Protzhagener Hauptmann in seiner alten Uniform vom Regiment Pirch - keiner fehlte . Auch Faulstich war da , mit einer Art Kantate , die , wenn Nippler seine Komposition beendet haben wird , am zweiten oder dritten Sonntag in der Guser Kirche gesungen werden soll . Unser Kirch-Göritzer Doktor hatte vorläufig die Textes-Strophen drucken lassen und überreichte jedem von uns ein Blatt . « » Eine Kantate « , sagte die Schorlemmer . » Und von Faulstich ! Das wird ein rechter Heidenspuk gewesen sein , von Anfang bis zu Ende . Nichts von Grab und Tod und noch weniger von Auferstehung . Bloß Unterwelt und Schatten und ein Dutzend griechischer Götternamen ! « » Doch nicht , liebe Schorlemmer « , erwiderte Seidentopf . » Sie tuen ihm unrecht . Es ist nichts Christliches , was er geschrieben hat , aber auch nichts Anstößiges . Dazu hat er zuviel Takt . Übrigens hab ich das Blatt mitgebracht , und unsere Damen mögen entscheiden . « Damit nahm er ein schwarzgerändertes Papier aus der Brusttasche und gab es Lewin , der es apathisch auseinanderfaltete und nach kurzem Besinnen , ohne den Inhalt auch nur überflogen zu haben , weiterreichte . » Lies du , Renate . « Und Renate las : » Am Grabe der Gräfin Amelie von Pudagla , geb . von Vitzewitz Die du Niedres gemieden In hohem Sinn , Du bist nun geschieden ; Wohin , wohin ? Wohin ? So klingen Der Fragen viel ; Warum sie lösen , bezwingen ? Du bist am Ziel . Das Beste hienieden , Du hast es erreicht : Du hast den Frieden . Sei dir die Erde leicht . « Eine kurze Pause folgte . Dann sagte die Schorlemmer : » Es ist nicht anstößig , weil es nicht spöttisch ist . Aber , teuerster Pastor , einem christlichen Herzen gibt es doch Anstoß genug . Er fragt : Wohin ? und weiß die Antwort nicht . Gott sei Dank , ich weiß sie . « Seidentopf , der einer von den Allerweltsadvokaten war und immer etwas zu verteidigen fand , wollte auch diesmal zugunsten Faulstichs eintreten , Renate aber , die mittlerweile wahrgenommen hatte , daß auch die Rückseite der an Ausdehnung und Gläubigkeit gleich kurz gehaltenen Kantate mit Bleistiftzeilen überkritzelt war , ließ es zu keiner pastoralen Entgegnung kommen und bemerkte nur , indem sie mit ihrem Zeigefinger über das Gekritzel hinfuhr : » Ich wette , teuerster Prediger , daß wir hier , auf der Rückseite des Blattes , bereits Ihren kritischen Kommentar haben . Hab ich recht ? « » Nein , liebe Renate « , antwortete Seidentopf . » Ich bin überhaupt unkritisch , wie Turgany versichert . Auf manchem Gebiete vielleicht weniger , als er annimmt , aber doch gewiß unkritisch auf dem Gebiete der Kantate . Ich käme in Verlegenheit , wenn ich überhaupt nur feststellen sollte , was eine Kantate sei . « » Nun , wenn keinen Kommentar , was enthalten diese Zeilen dann ? « » Letztwillige Bestimmungen der Guser Tante . Nicht ihr eigentliches Testament , ein solches hat sich überhaupt nicht vorgefunden , aber eine Art Begräbnisprogramm . Es fand sich unter anderen Papieren auf ihrem Schreibtisch , und ich habe mir , mit des Papas Erlaubnis und natürlich unter Weglassung einiger französischer Einschiebsel , in aller Eile eine Abschrift davon genommen . « » Oh , das müssen wir hören « , rief Renate mit Lebhaftigkeit . » Aber es ist Augenpulver und gar nicht zu entziffern . Da müssen Sie selber aushelfen . « » Gern « , erwiderte Seidentopf , » und um so lieber , als genau nach dem Inhalte dieses Programms verfahren wurde . Eben diese Bestimmungen sind die beste Beschreibung , die ich Ihnen von dem Begräbnis selber geben kann . « » Nun , so lesen Sie « , bat