an dem kleinen Weihnachtsbaum befestigen . Dann holte sie all ' die prächtigen Sachen hervor , mit denen die Kinder beschenkt werden sollten . Zuerst kam das Nützliche , und zwar für Marie eine neue Schürze und ein kleines wollenes Halstuch , für das Bübchen aber eine Schiefertafel , da die alte im letzten Straßenkampf zu Grunde gegangen war , ein Federrohr und ein paar von ihm so genannte Herrenstiefel ; das waren nämlich Stiefel mit Schäften , wonach er schon lange geschmachtet und die ihm sein Pathe Schuhmachermeister verehrt . Hierauf folgte das Angenehme : für das Mädchen eine Puppe , welcher die Tänzerin aus verschiedenen Lappen und Flittern , die sie in der Garderobe gesammelt , ein prachtvolles Ballkleid verfertigt hatte . Die Puppe hatte eigenes Haar und war à l ' enfant frisirt ; wie ihre Legion von Schwestern schaute sie ungeheuer verwundert in die Welt und hatte dazu die Arme und Füße etwas Weniges verdreht ; letztere standen ungeheuer auswärts , und die Finger hielt sie nach Art der preußischen Infanterie : den kleinen Finger an der Hosennaht . - Für Karl hatte Clara längere Zeit zwischen einer Trommel und einem Schaukelpferd geschwankt , sich aber auf Zureden des Vaters für das Letztere entschieden . - » Denn , « meinte Herr Staiger , » er würde mit seiner Trommel ein schönes Gerappel machen , was meinem Onkel Tom und dem Herrn Blaffer nicht zu gut käme , und ich muß mich nun doppelt zusammen nehmen , um vortreffliche Arbeit zu machen , denn ich werde jetzt in der That so anständig honorirt , daß ich täglich mit Bequemlichkeit über zwei Gulden verdienen kann . - Ich hätte nie geglaubt , daß es mir noch so gut gehen würde . « Clara arbeitete emsig an ihrem Baum , stellte die oben genannten Sachen so prächtig auf und so schön in ' s Licht , daß sie in der That einen großartigen Effekt machten . » Weiß der Herr , « sagte freundlich Herr Staiger , der , die Hände auf dem Rücken , behaglich dieser Arbeit zusah ; » es geht mir heute Abend wie jenen Savoyardenknaben bei ihrer Melonenschnitte : ich fühle mich auch glücklicher als ein König ; es ist das wieder ein angenehmes , liebes Weihnachtsfest , wie sie mir aus meiner Jugend her in Erinnerung sind und wie wir sie einige Male hatten , als deine selige Mutter noch lebte . - Siehst du , Clara , « fuhr er gerührt fort , » ich glaube , der liebe Gott hat mein Leben wunderbarlich geführt und gibt mir noch einen fröhlichen Abend des Lebens . Ich weiß nicht weßhalb , aber es kommt mir nun einmal so vor . - Meine Jugend war hell und glücklich beschienen , dann kamen schlimme Jahre und ich mußte lange im kalten Schatten dieses Lebens wandeln . Aber jetzt wenn ich so den kleinen Tannenbaum ansehe , wie seine Nadeln bei jeder Bewegung spielen , und wie das Gold durch die feinen Zweige glänzt , jetzt ist es mir gerade , als stände ich auf der Höhe meines Lebens , - das heißt auf der Höhe , auf welche bald die allgemeine Ruhe folgt , - sähe aber vorher noch hinab in ein freundliches , von der Abendsonne beschienenes Thal ; ich sehe es hinter den Bäumen stehend , wenn ich aber noch einen kleinen Schritt , noch eine kleine Spanne Zeit vorwärts schreite , so stehe ich unter den sanft rauschenden Zweigen und den leise im Abendwind säuselnden Blättern , und der herrliche Glanz einer niedersinkenden