beschäftigen , da wir ja an der modernen in vier bis fünf Sprachen übergenug haben . « Lelio lächelte und Florentin nahm das Wort : » Wie wär ' es möglich , sich mit dergleichen Antiquitäten zu befrachten , da jetzt unsere ganze Gegenwart eigentlich eine Weissagung ist . « » Welche sich durch tanzende Tische ausdrückt , nicht wahr ? « warf Judith ein . » Oder durch Brigham Young , den Mormonenhäuptling und Konsorten ! « rief Lelio . » Nein , nein ! Durch Jung-Deutschland und Jung-Israels Zeitungsblätter ! « sagte Orest . » Genug ! « rief Florentin triumphierend , » durch Millionen Stimmen , die Ihr verhöhnt , weil Ihr sie nicht widerlegen könnt - und gegen die Ihr aufschreit , weil Ihr Euch vor ihnen fürchtet . « » O nein , « sagte Lelio , » wir wissen , daß es von Anbeginn falsche Propheten gegeben hat , und daß sie großen Zulaufs sich erfreuten ; denn sie reden zur Welt vom Weltgeist . Sie schauen sich um in den niederen Geistesschichten der Epoche nach der vorherrschenden Strömung und Richtung derselben und nach welchem Punkt hin diese die Fahne des Zeitgeistes drehen , die eben eine Wetterfahne nur ist und kein edles Banner von bestimmter Farbe , das seinen Ehrenplatz einnimmt . Jenen Punkt fassen die falschen Propheten in ' s Auge , erzählen Wunderdinge von ihm , zünden bengalisches Feuer um ihn an , streuen Weihrauch in dasselbe und machen sich zu dessen Priester . Die Luft weht irdisch schwül in jenen Niederungen . Da bläht sich eine falsche Wissenschaft auf , da fächelt sich die Selbstvergötterung mit Pfauenfedern , da spreizt sich der Hochmut , da flattert die Neugier umher , da schwelgt die Sinnlichkeit , da haucht jede böse Lust ihre giftigen Dämpfe aus ; und in diesen Niederungen sind die falschen Propheten zu Hause , oder siedeln sie sich an . Da sind sie willkommen ; da werden ihre Verheißungen gierig aufgenommen . Es sind ja die Spiegelbilder der eigenen Begierden ! Der falschen Wissenschaft wird die Herrschaft ihres Idols : Erkenntnis , verheißen ; der Selbstvergötterung die Herrschaft ihres Idols : Emanzipation von jeder höheren , heiligen Schranke ; der Neugier ihr Idol : den Einblick in schauerlich interessante Mysterien ; dem Hochmut : einen Thron für das Individuum ; der Sinnlichkeit wird das uralte Wort zugerufen : wie Götter werdet ihr sein ! So hört jeder von dem falschen Propheten das , was seine Begier verlangt , labt sich an dieser Zusage , hofft auf deren Verwirklichung , treibt und drängt nach seinen Kräften zu ihr hin , schwelgt in der Verheißung und preist den , der sie gemacht hat - so daß sich um ihn , nicht selten zu seinem eigenen Erstaunen , lawinenartig ein immenser Anhang bildet und mehr und mehr seinen Ruhm erhöht . « » Aber worin besteht denn der Unterschied zwischen dem wahren und dem falschen Propheten - zwischen Isaias und Joe Smith , von dem ich gelesen , daß er das Buch Mormon , die nordamerikanische Bibel , aufgefunden haben wolle und , auf sie sich stützend , behaupte : seine Anhänger wären die Heiligen der letzten Tage und mit besonderen Kräften und Gaben ausgerüstet , « fragte Judith . » Darin , daß die falschen Propheten die Idole in der Menschenbrust hegen und pflegen , schmeicheln und bereichern und dadurch ihren Weissagungen Eingang verschaffen - und daß die wahren Propheten diese Idole zu stürzen und eine höhere Geistesströmung in die Niederungen des Lebens zu lenken suchen . Die falschen Propheten fabeln von Menschenwitz und Menschentat ; die wahren verkündeten eine Gottestat . Als diese sich