zu üben , aber nichts desto weniger kam es ihm bitter an , denn er fühlte sich dadurch von den Leuten geschieden , die er bis dahin gewissermaßen mit sich Eins gewußt hatte , und ihre scheuen , mißtrauischen Blicke mißfielen ihm . Im Pfarrhause saß die Pfarrerin wie immer am Fenster in dem großen Lehnstuhle ; sie sah hinaus , als sie die Wagen kommen hörte , aber sie fuhr schnell mit dem Kopfe zurück , und als man an dem Hause vorüberkam , war sie verschwunden . Jetzt wird der Herr Pfarrer von Ihrer Rückkehr unterrichtet , bemerkte die Herzogin , und er wird keine Hymne singen , wenn er sie erfährt . Gewiß nicht , entgegnete der Freiherr , aber ich finde es unangenehm , Schrecken zu erregen und Furcht einzuflößen . Trösten Sie sich mit dem Sturme , der über das Land fährt . - Er erschreckt uns auch , aber wir beugen uns seiner Gewalt und er befreit die Luft , damit wir ungehindert und frei in ihr athmen . Er antwortete ihr nicht . Man hatte den Wagen und die Fenster schließen müssen . Wie Binsen bogen sich die jungen Bäume zu beiden Seiten der Landstraße unter dem schweren Drucke des Sturmes , der Himmel verdüsterte sich mehr und mehr , die dunklen Wolkenmassen rückten einander nach jedem Windstoße näher , ballten sich zusammen , senkten sich tiefer hinab , und wirbelnd flogen die hohen Staubsäulen empor , wo der Wind den ausgedörrten Boden berührte . Bisweilen hörte man fernen Donner rollen , und dann zuckte es hell durch die dunkle Luft , daß man nicht wußte , ob ein Sonnenstrahl noch einmal seinen Weg durch die Wolken gefunden oder ob es der Blitz sei , der die Gegend erhelle . Das Wetter drohte sehr schwer zu werden , und Jedermann hat es auf dem offenen Lande zu fürchten , wenn das Gewölk sich grünlich färbt , als berge es den zerschmetternden und vernichtenden Hagel in seinem Schooße . Vor der Kirche in Rothenfeld ließ der Freiherr das Fenster herunter . Ein Blick ließ ihn Alles übersehen . Vorn , dicht an dem eisernen Gitter , erhob sich der Grabhügel , welcher die Reste von Mamsell Lise umschloß . Von dem Crucifixe war der rechte Flügel mit dem Arme des Heilandes heruntergeschlagen ; ohne Kopf , die Hände verstümmelt , knieete die Büßerin zu seinen Füßen . Der Freiherr mochte den Gräuel nicht sehen , die Herzogin war blaß geworden und biß die Lippen zusammen . Sie sprachen beide nicht . Im Amte liefen ein paar Knechte umher , die Fensterladen und Thorflügel festzuhaken , während der Hirt die eilende Schafheerde in den Hof trieb . Oben in ihrer Stube schloß Eva das Fenster , aber sie konnte es nicht gewältigen , und es bog sich ein Mann heraus , ihr Hülfe dabei zu leisten . Der Freiherr erkannte ihn , es war Herbert . Der Caplan hatte ihm nichts von dessen Anwesenheit berichtet , er mochte vielleicht auch erst nach der Abreise des Geistlichen in Rothenfeld eingetroffen sein , und es war natürlich , ja , sogar gefordert , daß er sich hier aufhielt , daß er im Amte wohnte . Der Freiherr würde unzufrieden gewesen sein , hätte er den Baumeister nicht bei seinem Werke gefunden , und er war nun eben so unzufrieden , ja , noch unwilliger darüber , als er ihn eben da erblickte , wo er hin gehörte . Es war für den Freiherrn nicht mehr herauszukommen aus dem Mißmuthe und aus den Verdrießlichkeiten , und ärgerlich sagte er zu sich selber : Mag er sein , wo er will , heirathen soll er nicht , ehe er seine Arbeit hier vollendet hat und so lange die Steinerts in meinem Dienste stehen ! Je mehr er an innerer Ruhe verlor , je mehr er sich aus