Krone teilst . Auf gute Freundschaft , Königin der Goten ! « Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte . Nicht länger hielt sich Mataswintha : rasch ergriff sie seine Hand und sank zugleich zu seinen Füßen nieder , daß Witichis überrascht zurücktrat . » Nein , weiche nicht zurück , du Herrlicher ! « rief sie . » Es ist doch kein Entrinnen vor dir ! Nimm alles hin und wisse alles . Du sprichst von Zwang und Furcht und Unrecht , das du mir getan . O Witichis , wohl hat man mich gelehrt , - das Weib soll immer klug verbergen , was es fühlt , soll sich bitten lassen , und erweichen und nur genötigt geben , was es aus Liebe gibt , auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt . Sie soll niemals ... - Hinweg mit diesen niedrigen Plänen armer Klugheit ! Laß mich töricht sein ! Nicht töricht ! Offen und groß , wie deine Seele ! Nur Größe kann dich verdienen , nur das Ungewöhnliche . Du sprichst von Zwang und Furcht ? Witichis , du irrst ! - Es brauchte keines Zwangs ! - gern ... « - Staunend hatte sie Witichis eine Zeitlang angesehen . Jetzt endlich glaubte er , sie zu verstehen . » Das ist schön und groß , Mataswintha , daß du feurig fühlest für dein Volk , die eigene Freiheit ohne Zwang ihm opfernd . Glaub ' mir , ich ehre das hoch , und schlage das Opfer darum nicht niedriger an . Tat ich doch desgleichen ! Nur um des Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich dich lieben . « Da erstarrte Mataswintha . Sie ward bleich wie eine Marmorstatue : die Arme fielen ihr schlaff herab : sie starrte ihn mit großen , offnen Augen an . » Du liebst mich nicht ? du kannst mich nicht lieben ? Und die Sterne logen doch ? Und es ist doch kein Gott ? Sag ' , bin ich denn nicht Mataswintha , die du das schönste Weib der Erde genannt ? « Aber der König beschloß , dieser Aufregung , die er nicht verstand und nicht erraten wollte , rasch ein Ende zu machen . » Ja , du bist Mataswintha , und teilst meine Krone , nicht mein Herz . Du bist nur die Gemahlin des Königs , aber nicht das Weib des armen Witichis . Denn wisse , mein Herz , mein Leben ist auf ewig einer andern gegeben . Es lebt ein Herz , ein Weib , das sie von mir gerissen : und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt . Rauthgundis , mein Weib , mein treues Weib im Leben und im Tod ! « » Ha ! « rief Mataswintha , wie von Fieber geschüttelt und beide Arme erhebend , » und du hast es gewagt ... - « Die Stimme versagte ihr . Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den König . » Du wagst es ! « rief sie nochmals - » Hinweg , hinweg von mir ! « » Still , « sprach Witichis , » willst du die Lauscher draußen herbeirufen ? Fasse dich , ich verstehe dich nicht . « Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der Scheide , trat damit an das Doppelpfühl und legte es auf den Rand der beiden Lager , wo sie eng aneinanderstießen . » Sieh hier dies Schwert ! Es sei die ewige , scharfe , eherne , kalte Grenze zwischen uns ! Zwischen deinem Wesen und dem meinen . Beruhige dich doch nur . Es soll uns ewig scheiden . Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide , - ich bleibe links . So teile , wie ein Schwertschnitt , diese Nacht für immer unser Leben ! « Aber in Mataswinthens Busen wogten die mächtigsten Gefühle , furchtbar ringend , drohend : Scham und Zorn , Liebe und glühender Haß . Die Stimme versagte ihr . » Nur fort , fort aus seiner Nähe , « konnte sie noch denken . Sie eilte gegen die Tür . Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm . » Du mußt bleiben . « Da zuckte sie zusammen : das Blut schoß in ihr auf , bewußtlos sank sie nieder . Ruhig sah Witichis auf sie herab . » Armes Kind , « sprach er , » der schwüle Duft in diesem Gelaß hat sie ganz verwirrt ! Sie wußte nicht , was sie sinnlos sprach ! Was ist deine kleine , mädchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens Herzzerreißung und die meine . « Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl zur Rechten des Schwertes . Er selbst setzte sich nun , in seinen Waffen klirrend , auf den Bodenteppich zur Linken und lehnte den Rücken an das Lager . Lang saß er so , das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes Haargeflecht gedrückt , das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug . Es kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen . - Mit dem ersten Hahnenschrei verließ die Brautwache ihren Posten , von Flötenbläsern abgeholt . Gleich darauf schritt der König aus dem Gemach , in voller Rüstung . Die Flöten hatten auch Mataswintha geweckt . Aspa , die sich leise heranschlich , hörte plötzlich einen dumpfen Schlag . Sie eilte in das Gemach . Da stand die Königin , auf des Königs langes Schwert gestützt , und starrte vor sich zur Erde . Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füßen . Drittes Kapitel . Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten die Kirche und das Kloster , die am Fuß des Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium , südlich von Petra und Eugubium , hoch auf dem Felsenhang oberhalb des kleinen Fleckens Taginä , Valerius gebaut , seine Tochter vom Dienst des Jenseits einzulösen . Das Kloster , aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgeführt , umfriedete mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grünem Laubwerk . An den vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmückt . All ' dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst : es waren sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift , zumal aus der Offenbarung Johannis , dem Lieblingsbuch jener Zeit . Feierliche Stille waltete rings . Das Leben schien weithin ausgeschlossen von diesen hohen und starken Mauern . Zypressen und Thuien herrschten vor in den Baumgruppen des Gartens , in dem nie eines Vogels Gesang vernommen ward . Die strenge Klosterordnung duldete die Vöglein nicht : der Nachtigall süßes Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stören . Cassiodor war es , der , schon als Minister Theoderichs einer streng kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll , seinem Freunde Valerius den ganzen Plan der äußeren und inneren Einrichtung seiner Stiftung entworfen - ähnlich der Regel des Männerklosters , das er selbst zu Squillacium in Unteritalien gegründet - und dessen Ausführung überwacht hatte . Und sein frommer , aber strenger , der Welt und dem Fleisch feindlich abgewendeter Geist drückte sich denn im größten wie im kleinsten dieser Schöpfung aus . Die zwanzig Jungfrauen und Witwen , welche hier als Religiosä lebten , verbrachten in Beten und Psalmensingen , in Buße und Kasteiung ihre Tage . Doch auch in werktätiger christlicher Liebe , indem sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten aufsuchten und ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten . Es machte einen feierlichen , poesievollen , aber sehr ernsten Eindruck , wenn durch die dunkeln Zypressengänge hin eine dieser frommen Beterinnen wandelte , in dem faltenreichen , dunkelgrauen Schleppgewand , auf dem Haupt die weiße enganschließende Kalantika , eine Tracht , die das Christentum von den ägyptischen Isispriestern überkommen . Vor den oft in Kreuzesform geschnittenen Buchsgebüschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf der Brust . Immer gingen sie allein und stumm , wie Schatten glitten sie bei jeder Begegnung aneinander vorüber . Denn das Gespräch war auf das Unerläßliche beschränkt . In der Mitte des Gartens floß ein Quell aus dunklem Gestein , von Zypressen überragt . Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen . Es war ein stilles , schönes Plätzchen : wilde Rosen bildeten dort eine Art Laube und verbargen beinahe völlig ein finsteres , rohes Steinrelief , das die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte . An diesem Quell saß , eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen , eine schöne , jungfräuliche Gestalt in schneeweißem Gewand , das eine goldne Spange über der linken Schulter zusammenhielt , das dunkelbraune Haar , in weichen Wellen zurückgelegt , umflocht eine fein geschlungene Efeuranke : - - Valeria war ' s , die Römerin . Hier , in diesen entlegenen , festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden , seit die Säulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestürzt . Sie war bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Räumen . Aber ihr Auge leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schönheit . Sie las mit großem Eifer ; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureißen , die feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkürlich , und zuletzt ward die Stimme der Lesenden leise vernehmlich : - - » Und er vermählte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor . - Die kam jetzt ihm entgegen , die Dienerin folgte zugleich ihr , Tragend am Busen das zarte , noch ganz unmündige Knäblein , Hektors einzigen Sohn , holdleuchtendem Sterne vergleichbar . Schweigend betrachtete Hektor