Deiner Gruft . « » Napoleon ist kein Freund von Nachtstücken . « » Je nachdem es ihm konvenirt . Glauben Sie nicht , daß der Akt die Bewunderung der Deutschen für ihn erhöhen muß ! « Sie waren an die Thür des Hotels gekommen , wo die Fürstin abgestiegen . » Ich danke Ihnen für die Begleitung , « sagte sie . » Wir werden uns nicht wiedersehen , - wenigstens bis zu einem nächsten Aktschluß . « » Warum ? « Er hatte sie die Stufen hinauf geführt , und drückte die nicht verschlossene Thür auf . » Sie haben Ihrem Kaiser von der heutigen Nacht zu berichten . Leben Sie wohl . « Er drückte ihre Hand an die Lippen ; sie zitterte . » Ich möchte Sie noch um einige Details bitten , die mir entgangen sind . Aber Sie stehen in der Zugluft . « Er zog sie in den Flur und drückte die Thür zu . Sechsundvierzigstes Kapitel . Bekenntnisse schöner Seelen . Als die Fürstin in ihren dichten Zobelpelz gegen die kalte Morgenluft verhüllt , in den Wagen stieg , um in seinen weichen Polstern einer Reihe seltsamer Gedanken Audienz zu geben , war sie nicht wenig betroffen , noch Jemand darin zu finden . Es war zu spät zum Schreien ; die Thür war zugeschlagen , die Jäger hatten sich aufgeschwungen und der Wagen rasselte schon über das unebene Pflaster nach dem Berliner Thor zu . Es war übrigens wohl Grund zum betroffen sein , aber nicht zum Schreck , als die weichen Hände der Baronin Eitelbach die der Fürstin erfassten . Sie bat sie mit einer mit Thränen kämpfenden Stimme um Verzeihung wegen der Attrape , aber sie habe sie sprechen müssen , koste es was es wolle . Deshalb nach Potsdam gekommen , habe sie von Stunde zu Stunde vergebens auf den Augenblick gewartet , mit ihr allein zu sein , und endlich diese kleine List sich erlaubt , um der einzigen Frau , die Theilnahme für sie empfinde , die sie und ihre Leiden verstehe , ihr Herz auszuschütten . Die Fürstin wollte sich mit sich selbst beschäftigen , und die Leiden der Baronin waren ihr unter allen Dingen , mit denen sie sich beschäftigt , in dem Augenblick die allergleichgültigsten . Das schien wenigstens der Seufzer anzudeuten , der aus ihrer Brust sich Luft machte , aber sie drückte die Freundin mit sanfter Innigkeit an diese selbe Brust : » Ach , glauben Sie mir , Leiden schickt der Himmel Denen , die er liebt . « » Aber nicht solche , « rief die Schluchzende , » wie mir ! Ach mein Gott , ich weiß jetzt nun Alles , ' s ist mir Alles so klar wie was ! « » Was ist Ihnen klar , Liebe ? « » Nichts , sage ich Ihnen , wie ich Ihnen immer gesagt , als ein Mißverständnis . Mein Mops ist mir jetzt ordentlich zuwider ; ich könnte ihn vergiften . Aber wer trennt sich gleich von solchem Thier ! Er hat nun mal seinen Platz . ' s ist die Gewohnheit , « sagt mein Mann . » Fanchon hat wohl recht , wenn sie singt - « » Ich verstehe Sie nicht . « Die Fürstin verstand sie wirklich nicht . » Ich weiß es , ich rede konfus , ich verstehe mich ja selbst zuweilen nicht . Aber das mit dem Mops war so gewiß ein Irrthum , er konnte nicht davor , er wusste nicht , daß es meiner war . Es sind boshafte Menschen dazwischen , die haben ihm das arme Thier vor den Fuß geschoben ; o ich weiß nicht , ich habe eine Ahnung - « » Was hat Wandel mit Ihrem Mops zu thun ! « » Glauben Sie , daß er sein Freund ist ? « » Des Mopses ! « » Nein Seiner ! Mögen Sie über mich lachen , ich fürchte , der Rittmeister ist nicht frei . « » So viel ich mich entsinne , sagt man , er sei von seinen Gläubigern etwas genirt . « » Ach , Sie wollen mich nicht verstehen . Er ist zu arglos , gutmüthig , er hat das beste Herz von der Welt , ein Gefühl rein wie ein Kind ; mein Gott , Fehler hat jeder Mensch , er hat mir nicht weh thun wollen , aber boshafte Menschen sind dazwischen gekommen . Sie können sich nicht vorstellen , wie ich mich gequält habe , was ich ihm denn gethan haben könnte ; Tag und Nacht ließ mir ' s keine Ruhe . « » Und Sie haben sich ganz ernst gefragt ? « » Theuerste Fürstin , da blieb kein Fältchen in meiner Seele . Nein , wahr und wahrhaftig , ich that ihm nichts , ich bin unschuldig , es ist was andres dazwischen gekommen . « Die Fürstin war in ein Sinnen verfallen , das nicht zu der Art Theilnahme stimmte , welche sie der schönen Frau bisher angedeihen ließ . Sie hatte sich wieder mit sich selbst beschäftigt . So passte auch ihre Entgegnung nicht ganz zu dem eben Gesagten : » Das ist der Kobold , meine Freundin , der uns alle neckt : es kommt uns allen , bei unsern besten Entschlüssen , unsern edelsten Bestrebungen , etwas dazwischen , worauf wir nicht gerechnet . Da glaubten wir , mit jahrelangen Mühen , mit gesparter Kraft die Hindernisse beseitigt , wir eilten schon mit offenen Armen dem Ziele entgegen , und plötzlich straucheln wir - Gott weiß woran , wir wissen es selbst nicht , an einem Ball , den eine Kinderhand uns zwischen die Füße warf , am Reflex einer Scheibe , und wir glauben eine Mauer , einen Abgrund vor uns zu sehen . Wir müssen über uns lachen , wir ärgern , wir schämen uns , daß es so sein konnte , aber es ist so , und wir sind vom Ziele ab , wir müssen von neuem anfangen . Die Menschen nennen es Zufall . Nein , meine Freundin , es ist der ewige Dämon , der uns von der Wiege an belauscht bis ans Grab , um , wenn wir schwach werden , uns zu fassen . Dagegen können wir auch nichts , gar nichts . Es ist vielleicht vermessen , ihm absolut widerstehen zu wollen , denn mit unsrer Kraft ist ' s nicht gethan . Besser geschehen lassen was wir nicht ändern , und dann desto herzlicher bitten , daß der rechte Helfer bald erscheint , der uns wieder aufhebt . « Die Baronin hatte in ihrer Gemüthsbewegung nur etwas von dem Monologe aufgefasst , und es war das , was zu dieser passte . » Lachen Sie mich aus , aber ich kann nicht dafür . Ich habe auch zum lieben Gott gebetet , daß er mir einen Freund schicken möchte , der mir hilft . « » Sie haben doch so viele , meine Beste ! « » Nein , keinen wo ich Rath holen wollte . Da - « » Erschien er plötzlich , wo Sie ihn nicht vermuthet . « » Wenn ich die Augen schließe , und lange da sitze , sehe ich ihn deutlich vor mir , als wenn er leibte und lebte , nein noch deutlicher . Ich zähle die Knöpfe an seiner Uniform . Ich sehe ihn , wenn er den Fidibus anzündet , wenn er sich aufs Sopha wirft , das Bein auf den Stuhl legt , wenn er gähnt und seufzt und mit der Hand übers Gesicht fährt . « » Das sind ja interessante Visionen ! Aber erlauben Sie mir es zu sagen , diese Wahrnehmungen können doch zuweilen sehr unangenehm werden , wenn eine zarte Frau in die Garçonwohnung einer Kaserne blickt , und alles das