Sonne strahlt prächtig auf meinen Pfad . - - Gewiß , Clara , das fühle ich ; und wenn dem so wäre , so würde es mich glücklich machen um deinetwillen . - Ja , mein Kind , wenn nur ein frohes Geschick unser Leben freundlich wenden wollte , so würde ich Gott auf ' s Herzlichste danken und es als eine Belohnung ansehen für deine unendliche Liebe und Güte für mich alten Mann und deine kleinen Geschwister , denen du Alles bist . « Während Herr Staiger so sprach , blickte er wie träumend und mit so glänzenden Augen , als schaue er wirklich all ' das Schöne , in den Tannenbaum . Dabei aber zitterte seine Stimme und seine Blicke verdunkelten sich zuweilen seltsam , um gleich darauf ein doppeltes Licht auszustrahlen , - zwei Lichtpunkte , die sich langsam über seine Wangen hinab bewegten . Clara hielt in ihrer Arbeit inne , als ihr Vater so sprach , und ihr Ohr lauschte gläubig seinen Worten . Auch ihr Blick erweiterte sich , ihre Brust hob sich mühsam , von einem unnennbar süßen Gefühl geschwellt , einem Gefühl , das von der Phantasie des alten Mannes ausgehend , bei ihr eine andere und bestimmtere Form gewann . Sollte er vielleicht Recht haben , sollte sich der Abend seines Lebens nochmals verschönern und vielleicht einen noch hellern Glanz auch über sie ausgießen ? - O nein ! nein ! das war ja unmöglich ; sie mochte und konnte nicht weiter denken , denn ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen ; sie legte sanft ihre Arme um den Hals des Vaters , senkte den Kopf auf seine Brust , und während sie sich darauf bemühte , ihm die Thränen von den Wangen zu küssen , bemerkte sie nicht , daß auch die ihrigen flossen . » Wir sind aber recht kindisch , « sagte der alte Mann nach einer Pause , indem er das Gesicht seiner Tochter mit beiden Händen umfaßte und es sanft in die Höhe hob , um ihr in die schönen , edeln und reinen Züge zu sehen . » Jetzt geht es uns wieder einmal etwas gut und wir weinen wie die Kinder . « » Aber nicht aus Schmerz , Vater , « versetzte Clara sanft , » gewiß nicht aus Schmerz . Vielleicht geht dein schöner Traum in Erfüllung , und das war der Anfang von Freudenthränen . « » Ah ! Freudenthränen sind schön ! - Doch jetzt wollen wir lustig sein ; bring ' deine Arbeit zu Ende , damit die Kinder draußen nicht zu lange zu warten brauchen . - - Aber wahr ist es : unser Zimmer ist heute Abend so behaglich , so angenehm , und mir ist dabei so wohl , ich möchte jeder Ecke , jedem Stuhl und Tisch guten Abend sagen und die Wände mit der Hand pätscheln , - es ist hier so warm und wohnlich . - Und dann , was für ein kostbares Souper erwartet uns ! - Ein delikater Kalbsbraten und vortreffliche Kartoffeln . Eigentlich eine Verschwendung ; aber nehm ' dich ja zusammen , Clara , daß dir Alles gut geräth und der Braten nicht anbrennt ; wir müssen unserem Gast alle Ehre anthun , und das Wenige , was wir geben , muß gut sein . « » Meinst du , er werde auch kommen ? « fragte Clara schüchtern , indem sie sich gegen den Tannenbaum wandte , um dort noch ein kleines Netz von Papier zu befestigen . » O unbesorgt ! « sprach Herr Staiger mit bestimmtem Tone , » er hat es mir versprochen , und was er mir verspricht , das hält er auch . « » Ja , ja , Papa , wenn er es dir versprochen hat , so wird er auch sicher kommen , « erwiderte die