erfüllte und Gott - Mensch wurde , brauchte die Welt keine Propheten mehr , denn ihr wurde fortan durch das Evangelium Weg und Ziel gewiesen . Heilige Seher hat es seitdem noch im Christentum gegeben , welche durch eine besondere Kraft die Dinge der Zukunft in der Zeit wie in der Ewigkeit in wunderbaren Gesichten schauten und ihnen Worte gaben . Allein diese Gesichte , diese Prophezeihungen des Zukünftigen wurzelten immer in der Offenbarung und waren im tiefsten Einklang mit dem Evangelium . Eine neue Wahrheit verhießen sie nicht ; ein neues Wort Gottes wie Joe Smith sein Buch Mormon , erfanden sie nicht ; und deshalb bildeten sie auch keine neue Sekten , sondern blieben schlichte , einfache Glieder der heiligen katholischen Kirche . Außerhalb derselben wimmelt es von Propheten - bei Muhamed anzufangen , bei Joe Smith und seinem Nachfolger Brigham Young vor der Hand zu endigen . Da sie eine neue Offenbarung oder eine neue Deutung derselben zu bringen vorgeben , so drücken sie sich selbst den Stempel der Unwahrheit auf und erweisen sich weniger klug , als die Orakel der vorchristlichen Welt , die , nach glaubwürdigem Zeugnis gleichzeitiger heidnischer Schriftsteller , verstummten , als Christus geboren wurde . « » Mit jemand , dessen kategorischer Imperativ die katholische Kirche ist , « versetzte Florentin achselzuckend , » ist freilich nicht zu streiten . « » Das kommt mir auch so vor , « sagte Judith gedankenvoll . » Denn er sieht , « fuhr Florentin fort , » in dem Geistesrauschen , das über die Welt hinfegt , um einer neueren , besseren Ära die Bahn zu brechen , nur einen Orkan , der sein Idol stürzen wird . « » Der Orkan der Zeit kann die Rechte , die Besitztümer , die freie Bewegung der Kirche hinwegfegen - wie das schon oftmals geschehen ist , « entgegnete Lelio ruhig . » Aber das Ewige in ihr wird vom Vergänglichen nicht gestürzt ! « » Idole sind Scheingötter , d.h. Götzen ; und diese stürzen zusammen . In der katholischen Kirche aber ist Gott - und Er ist Der , der da ist . Der Urgrund alles Seins kann nicht gestürzt werden . Sein Geist beseelt , lenkt und führt die katholische Kirche , hat schon oft vom Zeitgeist ausgelöscht werden sollen , wurde aber immer fertig mit ihm und wird es auch werden mit dem Geistesrauschen , das sich , wie Graf Orestes sagt , in Jung-Deutschlands und Jung-Israels Zeitschriften vernehmen läßt . O ! « fuhr er lebhaft fort , zu Judith gewendet , » muß man nicht auf dieser Stätte von unerschütterlicher , in göttlicher Verheißung wurzelnder Überzeugung ergriffen werden , daß das Evangelium und die Kirche , welche es bewahrt und verkündet , göttlichen Ursprunges und voll übernatürlichem Leben sein müssen ? Hier wüteten während dreihundert Jahren alle Mächte der Welt und der Unterwelt gegen das Christentum . Hier wollten es die Imperatoren vertilgen , und die Philosophie es mit der Ferse zertreten , und das Volk es in Blut ertränken ; und siehe da ! nach drei Jahrhunderten hatte das Christenblut die heidnische Welt überflutet , so daß nur noch deren schwarze Trümmer aus dem rauchenden Meer von Blut und von Tränen aufstarrten . Hier vollzog sich der Untergang Israels ; hier der Untergang des heidnischen Roms . Die Legionen besiegten die Juden und die Martyrer die Legionen . Für beide Siege blieb als Denkmal das Koliseum zurück ; drum nannte ich es vorhin die Weltruine ! und sehen Sie , Signora , die Trophäe des letzten Sieges : - dort ! « Lelio zeigte auf das schlichte hölzerne Kreuz , das von einigen Stufen umgeben , mitten in der Arena des Koliseums sich erhebt . Sie waren sämtlich zum Podium hinauf gestiegen , dem breiten Umlauf vor den Sitzen der Zuschauer bei den Gladiatorenspielen - und blickten von hier über eingestürztes Mauerwerk und grüne Schlingpflanzen in das schöne edle Oval der Arena hinab . Judith ließ sich von Lelio die Einrichtung des Gebäudes und die Art der Spiele , die hier stattfanden , beschreiben . Madame Miranes schauderte . Judith sagte : » Welch ' eine Entnervung des Charakters gehört dazu , um in eine solche Verwilderung zu fallen . « » Ich kann sie begreifen ! « sagte Orest . » Es ist ja unmöglich , in permanenter Bewunderung des Ballets zu bleiben . Das Auge stumpft sich ab ; das Herz nimmt es übel , daß es durch das Auge keinen Eindruck mehr empfängt , der es zu einem rascheren Schlage anspornt , und mag nicht in der faden Mattigkeit verbleiben . Da gerät man denn in den Gegensatz , um die Sehnerven wieder zu beleben und dem Herzen wieder Spannkraft beizubringen . Beständig Honig ist der Zunge widerlich . Drum indischen Pfeffer her ! So ging ' s den alten Römern - und wer weiß , was uns noch passiert . « » Besser doch zum Schwarzbrot des Lebens greifen , « rief Judith . » Um an der Kost Behagen zu finden , muß man eine sehr gesunde Natur haben , « bemerkte Lelio . » Ich wundere mich aber sehr , Graf Orestes , « sagte Judith , » daß Sie solche affröse Neigungen dem Herzen zuschieben wollen ! Schieben Sie es auf Erziehung , Beispiel , rohe Umgebung , schlechte Sitten oder sonst etwas - nur nicht auf ' s Herz . « » Die höchst edlen Herzen leben und handeln nicht höchst brutal , « entgegnete Orest . » Das Ding , das in der Menschenbrust Tiktak macht , stellt den Zeiger auf unsere Handlungen . « » O , er hat recht , Signora ! « rief Lelio ; » der Graf hat ganz recht ! im Herzen sitzt der Wille des Menschen und macht ihn göttlich oder teuflisch oder gemein - je nachdem er das Herz mit seinen Neigungen zur Höhe treibt , zur Tiefe drängt . « » Könnt ' ich nur begreifen , Lelio , « sagte Judith fast ungeduldig , » wie Sie in so wenig Wochen sich ganz haben verwandeln können ! Früher sprachen Sie in Fiorino ' s Styl und lebten in dessen Anschauungsart - allerdings schwunghafter ! und jetzt ist das spurlos verschwunden , wie mit einem feuchten Schwamm von der Schiefertafel hinweg gewischt ! « » Das verspricht Dauer ! « rief Florentin verhöhnend . » Sie müssen bedenken , Signora , « sagte Lelio gelassen , » daß ich eine vortreffliche katholische Erziehung genossen und bis zu meinem achtzehnten Jahre in dem Kreise einer Familie aufgewachsen bin , die , so einfach bürgerlich sie ist , durch ächt christliche Bildung sich auszeichnet . Nichts macht den Geist so empfänglich für schöne und große Ideen , nichts hebt das Gefühl zu einer solchen Höhe , als die Kultur der Seele durch Religion . Unter diesen Einflüssen verlebte ich meine Kindheit , meine erste Jugend . Ein Bruder meines Vaters ist Pfarrer an der Kirche Maria della pace ; ein Bruder meiner Mutter ist Benediktiner zu Sta . Scholastica , droben im Gebirg ; eine ihrer Schwestern Klosterfrau bei den vive sepolte « .... - » Gräßlich ! « rief Judith ; » bei den Lebendig-Begrabenen ! o gräßlich ! « » So nennt sie der Volksmund - ja Signora ! « fuhr Lelio ruhig fort . » Was ist denn darüber zu lamentieren ? Begraben zu sein für die Bosheit und Gemeinheit der Welt , ist doch wahrlich kein Unglück ! Trösten Sie sich , Signora ! meine Mutter hat noch drei Brüder und zwei Schwestern , die sämtlich