sieht . Es soll da nicht sehr sauber hergehen . « » Sein Herz ist rein , seine Seele ein Spiegel . Ich kann ohne Erröthen hinein blicken . Was kümmern mich die Aeußerlichkeiten ! Er hat in seiner Kaserne keine weibliche Pflege . Da hängt manches am unrechten Ort und geschieht nicht wie es sollte . Er fühlt es wohl , kann sich aber nicht klar darüber machen . Er fühlt , er muß sich herausreißen , weil er sonst unterginge . « » Das wissen Sie alles ? « rief die Fürstin über die neue Clairvoyance verwundert . Es ging ihr wie der Lupinus : die Eigenschaft , die sie für sich liebte , ward ihr bei Andern unbequem . » Ich weiß noch mehr . Ja , er ist - er hat Vertrauen zu mir - er hat wie ich das Bedürfniß gefühlt , das unselige Mißverständniß aufzuklären , er hatte einen männlichen Entschluß gefasst ; mit einem Wort , theuerste Freundin , er wollte an jenem Nachmittage zu mir , weil er es nicht länger in der Ungewissheit aushalten konnte , und da - « » Kam etwas dazwischen ; jetzt verstehe ich Sie ! Aber dann lässt sich ja der Schade leicht wieder gut machen . « » Sieht er mir denn ins Herz ? « rief die Baronin . » Man kann ihn langsam sondiren - « » Langsam ! Und es geht los ! Er muß mit ! « Sie sah die Fürstin mit stieren Augen an , und jetzt brach das lang Verhaltene unwiderstehlich heraus : » Langsam ! und Sie waren zugegen , wo sie den Krieg beschlossen . Weiß ich , ob er noch in Berlin ist , wenn wir ankommen ? Es sind Couriere mit neuen Marschordres schon diese Nacht abgegangen . Und er geht ohne zu wissen , was mich quält . Nein , er geht mit dem Gedanken , daß ich ihn verspottet . Die erste Kugel kann ihn treffen , und , und - in das Jenseits ist er , und weiß nicht - « » Daß Sie ihn lieben ! - Meine theuerste Baronin , wenn wir das nur geahnt hätten ! Man hielt es für eine flüchtige Passion . Wie hier die Welt ist ! « Die Fürstin wusste in dem Augenblick nichts Passenderes zu thun , als daß sie die Baronin an die Brust schloß . Die Baronin interessirte sie sehr wenig , ihr Liebesschmerz noch weniger , am wenigsten aber der Rittmeister . Durch das improvisirte Embrassement verbarg sie außerdem die Thräne des Mitgefühls , die in ihrem Auge nicht da war , und ersparte sich eine Antwort , die ihr in dem Augenblick nicht konvenirte . Sie saßen eine Weile in schweigender Rührung . Bei der Baronin bedurfte es nur des Antippens mit dem Finger , und ihre Bekenntnisse , lange noch nicht erschöpft , brachen von neuem heraus . Dies besorgte die Fürstin , sie schien nur deshalb auf eine Wendung des Gesprächs nachzusinnen , welche diesen Ausbruch verhinderte ; weil sie aber nur zu gut wusste , wie Gefühle der Art einem Raume mit brennbarem Aether gleichen , wo man kein Licht einbringen darf , damit nicht alles in Flammen stehe , so schwieg sie lieber ganz . Sie fühlte sich indeß auch nicht vollkommen sicher auf dem Terrain , denn sie war überrascht , nicht sowohl über die Macht der Leidenschaft , welche die für kalt gehaltene Frau aufregte , als über das Bewusstsein und die Seele , mit welcher sie das Gefühlte aussprach . Wo Diplomaten Bewusstsein und Seele merken , werden sie unsicher , und tappen umher , bis sie mit ihren Fühlfäden die Schwäche entdeckt haben , mittelst deren sie den Gegenstand , der sich ihnen entziehen