Tänzerin , während um ihren kleinen Mund , den sie fest zusammen zog , ein ganz leichtes , leichtes , aber höchst liebenswürdiges Lächeln spielte . » Da ist mir was eingefallen , « sagte Herr Staiger nach einer Pause ; » wir hätten wohl mit der ganzen Bescheerung warten können , bis Herr Arthur gekommen wäre ; ich glaube , es würde ihn freuen , das einmal bei uns mit anzusehen . « » Glaubst du das in der That ? « fragte eifrig das Mädchen , indem sie sich rasch herum wandte . - » Ach nein ! das ist zu kleinlich für ihn ; auch würden die Kinder nicht gerne so lange warten . « » O , die Kinder warten schon , wenn wir ihnen sagen , Herr Arthur komme ; sie haben ihn außerordentlich lieb . « » Das ist wahr , « sagte nachdenkend die Tänzerin mit ganz leiser Stimme . - » Aber , « fuhr sie lauter fort , » Herr Arthur wird wahrscheinlich spät kommen . - Hat er das nicht gesagt ? « » Er meinte , es könnte bis acht Uhr reichen ; sie haben natürlicherweise zu Haus auch eine Bescheerung . « » Ah ! was werden die vergnügt sein bei ihren vielen schönen Sachen ! « » Davon hängt ' s nicht ab , mein Kind , « entgegnete Herr Staiger . » Hoffen wir nicht auch vergnügt zu sein ? Und doch sehe ich bei uns gerade nichts von Kostbarkeiten . - Also Herr Arthur versprach mir , um acht Uhr zu kommen ; er meinte sich vom Nachtessen dort dispensiren zu können und freute sich sehr auf das unsrige . « » That er das wirklich ? « fragte Clara anscheinend unbefangen . » Gewiß , gewiß , « antwortete der alte Mann ; » das kannst du auch wohl sehen , daß er gerne hier bei uns ist , denn wegen der Illustrationen braucht er nicht so oft zu kommen , wie er es thut . « » So ? - glaubst du wirklich ? « versetzte die Tänzerin , wobei sie sich rasch abwandte , um nach dem Vorzimmer zu gehen . Doch blieb sie wieder stehen und sagte ohne zurückzuschauen : » Also meinst du wirklich , wir sollen mit der Bescheerung warten , bis er kommt ? - Aber die Kinder werden schläfrig und ich kann sie nicht hier in ' s Zimmer herein nehmen , sonst würden sie ja alle meine Anstalten sehen . « » Weißt du was , « meinte Herr Staiger , » so setzen wir uns zu ihnen in das Vorzimmer , es ist da warm genug ; unser braver Ofen speit heute Abend eine außerordentliche Hitze aus . « » Aber du mußt die Kinder vorher fragen , ob sie warten wollen ; am Weihnachtsabend haben sie darüber zu bestimmen . « » Versteht sich , aber du wirst sehen , wie bereitwillig sie sind . « Dies war denn auch der Fall , und als die Kinder hörten , ihr lieber Herr Arthur werde kommen und an der Bescheerung theilnehmen , da waren sie sehr zufrieden und warteten gern noch länger . » Wohl noch eine ganze Viertelstunde , « sagte das Bübchen . Clara war in dem Zimmer zurückgeblieben und benutzte die augenblickliche Abwesenheit ihres Vaters , um auch für diesen die Geschenke aufzustellen . Sämmtliches für die Familie befand sich auf dem großen Tische ; und über ein kleines Nähtischchen , das daneben stand , hatte die Tänzerin eine Serviette gebreitet , darauf lag das bewußte Cigarren-Etui neben einem kleinen , kaum fußhohen Christbaum , den Klara aus grünem Papier künstlich gearbeitet , und der mit Miniaturkerzen und Zuckerzeug auf ' s Freundlichste verziert war . Das Geschenk ihres Vaters für Arthur , ein kleines Feuerzeug , befand