seiner Lage , - er vergaß im Augenblick alles andere , stand wieder auf und zog den Unglücklichen zu sich ins Zimmer . » Nun « , sagte er , » Georg , was willst du von mir ? « Der Gefangene sank erschöpft auf den nächsten Stuhl . » Robert « , bat er , » willst du mein Geheimnis bewahren ? Und - und hast du mir verziehen ? Sieh , damals - « Robert unterbrach den angefangenen Satz . » Laß das gut sein , Georg « , erwiderte er . » Ich denke nicht mehr an das , was du mir getan hast , ich habe dir alles verziehen , nur nicht , daß du dein Vaterland verrätst . « Dunkle Glut schoß über das fahle Gesicht des Seilers . » Ach , du « , stammelte er in kläglichem Ton , » rechne mir das nicht so sehr hoch an . Ich verdiente mein bißchen Brot als Diener des Franzosen , mit dem ich nun in Gefangenschaft geraten bin , - ja , und da kam der Krieg , aber ich habe nie gegen Deutschland gefochten , könnte es ja auch des lahmen Fußes wegen schon gar nicht . Wie unglücklich ich bin , davon machst du dir keinen Begriff . « Roberts gutmütiges Herz hatte längst allen Groll vergessen . » Nun « , antwortete er , » das läßt sich als Entschuldigung schon hören . Warum bist du denn nicht mehr Seiler ? « Der andere seufzte schmerzlich . » Meine Gesundheit erlaubt mir keine Anstrengungen « , erwiderte er . » Ich spucke Blut , die Meister nehmen mich nicht mehr in Arbeit . « » Du armer Kerl ! - Man soll doch nie voreilig urteilen . « Und Robert schloß die Seekiste auf , nahm aus der Brieftasche eine Banknote von zehn Talern und drückte sie dem Seiler in die Hand . » Jetzt geh , Georg « , sagte er freundlich , » laß uns nicht zusammen gesehen werden . Wenn das rauhe Volk , das hier im Hause verkehrt , den Deutschen in dir entdecken sollte , so wärest du höchstwahrscheinlich vor Mißhandlungen nicht sicher . Mir allerdings darfst du vollkommen vertrauen . Gute Nacht ! « Der Seiler hatte widerstrebend das Geld angenommen . Robert sah nicht den tückischen Blick der eingesunkenen Augen , er hörte nicht , wie Georg , nachdem er scheinbar demütig gedankt und sich nach einem kurzen Lebewohl entfernt hatte , - draußen einen Fluch in sich hineinmurmelte . Daß Robert nur noch der verzeihende , großmütige Mensch war , aber keineswegs der Freund von damals , daß er Barmherzigkeit übte , aber ohne mit dem Dieb und Überläufer weiterhin zusammenkommen zu wollen , - alles das sah er ganz deutlich , und aus seinem häßlichen Gesicht sprach boshafter Haß . » Pinsel « , murmelte er in den Bart , » alberner Narr , der doch alles , was er geworden ist , mir verdankt . Hat Geld in der Brieftasche , viel Geld sogar , - pah , darauf pocht er und glaubt mich beschimpfen zu dürfen , aber er wird schon sehen , wie weit ihn sein Weg führt - « Er nickte mehrere Male vor sich hin , als wolle er sich einen gefaßten Entschluß recht fest einprägen , und dann verschwand er hinter der Tür seiner Kammer , die nur angelehnt blieb . Unten im Gastzimmer schwieg allmählich der Lärm , die Türen wurden verriegelt , das Licht ausgedreht , und alles versank in tiefste Stille . Jedermann schien zu schlafen , selbst auf den Straßen war nur noch der Nachtwächter zu hören . Ins Fenster hinein schien der Mond durch die Spalten herabgelassener Vorhänge , hüpfend tanzten die Schatten durch das Zimmer , und geisterhaft lautlos drehte sich die Tür in ihren Angeln , ganz langsam , leise und heimlich wie eine Schlange - - Eine Gestalt huscht herein , auf leisen Sohlen schleichend , unhörbar , - sie kauert neben Roberts Kiste , - ein Knirschen , kaum wahrnehmbar , ertönt , es rauscht wie welke Blätter im Wind - - Und ebenso lautlos fällt die Zimmertür ins Schloß zurück . Am nächsten Morgen steckte Robert nur die Brieftasche zu sich , machte aus einigen