Renate . Lewin und Marie stimmten mit ein , und nur die Schorlemmer sagte : » Was werden wir da wieder hören müssen ! « Dann nahm Seidentopf das Blatt zurück und begann ohne weitere Säumnis oder Vorrede : » Bei meinem Ableben einzuhaltende Bestimmungen Ich fürchte den Tod . Aber diese Furcht hält mich nicht ab , ihm ins Gesicht zu sehen . Er ist das Unvermeidliche . Und so bestimme ich , Amelie von Pudagla , geb . von Vitzewitz , in nachstehendem wie folgt : Erstens . Ich will in meiner Witwentracht in einen Sarg von Zedernholz gelegt und sodann aufgebahrt in die große Halle gestellt werden , da , wo der Faun steht . Dieser muß sich , solang es dauert , an einem andern Orte behelfen . « » Da , wo der Faun steht « , wiederholte die Schorlemmer und klapperte mit ihren Nadeln . Seidentopf fuhr fort : » Zweitens . Den vierten Tag , bei Sonnenuntergang , will ich begraben werden , aber nicht in der Kirche , auch nicht in der angebauten Derfflingergruft , sondern im Guser Schloßpark , und zwar in dem kleinen Zedernhain , den sie Neulibanon nennen . Drittens . Es soll auf dem Wege vom Schlosse bis in den Park , unter Vorantritt Nipplers , von allen Dorfkindern das Lied : Was Gott tut , das ist wohlgetan , gesungen werden . Aber nicht : O Haupt voll Blut und Wunden . Dies verbiete ich ausdrücklich . « Alle schienen von dieser Bestimmung überrascht und sahen sich untereinander an , schwiegen aber . Nur die Schorlemmer sagte : » Mein Gott , was ihr das schöne Lied nur getan hat ! Ich hätte keine Ruh im Grabe , wenn ich so was in meinem Letzten Willen niedergeschrieben hätte . Renate , Kind , daß du mir dafür sorgst , daß das Lied gesungen wird . Ich meine , bei mir . « » Ich werd es , liebe Schorlemmer . Aber hören wir weiter . « » Viertens . Am Grabe soll der Prediger eine kurze Ansprache halten , und dabei soll er mich nicht loben wegen dessen , was ich auf Erden gewesen bin oder getan habe , vielmehr soll er nur sagen , daß mir alles Versteckte , Unklare und Erheuchelte all mein Lebtag zuwider gewesen ist . Dies soll er sagen nicht mir zum Ruhme , sondern weil es die Wahrheit ist . Fünftens . Es soll ein Granitblock auf mein Grab gelegt und seinerzeit eine Metalltafel mit folgender Grabinschrift eingelegt werden : L ' eloge ou le blâme ne touchent plus celui Qui repose dans l ' éternité . L ' espérance embellit ma vie et m ' accompagne en mourant . Sechstens . Faulstich , dem ich mein Miniaturbild mit der Rubineneinfassung hinterlasse , soll eine Kantate dichten , und Nippler ( der ein Douceur von zehn Dukaten empfängt ) soll diese Kantate komponieren . Sie mag , je nach Befinden , am Grabe oder aber in der Guser Kirche am dritten Sonntage nach meinem Begräbnis gesungen werden . Siebentens . Am dritten Tage nach meiner Beisetzung und dann alljährlich an meinem Todestage sollen die Schulkinder gespeist und zwölf Dorfarme neu gekleidet werden . Achtens . Mit Ausführung dieser Bestimmungen betraue ich meinen Bruder Berndt von Vitzewitz , ehemals Major im Dragonerregiment von Knobelsdorff , Erbherr auf Hohen-Vietz . « Seidentopf , als er gelesen , faltete das Blatt wieder zusammen , und die Schorlemmer , ohne von ihrer Arbeit aufzusehen , murmelte vor sich hin : » Da kommt selbst Faulstich wieder zu Ehren . « Lewin lächelte . Er hatte sich schon vorher von Paragraph zu Paragraph immer mehr erheitert und sagte jetzt ruhig : » Du hattest immer deinen kleinen Krieg mit der Tante drüben . Solange sie lebte , war das gut ; nun aber ist sie tot , das ändert viel , und ich glaube , wir müssen sie schließlich gelten