großer Kummer für die ganze Familie ! Gib darauf Acht , was dir etwa ketzerisch erscheint ! Sag ' es immer erst mir , damit ich sehe , ob man es wieder berichten muß ! Auch verlange fest und bestimmt , daß du alle drei Tage in die Messe gehen müßtest ! Die Commerzienräthin will das ! Sage nur , du wärst ' s einmal so gewohnt und hättest sonst keine Ruhe ! Hörst du ? Ich soll es dir sagen ! Treudchen , die diese Anleitung zur Rechtgläubigkeit ganz in der Ordnung fand , hätte gern auch einige Winke gehabt für ihr Verhältniß zu ihrer so nahen Nachbarschaft , zu Pitern und seinen Freunden , und sie hätte , wenn Lucinde ihre schüchterne Andeutung hätte nicht verstehen wollen , das Erlebte selbst erzählt ; aber Lucinde huschte schon davon und flüsterte nur noch , indem sie Treudchen über das Geländer etwas Geld in die Hand steckte : Da ! Wenn du den Pfarrer besuchst , kauf ' ihm Blumen ! Hörst du ? Am Dom stehen so wunderschöne ! Ist er nicht zu Hause , so stelle sie selbst ins Zimmer ! Hörst du ? Nicht etwa durch die Damen Schnuphase - verlang ' es , daß du es selbst thust ! Sie gönnen dir ' s nicht und geben sie ihm nicht ! Einen großen vollen mächtigen Strauß kaufe und mit Orangenblüten - hörst du ? Man verkauft sie so ! Vergiß es nicht ! Aber um Himmels willen , sprich nicht von mir ! Treudchen war nun schon allein und beeilte sich , die Windungen ihres Haares zu befestigen - ihr schwarzes Merinokleid hatte ihr schon vorher Lucinde hinten geschlossen - und die selbstgestickten Pantoffeln vertauschte sie mit Schuhen vom besten , freilich etwas derben kockerer Leder . So beim Ueberbeugen zur Erde - was machte da nicht alles die Brust eines so jungen Lebens schon so schwer ! Die gestrige Scene mit dem » jungen Herrn « ! Nun der Mord der Frau , bei der sie hatte dienen sollen ! Die Ankunft des Pfarrers und die Blumenspende ! Die Aufsicht über die ketzerischen Gesinnungen ihrer Herrschaft ! Ihre Geschwister unter den Waisen ! ... Wäre nicht der volle Nachhall der Erscheinung ihrer Mutter gewesen und es noch so in ihr lebendig , als hörte sie deutlich das Jubelwort : Treudchen ! das die Mutter sprach , und ihr eigenes angstvoll seliges Mutter ! sie würde jetzt nicht so ruhig hier am Spiegel haben stehen und ihren übergelegten Kragen ordnen können ... In Lucindens Blumengruß an den Pfarrer konnte sie nichts Auffallendes finden . Gute katholische Seelen wissen es , daß sie nichts zu verabsäumen suchen sollen , was nur irgend dazu dienen kann , einem Geistlichen Freude zu machen . Sind die Geistlichen ausgeschlossen von den gewöhnlichen Freuden des Lebens , haben sie das zu entbehren , was andern Trost und Erhebung gewähren kann , eine Familie , Gattin , Kinder , Liebe und Hingebung , so ist es Pflicht aller derer , für welche sie diesen heiligen Lebenswandel führen , ihnen eine stete Aufmerksamkeit zu widmen und ihnen den vollen Genuß alles dessen zu gewähren , was es außerhalb des Glücks der Hingebung , besonders eines weiblichen Herzens , sonst noch Wohlthuendes in der Welt geben kann . Dies Lieben mit der Seele , dies Umwerben und Umschmeicheln eines Geistlichen mit steter Huldigung soll , sagt man , zu den besondern Glückseligkeiten derselben gehören . Und Treudchen war so aufgeregt , daß es ihr jetzt vorm Spiegel war , als spräche die Hasen-Jette hinter ihr : Nun , was ist , Treudchen ! Bist alle halbe Jahre einmal hübscher geworden ! Wirst auch jetzt um die Trauer nicht zurückgehen ! Kinder von Metzgern , Treudchen , sind immer schön ! ... Eine Ansicht , die die Hasen-Jette am wenigsten um ihren David zurücknahm ... Und auch Nachbar Grützmacher ' s Stimme hörte sie : Ei , potz Blitz ! Hätt ' ich nicht schon mein Bündel da - ( er bekam dabei von diesem Bündel , seiner Ehehälfte , einen vertraulichen Schlag auf den breiten Rücken ) , so würdest du noch die Frau Wachtmeisterin werden können , Treudchen ! Treudchen wartete auf das einmalige Klingeln ... Es erfolgte nicht ... Sie trank ihren Kaffee ... Er war so stark , daß ihre ganze Familie an der Verdünnung ein Sonntagsfrühstück gehabt hätte . Die Mitmägde , die Bediente musterten sie ... Es gibt zweierlei Blondinen ... Solche , die wie eine Maiblume blühen und duften können , aber auch ebenso schnell mit einem einzigen wunderholden Mai wieder verwelken ; und solche gibt es , die man Kern- oder Dauerblondinen nennen sollte , weil sie noch als Greisinnen so anmuthig sind wie herbstlich geröthete Aepfel . Treudchen gehörte zu letztern . Wie schön stand ihr das schwarze Merinokleid zu der hellen Farbe ihrer Haut ! Fast zu schmuck machte sich der Florbesatz in den goldgelben Windungen ihres Haares ! Und nun lag gar zum Ausgehen schon da der von ihr selbst zum Begräbniß gefertigt gewesene schwarze Sammthut , in den sich ihr Kopf zurücklehnte , wie auf eine Folie , die den Glanz noch erhöht ! Und die kostbare schwarzseidene Mantille , die ihr schon gestern gleich bei der Ankunft Madame Delring als eine » abgelegte « geschenkt hatte ! Eine abgelegte und noch so neu und glanzvoll ! ... Madame Delring war eine eigene , vielleicht sehr reizbare , vielleicht höchst wunderliche Frau ; sehr vornehm , sehr stolz ... aber gegen Treudchen war sie weich und milde . Lucinde hatte das Treudchen gleich vorausgesagt . » Die Frau Delring wird dich in ihr Herz schließen ! « Nach zehnjähriger kinderloser Ehe war Frau Delring plötzlich in die Hoffnung gekommen . Wenn Treudchen die Augen ihrer Herrin so eigenthümlich umflort sah , so wußte sie erst jetzt , daß vielleicht die ernste blasse Dame , die in Glück und Glanz zu leben schien , an die Kämpfe dachte , die mit dem theuern Keime ihres Herzens ihr würden mitgeboren werden . Es handelte sich schon seit Monden im täglichen Gespräche nicht nur ihres Hauses , sondern der ganzen Gesellschaft um die » Religion « des erwarteten Kindes ... Nun , da nicht geklingelt wurde , ging Treudchen von selbst an ihre Aufgabe , die vordern Zimmer zu putzen und in ihnen aufzuräumen und abzustäuben . Da gab es so viel des Kostbaren und Zerbrechlichen zu schonen , daß sie ihre Gedanken zusammennehmen mußte ! Inzwischen vermißte sie etwas ... In dem kleinsten , fast wohnlichsten der reich ausgestatteten Gemächer hatte doch gestern Abend noch , wie sie flüchtig vorübergehend und sich doch dabei tief verneigend gesehen , mitten in einer kleinen Laube von Epheu ein kleiner Altar mit einer Mutter Gottes von Gold , Silber und Edelsteinen gestanden . Heute fand sie das Bild nicht an der Stelle , wo sie es suchte , um in aller Stille und noch von niemanden belauscht , zu ihm ein Gebet zu verrichten . Sie suchte und suchte - das Bild war nicht zu finden . Vielleicht war es so kostbar , daß es des Nachts verschlossen wurde , dachte sie erst . Sie stand am Eingang der Laube , in der Hand den Staubwedel . Der kleine Altar mit einem Weihbecken , das aber völlig wasserleer und sogar ein Stecknadelbehälter geworden war , war derselbe , wie gestern ; die Gottesmutter aber fehlte ... Nun sah sie sich darauf um im Gemach . Da