in das Württembergische erstreckt , traf er unversehens auf einem abgelegenen Holzwege , wo ein einzelner Soldat nicht leicht zu marschieren pflegt , einen herzoglichen Grenadier , der noch überdies , um das Sonderbare der Erscheinung zu vermehren , zu Pferde saß und seine weiße Grenadiermütze tief über das Gesicht gezogen hatte . Beide erkannten sich sogleich . Der Grenadier war sein Landsmann durch Abstammung und sein Verwandter durch Wahl , der sogenannte Schneidermichel , der eine Base Christinens sich beigelegt hatte , von ihr aber wegen seines zu friedliebenden Gemütes verlassen worden war . Dasselbe hatte ihn unter dem zweiten Grenadierbataillon , in das man ihn aus dem Zuchthause » gestoßen « hatte - der Ausdruck ist amtlich - in die sogenannte Fuldaer Schlacht begleitet , in welcher er keinen Vorwurf auf sich lud , da er das Schlachtfeld gleichzeitig mit der ganzen Armee , soweit sie nicht gefangen war , und mit dem Kriegsherrn verließ . Nur hatte der Soldat der Reichsarmee , während seine Kameraden in den Wintergarnisonen unterkamen , bis zu diesem Tage die Flucht nicht eingestellt . Er bekannte seinem Freunde , daß er herzoglich württembergischer Deserteur sei , zu seinem besseren Fortkommen das Pferd , das er reite , dem Adlerwirt in Flehingen aus dem Stall genommen habe , und sich nach Hechingen zu wenden willens sei . Dies redete ihm der Sonnenwirtle aus und sagte , er sei zu Hechingen nicht sicher , er solle lieber mit ihm in das Deutschherrische gehen . Der andere willigte ein ; da er aber als württembergischer Deserteur sich auf württembergischen Boden so wenig sicher fühlte als sein Freund auf badischem , so beredete er diesen , das Pferd zu nehmen , mit welchem er sich gleichfalls nicht mehr durch das Badische getraute , weil er es dort gestohlen hatte , in einem kleinen Orte oder auf einem einzelnen Hofe bei Enzweihingen über Nacht zu bleiben und den anderen Tag in Heilbronn mit ihm zusammenzutreffen . Mit dieser Verabredung trennten sie sich . Eine Aufmunterung , in Kriegsdienste zu gehen , woran er manchmal in seinem Leben gedacht , konnten die Erzählungen dieses der Fuchtel entlaufenen Soldaten für ihn nicht enthalten . Wenn dagegen der Grenadier den Räuber , wie ohne Zweifel geschehen ist , nach dem Befinden der Bekannten fragte , so konnte dieser ihm eine lange Unglücksliste eröffnen . In der kurzen Zeit dieser drei Jahre hatte der Tod eine reiche Ernte gehalten . Von der Gesellschaft , die er im Walde von Wäschenbeuren getroffen und mit der er sich noch am besten vertragen hatte , lebten nur noch die weiblichen Mitglieder ; der scheele Christianus war gehängt , Schwamenjackel geköpft , Bettelmelcher von den Streif Wächtern erschossen ; und von den Weibern war nur noch eine einzige frei , seine freche Schwägerin , denn Christine saß in Stein und die alte Anna Maria in Steinbach gefangen . Er selbst hatte die Alte in Gestalt des wandernden Krämers , der oft von solchen Marktdiebinnen betrogen worden , in ihrem Gefängnis aufgesucht und die Gelegenheit benützt , ihr verstohlen einen Teil seiner Barschaft in die Hand gleiten zu lassen . Der Verfolg beweist , daß er das Pferd , das er offenbar aus Gutmütigkeit angenommen , um dem andern aus der Verlegenheit zu helfen , gar nicht angesehen hatte , denn sonst würde er es wohl schwerlich bestiegen haben . Seine sonst so schnellen Augen wachten nicht für ihn , und er muß an diesem verhängnisvollen Tage ganz in schwere , tiefe Gedanken versunken gewesen sein . In einem Dorfe auf der Höhe hielt er an und trank ein Glas Wein . Als er weiter ritt , neigte sich die Hochebene und der Weg teilte sich in drei Pfade , die von keinem Wegweiser bezeichnet waren . Er wählte