seinem gewohnten Gleichmaße herausgerissen fühlte , um so reizender wurden ihm die Macht und die Gewalt , über die er zu verfügen hatte , und während ihm noch vor einer halben Stunde die Scheu , mit welcher man ihn empfing , einen betrübenden Eindruck erzeugt hatte , fing er jetzt mit einem ihm bis dahin völlig fremden Vergnügen zu überlegen an , wie er die Missethäter strafen , wie er sie entgelten lassen wolle , daß sie sich gegen seinen Willen aufgelehnt und Hand angelegt hatten an das Heiligthum , das er errichtet . Der Regen strömte vom Himmel , es blitzte nicht , aber ein elektrisches Feuer flammte zitternd durch die ganze Luft , als die beiden Reisewagen in das große eiserne Gatterthor einfuhren , rasch die Allee durchflogen und auf der Rampe vor dem Portal hielten . Die Diener sprangen von ihren Sitzen , triefend und mit nassen Händen hoben sie Renatus aus dem Wagen , die Bonne und die Kammerjungfer folgten , und vorsichtig half der Freiherr selbst der Herzogin auszusteigen und die Stufen zu überschreiten , welche der wolkenbruchartige Regen schnell unter Wasser gesetzt hatte . Im Schlosse war Alles in der größten Bestürzung . Es war noch niemals vorgekommen , daß der Freiherr in solcher Weise , ohne sich anzumelden , nach Hause zurückgekehrt war . In den Zimmern hatte man , weil man Hagel besorgte , der Vorsicht wegen die Läden geschlossen , die Möbel waren während der Abwesenheit der Herrschaft mit Decken verhüllt , die Dienerschaft hatte es sich in ihren Räumen bequem gemacht und mußte erst zusammengeholt werden . Es waren natürlich gar keine Vorkehrungen für die gewohnte Bequemlichkeit der Herrschaften getroffen , und während Alles durch einander lief und Jedermann sich hastete , um zur rechten Zeit ein Abendbrot bereit zu haben und die Zimmer wohnlich herzustellen , hielt man doch die aus der Stadt zurückkommende Dienerschaft , wo man ihrer habhaft werden konnte , fest , um in aller Eile zu erfahren , was es bedeute , daß die Baronin nicht mitgekommen sei , um zu fragen , wie der Freiherr die Nachrichten aus Rothenfeld und Neudorf aufgenommen , und um es mit ungläubigem Erstaunen zu vernehmen , daß die kranke Baronin noch immer bei den Juden wohne , bei denen der Unfall sie betroffen ; daß die Tochter dieser Juden ihre Pflegerin und ihre Herzensfreundin sei , daß der Freiherr sein Haus in der Residenz verkauft habe , und daß die alte , spukhafte Mamsell Marianne zur Bedienung der Baronin nach Richten berufen worden , weil die Kammerjungfer jetzt die Stelle der französischen Mamsell bei der Herzogin vertreten solle , was ihr auch nicht an der Wiege vorgesungen sei . Dazwischen ließ man ahnen , daß es die Baronin sicherlich nicht weit in Jahren bringen werde . Der Kammerdiener vertraute dem Secretär , daß der Doctor sie eigentlich aufgegeben habe , und wenn die Frau Baronin ihre Augen schließe , dann wolle er nicht hinsehen . Der Secretär fragte , ob er es denn für möglich halte , daß der Freiherr .... er sagte nicht zu Ende , was er dachte . Der Kammerdiener antwortete , man müsse sie kennen , wie er ; sie sei falsch und schlau , wie kein Mensch es sich nur denken könne . Auch er nannte keinen Namen , und doch meinte nach einer halben Stunde Einer wie der Andere im Schlosse : nur davor sollte der liebe Herrgott sie bewahren , und das werde der Freiherr auch nicht thun . - Draußen tobte das Wetter in ununterbrochener Heftigkeit , aber selbst die alte , schreckhafte Beschließerin , welche es sonst nicht leicht versäumte , bei