in glücklicher Ehe leben und zusammen wohl zwei Dutzend Kinder haben : die Welt stirbt nicht aus ! aber die Seelen , die sich von ihr zurückgezogen haben , erhalten in der Familie durch ihr Gebet und ihr Beispiel ein gewisses himmlisches Element , ein übernatürliches Gut , das auch Denen zu gut kommt , die im Strome der Welt schwimmen . Als ich jetzt zu meinen Eltern zurückkam , brauchte ich mich nur unterzutauchen in die Erinnerungen meiner Jugend - und der ganze Ballast sündhafter Verkehrtheit fiel mir wie eiserne Bande von der Stirn , von der Brust , vom Auge . Ich wurde frei - denn ich trat aus der Luft des Todes in die des Lebens - aus der Knechtschaft in die Erlösung zurück . « » Ja , « sagte Judith gedankenvoll , » es mögen geheimnisvolle Einflüsse um uns tätig sein und wir bemerken es nicht ! oder wir fliehen wohl gar die heilsamen und suchen die unheilvollen auf . « » So hab ' ich es damals gemacht , als ich es vorzog , meinen Leidenschaften den Zügel schießen zu lassen , anstatt sie zu bändigen , « entgegnete Lelio . » Signora , « sagte Orest unmutig , » Sie scheinen nach Rom gegangen zu sein , um sich ausschließlich mit Signor Lelio zu unterhalten . « » Man folgt gern den Schicksalswendungen eines alten Freundes nach , « sagte sie . » Jetzt wollen wir uns aber aus dem Staube machen ! « rief Florentin . » Da kommt eine Prozession mit ihrem plärrenden , ohrenzerreißenden Gebet ! das ist unaushaltbar . « Durch den großen Eingangsbogen , vom Forum her , trat ein Kapuzinerpater , ein großes Kruzifix tragend , in die Arena , und eine Menge Menschen folgte ihm laut betend . » Ah , die Kreuzwegandacht ! es ist heute Freitag , « sagte Lelio . » Was beginnen diese Leute ? « fragte Judith ; » weshalb knieen sie alle dort nieder und was bedeuten die blassen Gemälde , die ich eben jetzt erst an der inneren Ringmauer der Arena bemerke ? « » Nachdem das Koliseum seine erste Bestimmung verloren hatte und kein Zirkus für Gladiatorenkämpfe mehr war - Dank dem frommen Einsiedler Telemach , der vom Geist christlicher Liebe aus seiner Felsenzelle getrieben , sich mitten in die Arena flehend und weinend warf « ... - » In was sich diese Mönche nicht überall einmischen ! « unterbrach Florentin Lelio ' s Bericht . » Die Civilisation hätte diese Spiele ja von selbst ersterben lassen ! « » Und daß bis dahin noch ein paar tausend Menschen von anderen Menschen und zum Vergnügen von abermals Menschen hingewürgt wurden , hat freilich in den Augen der Civilisation gar nichts - für den armen Einsiedler aber sehr viel zu bedeuten ; « entgegnete Lelio . » Die entmenschte Roheit war in diesem Punkte so hoch gestiegen , daß kein Gesetz des Kaisers Theodosius die blutgedrängte Arena in Rom zu schließen vermochte und noch weniger gelang es seinem Sohn , dem Kaiser Honorius . Telemach brachte es zu Stande , indem er sich opferte . Er stürzte sich zwischen die Kämpfer , um sie zu trennen , und rief die Zuschauer an , ihm beizustehen in diesem Bemühen . Allein die Gladiatoren , im Blutrausch des wütenden Kampfes , metzelten denjenigen nieder , der ihnen das Leben retten wollte , und Telemach ' s zerfleischter Leichnam lag vor den blutigen Schwertern beider Parteien . Da entsetzte sich das Volk über eine solche Barbarei , und nun wurde es dem Kaiser Honorius leicht , die Gladiatorenspiele aufzuheben . Wenig Jahre später wurde Rom von den wilden nordischen Völkern mehrmals bedroht und belagert , erobert und geplündert . Sie machten das Koliseum zu ihrer festen Burg und ihrem