den mittleren geraden , der ihn steil ins Tal hinunterführte . Eine Stadt mit Mauern und Toren , von einem Schlosse überragt , lag vor seinen Augen , als das Ziel des Weges , den er ritt . Er kann sie unmöglich gesehen haben , denn der erste Blick hätte ihm gezeigt , daß es vernünftiger sei , sie zu umgehen . Eine Brücke trug ihn über die Enz - er befand sich vor dem Tore . Nun stutzte er freilich einen Augenblick , aber der Torwächter , dem die Langeweile an diesem selten betretenen Tore den Blick geschärft haben mochte , hatte vom kleinen Fenster aus sein Stutzen bemerkt . Wäre er zu Fuße gewesen , so würde er jetzt noch unwillkürlich den Fuß angehalten und den Schritt gewendet haben . Des Reitens seit langer Zeit ungewohnt , ließ er das Pferd gehen , und so wurde dieses zum Werkzeug seines Schicksals , dessen Hand lähmend auf seinem Geiste lag . Seine Uhr war abgelaufen , das Pferd trug ihn blindlings durch das Tor , hinter welchem sich ein Gewirre von engen Gäßchen auftat , das Gitter fiel hinter ihm und der Mann mit dem spürenden Blicke trat aus dem Torhäuschen heraus . Die Geschichte der Verhaftung selbst hat der Oberamtmann bereits erzählt ; aber sein Sohn berichtet noch einige weitere Züge , die in Verbindung mit dem , was aus sonstigen Stellen der Akten hervorgeht , aufbewahrt zu werden verdienen . Derselbe erzählt , sein Vater habe die Pässe des Fremden , an welchen der Torwächter gezweifelt , ganz richtig befunden , und Schwan sei nun schon so gut wie frei gewesen , aber ein kleiner Umstand habe ihm Freiheit und Leben gekostet : er sei nämlich auf einem sehr elenden Pf erde gesessen , das mit seinem eigenen trotzigen und kühnen Anstände - und , wie aus den andern Quellen hervorgeht , mit seiner durchaus ehrbaren Kleidung - einen höchst lächerlichen Widerspruch gebildet habe , und dieser Umstand , sowie das auffallende Gesicht des Mannes , habe gemacht , daß der Oberamtmann mit Aufmerksamkeit bald auf dem Pferde , bald auf ihm verweilt sei . Diese Aufmerksamkeit sei dem Reiter nicht entgangen , der nun habe annehmen müssen , das gestohlene Pferd sei bereits steckbrieflich geschildert , und deshalb , da der Oberamtmann eine Veränderung in seinem Gesichte zu erblicken glaubte und ihm abzusteigen befahl , die Flucht zu ergreifen gesucht habe . Gleichwohl würden nach seiner Vergewaltigung durch einige mutige Vaihinger Bürger , die , wie der Vorgang von Jöhlingen beweist , ihr Leben dabei wagten , die Inzichten , die in seinem Benehmen und den bei ihm gefundenen allerdings verdächtigen Gegenständen lagen , noch nicht zu einem zuversichtlichen Verfahren gegen ihn ausgereicht haben . Er hatte sich schon mehr in solchen Verlegenheiten befunden und wußte , wieviel man der Obrigkeit , selbst auf halbem Augenschein von ihr ertappt , durch hartnäckiges Leugnen abtrotzen konnte . Aber die erste Gefängnisnacht in Vaihingen vollendete die Umwandlung , die schon lange in seinem Innern begonnen hatte und durch die Stürme des Lebens , die Foltern des Gewissens so vorbereitet war , daß sie nur noch eines äußeren Anstoßes bedurfte . Wer seinen Mutterwitz und seine offenherzige Leutseligkeit für die einzigen von seiner Mutter ererbten Eigenschaften hielt , hatte sich garstig in ihm verrechnet , und teuer mußten die Genossen seiner Übeltaten diesen Rechnungsfehler büßen . Das hauptsächlichste Erbe , das er von seiner Mutter überkommen , das heißt , vermittelst ihres Einflusses sich in sein Herz eingeprägt hatte , war die Religion , wie sie in den Liedern seiner Landeskirche , in den Sprüchen der Lutherschen Bibel und in den Fragen und Antworten des protestantischen Katechismus niedergelegt war . Die Art , wie er diese Religion in der Welt