solchem sichtlichen Zorne Gottes ihr Vaterunser zu beten , merkte heute gar nicht , was um sie her geschah . Die überraschenden Neuigkeiten , das Verwundern , das Vermuthen und Prophezeien nahmen sie wie alle ganz und gar in Beschlag ; denn wie allen Menschen von beschränktem Gesichts- und Gedankenkreise verschwand ihnen vor dem Nächsten , das sie beschäftigte , die ganze übrige Welt , und es hätte eines Erdbebens bedurft , um das Hauspersonal von dem Erstaunen über die plötzliche Ankunft der Herrschaft und von der Frage , was denn nun kommen und geschehen werde , abzuziehen . Zehntes Capitel Einsam und verdüstert ging der Freiherr in seinen Gemächern umher . Er hatte die weiten Räume sonst immer gern gehabt , heute waren sie ihm zuwider . Sie kamen ihm leer vor . Er begab sich nach dem Flügel , den seine Frau bewohnte ; dort war noch Alles zugeschlossen . Er kehrte also wieder um , er wußte auch selbst kaum , was er dort gewollt . Im Vorübergehen trat er bei Renatus ein . Der Knabe war ganz von dem Wiedersehen seines Hundes hingenommen , hatte seine Spielgeräthschaften ausgekramt und achtete wenig auf den Vater . Der Freiherr verweilte nur kurze Zeit bei ihm und fand sich bald wieder in seinen Zimmern allein . Es überfiel ihn eine marternde Unruhe . Sein Schloß schien ihm wie ausgestorben . Er hatte geglaubt , allen Zusammenhang mit der Baronin verloren zu haben , jetzt fehlte ihm die unsichtbare Fürsorge , mit der sie ihn umgab , ohne daß er ihr Eingreifen und Thun gewahrte ; ihm fehlte eben so die Nähe des Caplans , so selten er diesen in der letzten Zeit auch im Vertrauen gesehen ; es fehlte ihm eben Alles , selbst der Pendelschlag der Uhren , den er zu hören gewohnt war . Sie waren alle abgelaufen . Er ging sie selber aufzuziehen . Es war eine Mühe , die er sich sonst nie zuvor gegeben , aber er mußte etwas thun , um das unheimliche Gefühl der Vereinsamung zu überwinden . Er kam sich wie ein irres , über den Ruinen seines eigenen Daseins wandelndes Gespenst vor , und plötzlich dachte er mit Grauen der Tage , in denen einst Paulinens Gestalt ihn in diesen Zimmern spukhaft umschwebt hatte . Dann wieder sah er die bleiche , hinsinkende Angelika und den Knaben vor sich , der ihn mit so starrem , angstvoll flammenden Blicke angesehen . Es war ihm , als presse die Luft in diesen Räumen , die ihm eben noch so leer gedäucht , ihm Kopf und Brust zusammen , er mußte die Fenster öffnen . Es regnete noch immer , auch das Gewitter war noch nicht vorüber . Die feuchte Kühlung , welche herein drang , erfrischte ihn , aber sie vermochte seine Ungeduld nicht zu besänftigen . Er verlangte nach einer Ableitung für dieselbe , und rasch seine Hand erhebend , schellte er dem Diener . Es soll sogleich ein Bote nach Neudorf reiten , befahl er , und den Pfarrer zu mir rufen ! Es ist sechs Uhr vorüber , gnädiger Herr ! bemerkte der Diener . Und ? fragte der Freiherr , indem er ihn gebieterisch anblickte . Der Diener verneigte und entfernte sich schweigend . Ehe der Reitknecht sattelte und nach Neudorf kam , ehe der Pfarrer anspannen ließ und in Richten sein konnte , mußte es halb neun Uhr werden und der Freiherr bei dem Abendbrode sein . Er ist wie ausgetauscht ! dachte der Diener , während er die Treppe hinunterstieg , und es widerstrebte ihm , den Befehl zu überbringen ; denn es war sonst nie des Freiherrn Art gewesen , seine Untergebenen zur Unzeit zu bemühen oder sie in ihren Feierstunden zu stören , und eben seine rücksichtsvolle Menschlichkeit gegen