mit lächelndem Blicke den Knaben . Aber Andromache trat mit tränenden Augen ihm näher , Drückt ' ihm zärtlich die Hand und begann die geflügelten Worte : Böser , dich wird noch verderben dein Mut ! Und des lallenden Knäbleins Jammert dich nicht , noch meiner , die bald ach ! Witwe von Hektor Sein wird . Bald ja werden die grimmigen Feinde dich töten , Alle mit Macht einstürmend auf dich . Dann wär ' mir das beste , Daß mich die Erde bedeckt , wenn du stirbst : bleibt doch mir in Zukunft Nie ein anderer Trost , wenn dich wegraffte das Schicksal : Nein , nur Trauer : lang ist mein Vater dahin und die Mutter : Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... - « Sie las nicht weiter : die großen runden Augen wurden feucht , ihre Stimme versagte ; sie neigte das blasse Haupt . » Valeria , « sprach eine milde Stimme , und Cassiodor beugte sich über ihre Schulter . » Tränen über dem Buch des Trostes ? Aber was sehe ich : die Ilias ! Kind ! ich gab dir doch die Evangelien . « » Verzeih mir , Cassiodor . Es hängt mein Herz noch andern Göttern an als deinen . Du glaubst nicht : je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten ernster Entsagung auf mich eindringen , seit ich bei dir und in diesen Mauern weile , desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an die letzten Fäden , die mich mit einer andern Welt verbinden . Und zwischen Grauen und Liebe ratlos schwankt der Sinn . « » Valeria , du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden . Wohlan , so zieh ' hinaus . Du bist ja frei und Herrin deines Willens . Kehre zurück zu jener bunten Welt , wenn du glaubst , dort dein Glück zu finden . « Sie aber schüttelte das schöne Haupt . » Es geht nicht mehr . Feindlich ringen in meiner Seele zwei Gewalten . Welche auch siege - ich verliere immer . « » Kind , sprich nicht so ! du kannst die beiden Mächte , Erdenlust und Himmelsseligkeit , nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen . « » Weh ' denen , « fuhr sie , wie mit sich selbst sprechend , fort , » welchen das Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt , der bald zu den Sternen nach oben , bald nieder zu den Blumen zieht . Sie werden keines der beiden froh . « » In dir , mein Kind , « sprach Cassiodor , sich zu ihr setzend , » walten freilich unversöhnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter Sinn . Dein Vater , ein Römer der alten Art , ein Kind der stolzen , rauhen Welt , kühn , sicher , selbstvertrauend , nach Gewinn und Macht strebend , wenig , allzuwenig , fürcht ' ich , ergriffen von dem Geist unsres Glaubens , der nur im Jenseits unsre Heimat sucht - in der Tat , Valerius , mein Freund , war mehr ein Heide denn ein Christ . Und daneben deine Mutter , fromm , sanft , aus einem Märtyrergeschlecht , den Himmel suchend und der Erde vergessen , auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... - « » Nein , « sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kräftig zurückwerfend , » ich fühle nur des Vaters Art in mir . Kein Tropfen Blut neigt jener Seite zu . Die Mutter war viel krank und starb schon früh . Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf ; Iphigenia und Antigone und Nausikaa , Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner Jugend . Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er abends mit mir saß und las , so waren ' s Livius und Tacitus und Vergilius , nicht das heilige Buch der Christen . So wuchs ich heran bis in mein siebzehntes Jahr , den Sinn allein auf diese Welt gerichtet . Denn auch die Tugenden , die der Vater pries und übte , sie galten nur dem Staat , dem Haus , den Freunden . Glücklich war ich in jener Zeit , ungespalten meine Seele . « » Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers . « » Ich war glücklich . Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in meine Seele . Dich fand ich hier und du entdecktest mir , was man mir bisher sorgfältig verborgen hatte , daß die Mutter in schwerer Krankheit mich schon vor meiner Geburt durch ein Gelübde dem ehelosen Leben im Kloster geweiht , wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte , und daß mein Vater , dem dieser Gedanke unerträglich , später mich vom Himmel eingelöst , indem er , freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom , statt die Tochter hinzugeben , Kirche und Kloster hier gebaut . « » So ist es , Kind , mit dem vierten Teil seines Vermögens ! Darüber kannst du dich beruhigen . Der Nachfolger des heiligen Petrus , der die Macht hat , zu binden und zu lösen , hat den Tausch , die Umwandlung des Gelübdes gebilligt . Du bist frei ! « - » Aber ich fühle mich nicht frei ! Nicht mehr seit jener Stunde ! Was auch du , was auch der Vater gesagt , tief , tief in meinem Herzen spricht eine Stimme : der Himmel nimmt nicht totes Gold statt einer lebendigen Seele . Das Schicksal läßt sich nicht abkaufen , was einmal ihm verwirkt war . Die finstre , ernste , drohende Macht jenes heiligen Glaubens , der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist , die in diesem feierlichen Raume wohnt , hat ein Recht , ein zwingend Herrschaftsrecht über meine Seele und läßt nicht davon . Ich bin ihr verfallen . Ihr gehör ' ich an , nicht wollend , widerstrebend , aber sicher doch . Der Welt der Entsagung , des Schmerzes , der Dornen : nicht jener goldnen Welt meines Homers , der Blumen und des Sonnenscheins , zu der noch immer von innen meine ganze Seele neigt . So oft ich ' s auch vergessen will , immer ziehen wieder die Wolkenschatten über meine Seele . Sie drohen im Hintergrunde aller Freuden : wie dort das finstre Martyrbild hinter den roten Rosen . « » Valeria , du hassest , scheint ' s , was du verehren solltest . « » Ich hasse es nicht . Ich fürchte es . Wohl war eine Zeit , « - und ein Strahl der Freude flog über ihre Züge » da glaubte ich den dunkeln Schatten für immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts . Als ich zuerst des jungen Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloß , als so viel Jugend , Schönheit , Liebe und Glück mich umfluteten , da wähnte ich wohl , für immer sei jener Bann gelöst . Aber es währte nicht lang . Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand , die ich zwischen ihn und mich gebaut und immer näher drangen seine Schläge . Der Krieg bricht aus , mein teurer Vater fällt und nimmt einen verhängnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab . In Schutt versinkt das Haus meiner Ahnen und ich muß flüchten aus meiner Vaterstadt . Sie fällt dem Feinde zu . Nur das Opfer eines köstlichen Lebens rettet mir den Geliebten . Die Woge des Krieges verschlägt ihn fern von mir . Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs , - find ' ich mich hier , in diesem großen Grabe , dem Ort meiner Bestimmung . Ach , du wirst sehen , der Himmel begnügt sich nicht mit dem leeren Grab . Er fordert auch die Leiche , die hinein gehört . « » Valeria ! Du solltest Kassandra heißen . « » Ja , denn Kassandra sah die Wahrheit , ihre Gesichte trafen ein ! « » Du weißt , wir erkennen einer Seele den Preis zu , die der Erde vergißt über dem Himmel . Aber Gott will erzwungne Opfer nicht . Und so sag ' ich dir , du quälst dich mit eitlem Vorwurf . Der Papst hat dich gelöst , so bist du frei . « » Die Seele löst kein Papst . Der Papst nimmt Gold , das Schicksal nicht . Du wirst erfüllt sehen , was ich dir ahnend vorhersage - nie werd ' ich glücklich , nie werd ' ich Totilas , und diese Stätte wird ... - « » Und wenn ' s so wäre ? Hängst du denn noch gar so fest an Glück und Hoffnung ? Freilich , du bist noch jung . Aber Kind , ich sage dir : je früher du dich losmachst , desto größerem Weh ' entrinnst du . Ich habe die Welt und ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und treulos erfunden . Nichts auf Erden füllt die Seele aus , die nicht von dieser Erde ist . Wer das erkennt , der sehnt sich hinweg aus dieser Welt der Unrast und der Sünde . Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine Heimat . Dahin verlangt die ganze Seele ... - « » Nein , nein , Cassiodor , « rief die Römerin , » meine ganze Seele verlangt nach Glück auf dieser schönen Erde ! Ihr gehör ' ich an ! Auf ihr fühl ' ich mich heimisch . Blauer Himmel , weißer Marmor , rote Rosen , linde , duftgefüllte Abendluft : - wie seid ihr schön ! Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen ! Wer das genießt , ist glücklich ! Weh dem , der es verloren ! Von deinem Jenseits hab ' ich kein Bild in meiner bangen Seele ! Nebel , Schatten - graues Ungewiß allein liegt jenseit des Grabes . Wie spricht Achilleus ? Tröste mich doch nicht über den Tod ! Du kannst nicht , Odysseus . Lieber ja möcht ' ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen Für den bedürftigen Mann , dem nicht viel Habe geworden , Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen . So empfind ' auch ich . Weh dem , den nicht die goldne Sonne mehr bescheint . O wie gern , wie gern wär ' ich glücklich in dieser schönen Welt , in meinem schönen Heimatland : wie fürcht ' ich das Unheil , das doch unaufhaltsam näher dringt , wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten unhörbar , doch unhemmbar wachsen . O , wer ihn aufhielte , den furchtbar nahenden Schatten meines Lebens ! « Da drang vom Eingang her ein heller , kräftig lust ' ger Schall , ein fremder Ton in diesen stillen Mauern , die nur vom leisen Choral der Jungfraun widertönten . Die Trompete blies den muntern , kriegerischen Feldruf der gotischen Reiter : belebend drang der Ton in die Seele Valerias . Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner herbei . » Herr , « rief er , » keckes Reitervolk lagert vor den Mauern . Sie lärmen und verlangen Fleisch und Wein . Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer : - da ist er schon - « » Totila ! « jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen , der in schimmernder Rüstung , vom weißen Mantel umwallt , waffenklirrend , heranschritt . » O du bringst Luft und Leben ! « - » Und neues Hoffen und die alte Liebe , « rief Totila . Und sie hielten sich umschlungen . » Wo kommst du her ? Wie lang bist du mir fern geblieben ! « - » Ich komme geradeswegs von Paris und Aurelianum , von den Höfen der Frankenkönige . O Cassiodor , wie gut sind jene daran jenseit der Berge ! Wie leicht haben sie ' s ! Da kämpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre Germanenart . Nahe ist der Rhenus und Danubius , und ungezählte Germanenstämme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft : - wir dagegen sind wie ein vorgeschobner , verlorner Posten , ein einzelner Felsblock , den rings feindliches Element benagt . Doch desto größer , « sprach er , sich aufrichtend , » ist der Ruhm , hier , mitten im Römerland , Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten . Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland , Valeria . Es ist das unsre auch geworden ! Wie frohlockte mein Herz , als mich wieder Oliven und Lorbeer begrüßten und des Himmels tiefes , tiefes Blau . Und ich fühlte klar : wenn mein edles Volk sich siegreich erhält in diesem edlen Land , dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn . « Valeria drückte dem Begeisterten die Hand . » Und was hast du ausgerichtet ? « fragte Cassiodor . » Viel ! - Alles ! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von Byzanz , die ihn schon halb gewonnen , als sein Bundesgenosse in Italien einzufallen . Die Götter - vergib mir , frommer Vater - , der Himmel war mit mir und meinen Worten . Es gelang , ihn umzustimmen . Schlimmstenfalls ruhen seine Waffen ganz . Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe . « » Wo ließest du Julius ? « » Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio . Dort ließ ich ihn unter blühenden Mandelbäumen und Oleandern . Dort wandelt er , fast nie mehr den Platon , meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt vom ewigen Völkerfrieden , vom höchsten Gut und von dem Staate Gottes ! Wohl ist es schön in jenen grünen Tälern : - doch neid ' ich ihm die Muße nicht . Das Höchste ist das Volk , das Vaterland ! Und mich verlangt ' s , für dieses Volk der Goten zu kämpfen und zu ringen . Überall , wo ich des Rückwegs kam , trieb ich die Männer zu den Waffen an . Schon drei starke Scharen traf ich auf dem Wege nach Ravenna . Ich selber führe eine vierte dem wackern König zu . Dann geht es endlich vorwärts gegen diese Griechen , und dann : Rache für Neapolis ! « Und mit blitzenden Augen hob er den Speer - er war sehr schön zu schauen . Entzückt warf sich Valeria an seine Brust . » O sieh , Cassiodor , das ist meine Welt ! meine Freude ! mein Himmel ! Mannesmut und Waffenglanz und Volkesliebe und die Seele in Lieb ' und Haß bewegt - füllt das die Menschenbrust nicht aus ? « » Jawohl : im Glück und in der Jugend ! Es ist der Schmerz , der uns zum Himmel führt . « » Mein frommer Vater , « sagte Totila , mit der Linken Valeria an sich drückend , mit der Rechten an seine Schulter rührend , » schlecht steht mir an , mit dir , dem Ältern , Weisern , Besseren zu streiten . Aber anders ist mein Herz geartet . Wenn ich je zweifeln könnte an eines gütigen Gottes Walten , so ist es , wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe . Als ich der edeln Miriam Auge brechen sah , da fragte mein verzweifelnd Herz : lebt denn kein Gott ? Im Glück , im Sonnenschein fühl ' ich den Gott und seine Gnade wird mir offenbar . Er will gewiß der Menschen Glück und