lassen . « Die Schorlemmer schüttelte den Kopf . » Du schüttelst den Kopf « , fuhr Lewin fort , » aber das überzeugt mich nicht . In allem , worin sie uns mißfiel , hat sie sich jetzt an anderer Stelle zu verantworten ; sie weiß jetzt mehr als wir und ist unserem Urteil in allem , was jenseits liegt , entrückt . Unsere Meinung über sie hat sich nur noch auf das zu beschränken , was sie diesseits war und bedeutete . Und das hatte sein Gewicht . Gewiß , ihre Schwäche war der Glaube , aber ihre Stärke war der Mut . Ich marchandiere nicht , pflegte sie zu sagen . Und alles , was wir eben gehört haben , führt uns den Beweis , daß sie sich bis zuletzt nicht handeln ließ und sich und ihrem Unglauben treu zu bleiben verstand . « Lewins blasses Gesicht hatte sich , während er sprach , gerötet . Als er jetzt schwieg , erklärte Seidentopf seine volle Zustimmung . Ein solches tapferes Bekenntnis des Unglaubens , alles Ausharren bis ins Angesicht des Todes hinein , habe seinen Beifall und sei ihm viel , viel lieber als das Angstchristentum beispielsweise Baron Pehlemanns , der bei jedem Gichtanfall begierig nach der Bibel greife und sie wieder zuklappe , wenn der Anfall vorüber sei . Niemand war überrascht , solchen Äußerungen aus dem Munde Seidentopfs zu begegnen . Auch die Schorlemmer nicht . Aber wenn sie nicht überrascht war , so war sie doch noch weniger einverstanden damit . » Ausharren ! « wiederholte sie lebhaft , » wenn es ein solches gewesen wäre ! Aber , teuerster Pastor , es war kein Ausharren , und am wenigsten ein Ausharren bis in den Tod . Ich habe die Tante gekannt und las in ihrem Herzen . Das war ihr lästig . Ein tapferes Bekenntnis des Unglaubens ! Ach , wie Sie sie verkennen . Sie schrieb das nieder , nicht in der Tapferkeit , sondern in der Eitelkeit ihres Herzens und freute sich der Vorstellung , mit welch erstaunten Augen das alles einst nach ihrem Tode gelesen werden würde . Von Bamme , von Krach und vielleicht auch von dem langen Hauptmann . Aber der Tod war noch nicht da . Wär er dagewesen , von Angesicht zu Angesicht , sie hätte diese Zeilen nicht geschrieben , dessen bin ich gewiß . Sie hatte Mut , aber bloß den Lebens- , nicht den Todesmut . « Jeetzes Eintreten unterbrach das Gespräch . Er erschien mit einem Tablett , auf dem kleine bemalte Tellerchen und ein altmodischer silberner Obstkorb standen . Da niemand gewillt schien , den Platz am Kamin aufzugeben , so wurde das Tablett auf ein rundes , mit Tulaer Arbeit ausgelegtes Tischchen gestellt und dieses Tischchen in den Halbkreis hineingeschoben . Marie , deren Hände frei waren , machte die Wirtin und schälte das Obst . Allmählich , während der Teller von Hand zu Hand ging , begann das Gespräch wieder , wandte sich aber , da Friedensschlüsse , wie jeder wußte , nicht wohl möglich waren , anderen Gegenständen zu . Natürlich behielt Seidentopf das Wort ; war er doch , seines Aufenthaltes bei Graf Drosselstein ganz zu geschweigen , unmittelbar nach dem Guser Begräbnis einen Tag lang in Küstrin gewesen und hatte während dieses Tages vieles gesehen und noch mehr gehört . Ein besonderes Interesse weckten seine Mitteilungen über die von Tag zu Tag sich mehrenden Desertionen , die freilich , wie Seidentopf hinzusetzte , nicht überraschen dürften , da die Hälfte der Garnison aus Westfalen unter dem Kommando des Generals von Füllgraf bestünde , eines alten Haudegens , der selber , wie man in der Bürgerschaft wohl wisse , aus dem Konflikt zwischen seinem deutschen Herzen und seinem französischen Eide nicht herauskäme . Auch seine