den Geringsten seiner Leute hatte ihm deren Liebe und Verehrung erworben . Er hatte den Diener auch kaum entlassen , als er sich selber die Berechnung machte , wie er sich ein lästiges Erwarten einer lästigen Besprechung auferlegt ; indeß er liebte es nicht , seine Befehle zu widerrufen , und um die langsam schleichenden Stunden zu bewältigen , setzte er sich endlich an seinen Schreibtisch nieder , die Postsendung zu mustern , welche für ihn nach der Abreise des Caplans in Richten angekommen war . Aber er hatte die Tasche kaum geöffnet , als er die Zeitung und alles Uebrige zur Seite legte , um ein Couvert zu betrachten , dessen Handschrift ihn in eine lebhafte Ueberraschung versetzte . Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen und doch war sie ihm vertraut genug . Mit einer Hast , die gegen seine sonstige Gemessenheit sehr abstach , erbrach er das Siegel , auf dem mit festem Drucke das gräflich Berka ' sche Wappen ausgeprägt war , um den Brief zu lesen , den ersten Brief , welchen sein Schwiegervater seit dem Familienzerwürfniß an ihn richtete . » Ich bin lange mit mir zu Rathe gegangen , « schrieb der Graf , » ob ich Ihnen schreiben , oder mich auf den Weg machen sollte , Sie aufzusuchen ; und nun ich mich zu dem ersteren entschlossen , da ich Sie nicht zu überraschen und durch die Gewalt des Augenblickes zu bestimmen wünschte , weiß ich kaum noch , mit welchem Namen ich Sie nennen soll . Wo sich nach einer langen , ungetrübten Lebensgemeinschaft , die man von beiden Seiten als einen Vorzug zu schätzen wußte , ein Bruch aufthut , der durch viele Jahre offen bleibt , verändert die Zeit , die uns in unserem eigensten Wesen umgestaltet , auch nothwendig die beiderseitigen Verhältnisse , und kein Erfahrener kann an die Möglichkeit glauben , das alte Band und die früheren Zustände wieder zu finden oder wieder herzustellen . Trotzdem mag es zwischen uns , wo die nächsten und heiligsten Bande des Blutes ihre Ansprüche geltend machen , vielleicht gelingen , sich in neuer Weise und auf neuem Boden zu vereinigen , und ich biete Ihnen die Hand , lieber Arten , um diesen Versuch zu machen . Ich verhehle Ihnen nicht , daß ein bestimmtes Ereigniß mir den nächsten Anlaß zu diesem Briefe gegeben und den Entschluß , Ihnen eine Versöhnung vorzuschlagen , in mir zur Reife gebracht hat . Ich habe meinen sechzigsten Geburtstag begangen , und vorwärts blickend auf die Jahre , die mir noch gegönnt sein können , zurückschauend auf den Weg , den ich gegangen bin , wird Alles einheitlicher , sieht Alles sich milder und weniger ungewöhnlich an . Was ich meiner Tochter einst nicht verzeihen zu können glaubte , den Abfall von der Lehre , in der sie mit uns vereinigt war , und ihren Uebertritt zur römischen Kirche , das habe ich als eine Thatsache hinnehmen lernen , wofern sie ihr Glück und ihren Frieden in ihrem neuen Bekenntnisse findet . » In meines Vaters Hause sind viel Kämmerlein « , - mag sie weilen , wo ihr die Sonne am wärmsten scheint . Sie ist um ihret- , nicht um meinetwillen in der Welt ; sie ist uns eine gute Tochter gewesen , sie ist Ihnen sicherlich eine würdige Gattin geworden . Glaubte sie dazu der kirchlichen Gemeinschaft mit Ihnen nöthig zu haben , so that sie vielleicht wohl , dieselbe zu suchen , und Gott wird ihr mit seinem Troste nahe geblieben sein , in welcher Form sie sich auch zu ihm gewendet hat , sofern nur ihr Streben ein Gott wohlgefälliges gewesen ist . Ich habe unsere Angelika , ich habe meine Tochter schwer vermißt , als ich gestern ein Decennium meines Lebens abschloß , und auch Angelika ' s Gedanken werden bei mir gewesen sein . Ich und ihre Mutter haben die Härte bereut , mit der wir sie von uns gewiesen , unser täglicher Segenswunsch hat das Verdammungs-Urtheil längst entkräftet , das wir einst gegen sie gefällt , und ihr eigenes Mutterherz wird sie gelehrt haben , daß die Elternliebe zwar beleidigt , aber nicht zerstört werden , daß sie irren , aber auch bereuen kann . Man sagt mir , Angelika sei krank , Sie hätten sie nach der Stadt gebracht , einen der dortigen Aerzte zu Rathe zu ziehen . Hat sie nicht verlangt , uns zu sehen ? Hat sie nicht daran gedacht , uns Kunde von sich zu geben ? Und wollen Sie uns dieselbe zukommen lassen , wenn Sie dieses Schreiben empfangen haben werden ? Ihre Mutter und ich sind in schwerer Sorge um sie . Unsere Glaubensstrenge hat den Bruch veranlaßt , der uns , mein theurer Arten , so lange von unserem Kinde und von Ihnen , mein alter , werther Freund , entfernt gehalten hat . An uns , die wir die Trennung verschuldeten , ist es daher , eben so offen und unumwunden die Versöhnung zu versuchen ; und mich dünkt , diese Erklärung kann und muß allen Ihren Anforderungen und Bedenken Genüge thun . Es ist ein Freund , der von Ihnen die alte Freundschaft , es sind Eltern , die von Ihnen ihre Tochter wieder zu erhalten wünschen , Großeltern , die sich danach sehnen , Ihrem Renatus die segnende Hand auf das Haupt zu legen . wir haben Angelika ' s Sohn noch nicht gesehen . Meinem ältesten Sohn ist nach zwei Töchtern vor wenig Wochen der Erbe geboren , der ihm und meinem Hause fehlte . Wir haben ihn an meinem Geburtstage taufen lassen , die ganze Familie ist bei mir versammelt . Wollen Sie kommen , den Kreis vollzählig zu machen , in dem wir Sie entbehren ? Oder verlangen Sie es , fordert es Ihr Gefühl , erheischt es Angelika ' s Befinden , daß wir Sie in Ihrer Heimath suchen kommen ? - Ich überlasse Ihnen die Entscheidung . Für unsere Tochter füge ich von mir und ihrer Mutter nichts hinzu . Es gibt Dinge , die über das Wort erhaben , weil sie selbstverständlich sind . Unsere besten Wünsche , unsere Liebe , unser Segen sind mit ihr und mit Ihnen Allen ! Und so lassen Sie uns denn in Zukunft wieder immerdar zusammenstehen , wie wir einst zusammenstanden , als Verwandte und Freunde in Neigung und in anerkennender Achtung . « Der Freiherr las den Brief noch einmal , nachdem er ihn beendet hatte , und es wäre schwer gewesen , aus seinen Mienen die Wirkung zu erkennen , welche er auf ihn machte , denn er konnte sich selber keine Rechenschaft darüber geben . Freude war es nicht , was er empfand . Die Dinge müssen zur rechten Zeit kommen , um uns angenehm zu sein ! rief er endlich im Selbstgespräche aus , während er sich von seinem Platze am Schreibtische erhob und den Brief aus den Händen legte . Wäre dem Freiherrn ein solches Schreiben , ein solches Eingeständniß und eine solche Aufforderung zur Versöhnung bald nach dem Zerwürfniß dargeboten worden , so würde er sie ohne alle Frage bereitwillig und mit Freuden aufgenommen haben und damals sehr zufrieden gewesen sein , in dem alten , gewohnten Geleise mit so viel Zugeständnissen und Nachsichten , wie jedes Familienleben sie erheischt , weiter fortzugehen . Aber das Zusammenleben innerhalb der Familie hat , weil es kein sittlich frei gewähltes , sondern ein zufällig bestimmtes ist , als erstes Bedingniß die ununterbrochene Dauer , die duldsam machende und den Blick beschränkende