Lagerplatz . Als sie abzogen , war Rom verwüstet und durch Feuersbrünste verheert . Da wurde das Koliseum ein Steinbruch : aus seinen Blöcken erbaute man ganze Paläste . In eine unzerstörbare prächtige Ruine verwandelt stand es nun da , bis im Mittelalter die wilden Parteien des römischen Adels teils dem Papst , teils sich untereinander die Herrschaft der ewigen Stadt zu entreißen suchten und in blutigen Fehden , welche die fremden Könige zu ihrem Vorteil unterstützten und ausbeuteten , gräßliches Elend , Not und Schmach über die ewige Stadt brachten . Die Orsini und Colonna , Roms stolzeste Söhne , hausten schlimmer als Gothen und Vandalen , und das Koliseum mußte auch ihnen als Feste und Warte dienen , worin sie sich verschanzten und die Campagna überschauten . Dann wurde es wieder still um diese wunderbare Ruine , an die jeder Sturm in der Weltgeschichte heranbrauste , ohne ihre Schönheit zu beeinträchtigen . Im vorigen Jahrhundert lebte ein großer apostolischer Missionär , der selige Leonardo von Porto Mauricio , Franziskanerordens . Der erwog in seinem von Christusliebe glühenden Herzen , es gezieme sich , daß diese Stätte , über welche Martyrerblut in Strömen geflossen war , eine heilige Weihe empfange . So viele Kirchen Roms waren über den Gräbern derjenigen Martyrer erbaut , deren Namen , Taten und Leiden zur allgemeinen Kenntnis gekommen waren ; aber die Armen , die Namenlosen , die Unbekannten , die hier ihre Seele in ihrem Glaubensbekenntnis aushauchten und deren Grab niemand kennt als Gott : sie waren es wohl wert , daß das Leid , welches sie hier geduldet - hier auch mit dem göttlichen Leiden in Verbindung gebracht werde , welches allein ihre Kraft und Stärke war . Der heilige Vater Papst Benedikt XIV. genehmigte die Bitte und den Vorschlag des seligen Leonardo . Es wurden jene kleinen Kapellen an der inneren Ringmauer errichtet , die so unscheinbar sind , daß sie den Charakter des Koliseums nicht stören , aber ihm gleichsam eine christliche Seele geben . In jeder der vierzehn Kapellen ist ein Gemälde , welches einen Moment aus dem bitteren Leiden und Sterben des Herrn darstellt : seinen Kreuzweg ; also für jeden Christen der Weg und der Wegweiser zum Himmel , daher sehr heilsam zu betrachten und im Herzen zu erwägen und deshalb eine der beliebtesten Andachtsübungen des christlichen Volkes . Sehen Sie , Signora , vor jedem Bilde wird Halt gemacht - Station gemacht , ist der kirchliche Ausdruck - werden einige kurze Gebete gebetet , die sich auf den Moment des heiligen Leidens beziehen und eine kleine Nutzanwendung auf uns selbst machen . So wandelt die Seele an den vierzehn Stationen vorüber , im Geist den Herrn begleitend , von seiner Verurteilung bis zu seiner Grablegung , gekräftigt in ihrer Trübsal und zu ihren Kämpfen durch das leuchtende , rührende Vorbild ihres göttlichen Erlösers . Fiorino behauptet freilich , die stupiden Mönche mischten sich unnützer Weise in eine Menge von Dingen , die auch ohne sie zu Stande kommen würden ; aber ich glaube nicht , daß die liebliche Kreuzwegandacht hier von selbst aus Sand und Steinen aufgeblüht wäre . Ein armer Mönch mußte kommen und sie aus seinem liebeflammenden Herzen hierher verpflanzen . « » Armseliger Spott , « rief Florentin erbittert , » der meinen und Ihren gesunden Menschenverstand , Signora , nicht trifft . Aber das behaupte ich : ob diese Andacht hier oder im Mond gehalten wird , das ist für das wahre Wohl der Menschheit durchaus gleichgültig und deshalb hätte dieser erbärmliche