. Nur bedang ich mir aus , daß , wer bei mir Arbeit finden und behalten wollte , sich auf meinem eigenen Grund und Boden ansässig machen müsse . Anfangs stutzte Mancher bei diesem Verlangen , als ich ihnen aber vorschlug , unentgeltlich ein Stück Land zu geben und für Bau eines kleinen Hauses Geld zu niedrigem Zins vorzuschießen , schlug Jeder ein . Ich fing die Freiheitshelden wie genäschige Mäuschen . Schaarenweise sprangen sie in meine Falle , und so entstand das Spinnerdorf drüben am See . « » Als meine Schuldner waren diese Thoren von Anfang an in meiner Gewalt , die ich sogleich hätte gebrauchen können , wenn ich nicht ein größeres Ziel im Auge gehabt hätte . Mein Streben ging , wie Du weißt , auf Wiedererwerbung aller durch die Verschwendung unseres Vaters verloren gegangenen Ländereien . Ich erreichte mein Ziel und gewann dadurch um ein Drittheil Unterthanen mehr als unser Vater je besessen hat . Es waren dies freilich keine Leibeigenen , sondern freie Menschen , die thun und lassen konnten , was sie wollten , die mir blos einige geringfügige Steuern und andere unbedeutende Dienste zu leisten hatten . Sollte nun mein Plan einen dauernden Zweck haben , so mußten diese Freien , die ich als Volk so gern über uns erheben und uns Gesetze vorschreiben möchten , durch sich selbst zu Knechten gemacht werden und zwar zu freien Knechten , d.h. zu solchen , deren Joch die Freiheit , deren Galeere der Feiertag ist . « » Arbeit ! Arbeit ! Dieser Ruf hallt wieder in aller Welt ! Jeder will Arbeit , Jeder preist die Arbeit , Jeder sieht in der Arbeit Gewinn , Ueberfluß , ein schönes , glückliches , sorgenfreies Leben in der Zukunft blühen ! « » Euch soll dies ersehnte Paradies baldigst lachen ! dachte ich bei mir und gab dem freien Volke , was es wünschte , suchte , liebte - Arbeit ! Glücklichere Menschen habe ich nie gesehen . Von früh bis Abends scholl lustiger Gesang durch die Säle meiner Fabrik . Sie nannten mich ihren Wohlthäter , ihren Vater und ich ließ es mir gefallen . Um sie noch fester an mich zu ketten , bezahlte ich meine Arbeiter einige Jahre gut , besser , als ich es eigentlich durfte , ohne Großes zu riskiren . Indeß auch hier blieb mir das Glück treu und ich gewann doch noch . Meine Freigebigkeit hatte den gewünschten Erfolg . Die Arbeiter wurden luxuriös , weil sie leicht verdienten und ihrer Einnahme gewiß waren . Sie sparten durchaus nicht . An Sonn- und Feiertagen lebten sie lustig und froh . « » Dahin wollte ich die glückseligen Freien haben . Plötzlich , wie der Wind umschlug , trete ich eines Tages unter sie mit betrübter Miene und verkündige ihnen , daß ich den bisherigen Arbeitslohn eingetretener Conjuncturen wegen nicht mehr zahlen könne , daß ich große Verluste gehabt und meinen Ruin befürchten müsse , wenn ich dieselben Summen , wie bisher zahlen sollte . Ich stellte es ihnen daher frei , ob sie mir für geringeren Lohn dienen wollten und könnten . Wer darauf nicht eingehen könne , dem stünde es frei , anderwärts ein besseres Unterkommen zu suchen . « » Nicht ein Einziger verließ mich . Die Dankbarkeit , wie ich erwartet hatte , kettete sie an mich . So wenigstens sagten Alle , wenn auch die wahre Veranlassung zu ihrem Bleiben in den Verbindlichkeiten zu suchen war , die sie gegen mich hatten . Das gute freie Volk arbeitete von Stund ' an noch emsiger für geringeres Geld , lebte etwas sparsamer , weil es nichts besaß und noch weniger erübrigen konnte , und war zufrieden ! « - » Später wiederholte ich meine Lohnverkürzungen , aber immer bei schicklichen Gelegenheiten , ich verlängerte zugleich die Arbeitszeit - weil die lieben Leute Genuß im Arbeiten finden - und erreichte mehr und mehr meinen Zweck . Das alte Haus Boberstein erhielt wieder den Besitz , verdrängte später aufgeschossene Glückspilze , brachte alle baare Capitale an sich und entwand das Geld vollständig dem arbeitenden Volke . Ich ließ ihm lebensgern das Bewußtsein , sich als freie Männer zu fühlen , ich rief es ihnen , wo ich nur konnte , ins Gedächtniß , doch je mehr ich die Freiheit pries , desto enger umschnürte ich sie mit unzerreißbaren Ketten . Ehe sie es ahnten , waren sie meine Sclaven geworden , deren Leben an einem Zucken meines Auges hing . « » Ich blieb nicht auf halbem Wege stehen , mein biederer Bruder . - Da ich weiß , was Bildung , was sogenannter Fortschritt der Zeit und Volksaufklärung vermag , und wie grade ihre größere , immer zunehmende Verbreitung unser allergefährlichster Feind ist , so gab ich mir Mühe , dieselbe zu beschränken . Bei meinem System war dies eine leichte Aufgabe . Die Arbeiter konnten bald nur zur höchsten Noth auskommen , sie mußten dabei Vermehrung des Verdienstes wünschen und erstreben , aber sie durften von mir nicht verlangen , daß ich sie auf meine Kosten bereichern sollte . Meine Vorkehrungen waren so getroffen , daß kein Verdacht in ihnen aufsteigen konnte . So geschah , was ich voraus berechnet hatte . Diese armen Teufel kamen bittweise bei mir um Verkürzung der Schulstunden ein , damit ihre Kinder ihnen zur Hand sein und auch etwas erwerben möchten ! - Sollte ich den Tyrannen spielen ? Ich hätte mich nicht beruhigen können ! - Ich beschränkte also die Schulstunden , gab auch den Kindern Arbeit und bereite nunmehr eine consequente Verwilderung der Nachkommenschaft vor , die man am besten durch Furcht und Strenge wird erziehen können . Dieses Geschlecht wird in doppelter Hinsicht Sclav sein , Sclav der Freiheit , die es nicht wünschen darf , und Sclav der eigenen Lasterhaftigkeit , in die es rettungslos versinken muß ohne Bildung , ohne Besitz und ohne Hoffnung auf solchen . « » Noch bin ich nicht am Ziele , aber ich nähere mich ihm . Der heutige Morgen hat mir gezeigt , daß ich diese freie Arbeiterschaar nicht mehr zu fürchten habe . Ungeachtet des Lärms , den sie machten , und trotz der heftigen Drohungen Einzelner bin ich doch überzeugt , daß sie eher neben meinen Maschinen den Geist aufgeben , als mir die Arbeit aufkündigen . Nur die fatale Geschichte mit dem Wenden und die schmählichen Gerüchte , die unsere Ehre compromittiren , macht mir einiges Bedenken und hat auch diesen schon halb bewußtlosen Maschinenmenschen eine Art Selbstthätigkeit eingeimpft , die ich ihnen kaum zugetraut hätte . Auf welche Weise wir auch diese unterdrücken und das von uns abhängige Volk für immer uns wieder unterthänig , ja vollkommen leib- und seeleneigen machen können , das wollen wir Brüder , sobald Aurel angekommen sein wird , reiflich überlegen . « » Herr Aurel am Stein , « meldete der Bediente . Im Feuer des Gesprächs hatte Adrian nicht auf die Fähre geachtet , die einigemale von der Insel ans Land und von diesem wieder nach der Insel gekommen war . » Sehr willkommen ! « rief Adrian , indem er lebhaft aufsprang , um den theuern Bruder zu empfangen . Aurel stand schon auf der Schwelle . Adrian ging ihm mit offenen Armen entgegen , drückte ihn jubelnd an sich und küßte ihn wiederholt . Auch Adalbert gab seine Freude in gleicher Weise , nur weniger stürmisch zu