Gewalt der langen Gewohnheit für sich nöthig . Werden diese vermittelnden Elemente einmal zerstört , ist der Zauber gebrochen , der uns über Charakterverschiedenheit , ungleiche Lebensansichten und Ueberzeugungen , der uns über Alles dasjenige leicht fortsehen machte , was uns an den uns angeborenen Menschen störte und von ihnen im Grunde trennte , so ist auch die Schranke aufgehoben , welche alle Theile innerhalb eines gewissen Gleichmaßes zusammen und einzelne derselben eben deßhalb in ihrer freien und völligen Entwicklung - im Guten wie im Schlimmen - zurückgehalten hatte . Jeder nimmt dann frei den Weg , den er bedarf , bildet sich persönlicher , eigenartiger aus ; macht man später einmal wieder den Versuch , das Ungleichartige in die alten Bande und Verhältnisse zurückzuführen , so ist dies eigentlich in Wahrheit niemals möglich , und der alte Ausspruch , daß man über seinen Zorn die Sonne nicht untergehen lassen solle , beweist sich als eine tiefe Weisheit , wofern man überhaupt eine Herstellung der früheren Verbindungen ersehnt . Alle Eingeständnisse und Zugeständnisse , welche Graf Berka seinem Schwiegersohne und alten Freunde in diesem Versöhnungsbriefe machte , hatten für den Freiherrn nur etwas Peinigendes . Er war der Berka ' schen Familie nun einmal entwöhnt . Es hatte in derselben bei großen Vorzügen , die er auch jetzt noch anerkannte , immer eine gewisse Familienbeschränktheit geherrscht ; man hatte dem Ergehen und Thun des Einzelnen eine viel zu große Bedeutung beigelegt und damit geringfügige Ereignisse zum Gegenstande weitläufiger Besprechungen und unverdienter Theilnahme gemacht . Das war ihm auffällig erschienen , so lange er außerhalb der Familie gestanden hatte , war ihm als Angelika ' s Verlobter ein wenig lästig gewesen , und er hatte sich aus dieser übertriebenen Familienliebe später die Züge in Angelika ' s Charakter erklärt , die er als Empfindsamkeit und als zu große Ansprüche an die Leistungen und Empfindungen der Anderen zu bekämpfen für nöthig gehalten . Jetzt - er fuhr sich unmuthig mit der Hand über die Stirn - jetzt kam diese Versöhnung ihm sehr ungelegen , und zurückweisen konnte , durfte er sie nicht , wollte er nicht gegen Angelika , die in ihres Herzens Tiefen nie aufgehört hatte , sie zu wünschen , ein Unrecht begehen , wollte er der Kranken nicht einen ihr erwünschten Trost entziehen . Und selbst um der Meinung seiner Umgangsgenossen willen mußte er die dargebotene Hand seines Schwiegervaters freundlich zu ergreifen scheinen ! Aber je länger er darüber nachsann , um so schwerer und unwillkommener dünkte ihm diese erneute Annäherung . Er wußte , wie wenig die Geistesrichtung der Herzogin und ihre Ansprüche und Gewohnheiten mit denen der Berka ' schen Familie zusammenstimmten . Es kam ihm daneben nicht willkommen , die Berka ' s so nahe in seine Verhältnisse blicken zu lassen . Er konnte sich denken , mit welchen Augen sie den Kirchenbau betrachteten , welche Fragen der Graf , der in der eigenen Bewirthschaftung seiner Güter große Befriedigung fand und glänzende Erfolge erzielte , wegen der Ausschlagung der Wälder und wegen der Entlassung der Steinerts an ihn richten würde . Es beunruhigte ihn , daß seine Schwiegereltern gerüchtweise von seinen augenblicklichen Geldverlegenheiten , von dem Verkaufe des Hauses erfahren haben könnten , und vor Allem dachte er mit Schrecken daran , wie sie die Tochter , die er einst so blühend und so hoffnungsreich aus ihrer Hand erhalten , jetzt wiederfinden mußten . Er nahm den Brief noch einmal auf , aber er konnte sich nicht überwinden , ihn noch einmal zu lesen , und ihn auf den Tisch schleudernd , rief er ärgerlich : Ich wollte , sie hätten mich mit ihrer späten Versöhnlichkeit verschont ! Trotzdem mußte er zu einem Entschlusse kommen , und rasch , wie man etwas Lästiges abzuthun sucht , warf er mit fester Hand die folgenden Zeilen auf das Papier : » Empfangen Sie , theurer Freund , meinen nachträglichen Glückwunsch zu Ihrem Geburtstage , den wir doppelt zu segnen haben , da er Sie zu einer für uns so erwünschten Einsicht und Entschließung geführt hat . Ich nehme die Versöhnung , welche Sie mir bieten , ohne alles weitere Erörtern an , und meine Frau wird glücklich sein , ihren verehrten Eltern die Hand küssen und ihren Segen wieder empfangen zu können . - Leider war ich genöthigt , da Geschäfte mich hieher riefen , sie unter der Obhut des Caplans noch in der Stadt zurückzulassen . Ein Brustübel , dessen Symptome sich schon vor der Geburt unseres Sohnes zeigten und in Zwischenräumen immer wieder bemerkbar machten , hat sich plötzlich entschieden ausgebildet und sie vor wenig Wochen mir zu rauben gedroht . Auf dem Wege der Genesung , ist sie der größten Schonung bedürftig , und ich bin eben deßhalb noch nicht im Stande , Ihnen , theurer Graf , und der Gräfin , die ich meiner aufrichtigen Ergebenheit zu versichern bitte , anzugeben , wie und wann ich meiner Frau die Mittheilung Ihres Briefes werde machen können und in welcher Weise wir unser Wiedersehen mit Ihnen einzurichten haben , damit es auf die Kranke nicht zu erschütternd wirke . Ich hoffe , daß ich Angelika in acht Tagen ihre Reise nach Richten antreten lassen darf , und ich will noch heute den Caplan von Ihrem Briefe in Kenntniß setzen , oder besser ihm Ihr Schreiben übermachen , damit dieser erfahrene und bewährte Freund , der mein und Angelika ' s Vertrauen ganz und gar besitzt , vorsichtig den Augenblick wähle , in welchem wir meiner Frau die von ihr sicherlich ersehnte , sie aber eben so gewiß sehr erschütternde Kunde zugänglich machen dürfen . Meinen Sohn habe ich aus der Stadt mit mir hieher genommen . Er sieht seiner Mutter völlig gleich und wird , wie ich hoffe , Ihre Liebe gewinnen , da er ja das älteste Ihrer Enkelkinder ist . In der Erwartung , Sie , bester Graf , und die Gräfin bald persönlich zu begrüßen , der Ihrige . « Er las das Geschriebene zu wiederholten Malen , ohne recht damit zufrieden zu sein . Er wollte nicht entgegenkommen , er wollte sich nicht ablehnend zeigen , und er ersah an der Art und Weise seines Erwägens , wie fremd die Familie seiner Frau ihm geworden war und wie fest die Abneigung gegen sie in seinem Innern gewurzelt hatte . Jetzt , da sie ihm , wie er es nannte , grundlos eine Versöhnung aufnöthigten , nachdem sie sich einst eben so grundlos von ihm und von ihrer Tochter losgesagt , weil diese sich freiwillig dem Bekenntnisse ihres Gatten angeschlossen , fühlte er sich fast erbitterter gegen sie , als zuvor , und daß er dieser Erbitterung nicht Worte geben durfte , daß er gezwungen war , sich aus Rücksicht auf Angelika und auf die Welt einer fremden Willkür hinzugeben , verdüsterte seine Seele nur noch mehr . Hätte er mit einem Federstriche Alles , was ihn umgab , vernichten können , er würde ihn gethan haben , auf die Gefahr , selbst dabei zu Grunde zu gehen ; und mitten in seinem zornigen Grimme dünkte ihm eben dieser doch wieder seiner und seiner Natur so unangemessen , daß er grade davon am