will , wieder in ihr Netz ziehen . Die Fürstin hatte wenigstens eine unverfängliche Wendung gefunden , als sie , wie aus tiefem Nachsinnen aufseufzte , den Blick gen Himmel , rief : » Und der Krieg ist es , der meine Freundin so erschreckt ! Was ist der Krieg anders , als ein Gewitter , das die schwüle Luft reinigt . « » Mit Menschenblut ! Und darunter die Besten . Die Kugel wählt nicht die Schlechten . « » Wenn nun in der Natur ein solches verborgenes , furchtbares Gesetz bestünde , das Menschenblut fordert ! « fuhr die Fürstin fort , die sichtlich in ein neues Gedankengewebe sich hinein spann oder zu einem Phantasieflug erhob , der über die Fassungskraft ihrer Gesellschafterin hinaus ging . Sie wollte , obgleich die Wahrnehmung sie interessirte , daß die Leidenschaft auch eine Eitelbach weit über sich erhoben hatte , sich selbst in eine Sphäre erheben , wo Jene ihr nicht folgen konnte . » Ja , es existirt dieses Gesetz ! Und der Soldatenstand ist der geehrteste , weil er auf diesem großen Gesetz der geistigen Welt beruht . Warum heißt Gott in der Bibel der Herr der Heerscharen ! Es ist das nicht ohne tiefen Grund . Wie herrscht in dem weiten Reiche der lebendigen Natur eine , wir können sagen , gesetzliche Wuth aller Wesen gegen einander ! Es giebt keinen Moment in der Zeit , meine Freundin , wo nicht ein lebendes Wesen von einem anderen verzehrt wird . Der Mensch aber ist unter diesen zahllosen Arten von Würgethieren die allerfurchtbarste . Er tödtet um zu essen , nm sich zu kleiden , sich zu schmücken , ja aus Vergnügen , er tödtet um zu tödten . Der Mensch , dieser entsetzliche Herrscher der Natur , will alles an sich reißen , vom Lamme seine Eingeweide , um die Harfe widertönen zu lassen , vom Wallfisch seine Barten , um das Mieder des jungen Mädchens zu halten ; seine Tafeln sind bedeckt mit Kadavern . Ja , dem Menschen ist in dem unerforschlichen Rathschluß des Ewigen das Amt gegeben , den Menschen zu erwürgen , und der Krieg ist ' s , der den Spruch erfüllt . Die Erde selbst schreit nach Blut . In Erfüllung des großen Gesetzes , das gewaltsame Zerstörung unter den lebenden Wesen fordert , ist die ganze Erde , fortwährend von Blut getränkt , nur ein ungeheurer Altar , auf dem Alles geopfert werden muß ohne Ende . Ja , meine Theure , zweifeln Sie daran , wenn Sie die Weltgeschichte durchblättern , wenn Sie die rothen Schlachtfelder überblicken , mit denen der gekrönte Korse die Länder füllt , daß der Würgeengel sie umkreist wie die Sonne , und eine Nation nur aufkommen lässt , um andere zu schlagen ! Wenn die Verbrechen sich gehäuft über das Maß , dann verfolgt mit Hast der Engel , ohne Maß zu kennen , seinen unermüdlichen Flug . Die sicht- und greifbaren Anlässe erklären den Krieg nicht ; Jeder kennt ja das Uebel ; wenn sie wollten , könnten sie ihm ja leicht vorbeugen . Aber es ist der Durst dieser großen Sünder nach der Strafe , von der sie fühlen , daß sie sie verdienet , sie stürzen darnach , wie die Hirsche zum Quell , um dadurch gesühnt zu werden . Sehen Sie , Theuerste , wenn wir ihn so betrachten , müssen auch die Schrecken des Krieges geringer werden ; ja wenn wir uns versenken in den berauschenden Gedanken , daß Er es ist , der von dem sündigen Menschengeschlecht im Augenblick seiner höchsten Noth