es auch nur gewesen , um Herrn Schmenckel zu beweisen - was sie schon hundertmal behauptet - daß Frau Rosalie eine falsche Katze sei . Schmenckel verkannte keinen Augenblick die Wichtigkeit von Elischen Mittheilungen . Wenn es im Keller eine Hinterthür gab , durch die man in die Schwesternstraße gelangen konnte , und Timm und Gutherz , dem Schmenckel gar nicht traute , diese Thür kannten , so war es jedenfalls sehr räthlich , nachzusehen - ob diese Thür auch wohl verschlossen sei . Schmenckel ließ Elischen von seinem Schooß auf den Boden gleiten und erzählte den Männern am Tisch , was er so eben gehört . Alle waren seiner Meinung , daß unverzüglich eine Recognoscirung nach dieser Seite vorgenommen werden müßte . In dem Augenblick , als die Männer ihre Waffen ergriffen und sich nach der Thür wandten , die in den von dem Mädchen bezeichneten Lagerkeller führte , wurde dieselbe von der andern Seite aufgestoßen und ein Haufe Soldaten stürzte herein , zwischen ihnen Albert Timm und der Geheime . Das so plötzliche Erscheinen der blanken Helme und Gewehre und die Schüsse , welche die Soldaten , glücklicherweise ohne zu treffen , abfeuerten , erfüllten Einige der Barricadenmänner mit einem so panischen Schrecken , daß sie Hals über Kopf die Kellertreppe hinauf auf die Straße stürzten . Hier begegneten ihnen Berger und Oswald , die durch die Schüsse herbeigerufen waren , und nun Schmenckel zu Hülfe eilten , der bis jetzt ganz allein gegen die Uebermacht kämpfte . Schmenckel hatte einem der Soldaten das Gewehr , das jener so eben erfolglos auf ihn abgefeuert hatte , entrissen , und mit dem Kolben , und , als dieser abgesprungen war , mit dem eisernen Lauf so mächtig auf die Eingedrungenen losgeschlagen , daß bereits zwei oder drei kampfunfähig am Boden lagen und die Andern in vollem Entsetzen zur Thür wieder hinausretirirten . Dort aber trafen sie auf ihre nachfolgenden Kameraden , und so entstand eine fürchterliche Verwirrung , die grauenhaft wurde , als Oswald , Berger , Schmenckel und die andern Männer , die sich von ihrer Ueberraschung erholt hatten , in den Lagerkeller drangen , der nun der Schauplatz eines überaus grimmigen Kampfes wurde . Die Angreifer waren in diesem Augenblick vielleicht um die Hälfte stärker als ihre Gegner , und dazu waren sie viel besser bewaffnet ; aber diese Vortheile wurden durch die ungestüme Tapferkeit Bergers und Oswalds und vor allem durch Schmenckels Riesenkraft reichlich aufgewogen . Der gewaltige Mann schwang unermüdlich seine fürchterliche Waffe , und kein Streich fiel vergeblich auf die Köpfe der unglücklichen Soldaten . So mähte er sich bis zu der Thür durch , die auf den Hof führte , und zu der jetzt einige der im Keller befindlichen , von Entsetzen erfaßten Soldaten hinauswollten , während immer neue von jener Seite nachdrangen . Und nun hatte er dies Ziel erreicht . Mit den unwiderstehlichen Händen ein paar der zwischen Thür und Angel Eingekeilten am Genick packend und sie in den Keller hinreißend , schlug er die schwere eiserne Thür zu , schob den gewaltigen Riegel davor , lehnte sich mit seinem breiten Rücken dagegen , und rief , während er seinen Flintenlauf im Wirbel schwang : Nun haben wir sie beisammen , Professor ! Hinaus und herein kommt keiner mehr . Dafür lassen ' s nur den Caspar sorgen . Das Grausige dieser entsetzlichen Scene , wo in einem engen , dumpfigen , kaum erhellten , unterirdischen Raume Menschen wie wilde Thiere gegen einander wütheten , hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht . Die Angreifer wehrten sich wie Verzweifelte ; aber da ihnen die donnernden Kolbenstöße ihrer Kameraden gegen die eiserne Thür keine Hülfe gewährten , so war der endliche Ausgang des Kampfes nicht zweifelhaft . Doch hätte das Gemetzel noch lange dauern können , wenn jetzt nicht Oldenburg mit einem Theil seiner Mannschaft von der Barricade in dem Keller erschienen wäre und gedroht hätte , jeden Soldaten , der nicht sofort die Waffen strecken würde , augenblicklich über die Klinge springen zu lassen . Die Soldaten , welche keine Aussicht auf Rettung mehr hatten , ergaben sich , und stiegen einer nach dem andern aus dem tieferen Keller in das Lokal , wo sie sofort entwaffnet wurden . Die armen Menschen gewährten einen jämmerlichen Anblick . Es war kaum Einer unter ihnen , der nicht mehrere Wunden davon getragen hätte . Ihre schmucken Uniformen zerfetzt , athemlos , bleich vor Schrecken und Ermattung , mit Staub und Schmutz und Blut besudelt - so standen sie da - umringt von den Barricadenmännern , unter denen ebenfalls keiner war , der nicht ähnliche Spuren des Kampfes an sich getragen hätte . Aber noch barg der Keller Fürchterlicheres . Als man mehr Licht herbeigeschafft hatte , entdeckte man , daß zwei Körper regungslos in ihrem Blute lagen , ein Soldat und ein Civilist . Der Soldat hatte sich auf seiner wilden Flucht das Bajonnett seines eigenen Gewehrs durch die Brust gerannt und war wohl augenblicklich todt gewesen ; dem Civilisten hatte ein fürchterlicher Hieb den Schädel zerschmettert ; er röchelte noch , als man ihn die Treppe hinauftrug , verschied aber nach wenigen Augenblicken . Man glaubte anfangs , es sei einer der Barricadenmänner , aber es kannte ihn Niemand . Auch Oswald trat an den Tisch , auf dem der Todte lag , und als er einen Augenblick prüfend in das entstellte Antlitz geschaut hatte , sah er zu seinem Entsetzen , daß die starre blutende Masse Niemand anders war , als der König aller lustigen Gesellen , der unerschöpfliche Spaßvogel und Lustigmacher - sein buon compagno so mancher durchschwärmten Nacht , derselbe Mann , von dem er sich vor wenigen Stunden in Hader und Streit getrennt hatte - Albert Timm . Einundfünfzigstes Capitel Eine Stunde später war in dem Kampf an der Barricade der Langen Straße eine Pause eingetreten . Das Linienregiment , welches nun schon fünfmal vergeblich gestürmt , war durch einige Bataillone Garde verstärkt worden , die bis jetzt in der Fürstenstraße gekämpft und schon mehrere Barricaden genommen hatten . Die Taktik dieser Truppen bestand darin , daß sie nicht in ganzen Colonnen , sondern in aufgelösten Schützenzügen rechts und links an den Häusern der Straße so gedeckt wie möglich vorgingen , um sich dicht vor der Barricade zu einer Sturmcolonne zu vereinigen . Aber wenn so ihre Verluste weniger bedeutend waren , konnten sie sich doch auch keiner bessern Erfolge rühmen . Die Belagerten sparten ihr Feuer so systematisch und gaben in dem rechten Augenblicke ihre Salven , die noch dazu seit der letzten Stunde viel kräftiger geworden waren , so kaltblütig ab , daß ihre Position geradezu uneinnehmbar schien . Wirklich hatte seit einigen Minuten das Feuern von Seiten des Militairs aufgehört , und die Barricadenmänner konnten sich ein wenig von ihrer blutigen Arbeit verschnaufen . Es that ihnen wahrlich Noth . Zum größeren Theil auf das Aeußerste erschöpft , pulvergeschwärzt , fast Alle leichter oder schwerer verwundet , saßen und lagen sie einzeln und in Gruppen umher , wunderlich beleuchtet von dem rothen Lichte der Wachtfeuer , welche man mitten auf der Straße entzündet hatte , dem weißen