allermeisten litt . Er konnte das ideale Bild , welches er von sich selber stets vor Augen gehabt und im Herzen getragen hatte , nie mehr in seiner Reinheit wiederfinden : das heißt , er wußte , daß er ein für alle Mal sich selbst verloren hatte . Grade , als der Freiherr den Brief an den Caplan beendete , meldete man ihm den Pfarrer . Er soll kommen ! befahl er kurz , und übergab dem Diener die Briefe an den Grafen und an den Caplan mit der Anweisung , sie sofort nach der Stadt zu senden , damit die am nächsten Morgen durchpassirende Post sie noch mitnehmen könne . Mit raschem Schritte ging er dem eintretenden Geistlichen entgegen . Der Pfarrer hatte sich auf eine harte Stunde vorbereitet . Er war nicht unterrichtet gewesen von dem Vorhaben seines Sohnes ; er beklagte und verdammte von Grund der Seele die in Rothenfeld geschehenen Frevelthaten und Verbrechen , denn er besaß nicht des Candidaten wilden Glaubenseifer ; er war duldsam und gelassen , und er hatte sich , als er zu so ungewohnter Stunde vor den Freiherrn beschieden worden war , fest gelobt , daß er , seine Würde und seine Ueberzeugung wahrend , dennoch versuchen wolle , den gerechten Zorn des Gutsherrn zu besänftigen . Aber der Empfang , welcher ihm zu Theil ward , ließ ihn das Aeußerste befürchten . Ohne ihm , wie er es sonst stets gethan , die Hand zum Gruße zu bieten , ohne ihm einen Sessel anzuweisen , sagte der Freiherr , während er den Greis inmitten des Zimmers stehen bleiben ließ : Ich habe Sie gleich kommen lassen , weil ich zuvor mit Ihnen im Klaren sein wollte , ehe ich weiter gehe , und weil Sie , Pastor , Sie ganz allein , mir für all den Schaden und für all das Unheil verantwortlich sind , die hier angerichtet worden ! Wer hieß Sie , den frechen Burschen meine Kanzel besteigen zu lassen ? Wer hieß Sie .... Gnädiger Herr ! fuhr der Pastor auf , den sein Vaterherz wie seine gekränkte Amtsehre alle seine Vorsätze vergessen machten , - gnädiger Herr , Sie sprechen zu einem Vater von seinem Sohne ! Sie sprechen zu einem Geistlichen , zu dem bestallten Pfarrer dieser christlichen Gemeinde , der ohne Frage die Befugniß hat , sich von seinem Sohne , von einem unbescholtenen jungen Manne , einem geprüften Candidatus theologiae in seinem Amte vertreten zu lassen , wenn er dieses nöthig findet ! Ja , allerdings , das ist es grade ! Ich spreche zu dem Vater ! betonte der Freiherr scharf , eben weil er mir als Vater einzustehen hat für die Frechheit seines Sohnes ! Ich spreche zu dem von mir erwählten und eingesetzten Pfarrer , weil er sich unterfangen hat , gegen meinen Glauben , gegen die Religion , zu der ich und mein Haus uns bekennen , in meiner Kirche und von meiner Kanzel herab freveln zu lassen ! Der Pfarrer machte eine abweisende Handbewegung . Die Kirche ist des Herrn , die Kanzel ist ihm heilig und der Wahrheit , Herr Baron , auf die wir getauft sind , auf die wir unser Bekenntniß abgelegt und die rein und lauter zu verkünden wir mit unserem Amtseide beschworen haben ! rief der Pfarrer , und seine Stimme und seine Haltung hoben sich , je länger er vor dem Freiherrn stand . Freilich steht es geschrieben : Es soll Friede sein auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen ! Und so weit es an mir gewesen , habe ich Frieden zu halten gestrebt , obschon es meinen Augen kein Wohlgefallen gewesen ist , hier , mitten in unserer lutherischen Gemeinde , die katholische Kirche sich erheben und ihre Heiligenbilder aufrichten zu sehen ! Aber , Herr Baron , es steht