erkennen . » Was hast Du denn für wunderliche Begleiter ? « fragte Adrian , da er im Vorzimmer einige verhüllte Gestalten bemerkte , die einzutreten zögerten . » Sehr liebe , werthe Gäste , theure Brüder , « versetzte Aurel mit strahlendem Auge und bat die Harrenden durch leisen Wink , näher zu treten . Ein paar Frauen , von Kopf zu Fuß in feine schwarzseidene Kleider gehüllt und dicht verschleiert , verbeugten sich tief und schweigend vor den beiden erstaunten Brüdern . Hinter ihnen zeigte sich Gilbert . Aurel ergriff die größere der Frauen bei der Hand , schlug den Schleier zurück und sagte mit bewegter Stimme : » Deinem wiederholten Drängen , lieber Adrian , unsern Verwandten nachzuspüren , verdanke ich die unaussprechliche Freude , Dir in dieser würdigen Dame eine schwer Verfolgte vorstellen zu können , an der wir Vieles gut zu machen haben . Es ist Herta , Gräfin von Boberstein , unsere Tante ! « » Herta ? « schrie Adrian laut auf und klammerte sich zitternd an Adalbert . » Herta lebt ? « » Fassung ! « flüsterte der kältere Adalbert dem Entsetzten zu . » Der Boden weicht unter unsern Füßen . Aurel steht bei unsern Feinden ! « » Herta ! « wiederholte Adrian tonlos , dann sank er zusammen . Kalter Schweiß trat auf seine Stirn , die Augen brachen ihm . Bewußtlos fiel der Ueberraschte in die Arme seiner zu seinem Verderben wieder erschienenen Tante . Ende des dritten Theils . Vierter Theil Siebentes Buch Erstes Kapitel . Des Armen Weihnachten . Sechs heisere Glockenschläge verhallen langsam in der eiskalten Luft . Auf den wundervoll zarten Gebilden des Frostes , auf Palmzweigen , Orchideen und Lotosblumen an den Fensterscheiben der Hütten und Paläste flimmert das Silberlicht des Mondes . Der frisch gefallene Schnee knirscht unter den Fußtritten Vorüberwandelnder , schreit und wehklagt unter dem Räderdruck beschwerter Lastwagen . Es ist Weihnachten , Weihnachten , das Freudenfest für Kinder und Erwachsene , der gemeinsame Jubeltag im Jahre für Reiche und Arme ! In Städten und Dörfern entzünden sich die geschmückten Christbäume , um die erwartungsvoll harrenden Kinder zu begrüßen . Fern und nah , auf allen Seiten , bald laut bald leise erklingen die Glocken , welche zur Christmesse rufen , und wo auf kahler Höhe im blendend weißen , mit Millionen Eisdiamanten geschmückten Flachfelde ein Kirchlein sich erhebt , da ist es jetzt erleuchtet von tausend Kerzen , um die Geburt des Heilandes , des Welterlösers , zu feiern . Wie begeht Martell , der tiefgebeugte arme Arbeiter diesen glückverheißenden Jubeltag der gesammten gläubigen Christenheit ? Sehen wir uns um nach ihm und den Seinen , betreten wir nochmals die Wohnung des Mittellosen , um zu erfahren , ob er den Schmerz überwunden hat , der sein geängstigtes Vaterherz zerriß über den unverschuldeten Tod seines lieben Knaben . Martell ' s Hütte liegt still und finster , von dem gastlichen Fuße keines Freundes betreten , im funkelnden Schnee . Die Hausthür ist verschneit , kein Weg gebahnt zur Verbindungsstraße des Arbeiterdorfes . In der Wohnstube brennt kein geschmückter Tannenbaum , um auf den fröhlichen Jubel der beschenkten Kinder herabzulächeln mit seinen Flammenaugen , ein spärliches Reißigfeuer nur knistert im Ofen , das nicht hinreicht , um die luftige , schlecht verwahrte Stube zu durchwärmen . Dem Verlöschen nahe glimmt die Lampe über Lore ' s Webstuhle und wirft mit ihren gaukelnden blauen Flämmchen ein unsicheres Licht auf Todtes und Lebendes . Heller noch scheint der Mond durch die