unentbehrlichen Wäschestücken ein Bündel , ließ die Kiste in der Obhut des Wirtes zurück und fuhr mit dem Frühzug nach Pinneberg . Er hatte sich einen Platz am Fenster gesucht und sah nun hinaus in die Landschaft . Allmählich tauchte immer mehr Bekanntes , Altgewohntes aus der Eintönigkeit der Torfmoore und Heideflächen auf . Zuerst Eidelstedt , dann der kleine bescheidene Turm von Rellingen , wo er konfirmiert worden war , wo er vom Chor herab mit Gottlieb und den anderen Schuljungen so oft gesungen hatte , wo er das Abendmahl erhalten und als der Beste aus der Prüfung hervorgegangen war . Das Bild des Sonntagsgottesdienstes im stillen Dorf sah er unbewußt vor sich . Er sah die Decke der Kirche mit Engelchören und Blumengewinden , sah . die andächtige Gemeinde und die Sonnenstrahlen , wie sie spielend über das Altarbild glitten . Er hörte die Stimme des Pastors , den Chor und die rauschenden Orgelklänge - - Dann tauchten die Dächer von Pinneberg auf , die Räder drehten sich langsamer , und der Zug hielt . Roberts Herz schien still zu stehen . Als sei er hier gestern zuletzt gewesen , so unverändert war die ganze Umgebung , so altgewohnt die Menschen und Dinge ringsumher . Konnten wirklich drei lange Jahre vergangen sein , seit er heimlich nachts von hier fortging , einem ungewissen Schicksal entgegen ? Eine Hand legte sich auf seine Schulter . » Mein Gott , das ist ja Robert , der durchgebrannte Robert ! « Robert fuhr herum und sah in ein wohlbekanntes Gesicht . Der junge Mann in der Uniform der Bahnbeamten , einige Jahre älter als er selbst , war ein alter Schulkamerad und im Augenblick natürlich voller Neugier , Näheres über die Abenteuer des Ausreißers zu hören , aber Robert schüttelte den Kopf . » Später , Emil , später « , preßte er hervor . » Ich bleibe einige Tage hier und werde auch dich besuchen . Jetzt sag mir nur - « Er konnte nicht weiter sprechen , aber der andere half gutmütig ein . » Ob deine Eltern leben , meinst du ? Darüber beruhige dich , sie sind gesund und wohlauf . « Robert drückte herzlich die Hand seines Schulfreundes . » Ich danke dir , Emil . Und frage jetzt nicht weiter . Ich kann nicht ruhig überlegen , bevor ich nicht mit meinem Vater gesprochen habe . « Emil zuckte leicht die Achseln . » Soll ich zuerst hingehen , du ? « fragte er freundlich . » Soll ich die erste Bresche schlagen ? « Robert nahm sich zusammen . » Auf Wiedersehen , Emil , - vielen Dank , aber ich muß das selbst tun . Wir sehen uns bald ! « Er wandte sich ab und ging quer durch das Gehölz , um nicht so häufig erkannt zu werden . Je eher sich die Sache entschieden hatte , desto besser . Jetzt tauchten die Umrisse des Elternhauses vor seinen Blicken auf , jetzt sah er die weiße Wäsche auf der Leine und das Traubengeländer an der Giebelwand . Vor der Haustür im Sonnenschein lag ein grauhaariger , alter Hund - Pikas ! - Er hatte es unwillkürlich laut ausgesprochen , das letzte Wort , und schon stürzte das Tier mit allen Anzeichen von Hundeliebe und Hundefreude auf ihn zu , versuchte an ihm emporzuspringen , leckte seine Hände und warf sich dann wieder winselnd und bellend ihm zu Füßen . » Pikas ! « sagte er halblaut , » Pikas ! « Von der Tür her tönte ein halberstickter Schrei . Da stand mit ausgebreiteten Armen , weinend und lachend seine gute Mutter , und alles vergessend , stürzte sich Robert an die Brust der schluchzenden alten Frau . » Mutter « , stammelte er nur , » meine liebe , liebe Mutter ! « Minuten vergingen , ehe beide ihre Sprache wiederfanden , dann sah die alte Frau ängstlich zur Tür des Wohnzimmers , » Robert « , flehte sie , » Robert , mein lieber Junge , sei vernünftig ! Tu einen Fußfall , damit er dir vergibt . « Robert runzelte die Stirn , seine Lippen