, wo möglich , sogleich zu kommen , und hören Sie ! sagen Sie Mademoiselle , ich wollte heut ' selbst den Kaffee serviren , sie möge nur in der Wäschkammer bleiben . - Zu Befehl , gnädige Frau . - Und was ich sagen wollte , Sie brauchen die Anderen noch nicht zu rufen . - Zu Befehl , gnädige Frau . Der Mann ging seine Aufträge auszurichten . Anna-Maria schritt an der Laube vorüber in einen langen , ganz überwölbten Buchengang , der von dem großen Rasenplatze aus mehrere hundert Schritte bis an ein Gehölz führte , in welchem eine kleine verfallene Kapelle stand . Sie schien ganz vergessen zu haben , daß sie Felix in die Laube beschieden hatte , denn sie ging immer weiter , die Augen auf den Boden geheftet , bis sie das Ende des Ganges und die Kapelle erreicht hatte . Es war eine liebliche , süß melancholische Stelle . Uralte Riesenbäume umwölbten den Platz mit ihren breiten Laubkronen , daß kaum ein Sonnenstrahl sich hineinstehlen konnte . Der Boden war mit dichtem Moos bedeckt ; langes Gras wuchs zwischen den umhergestreuten Steinfliesen ; die weitklaffenden Spalten des alten Gemäuers waren von dunkelgrünem Epheu übersponnen ; hier und da ragte ein hoher blühender Busch aus den Ruinen . Auf dem morschen Kreuz in einer der leeren Fensternischen saß ein Vögelchen und sang . Das war der einzige Laut , den man vernahm . Er schien die Stille rings umher nur noch stiller zu machen . Einen Liebhaber der Einsamkeit würde der Platz entzückt haben . Aber die Baronin erhob kaum einmal die Augen vom Boden , sich flüchtig umzusehen . Sie hatte überhaupt sehr wenig Sinn für Sonnenstrahlen , die durch ein dichtes Laubgitter zittern , für blaue Schatten und andere Requisiten landschaftlicher Schönheit , und heute vorzüglich war ihr Geist von ganz anderen Dingen in Anspruch genommen . Sie setzte sich auf eine Steinbank unmittelbar unter der leeren Fensternische , in welcher das Vögelchen sang , nahm aus der Tasche ihres Kleides einen Brief und begann denselben noch einmal zu lesen . Es war der Brief , den Helene heute Morgen in dem guten Glauben , daß das Wort der Mutter , sie werde sich nie um ihre Correspondenz kümmern , eine Wahrheit sei , geschrieben , und in dem vollen Vertrauen auf die Heiligkeit des Briefgeheimnisses ihrem Kammermädchen übergeben hatte mit dem Auftrage , ihn in die Küche zu tragen , wo der Postbote sich an einer Tasse Kaffee erquickte . Das Mädchen war der Baronin auf dem Flur begegnet , und von dieser gefragt worden , von wem der Brief sei ? Auf die Antwort : von dem gnädigen Fräulein , hatte die Baronin sich den Brief geben lassen , mit der Weisung , den Postboten hernach zu ihr auf ' s Zimmer zu senden , sie selbst habe noch mehrere Aufträge für ihn . Und hier saß sie nun auf der steinernen Bank neben dem alten Gemäuer unter der Fensternische , in welcher das Vögelchen so lustig zwitscherte und studirte den Brief , den unseligen Brief , den sie nun schon beinahe auswendig wußte . Die Frucht von dem Baume der Erkenntniß , die sie so freventlich gestohlen , war bitter , sehr bitter . Sie hatte ihre Tochter nie geliebt ; jetzt aber haßte sie ihre Tochter . Also wirklich ! ihr schlimmster Verdacht bestätigt ! für alle ihre Güte mit schwarzem Undank belohnt ! des Egoismus von ihrem eigenen Kinde angeklagt ! in allen ihren Plänen von diesem Starrkopf durchkreuzt ! Helene im besten Einverständniß mit den beiden Verhaßten ! Fräulein von Grenwitz in Liebe zu einem Miethling , einem gemeinen Menschen , der bei ihren Eltern in Lohn und Brod stand ! Denn was bedeuteten zuletzt all die schönen Phrasen von Oswald ' s Herzensgüte , von dem Antheil , den sie an seinem geheimen Kummer nahm ? Die Baronin verstand sich freilich schlecht auf die Sprache der Liebe ; so viel aber wußte sie , die Gleichgültigkeit spricht so nicht . Dahin also war es gekommen ! Helene wollte Krieg ! gut - sie sollte ihn haben . Es sollte sich zeigen , wer die Stärkere war : die Mutter oder die Tochter . Jetzt zurückweichen ? zugeben , daß dieses ungerathene Kind ihren Willen durchsetzt ? den jahrelang erwogenen Vorsatz einer thörichten Mädchenlaune opfern ? Nimmermehr ! Aber was jetzt thun ? noch einmal es mit scheinbarer Güte versuchen ? oder die Maske fallen lassen und befehlen , wo mit Bitten nichts anzurichten war ? Und vor allem : wie weit Felix in das Geheimniß einweihen ? würde sich nicht sein Stolz regen , wenn er erführe , wie tief er in den Augen Helenens stand , wie sehr sie ihn verachtete ? Konnte er nicht zurücktreten ? und setzte dann Helene nicht doch ihren Willen durch ? triumphierte die Tochter dann nicht doch über die Mutter ? Ehe die Baronin über diesen Punkt mit sich in ' s Klare kommen konnte , vernahm sie Schritte ganz in ihrer Nähe . Sie faltete eiligst den Brief zusammen und verbarg ihn hastig in der Tasche ihres Kleides . Felix hatte Niemand in der Laube gefunden , und zufällig einen Blick in den Buchenwald werfend , die Baronin in der Tiefe desselben zu erblicken geglaubt . Also doch , sagte er , als sich die Baronin bei seiner Annäherung erhob ; ich wußte wahrlich nicht , ob Sie es waren . Der Kaffee steht in der Laube ; aber , wie König Philipp auf dem Thron , einsam und allein . Es scheint sich alle Welt , wie ich , verschlafen zu haben . Setzen Sie sich hierher zu mir , lieber Felix , sagte die Baronin ; es hat mit dem Kaffee keine so große Eile . Wir können hier ungestörter sprechen als dort . Ein allerliebst verschwiegenes Plätzchen zu einem ehrbaren Rendezvous , erwiederte Felix lachend , neben der Baronin auf dem Bänkchen Platz nehmend . In diesem Augenblick verstummte das Vögelchen , das oben in der Fensternische gesessen hatte und flog in einen der Bäume . Das bleiche , von dunkeln Locken eingerahmte Gesicht eines Knaben erschien in der Höhlung und schaute herunter , um sofort , nachdem es die Beiden erblickt hatte , wieder zu verschwinden . Daß Sie doch noch immer zum Scherz aufgelegt sind , lieber Felix ! sagte die Baronin . Noch immer ? erwiederte Felix , was ist denn geschehen , weshalb ich weinen sollte ? Sie können wohl nicht vergessen , was ich neulich Abends sagte ? Pah ! ich habe mich lange von dem Schreck erholt ; es war ein blinder Schuß , glauben Sie mir ! Ich wollte , ich könnte Ihre Zuversicht theilen , lieber Felix ; aber ich habe meine guten Gründe , anderer Meinung zu sein . Ich habe Helene seitdem genauer beobachtet ; ich kann mich von dem Gedanken nicht losmachen , daß doch etwas an der Sache ist . Aber , verzeihen Sie mir , Tante ; Sie haben ein bewunderungswürdiges Talent , Alles schwarz zu sehen . Es war ein kindischer Einfall von der kleinen Breesen ; sie wollte mich ärgern - voilà tout ! Ich kann Helenen nicht zutrauen , daß sie mir einen Schulmeister vorzieht . Es wäre ja lächerlich , horriblement lächerlich , sagte der Ex-Lieutenant und betrachtete wohlgefällig seine lackirten Stiefel . Und gesetzt auch , Helene könnte sich nicht so weit vergessen , - daß es nur die thörichte Laune eines Augenblicks wäre , versteht sich ohnehin von selbst - sind Sie denn mit ihrem