kleinen gefrorenen Fenster , an denen sich die Schatten eines entlaubten Ahornbaumes , vom Nordwinde geschüttelt , rastlos bewegen . Die Familie des Arbeiters ist vollzählig versammelt , da wegen des morgenden Festes die Arbeit eingestellt worden ist . Auch der Arme soll ruhen von seiner Arbeit an diesem hohen segensreichen Freudenfeste ; auch er soll Zeit und Muße haben , Theil zu nehmen an dem allgemeinen Jubel , der die halbe Welt zu Brüdern und Schwestern macht . Darum feiern seit Mittag schon die Maschinen . Darum sieht man nicht die ewigen Rauchsäulen aus den Riesenschornsteinen aufwirbeln ; darum liegen die hochstockigen , fensterreichen Gebäude auf den Granitfelsen der Insel heut finster und verlassen . Warum mag es so still , so freudlos sein in Martells Hütte ? Warum rinnen einzelne große Thränenperlen über die zarten , von kränklichem Roth angehauchten Wangen Dorels , der funfzehnzährigen hübschen Tochter des Spinners ? Warum hält Lore , die Mutter Dorels , ihre magern Hände über dem Knie gefaltet , und sieht so stier und geisterhaft auf das Schattenspiel der Aeste am Fenster , dessen blinde Scheiben der hämische Winter hohneckend mit dem Pflanzenwuchs heißer Länder so üppig verziert hat ? - Sollte sie an ihren verstorbenen Knaben denken , der draußen in der Haide schlummert , dessen Grabstätte sie kaum finden wird unter den hochaufgewehten Schneehügeln ? Und gilt diesem entrissenen Kinde etwa auch das dumpfe Stöhnen Martells , der am leeren Tische sitzt und seinen wüsten Kopf unbeweglich in beide Hände stützt ? Horch ! Traugott , der alte gottgläubige Vater spricht . Neben seinem Spinnrade ist er niedergesunken auf die unebene , schmutzige Diele . Der Wiederschein des Mondes und ein zitternder Strahl des flimmernden Lämpchens liegt auf seinem runzelvollen , eingefallenen Gesicht . Mit einem Seufzer erhebt der Greis die Hände und spricht : » Sechs Uhr ! Das ist die Stunde , wo sie allerorten in Haide und auf Fluren die Christnacht einläuten mit denselben Glocken , die mein kindliches Ohr von nunmehr sieben und siebenzig Jahren zum ersten Male vernahm . Gnädiger , gütiger , allbarmherziger Gott , sieben und siebenzig Jahre . Wird es der letzte Geburtstag sein , den ich begehe ? An dem ich dankend im Gebet meine Hand zu Dir erhebe , mein Vater und Heiland ? O Du hast es gewiß gut mit mir vorgehabt , daß Du mich ließest geboren werden am Tage , wo Dein eingeborener Sohn zum Wohl und Heil der Menschheit auf Erden erschien ! Nimm dafür meinen Dank , Allbarmherziger , und wenn es Dir gefällt und zu meinem Frieden dient , so laß mich bald eingehen in die Wohnungen der Gerechten , die bei Dir sind und bleiben ewiglich ! - Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre , und wenn es hoch kommt , achtzig , und wenn es köstlich gewesen ist , so ist es Mühe und Arbeit gewesen ! « Während Traugott so im Gebet sein Herz beruhigte , erhob Martell langsam seinen Kopf , heftete seine düstern brennenden Augen fest auf den alten Mann und horchte genau auf dessen Worte . » Mühe und Arbeit , « wiederholte der unglückliche Spinner , » Mühe und Arbeit und Verzweiflung in jeder Minute ! Ja , ja , die Bibel hat Recht , aus Mühe und Arbeit besteht unser Leben und köstlich ist ' s , wenn es immer blos daraus besteht , kommt noch etwas mehr dazu , so wird es sehr häßlich und widerwärtig , und es ist dann schon vom Uebel , wenn es vierzig Jahre dauert ! Meinst Du nicht auch , Lore ? « Die arme Frau antwortete nur durch einen unsäglich wehmüthigen Blick , der sanft bittend auf dem convulsivisch zuckenden Antlitze Martells haftete . Dieser jedoch achtete nicht darauf , sondern fuhr fort , indem er seinen Platz verließ und die enge Stube kreuz und quer nach allen Richtungen durchschritt : » Es leuchtet mir stündlich mehr ein , daß die Armuth den Menschen schlecht , grausam , ja zum Cannibalen machen kann , wenn er nicht immer an das Wort des Heilandes denkt : Selig sind die Armen , denn das Himmelreich ist ihr . - Ach das Himmelreich ! « fuhr der Spinner mit bebender Stimme fort . » Wer von uns wünscht nicht je eher je lieber unter seiner Sonnendecke auszuruhen , ohne Schuld auszuruhen vom Jammer dieser Welt ? Aber wie hinüberschlummern ohne Fehl ? Wie aus dem Leben scheiden , ohne zuvor mit einem einzigen sündhaften Wort oder Gedanken das ewige Heil verscherzt zu haben ? - Das ist das Loos des Armen , das sind seine Freuden am heiligen Weihnachtsabend ! « » Ja , Lore , « rief er mit grimmiger Miene seinem Weibe zu , indem er vor ihr stehen blieb . » Du kannst es glauben , daß mich , den Hungernden , heut ein Gedanke nicht rasten und nicht ruhen läßt , vor dem ich selbst mich entsetze ! « » Geduld , Geduld , Armer , es wird besser werden , « tröstete Lore . » Besser ? Vielleicht . Bewahre mich nur Gott vor den bösen Träumen , in denen ich mich immer und immer als - Menschenfresser sehe ! - Nun , ' s ist ein krankhafter Gedanke . « » Ein Gedanke , der mich frieren macht , « flüsterte Lore dem Gatten zu . » Ein entsetzlicher Scherz ! « » So scherzt die Verzweiflung , « sagte Martell trocken und setzte seine Wanderung durch die kälter werdende Stube fort , denn das Reisigfeuer war längst niedergebrannt und die letzte Kohle davon dem Erlöschen nahe . » Morgen ist Christtag , « fuhr der unglückliche Arbeiter fort , und dem Anscheine nach gibt es starken Frost . Unser Holzvorrath ist zu Ende , unser Beutel so leer wie unsere Magen . Erst in acht Tagen haben wir auf einige Pfennige zu hoffen . Bis dahin müssen wir hungern und frieren , wenn wir ' s aushalten und nicht etwa darüber sterben , was beiläufig sehr gescheidt von uns wäre . - Was mich nun betrifft , so bekenne ich unverholen , das ich für diesmal gar keine Stimmung habe , dies hochheilige Fest , das der Welt einen Heiland und Erlöser schenkte , wie die Bibel sagt , hungernd und frierend zu verleben . Mich sehnt wieder einmal nach menschlicher Existenz oder nach schleuniger gänzlicher Auflösung und darum spreche ich mit Festigkeit : Brod oder Tod ! Weißt Du Rath , Lore ? » Vertraue auf ihn , Martell ! « » Auf ihn ? Auf den , der oben über den Wolken die Welt beherrscht , lenkt und regiert ? - Ich weiß nicht , Lore , ob er mich nicht verstoßen und versäumen wird , wenn ich selbst nicht Kraft genug habe , mich ihm zu nähern ! Dazu braucht man Zeit und ich habe keine Zeit zu verlieren . « » Wenn Du beten wolltest , Martell ! « » Seit uns der Hans gestorben ist , kann und will ich nicht mehr beten , « versetzte der Arbeiter mit trotzigem Stirnrunzeln . » Ich habe ein Gelübde gethan am Grabe unseres Kindes , das ich halten muß , und dies erfordert blos trotzige Kraft , kein Gebet . Meine Seele schwimmt in einem Meer von Haß , sie lechzt und schreit nach Rache . Habe ich mich gerächt und somit meinen Haß gesühnt , dann will ich Gott um Verzeihung bitten und wieder ein stiller , frommer , demüthiger Mensch zu werden versuchen . Früher aber nicht , bei allen Strafen der Verdammniß ! « » Gott hat ihn schon gestraft , überlaß ihm auch die Rache , ihm