stand ein schwellender Divan , mit grünem und in Streifen gesticktem Sammt bezogen , darüber her wie zu einem Throne erhob sich ein Baldachin von demselben kostbaren Stoffe mit schweren goldenen Fransen besetzt . Da standen kleine Fußschemel von demselben Aussehen . Auf einem Tische mit langer grüner golddurchwirkter Decke lagen Bücher und Musikalien , Näharbeiten , ein angefangenes kleines Kinderhemd mit köstlichen Spitzen besetzt ... Sie sollte sich nach den Büchern erkundigen , hatte sie soeben von Lucinden vernommen ... sie konnte aber nicht glauben , daß es ketzerische waren . Noch gestern Abend hatte ja Madame Delring hier mit ihrem Gatten so traulich , so lieb gesessen ... er hatte ihr vorgelesen ... sie horchte zu und nähte dabei ... und darüber her gab ein bronzener Kronleuchter von drei gedämpften Flammen in Glasglocken ein so eigenthümlich schönes Licht ... und in einem Winkel , mehr dem von Vorhängen ganz verdeckten einzigen Fenster des Zimmerchens zu , stand aufgeschlagen ein Pianino ... noch lagen die Noten auf dem Pulte und seltsam genug erschien ihr schon gestern dies Instrument , das mit dem in der Dechanei keine Aehnlichkeit hatte , denn hier gingen die Saiten in die Höhe ... und so klein das Instrument war , doch hatte Frau Delring , kurz vor dem daß sie zu Bette ging , gestern noch einige Minuten lang darauf so sanft , so zart , so volltönend gespielt ... nirgends fand sie aber das Muttergottesbild . Endlich - da entdeckte sie es beim Abstäuben - auf dem Fußboden ! In einem Winkel stand es , das kostbare Heiligthum ! Wie entthront und von seinem Altar gestürzt ! Es stand in einem Winkel , an einer kleinen Etagère , die mit bunterlei Dingen besetzt war , kleinen Spinnrädchen von Elfenbein , kleinen Bauerhäuschen von Holz , kleinen goldenen Papagaien in Ringen und mit Edelsteinaugen , ja mit einem niedlichen ausgestopften bunten Vögelchen , das sie vollkommen für einen Kolibri erkannte ... da stand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf dem Teppich des Fußbodens ! Gerade , als gehörte auch sie zu dem Spielzeug auf diesen Mahagonibretchen ! Letztern Gedanken faßte ihre bescheidene , von ihrer Herrschaft nur das Beste voraussetzende Seele gar nicht in voller Klarheit ... Sie wußte nun aber doch nicht , sollte sie das Bild jetzt erheben und wieder auf den Altar setzen oder durfte sie das nicht ... Es war ganz still um sie her ... nur auf der Straße lärmten und rasselten die Wagen ... Kirchenglocken läuteten ... sie beugte sich still zu dem Bilde nieder , kniete und betete zu ihm . So manche Anrufung kannte sie , so manche Umschreibung des Englischen Grußes ... was sie aber auch leise jetzt so vor sich hinmurmelte , alles sollte Dank , Bitte , Hoffnung für sich und ihre kleinen Geschwister sein . Wie sie einige Minuten so gelegen und geflüstert hatte , ganz unbekümmert die Hände sogar mit dem gar nicht fortgelegten Staubwischer faltend , da hörte sie ein leises Geräusch hinter sich ... Erschrocken wandte sie den Kopf und ließ vor Ueberraschung den Staubwischer fallen , als sie im Morgenkleide und großer spitzenreicher Haube mit fliegend hängenden Rosabändern Madame Delring hinter sich sahe . Auf den Teppichen , die durch alle Zimmer gingen , war die Herrin eingetreten , während sie sich in ihrem Gebete verloren hatte . Statt aber , daß sich Treudchen jetzt rasch erheben wollte , hielt sie Madame Delring nieder und bedeutete sie fortzufahren ... Ja als Treudchen verlegen zögerte und dennoch aufstehen wollte , rückte Madame Delring mit dem Fuße selbst eines der kleinen Bänkchen näher , fuhr mit der Hand über ihre weiten und bauschigen schönen gestreiften Musselinkleider , die ehre Gestalt einhüllten , und versuchte , sich nun auch selbst niederzulassen . Diese Bewegung war so schwer , so ängstlich , daß sich Treudchen nicht hielt , sondern aufsprang und ihre Herrin unterstützte ... Langsam ging es , aber doch ganz bequem . Madame Delring kniete auf dem niedrigen Fußschemel . Mit stummer , leidverklärter , durchgeistigter Miene bedeutete sie Treudchen , in ihre frühere Stellung zurückzukehren , neben ihr zu knieen und im Gebete fortzufahren . Als dies Treudchen mit klopfendem Herzen und voll Verlegenheit nicht wagte , sagte ihre Herrschaft leise und fast unhörbar : So bete doch ! Treudchen begann nun aufs neue den Englischen Gruß , aber für sich . Laut ! sprach Madame Delring sanft ... Treudchen betete lauter , aber noch mit zitternder Stimme . Recht , recht laut ! ... sagte Madame Delring und hatte die Hände gefaltet und schien der Vorbetenden wörtlich zu folgen . Als Treudchen zu Ende war und schwieg , sagte die tief in Gedanken Verlorene und wie von einem unendlichen Leid Gedrückte und als wenn sie noch wenig von all den Worten gehört hätte : Bete ! Nun wandte sich Treudchen erstaunt und bemerkte , daß die Augen ihrer Herrin feucht waren . Eine große und schwere Thräne rollte eben von den Wangen der nicht schönen , aber höchst würdevollen und durch Haltung und Wuchs einnehmenden Frau . Da ergriff es denn Treudchen wie mit geisterhafter Ermuthigung . Alles , was ihr von ihrer Firmelung und ersten Beichte und ersten Communion her an wohlgefügten Sprüchen und Versen in Erinnerung geblieben war , sprach sie jetzt ungeordnet durcheinander und mit lauter Stimme . Sah sie sich um und fand , daß die Mitbetende ganz mit Entäußerung ihres Standes wie eine Schwester , wie eine Mutter ihr folgte , so begann sie aufs neue und betete inbrünstig den Himmel auf die Erde herab . Alle nur möglichen Sünden , Eitelkeit , Hoffart , Unglaube , Geiz , Falschheit , wurden , weil die einmal in den Gebeten so formulirt sind , von ihr auch bekannt . Auch die einzelnen Fürsprecher unter den Heiligen wurden namentlich aufgerufen , sodaß jeder auch gerade den Fehler dargebracht bekam , auf den er gleichsam das Vorrecht hatte , daß ihn Gott gerade nur durch seine Vermittelung vergab ... der Gottesmutter dabei ganz zu geschweigen , die zuletzt wie mit ihrer Zauberhand Schloß und Riegel am Schatz der Gnaden sprengte und das Kind Jesu auf ihrem Arm nur immer so hineinlangen ließ und Juwelen und Blumen und alle himmlischen Freuden der Vergebung auf die vor ihnen Knieenden niederwerfen . Erschöpft schwieg endlich Treudchen in ihrem sie wunderbar überkommenen Priesteramte , das sie vollzog , als hätte sie eine Ahnung von dem Streit der » gemischten Ehen « ... Madame Delring erhob sich , indem das junge Mädchen aufsprang und ihr dabei behülflich war . Daß Treudchen das kostbare und schwere Metallbild wieder auf den Altar unter die Epheulaube setzte , schien sich ihr jetzt von selbst zu verstehen . Es wurde auch von Madame Delring nichts dagegen eingewandt , als was die Schwere betraf ... Treudchen brachte es vollkommen und wie triumphirend zu Stande . Madame Delring sammelte sich jetzt von ihrer Aufregung . Sie verbarg ihr feuchtes Taschentuch von köstlich duftenden Spitzen . Sie sah sich um , klingelte zweimal und bestellte mit gelassener Stimme ihr Frühstück ... Sie wußte , daß ihr Gatte schon unten im Comptoir war . Mein Bruder ist ja verreist ? fragte sie dann beklommen , sich auf den Divan zum Frühstück setzend ... Treudchen sprach ein verlegenes : Ja ! Sie kehrte dabei zum Ordnen der Nebenzimmer in diese zurück ... Die Thüren standen offen . Du wirst zu deinen Geschwistern gehen wollen ! sagte Madame Delring . Ich wollte darum bitten ... Und in die Messe ! Wie oft hörst du sie ? Außer Sonntags ! Treudchen sollte sagen : Alle drei Tage ! Aber sie konnte jetzt nicht , vielleicht niemals lügen ... Nur Sonntags ! sagte sie . Immer , wenn du ausgehst , komm ' erst zu mir und frage , ob ich Bestellungen habe ! Ja , gnädige Frau ! Was ist die Uhr ? Halb neun ! Um neun kannst du gehen ! ... Die Empfindungen Treudchens , als sie dann ging und bis neun in ihrem Zimmer allein blieb , ließen sich nur mit denen einer freudig sich dahingebenden und sieggekrönten Aufopferung vergleichen . Sie fühlte , wie man für jemanden sterben könnte , nur um ihn vom Uebel zu erlösen . Die Gottesmutter war die Siegerin geblieben ! Es war ihr so leicht , so himmlisch beschwingt , daß sie dem ganzen Hause hätte zurufen mögen : Ich habe eine abtrünnige Seele gewonnen ! Um neun Uhr kehrte sie dann zurück , um sich , wie sie sollte , ihrer Herrschaft noch einmal vorzustellen ... Sie hatte nachgedacht , ob sie die so wieder in Gedanken verlorene und noch tief betrübt scheinende Frau nicht durch die Mittheilung des in der Nacht geschehenen Mordes unterhalten sollte und von dem Glück sprechen , daß sie nicht in diesem grauenhaften Hause , sondern hier bei ihr leben könnte ; doch überlegte sie , und mit Zustimmung der andern Dienstboten , die Trepp auf Trepp ab liefen , daß Eröffnungen dieser Art bei dem Zustande der Gebieterin nur von ihrer Familie kommen müßten . Wie Treudchen wieder in die vordern Zimmer eintrat , lag Madame Delring auf dem Kanapee ihres kleinen Boudoirs ... von rechts und links waren noch die Thüren offen und brachten das Licht , das durch das noch immer verhangene Fenster nicht einfallen konnte ... Sie stützte träumerisch das Haupt und hatte in der andern Hand ihr kleines Kinderhemdchen ... Willst du ausgehen ? sagte sie gelassen , als hätte sie das Besprochene schon vergessen ... Treudchen trat näher ... sie hatte ihren schwarzen Hut auf und fürchtete fast , nicht genug einem Dienstboten ähnlich zu sehen . Freundlich aber zog Madame Delring sie näher ... Sie lobte den Hut , band ihn jedoch dem hocherröthenden Mädchen ab , weil sie meinte , er säße nicht genug im Nacken ... Nun deutete sie auf den Fußschemel von vorhin und ließ Treudchen vor ihr niederknieen , um ihr selbst den Hut aufzusetzen ... Dann begann sie noch an Treudchen ' s Haar zu ordnen ... Wie schön dein Haar ist ! sagte sie sanft und löste einige der Flechten und hielt sie lange in der Hand , fast ihre Schwere wiegend und dann gegen das Licht haltend ... Wie Gold glänzt es ! ... fuhr sie fort . Nun band sie die Flechten anders ... Halt nur still ! sagte sie . Ich selbst darf mir ja nicht das Haar machen , - wenn du zurückkommst , ist es Zeit genug dafür - aber dir darf ich ' s schon ... Geh ' doch an den Dom ! In das Gewölbe von Schnuphase ! Ich lasse die Damen bitten - meine Aussteuer nicht zu vergessen ... es währt eine Ewigkeit - Treudchen wußte , daß die Aussteuer für das erwartete Kind gemeint war , und auch das wußte sie , daß sich ihre Mutter , als sie mit dem jüngsten ihrer Geschwister ging , sich beim Haarmachen und sonst vor allem Binden und Verknüpfen in Acht nahm - Weißt du denn auch das Gewölbe ? fragte Madame Delring . Ich finde es schon ... ich suche das Haus ohnehin , weil ich den Pfarrer von St.