Schein der Kerzen in den Fenstern und den milden Strahlen des Vollmondes , der noch immer groß und still oben in den blauen Aether schwamm . Zwischen den Gruppen der Kämpfer sah man Frauen und Mädchen , die ihnen aus den Küchen der Nachbarhäuser Lebensmittel zutrugen . Auch an Wein und Bier fehlte es nicht , und hier und da hatten die Leute des Guten zu viel gethan . Aus einer oder der andern Gruppe erschallte von Zeit zu Zeit rohes Jauchzen , Johlen und Schreien , das aber meistens bald einer Stille Platz machte , die nach solchem Ausbruch doppelt unheimlich war . Auf einer der Barricade eingefügten Tonne saß Oldenburg . Er ließ die langen Beine herabhangen und blies mächtige Dampfwolken aus seiner Cigarre . Er zweifelte keinen Augenblick daran , daß , wenn die Barricade übergehen sollte , er an der Spitze der Männer , die er in den Kampf geführt , fallen würde ; aber daran dachte er am wenigsten . Der Tod für die Sache der Freiheit war ihm nicht fürchterlich , ja er glaubte etwas wie eine leise Todessehnsucht in seinem Herzen zu verspüren . Schien doch die süße , fest gehegte Hoffnung , Melitta bald die Seine nennen zu dürfen , seit den letzten Tagen weiter als je hinausgerückt . Er konnte sie nicht tadeln , daß die Erinnerung ihres Verhältnisses mit Oswald wie ein Alp auf ihrer Seele lastete , und es ihr unmöglich machte , die Augen muthig zu dem besseren und treueren Manne aufzuschlagen ; aber gerade weil er das Gefühl , das sie trennte , ehren mußte , stand er rathlos und hoffnungslos da . Er hatte sich oft das Wort wiederholt , das Melitta , wenn sie ihn traurig sah , so rührend zu sprechen wußte , das Wort Geduld ! - aber vergebens er verzehrte sich in der Ungeduld , für sein Glück nichts thun zu können , als müßig die Hände in den Schooß zu legen und auf ein unbestimmtes Etwas mit gläubiger Seele zu harren . Da brach die Revolution aus , und Oldenburg athmete auf , wie Tausende mit ihm . Hatte doch Jeder eine unerträgliche Last getragen , die er jetzt loszuwerden hoffte ! Es war Oldenburg lieb , daß Melitta nicht zugegen war . Er hatte ihr gleich beim Beginn des Barricadenbaues durch den alten Baumann Kunde sagen lassen , und daß er sie dringend bitte , an dem sichern Orte , wo sie sei , zu bleiben . Er dachte bei sich , als er den alten Mann entsandte : wir sehen uns entweder nie oder glücklicher als vorher wieder ; jetzt müßte nur noch Oswald da sein und an meiner Seite für die Freiheit und Melitta kämpfen . Der Ausgang sollte mir ein Gottesurtheil sein und Melitta dem Ueberlebenden den Kranz des Siegers reichen . Und sein Wunsch ging in Erfüllung . Seit einer Stunde kämpfte Oswald an seiner Seite , kämpfte , wie Jemand , dem der Tod lieber ist , als das Leben . Wo es eine unter den feindlichen Kugeln schadhaft gewordene Stelle der Barricade auszubessern , oder sonst etwas Gefährliches zu thun gab , da war Oswald sicher zu finden , und da Oldenburg gerade die bedenklichsten Posten für sich selbst in Anspruch nahm , so kamen sie sehr oft dicht nebeneinander zu stehen . Aber sobald die Gefahr vorüber , zog sich Oswald sofort zurück , und Oldenburg folgte ihm nicht , da die Absicht , ihm auszuweichen , zu augenscheinlich war . Und doch drängte es den edlen Mann , in dieser Stunde , die vielleicht für Beide die letzte werden konnte , dem ehemaligen Freunde zu sagen , daß sie , was auch geschehen war , vergessen und sich die Hände reichen wollten , die so tapfer für eine große und gute Sache zu streiten wußten . Seine Blicke hafteten jetzt auf Oswald , der in einiger Entfernung von