Leute wüßten es und gingen deshalb in ganzen Trupps auf und davon . Andere , die vorläufig noch aushielten , hätten ihm einen Vers an die Türe geklebt , der habe gelautet : Füllgraf bist du ? Sage nein , Fülle nicht des Feindes Reihn . Führ uns . Vollgraf sollst du sein . Der alte Füllgraf selber , schon um nicht persönlich in Verdacht zu kommen , als sympathisiere er mit den Unzufriedenen , habe bei General Fournier , seinem Oberkommandanten , Anzeige von diesem Vorfalle gemacht und auf Untersuchung angetragen , aber die Untersuchung habe nichts ergeben , und die Desertionen hätten sich nur gemehrt . Der letzte Trupp sei siebzehn Mann stark gewesen und habe sich auf Kirch-Göritz zu davongemacht . Das sei nun drei Tage . Auf dem » Hohen Kavalier « hätten sie dann freilich die Alarmkanone abgefeuert , aber wozu ? Die Bürger hätten gelacht und die Franzosen auch . Denn diese hörten von nichts anderem mehr als von » Volksbewaffnung « und wären natürlich klug genug , einzusehen , daß dieselben Bauern , die jetzt einen Aufstand vorhätten , nicht Lust haben könnten , die Schergen zu spielen und Deserteure zu fangen und abzuliefern . Hier unterbrach Lewin den Pastor , um sich nach dem Stande der Landsturmorganisation zu erkundigen , und erfuhr nun mit vielen Details , welche Fortschritte die Volksbewaffnung im Laufe der letzten drei Wochen gemacht habe . Anfangs sei Hohen-Vietz an der Spitze gewesen ; die fast achttägige Abwesenheit Berndts aber habe zu kleinen Hemmnissen geführt , so daß jetzt Drosselstein voraus sei und vor allem Rutze . Er wisse das von Bamme selbst , mit dem er am Begräbnistage einen Spaziergang durch den Guser Park gemacht habe . Dieser Spaziergang sei überhaupt sehr angenehm gewesen , denn es plaudere sich gut mit dem Alten . Daß er nicht in die Groß-Quirlsdorfer Kirche zu bringen sei , oder doch nur ausnahmsweise , das sei seines Amtsbruders Sache . Der habe ihn mit seinem Schablonenchristentum herausgepredigt . Und das Schablonenchristentum sei nicht besser als das Pehlemannsche Angstchristentum . Aber gleichviel , sie seien in lebhaftem Gespräch die große Rüsternallee hinaufgegangen und durch den Dohnenstrich zurück , bis sie wieder vor dem Schwanenhäuschen gestanden hätten . Hier hätte Bamme nach dem Eckfenster hinaufgesehen und endlich vor sich hin gesprochen : » Sehen Sie , Seidentopf , es war doch eine merkwürdige Frau . Sie traf es immer , und auch mit diesem Rutze . Ja , da reichen keine hundertmal , daß ich ihr zugeschworen , den ganzen Rutzeschen Verstand in eine Haselnuß einpacken zu wollen , aber sie gab nicht nach und sagte nur immer wieder : Lieber Bamme , der Charakter entscheidet . Und sie hat recht gehabt . Gestern war ich bei ihm in Protzhagen . A la bonne heure . Was er da zusammengebracht und einexerziert hat , ist unsere beste Compagnie . Ein Triumph der Disziplin . Kerle , um den Teufel aus der Hölle zu jagen . « Über dieses Bammesche Zitat kam Seidentopf nicht hinaus , denn es schlug eben neun , um welche Zeit er regelmäßig in seine Wohnung zurückzukehren liebte ; außerdem gefiel ihm heute Lewins Aussehen nicht . So brach er auf , von Marie begleitet , die denselben Heimweg mit ihm hatte . Als sie den Hof passiert und auch das niedrige Vorderhaus , in dem Krist und der Gärtner wohnten , schon im Rücken hatten , sagte Seidentopf : » Wie fandest du Lewin ? Mir gefiel er nicht . Keine dreimal , daß er das Wort nahm . Und wie spitz und abgespannt er aussah . « » Er sprach wenig « , sagte Marie . » Aber das darf uns nicht wundernehmen . Es war heute zuviel für