preßten sich aufeinander . » Mutter « , sagte er mit einem tiefen Atemzug , » das verstehst du nicht . Aber laß mich mit dem Vater sprechen - je eher , desto lieber . Auch von dir muß ich noch erfahren , was du mir nach Lenchi nicht geschrieben hast . Was war das , Mutter ? Ich habe die Anspielungen auf etwas , was du mit deinem Erbteil ausgleichen wolltest , wirklich niemals verstehen können . « Die arbeitsharte Hand der alten Frau hob sich mahnend empor . » Robert « , sagte sie mit leisem , bittendem Ton , » Robert , sei nicht so verstockt . Wenn du gegen den Vater in diesem Ton auftreten willst , dann geht die Sache niemals gut . « » Ach Gott « , fügte sie erschreckend hinzu , » ach Gott , da kommt er selbst . « Die Tür des Wohnzimmers öffnete sich , und auf der Schwelle erschien Meister Kroll , den das laute Gebell des Hundes und das Gespräch auf dem Flur neugierig gemacht hatten . Bei dem unerwarteten Anblick seines Sohnes , den er offenbar sofort erkannte , wurde der alte Mann blaß wie ein Toter . Taumelnd , mit bebenden Lippen , lehnte er sich gegen den Türpfosten . - Kein Wort des Willkommens begrüßte den heimgekehrten Sohn . Die Mutter wandte sich flehend mit gefalteten Händen von einem zum andern . » Vater « , sagte sie schluchzend , » Robert , - ach Gott , gebt euch doch ein gutes Wort ! « Robert streckte die Rechte dem alten Mann entgegen . » Willst du mich in deinem Hause nicht als dein Kind willkommen heißen , Vater ? « kam es kaum verständlich von seinen Lippen . » Willst du mir nicht den unüberlegten Jungenstreich verzeihen ? « Aber der Alte ließ die Hand seines Sohnes unbeachtet . Er schüttelte grollend den . Kopf . » Ist das die Sprache eines reumütigen Herzens ? « fragte er . » Darf ein Verbrechen vergeben werden , ohne - « Robert unterbrach ihn mit lauter Stimme . Auch er war blaß geworden , die Augen flammten , der Atem keuchte und die Hände waren geballt . Die ganze wilde Leidenschaftlichkeit seiner Natur trat zutage . » Was sagst du ? « zischte er , während sich die geängstigte alte Frau laut weinend zwischen den Mann und den Sohn warf , » was sagst du ? - Auch mein Vater darf mich nicht ungestraft beschimpfen ! « Der Alte lachte spöttisch . » Hättest am anderen Ende der Welt bleiben sollen « , erwiderte er , » hättest vor dem Hause deines Vaters , der sich immer noch berechtigt hält , dir mit der Elle Gehorsam beizubringen , mindestens soviel Achtung bewahren können , daß du es mit deiner Gegenwart verschontest . Jetzt geh , - die Krolls haben es niemals mit Dieben gehalten ! « Es war , als hätten die Worte des alten Mannes die ganze Angelegenheit plötzlich beendet , als sei jede weitere Frage abgeschnitten und alle Heftigkeit zu Eis erstarrt . Beide totenbleich , unnatürlich ruhig , sahen Vater und Sohn einander ins Auge . Nur die Mutter hatte das Gesicht mit der Schürze bedeckt und betete laut , daß Gott Barmherzigkeit üben möge . » Du und ich « , begann nach längerer Pause der Sohn , » du und ich sind seit dieser Stunde für immer geschieden , Vater , vorher aber will ich dir mit allen Zinsen das Geld zurückzahlen , das ich damals , um mich auszurüsten , aus deiner Kasse nahm . Etwa sechzig Taler waren es , für die du jetzt hundert von mir zurückerhältst . Damit bist du hoffentlich bezahlt , sollte das jedoch nicht der Fall sein , so stelle ich dir für den Rest einen Wechsel aus . « » Vater im Himmel « , schluchzte die alte Frau , » vergelte ihm die Sünde nicht ! « Robert legte die Hand auf ihren gesenkten Scheitel . » Still , Mutter « , sagte er ruhig und kalt , » still - auch dein Sohn ist ein Mann . « Er wollte die Brieftasche hervorziehen , aber der Alte hielt ihn zurück . » Einen Augenblick « , sagte er gebieterisch . » Laß die