gerufen , in seiner Donnerwolke eintritt , um die Ungerechtigkeit , welche die Kinder dieser Welt gegen ihn begingen , zu strafen und vernichten , dann wird der Krieg selbst in unsern Augen zu etwas Göttlichem und seine Schrecken schwinden vor dem geängsteten Gemüthe . « Wir wissen , daß dies nicht die eigenen Ansichten der Fürstin Gargazin waren , sondern daß sie dieseben in Petersburg aus dem Munde eines französischen Fanatikers vernommen hatte , der , damals noch wenig beachtet , später aber von so unheilvollem Einfluß ward , noch heute dauernd , aber noch heute zweifelhaft , ob von schlimmerem auf die Völker oder die Fürsten , indem er ihr Thema , die Erblichkeit der Rechte , auf keinen festern Grund zu bauen wusste als auf die Erbsünde der Menschen ! Die Fürstin hatte erreicht was sie vorhin wollte , sie hatte die Baronin zum Schweigen gebracht ; aber die stumme Sprache der Seufzer ward ihr noch peinlicher als die vehementen Liebesklagen , von denen sie sich debarrassirt . Sie drückte sanft die Hand ihrer Begleiterin , sie bedauerte , wenn ihre Phantasien einen zu tiefen Eindruck auf ihr Gemüth gemacht , auch sei der Krieg ja noch nicht bestimmt erklärt , und wenn er ausbreche , wache ein Auge dort oben über Alle , und wisse die Schuldigen von den Unschuldigen zu unterscheiden . » Nur die Schuldigen trifft sein Zorn ! Er richtet nicht wie ein menschlicher Richter , der nur auf die offenkundigen Thaten sieht , er prüft die Nieren und sieht das Herz . Mancher , der uns als großer Sünder erscheint , geht vor ihm frei aus , weil sein Herz rein geblieben , nur die Gewalt der Umstände ihn zur That trieb . Dagegen wie Mancher , der nichts gethan , was die Sinne fassen , ist schon verdammt , weil er in der Stille seinen sündhaften Regungen nachging , weil er in Gedanken gegen Gottes Gesetze sündigte . Wie leicht lullen wir uns in süße Verstellung ein , es sei nicht schlimm was wir denken ; wir lügen uns edle Absichten vor , oder glauben , es sind ja nur Phantasieen , und wenn es zur Ausführung kommt , so würden wir stark sein und ihnen widerstehen . Ach , meine Liebe , wir sind nicht stark , und Gedankensünden sind oft die schwersten , die wir begehen können . « Die Fürstin musste heute selbst so von ihren eigenen Gedanken bedrängt und verwirrt sein , daß ihre diplomatische Kunst sie in dem , was sie laut sprach , zu verlassen schien . Sie hatte nichts von dem neuen peinlichen Eindruck gemerkt , den diese Tröstung auf die Baronin hervorgebracht , die plötzlich sich auf den Boden des Wagens niedersenkte , und die Knie der Fürstin umfasste : » Ach , ich verstehe Sie , « schluchzte die schöne Frau , » aber - ich konnte nicht anders « » Meine Liebe , Gute , beruhigen Sie sich , « sprach die Fürstin , die eine neue Spezialbeichte fürchtete , und nichts weniger als Lust hatte , den Beichtvater abzugeben . » In solchen großen Weltkatastrophen hat das Ange droben weniger Acht - ich wollte sagen , es sieht milde und gnädig auf die kleinen Vergehungen herab . « » Ja , ich liebe ihn , « rief die Baronin » und ich bin ja eine verheirathete Frau . « Also das war es . Mild lächelnd blickte die Fürstin auf die Sünderin herab , und fuhr mit den weichen Fingern über ihre Stirn : » Erinnern Sie sich , wie der verlorene Sohn aufgenommen ward ! « » Ich kann ihn doch jetzt nicht verlassen - wenn ich jetzt zurückkehre , raube ich ihm seinen Glauben - « » An Ihre Liebe . Das ist sehr wahr . Der verlorene Sohn kehrt auch nicht auf den ersten Anfall von Reue zurück . Würde er so im Hause des Vaters empfangen sein ? Er mußte eine furchtbare Schule der Sünde durchmachen , um der Gnade werth zu sein . Wäre er in sich gegangen nach einer leichten Verirrung , und hätte er sich etwa nach einem Trinkgelag , einem Verlust im Spiel , einer wüsten Nacht , reuig dem Vater zu Füßen geworfen , es wäre gewiß sehr hübsch und moralisch , aber der Vater , wenn er ein vernünftiger Mann war , hätte ihn aufgehoben und auf die Schulter geklopft und gesprochen : Nun das freut mich , daß Du es selbst einsiehst , künftig wirst Du Dich davor hüten , aber nun mache kein Aufheben davon , daß Du nicht ins Gerede kommst ; sei ganz wie vorher , ich werde gegen Dich auch wie immer sein . O meine Freundin , wo blieb da die Seligkeit , die den Sohn , den Vater , das ganze Haus , die Nachbarschaft erfüllte , jene Seligkeit , um die es sich lohnt gelebt , so viel Qualen ausgestanden zu haben ! Wie er dalag auf der Schwelle , zerknirscht , gebrochen an Leib und Seele , und nun zuckte das Gnadenwort des Vaters wie ein Sonnenstrahl nach langen grauen Tagen , der Himmel that sich auf in seiner Herrlichkeit , als die Arme des Vaters sich öffneten ihn zu umschließen . Er ward ein neuer Mensch , er gesundete an Leib und Seele , alle Welt wusste es , alle Welt freute sich mit ihm , und das große Geheimniß der Liebe ward Himmel und Erde offenkundig . « Es klang wunderschön , die Baronin wusste aber doch nicht , was sie damit machen sollte : » Wenn ich nur wüsste - « » Weiß Ihr lieber Mann darum ? « fiel die Fürstin ein . » Ach der ! - Er würde sich halb todt lachen , wenn er alles wüsste , Es hat ihm schon Spaß gemacht , daß er mich necken konnte . « » Wenn aber aus dem Spaß doch Ernst würde ? Wenn er in eifersüchtiger Laune - es könnte eine unangenehme Scene - eine Scheidungsklage - « » Ach , da hat er schon eine Andere . « » Die spanische Tänzerin soll ihm viel Geld kosten . « » Das meinen Sie ! Nein , ich meine die Braunbiegler . « » Die reiche korpulente Wittwe , mit den Edelsteinen und Ketten um den Hals ! Die muß ja eine Fünfzigerin sein ! « » Sie ist ja die Wittwe seines Compagnons - hunderttausend Thaler baar außer dem halben Geschäft ! Wäre Herr Braunbiegler vor acht Jahren gestorben hätte er mich gar nicht geheirathet , das sagt er mir und Jedem tausend Mal . Er hätte das Geschäft in einer Hand und die Tuchlieferungen fürs Militär allein . « Ein Lächeln schwebte über das Gesicht der Fürstin : » So denken denken die Männer , und von uns fordern sie Hingebung und Treue : - Was ich sagen wollte , es kommt Ihnen also jetzt alles darauf an , den guten Rittmeister von seinem Irrthum zu kuriren . Wie wäre es denn - es ist nur ein Einfall - Sie glauben nicht , daß er sich noch einmal auf den Weg macht ? « » Mein Gott , er muß ja ausmarschiren . Das ist ' s ja . « » Richtig ! Wie wäre es denn , wenn Sie sich auf den Weg machten ? Ich meine , wenn Sie ihm entgegen kämen , natürlich in allen Ehren . Sie könnten ihn zu sich rufen lassen ; das möchte aber falsch ausgelegt werden , und vielleicht käme er auch