ganz allein ! « » Ich kann nicht ! « » So wir vergeben ; wird auch uns vergeben werden ! « sagte Traugott . » Es mag edel und großmüthig sein , Vater , wenn ' s nur auch so recht einfach menschlich wäre ! « » Du hast Dein Herz verhärtet , darum fühlst Du nicht mehr rein und lauter . Bete , ach bete , mein Sohn , damit Du nicht in Anfechtung fällst und uns verloren gehst ! « » So Gott mir und den Meinigen Rettung sendet bis zum neuen Jahre , so will ich wieder beten , Vater ; wenn nicht , dann fahre dahin , Menschlichkeit , und der Böse rüste mich aus mit der Kraft , die ich bedarf zu meinem Werke ! « Martell riß die Pelzmütze von der Wand und zog seine ärmliche , mit zahllosen Flicken besetzte Winterjacke an . » Willst Du noch ausgehen so spät ? « sagte Lore , indem sie mit einer Stecknadel den kaum noch glimmenden Docht der Lampe ein wenig ausspreitete und aus einem zerbrochenen Töpfchen die letzten paar Oeltropfen darauf träufeln ließ . Heller schoß das Flämchen empor und beleuchtete die bekümmerten , bestürzten und vergrämten Gesichter der unglücklichen Familie . » Es wird mir zu eng und zu heiß in meinen vier Pfählen , « versetzte Martell mit der fürchterlichen Ironie , die ihm seit seines Knaben Tode zur andern Natur geworden war . » Ihr braucht nicht auf mich zu warten , « fügte er hinzu , » denn wenn mir der heilige Christ in den Weg läuft , wie ich vermuthe , so biet ' ich mich ihm zum Begleiter an , wandere mit ihm von Haus zu Haus und ergetze mich an Anderer Freuden . Darum gute Nacht , ihr Lieben . Auf ein frohes Wiedersehen morgen früh ! « Ohne der bittenden Blicke und Worte zu achten , womit Frau und Kinder den verzweifelten Vater zu halten suchten , stürzte Martell aus seiner frostigen öden Behausung , setzte mit großen Schritten durch den hohen Schnee und verlor sich auf der etwas betreteneren Fahrstraße in ' s Dorf . Wohin Martell auch seine Blicke richtete , nirgends gewahrte er ein Zeichen fröhlicher Weihnachtszeit . Still und traurig lagen die einzelnen Häuser im Schnee vergraben . Hie und da schimmerte Licht durch die geschlossenen Fensterladen , auch das Klappern einzelner Webstühle ließ sich da und dort vernehmen . Aus den Wohnungen alter Leute schollen dem haßerfüllten Martell Töne kirchlichen Gesanges entgegen . Die Armen in grauem Haar sangen Buß- , Bet- und Weihnachtslieder und vergaßen darüber ihren Kummer , ihre irdischen Leiden . Diese unbedingte Ergebung in ein kaum zu ertragendes Schicksal erbitterte Martell noch mehr . Er fand es feig , unmännlich , charakterlos , ja gemein , für die Qualen des Lebens Dem Dank zu sagen , der anscheinend nichts zu Erleichterung Nothleidender thut . Verwünschungen zwischen den Zähnen murmelnd , schritt der arme Spinner über den knisternden Schnee bis an ' s Ende des Dorfes . Hier , wo es die Haide mit schattigem Arm umfing , lag ein Schenkhaus . Der Schein vieler Lichter glänzte Martell schon von weitem aus diesem entgegen , und als er näher kam , konnte er aus dem lebhaften Geräusch auf zahlreichen Besuch schließen . Zaudernd blieb Martell einige Secunden unfern des Hauses stehen . Seine linke Hand vergrub sich unwillkürlich in die Tasche seiner Beinkleider und suchte mit krampfhaft gebogenem Finger nach Geld . Allein die Tasche war leer . Kalter Schweiß trat auf die Stirn des verarmten Arbeiters , er stöhnte unter unaussprechlichen Qualen . Kummer und Hunger schlugen gemeinschaftlich ihre zerfleischenden Krallen in sein gequältes Herz . Er schwang in ohnmächtigem Zorn den Stock , sein Auge rollte , seine grimme Seele lechzte nach einem Opfer , das sie zermalmen könnte ! Hell glänzend , blauschwarz , unermeßlich sah der klare Winterhimmel auf ihn nieder mit seinen zahllosen funkelnden Sternen . Ihr Flimmern und Sprühen kam Martell vor , als wollten sie ihn verspotten , als lächelten sie schadenfroh über sein Elend , und ergrimmt wirbelte er den Knotenstock um sein Haupt und schleuderte ihn sausend in die Luft , während sich ein gräßlicher Fluch über seine bebenden Lippen drängte . Als der Stock klappernd wieder niederfiel und dabei seine aufwärts gekehrte Stirne hart streifte , kam er wieder zur Besinnung . Er schämte sich jetzt seiner sinnlosen Wuth , murmelte etwas von Verzeihung und trat in das Schenkhaus . Trauriges , fast unvermeidliches Loos der Armuth , die aller Hilfe bar sich von Gott und Menschen verlassen glauben muß und Vergessenheit ihres Elendes in wüster Betäubung sucht ! - Martell , einst so still , ordnungsliebend , häuslich , arbeitsam und zufrieden , war seit dem Tode seines einzigen Knaben ein anderer Mensch geworden . Es litt ihn nicht mehr im stillen Hause , unter den traurigen Gesichtern . So oft er konnte , floh er sein Haus , suchte Gesellschaft und ergab sich dem Trunke . Der letzte Pfennig wurde aufgespart , um das schleichende Gift des Branntweins in reichlichem Maße genießen , um sich in seinem narkotischen Dunst bis zur vollkommensten geistigen Dumpfheit betäuben zu können ! Sein armes Weib , seine beklagenswerthen Kinder , sein frommer Schwiegervater wußten und sahen dies Versinken ihres geliebten Martell und konnten ihm doch nicht zürnen , noch weniger helfen . Bei seinem heftigen aufbrausenden Charakter mußte der unglückliche Spinner diesen traurigen Abweg betreten . Die Gäste der Schenke , ebenfalls herabgekommene und verzweifelte Familienväter , begrüßten Martell mit heiterm Zutrunk . » Auf gesunde Feiertage ! « - » Auf fröhliches Weihnachten ! « - » Auf bessere Tage im neuen Jahr ! « - » Auf baldigen Untergang unserer Feinde ! « - » Auf ewige Verdammniß des Herrn am Stein ! « - » Verflucht sei er , verflucht tausend Jahre über die Ewigkeit hinaus ! « Mit solchem Zuruf , Einer den Andern überschreiend , reichten die Gäste Martell ihre kleinen Spitzgläschen zum Willkommen . Hergebrachterweise that dieser Bescheid , warf sich ermattet auf einen Schemel und trank mit fieberhafter Hast zwei Gläschen aus dem zinnernen Viertelmaß , das ihm der gefällige Wirth unverweilt darreichte . Nun erst holte er beruhigter Athem und musterte die Gesichter seiner Umgebung . Es waren lauter Bekannte , Fabrikarbeiter wie er , verarmt wie er , auf dem Punkte , unrettbar unterzugehen in wüstem Trunk durch Adrians Unmenschlichkeit . » Hast Du Nachricht ? « fragte ihn sein Nachbar zur Rechten , ein langer schlanker Mensch mit schmaler Brust , dem die hellrothen Flecke auf seinen Wangen ein baldiges Ende prophezeiten . » Heut Morgen soll er dem Tode nahe gewesen sein . « » Pah , er stirbt nicht ! « entgegnete Martell . » Wäre auch ein Unglück , wenn er so plötzlich von hinnen ginge . Gott selber könnte das nicht verantworten vor seinem Gewissen ! Nein , er muß und soll leben , soll leben so lange , bis er durch uns und seine Schuld verarmt ist , bis er vor uns liegt als ohnmächtig Flehender , und bis wir ihn wie einen Hund treten , stoßen , in ' s Angesicht speien können ! Ha , wäre doch diese Zeit der süßesten Rache schon da ! Schade nur , daß er keine Kinder hat ! « » Warum ? Wolltest Du sie ihm tödten ? « » Tödten ? - Nein , « sagte Martell mit entsetzlichem Lächeln . » Der Tod ist eine Wohlthat , keine Strafe ; nur das Leben ist Strafe , wenn es recht tief in Elend eingewickelt wird . Und das , Freunde , glaubt mir , das wollte ich schon besorgen ! « » Wie denn ? « fragte der Hektische , ein Gläschen des berauschenden Getränkes hinunterstürzend . » Hätte der Adrian Jungen , so steckte ich sie unter die Maschinen , grade an Orten , wo die geringste unzeitige Bewegung unheilbringend ist . Dort müßten sie herumkrabbeln , bis ihnen nach und nach Hände und Füße zerquetscht würden , wie meinem Hans , Gott hab ' ihn selig und wären sie so recht methodisch zu Krüppeln gesponnen und gehaspelt worden , dann müßten sie bettelnd am Wege sitzen , alle Tage harte Worte hören und in einer Stunde tausendmal sterben ! Ueber solcher Rache könnte ich vielleicht all ' das Elend vergessen , das ich mein Lebetag habe ertragen müssen . « » Nicht doch , « fiel ein Anderer ein , » solche Rache wäre grausam und unmenschlich ! Warum unschuldige Kinder muthwillig verstümmeln ? Ihn selbst müßte man unter die Kämme stoßen , und die scharfen Kanten und Zangen ein paarmal über ihn hinrasseln lassen , daß sein Körper wie ein gepflügtes Ackerland aussähe . Das wäre ihm gesund und würde ihn von Grund aus heilen . « » Du bist im Irrthum , Anton ! « erwiederte Martell mit seinem unheimlichen kalten Lächeln . » Gesetzt , Adrian hätte Kinder , so müßte er seine Missethaten schlechterdings in der Qual seiner Kinder büßen . Nichts schmerzt heftiger , länger und tiefer , als die Leiden geliebter Kinder ; nichts überwindet ein Vater schwerer , als die Qualen , die Zufall oder Menschen seinen Kindern zufügen . Folter ist Genuß gegen solche Pein , und eben weil ich das weiß aus eigener Erfahrung , müßten mir die Kinder , die Jungen daran ! Das würde ihn schon weich machen ! « » Und die Mädchen ? « fragte der Hektische . » Sollten die zarten kleinen Dinger auch so gequetscht und zerrissen werden ? « » Mit ihnen würde ich etwas glimpflicher verfahren , « versetzte Martell . » Damit sie einen Begriff bekämen von den Lasten und Mühen ihrer armen gedrückten Mitschwestern und in späteren Jahren , wenn sie nicht mehr Lust hätten , auf Liebschaften auszugehen , sich etwas erzählen könnten , würde ich sie in den Kattundruckereien Adalberts in England als Zieher anstellen . « » Damit sie dicke Füße , dünne Beine und aufgetriebene Leiber kriegten ? « rief ein roher , halbtrunkener Bursche mit struppigem Flachshaar . » Ha , ha , ha , das ist , mein Seel ' , ein teufelmäßig höllisch gescheidter Einfall ! Das Ziehen machte sie häßlich vor der Zeit und ungesund obendrein , und dergleichen Weibsleute sollen auch unter den Vornehmen sehr schlechten Abgang finden ! Heda , Mitgenossen , die Gläser gefüllt und angestoßen auf die Gesundheit Martells . Wo das Regiment einmal wechselt , soll er unser König sein ! Meine Stimme hat er ! « Alle Umsitzenden stießen an auf das Wohl des zukünftigen Spinnerkönigs . Martell nahm diese Huldigung ruhig hin und fuhr dann fort : » So scharfsinnig unser Freund und Bruder auch ist in seinen Voraussetzungen so hat er doch das Wahre nicht getroffen . Freilich werden die Zieher elend und häßlich in wenigen Jahren und manch Dutzend stirbt , ehe sie mannbar geworden sind , aber wäre das Strafe , wäre das Rache zu nennen , wie unsere Qualen sie verdient haben ? Nein und abermals nein , sag ' ich ! Nur wenn augenblickliche Qual und späteres lebenslanges Hinsiechen sich vereinigen