Komödie mit den sechzig Talern , du machst dich dadurch nur noch verächtlicher . Aber sag , wo du vor drei Jahren die Schmucksachen deiner Mutter verkauft hast , damit ich versuche , ob möglicherweise das eine oder andere zurückerworben werden kann . « Robert stand sprachlos . » Die Schmucksachen meiner Mutter ? « wiederholte er . » Ja . Die du zugleich mit den tausend Mark , - nein , nur neunhundertdreiundsechzig - die der Geldkasten enthielt , gestohlen hast . « Robert sah von seiner Mutter zu dem Alten und wieder zurück . » Ich ? « fragte er , » ich ? Wer behauptet solchen Wahnsinn ? « Die alte Frau faltete in ausbrechender Freude ihre Hände . » Vater , Vater « , rief sie jubelnd , » siehst du denn noch nicht , daß er unschuldig ist ? « Meister Kroll schien sie nicht zu hören . » Sag mir , wo du die Gegenstände verkauft hast « , wiederholte er . » Ich weiß von alledem nichts , ich habe keinen Wertgegenstand , ich habe nicht mehr als sechzig Taler genommen , und die will ich zurückgeben . « Robert sagte es mit dem festen Ton der Wahrheit , aber doch durchblitzte ihn im gleichen Augenblick ein Verdacht , der zu nahe lag , als daß er ihn hätte übersehen können . Hohe Röte stieg ihm ins Gesicht , er sah nicht auf , er schien in der Tasche die Mappe nicht zu finden . Sollte Georg den Diebstahl begangen haben ? Sollte der Dieb doch durch seine Schuld in das Haus gekommen sein ? » Sieh , Mutter , sieh , wie er zittert und rot wird « , sagte der Alte schmerzvoll . » Ist das die Sprache der Unschuld , arme Frau ? « Robert wollte nicht mehr antworten , sondern erst den ehemaligen Seiler zur Rechenschaft ziehen , bevor er über diese Angelegenheit auch nur ein einziges Wort weiter sprach . » Es ist gut , Vater « , sagte er kalt , » bleibe vorerst bei deiner Meinung . Ich fahre noch heute nach Hamburg zurück und wohne dort , wo meine Kiste steht , Vorsetzen Nr. 1000 , im Richtigen Ankergrund . Betrachte mich , wenn ich dein Haus nicht wieder betreten kann , um mich zu rechtfertigen , als tot , denn dann sehen wir uns im Leben nie wieder . Einstweilen aber ist hier dein Geld . « - Er hatte bei diesen Worten die Brieftasche hervorgezogen und auseinandergeschlagen . Als er aber die Banknoten herausnehmen wollte , sah er , daß sie vollständig leer war . Ein Schrei kam von seinen Lippen . » Mein Geld ! « rief er , » mein Geld ! - O mein Gott , ich muß bestohlen worden sein . « Meister Kroll sah ihn halb traurig , halb verächtlich an . » Laß die Possen « , sagte er kalt , » laß die Possen und bitte ehrlich und aufrichtig um Verzeihung , - dann soll dir vergeben sein . « Auch die Mutter rang die Hände . » Robert , Robert , um Gottes willen , gib ein gutes Wort . Sag die Wahrheit , mein armes Kind , mehr verlangt ja der Vater nicht ! « Robert hörte nicht darauf . » Vater « , rief er , » du glaubst mir also nicht ? Denkst du vielleicht auch , daß meine Behauptung , das Geld gehabt zu haben , eine Lüge war ? « Der Alte nickte . » Lüge , wie alles , was du sagst . Wer stiehlt und seinen Eltern den Gehorsam verweigert , weshalb sollte der nicht lügen ? « Robert wandte sich zum Gehen . » Es ist gut , Vater « , sagte er . » Es ist alles zu Ende . Ich werde mich von Hamburg aus freiwillig zum Kriegsdienst melden und wünsche , daß mich die erste Kugel treffen möchte , damit mir mein Vater verzeihen kann , was ich niemals getan habe . Sollte jedoch noch einmal die Stunde kommen , welche die ganze Sache in ihrem wahren Licht zeigt , so nimm heute schon meine Vergebung . Leb wohl ! « Er küßte seine schluchzende Mutter , steckte die Brieftasche wieder zu sich und ging mit festen Schritten aus der Tür . Nur der Hund wollte ihn begleiten , aber er mußte ihm wie damals mit strengem Ton befehlen , ihn