Mönch sie in seinem Herzen oder in seinem Kloster behalten dürfen . « » Wie denn überhaupt die beste Lebensäußerung der katholischen Kirche und die beste Kundgebung innigen Glaubens in Deinen Augen , Fiorino , die wäre - daß sie sich unsichtbar machten ; nicht wahr ? « sagte Lelio . » Und ich bin der Ansicht , « sagte Judith , » daß das wahre Wohl der Menschheit außerordentlich gefördert wird , wenn man ihr durch Andachtsübungen Trost und Kräftigung beibringen kann . Das ist ein edles , einfaches Mittel und es freut mich viel mehr , Fiorino , die Kreuzwegandacht im Koliseum gehalten zu wissen , als im Monde . « » Wenn Sie das Menschenwohl im stumpfen Dulden erblicken , Signora , so begreift sich Ihre Freude . Nur entadeln Sie den Menschen dadurch und berauben ihn seiner Würde , « entgegnete Florentin . » O nein ! « rief Lelio ; » der betende Mensch ist sich mehr als ein anderer seiner Würde bewußt : er spricht mit Gott , als ein Kind zum Vater . « » Lelio , ich bitte Dich , hör ' auf mit Deinen Faseleien ! « rief Florentin mit steigender Heftigkeit . » Es ist entsetzlich , einen vernünftigen Menschen - denn Du warst noch vor drei Monaten ein sehr vernünftiger Mensch , von hellem Kopf und klarer Einsicht - in einer so traurigen Verwirrung seiner Begriffe zu sehen . Der Mensch ist ein aus ewigen Naturgesetzen hervorgehendes , in sich selbst abgeschlossenes , selbstständiges Individuum , das sich innerhalb der Schranken jener Gesetze frei bewegt . Er kann sich nicht unsterblich machen , kann nicht immer zwanzig Jahre alt bleiben , kann nicht auf einem anderen Planeten sich ansiedeln und was dergleichen Schranken mehr sind , welche eine Bedingung seines Daseins ausmachen . Aber in die Abhängigkeit von einem sogenannten höheren Wesen ihn bringen , zu einem unmündigen Kinde ihn machen wollen , das jenem Wesen gegenüber zu bitten , zu danken , zu wünschen , zu jammern hätte , um es sich geneigt zu machen - ja , das ist eben ein Märchen , womit man die Völker in den Tagen der Unwissenheit am Gängelbande führt . Ein solches höheres Wesen kann schon deshalb gar nicht für uns existieren , weil kein Zusammenhang zwischen ihm und uns besteht . « » Was wäre denn das Leben Deines Geistes und Deine unsterbliche Seele ? « fragte Lelio . » Der Geist ist ein Erzeugnis der Tätigkeit des Gehirns , « erwiderte Florentin , » entwickelt sich mit dem Gehirn und stirbt mit ihm dahin . Das läßt sich beobachten von der Wiege bis zum Grabe , vom Kinde bis zur Leiche . Unsterbliche Seelen hat die Wissenschaft noch nicht entdeckt . Sie fallen mitsamt jenem höheren Wesen , jenem außer- und überweltlichen Gott , in die Kategorie der Fabel . Spricht also ein Mensch zu diesem Wahngebilde , so macht er den Eindruck eines Fieberkranken , der seine Phantasien für Wahrheit hält . Wie kann da von der Würde des Menschen die Rede sein ? Ein aufrichtiger Mensch , der nicht mit sich selbst und nicht für andere geflissentlich Komödie spielt - was könnte der wohl in einer solchen betenden Situation sagen ? « » Vergib uns unsere Schuld , « erwiderte Lelio ernst . Florentin erbleichte und schwieg . Orest rief : » Allons , Florentin , Antwort ! Soll der römische Katholik das letzte Wort haben gegen Jung-Deutschlands freien Forscher ? « Madame Miranes aber , die eine grenzenlose Langeweile bei solchen Gesprächen empfand und gar nicht begriff , wie Judith ihnen stets mit Interesse folgen möge - benutzte den günstigen Augenblick und rief : » Barmherzigkeit ! wir werden hier auch zu Martyrern ! wir