ihm , die Büchse in der Hand , mit Berger neben einem der Wachtfeuer stand . In der wechselnden Beleuchtung traten die Gestalten bald in ein helles Licht , bald flog ein schwarzer Schatten über sie hin . Das gab ihnen etwas Seltsames , Ueberirdisches . Oldenburg mußte an die Schemen denken , die an den Ufern des Acheron dem Fährmann winken . Er erhob sich und trat auf die Beiden zu . Nun , Ihr Herren , sagte er , werden wir uns dieser Ruhe lange erfreuen ? Ich glaube nicht , erwiederte Oswald ; sie haben sich entweder nur momentan verschossen , oder sie ziehen noch Verstärkungen heran . Das Letztere ist wohl das Wahrscheinlichere . Was meinen Sie , Berger ? Berger hatte , die Arme über der Brust gekreuzt und mit den großen Augen unverwandt in die Flamme sehend , dagestanden . Plötzlich streckte er die Hände vor sich hin und sagte in einem hohlen geisterhaften Ton : Horch ! sie kommen ! Die Erde zittert unter ihnen . Wie sie die Gäule peitschen , die es müde sind , immer neue Gewaltsmittel gegen das arme Volk herbeizuschleppen ! Da springen sie herab . Und nun stopft nur die ehernen Schlünde voll bis zum Bersten , wir wollen - Berger ! sagte Oldenburg , ihm die Hand auf den Arm legend . Berger zuckte zusammen , wie Jemand , der jäh aus einem tiefen Traume geweckt wird . Er blickte verstört umher . Was giebt ' s ? fragte er , Oldenburg anstarrend . Sie sind durch die übermäßigen Anstrengungen erschöpft , Berger , legen Sie sich eine Stunde hin . Ich will Sie rufen lassen , wenn es Noth thut . Erschöpft , sagte Berger , indem er wieder in seinen träumerischen Zustand zurückfiel ; ja wohl erschöpft , bis zum Tode erschöpft ; aber deshalb genügt auch eine Stunde nicht . Wenn ich schlafen soll , so sei es wenigstens den ewigen Schlaf ! In diesem Augenblick trat Schmenckel , der die Wache auf der Barricade gehabt hatte , an die Gruppe heran und sagte : Es ist halt etwas Besonderes im Werk ; ich glaube es geht jetzt mit Kanonen los . Berger fuhr in die Höhe . Sagte ich es nicht ? rief er , die Stunde der Entscheidung naht . Auf , auf , Ihr wackern Männer , allesammt ! Noch einen lustigen Tanz mit den schlangenhaarigen Furien des Lebens und dann zur ewigen Ruh ' in die kühle Todesnacht . Auf ! auf ! Bei diesem Ruf sprangen Einige der Kämpfer empor von ihren Lagerstellen am Feuer , griffen zu den Waffen und eilten Berger nach an ihre Posten . Andere blieben liegen und lachten über den tollen Alten und den blinden Lärm . Aber auch sie waren rasch genug auf den Beinen , als jetzt ein Schlag , der die Häuser in ihren Grundvesten erbeben machte , losschmetterte und Kartätschenkugeln in die Barricade gegen die Häuserwände prasselten . Jetzt wird es Ernst , sagte Oldenburg , sich zu Oswald wendend . Aber der Platz , wo Oswald gestanden hatte , war leer . Er weicht mir aus , sprach Oldenburg traurig ; und doch , mein Gewissen ist rein ; ich habe mir nichts gegen ihn vorzuwerfen . Er eilte nach der Barricade , wo jetzt die Anwesenheit des Hauptmanns nöthiger war als je . Zu der einen Kanone , die den Reigen eröffnete , hatten sich noch drei andere gesellt , und beinahe ununterbrochen krachte der Donner und rasselte der eiserne Hagel gegen die Barricade . Es war kein Zweifel : man wollte Bresche legen und dann den Sturm mit voraussichtlich besserem Erfolge wiederholen . Oldenburg , der das Leben der Leute nicht unnütz auf ' s Spiel setzen wollte , hatte Befehl gegeben , so gedeckt wie nur möglich sich aufzustellen und das Feuer der Belagerer nicht zu erwidern , sondern jeden Schuß bis zu dem Augenblick des