allein ziehen zu lassen . Die helle Herbstsonne schien auf die stillen Dächer , einige Sperlinge hüpften über die Straße , und Kinder spielten vor den Häusern . Robert stand draußen , die Tür seines Elternhauses hatte sich für ihn auf immer geschlossen , der Gedanke einer Aussöhnung mit dem Vater war dahin und eine entsetzliche Öde bemächtigte sich seines Herzens . Dies Gefühl hatte auch der Jaguar gekannt , als er hungernd und krank in die Wälder zurückfloh , so war Mohr durch sein langes Leben gegangen , ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft . Es lief ihm eiskalt über den Rücken herab . Zum erstenmal fühlte er sich vollkommen gebrochen . Ohne alle Mittel , verfolgt von dem Zorn seines Vaters , ungerecht beschuldigt und ohne einen Freund - wozu sollte er noch leben ? Er sah Mongos schwarzes Gesicht vor sich . - Ach , hätte er ihn in seiner Nähe gehabt , ihm hätte er alles anvertrauen können . Langsam ging er weiter . Überall saubere Gärten und helle Fenster . Er sah die beladenen Erntewagen , das schwarzbunte Vieh und die großen Gehöfte , sah Menschen bei der Arbeit und fühlte sich von allem so ausgestoßen . Er wollte fort von hier , wo es Menschen gab , die ihn kannten . Niemand sollte erfahren , daß er das Haus seines Vaters nicht mehr betreten durfte . Fast laufend durcheilte er den kleinen Ort und folgte unwillkürlich der Straße nach Hamburg . Er besaß nicht einen Groschen , also blieb ihm nur übrig , den Weg zu Fuß zurückzulegen und vor allen Dingen erst einmal mit dem Seiler Abrechnung zu halten . Dann mußte vor allem die Seekiste verkauft werden , um nur das Allernotwendigste zum Leben zu haben , und darauf wollte er sich bei dem nächsten besten Reservebataillon einstellen lassen . Er fühlte sich zerschlagen an Leib und Seele , selbst seine Vaterlandsliebe schien wie ausgestorben . Die Sonne brannte unbarmherzig herab , der Durst quälte ihn , und die Füße versagten schon jetzt bei Beginn der Wanderung den Dienst . Und weiter ging er , immer weiter , am Himmel zog ein schweres Gewitter herauf und die Tropfen fielen erst langsam , dann schneller herab auf seine heiße Stirn . Er bemerkte es kaum , er sah nicht die schwarzen Regenwolken und spürte nicht die Feuchtigkeit , die ihm durch die Kleider drang . Ganze Schauer stürzten herab , und Robert troff vor Nässe . Als ihm mitleidige Menschen in Rellingen ein Obdach anboten , da schüttelte er nur stumm den Kopf und ging weiter . Und einmal hörte er hinter sich die Stimme einer Bäuerin . » Mein Gott , ist das nicht Robert Kroll , den ich schon gekannt habe , als er noch nicht über den Tisch sehen konnte ? - Lauft ihm doch nach , der arme Junge muß ja krank sein , er sah ganz verstört aus . « Aber Robert lief , als habe er ein Verbrechen begangen . Der Regen durchnäßte ihn bis auf die Haut , und seine Zunge klebte am Gaumen . Er setzte sich auf einen Stein am Wege und stützte den Kopf in die hohle Hand . Seine Glieder schmerzten ihn . Unwillkürlich dachte er an den Tag in Lenchi , als er mit den beiden Gefährten so dasaß auf dem gestürzten Baumstamm , auch von Kopf bis zu den Füßen durchnäßt , auch ohne jegliche Aussicht , aber doch war ihm damals so ganz , ganz anders zu Mute gewesen als heute . Noch nie hatte ihn ein äußeres Unglück beugen können . Heute aber spürte er zum ersten Mal die innere Qual der Reue , und ihr konnte er sich nicht widersetzen . Wie er gemessen hatte , so war ihm gemessen worden , wie er die schönsten Hoffnungen seiner Eltern zerstört und ihr Eigentum ohne Erlaubnis an sich genommen hatte , so mußte er , es jetzt selbst erfahren . Aber diesmal erwachte nicht sein Trotz , diesmal ballte er nicht die Faust , wie er es sonst wohl getan haben würde , sondern er senkte den