nicht . Sie müssten etwas recht Eklatantes thun , das eblouirt die Männer . Ich hoffe , Sie verstehen mich nicht falsch . Wenn Sie ihn in der Kaserne aufsuchten , ich meine nicht heimlich , sondern in Ihrer Equipage , den Bedienten hinter sich , die Welt würde das freilich nicht gut heißen - « » Sie meinten also - ? « » Ich meine gar nichts , aber wenn Sie einen solchen Schritt sich durchaus nicht ausreden ließen , wenn Sie sich kühn über das Urtheil der Menge wegsetzten , welche die Impulse edler Seelen nie begreift , - ich stelle mir nur eben den magischen Eindruck vor , den dieser heroische Entschluß auf unsern Freund hervorbringen müsste . Bei dem allgemeinen patriotischen Aufschwung , der gerade von den Frauen getragen wird , sinken die gewöhnlichen Schranken . Die Schwester eilt zum Bruder , die Braut zum Bräutigam , man möchte den theuren Scheidenden die letzten Stunden durch verdoppelte Aufmerksamkeit versüßen , man windet ihnen Kränze zum Abschied , und in den Epheu und das Immergrün möchte man schon Lorbeern flechten . Finden Sie das unnatürlich ? « Wenn die Fürstin sich hätte Rechenschaft geben sollen , welches Motiv sie antrieb , würde sie gestockt haben . Herrschsüchtige strengen oft die halbe Kraft an , den Schein hervorzubringen , daß sie nicht beherrschen wollen ; Geistvolle , wenn sie von Andern in ihren Gedankenkombinationen gestört werden , wehren sich die Störung durch lebhaftes Reden ab . Die äußerste Anstrengung , sich nicht zu verrathen , verräth freilich den Schuldigen nur zu oft , es bedarf dazu aber anderer Richter , als Zuhörer , die von ihren eigenen Gedanken absorbirt sind . Die Fürstin wollte von der Baronin loskommen , aber in jeder Wendung , welche sie dem Gespräch gab , verstrickte sie sich aufs Neue . Die Intrigue , zu der sie sich aus Gefälligkeit herbeigelassen , war ihr gleichgültig ; selbst das Vergnügen , Eroberungen zu machen , erkaltet , je unbedeutender die Personen , die wir zu erobern ausgingen , im Verlauf der Arbeit uns erscheinen ; und wenn sie aus Noth wieder ins Rad dieser Intrigue griff , geschah es nur aus Rücksicht für Freunde , die ein Diplomat abschütteln darf , sobald das Interesse es fordert , niemals aber aus Laune . Sie wollte wenigstens das Spiel derselben nicht verderben , darum ein Rathschlag , bei dem ihre Freunde Zeit gewannen , nach ihrem Gutdünken zu handeln . Aber die Fürstin hatte heut Unglück . Der Funke , den sie geschlagen , hatte in der Baronin gezündet . Sie strich über die Stirn und machte Miene aufzustehen : » Ja Sie haben wieder recht . So muß es sein , ich bin ' s ihm schuldig . Wenn nur nicht wieder etwas dazwischen kommt ! « Ach wenn doch etwas dazwischen käme ! dachte die Fürstin , und der Himmel erbarmte sich ihrer . Ein heftiger Krach , ein prasselndes Knallen , und der Wagen senkte sich . Im nächsten Augenblick waren die Damen unsanft auf die Seite geschleudert und lagen in der umgestürzten Kutsche , deren Fenster klirrend in Stücke sprangen . Der Kutscher hatte nicht schnell genug einem hinter ihm in Sturmeseile heranpreschenden Sechsspänner ausweichen können . Das Hinterrad des Wagens war vom Vorderrade des nach ihm kommenden erfasst worden , das Terrain war abschüssig und der Wagen der Fürstin , weiter in die Richtung rollend , gestürzt . Wenigstens ein Rad gebrochen . Aus der Kutsche des Sechsspänners ertönte ein donnerndes : Halt ! Ein Kavalier sprang noch im Fahren heraus , und ehe die Lakaien sich von ihren Sitzen gearbeitet . » Es ist Frauengeschrei ! « sagte ein heransprengender Reiter , der zum Wagen gehörte . » Um so unverzeihlicher ! « rief der Kavalier , und schien zu fordern , daß auch der Begleiter vom Pferde springe , während er selbst , der erste , sich an der umgestürzten Kutsche beschäftigte den obern Schlag zu öffnen . » Sie sind doch nicht verwundet ? « rief die Eitelbach zur Fürstin , die unter ihr lag . » Ich glaube nicht . Man öffnet . Machen Sie Luft . « Die Eitelbach war rasch zur Hand . Sie erfasste eine andere Hand , welche sich ihr aus dem geöffneten Schlage entgegenstreckte . Als sie sich aufgeschwungen , umfasste sie der kräftige Arm des Kavaliers und hob und senkte sie mit einem glücklichen Schwunge auf die Erde . Im nächsten Moment übte der Begleiter , der rasch aus dem Sattel geglitten , denselben Ritterdienst an der Fürstin . Der Zobelpelz , den sie der empfindlichen Morgenkühle willen nicht zurücklassen wollte , machte einige Schwierigkeit . Der Retter und die Gerettete mussten sich übrigens kennen . Als sie aber den andern Kavalier sah , ließ sie den Pelz plötzlich zu Boden sinken , und blieb in respektvoller Entfernung , mit auf der Brust gekreuzten Armen am Wagen stehen . Der Kavalier sprach zur Baronin , die ihren Schreck abschüttelte : » Ich hoffe doch , daß die schöne Frau sich keinen Schaden gethan . « » Danke für gütige Nachfrage , Ihro kaiserliche Majestät , ich denke , es ist Alles noch gut abgelaufen , « erwiderte sie mit einem Knix , der die Fürstin erröthen machte . Sie sah aber nicht , daß die Baronin dabei auch auf ihre Falbala ' s sah , die beim Herausheben zerrissen waren . Der Kavalier ließ den wohlgefälligen Blick , mit dem er die Gestalt der schönen Frau maß , jetzt auf ihre Begleiterin gleiten : » Ei sieh da , Prinzessin , das Morgenlicht täuscht . Hoffentlich auch mit dem Schreck davon gekommen , liebe Gargazin . « Er reichte ihr die Hand , die sie ehrerbietig an die Lippen brachte : » Sire , ein kleiner Unfall verschafft uns oft ein großes Glück . « » Aber die Damen können doch unmöglich in der Kälte hier stehen , « rief der Kavalier sich umsehend . » Wäre in meinem Wagen - aber es muß sogleich Rath geschafft werden . « » Eure Majestät , « sagte die Fürstin , » der Unfall wird leicht zu redressiren sein . Hier ist Hülfe zur Hand . « » Wir sind bei Stimmingens , « rief die Baronin , auf das Gehöft zeigend , das in der Morgendämmerung gegen den dampfenden weiten Seespiegel auftauchte . » Da sind wir gut aufgehoben . Wer bis Stimmingen kam , ist zufrieden . « Der Kavalier lächelte . Wenn ein großer Mann Zufriedenheit um sich erblickt , ist er selbst zufrieden . Aus der Wirtschaft waren in der That schon rüstige Arme herbeigeeilt , um die gestürzte Kutsche beschäftigt . Ein ältlicher Begleiter , in einen dicken Pelz verhüllt , der sich aus dem Wagen gearbeitet , machte , mit einer Bewegung der Hand gegen die Uhrtasche , eine bedeutungsvolle Verbeugung . » Meine Damen , « sprach der Kaiser , » ich bedaure , daß die Stunde , die zur traurigen Staatspflicht ruft , mich zwingt , die angenehmere in