erfrieren in diesen Steinmassen , denn die Sonne ist fast untergegangen und die feuchte Novemberluft ist so schädlich . « Die Gesellschaft brach auf , durchwanderte noch die übrigen Gänge und Räume des Koliseums und stieg dann wieder in die Arena hinab . Die Kreuzwegandacht war zu Ende . Der selige Leonardo von Porto Mauricio hat nicht bloß die Errichtung der vierzehn Stationskapellchen im Koliseum bewerkstelligt , sondern auch eine Bruderschaft gegründet , welche die Verpflichtung übernahm und bis zur Stunde erfüllt , jeden Freitag daselbst die Anbetung des Gekreuzigten öffentlich zu verkünden . Ihr schließen sich gewöhnlich andere Andächtige an ; und einige von diesen knieten noch betend an verschiedenen Stationen . Auch zwei Kapuziner , von denen der eine einen Sack über die Schulter gehängt trug . Als Judith an ihnen vorüberging , stockte ihr Schritt unwillkürlich und Florentin rief laut genug , um von den Kapuzinern gehört zu werden : » Der Auswurf der Menschheit : Tagediebe , Faullenzer , Bettler und Heuchler in einer Person ! « » Die Blüte des Christentums und deshalb von den modernen Heiden gehaßt ! « rief Lelio ebenso laut . Die Kapuziner befolgten den Rat , den ein alter ägyptischer Einsiedler einem Jüngling gab : sich gegen Lob und Tadel der Menschen wie eine Bildsäule zu verhalten . Judith sagte im Weitergehen : » Fiorino , Sie machen es mir unmöglich , Sie hier in meiner Begleitung aufzunehmen . Solche rohe Äußerungen will ich nicht hören - und umso weniger , als der eine Kapuziner ein Mann ist ... o ein unvergleichlicher Mann ! Hast Du ihn nicht erkannt , liebe Mutter ? Ernest war es ! « » Bestes Kind , « entgegnete Madame Miranes , » glaubst Du , Ernest werde hier auf seine eigene Hand lebende Bilder aufführen ? « » Ernest war es ! « wiederholte Judith ; » älter geworden , wie man eben wird in acht Jahren , verändert durch die Tracht .... aber er war es . Damals in Frankfurt , « sagte sie zu Orest , » war ich seine Schülerin in der Malerei . Jetzt ist er Kapuziner und ich bin Opernsängerin ! - welche Kluft ! ich möchte ihn nicht wiedersehen . « » Bravissimo , Signora ! « rief Florentin . » Wenn Sie mich loben , Signor Fiorino , « entgegnete sie kalt , » so fürchte ich Unrecht zu haben . Was sagt Graf Orestes ? « wendete sie mit ihrem bezaubernden Lächeln zu diesem sich hin . » Diesmal hat Florentin recht , « erwiderte Orest . » Die Kapuziner sind äußerst respektable Männer , ich kenne sie von meiner Heimat und Kindheit her und in ihrem Kloster am Main ist die Begräbnisgruft meiner Familie ; aber mit Ihnen , Judith , und mit dem Leben haben sie nichts gemein . « - Sie fuhren nach dem Corso , wo Judith eine große , elegante Wohnung hatte . Dort angelangt , verabschiedete sich Orest , setzte sich auf sein Pferd , das im Hof des Palastes ihn erwartete , und ritt der Porta del popolo und der Milvischen Brücke zu - denn auf der Straße sollte heute Graf Damian mit Corona von Florenz nach Rom kommen . Orest schien keine Eile zu haben , die Seinen wiederzusehen . Er ritt im Schritt , nichts weniger als heiter war sein Ausdruck und das schlanke Vollblutpferd fühlte mit Unbehagen und mit nervosem Unwillen die Verstimmung des Reiters an dessen unstäter Hand . Orest dachte bei sich selbst : O hätte ich eine Wünschelrute ! ich versetzte den Schwiegerpapa von dem ponte molle nach Windeck zurück ! Corona allein - würde der Vernunft Gehör geben , aber er ! aber er ! Hyazinth ist freilich auch da .... als Moralprediger - aber als Prediger in der