sich ebenfalls dort . Clara hatte es kopfschüttelnd betrachtet , indem sie zu sich selber sprach : » Und dafür will er über zwei Gulden ausgegeben haben ? - Papa versteht aber durchaus nicht einzukaufen . « Draußen im Vorzimmer hatte sich unterdessen Herr Staiger zu den Kindern gesetzt ; das Mädchen saß auf dem Schemel und lehnte ihren Kopf an die Kniee des Vaters , der Knabe saß auf dessen Schooß und war unersättlich im Anhören der furchtbarsten Geschichten . Herr Staiger mußte die Geschichte von der schrecklichen Wasserschlange , die das Schiff auf dem Weltmeer verfolgt und jeden Tag eine neue Beute fordert , zum Gott weiß wie vielsten Male erzählen , wobei es dem Bübchen besonders aber um den Schluß zu thun war ; denn nachdem schon sehr viele Offiziere und Matrosen verzehrt sind , wirft man ihr die ganze Schiffsapotheke in den Rachen , worauf es der Schlange hundeübel wird und sie plötzlich stirbt . Da nun aber dergleichen Geschichten am heutigen Abend noch sehr viele erzählt werden mußten , mit deren Wiederholung wir den geneigten Leser jedoch verschonen wollen , bitten wir ihn , während dieser Zeit mit uns auf einige Augenblicke in das Zimmer der Madame Wundel , der Staiger ' schen Wohnung gegenüber , zu treten . Fünfzigstes Kapitel . Verschämte Hausarme . Hier wurde der Weihnachtsabend nicht wie bei den übrigen Mitchristen gefeiert ; Madame Wundel , die verschämte Hausarmen-Wittwe , fand es begreiflicherweise unpassend , am heutigen Abend mit irgend Etwas Gepränge zu machen . Ihre beiden Töchter waren erwachsen , weßhalb ihnen ein Christbaum auch weiter keine Freude gemacht hätte ; sich gegenseitig zu beschenken , wäre ebenfalls unnöthig gewesen , daher sie denn das Fest still unter sich und unter andächtigen Betrachtungen feierten . Das klingt für uns , die wir den Charakter von Mutter und Töchtern kennen , zwar unglaublich , aber es verhielt sich wirklich so . - Im Ofen brannte ein spärliches Feuer , so daß das Zimmer nur sehr mäßig erwärmt war ; der Tisch war mit einem groben Tuche bedeckt und auf demselben befand sich eine Schüssel mit Kartoffeln in der Schale neben einem Salzfasse , einem Stücke schwarzen Brode und einer Flasche voll klaren Wassers . Madame Wundel saß an diesem Tische , ihr gegenüber die älteste Tochter Emilie , und Beide hatten Gebetbücher vor sich , in welchen sie eifrig zu lesen schienen . Wir sagen : zu lesen schienen ; denn wenn man aufmerksamer hinsah , so bemerkte man wohl , daß die würdige Wittfrau die Nägel ihrer Finger besah , auch zuweilen an die Decke blickte , und daß Emilie den Kopf auf die Seite hielt , offenbar um auf den Gang und die Treppe zu lauschen , zu welchem Zweck auch die Stubenthüre halb geöffnet war . » Jetzt kann er wohl drunten sein , « sprach die Mutter nach einer längeren Pause . » Ja , mir scheint , er schleiche auf der untersten Treppe , « erwiderte die Tochter . - » Richtig ! da höre ich ihn auch husten . - Wenn der nur bald ausgehustet hätte ! « » Ein langweiliger , miserabler Kerl ! « meinte die Wittwe . » Und schleicht wie ein Gespenst in den Häusern umher , « entgegnete Emilie . » Bin ich doch wirklich erschrocken , als er vorhin fast unhörbar in ' s Zimmer trat und sein : Gott sei mit euch , ihr Frauen ! krächzte , - der alte Heuchler ! « » Ich bin gar nicht erschrocken , « lachte Madame Wundel : » ich wußte wohl aus alter Praxis , daß er diesmal am Weihnachtsabend kommen würde . Vergangenes Jahr kam er am Christfest selbst ; er wechselt immer so ab . - Das kann euch wieder ein Beispiel sein , « fuhr sie nach einer Pause fort , während welcher sie die Hand in die Tasche gesteckt und dort mit Geld geklappert hatte ; » daß ihr eurer Mutter unbedingt folgen sollt . Du hattest wieder Lust , zu sieden und zu braten , und wenn ich deinem Kopfe gefolgt wäre , so hätte uns der Armenpfleger überrascht , und - eine milde Gabe gereicht für Holz und Brod , « - diese Worte sprach sie mit demselben nachäffenden Tone wie ihre Tochter , - » während ein schöner Kuchen auf dem Tische stand und vielleicht eine Flasche Wein daneben . « » Leider ist es eine schlechte Welt , « erwiderte Emilie achselzuckend , » und für die paar miserablen Gulden , die sie uns an den Kopf werfen , leben wir doch in einer wahren Sklaverei . Gehe ich durch die Straßen , bei gewissen Häusern vorbei , da muß ich die Augen niederschlagen und darf höchstens nach einem kleinen Kinde sehen , das zufällig auf ' s Gesicht gefallen ist , um es aufzuheben und ihm aus christlichem Mitgefühl die rotzige Nase abzuwischen , - wenn das nämlich Jemand sieht . - Pfui Teufel ! Ihr hättet eigentlich wohl ein anderes Geschäft ergreifen können , als das einer verschämten Hausarmen . Uns ist dadurch jede Carrière abgeschnitten ; man kann sich nicht einmal mit einem anständigen Liebhaber einlassen , denn das wäre ja die größte Versündigung , wenn sie es erführen . « » Aber man lebt gut , « sagte die Wittwe mit einem breiten , behaglichen Lächeln . » Sei nicht undankbar , Emilie ; du weißt noch nicht , wie hart es ist , das Brod durch seine Händearbeit verdienen zu müssen . « » Aber dann bin ich frei und kann thun was ich will . « » Geht mir mit eurer Freiheit ! Man ist da abhängig von den Launen seiner Herren oder Herrinnen und erst ein rechter Sklave . « » Neulich ging ich in einen Laden , « fuhr Emilie ärgerlich fort , » und wollte mir zu meinem karrirtseidenen Kleide ein paar Ellen kaufen . Da sehe ich glücklicherweise noch früh genug den Armenpfleger , der mich lauernd betrachtete . Vor mir lag ein ganzer Stoß Seidenzeug , und da fragte er auf seine widerliche Manier : - Sie kaufen doch gewiß nicht von diesen eitlen Geweben ? - Was wollte ich machen ? - Ich mußte meine Augen niederschlagen und mit einer halben Elle grauen Futternessel abziehen . « » Was übrigens sehr klug von dir war , « erwiderte vergnügt Madame Wundel . » Glücklicherweise scheuen sich diese Spione , des Abend auszugehen ; und an gewisse Orte , wo wir uns sehr gut amusiren , kommen sie nie hin . « » Ja , wenn auch das nicht wäre , sollte es der Henker aushalten ! « sagte Emilie . - » Nun , hat er auch was Rechtes gebracht ? « » Ich kann nicht darüber klagen , « schmunzelte vergnügt die Mutter . - » Am Weinachtsabend da kommt so allerlei zusammen , da wollen die verschiedenen Vereine zur heiligen Zeit noch einen rechten Stein in ' s Brett bekommen und deßhalb fließen da die Unterstützungen ordentlich . - Ach , daß doch so viel Heuchelei in der Welt ist ! Die machen sich selbst was weiß und bilden sich ein , es sei ihnen ein Bedürfniß des Herzens , den Armen mitzutheilen , und bei den Meisten ist ' s nichts wie Eitelkeit : sie wollen Alle im Jahresberichte und im Wochenblättchen stehen . - Nun also , da habe ich sechs Gulden vom Vereine für verschämte Hausarme , vier Gulden aus der Unterstützungskasse für hilfsbedürftige Wittwen aus dem Honoratiorenstand . - Und dazu können wir uns ja rechnen , seit dein Vater gestorben ist , denn meine Familie stand ehedem stolz da in der Stadt ; daß der Mann so traurige Geschichten gemacht hat , ist ein Unglück . Doch will ich seiner nicht im Bösen gedenken , denn hier ist ja auch ein Gulden und dreißig Kreuzer aus der Wittwenkasse für in öffentlichen Anstalten des Staats Verbliebene . « - Sie wollte nämlich nicht sagen : » für die im Zuchthaus Gestorbenen , « wie es dem seligen Herrn Wundel leider geschehen war , da er Pflegschaftsgelder auf eine für ihn zu vortheilhafte Weise angelegt hatte . » Das sind ja elf Gulden dreißig Kreuzer , « sprach Emilie mit zufriedener Miene ; » das reicht schon über die Feiertage . « » O ganz bequem , « entgegnete die Mutter . » Und dazu kommt noch der zweite Weihnachtstag , wo ich mich im schwarzen Anzug bei dem Prediger des neuen Bundes präsentire und darauf hin einige Anweisungen erhalte für christliche Häuser , wo man anständige Wittwen zu behandeln versteht . « » O ja , das geht , « sprach die Tochter nach einigem Nachdenken . » Dann kommt Neujahr , und dabei werden wir wohl so viel herausschlagen , daß man sich am Carneval ein kleines Vergnügen machen kann . « Die Mutter packte ihr Geld zusammen und steckte es sorgfältig wieder in die Tasche ihres Kleides , - sie hatte es dort hervor geholt , um ihre Tochter mit dem Glanz des Silbers zu erfreuen . - » Da ist noch eine ganz famose Kasse hier in der Stadt , « sagte sie nach einer Pause , » an der wir vielleicht auch nächstens einmal theilnehmen können . - Weißt du , man muß sich nicht geniren , und wenn du wolltest , so könnte ich dorthin bald einmal eine Eingabe versuchen . « » Was ist das für eine Kasse ? « fragte Emilie . » Obendrein ist noch ein Freund von dir dort beschäftigt : der Herr Aktuar Schwarz ist der Sekretär . « » Ah ! Mutter , « versetzte Emilie etwas spitzig , » das muß ich mir alles Ernstes ausbitten ! « » Wie , daß der Herr Aktuar Schwarz dein Bekannter ist ? « fragte Mama mit einer außerordentlichen Unbefangenheit . » Nein , das nicht , « erwiderte entrüstet Emilie , » sondern daß du mir vorschlagen willst , ich soll mich an den Unterstützungsverein für alte Jungfern wenden . « » Ist denn das so was Schlimmes ? « » Es ist schlimm genug , wenn man in Verhältnissen lebt , die es Einem erschweren , eine anständige Verbindung einzugehen . « » Und wenn uns dieser Freund unterstützt , « erwiderte Madame Wundel , indem sie ihre Haube zurecht zog , » bist du deßhalb eine alte Jungfer ? - Sieh doch mich an , ich erhalte auch vom Verein für verschämte Hausarme ; sind wir denn deßhalb verschämte Hausarme ? - Ich wollte Niemand rathen , das uns in ' s Gesicht zu sagen . - Ah ! da bitte ich recht schön ! Ihr Mädchen habt eigene Begriffe , wenn man nur einmal ein Wort von einer alten Jungfer fallen läßt , so seid ihr beleidigt . Das ist aber an sich ein ganz respektabler Stand , und wenn die Zeit da ist , daß man eine werden soll , so wird man in Gottes Namen eine . Daran wirst du nichts ändern wollen . - Jetzt bist du Achtundzwanzig , und wenn dich auch gute Leute für ein paar Jahre jünger ansehen , so rückst du doch nach und nach in die Dreißig und mußt da hinein , so sehr du dich auch sperren wirst . Gegen den Strom kann man nicht schwimmen , und einen heißen Ofen nicht kalt blasen . - Larifari ! « » Aber ich thu ' s nun einmal nicht , « sagte die Tochter entschlossen . » Ich will mich zu allen Vereinen melden , mögen Sie einen Namen haben , welchen sie wollen ; und ich habe das schon bewiesen , denn als der Verein für unglückliche , treu los Verlassene gegründet wurde , da - « » Schweigen wir davon , « entgegnete die Mutter , indem sie die Augenbrauen zusammen zog , » das ärgert mich , wenn du davon sprichst . Damals hast du freilich keinen Anstand genommen , dich für eine treulos Verlassene auszugeben , obgleich du dazu gar kein Recht hattest , denn um verlassen zu werden , muß man doch Jemand haben , der Einen verläßt . Und das war bei dir nur so ein kleines Techtelmechtel , wornach kein Hahn gekräht hat . « Emilie seufzte tief auf , wahrscheinlich in der Erinnerung an dieses Verhältniß . » Ja , wärest du damals klug gewesen und hättest den jungen Menschen festgehalten ; damit wäre was zu machen gewesen . Aber ihr seid nicht pfiffig genug , nicht gescheidt , nur hochmüthig . Das habe ich vorhin wieder so klar und deutlich gesehen . - Ja , ja , für eine treulos Verlassene möchtest du alle Tage gelten , aber nicht für eine alte Jungfer . O Welt ! o Welt ! « Madame Wundel hatte sich so in den Eifer hineingesprochen , daß sie unmöglich auf ihrem Stuhle ruhig sitzen bleiben konnte . Sie stand deßhalb auf , machte ein paar Gänge dutch ' s Zimmer und sagte dann , als ob sie froh wäre , etwas zu finden , woran sie ihren Unmuth auslassen könnte : » Werft mir die dummen Kartoffeln vom Tisch und das fade Wasser ! Da hast du den Schlüssel , hol ' den Kuchen heraus , der im Schranke steht , und ein paar Gläser . « » Und keinen Wein dazu ? « fragte mürrisch die Tochter , indem sie sich zum Abgehen anschickte . » Nein , du brauchst keinen Wein zu bringen ; aber schüre das Feuer , damit wir ein behagliches Zimmer bekommen . Ich habe jetzt dem unangenehmen Kerl zulieb genug gefroren . Dann kannst du auch Wasser zum Kochen aufsetzen ; die Madame Becker wird nachher auf einen Augenblick kommen und Extrakt mitbringen , da wollen wir uns einen ordentlichen Punsch machen . « » So - die kommt ? « fragte Emilie mit einem eigenthümlichen Gesichtsausdruck . - » Und wollt ihr allein sein ? - Ist man vielleicht im Wege oder kann man da bleiben ? « » Wie du so einfältig fragen kannst ! « sagte die Mutter ; » du kannst freilich dableiben , aber es wäre mir nicht lieb , wenn unterdessen Louise - damit meinte sie die jüngere Tochter - nach Hause käme . « » Da kannst du unbesorgt sein , die kommt heute nicht vor elf Uhr nach Haus ; die weiß doch noch irgendwo hinzugehen , wo sie sich amusiren kann . « - Damit schritt sie zur Thüre hinaus . Man hörte sie mit ihren Schlüsseln draußen rasseln , auch Gläser klirren , dann schürte sie das Feuer im Ofen , der kurze Zeit darauf eine behagliche Wärme ausströmte . Madame Wundel hatte unterdessen höchst eigenhändig die Kartoffeln in die Küche hinaus geworfen , das Wasser entfernt und statt des groben Tischtuchs