Freude : - der Schmerz ist sein heiliges Geheimnis - ich vertraue : dereinst wird uns auch dies Rätsel klar . Einstweilen aber laß uns auf der Erde freudig das Unsre tun und keinen Schatten uns allzulang verdunkeln . In diesem Glauben , Valeria , laß uns scheiden . Denn ich muß fort zu König Witichis mit meinen Reitern . « » Du gehst von mir ? schon wieder ? Wann , wo werd ' ich dich wiedersehn ? « » Ich seh ' dich wieder , nimm mein Wort zum Pfand ! Ich weiß , es kommt der Tag , da ich mit vollem Recht dich aus diesen ernsten Mauern führen darf ins sonnige Leben . Laß dich indes nicht allzusehr verdüstern . Es kommt der Tag des Sieges und des Glücks : und mich erhebt ' s , daß ich zugleich das Schwert für mein Volk und meine Liebe führe . « Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an Cassiodor wiedergekommen . » Auch ich muß dich verlassen , Valeria , « sprach der . » Rusticiana , des Boëthius Witwe , ruft mich dringend an ihr Sterbebett : sie will ihr Herz erleichtern von alter Schuld . Ich gehe nach Tifernum . « » Dahin führt auch unser Weg , du ziehst mit mir , Cassiodor . Leb wohl , Valeria ! « Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn . Sie bestieg ein Türmchen der Gartenmauer und sah ihm nach . Sie sah , wie er in voller Rüstung sich in den Sattel schwang , sie sah mit freudigen Augen seine Reiter hinter ihm traben . Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht , die blaue Fahne flatterte lustig im Winde : alles war voll Leben , Kraft und Jugend . Sie sah dem Zuge nach , lang und sehnend . Aber als er fern und ferner sich hinzog , da wich der frohe Mut , den sein Erscheinen gebracht , wieder von ihr . Bange Ahnungen stiegen ihr auf und unwillkürlich sprachen sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros : » Siehest du nicht wie schön von Gestalt , wie stattlich Achilleus ? Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis , Wann auch ihm in des Kampfes Gewühl das Leben entschwindet . Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt , oder ein Wurfspeer . « Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurück . Viertes Kapitel . Inzwischen hatte König Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst und Tätigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet . Während jede Woche , ja jeden Tag vor und in der Stadt größere und kleinere Scharen von den gotischen Heeren eintrafen , die der Verrat Theodahads an die Grenzen gesendet hatte , arbeitete der König unablässig daran , das ganze große Heer , das allmählich bis auf einhundertundfünfzig Tausendschaften gebracht werden sollte , auszurüsten , zu waffnen , zu gliedern und zu üben . Denn die Regierung Theoderichs war eine äußerst friedliche gewesen : nur die Besatzungen der Grenzprovinzen , kleine Truppenmassen , hatten mit Gepiden , Bulgaren und Avaren zu tun gehabt , und in den mehr als dreißig Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen eingerostet . Da hatte der tüchtige König , von seinen Freunden und Feldherren eifrig unterstützt , Arbeit vollauf . Die Arsenale und Werften wurden geleert , in Ravenna ungeheure Vorratsspeicher angelegt und zwischen der dreifachen Umwallung der Stadt endlose Reihen von Werkstätten für Waffenschmiede aller Art aufgeschlagen , die Tag und Nacht unablässig zu arbeiten hatten , den Forderungen des kampfbegierigen Königs , des massenhaft anschwellenden Heeres zu genügen . Ganz Ravenna ward ein Kriegslager . Man hörte nichts als die Hammerschläge der Schmiede , das Wiehern der Rosse , den Sturmruf und Waffenlärm der sich übenden Heerscharen . In diesem Getöse , in dieser rastlosen Tätigkeit betäubte Witichis , so gut es gehen wollte , den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag entgegen , da er sein schönes Heer zum Angriff gegen den Feind führen könne . Doch hatte er bei allem Drange , im Kampfgewühl sich selber zu verlieren , seiner Königspflicht nicht vergessen , und durch Herzog Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten an Belisar gesendet mit den mäßigsten Vorschlägen . So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen , hatte er kaum einen Blick und Gedanken für seine Königin , der er auch , wie er meinte , kein größeres Gut als die ungestörteste Freiheit zuwenden konnte . Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Dämon erfüllt , von dem Dämon unersättlicher Rache . In Haß übergeschlagene Liebe ist der giftigste Haß . Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte