. Wie viel hatte ich in der Welt gesehen , wie viel hatte mich erfreut , an wie vielem hatte ich Wohlgefallen gehabt : und wie ist jetzt alles nichts , und wie ist es das höchste Glück , eine reine , tiefe , schöne menschliche Seele ganz sein eigen nennen zu können , ganz sein eigen . Ich ging durch das Pförtchen hinaus , das ich nur angelehnt fand , und ging auf dem Wege fort , der an dieser Seite vor dem Schlosse vorbei führt , und dann in die Felder hinaus geht . Er ist breit , mit feinem Sande belegt , und eignet sich daher seiner Trockenheit willen ganz besonders zu Morgenspaziergängen . Er ist von dem vorigen Besitzer des Schlosses angelegt und von Mathilden verbessert worden . Er geht von dem Pförtchen nach beiden Richtungen , nach Norden und nach Süden , ziemlich weit fort und bildet auf diese Weise zu dem Schlosse eine Berührungslinie . Roland hatte ihn scherzweise auch immer den Berührweg genannt . Die Obstbäume , die ihn jetzt häufig säumen , hat Mathilde meistens schon erwachsen an ihn versetzt . Früher war der ganze Weg eine Allee von Pappeln gewesen ; allein da er ganz gerade durch die Gegend geht und mit den geraden Bäumen bepflanzt war , so erschien er sehr unschön und für einen Lustweg , was er sein sollte , wenig geeignet . Nach Beratungen mit ihren Freunden hatte Mathilde die Pappeln , welche außerdem auch den Feldern sehr schädlich waren , nach und nach beseitigt . Sie waren gefällt und ihre Wurzeln ausgegraben worden . Da man die Obstbäume an ihre Stelle setzte , vermied man es absichtlich , an allen Plätzen , an welchen Pappeln gestanden waren , Obstbäume zu pflanzen , damit nicht wieder statt der Pappelallee eine Obstbaumallee würde , was zwar minder unschön als früher gewesen wäre , aber doch immer noch nicht schön . Durch diese Unterbrechung der Baumpflanzung erhielt der Weg , dessen gerade Richtung schwer zu beseitigen gewesen wäre , und die doch sonst zu eigentümlich war , als daß man sie hätte abändern sollen , wenn man nicht alles nach ganz neuen Gedanken einrichten wollte , die nötige Abwechslung . Mitternachtwärts von dem Schlosse führt er durch Wiesen und Felder an Gebüschen hin , steigt dann zu einem Walde hinan , in welchen er eine Strecke eindringt . Südwärts geht er durch Felder , hat dort besonders schöne Apfelbäume an seinen Seiten , wölbt sich sanft über einen Ackerrücken und gewährt von ihm eine schöne Aussicht in die Gebirge . Ich schlug die Richtung nach Süden ein , wie ich überhaupt sehr gerne bei dem Beginne eines Spazierganges so gehe , daß ich leicht nach Mittag sehe , das Licht vor mir habe , und in den schöneren Glanz und die lieblichere Färbung der Wolken blicken kann . Der Himmel war wie gestern ganz heiter , die Sonne stand in seinem östlichen Teile und begann die Tropfen , welche an allen Gräsern und an dem Laube der Bäume hingen , aufzusaugen . Die Morgenkühle war noch nicht vergangen , obwohl der Einfluß der Sonne immer mehr und mehr bemerkbar wurde . Ich sah mit neuen Augen auf alle Dinge um mich , es schien , als hätten sie sich verjüngt , und als müßte ich mich wieder allmählich an ihren Anblick gewöhnen . Ich kam auf die Anhöhe , und sah auf den langen Zug der Gebirge . Die blauen Spitzen blickten auf mich herüber , und die vielen Schneefelder zeigten mir ihren feinen Glanz . Ich sah auch die Berghäupter an dem Kargrat , wo ich zuletzt gearbeitet hatte . Mir war , als wäre es schon viele Jahre , seit ich in jenen Eisfeldern und Schneegründen gewesen war . Ich ließ , während ich so dastand , die milde Luft , den Glanz der Sonne und das Prangen der Dinge auf mich wirken . Sonst hatte ich immer irgend ein Buch in meine Tasche gesteckt , wenn ich in der Gegend herum gehen wollte ; heute hatte ich es nicht getan . Mir war jetzt nicht , als sollte ich irgend ein Buch lesen . Ich ging nach einer Weile wieder an den Bäumen dahin , an denen schon die mannigfaltigen Äpfel hingen , die jeder nach seiner Art brachte , und die schon hie und da ihre eigentümliche Farbe zu erhalten begannen . Ich ging so lange auf der Anhöhe des Felderrückens fort , bis sie sich leicht zu senken anfing , über welche Senkung der Weg noch hinabgeht , um in dem Tale an der Grenze eines fremden Gutes zu enden , oder vielmehr in einen anderen Weg überzugehen , der die Eigenschaften aller jener Fußwege hat , die in unzähligen Richtungen unser Land durchziehen , und auf deren taugliche Beschaffenheit , Verbesserung , oder Verschönerung niemand denkt . Ich ging auf der Senkung des Weges nicht mehr hinunter , weil ich nicht talwärts kommen wollte , wo die Blicke beengt sind . Ich wendete mich um , und hatte den Anblick des Schlosses vor mir , welches jetzt von solcher Bedeutung für mich geworden war . Die Fenster schimmerten in dem Glanze der Sonne , das Grau der von der Tünche befreiten südlichen Mauer schaute sanft zu mir herüber , das dunkle Dach hob sich von der Bläue der nördlichen Luft ab , und ein leichter Rauch stieg von einigen seiner Schornsteine auf . Ich ging langsam auf dem Rücken des Feldes an den Obstbäumen vorüber meines Weges zurück , bis er sachte gegen das Schloß abwärts zu gehen begann . An dieser Stelle sah ich jetzt , daß mir eine Gestalt , welche mir früher durch Baumkronen verdeckt gewesen sein mochte , entgegen kam , welche die Gestalt Nataliens war . Wir gingen beide schneller , als wir uns erblickten , um uns früher zu erreichen . Da wir nun zusammen trafen , blickte mich Natalie mit ihren großen dunkeln Augen freundlich an und reichte mir die Hand . Ich empfing sie , drückte sie herzlich und sagte einen innigen Gruß . » Es ist recht schön , « sprach sie , » daß wir gleichzeitig einen Weg gehen , den ich heute schon einmal gehen wollte , und den ich jetzt wirklich gehe . « » Wie habt Ihr denn die Nacht zugebracht , Natalie ? « fragte ich . » Ich habe sehr lange den Schlummer nicht gefunden , « antwortete sie , » dann kam er doch in sehr leichter , flüchtiger Gestalt . Ich erwachte bald und stand auf . Am Morgen wollte ich auf diesen Weg heraus gehen und ihn bis über die Felderanhöhe fortsetzen ; aber ich hatte ein Kleid angezogen , welches zu einem Gange außer dem Hause nicht tauglich war . Ich mußte mich daher später umkleiden , und ging jetzt heraus , um die Morgenluft zu genießen . « Ich sah wirklich , daß sie das lichte graue Kleid mit den feinen tiefroten Streifen nicht mehr an habe , sondern ein einfacheres , kürzeres mattbraunes trage . Jenes Kleid wäre freilich zu einem Morgenspaziergange nicht tauglich gewesen , weil es in reichen Falten fast bis auf den Fußboden nieder ging . Sie hatte jetzt einen leichten Strohhut auf dem Haupte , welchen sie immer bei ihren Wanderungen durch die Felder trug . Ich fragte sie , ob sie glaube , daß noch so viel Zeit vor dem Frühmahle sei , daß sie über die Felderanhöhe hinaus und wieder in das Schloß zurückkommen könne . » Wohl ist noch so viel Zeit : , « erwiderte sie , » ich wäre ja sonst nicht fortgegangen , weil ich eine Störung in der Hausordnung nicht verursachen möchte . « » Dann erlaubt Ihr wohl , daß ich Euch begleite « , sagte ich . » Es wird mir sehr lieb sein « , antwortete sie . Ich begab mich an ihre Seite , und wir wandelten den Weg , den ich gekommen war , zurück . Ich hätte ihr sehr gerne meinen Arm angeboten ; aber ich hatte nicht den Mut dazu . Wir gingen langsam auf dem feinen Sandwege dahin , an einem Baumstamme nach dem andern vorüber , und die Schatten , welche die Bäume auf den Weg warfen , und die Lichter , welche die Sonne dazwischen legte , wichen hinter uns zurück . Anfangs sprachen wir gar nicht , dann aber sagte Natalie : » Und habt Ihr die Nacht in Ruhe und Wohlsein zugebracht ? « » Ich habe sehr wenig Schlaf gefunden ; aber ich habe es nicht unangenehm empfunden , « entgegnete ich , » die Fenster meiner Wohnung , welche mir Eure Mutter so freundlich hatte einrichten lassen , gehen in das Freie , ein großer Teil des Sternenhimmels sah zu mir herein . Ich habe sehr lange die Sterne betrachtet . Am Morgen stand ich frühe auf , und da ich glaubte , daß ich niemand in dem Schlosse mehr stören würde , ging ich in das Freie , um die milde Luft zu genießen . « » Es ist ein eigenes , erquickendes Labsal , die reine Luft des heiteren Sommers zu atmen « , erwiderte sie . » Es ist die erhebendste Nahrung , die uns der Himmel gegeben hat « , antwortete ich . » Das weiß ich , wenn ich auf einem hohen Berge stehe und die Luft in ihrer Weite wie ein unausmeßbares Meer um mich herum ist . Aber nicht bloß die Luft des Sommers ist erquickend , auch die des Winters ist es , jede ist es , welche rein ist , und in welcher sich nicht Teile finden , die unserm Wesen widerstreben . « » Ich gehe oft mit der Mutter an stillen Wintertagen gerade diesen Weg , auf dem wir jetzt wandeln . Er ist wohl und breit ausgefahren , weil die Bewohner von Erlthal und die der umliegenden Häuser im Winter von ihrem tief gelegenen Fahrwege eine kleine Abbeugung über die Felder machen , und dann unseren Spazierweg seiner ganzen Länge nach befahren . Da ist es oft recht schön , wenn die Zweige der Bäume voll von Kristallen hängen , oder wenn sie bereift sind und ein feines Gitterwerk über ihren Stämmen und Ästen tragen . Oft ist es sogar , als wenn sich auch der Reif in der Luft befände und sie mit ihm erfüllt wäre . Ein feiner Duft schwebt in ihr , daß man die nächsten Dinge nur wie in einen Rauch gehüllt sehen kann . Ein anderes Mal ist der Himmel wieder so klar , daß man alles deutlich erblickt . Er spannt sich dunkelblau über die Gefilde , die in der Sonne glänzen , und wenn wir auf die Höhe der Felder kommen , können wir von ihr den ganzen Zug der Gebirge sehen . Im Winter ist die Landschaft sehr still , weil die Menschen sich in ihren Häusern halten , so viel sie können , weil die Singvögel Abschied genommen haben , weil das Wild in die tieferen Wälder zurück gegangen ist , und weil selbst ein Gespann nicht den tönenden Hufschlag und das Rollen der Räder hören läßt , sondern nur der einfache Klang der Pferdeglocke , die man hier hat , anzeigt , daß irgend wo jemand durch die Stille des Winters fährt . Wir gehen auf der klaren Bahn dahin , die Mutter leitet die Gespräche auf verschiedene Dinge , und das Ziel unserer Wanderung ist gewöhnlich die Stelle , wo der Weg in das Tal hinabzugehen anfängt . In der Stadt habt Ihr die schönen Winterspaziergänge nicht , welche uns das Land gewährt . « » Nein , Natalie , die haben wir nicht . Wir haben von der dem Winter als Winter eigentümlichen Wesenheit nichts als die Kälte ; denn der Schnee wird auch aus der Stadt fortgeschafft , « erwiderte ich , » und nicht bloß im Winter , auch im Sommer hat die Stadt nichts , was sich nur entfernt mit der Freiheit und Weite des offenen Landes vergleichen ließe . Eine erweiterte Pflege der Kunst und der Wissenschaft , eine erhöhte Geselligkeit und die Regierung des menschlichen Geschlechts sind in der Stadt , und diese Dinge begreifen auch das , was man in der Stadt sucht . Einen Teil von Wissenschaft und Kunst aber kann man wohl auch auf dem Lande hegen , und ob größere Zweige der allgemeinen Leitung der Menschen auch auf das Land gelegt werden könnten , als jetzt geschieht , weiß ich nicht , da ich hierin zu wenig Kenntnisse habe . Ich trage schon lange den Gedanken in mir , einmal auch im Winter in das Hochgebirge zu gehen und dort eine Zeit zuzubringen , um Erfahrungen zu sammeln . Es ist seltsam und reizt zur Nachahmung , was uns die Bücher melden , die von Leuten verfaßt wurden , welche im Winter hochgelegene Gegenden besucht oder gar die Spitzen bedeutender Berge erstiegen haben . « » Wenn es für Leben und Gesundheit keine Gefahr hat , solltet Ihr es tun « , antwortete sie . » Es ist wohl ein Vorrecht der Männer , das Größere wagen und erfahren zu können . Wenn wir zuweilen im Winter in großen Städten gewesen sind und dort das Leben der verschiedenen Menschen gesehen haben , dann sind wir gerne in den Sternenhof zurückgegangen . Wir haben hier in manchen größeren Zeiträumen alle Jahreszeiten genossen , und haben jeden Wechsel derselben im Freien kennen gelernt . Wir sind mit Freunden verbunden , deren Umgang uns veredelt , erhebt , und zu denen wir kleine Reisen machen . Wir haben einige Ergebnisse der Kunst und in einem gewissen Maße auch der Wissenschaft , so weit es sich für Frauen ziemt , in unsere Einsamkeit gezogen . « » Der Sternenhof ist ein edler und ein würdevoller Sitz , « entgegnete ich , » er hat sich ein schönes Teil des Menschlichen gesammelt , und muß nicht das Widerwärtige desselben hinnehmen . Aber es mußten auch viele Umstände zusammentreffen , damit es so werden konnte , wie es ward . « » Das sagt die Mutter auch , « erwiderte sie , » und sie sagt , sie müsse der Vorsehung sehr danken , daß sie ihre Bestrebungen so unterstützt und geleitet habe , weil wohl sonst das Wenigste zu Stande gekommen wäre . « Wir hatten in der Zeit dieses Gespräches nach und nach die höchste Stelle des Weges erreicht . Vor uns ging es wieder abwärts . Wir blieben eine Weile stehen . » Sagt mir doch , « begann Natalie wieder , » wo liegt denn das Kargrat , in welchem Ihr Euch in diesem Teile des Sommers aufgehalten habt ? Man muß es ja von hier aus sehen können . « » Freilich kann man es sehen , « antwortete ich , » es liegt fast im äußersten Westen des Teiles der Kette , der von hier aus sichtbar ist . Wenn Ihr von jenen Schneefeldern , die rechts von der sanftblauen Kuppe , welche gerade über der Grenzeiche Eures Weizenfeldes sichtbar ist , liegen , und die fast wie zwei gleiche , mit der Spitze nach aufwärts gerichtete Dreiecke aussehen , wieder nach rechts geht , so werdet Ihr lichte , fast wagrecht gehende Stellen in dem graulichen Dämmer des Gebirges sehen , das sind die Eisfelder des Kargrats . « » Ich sehe sie sehr deutlich , « erwiderte sie , » ich sehe auch die Spitzen , die über das Eis empor ragen . Und auf diesem Eise seid Ihr gewesen ? « » An seinen Grenzen , die es in allen Richtungen umgeben , « antwortete ich , » und auf ihm selber . « » Da müßt Ihr ja auch deutlich hieher gesehen haben « , sagte sie . » Die Berggestaltungen des Kargrates , die wir hier sehen , « erwiderte ich , » sind so groß , daß wir seine Teile wohl von hier aus unterscheiden können ; aber die Abteilungen der hiesigen Gegend sind so klein , daß ihre Gliederungen von dort aus nicht erblickt werden können . Das Land liegt wie eine mit Duft überschwebte einfache Fläche unten . Mit dem Fernrohre konnte ich mir einzelne bekannte Stellen suchen , und ich habe mir die Bildungen der Hügel und Wälder des Sternenhofes gesucht . « » Ach nennt mir doch einige von den Spitzen , die wir von hier aus sehen können « , sagte sie . » Das ist die Kargratspitze , die Ihr über dem Eise als höchste seht , « erwiderte ich , » und rechts ist die Glommspitze und dann der Ethern und das Krummhorn . Links sind nur zwei , der Aschkogel und die Sente . « » Ich sehe sie , « sagte sie , » ich sehe sie . « » Und dann sind noch geringere Erhöhungen , « fuhr ich fort , » die sich gegen die weiteren Berghänge senken , die keinen Namen haben , und die man hier nicht sieht . « Da wir noch eine Weile gestanden waren , die Berge betrachtet und gesprochen hatten , wendeten wir uns um und wandelten dem Schlosse zu . » Es ist doch sonderbar , « sagte Natalie , » daß diese Berge keinen weißen Marmor hervorbringen , da sie doch so viel verschiedenfarbigen haben . « » Da tut Ihr unseren Bergen ein kleines Unrecht , « antwortete ich , » sie haben schon Lager von weißem Marmor , aus denen man bereits Stücke zu mannigfaltigen Zwecken bricht , und gewiß werden sie in ihren Verzweigungen noch Stellen bergen , wo vielleicht der feinste und ungetrübteste weiße Marmor ist . « » Ich würde es lieben , mir Dinge aus solchem Marmor machen zu lassen « , sagte sie . » Das könnt Ihr ja tun , « erwiderte ich , » kein Stoff ist geeigneter dazu . « » Ich könnte aber nach meinen Kräften nur kleine Gegenstände anfertigen lassen , Verzierungen und dergleichen , « sagte sie , » wenn ich die rechten Stücke bekommen könnte , und wenn meine Freunde mir mit ihrem Rate beiständen . « » Ihr könnt sie bekommen , « antwortete ich , » und ich selber könnte Euch hierin helfen , wenn Ihr es wünscht . « » Es wird mir sehr lieb sein , « erwiderte sie , » unser Freund hat edle Werke aus farbigem Marmor in seinem Hause ausführen lassen , und Ihr habt ja auch schöne Dinge aus solchem für Eure Eltern veranlaßt . « » Ja , und ich suche noch immer schöne Stocke Marmor zu erwerben , um sie gelegentlich zu künftigen Werken zu verwenden « , antwortete ich . » Meine Vorliebe für den weißen Marmor habe ich wohl aus den reichen , schönen und großartigen Dingen gezogen , « entgegnete sie , » die ich in Italien aus ihm ausgeführt gesehen habe . Besonders wird mir Florenz und Rom unvergeßlich sein . Das sind Dinge , die unsere höchste Bewunderung erregen , und doch , habe ich immer gedacht , ist es menschlicher Sinn und menschlicher Geist , der sie entworfen und ausgeführt hat . Euch werden auch Gegenstände bei Eurem Aufenthalte im Freien erschienen sein , die das Gemüt mächtig in Anspruch nehmen . « » Die Kunstgebilde leiten die Augen auf sich , und mit Recht , « antwortete ich , » sie erfüllen mit Bewunderung und Liebe . Die natürlichen Dinge sind das Werk einer anderen Hand , und wenn sie auf dem rechten Wege betrachtet werden , regen sie auch das höchste Erstaunen an « » So habe ich wohl immer gefühlt « , sagte sie . » Ich habe auf meinem Lebenswege durch viele Jahre Werke der Schöpfung betrachtet , « erwiderte ich , » und dann auch , so weit es mir möglich war , Werke der Kunst kennen gelernt , und beide entzückten meine Seele . « Mit diesen Gesprächen waren wir allmählich dem Schlosse näher gekommen , und waren jetzt bei dem Pförtchen . An demselben blieb Natalie stehen und sagte die Worte : » Ich habe gestern sehr lange mit der Mutter gesprochen , sie hat von ihrer Seite eine Einwendung gegen unseren Bund nicht zu machen . « Ihre feinen Züge überzog ein sanftes Rot , als sie diese Worte zu mir sprach . Sie wollte nun sogleich durch das Pförtchen hinein gehen , ich hielt sie aber zurück und sagte : » Fräulein , ich hielte es nicht für Recht , wenn ich Euch etwas verhehlte . Ich habe Euch heute schon einmal gesehen , ehe wir zusammentrafen . Als ich am Morgen über den Gang hinter Euren Zimmern ins Freie gehen wollte , standen die Türen in einen Vorsaal und in ein Zimmer offen , und ich sah Euch in diesem letztern an einem mit einem altertümlichen Teppiche behängten Tischchen die Hand auf ein Buch gestützt stehen . « » Ich dachte an mein neues Schicksal « , sagte sie . » Ich wußte es , ich wußte es , « antwortete ich , » und mögen die himmlischen Mächte es so günstig gestalten , als es der Wille derer ist , die Euch wohlwollen . « Ich reichte ihr beide Hände , sie faßte sie , und wir drückten uns dieselben . Darauf ging sie in das Pförtchen ein und über die Treppe empor . Ich wartete noch ein wenig . Da sie oben war und die Tür hinter sich geschlossen hatte , stieg ich auch die Treppe empor . Das ganze Wesen Nataliens schien mir an diesem Morgen glänzender , als es die ganze Zeit her gewesen war , und ich ging mit einem tief , tief geschwellten Herzen in mein Zimmer . Dort kleidete ich mich in so weit um , als es nötig war , die Spuren des Morgenspazierganges zu beseitigen und anständig zu erscheinen , dann ging ich , da die Stunde des Frühmahles schon heran nahte , in das Speisezimmer . Ich war in demselben allein . Der Tisch war schon gedeckt und alles zum Morgenmahle in Bereitschaft gesetzt . Nachdem ich eine Weile gewartet hatte , kam Mathilde mit Natalie zugleich in das Zimmer . Natalie hatte sich umgekleidet , sie hatte jetzt ein festlicheres Kleid an , als sie beim Morgenspaziergange getragen hatte , weil sie gleich Mathilden bei Tische einen Gast durch ein besseres Kleid ehrte . Mit der gewöhnlichen Ruhe und Heiterkeit , aber mit einer fast noch größeren Freundlichkeit als sonst , begrüßte mich Mathilde und wies mir meinen Platz an . Wir setzten uns . Wir waren nun bei dem Frühmahle , wie wir es die mehreren Tage her gewohnt waren . Dieselben Gegenstände befanden sich auf dem Tische , und derselbe Vorgang wurde befolgt wie immer . Obgleich nur ein Dienstmädchen ab und zu ging , und wir in den Zwischenzeiten allein waren , indem Mathilde nach ihrer Gepflogenheit manche Handlungen , die bei einem solchen Frühmahle nötig sind , an dem Tische selbst verrichtete , so wurde doch über unsere besonderen Angelegenheiten auch jetzt nicht gesprochen . Gewöhnliche Dinge , wie sie sich an gewöhnlichen Tagen darbieten , bildeten den Inhalt der Gespräche . Teils Kunst , teils die schönen Tage der Jahreszeit , die eben war , und teils ein Abschnitt des Aufenthaltes während der Rosenzeit im Asperhofe wurden abgehandelt . Dann standen wir auf und trennten uns . Und so wurde auch am ganzen Tage von dem Verhältnisse , inwelches ich zu Natalien getreten war , nichts gesprochen . Wir fanden uns noch im Laufe des Vormittages im Garten zusammen . Mathilde zeigte mir einige Veränderungen , welche sie vorgenommen hatte . Mehrere zu sehr in geraden Linien gezogene geschorne Hecken , die sich noch in einem abgelegenen Teile des Gartens befunden hatten , waren beseitigt worden und hatten einer leichteren und gefälligeren Anlage Platz gemacht . Blumenbeete waren gezogen worden , und mehrere Pflanzen , welche man erst kennen gelernt hatte , welche mein Gastfreund sehr liebte , und unter denen sich außerordentlich schöne befanden , waren in eine Gruppe gestellt worden . Mathilde nannte ihre Namen , Natalie hörte aufmerksam zu . Am Nachmittage wurde ein Spaziergang gemacht . Zuerst besuchten wir die Arbeiter , welche mit der Hinwegschaffung der Tünche von der Steinbekleidung des Hauses beschäftigt waren , und sahen eine Zeit hindurch zu . Mathilde tat mehrere Fragen , und ließ sich in Erörterungen über Dinge ein , die diese Angelegenheit betrafen . Dann gingen wir in einem großen Bogen längs des Rückens der Anhöhen herum , die zu einem Teile das Tal beherrschen , in dem das Schloß liegt . Wir kamen an dem Saume eines Wäldchens vorüber , von dem man das Schloß , den Garten und die Wirtschaftsgebäude sehen konnte , und gingen endlich durch den nördlichen Arm desselben Spazierweges in das Schloß zurück , in dessen südlichem Teile ich heute morgens mit Natalien gewandelt war . Gegen Abend kam der Wagen mit den Wanderern an . Mein Gastfreund stieg zuerst heraus , dann folgten fast gleichzeitig die übrigen , jüngeren Männer . Ich wurde von allen gegrüßt und von allen getadelt , daß ich so spät gekommen sei . Man begab sich in das gemeinschaftliche Gesellschaftszimmer und besprach sich dort eine Weile , ehe man sich in die Gemächer verfügen wollte , die für einen jeden bestimmt waren . Mein Gastfreund fragte mich , wo ich mich heuer aufgehalten , und welche Teile des Gebirges ich durchstreift habe . Ich antwortete ihm , daß ich ihm schon im allgemeinen gesagt habe , daß ich an den Simmigletscher gehen werde , daß ich aber meinen besonderen Wohnort im Kargrat aufgeschlagen habe , in dem mit dem Gebirgsstocke gleichnamigen kleinen Dörflein . Von da aus habe ich meine Streifereien gemacht . Ich nannte ihm die einzelnen Richtungen , weil er besonders in der Gegend der Simmen sehr bekannt war . Eustach sprach über die schönen Naturbilder , die in jenen Gestaltungen vorkommen . Roland sagte , ich möchte doch auch einmal die Klamkirche , in der sie gewesen seien , besuchen ; die Zeichnungen werde mir Eustach schon zeigen , damit ich einen vorläufigen Überblick davon zu erlangen vermöge . Gustav grüßte mich einfach mit seiner Liebe und Freundschaft , wie er es immer getan hatte . Auf die gelegentliche Frage meines Gastfreundes , ob ich nun lange in der Gesellschaft meiner Freunde zu bleiben gesonnen sei , antwortete ich , daß mich eine wichtige Angelegenheit vielleicht schon in sehr kurzer Zeit fortfahren könnte . Nach diesen allgemeinen Gesprächen begaben sich die Reisenden in ihre Zimmer , um die Spuren der Reise zu beseitigen , staubige Kleider abzulegen , sich sonst zu erfrischen , oder Mitgebrachtes in eine Ordnung zu richten . Wir sahen uns erst bei dem Abendessen wieder . Dasselbe war so heiter und freundlich , wie es immer gewesen war . Am anderen Morgen nach dem Frühmahle ging mein Gastfreund eine Zeit mit Mathilden im Garten spazieren , dann kam er in mein Zimmer und sagte zu mir : » Ihr habt recht , und es ist sehr gut von Euch , daß Ihr das , was Euren hiesigen Freunden lieb und angenehm ist , Euren Eltern und Euren Angehörigen sagen wollt . « Ich erwiderte nichts , errötete , und verneigte mich sehr ehrerbietig . Ich erklärte im Laufe des Vormittages , daß ich , sobald es nur immer möglich wäre , abreisen müßte . Man stellte mir Pferde bis zur nächsten Post zur Verfügung , und nachdem ich mein kleines Gepäck geordnet hatte , beschloß ich , noch vor dem Mittage die Reise anzutreten . Man ließ es zu . Ich nahm Abschied . Die klaren , heiteren Augen meines Gastfreundes begleiteten mich , als ich von ihm hinwegging . Mathilde war sanft und gütig , Natalie stand in der Vertiefung eines Fensters , ich ging zu ihr hin und sagte leise : » Liebe , liebe Natalie , lebet wohl . « » Mein lieber , teurer Freund , lebet wohl , « antwortete sie ebenfalls leise , und wir reichten uns die Hände . Nach einem Augenblicke verabschiedete ich mich auch von den anderen , die , da sie wußten , daß ich abreisen werde , in das Gesellschaftszimmer gekommen waren . Ich schüttelte Eustach und Roland die Hände , und empfing Gustavs Kuß , welche innigere Art des Bewillkommens und Scheidens schon seit längerer Zeit zwischen uns üblich geworden war , und welche mir heute so besonders wichtig wurde . Hierauf ging ich die Treppe hinab und bestieg den Wagen . Mathildens Pferde brachten mich auf die nächste Post . Dort sendete ich sie zurück , und nahm andere in der Richtung nach dem Kargrat . Ich gönnte mir wenig Ruhe . Als ich dort angekommen war , erklärte ich meinen Leuten , daß Umstände eingetreten wären , welche die Fortsetzung der heurigen Arbeiten nicht erlaubten . Ich entließ sie also , händigte ihnen aber den Lohn ein , den sie bekommen hätten , wenn sie mir in der ganzen vertragsmäßigen Zeit gedient hätten . Sie waren hierüber zufrieden . Der Jäger und Zitherspieler war früher , ehe ich gekommen war , fortgegangen . Wohin er sich begeben habe , wußten die Leute selber nicht . Das Verhältnis mit meinen Arbeitern zu ordnen , war mir das Wichtigste auf meinem Arbeitsplatze gewesen ; deshalb war ich hingereist . Ich hatte ihnen vor meinem Besuche im Asperhofe gesagt , daß ich bald wieder kommen werde , hatte ihnen während meiner Abwesenheit Arbeit aufgetragen , und hatte ihnen Arbeit nach meiner Wiederkunft in Aussicht gestellt . Dieses mußte nun umgeändert werden . Da es geschehen war , gab ich meine Sachen im Kargrat so in Verwahrung , daß sie gesichert waren , und reiste sogleich wieder ab . Ich hatte die Pferde