Betragen , Ihnen gegenüber , zufrieden ? Sie wird ihr Betragen ändern , sobald sie sieht , daß wir Ernst machen . Und wenn sie sich nicht ändert ? Nun , so sind wir Gott sei Dank noch nicht verheirathet ; sagte Felix in der Bewunderung seiner Stiefel verloren , wahrscheinlich nicht genau wissend , was er sagte . Dann dürfen wir ja auch unser Gespräch abbrechen , sagte die Baronin sich erhebend ; wenn Sie mit einer solchen Gleichgültigkeit von dem Scheitern eines Planes sprechen können , an dessen Ausführung , sollte ich denken , uns Beiden gleichviel gelegen sein muß , so verlohnt es sich auch nicht der Mühe , weiter darüber zu reden . Aber theuerste Tante , sagte Felix aufspringend und der Baronin die Hand küssend ; Sie sind auch wahrlich heute in einer schauerlichen Laune . Wie können Sie ein Wort , bei dem ich mir , auf Ehre , nicht das Mindeste gedacht habe , so übel nehmen ? Es fuhr mir so heraus . Sie wissen ja , daß meine Zunge Vieles spricht , was ich bei Leibe nicht verantworten möchte . Setzen Sie sich wieder , ich bitte Sie . Sie sagten , wenn Helene ihr Betragen nicht ändert ? meine ernste Antwort ist : so heirathe ich sie doch . So etwas findet sich , wenn man nur ernst im Wagen sitzt ; auf der ersten Station wird geweint : auf der zweiten wird geschmollt ; auf der dritten fängt man an zu lächeln ; auf der vierten - Genug ! sagte die Baronin , Sie sind ein unverbesserlicher Leichtfuß , der - Ueberall da hingelangt , wo er hingelangen will . Und deshalb lassen Sie Ihre Bedenken fahren und uns zum Kaffee gehen , der sonst wahrlich kalt wird . Nicht so schnell ! sagte die Baronin ; wozu rathen Sie denn nun ? Wozu ich immer gerathen habe . Sagen Sie Helenen - da ich ja doch einmal mich auf keinen Fall direct in die Sache mischen soll - Du heirathest Deinen Vetter , Baron Felix von Grenwitz , und zwar binnen hier und irgend einer beliebigen Zeit . Abgemacht , Sela . Ist das Ihr Ernst ? Mein wohlerwogener Ernst . Wann wollen Sie den großen Ball geben ? Uebermorgen . Gut . Das ist eine vortreffliche Gelegenheit , der Gesellschaft unsere Verlobung anzukündigen . Sagen Sie Helene : wenn Du am Donnerstag Abend nicht Felix ' Verlobte bist , gehst Du am Freitag früh in die Pension zurück . Sie sollen sehen : das hilft . Ich fürchte , die Drohung dürfte den entgegengesetzten Erfolg haben . Man hat Helene in Hamburg viel zu sehr verwöhnt . Ich glaube , sie ginge lieber heute zurück , als morgen . Eh bien ! so schicken Sie die kleine Widerspenstige nach Grünwald in die Musterpension von Fräulein Bär . Es ist das freilich , wie mir die kleine Breesen , die dort erzogen ist , neulich mittheilte , eher eine Strafanstalt als eine Pension ; aber je schlimmer , desto wirksamer - ich meine , die Drohung , denn daß es ma chère cousine nicht zum Aeußersten kommen lassen , sondern sich , genau zur rechten Zeit , besinnen wird , darauf hin will ich mich hängen lassen . Verzeihen Sie , Tante ; ich weiß , Sie lieben die starken Ausdrücke nicht . Es ist wirklich eine recht üble Angewohnheit von Ihnen , sagte die Baronin , sich erhebend , während Felix ihrem Beispiele folgte . Die ich Ihnen zu Gefallen ablegen werde , erwiederte er , der Baronin den Arm bietend . Noch eins , sagte diese , stehen bleibend ; glauben Sie , daß Grenwitz darein willigen wird ? Ob ich das glaube ? rief Felix mit einem für den alten , guten Baron wenig schmeichelhaften Lachen ; ob ich das glaube ? Ma foi , chère tante , da müßte mein sehr würdiger Onkel doch nicht beinahe zwanzig Jahre