ausüben sah , hatte ihn oft über sie spotten machen , und der Beifall , den seine Witze fanden , hatte ihn in seinen Spöttereien bestärkt . Aber was sein Geschichtschreiber aus seinem Mund erzählt , beweist , daß sie dennoch die Heimat seines innersten Gemüts geblieben war , und der nämliche Erzähler , dem es gar nicht einmal einfiel , an der Wahrheit jener Mitteilung zu zweifeln , sagt bei einer andern Gelegenheit von ihm , Aufrichtigkeit sei , selbst in seinen ruchlosesten Jahren , ein Hauptzug in ihm gewesen . Oft , erzählt derselbe bei der Darstellung seines inneren Zustandes während seines Aufenthaltes unter den Gaunern , oft sei er nachts im Traume aufgewacht , nachdem er vergebens durch Berauschung sein Gewissen einzuschläfern gesucht , habe geschrien , geweint , gebetet , bis sein Weib an seiner Seite ihn durch Spöttereien über seine Feigheit wieder zum Schweigen gebracht habe . Oft sei er auf die Knie gefallen und habe den Himmel um Gnade zu seiner Besserung angefleht . Oft sogar sei er unter dem Galgen niedergekniet und habe Gott gebeten , ihn aus diesem Leben herauszuführen . Dann habe er wieder sein Weib genötigt , auf die Knie zu fallen und mit ihm zu beten , in der Hoffnung , daß ihre , wie er gedacht , noch weniger befleckte Seele eher Erhörung finden würde . Oft sei er mit Schrecken aus dem Schlummer aufgefahren , habe geseufzt und gebetet , und wenn sein Weib gefragt , was ihm fehle , ihr allemal geantwortet , er denke an den Waisenpfarrer zu Ludwigsburg . » O Weib « , habe er weinend und seufzend gesagt , » wenn du wüßtest , was das für ein Mann war , was er mich gelehrt , wie er mich ermahnt hat - o Gott , wenn er recht hat , so sind wir beide verloren , und ach , gewiß , er hat recht ! « Als er einst zu Offenburg gefangen gelegen , habe er mit einem von der Wand abgebrochenen Stückchen Speiß ein Kruzifix gemalt , dasselbe , um sich stets an den Gekreuzigten zu erinnern , beständig angeschaut , geküßt und mit Tränen benetzt . » Damals « - dies sind , sagt sein Geschieh tschreiber , seine eigenen Worte - » versprach ich vor dem Bilde meines Heilandes Besserung und nahm mir fest vor , eher mein Brot zu betteln , als ihn weiter zu beleidigen . Ich netzte dieses Bild mit Tränen , ich küßte ihm die Hände und bat um meine Befreiung . Sie erfolgte , ich war so glücklich , daß ich entrann , oder vielmehr so unglücklich , daß ich Gelegenheit bekam , meine vorigen Sünden mit neuen zu vermehren . Einige Tage tat ich gut . Aber ich konnte keine bösen Tage leiden . Nur allzubald war der vorige gute Vorsatz verschwunden , und ich war zu meinem Schaden klug genug , Entschuldigung für meine Sünden zu finden und mich manchmal gar zu bereden , daß alles Torheit sei , was man vielleicht bloß um der Einkünfte willen in den Kirchen predige . Das ging nun freilich nicht ohne innerliches Widersprechen meines Gewissens ab , und überhaupt hatte ich beständig quälende Gewissensbisse . « Nichts aber , setzt sein Geschichtschreiber hinzu , habe seine Besserung so sehr gehindert , als sein Weib , die seine Begierde nach derselben als Zuckungen eines Feigen belacht und , wenn Spotten nichts mehr half , seine Frömmigkeit bloß als einen Vorwand , sie zu verlassen und zu seiner lutherischen Christine zurückzukehren , angesehen habe . Die schwarze Christine bekannte sich zu der katholischen Kirche . Sie hatte mit ihrem Geliebten gleich nach ihrer Verbindung eine Wallfahrt zu der schwarzen Maria von Einsiedeln gemacht , um sich trauen zu lassen , daselbst auch Bereitwilligkeit gefunden , die jedoch , nicht zur Tat werden konnte , da keines von beiden Brautleuten daran gedacht hatte , seinen Taufschein mitzubringen . Ihr erstes Kind war in einem badischen Orte , dessen gaunerfreundlicher Schultheiß dabei zu Gevatter stand , von einem Jesuiten getauft worden . Über den Tod dieses Kindes , das sie frühe wieder verlor , betrübte sie sich so übermäßig , daß sie in Verzweiflung verfiel und dem Wahnsinn nahe kam ; sie wollte sich , durchaus nicht von dem Kinde trennen und trug die verwesende Leiche in einem Kästchen mit der größten Beschwerde acht Tage lang herum . Über ihr Verhältnis zu ihrer Religion sagt der akademische Geschichtschreiber dieses Räubers und dieser Räuberin : » Niemand betete pflichtlicher das Paternoster . Niemand besuchte die Wallfahrten so fleißig oder wohnte den Prozessionen so häufig bei . Schwan hat versichert , daß sie auf eine einzige solche heilige Feierlichkeit mehr als dreißig Gulden aufgewandt , daß sie aber auch öfters das Geld dazu vorher gestohlen habe . « Übereinstimmend hiermit sagt ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts , der über die Gauner schrieb und sich durch seine Sprache als Protestanten zu erkennen gibt , die Religion , zu der sich diese Menschenklasse bekenne , sei in der Regel die katholische , man dürfe immer hundert Katholiken auf einen oder zweien Lutheraner , Reformierte oder Juden rechnen ; diese Minderheiten bilden die Ausnahme und seien allemal Überläufer aus dem Bürgerstande ; die Religionswissenschaft der Mehrheit bestehe in einigen auswendig gelernten Formeln , in Legenden , in ungestalteten Ideen von Wallfahrten , Messelesen , Rosenkranzbeten u. dgl. , und mehr , fügt er mit protestantischer Härte hinzu , brauchen sie als Gauner auch nicht zu wissen , denn die Religion würde ihnen , wenn sie sie dem Wesen nach kenneten , nur beschwerlich sein . Die katholische Kirche , die sich die allgemeine nennt und es zu werden strebt , macht dem Menschen den Eintritt in ihre allezeit offenen Tempel leichter und legt ihm kein so schweres Opfer auf wie ihre Schwesterkirche . Da sie alles unter ihre Flügel versammeln will , so muß sie wie eine gütige nachsichtige Mutter verfahren , die dem Kinde je nach dem Maße seiner Gaben nicht das Schwerste zumutet , sondern sich mit der Andeutung des guten Willens begnügt . Daher erklärt es sich , daß ihre opferfreudigen Sendboten unter den kindlichen Völkern einer jüngeren Welt , wie bei den aus Indien nach Europa eingewanderten Zigeunern , welche großenteils den Grundstock der Heimatlosen des vorigen Jahrhunderts abgegeben haben , im Pflanzen und Ernten glücklicher gewesen sind als ihre Nebenbuhler von der anderen Kirche . Diese strengere Mutter weist die bloß äußerliche Andeutung zurück , sie duldet es nicht , daß der Mensch an seiner Statt Gott einen guten Mann sein lasse , sondern legt ihm selbst , unter Verheißung des göttlichen Beistandes zwar , die Riesenarbeit auf , sich die Geheimnisse des Glaubens anzueignen und das eigene Ich zu überwinden . Da sie selbst die Größe dieser Forderung sich nicht verbergen kann , so sagt sie , es sei nur Auserwählten möglich , dieselbe zu erfüllen , während sie zugleich , da sie so wenig wie die andere Kirche ihren Kreis zu beschränken gemeint ist , hiedurch in den Widerspruch gerät , auch Nichtauserwählten ihr Joch auferlegen zu wollen . Hiezu kommt noch , daß ihr seit mehr als hundert Jahren gerade unter ihren begabtesten Söhnen Gegner aufgestanden sind , die , statt sich als Auserwählte zu zeigen , den Grund des Glaubens mit der Schneide der Prüfung und Verneinung aufgewühlt und ihre unbegabteren Brüder beunruhigt haben , so daß die Kirche selbst , im Kampf mit ihnen , so wie andererseits mit ihrer älteren Schwester genötigt worden ist , um den Glauben zu streiten , das heißt , die Breite , Höhe und Tiefe der Gottheit auszumessen , was zwar den Weltkindern freistehen mag , der Kirche aber durch ihre heiligen Urkunden nicht empfohlen ist . So weisen denn beide Kirchen an ihren Bekennern Schattenseiten auf , welche die Gefahren der einen wie der anderen anzeigen : dort Leichtsinn , hier Verwirrung . Beide aber , die nachsichtige wie die strenge Mutter , geben dem Menschen für das Leben die gleiche Vorschrift : Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ; und wenn diese Lehre befolgt würde , wenn mit diesem Beispiel die Lehrenden selbst und unter ihnen die heißesten Eiferer für ihre Kirche und ihren Glauben zuerst vorangingen , so wäre unter den Flügeln der einen wie der anderen dem Menschen eine gute Wohnstätte bereitet . Daß auf der einen wie auf der anderen Seite von dieser Liebe nicht gar viel zu spüren ist , das ist wohl zunächst die Schuld des einzelnen Menschen , noch weit mehr aber die Schuld und Not des ganzen Kreises , aus dem er stammt und in dem er lebt . Die Liebe , ob sie schmeicheln oder züchtigen mag , ist ein Weib und kann nicht dem Haushalte vorstehen , der neben der Mutter des Mannes , des Vaters bedarf ; und wenn das Volk , das in so vielen stolzen Söhnen sich rühmt , das zweite auserwählte der Weltgeschichte zu sein , wenn dieses Volk am Ziele seiner harten Arbeit und Mühsal die Gesetzestafeln findet , welche den zerrütteten Haushalt der Völkerwelt von neuem ordnen , jedem einzelnen Kinde des Hauses sein Lebensrecht und seine Lebenspflicht in ungezwungenem menschlichen Maße zuwägen , dann ist der Vater zu der Mutter gefunden , dann werden Recht und Liebe nebeneinander , eins das andere beschränkend , beschirmend , verklärend , in dem neuerbauten Hause walten . Die schwarze Christine tat sich auf ihre pflichtmäßigen Religionsübungen nicht weniger zu gut als die ehrbare Protestantin , welche sonntäglich zur Kirche geht , um die Predigt zu hören , vielleicht auch in der andächtigen Gemeinde gesehen zu werden , und das mit einem gewissen Recht : denn unter den Leuten , welche nicht durch die Schulen der Philosophen , sondern bloß durch ihre Konfessionsschule , unmittelbar oder mittelbar , gegangen sind , gilt es für eine Brandmarkung , keine Religion zu haben , weil diese eben das unverstandene , aber eben darum desto mehr mit der Ahnung festgehaltene Wahrzeichen ist , daß man einem Menschen im Verkehr mit seinesgleichen trauen könne . Sooft sie auch sich selbst und andere schon mit diesem Wahrzeichen getäuscht haben , sie halten immer wieder daran fest , nicht mit dem Verstande , der die geheimnisvolle Kammer der Glaubensschätze als Prunkgemach für hohe Feste das ganze Jahr verschlossen läßt und vorsichtig seinen Geschäften nachgeht , sondern mit dem Herzen , welches dunkel fühlt , daß die Religion mit der dem Leben zugekehrten Vorschrift der Liebe die Menschen aneinander bindet oder binden sollte . Daß sie nach vollbrachter Religionsübung sich mit ihrer Religion abfinden und dieselbe in den menschlichen Verkehr nicht mitbringen , können sie einander von beiden Seiten mit gleichem Recht vorwerfen ; nur wird , die gleiche Innigkeit des Bekenntnisses bei den einzelnen vorausgesetzt , die Abfindung bei dem strengeren Bekenntnisse schwerer sein . Und doch finden sich hüben wie drüben bis zu einer gewissen Grenze alle ab : denn wer befolgt die Vorschrift des Evangeliums , alles zu verkaufen , was er hat , und es den Armen zu geben , oder nie für den kommenden Tag zu sorgen ? Wer Rechtsverbindlichkeiten eingegangen hat , wer Weib und Kind ernähren muß , wird , wenn er auch noch so kirchlich religiös gesinnt ist , sich mehr oder minder deutlich gestehen , daß er solche Vorschriften als unerfüllbar betrachte . Dann bleibt zwar allerdings noch immer ein sehr großer Unterschied zwischen ihm und einer Gaunerin , die das Geld zu einer Wallfahrt stiehlt , oder , wie eine andere ihres Ordens , ein berühmtes Marienbild von gestohlenem Zeuge kleiden , oder gar , wie gleichfalls vorgekommen ist , für das Gelingen eines Einbruches eine Messe lesen läßt ; aber die Nichtanwendung wie die nichtswürdige Anwendung von Religionsvorschriften auf das Leben ist immer eine Abfindung , mit welcher man bekennt , daß die Religion das Leben nicht ganz zu leiten vermöge . Woher soll ihm aber eine ganze Leitung kommen , solang es an einem Rechte fehlt , das jedem seinen Platz am Tische des Lehens sichert ? Die Religion hat noch selten einen christlichen Staat oder Fürsten abgehalten , um eines wirklichen oder vermeintlichen Rechtes willen einem anderen Menschen- oder Christenreiche den Krieg zu erklären und selbst mit Grausamkeit zu führen , ja nach erfochtenem Sieg über blutigen Leichen und rauchenden Wohnstätten dem Herrn der Heerscharen , den dieselbe Religion auch den Vater der Liebe nennt , einen schrecklichen Lobgesang anzustimmen . Auf ein Recht aber glaubte auch die Tochter eines heimatlosen Stammes sich berufen zu können , die über den Gräbern ihrer geschlachteten Verwandten im Kriege mit der Gesellschaft aufgewachsen war und diesen Krieg mit dem gleichen Hasse führte , mit welchem ein Naturvolk seine Wälder und Gebirge unter Raub und Mord gegen die Waffen und Gesetze des eingeborenen oder eingedrungenen Beherrschers zu behaupten sucht . Gerade hierin aber lag zwischen ihr und dem nicht von Kindesbeinen an , sondern erst in späteren Jahren ausgestoßenen Sohne des herrschenden Volkes ein Gegensatz , der immer eine Kluft zwischen ihnen offen erhalten mußte . Zehnmal mochte er ihr in den Stunden der Leidenschaft beistimmen , daß die Gesellschaft , die er verlassen , aus lauter Spitzbuben , Heuchlern oder Tröpfen bestehe : immer wieder sagte ihm seine unbestechliche Erinnerung , daß er auch ehrliche , gradsinnige und verständige Leute darin gefunden habe und daß das nächste Opfer ihrer Raubzüge zu diesen gehören könne . Und diese lichten Erinnerungen und Eindrücke verbanden sich bei ihm mit einer Religion , die ihn in dem friedlich-frommen Kreise seiner Mutter mit dem unvertilgbaren Bewußtsein erfüllt hatte , daß , wenn auch in der Bibel und von ihren besten Helden gestohlen , geraubt und gemordet werde , daß , wenn auch eine christliche Obrigkeit sich für die Führung ihres Racheschwertes auf die Bibel berufe , doch der wahrhaft gute Mensch einen Abscheu davor haben müsse , das Eigentum seines Nächsten anzutasten oder , unter welchem Vorwande es auch sei , sein Blut zu vergießen . Aber die innere Erkenntnis des Menschen hat ohne eine Unterstützung von außen nicht so leicht die Gewalt , sein äußeres Leben augenblicklich umzugestalten , schon deshalb nicht , weil seinen schönsten und edelsten Empfindungen immer wieder die menschliche Schwachheit sich anhängt und weil er die besten Vorsätze sehr oft in Stunden äußerer Not und Bedrängnis faßt , so daß , wenn diese vorüber sind , das frohe Gefühl des Glückswechsels ihm auch den guten Vorsatz nur als ein Erzeugnis der schwachen Stunde erscheinen läßt . Hiefür liefert gerade die Geschichte der Offenburger Verhaftung , wie sie Schwan ohne den religiösen Zwischenvorgang zu den Akten gegeben hat , einen so deutlichen Beleg , daß dieselbe , die auch sonst merkwürdige Züge darbietet , hier nicht übergangen werden darf . Nach verschiedenen Abenteuern mit eigennützigen Polizeimännern und nachlässigen Obrigkeiten , welche sich den Schutz der ihnen anvertrauten bürgerlichen Gesellschaft so schlecht angelegen sein ließen , daß diejenigen , die dem Markgrafen von Baden ihre etwaigen Gefangenen um Geld verkauften , noch weitaus zu den besseren gehörten , hatte das Paar den Unstern , auf dem Jahrmarkte zu Offenburg in seinen Geschäften durch die Wachsamkeit dortiger Bürger gestört zu werden , wie denn überhaupt in allen ähnlichen Geschichten jener Zeit die Gaunerherrlichkeit immer erst da ein Ende hat , wo mutige und aufopfernde Bürger , oft schmählich im Stich gelassen , der Obrigkeit zu Hilfe kommen . Dem Räuber gelang es in eine Kapelle zu entspringen , seine beiden Terzrohre , wie der Sprachgebrauch der Zeit sie nannte , unter dem Hochaltar zu verbergen und seine Barschaft von drei Karolins dem Chorrektor , der mit mehreren Geistlichen sogleich herbeieilte , in die Hand zu drücken . Der Chorrektor versprach , ihn nicht eher auszuliefern , als bis er vom Magistrat einen Salvuskondukt in so bündiger Form ausgewirkt habe , daß man ihm weder an das Leben gehen , noch ein Glied verletzen , sondern , wenn er je eine Todesstrafe verwirkt , ihn wieder hierher in die Kirche stellen müsse ; für Schläge könne er ihm freilich nicht stehen . Der Stadtmeister der katholischen Reichsstadt lag nebst einigen anderen Personen soeben in der gleichen Kirche seiner Andacht ob und sah die Unterhandlung zwischen dem Geistlichen und dem verdächtigen Flüchtling mit an . Als nun die Kirche denselben mit dem weiteren Versprechen , daß er das anvertraute Geld nach seiner Freigebung bei dem Pfarrer eines benachbarten Ortes wieder abholen könne , der weltlichen Obrigkeit übergeben hatte , so wollte diese mit aller Gewalt wissen , was er dem Geistlichen zugestellt habe . Drei Tage hintereinander erhielt er jedesmal vierzig Streiche , bekannte aber nichts , ungeachtet er nach seiner Erzählung unleidliche Schmerzen auszustehen hatte , und in der Nacht des vierten Tages gelang es ihm , die Riegelwand von Backstein durchzubrechen und sich am Leintuche herabzulassen , worauf er bei dem bezeichneten Pfarrer seine drei Karolins wieder abholte . Die Kirche hatte im Kampfe mit dem Staat ihr Recht um jeden Preis behauptet und eher einem Räuber , dessen Eigenschaft sie kaum bezweifeln konnte , durchgeholfen , als sich ihr Asylrecht verletzen lassen . Nach diesem Hergang darf man sich jedoch nicht wundern , wenn Christine über die Geschichte der dreitägigen Buße vor einem mit Speiß gemalten Kruzifix , welche ihm jeden Tag durch die Aussicht , morgen wieder vierzig Schläge zu erhalten , geschärft worden war , den vierten Tag aber mit einem Ausbruch geendigt hatte , in ein höhnisches Gelächter ausbrach und die lutherischen Anwandlungen um so unpassender fand , als ihre eigene Kirche ihn soeben zu nicht geringem Danke verpflichtet hatte . Dennoch ließen diese Anwandlungen nicht von ihm ab , und jetzt wird es begreiflich , wie sie in Vaihingen so plötzlich zum Durchbruch kommen konnten . Zugleich aber lernt man auch deutlicher zwischen den Zeilen des Vaihinger Protokolls lesen , wenn man sich den Auftritt von dem Sohne des Oberamtmannes erzählen läßt . » Den zweiten Tag « , sagte er , » erschien Schwan wieder . Der Beamte schlug nun den entgegengesetzten Weg ein . Er wiederholte ihm zwar noch einmal , daß er ihn für einen ausgemachten Bösewicht halte ; aber nun forderte er ihn nicht mehr durch Drohungen , sondern durch Darstellung der schrecklichen Folgen des Lasters , durch Schilderung des Glücks eines ruhigen Gewissens , durch Bezeugung seiner herzlichen Teilnehmung an seinem Schicksal und durch Verspruch , ihm dasselbe durch alles , was nur in seiner Gewalt stehe , zu mildern , auf ; kurz , er versuchte nun durch Religion und teilnehmende Güte sein Herz zu rühren . Der Versuch gelang . Der trotzige Blick milderte sich sichtbarlich , Traurigkeit trat an die Stelle der Wut , eine Träne floß in dem wilden Auge . Ich habe meinen Mann gefunden , rief er gerührt , ich bitte Sie , lassen Sie diese Leute hinausgehen , und ich will Ihnen alles gestehen . Der Oberamtmann , um diese Rührung nicht zu stören , ließ alle nicht ganz notwendigen Personen hinausgehen , und in diesem Augenblick stammelte Schwan mit bebendem Munde : Hören Sie in einem Wort alle meine Verbrechen : ich bin der Sonnenwirtle . « Hisce praemissis ist das Bekenntnis des Räubers nicht mehr so sehr überraschend , wie es in dem Protokoll des Oberamtmanns überrascht und wie dieser selbst , der freilich im Protokoll dies wenig merken läßt , nebst Stadt und Land davon überrascht gewesen ist . Hätte er sein Inquisitionsschema , wie er es in das Protokoll schrieb , angewendet , so würde er wohl lange auf diese überfließende Offenheit haben warten dürfen ; denn dieses Schema , das auch den redlichsten Beamten ohne seine Schuld zu einer gewissen Unwahrheit zwingt , ist dem Volke so fremd wie die römische Advokatur es seinen zungenausreißenden Vorfahren war . Dem Manne , der den Menschen und den Oberamtmann mit so gutem Erfolge für sein Protokoll zu vereinigen wußte , soll hieraus kein Vorwurf gemacht werden : er hat seinerzeit einen wichtigen Dienst geleistet , und sein Gefangener selbst hat ihm die Abkürzung einer Laufbahn voll Schmach und innerer Verachtung , deren Maß immer voller geworden wäre , in der ganzen Aufrichtigkeit seines Herzens gedankt . Mit diesem Bekenntnis nun , das gleich in den ersten Worten den Stab über sein verwüstetes Leben brach , halte er sich nicht bloß in die Hand der Obrigkeit , sondern auch in die Hand seiner Kirche ergeben , welche ihre Diener sandte , um dieses Leben zu einem bußfertigen und seligen Ende zuzubereiten . Ohne Zweifel haben dieselben nach der Sitte der Zeit ausführliche Beschreibungen dieses geistlichen Prozesses veröffentlicht ; aber unter den vielen Schwarten von hochfürstlichen Geburts- , Hochzeits- und Leichenfeierlichkeiten in dem öffentlichen Bücherschatze , den der Herzog später anlegte , als er für ein gleichfalls verfehltes Leben Ersatz in der Erziehung der Jugend suchte , haben jene Schriften keinen Platz gefunden , und das Lebensbild , aus welchem nicht ein Zug hätte verlorengehen sollen , muß auch auf dieser Seite halbvollendet bleiben . Doch hat einer der beiden Geistlichen dem Sohne des Oberamtmanns einzelne Züge aus jenem Bekehrungsgange mitgeteilt , welche uns in der Erzählung desselben aufbehalten sind . Bei seinem ersten Besuche begann dieser Geistliche von dem Zorne Gottes zu reden , der diejenigen verfolge , welche die Mittel der Gnade zu lange verschmäht , von einer traurigen Ewigkeit und von den Schwierigkeiten einer aufrichtigen Besserung nach einem so ruchlosen Leben . Hiemit hatte er zwar untadelhaft nach seinem Schema gearbeitet , wie der Oberamtmann nach dem seinigen ein regelrechtes Protokoll zuschreiben wußte ; aber seine Bemühung fand den entgegengesetzten Erfolg . Der Räuber rief ihm aufgebracht entgegen , ob er nur gekommen sei , ihn zu quälen ? Der Geistliche bequemte sich , in die Schule des Oberamtmanns , der diesen harten Stoff besser zu kneten verstand , zu gehen , und stellte sich nun dem stolzen Verbrecher als ein Bote des Friedens dar , der dem reuigen Sünder im Namen Gottes - welcher ihm geboten habe , ihn in seinem Namen sogar darum zu bitten - Gnade antrug ; dann ging er zum Gebet über , flehte Gott um Vergebung ihrer beiden Sünden an und dankte ihm für die Langmut , die er diesem seinem verirrten Schafe bewiesen habe . Jetzt war die rechte Saite angeschlagen : der Verbrecher war bewegt von dem Gedanken an die Langmut