ein feineres ausgebreitet , kurz dem ganzen Zimmer in weniger Zeit ein behagliches Ansehen gegeben . Als nun vollends Emilie wieder herein kam , einen großen mürben Kuchen auf den Tisch stellte , etwas getrocknete Früchte und einige Gläser , da sah das Ganze recht festlich aus , würdig des Besuchs , der erwartet wurde und den man auch bald nachher die Treppen herauf kommen hörte . Madame Becker - sie war es - ging ziemlich langsam , denn das Treppensteigen wurde ihr bei vorgerücktem Alter und ankommender Körperfülle etwas sauer . Sie hustete schon auf dem zweiten Absatz der Treppe , auf dem dritten pustete sie gewaltig , und als sie endlich vor der Wohnung der Madame Wundel ankam , brachte sie nur mühsam einen guten Abend hervor und ließ sich sogleich auf einen Stuhl nieder , den man ihr hinstellte . » Aber Ihr wohnt recht hoch , Wundel , « sprach sie nach tiefem Athemholen und nachdem sie sich eine Zeit lang umgeschaut . » Recht hoch , aber anständig - saubere Zimmer . « » So , so , « entgegnete die Wittwe . » Man kann nicht Alles mit einander verbinden ; will man in unsern Verhältnissen im zweiten oder dritten Stock wohnen , so muß man sich mit ein paar kleinen finstern Löchern ohne Aussicht und Luft begnügen , und da ist ' s mir hier oben lieber . « » Das finde ich begreiflich , « erwiderte Madame Becker . » Ihr habt kein Geschäft , es laufen nicht viele Leute zu Euch ; aber ich muß nun leider einmal im ersten Stock wohnen ; wißt Ihr , man kann Manchem nicht zumuthen , daß er viele Treppen hinaufsteigt . « » Ah ! das ist natürlich , « sagte Madame Wundel mit wichtiger Miene ; » bei Eurer ausgebreiteten Bekanntschaft . - Aber kommt , legt Euer Umschlagtuch ab ; es muß Euch ja zu warm werden - « » Ich habe nur einen Augenblick ausschnaufen wollen , « entgegnete Madame Becker , während sie eine dicke Nadel aus ihrem Halstuch herauszog und dasselbe nun der Fräulein Emilie Wundel überließ , die es sorgfältig auf einen Stuhl legte . Nachdem diese Hülle gefallen war , erblickte man das freundliche Glänzen einer Bouteille , welche die Frau in einer Hand trug . Unter dem Arm hatte sie ein kleines Paketchen , das sie behielt , wogegen sie die Flasche der Wittwe mit einem angenehmen Lächeln überreichte . » Er ist gut , « sagte sie , » ächter Düsseldorfer ; laßt uns nur nicht zu viel Wasser dazu nehmen ; ich liebe einen starken Punsch . « Mit diesen Worten hatte sie sich so breit und behaglich wie möglich an den Tisch gesetzt ; sie stützte den Kopf auf die Hände und sah der Madame Wundel , die sich ihr gegenüber niederließ , freundlich lächelnd in die Augen . Ihr Paketchen hatte sie vor sich niedergelegt . » Wir haben uns lange nicht mehr gesehen , « fuhr sie nach einer Pause fort , » und ich hatte mir schon oft vorgenommen , Euch einmal heimzusuchen , konnte aber nie dazu kommen , und so dachte ich denn heute : es ist dies ein ruhiger stiller Abend und recht geschickt , sich nach einer guten Freundin umzusehen . « » Wofür ich Euch sehr dankbar bin , « erwiderte Madame Wundel . » So ein Weihnachtsabend ist recht langweilig und man weiß nicht , wie man ihn herum bringen soll . « Emilie hatte das warme Wasser gebracht , goß es in die Gläser auf den Punsch-Extrakt , worauf sich ein angenehmer Geruch in dem Zimmer verbreitete , dann schnitt sie