unter Ihrem Commando gestanden haben . Wie lange habe ich denn die Ehre , unter Ihnen zu dienen ? ein paar Wochen , und ich dächte , ich wäre schon ganz passabel gedrillt . Sie sind ein Schmeichler , sagte die Baronin gütig , aber man kann Ihnen nicht bös sein . Und das Paar entfernte sich , Arm in Arm . Als die Stimmen nicht mehr zu vernehmen waren , schaute das Knabengesicht wieder vorsichtig zu der Fensternische heraus . Es war noch bleicher , als vorhin . Der Knabe streckte nach den Davongehenden drohend den Arm aus , und seine Lippen murmelten einen grimmigen Fluch . Dann , als die Beiden nicht mehr zu sehen waren , ließ er sich aus der Fensternische herab auf die Bank , wo sie gesessen hatten . Neben der Bank , in dem dicken Moose , lag ein schlecht zusammengefalteter Brief , den die Baronin aus der Tasche verloren hatte . Der Knabe hob ihn auf und als er sah , daß er von Helenens Hand war , drückte er ihn mit stürmischer Zärtlichkeit an seine Lippen . Dann verbarg er ihn sorgsam in seiner Brusttasche , blickte sich noch einmal vorsichtig um , und war im nächsten Augenblick im dichten Gebüsch verschwunden . Zweiundfünfzigstes Capitel Die Behauptung von Felix ' vielgewandtem Kammerdiener betreffs der Unwiderstehlichkeit seines Herrn in Liebesaffairen war zwar als eine Beleidigung des schönen Geschlechts im Allgemeinen und des in der Küche versammelten , weiblichen Dienstpersonals im Besonderen von diesem letzteren auf ' s heftigste bestritten worden , der Vielgewandte indessen hatte dazu nur geheimnißvoll gelächelt , sich , nach der Weise seines Herrn , in den Stuhl zurückgelehnt , die Beine von sich gestreckt und mit einem vielsagenden Zwinkern seines rechten Auges auf die geblickt , welche in dem unerquicklichen Disput die höchste moralische Entrüstung und die größte Zungenfertigkeit zeigte . Die hübsche Luise war auf diesen Blick hin sehr roth geworden und so plötzlich verstummt , daß es selbst die Aufmerksamkeit des schweigsamen Kutschers erregte und ihn zu der Wiederholung seiner früheren Bemerkung veranlaßte : es sei nicht Alles Gold , was glänze . Darauf hatte die hübsche Luise zu weinen angefangen , die alte , brave Köchin sich ihrer aber angenommen und gemeint : der Herr Kammerdiener solle sich schämen , durch gehässige » Insinuationen « und » mechante « Blicke ein armes Mädchen in schlechten Ruf zu bringen ; der Vielgewandte , welcher bemerkte , daß er zu weit gegangen sei , sich sodann zu der Erwiederung genöthigt gesehen : wie es ihm nicht eingefallen sei , auf irgend eine der anwesenden Damen direct anzuspielen , und daß er mit seinem Zwinkern schlechterdings gar nichts habe sagen wollen . Diese Erklärung hatte denn schließlich den so freventlich gestörten Frieden der um den Küchenheerd versammelten Gesellschaft wieder hergestellt . Indessen verhielt sich die Sache genau so , wie der Vielgewandte angedeutet hatte . Baron Felix war noch nicht vierundzwanzig Stunden auf dem Schlosse gewesen , als er schon Mademoiselle Marguerite und die hübsche Luise als diejenigen Personen herausgefunden hatte , welche besonders dazu geeignet sein dürften , ihm die Langeweile des Landlebens und die Unbequemlichkeit einer Brautwerbung tragen zu helfen . Er hatte Albert , den buon camerata so vieler ähnlicher Heldenthaten in der Cadettenzeit , über Mademoiselle auszuholen versucht und seinem Jean den Auftrag ertheilt , die Moralität der hübschen Luise gelegentlich auf die Probe zu stellen . Albert war einen Augenblick in Zweifel gewesen , ob er Felix ' saubern Plan nicht wenigstens so weit begünstigen sollte , um einen Grund zu haben , auf den er sich stützen könnte , wenn es ihm später vielleicht einmal darauf ankäme , mit Marguerite zu brechen . Dann aber hatten die Eifersucht und der Haß , welchen er gegen seinen früheren Kameraden empfand , doch den Sieg davon getragen . Er hatte Felix erzählt , wie er ganz bestimmt - von Mademoiselle selbst - wisse , daß sie - » mit einem Candidaten der Theologie , der Himmel weiß wo ? ich glaube in Grünwald « - verlobt sei , daß er selbst versucht habe , sich die Gunst der schwarzäugigen Genferin zu erwerben , und also von der gänzlichen Hoffnungslosigkeit - » nach dieser Seite hin etwas auszurichten « vollkommen überzeugt sei . Felix , obgleich er sonst nicht der Mann war , sich durch dergleichen Mittheilungen einschüchtern zu lassen , tröstete sich um so leichter über das Fehlschlagen dieses seines Planes , als ihm der Vielgewandte gesagt hatte , daß eine sofort angestellte forcirte Recognoscirung nach der andern Seite durchaus von dem günstigsten Erfolg gekrönt worden sei , und daß er seinem Herrn schon im voraus zu dieser Acquisition gratuliren zu können glaube . Don Juan Felix hatte darauf unter Beistand des Vielgewandten nach allen Regeln langgeübter Kunst das Vögelchen in das Garn zu locken versucht , und sich denn auch nicht weiter gewundert , als es schon nach wenigen Tagen in die kunstgerecht aufgestellten Netze flatterte . Die Einrichtung des Schlosses mit seinen labyrinthischen Corridoren , seinen vielen großen und kleinen Treppen , auf denen man unversehens in Etagen gelangte , in die man gar nicht wollte , mit seinen unzähligen Thüren , von denen die eine aussah wie die andere , machte für Jemand , der die Localität nicht ganz genau kannte , die Durchführung eines galanten Abenteuers zu einer äußerst schwierigen und bedenklichen Sache . Das hatte auch Felix erfahren , indem er sich einige Mal auf seinen nächtlichen Wanderungen gründlich verirrte und nur mit der äußersten Mühe und nach stundenlangem , vorsichtigem Umhertappen sein Zimmer wieder gewann . Er zog es deshalb vor , in dem Garten , der sich mit seinen schattigen Gängen und still verschwiegenen Lauben auch ganz vortrefflich dazu eignete , und in den man sowohl aus der Leutewohnung , wie aus dem Herrenhause ohne große Mühe gelangen konnte , den angesponnenen Roman weiter zu führen . So hatte er sich denn auch in dieser Nacht aus dem Schlosse gestohlen , und harrte , in den dichten Boskets , von denen aus man die Seitenfront des alten Schlosses und die Leutewohnung , die in einer Linie daran gebaut war , beobachten konnte , seines armen Opfers . Die Schloßuhr schlug zwölf - die Stunde , welche er zum Rendezvous bestimmt hatte . Der Mond schien hell , die Thautropfen auf den Blumen und Blättern glitzerten in seinen Strahlen ; Felix konnte auf seiner Uhr sehen , daß die Schloßglocke eine Viertelstunde zu spät geschlagen hatte . Die Lichter im Schloß waren erloschen ; nur in zwei der Fenster des hohen Parterres schimmerte durch die rothen Vorhänge der Schein einer Lampe . Es war Helenens Zimmer . Felix sah in regelmäßigen Zwischenräumen die undeutlichen Umrisse ihrer Gestalt hinter dem Vorhang - offenbar schritt sie im Zimmer auf und ab . Dann mußte sie sich wieder an das Clavier gesetzt haben , denn einzelne Töne , den Lauten des Vogels gleich , der im hellen Mondschein träumend sein Lied zu singen versucht , irrten durch den stillen Garten ; die Töne flossen zusammen zu Accorden und