Sturmes aufzusparen . Außerdem hatte er die Steinschleuderer auf den Dächern um das Doppelte verstärkt . Zuletzt wählte er die Männer , die sich bisher am muthigsten gezeigt hatten , zu einem Elitecorps aus , das sich dem stürmenden Feinde blindlings entgegenwerfen und kämpfen sollte , bis die Anderen Zeit gehabt hätten , sich hinter die Barricaden der Nebenstraße zu retten . Oldenburg hatte kaum diese Anordnungen getroffen , als die Batterie mit noch fürchterlicherer Gewalt zu arbeiten begann und dann plötzlich verstummte . Einen Augenblick tiefe Stille , Tiefe Stille , und dann der eherne Klang von zwanzig Trommeln , die den Sturmmarsch schlagen . Und mit jedem Schlage rückt die Colonne näher heran - eine lebendige Mauer , scheinbar unaufhaltsam in ihrem Andrang . Kein Laut erschallt auf der Barricade . Oben auf den Dächern stehen die Männer und Knaben , die schweren Steine in den Händen ; in den Fenstern der Häuser , an den Schießscharten der Barricade selbst lauern die Schützen , die Büchse halb zur Wange schon erhoben . Und mit dem Tacte der Trommeln rückt die lebendige Mauer heran . Deutlich schon sieht man die schmucken Gardeuniformen ; man sieht die bartlosen Gesichter der Leute und das schwarze , finstere , bärtige Antlitz des riesigen Officiers , der voranschreitet . Und jetzt ruft der Officier ein Commando , das die Trommeln verschlingen , und wie er mit dem blitzenden Degen winkt , rufen die Soldaten : Hurrah ! hurrah ! hurrah ! und stürzen eilenden Laufs heran . Aber ehe sie die Barricade erreichen , krachen zwanzig Feuerschlünde , schmettern Hunderte von Steinen in die lebendige Mauer und sie schwankt und wankt wie eine Meereswoge , die mit vorüberhängendem Kamm gegen den Felsenstrand heranschäumt . Doch rollt sie weiter und jetzt prallt sie gegen die Barricade . Der Officier reißt mit seinen Händen große Stücke heraus . Nichts scheint seiner Riesenstärke widerstehen zu können . Da springt ihm ein Mann im Sammtrock , der als Waffe den Lauf eines Gewehrs schwingt , von dem der Kolben abgebrochen ist , entgegen . Als der Officier den Mann erblickt , taumelt er wie vom Blitz getroffen zurück . Das bringt seine Leute in Verwirrung und hemmt für einen Moment ihr Anstürmen . Die Barricadenmänner benutzen diese Pause und geben eine volle Salve . Der Officier fällt mit dem Gesicht vornüber todt zur Erde ; mit ihm stürzt ein halbes Dutzend seiner Leute mehr oder weniger schwer verwundet . Ein fürchterlicher Schrecken bemächtigt sich der Soldaten . Vergebens suchen die Officiere sie in den Kampf zu treiben . Die Barricade ist abermals gerettet ; man schreit einmal über das andere Hurrah , man umarmt sich mit Thränen der Freude in den Augen . Aber der Sieg ist theuer erkauft . Während ein Theil der Besatzung die halb zerstörte Barricade wieder aufbaut , ist der andere Theil mit den Verwundeten und Todten beschäftigt . Der im Sammtrock trägt den Leichnam eines Mannes herbei , welcher in der ersten Reihe wie ein Held gefochten hat , und von den feindlichen Bajonneten durchbohrt , an ihrer Seite gefallen ist . Oldenburg eilte herbei , ihnen zu helfen . Ist er todt ? Ja . Sie legen ihn neben einem der Feuer hin auf die Erde . Das bleiche Antlitz ist so still , so voll Frieden , und um die blassen Lippen schwebt ein sanftes , seliges Lächeln . Oldenburg schaut zu Oswald herüber , der an der andern Seite neben der Leiche kniet . Er erschrickt . Das Antlitz des jungen Mannes ist eben so bleich , wie des Todten Antlitz , und seine Augen stieren wie im Wahnsinn . Mein Gott , Oswald , Sie sind verwundet ? Ich fürchte , ja , erwiedert Oswald und sinkt neben Bergers Leiche zusammen . Zweiundfünfzigstes Capitel Seit der Nacht der Barricaden ist die Sonne zweimal aufgegangen . Ein wunderlieblicher Frühlingstag blaut über der ungeheuren Stadt . Von dem lichten Himmel heben sich scharf die prächtigen Paläste ab , deren gewaltige Säulen und reichgeschmückte Friese in der goldenen Morgensonne gebadet sind . Und in der goldenen Morgensonne baden sich auch Tausende und aber Tausende glücklicher Menschen , die in unabsehbaren festlichen Schaaren die Stadt durchwallen . Armes Volk ! sprach Oldenburg bei sich , während er hinabschaute auf die wogenden Menschen ; armes , wundersüchtiges Volk ! Als ob alle Heiligen des Kalenders die helfen könnten , wenn du dir nicht selbst hilfst ! Als ob die Sünden eines Menschenalters in einer Nacht gesühnt , als ob ein todtkranker Staat an einem Tage gesunden könnte ! Du willst schon vergeben und vergessen , Denen , die dir noch niemals , niemals etwas vergeben und was du , nach ihrem Sinn , an ihnen gesündigt , niemals vergessen haben ; niemals vergessen werden ; noch tragen deine Häuser die Spuren des brudermörderischen Kampfes , noch sind die Dächer , deren Steine du in deiner Verzweiflung auf die Köpfe deiner Feinde hinabschleudertest , abgedeckt ; noch ist das Pflaster nicht wieder eingefügt , das du aufrissest , dir einen Wall zu schaffen gegen frechen Uebermuth ; noch sind die Todten nicht begraben , die ihr Blut für dich vergossen , - noch harren auf ihrem Schmerzenslager zum Tode Verwundete der Stunde der Erlösung ! Das Hotel beherbergte zwei dieser Opfer . Unten , ein paar Fuß von der Straße , auf welcher die fröhlichen Menschen vorüber wimmelten über die Stelle , wo vorgestern Nacht die Barricade ragte , lag in einem Sarge ein bleicher Mann , von dessen Wangen ein grauer Bart weit auf die breite Brust herabfloß über eine tiefe Wunde , der vorgestern Nacht das Blut des edelsten Herzens entströmt war . Und hier in diesem selben Zimmer lag auf seinem Leidenslager hingestreckt ein junger Mann , der an der Seite des grauen Schwärmers tödtlich verwundet wurde , und dessen üppige Jugendkraft bis zu dieser Stunde unter unsäglichen Qualen mit dem unbarmherzigen Tode gekämpft hatte . Nach dem Sturm , bei welchem Berger fiel und Oswald die Todeswunde empfing , hatte das Militair keinen neuen Angriff gemacht . Sei es , daß man die Position wirklich für uneinnehmbar hielt , sei es , daß die schwankenden Gemüther , bei denen die Entscheidung war , hemmend in die Operationen eingriffen , sei es , daß der Tod des Fürsten Waldernberg , der mit einer an Raserei grenzenden Kühnheit den letzten Angriff geleitet hatte und bei dem Sturm gefallen war , eine Bestürzung in den Reihen der Soldaten verbreitete , die ihre Führer die Erfolglosigkeit eines abermaligen Versuchs voraussehen ließ - man hatte sich begnügt , von Zeit zu Zeit durch eine Kartätschenladung die Barricadenmänner aufzuschrecken ; endlich war gegen fünf Uhr Morgens der letzte Schuß gefallen . Oldenburg hatte auf seinem Posten ausgehalten , bis er sich überzeugte , daß in der That kein abermaliger Angriff zu befürchten stehe und das Militair Befehl zum Rückzug erhalten habe . Dann erst hatte er Schmenckel , der als sein treuer Knappe kaum von seiner Seite gewichen war , zu sich gerufen und sie hatten zusammen die schon halb abgeräumte Barricade , als die letzten Aller , verlassen . Schmenckel hatte noch in der Nacht Oldenburg mit Thränen in den Wimpern erzählt , daß der Officier , der vor ihren Augen gefallen , sein Sohn gewesen sei . Oldenburg hatte den sehr verworrenen Bericht von des ehrlichen Caspars sehr verworrenem Leben mit nicht geringem Erstaunen angehört , besonders die Geschichte der letzten Tage - die Intriguen des unseligen Albert Timm , dessen Leichnam in das Hospital getragen war , des schlauen Jeremias Gutherz , der den Ueberfall in dem » Dusteren Keller « geleitet und der der Erste gewesen war , der sich aus dem Staube machte ; die Conferenzen mit dem Grafen Malikowsky und der Fürstin Letbus ; und daß Timm ihm auch gesagt habe , auf welche Weise er aus Oswald Stein alle Tage , die er wolle , einen Baron Grenwitz machen könne . Oldenburg kannte die Welt und besonders die vornehmen Regionen , in welche Schmenckels Geschichten hineinspielten , zu genau , als daß er an der Möglichkeit , ja Wahrscheinlichkeit solcher Vorkommnisse hätte zweifeln sollen . Wußte Oswald von seiner Abstammung ? - doch das war ja am Ende so gleichgiltig ! Es war nicht anzunehmen , daß der Tod zwischen dem Sohne des Barons Harald oder des Sprachlehrers Stein einen besonderen Unterschied machen würde , und Oswald gehörte dem Tode . Eine Stunde nach seiner Verwundung war es entschieden . Um diese Zeit kam die erste ärztliche Hülfe , deren sich die Barricade zu erfreuen hatte , in der Person des Doctor Braun , der in Begleitung Melitta ' s anlangte . Melitta war noch bei Sophie gewesen , als der alte Baumann die Nachricht vom Ausbruch des Kampfes brachte , und daß Oldenburg in der Langen Straße die Barricade commandire . Melitta war sogleich entschlossen gewesen , zu Oldenburg zu eilen , und Sophie sah nur zu wohl , daß es Franz in einer Stunde , wo Tausende ihr Leben auf ' s Spiel setzten , nicht zu Hause litt , und trug es deshalb still , als er erklärte , Melitta begleiten zu wollen . Der alte Baumann und Bemperlein , der ebenfalls anwesend war , sollten bei Sophie bleiben und sich ihrer und der Kinder annehmen . Melitta und Franz hatten einen mühseligen Weg , bis sie endlich nach mehrstündiger Wanderung auf den größten Umwegen und oft mit Gefahr des Lebens ihr Ziel erreichten . Das Wiedersehen mit der Geliebten entschädigte Oldenburg tausendmal für Alles , was er ihrethalben gelitten hatte . Melitta umarmte und küßte ihn unter Thränen in Brauns Gegenwart , sie hing sich an seinen Arm , sie konnte sich nicht trennen von dem , dem sie nicht mehr am Leben zu finden gefürchtet hatte , und den sie jetzt , von Pulver geschwärzt , in der ganzen Glorie seiner stolzen Mannheit wiedersah , bis er ihr in ' s Ohr flüsterte , daß im Akazien-Hotel Oswald auf den Tod verwundet liege . Da hatte Melitta ihren Arm aus seinem Arm gezogen und hatte - ernst und bleich , aber nicht bestürzt - gesagt , daß sie den Kranken pflegen wolle , wie es ihre Pflicht sei . Seitdem war ein Tag und eine Nacht vergangen - eine Ewigkeit für Die , welche am Lager des von Höllenqualen Gefolterten wachten , der sich jetzt in seiner Raserei im Bette aufbäumte , so daß es Schmenckels ganzer Kraft bedurfte , ihn zu halten , und ein anderes Mal in sich überstürzender Hast die Bilder schilderte , die sich in wahnsinniger Fülle durch sein überreiztes Gehirn drängten . So hatte er , der sonst so Verschwiegene , das Geheimniß seiner Geburt enthüllt und damit Niemand so sehr überrascht , als die gute Frau Hauptmann , die sich lange nach ihrer Marie gesehnt und nun den Sohn Mariens endlich gefunden hatte , nur , um ihn sterben zu sehen . Die alte Dame schwebte wie ein guter Geist lautlos durch das Zimmer , und wenn sie gerade im Augenblicke nicht beschäftigt