Kopf noch tiefer herab und gab sich immer mehr seinen trostlosen , bitteren Gefühlen hin . Zum erstenmal erkannte er die Gerechtigkeit des Schicksals , er sah sein Unrecht ein , und es schmerzte ihn tief . Viertelstunde auf Viertelstunde verging , da tönte Hufschlag auf der durchnäßten Landstraße . Robert fuhr erschrocken auf , er horchte und spähte durch das Gebüsch . Wenn zufällig ein Gendarm oder Polizist des Weges kam , so mußte er gerade jetzt im Kriege darauf gefaßt sein , nach seinem Paß gefragt und , da er gänzlich ohne Papiere war , zur nächsten Polizeistation geführt zu werden . Einige schnelle Schritte , ein rascher Sprung , und er stand hinter einem Baum . Seine Geschichte anderen erzählen , das konnte er nicht , also blieb ihm nichts übrig , als nur das Versteck unter den tropfenden Zweigen ? Als der Gendarm vorüber war , ging Robert auf der Straße weiter , immer weiter , bis er die ersten Häuser von Altona erreicht hatte . Es dämmerte jetzt bereits , seine Stirn brannte , und er spürte , daß er den ganzen Tag nichts gegessen hatte . Nur wie im Traum setzte er seinen Marsch durch die Stadt fort . » Wenigstens heute kann ich mich ruhig schlafen legen « , dachte er , » die Kiste sichert ja dem Wirt das Geld , das ich ihm für ein Abendbrot und für die Schlafstelle schuldig bin . Ich könnte jetzt nicht mehr zu einem Trödler laufen und um einige Groschen feilschen . Auch Georg kommt morgen erst an die Reihe - er ist ja ein Gefangener und kann mir nicht entkommen . « Nachdem er sich verschiedene Male in der Straße geirrt hatte , erreichte er endlich das Hafentor . Jetzt war er seinem Ziel nahe , hatte die Aussicht , bald ins Bett zu kommen und vorher etwas zu essen , daher wurde er unwillkürlich etwas ruhiger . Von weitem erkannte er die Buchstaben des Schildes . Der » Richtige Ankergrund « war noch offen , obwohl es schon nach zehn Uhr war und draußen im strömenden Regen kaum noch ein Mensch zu sehen war . Gerade an der Biegung der Straße , in der Nähe des Gasthauses , öffnete sich der Blick auf das Wasser . Im Dämmergrau des Abends und der nassen Luft ragte der Mastenwald unheimlich bis zu den Wolken empor , das Takelwerk knarrte und knisterte im Wind . Mehrere Matrosen , Arm in Arm , offenbar etwas angeheitert , lavierten singend über die ganze Breite der Straße . » Lieb Vaterland magst ruhig sein , - Fest steht und treu die Wacht am Rhein . « Es griff wie Krallen in Roberts Herz . Alles war für ihn verloren . Wenn er diese Schiffe sah , diese Matrosen , wenn er ihr fröhliches Singen hörte , dann glaubte er nicht länger leben zu können , ohne wahnsinnig zu werden . An die Mauer gelehnt , umtobt von den Schauern des Regens und dem Sausen des Sturms , blickte er über den Hafen . Wo war all sein Stolz geblieben ? Jetzt wußte er es . Was ihn in aller Not gehalten und ihn so mutig und zuversichtlich gemacht hatte , das war immer die Überzeugung gewesen , mit einem einzigen guten Wort sein Vergehen wieder gutmachen und seine Eltern versöhnen zu können . Heute dagegen hatte er Vater und Mutter für immer verloren , heute war er aus dem Elternhause fortgewiesen worden , ein heimatloser Bettler . Der ganze Schmerz des Alleinseins ergriff sein junges Herz . Den Kopf in die Hand gelegt , bemühte er sich , die Tränen zurückzuhalten , die der Schmerz und die getäuschte Hoffnung von drei langen Jahren unwiderstehlich heraufgelockt hatten . Ein Schatten kreuzte die Straße . Aus dem Dunkel des nächsten Torweges trat eine Gestalt im langen , altmodischen Gehrock , den derben Stock in der Hand , das graue Haar vom Regen an die Schläfen gepreßt , das bleiche Gesicht voll Gram und Angst . Langsam näherte sich der Alte dem weinenden jungen Menschen , - und kaum vernehmbar