endlich strömte in vollen rauschenden Wogen Beethoven ' s herrliche Sonate pathétique , wie der Gesang eines Engels , der um Mitternacht mit ausgebreiteten Flügeln über die Erde schwebt , und alles Erdenleid und alle Erdenqual in seinem göttlichen Herzen sammelt und ausströmt in ein feierliches Lied voll unendlicher Schwermuth und himmlischer Süßigkeit . Felix empfand in diesem Augenblick , wo er , den Arm auf eine Urnensäule gelehnt , lauschend dastand , eine Art von Gewissensbiß darüber , daß er , der Wüstling , der Unreine , die Hand auszustrecken , die Augen zu erheben wagte zu ihr , der Keuschen , Reinen . Er nahm sich in diesem Augenblicke vor , ein anderes Leben zu beginnen , die Thorheiten abzustreifen , und er glaubte alles Ernstes , daß er nur zu wollen brauche , um zu können . Er hörte mit einer gewissen Andacht der Musik zu . Er war Kenner genug , um zu fühlen , daß die Sonate nicht schöner , nicht seelenvoller gespielt werden konnte , er sagte bei einzelnen Passagen leise bravo ! bravo ! als ob er sich in einem Concertsaale befände . Aber Helene und Beethoven , Tugend und Musik und was noch sonst Alles in diesen Minuten durch sein Hirn gezogen sein mochte - Alles war im Nu versunken , wie eine Fata Morgana , als sein Ohr jetzt den leisen Schritt eines Menschen vernahm . Der Schritt kam von einer anderen Seite , als Felix erwartete . Indessen die hübsche Luise mochte ja einen Umweg gemacht haben , um die breiteren , von dem Mondschein allzu hell beschienenen Gänge in der unmittelbaren Nähe des Schlosses zu vermeiden . Der Schritt kam näher und näher , und Felix , der auf den Einfall gerieth , sich ein wenig suchen zu lassen , drückte sich dicht in die Gebüsche . Wie groß aber war sein Erstaunen , als er statt der hübschen Luise Bruno an sich vorüberschleichen sah . Im ersten Augenblick mußte Felix über diese Enttäuschung lachen ; im nächsten aber schon fiel ihm ein , daß durch diese Dazwischenkunft sein Rendezvous mehr wie bedenklich werde , und daß es unter diesen Umständen wohl das Gerathenste sein möchte , sich in das Schloß zurückzustehlen . Wer weiß , wie lange sich der Junge hier herumtreiben wird ; am Ende ist er gar verliebt , oder er ist verrückt , oder beides , denn er sieht nach beidem aus ; oder er ist mondsüchtig und geht so ein paar Stunden hier spazieren . Der verdammte Bengel ! überall steht er im Wege ; ich hätte große Lust , ihm nächstens einige fühlbare Beweise meiner freundschaftlichen Gesinnung zu geben . Auf jeden Fall will ich ihm das Feld räumen . Jetzt kann man noch als verspäteter Liebhaber eines Mondscheinabends auftreten ; später geht das nicht mehr gut . Aber der Tante wollen wir doch von diesen nächtlichen Excursionen der Zöglinge des Herrn Stein erzählen . Felix hatte den Weg nach dem Schlosse fast zurückgelegt , ohne Bruno zu sehen , und schon hoffte er , daß der Knabe sich aus dem Garten entfernt habe und sein Rendezvous doch noch zu Stande kommen könne , als er , über einen kleinen offenen Platz schreitend , der halb vom Mondschein erhellt und halb im Schatten lag , Bruno auf einer Bank sitzen sah , die Augen nach Helenens Fenster gerichtet , aus denen noch immer die Tonwellen rauschten . Der Knabe schien so in andächtiges Zuhören verloren , daß er Felix erst bemerkte , als dieser schon ganz nahe war . Weshalb treibst Du Dich denn hier noch so spät umher ? sagte Felix , dessen Aerger sich mindestens in einigen unfreundlichen Worten Luft machen mußte ; ich werde es der Tante sagen . Bekümmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten , sagte Bruno , der in der ersten Ueberraschung aufgesprungen war und ein paar Schritte auf den Platz gethan hatte , trotzig stehen bleibend , als er in dem Herankommenden den verhaßten Felix erkannte . Du bist ein naseweiser Bursche , sagte Felix . Und Du ein gemeiner Schurke , erwiederte Bruno . Der Dich für Deine Unverschämtheit züchtigen wird , sagte Felix , dem mit untereinandergeschlagenen Armen vor ihm stehenden Knaben einen Backenstreich versetzend . Bruno taumelte ein paar Schritte zurück ; Felix sah , nicht ohne leichten Schauder zu empfinden , wie die Augen des Knaben buchstäblich glühten ; dann brach ein dumpfer , röchelnder Schrei aus seiner Kehle - ein mächtiger Sprung , wie eines Leoparden , der sich auf seine Beute stürzt - und im nächsten Moment lag Felix am Boden und die starken Hände Bruno ' s schlossen sich wie eiserne Klammern um seine Kehle . Er rang wie ein Verzweifelter , den Knaben von sich abzuschütteln und wieder in die Höhe zu kommen , aber vergebens . So oft er sich auch mit dem Körper emporbäumte , so oft er Bruno von sich fortzudrücken versuchte , jedesmal fühlte er seine Anstrengungen von einer unwiderstehlichen Kraft paralysirt , und fester und fester schlossen sich die schlanken Finger um seinen Hals . Laß mich los , Bruno , stöhnte er . Befiehl Deine Seele Gott , denn Du mußt sterben , knirschte Bruno . Felix fühlte , wie seine Kräfte ihn verließen , während die seines Gegners mit jedem Augenblick zu wachsen schienen . Todesangst ergriff ihn . Er wollte um Hülfe rufen , aber kein Laut entrang sich seinen bebenden Lippen ; er fühlte ein dumpfes Sausen in den Ohren , das immer lauter und lauter wurde ; vor seinen Augen wurde es Nacht , durch die Millionen kleiner Sterne schossen - wüste Gedanken jagten wie vor dem Sturmwind treibende Wolken durch sein Gehirn - plötzlich , als ihn der letzte Schimmer von Bewußtsein zu verlassen drohte , fühlte er , wie die entsetzliche Last von seiner Brust verschwand - und als er endlich die Kraft fand , sich vom Boden zu erheben und um sich zu blicken , war er allein . Der Mond schien hell vom tiefblauen Himmel ; das Licht in Helenens Zimmer war erloschen ; die Musik war verstummt . Felix hätte glauben können , den Kampf mit Bruno geträumt zu haben , wenn nicht die heftigen Schmerzen , die er an mehr als an einer Stelle des Körpers fühlte , seine über und über mit Sand bedeckten Kleider und der rings umher aufgewühlte Boden ihm zur Genüge bewiesen hätten , daß dies Alles nur zu wirklich gewesen war . Mit einem von Wuth erfüllten Herzen schleppte er sich in das Schloß , wie ein Wolf , der die Hürde beschleichen wollte , aber von einer edlen Dogge zerzaust und zerbissen in den Wald zurückhinkt . Dreiundfünfzigstes Capitel Die Baronin hatte noch an demselben Abend den Brief Helenens vermißt . Diese Entdeckung erfüllte sie mit nicht geringer Unruhe . Wie leicht konnte der Brief in fremde , das heißt : in Hände fallen , die ihn Helenen wieder auslieferten , und wie viel hatte sie sich dann dem stolzen , unbeugsamen Mädchen gegenüber vergeben ! Jeder Vortheil , den sie durch die genaue Kenntniß von dem Gemüthszustand ihrer Tochter über diese errungen , und den sie durch Anspielungen , Drohungen so geschickt auszubeuten gedacht hatte , war unwiederbringlich verloren . Es war fatal , äußerst fatal ! Die Baronin erinnerte sich ganz genau , den Brief in die Tasche ihres Kleides gesteckt zu haben , als Felix den Gang herauf kam . Wahrscheinlicherweise