-Wolfgang , Herrn von Asselyn , begrüßen will ... er hat meine Mutter » versehen « und wohnt dort ... Möglich , Kind , fuhr Madame Delring fort , daß dich die Schnuphases in die Klostergasse schicken , wo die Schwesterschaft zu den Nothhelfern eine Nähanstalt hat ! Sage da nicht , daß du so gut beten kannst ! ... Oder könntest du in ein Kloster gehen ? Treudchen warf ihre großen blauen Augen zu der seltsamen Fragerin empor und blieb die Antwort schuldig . Madame Delring kam von ihrer Frage wieder ab , wie sie diese lichten , hellen , reinen Augen sah , die allerdings denen einer Heiligen glichen ... Sie fuhr mit den Fingern über Treudchens nicht zu volle , etwas röthliche Augenbrauen und zeichnete sie gleichsam in ihrer Länge über die Stirne hinweg nach ... Dann kam sie auf die Schwestern zu den Nothhelfern zurück und sagte : Es ist ein Verein , der junge Mädchen zum Nähen anhält und Gutes thun soll ! Ich weiß nicht - manche von den Mädchen , die dort arbeiteten , gingen ins Kloster ... Laß dich nur in keines verlocken , Kind ! Sie wissen es so geschickt zu machen und so prächtig erst drin einzurichten , daß manche Novize anfangs glaubte , in Ewigkeit keinen Mann nöthig zu haben , und um alles in der Welt lieber den Schleier nahm - hernach aber ... Besonders wissen die Damen da von der Gasse - wie heißt sie ? Doch schon unterbrach sich Madame Delring selbst und zog aus dem nächststehenden Tisch ein Kästchen hervor , das über und über mit Schmuckgegenständen gefüllt war , und nahm nach kurzem Suchen eine Rosette von schwarzem Stein an einer goldenen Nadel hervor , um sie in Treudchens Haar zu stecken ... Wie Treudchen diese Freundlichkeit , die sie noch kaum für ein Geschenk halten konnte , bemerkte , wollte sie sie ablehnen ; Madame Delring sagte aber : Kind , da schenk ' ich dir einen ganz werthlosen Stein ! Es ist geschnittene Lava ! Aber die Nadel - sagte Treudchen hocherglüht ... Die ist gut ! Laß aber nur - es steht dir ja ! ... So ! ... Jetzt - und sieh - du trägst Ohrringe - ! Weißt du wol , daß man keine Ohrringe mehr trägt ? Und doch hab ' ich dafür auch noch die Löcher und weiß wie heute , wie mich ' s schmerzte , als sie gestochen wurden - ich war schon fünf Jahre - das sind jetzt fünfundzwanzig ! ... ... Eigentlich aber lieb ' ich Ohrringe und mag sie leiden ! Weißt du , warum ? Man sagt , es sähe unnatürlich aus ; lieber Himmel , was ist an unserer Tracht natürlich ? Im Ohr ist noch lange nicht in der Nase , wie die Wilden die Ringe tragen ... Nun lachten beide Frauen ganz herzlich um die Wette ... Madame Delring nahm die kleinen allerdings echten , aber unscheinbar und dünn gewordenen Ringelchen aus Treudchen ' s Ohren und suchte , ob sie nicht zwei andere kleine , nicht zu auffallende und mit einem Stein geschmückte Berlocquen fände . Die Frauen , sagte sie , wollen gar nicht mehr Sklavinnen sein , was diese Ohrringe bedeutet haben mögen ! Aber ich denke mir das gerade schön , seinem Manne zu - dienen ! Warum denn ihm ganz gleich sein wollen ! Wenn man die Sorgen und Noth bedenkt , die die Männer haben ! Wär ' ich hübscher , ich würde mich ganz gern schmücken , um meinem Mann recht als seine Sklavin zu erscheinen ! Die meisten Frauen haben genug Zeit , das Gefallen zu bedenken , das ihr Mann an ihnen haben sollte ! Lieber Himmel , die Männer in der Türkei dürfen immer jung bleiben und sich so viel Frauen nehmen , wie sie wollen ! Wir sagen freilich : Wir gehören dir auch mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele ! Kind , wie oft thun wir ' s auch nicht ! Treudchen hätte von der Geduld sprechen mögen , die auch umgekehrt die Frau wieder mit dem Manne haben müsse ; doch verlor sie die Besinnung über die Freundlichkeit ihrer Herrschaft , die jetzt in der That zwei kleine goldene Ringe gefunden hatte , die sie Treudchen einhängte . Sie gehörten zu einem größern alten Ohrschmuck , den sie als zu auffallend in zwei Theile zerlegte . Deine alten Ringe , sagte sie dabei ganz gemüthlich , ei , die kann man noch angeben ! Treudchen ' s vornehmste Bekanntschaften waren bisjetzt Frau von Gülpen in der Dechanei und die Majorin Schulzendorf gewesen . Wenn diese Frauen je nur so mit ihr geredet hätten ! Von den Geschenken zu schweigen , die nur von einer reichern Frau kommen konnten ... Sie verstummte ganz vor Glückseligkeit und konnte nur der freundlichen , immer leidend gelassenen Frau die Hände küssen . Diese wickelte die alten Ringe in ein zerrissenes Briefcouvert und sagte : Auf der Mühlenstraße wohnt unser Juwelier - Modes heißt er - geh ' bei ihm vor - oder besser , ich lass ' es sagen , er soll ein paar einfache Brochen schicken , da such ' ich dir eine aus - Gnäd ' ge Frau ! rief Treudchen und schlug die Hände wie ablehnend und bittend zusammen ... Nein , nein , sagte Madame Delring , wir geben ja deine alten Ohrringe an ! Herr Modes gibt schon etwas dafür ! Solche kleine Handelsgeschäfte müssen Frauen immer machen ! Sie griff nun nach dem kostbar gestickten Schellenzuge dicht neben ihr und zog zweimal . Der Bediente kam und erhielt in Gegenwart des vor Erstaunen fast bewußtlosen Mädchens den Auftrag , der Juwelier Modes möchte eine Anzahl einfacher Brochen zur Auswahl schicken . Der Diener ließ Morgenblätter und den heutigen Theaterzettel zurück und meldete schon einen Besuch : Herr Medicinalrath Goldfinger ! Ich bin ganz wohl ! sagte Madame Delring plötzlich streng ... Sie lehnte den Empfang des Arztes ab . Während Treudchen sich erhoben und kaum den Muth hatte , in einen gerade dicht vor ihr hängenden viereckigen Spiegel mit goldenem Rahmen zu blicken und von Madame Delring gewinkt bekam , sie wollte ihr auch noch den Hut aufsetzen , sah die Herrin zugleich in den vor ihr aufgeschlagenen Theaterzettel und las halblaut und ganz nur wie mechanisch : » Gastvorstellung von Madame Serlo-Leonhardi . Das letzte Mittel . Madame Serlo-Leonhardi : Frau von Waldhüll . Im Zwischenacte Tanz : Cracovienne von Emmy und Flora Serlo « ... Kinderballet ! sagte sie . Ich mag die kleinen Affenkomödien nicht leiden ... Und dabei band sie die Schleife an Treudchen ' s Hut , strich ihr noch einmal die Wange , zog und drückte den Hut ihr recht in den Nacken und gab , als sie sich überzeugt hatte , daß die schwarzen Trauerhandschuhe Treudchen ' s noch ganz neue waren , ihr die Hand , die diese mit überströmender Innigkeit an ihr Herz drückte und wiederholt küßte . Inzwischen kam der Bediente zurück und meldete : Herr Pötzl ! Madame Delring schüttelte den Kopf und sagte : Nein ! Herr Kanonikus Taube ! Finster blickend ließ sie für alle Erkundigungen danken . Auch diesen Besuch nahm sie nicht an . Wol aber war ihr , als hörte sie einige Secunden später die Stimme ihres Gatten - Der war es denn auch . Herr Delring kam , weil der Medicinalrath und jetzt auch der Schauspieler und der Kanonikus nicht waren angenommen worden - alle drei hatten ihre Meldung von dem Zimmer der Mutter aus , wo er selbst den Morgengruß gebracht , nach oben ankündigen lassen - ; er besorgte , daß seine Gattin vielleicht nicht wohl , nicht guter Laune wäre ... Schon hörte man draußen seine Fragen nach dem Befinden seiner Gattin ... Da aber , ehe er noch dasein konnte , erhob sich Madame Delring plötzlich und fuhr auf wie aus einem Traume . Ihre weitgeöffneten Augen schauten ringsum . Ihr Blick suchte irgendetwas , was sie beängstigte ... da - auf dem wieder hergerichteten Hausaltar unter der Epheulaube stand die Störung . Schnell deutete sie auf einen in den Zweigen und Holzverzierungen der Laube hängenden Gegenstand und winkte Treudchen , diesen ihr zu reichen ... Treudchen , die so an den Mienen der freundlichen Herrin hing und sich in ihre Art schon gefunden hatte , daß sie jeden ihrer Winke verstand , reichte ihr das Bedeutete dar - Es war ein durchsichtiger großer , langer Silberflor , wie man ihn über werthvolle Gegenstände zu breiten pflegt , um sie vorm Staube zu schützen ... Schnell ! rief Madame Delring ... Diesen Silberflor ließ sie Treudchen jetzt anfassen und bedeckte rasch damit die Madonna auf dem Altare . Inzwischen trat Herr Delring ein ... Er war , wie immer , schon in weißer Halsbinde und schwarzem Frack , gleichsam als Repräsentant des großen Hauses , der er früher auch gewesen war , ehe ihn Piter entthront hatte , - ein ernster , fast vornehmer Mann . Nun die plötzlich ausbrechenden zärtlichen Grüße , den Kuß , die liebevollen Wechselreden der beiden Gatten hörte Treudchen nicht . Sie eilte mit klopfendem Herzen von dannen . Hinter ihr blieb ein Weib zurück , das ihren Himmel im Manne ihrer Liebe fand . 3. Im Hause unten , an dem Treppengeländer fand Treudchen Lucinden stehen , die ein Papier in der Hand hielt und ganz in ihm versunken schien . Es war ein großer grauer Zettel . Treudchen erkannte , daß es derselbe Theaterzettel war , der heute wie jeden Morgen oben wie unten abgegeben wurde ... Es war schon spät geworden , aber gern hätte Treudchen sich in dem überströmenden Gefühl ihres Glückes und ihrer Dankbarkeit noch zu Lucinden ausgesprochen ... Sie trat auch zu ihr heran ... Lucinde aber stand , als weilte sie gar nicht auf dieser Erde ... Sie bemerkte Treudchen nicht , so versunken war sie in die Angabe der heutigen Theatervorstellung ... Treudchen wollte keine Zeit verlieren , störte Lucinden nicht länger und sprang die Stiege hinunter . Unten in der Hausflur sah man recht , daß » der junge Herr « auf Reisen war ! Es war schon neun Uhr , alle Räume unten waren vom Geschäftsverkehr belebt , Makler kamen und gingen , in den auf den Treckkamp , Aschenkötter und Heiligenpütz hinausgehenden Hinterhöfen war das rührigste Leben hörbar , aber der Portier grüßte noch aus seiner unterirdischen Loge , stand noch nicht mit Dreimaster , Stab und Bandelier , wie Piter seit einem halben Jahre eingeführt und im Modell mit Aquarell selbst vorgemalt hatte , in der Hausflur und wies die Ankommenden mit Inquisitormiene zurecht . Aber auch aus dem Keller heraus ließ sich Treudchen die beste Richtung beschreiben , in der sie zum Waisenhause und von dort zur Kathedrale kommen konnte . Es war ein Markttag . Das Gewühl in den Straßen kaum zum Ausweichen . Die Straßen dabei so eng ; die Lastwagen drängten sich ... zu ihnen kamen heute noch die Bauerwagen mit ihrem Stroh , ihrem Heu , Holz , Kartoffeln für den Winter ... alles , wie Treudchen das