klang es durch das Brausen des Windes : » Robert ! - « Er taumelte auf , er glaubte , daß sich die Erde drehe , daß er träumen müsse oder daß ihn ein Spuk auf offener Straße quäle . Beide Arme vorgestreckt , starrte er in das Gesicht des vor ihm Stehenden . Kein Laut kam über seine Lippen . Da fragte der Alte noch einmal . » Robert , willst du mir nicht antworten ? « Das klang so ernst , so traurig , das rührte das verzweifelte Herz des Sohnes , daß es bebte unter diesem Eindruck . » Vater ! « flüsterte er gequält , » Vater - du hast mich einen Dieb genannt ! « Der Alte zog ihn an der Hand zur nächsten Gaslaterne . » Robert « , sagte er , » schau mich an und sag mir die Wahrheit . Hast du die Schmucksachen deiner Mutter - von dem Geld will ich nicht einmal reden - wirklich nicht genommen ? « Robert war kreidebleich , seine Lippen zuckten krampfhaft . Fast unfähig zu sprechen , hob er die Rechte zum Himmel . » Bei dem Gott , an den wir beide glauben « , stammelte er kaum hörbar , » ich habe es nicht getan und nichts davon gewußt . « Der Alte sah ihn an , lange , unbeweglich und , wie es schien , erlöst von schwerem Druck . » Das kann mein Sohn nicht lügen « , antwortete er endlich . » Robert - willst du jetzt deine Bitte von heute morgen noch einmal wiederholen ? Willst du - « Robert ließ ihn nicht ausreden . Mit beiden Armen seinen Hals umschlingend , warf er sich schluchzend an die Brust des alten Mannes . » Vater « , quoll es von seinen Lippen , » lieber Vater , vergib mir , ich bitte dich tausend - tausendmal . « Auch die Stimme des eigensinnigen , alten Meisters war seltsam weich geworden . » Es ist gut « , erwiderte er , » alles gut . Komm nur rasch , daß wir die Mutter beruhigen , sie war ja fast außer sich heute morgen und nannte mich einen Rabenvater , der sein Kind in den Tod treiben wolle . Komm , wir müssen uns beeilen , damit wir eine Droschke bekommen . « Robert atmete wie neu belebt . » Vater « , sagte er , » das geht nicht , ich muß vorher mit Georg sprechen , muß ihn fragen - « Der Alte schüttelte den Kopf . » Ich kann dir alles das genau erzählen , Robert , er aber könnte es nicht mehr . - Laß uns laufen , mein Junge . « Robert gehorchte , und als wenige Schritte weiter beim Hafentor eine Droschke gefunden war , gingen die beiden erst in ein Wirtshaus , um sich zu stärken . Als das Fuhrwerk mit ihnen durch Altona denselben Weg wieder zurückrollte , den Robert unter so ganz anderen Umständen eben erst gekommen war , da erzählte Meister Kroll seinem atemlos lauschenden Sohn , daß am heutigen Morgen der ehemalige Seiler einen Fluchtversuch gemacht habe , indem er versuchte , ein im Hafen liegendes französisches Handelsschiff zu erreichen , und daß er dabei gefaßt und tödlich verwundet worden sei . » Der Bursche verlangte sterbend nach dir , mein Sohn « , schloß der Alte seinen Bericht , » er wollte durchaus , daß du ihm verzeihst , ehe er diese Welt verlassen müsse , und ist endlich ohne Frieden und Versöhnung hinübergegangen . Gott sei seiner armen Seele gnädig . « Robert war von dieser Nachricht tief erschüttert , es fiel ihm schwer , sich in die so plötzlich veränderten Verhältnisse hineinzufinden . Dann aber fragte er den Vater , woher er diese Einzelheiten habe , und Meister Kroll nannte ihm den Wirt zum » Richtigen Ankergrund « als seinen Gewährsmann . » Es ist auch der Polizei ein Päckchen zugestellt worden « , sagte er , » das der Sterbende für dich bestimmte und dem Aufzeichnungen beiliegen , die er kurz vor seinem Tode noch diktierte . Jetzt aber , mein Junge , - laß uns von dir sprechen « , schloß er , » und was du für deine Zukunft geplant hast . Ich will den Seemann in dir anerkennen , da du doch zum Schneider ganz und gar verdorben zu sein