hatte sie ihn also an der Kapelle verloren . Sie erinnerte sich , daß sie während der Unterredung mit ihrem Neffen einmal das Taschentuch gezogen hatte , um die Beleidigte mit noch größerer Würde zu spielen . Indessen war es heute Abend zu spät , noch Nachforschungen anzustellen ; sie mußte es sich gefallen lassen , eine beinahe schlaflose Nacht zuzubringen und den Morgen mit einem heftigen Kopfweh herandämmern zu sehen . Sie ging alsbald in den Garten nach der Kapelle . Der Brief war nicht da ; auch nicht in dem Buchengange , oder in der Laube . Im höchsten Maße verdrießlich über diesen bösen Zufall kehrte die Baronin in ' s Schloß zurück . Dort erwarteten sie andere Unannehmlichkeiten . Oswald schickte herunter , um zu melden , daß Bruno sich nach einer schlechten Nach sehr unwohl fühle , und daß er bitte , man möge einen reitenden Boten zu Doctor Braun senden . Auch ließ er bitten , Malte für heute unten zu behalten , da er , bis der Doctor käme , Bruno nicht gern allein lassen möchte . Die Baronin ließ zurücksagen : sie hoffe , daß es mit Bruno ' s Unwohlsein nicht viel auf sich habe und daß die in dem Unterricht eintretende Pause nicht zu lange dauern werde . Uebrigens würde heute im Laufe des Vormittags noch so wie so in die Stadt geschickt . Ein paar Stunden später ließ Felix sich entschuldigen , wenn er heute nicht zum Frühstück komme ; er fühle sich nicht ganz wohl ; gedenke indessen , an der Mittagstafel zu erscheinen . Felix verspürte in der That noch einige unangenehme Folgen seines Kampfes mit Bruno . Zuerst und vor allem die brennende Scham , einem Knaben unterlegen zu sein , vielleicht nur einem Zufall , einer plötzlichen Anwandlung von Großmuth sein Leben zu verdanken zu haben . Sein ganzer Leichtsinn gehörte dazu , ihm über diesen unangenehmen Gedanken wegzuhelfen . Er suchte sich einzureden - und nach und nach gelang es ihm auch - die Sache sei so ernsthaft nicht gewesen , und wenn er nicht , als Bruno sich so unerwartet über ihn stürzte , ausgeglitten wäre , und wenn dann sein » verdammter Rheumatismus « ihm nicht die Arme gelähmt hätte , würde er ja » den Jungen abgeschüttelt haben , wie eine Fliege , ihm eine tüchtige Tracht Schläge obendrein gegeben haben . « Daß vorläufig er die Schläge bekommen und daß die Fliege fest zuzupacken verstand , das bewiesen die blauen Flecken , die er auf der Brust , am Halse , an den Armen aus dem Kampfe als sicheres Zeichen der Niederlage davongetragen hatte . Der Vielgewandte gerieth in einiges Staunen , als er seinen Herrn in einem Zustande sah , der nur zu sehr an die selige Cadettenzeit erinnerte , wo Franzbranntwein und aqua Gourlardi zu den nothwendigsten Toiletterequisiten gehörten . Der Vielgewandte bewies , daß er die Kunst , Beulen und blaue Flecke zu behandeln , eben so wenig verlernt habe , als sein Herr das Talent eingebüßt hatte , sich solche zu holen , und schon gegen Mittag sah er sich in einem salonfähigen Zustande . Dennoch zweifelte er , ob er bei der Tafel erscheinen solle oder nicht . Der Gedanke , Bruno gegenüberzutreten , des Knaben dunkle Augen voll Hohn und Schadenfreude auf sich ruhen zu sehen , vielleicht gar in Oswald ' s Blicken wahrzunehmen , daß er von den Ereignissen der verwichenen Nacht vollkommen unterrichtet sei , war ihm äußerst peinlich . Es fiel ihm daher ordentlich eine Last vom Herzen , als Jean berichtete , die Tafel werde heute sehr klein sein , denn Junker Bruno und der Herr Doctor würden nicht erscheinen . So warf er denn noch einen Blick in den Spiegel