Wüste ! auf einen Bruder hat man nicht Rücksicht zu nehmen , wenn es das Lebensglück gilt - und Hyazinth hat das zuerst bewiesen , als er , ganz gegen meinen Rat und meine Ansicht , geistlich wurde . Uriel will auch kommen - schreiben sie . So wäre dann die Familie ziemlich beisammen ! allein Uriel macht auch Extravaganzen .... in seiner Art ! drum ist mir niemand lästig als der Papa . Schwiegervater , Pflegevater , Onkel und Vormund in einer Person - das gibt eine Respektsperson sondergleichen ab , wenn man auch längst der Vormundschaft entwachsen ist . - - Orest fühlte sich dem Grafen Damian gegenüber deshalb unfrei in seinen Projekten , weil er voraussah , daß derselbe sie ganz kalt und ohne die mindeste Berufung auf religiöse Grundsätze und einen übernatürlichen Standpunkt abfertigen werde . Seinen Brüdern war er entschlossen zu antworten , daß sie mit ihren exzentrischen und schwärmerischen Ideen nicht im Stande wären , die Herrschaft der großen Leidenschaften zu begreifen ; allein dem Grafen Damian , der mit ihm , was den Egoismus betraf , ungefähr auf gleicher Stufe stand - dem scheute er sich , Rechenschaft ablegen zu sollen . Seine Hoffnung war Corona . O ! seufzte er aus tiefster Brust , die Jagd nach dem ersehnten Glück ist etwas Verzehrendes ! Wäre nicht Judith mein Ziel und erreichte ich es nicht bald - ich weiß nicht , ob ich noch lange die Folter des Lebens aushalten könnte . - - Unfern des ponte molle traf er die Reisenden , stieg zu ihnen in den Wagen und gab sein Pferd seinem Reitknecht . Graf Damian war seinem Schwiegersohn nicht sehr gewogen ; es trafen zwei selbstsüchtige Naturen aufeinander , welche beide Rücksichten forderten , aber nicht nahmen , und welche beide geneigt waren , im Universum nur sich selbst und ihre Persönlichkeit zu sehen . Diese überwiegende Wertschätzung seiner Persönlichkeit hatte sich bei Graf Damian durch seine Liebe für Corona nur gesteigert , gleichsam ausgedehnt . Er zog seine Tochter in den Kreis seines Ichs hinein und verlangte , sie glücklich zu sehen , um ihr Glück zu genießen . Dahin ließ es aber Orest nicht kommen und so fühlte er sich beeinträchtigt in seinen so äußerst edlen Glücksansprüchen , die ihm umso rechtmäßiger erschienen , als sie ja nur das Glück der Tochter verlangten . Der Mensch hat immer allerhand Scheingründe , um seine Schwächen - und gerade sie ! als Tugenden darzustellen ; denn seine Schwächen - sind seine Schoßkinder ! seine großen Fehler wäre er wohl meistens selbst gerne los . - Eine gewisse Spannung zwischen dem Schwiegervater und Schwiegersohn ergab sich aus diesen Verhältnissen , und Corona , zwischen beiden stehend , mußte noch gar die Vermittlerin abgeben und das Öl ihrer schonenden Milde über die bitteren Fluten der Gereiztheit und des Trotzes sänftigend ausgießen . Hyazinth , der zur Vervollkommnung seiner theologischen Studien auf ein Jahr nach Rom gegangen war und dort im deutschen Priesterhause Santa Maria delle anime lebte , hatte für die Ankommenden eine Wohnung am spanischen Platz genommen und erwartete sie in derselben . Sie war sehr freundlich und empfing die müden Reisenden mit behaglichem Kaminfeuer und Lampenlicht . » Guter Hyazinth ! « rief Graf Damian und rieb sich vergnügt die Hände , » bei Dir ist ' s warm und häuslich . Bisher war es recht frostig ! « » Du bist hier bei Dir und nicht bei mir , lieber Onkel ! « entgegnete Hyazinth . » Ich weiß ! ich weiß ! « rief der Graf . » Es war nur , um Dir zu sagen , daß Du Deine Sache vortrefflich gemacht hast