war , sah man , wie sie die Hände faltete und betete , daß ihr der Sohn der geliebten Tochter erhalten bleiben möge . Aber dazu war schon seit dem ersten Augenblick keine Hoffnung mehr gewesen . Franz hatte sofort erklärt , daß Oswald sterben müsse , daß er einen , höchstens zwei Tage noch leben könne . Es sei nicht wahrscheinlich , daß er vor dem Tode noch einmal zum Bewußtsein erwache . Melitta sah diesem Augenblick , wenn er ja eintreten sollte , mit Wehmuth entgegen . Sie wußte jetzt , daß sie Oswald nur noch als einen unglücklichen Bruder liebe . Oswald hatte in seinen Phantasien ihren Namen nicht einmal über die Lippen gebracht ; er hatte immer nur von einer lieben , schönen Frau gesprochen , gegen die er arg gesündigt habe , und die ihm , was er an ihr gefrevelt , nicht verzeihen könne . Die Erinnerung daran hatte dem Unglücklichen Thränen ausgepreßt ; und Melitta hatte ihm die Thränen von den Wagen gewischt und nur immer gewünscht , sie könnte ihm sagen , daß sie ihm längst verziehen habe . Da seufzte der Verwundete so tief , daß Oldenburg sich schnell im Fenster umwandte und an das Bett trat , an welchem Melitta saß . Aber das Seufzen war kein Schmerzenslaut gewesen , nur der letzte tiefe Athemzug einer Brust , von der die Last des Lebens für immer genommen ist . Dreiundfünfzigstes Capitel Und wieder ist die leuchtende Frühlingssonne zweimal aufgegangen , wieder trägt die ungeheure Stadt ein festliches Kleid ; aber die Farbe des Kleides ist die der Trauer , denn das Fest , das sie feiern , ist ein Todtenfest . Schwarze Fahnen wehen von den Thürmen und den Zinnen des Schlosses , Trauerflore sieht man überall aus den Fenstern hangen , mit Trauerfloren sind die Hüte der Frauen , sind die Hüte der Männer , sind die Arme der Unzähligen alle umwunden , die nach dem herrlichen Platz in dem Herzen der Stadt wallen , wo zwischen den im Mittagssonnenschein gebadeten Tempeln auf einer Estrade die Särge Derer stehen , die in der Schreckensnacht fielen - einhundertsiebenundachtzig Todte - darunter Frauen und Kinder - unschuldige Blumen , die dem grausen Schnitter , als er die Garben mähte , aus denen die Saat der Freiheit geerntet werden sollte , unter die erbarmungslose Sense kamen . Und selbst damit ist die blutige Ernte noch nicht vollendet . Noch liegen in den Hospitälern , in den Häusern überall in der Stadt Schwerverwundete , von denen noch Mancher den goldenen Tag der Freiheit nimmer schauen wird . Und nun beginnen von allen Thürmen in feierlichen Klängen die Glocken zu läuten , - dieselben Glocken , die in der Barricadennacht den Schlachtruf heulten . Die kirchliche Handlung ist vollendet . Der Zug setzt sich in Bewegung . Ein Zug wie ihn die Stadt nimmer sah , wie er vielleicht einzig ist in der Welt Geschichten . Da schweben die gelben , von reichen Kränzen umwundenen Särge in unabsehbarer Reihe auf den Schultern der Bürger hin durch die blaue Frühlingsluft und zwanzigtausend Menschen jeden Alters und Standes geben ihnen das Geleit . An jedem Sarge ist ein Zettel mit dem Namen des Todten . Namenlose Namen ! Wer war Oswald Stein ? wer war Eberhard Wolfgang Berger ? Was thut der Name ? Was thut es , was sie im Leben waren ? was sie im Leben thaten und litten , fehlten und sündigten , strebten und irrten ? Der Tod für die Freiheit krönt alles Streben , sühnt alle Schuld . Das fühlen , das sagen die Hunderttausende , die , rechts und links in gedrängten Reihen am Wege stehend , den Zug an sich vorüberziehen lassen , und vor jedem Sarge die Häupter ehrfurchtsvoll entblößen . Und so geht der