Niedersitzen ; aber er sah , sie kämpfte mit einer Ohnmacht , und der wohlwollende Mann hielt ihr selbst ein erfrischendes Elixir vor , das auch bald die starken Lebensgeister dieser heftig empfindenden Frau sammelte . Unwillig fast wies sie die Bemühungen zurück ; - sie schien von ihrer Schwäche überrascht und ihr zürnend . » Laßt das , « sagte sie rauh - » es war Nichts ! Schwäche in den Füßen - die Reise - so Etwas bin ich nicht gewohnt - es war ein Schwindel . « » O , gute Liebe , « rief hier Reginald , der ihr Bild wie einen Traum in sich auftauchen fühlte - » sieh ' mich doch nur an - Du mußt mich gewiß wiedererkennen , da ich es vermag ! Sag ' , heißt Du nicht Emmy ? « Die harte Frau zuckte bei dem ersten Tone seiner sanften , liebevollen Stimme zusammen . Der Prior trat seitwärts , und Emmy sah den Jüngling dicht neben ihrem Stuhle knien und das volle Morgenlicht jeden Zug seines schönen , ihr so erinnerungsreichen Angesichtes erhellen . Sie legte die Hand auf seine vollen Locken , und ihre Augen wurzelten prüfend auf seinen Zügen . Sie vergaß sich gänzlich selbst ; schmerzlich stöhnend , hob sich zuweilen ihre Brust , und große Thränen rollten einzeln über ihre Wangen ; aber sie ahnte nicht , wie sie ihre Gefühle darthat . Reginald mit seinem edeln , verstehenden Herzen störte sie nicht ; liebevoll lächelnd , hielt er das lange Examen ihrer trostlosen Augen aus , ohne sich zu regen ; nur der Prior störte endlich diese stumme Scene , die er nicht mehr verstand . Mit ihrer alten , kecken Weise fuhr jetzt Emmy , wie sie ihn , den Vergessenen , als Zeugen ihrer Empfindungen sah , ohne Bedenken auf : » Ihr hier , Prior ? Ich dachte , Ihr hättet mir ungestörtes Beisammensein zugesagt ? - Nun , es sei ! Wenn wir Euch hier zu viel sind , so weist uns einen andern Platz an . « » Beruhigt Euch , « lächelte der Prior gutmüthig , » ich werde gehen , und Ihr sollt nicht weiter gestört werden . « » Nun so thut das , « rief sie ungeduldig - » die Zeit wartet nicht auf uns ! « Als der Prior sich zurückgezogen hatte , sprang Reginald von seinen Knieen auf und fiel der vollständig wieder erkannten , alten Wärterin mit dem Ungestüme eines Kindes um den Hals . » O Emmy , liebe Emmy , wie habe ich Dich so vergessen können , da mir Alles einfällt , nun ich Dich wiedersehe ? O , wie danke ich Dir , daß Du mich gezwungen hast , Dich zu sehen - wie von Herzen froh werde ich nun sein , mit Dir schwatzen zu können - all ' die lieben Erinnerungen meiner Kindheit mit Dir zu sammeln ! « Emmy ' s Gesicht bekam fast einen Ausdruck , als wollte sie lächeln ; aber zu tief hatte sie den Schmerz sich mit jeder Faser ihres Wesens verketten lassen - es ging nicht mehr ! Selbst die Wonne , die der Anblick dieses Lieblings ihr gab , riß nur in heftigen Erschütterungen erstarrte Schmerzen wieder lebendiger hervor . » Reginald ! Reginald ! geliebtes Kind ! theures Andenken Deiner seligen Mutter ! « rief sie - » wir haben Wichtigeres - Ernsteres zu thun ! Lange - lange schon mußtest Du wissen , was ich Dir erst jetzt sagen kann ; - aber die Barbaren rissen Dich von mir ; denn sie fürchteten , was in meine Gewalt gegeben war Dir zu sagen . Wo sollte ich Dich finden in dem schrecklichen Sodom , wohin sie Dich schleppten - und als Ellen Dich sah , Du zuerst in meine Nähe gekommen warst - da hast Du Dich geweigert , meinem Gebote zu folgen . Die thörichten Leute dort hielten Dein Herz fest , und Du vergaßest Deine Pflicht gegen mich ! « - » O vergieb doch nur und halte mir nicht mehr vor , was mich so tief betrübt . Sieh ' , ich hatte Dich ja vergessen ! « - » Vergessen ! vergessen « - wiederholte Emmy bitter - » vergessen ! Das ist eine Ader aus dem Herzen Deines Vaters - Deine Mutter wußte davon Nichts . Ha , junger Bursche , wenn ich dächte , Du hättest noch mehr von diesem Vater in Dir ! « Sie starrte ihn so wild an , daß er fast davor schauderte . » Sag ' mir , Emmy , « hob er an , um sie zu zerstreuen - - » kanntest Du meinen Vater so gut - und willst Du mir von beiden Aeltern sagen , von denen ich nie erfuhr ? « - » Das will ich , mein Sohn ! Darum kam ich her und entbot Dich zu mir . Aber freue Dich nicht darauf ; - was Du hören wirst , wird Deinen Herzschlag hemmen und Deine Jugend welken lassen . - Und doch mußt Du es wissen ; denn Du mußt Recht fordern für Deine Mutter , von Deinem Vater entehrte Mutter ! « » O Emmy , « rief Reginald , von ihrer Stimmung unsicher gemacht und an ihren klaren Sinnen Zweifel bekommend ; - » schone die Todten ! Er wird schon vor Gott das ewige Gericht erfahren haben , hat er gefehlt ; - laß ' den Sohn nicht Richter werden über den Verstorbenen ! « » Den Verstorbenen ? « - rief Emmy heftig - » ha , Gott hat ihm zu seiner Strafe das Leben gelassen . - Ja , er lebt ; und ich hoffe so elend , wie er es verdient ! Sag ' mir , « fuhr sie fort , ohne von Reginald ' s Entsetzen Kenntniß zu nehmen - » sag ' mir , ob sie mir recht gesagt hat , das plappernde Ding , die Ellen , lebt der Graf Crecy in finsterer , menschenfeindlicher Zurückgezogenheit und findet weder Trost , noch Freude ? « » Was willst Du mit ihm , Emmy ? « rief Reginald bebend ; - » was kümmert Dich der unglückliche Mann , der mein Wohlthäter war von Jugend auf , und dessen Trübsinn ich schmerzlich beklage ? « » Ha , schweig ' , « rief Emmy - » und spare Dein thöricht Mitleiden ! Dieser Wohlthäter , wie Du ihn zu nennen wagst , ist der Räuber Deines Namens , Deines Ranges - der Mörder Deiner Mutter - der größte Bösewicht der Erde und Dein rechtmäßiger Vater - Du sein erstgeborner , ehelicher Sohn ! « Mit einem Schrei sprang Reginald von seinem Platze auf - wild , außer sich , ergriff er Emmy - er schüttelte sie mit einer Kraft , daß sie bebte , und bleich , mit Schweißtropfen die Stirn bedeckt , schrie er auf , als wolle ihm das Herz brechen . » Weib , Du bist wahnsinnig ! « stieß er endlich hervor - » oder Du lügst - wo bin ich - wer rettet mich vor dem Gifte ihrer Worte ! « Er stürzte zu Boden und verhüllte sein Angesicht . Emmy sah dem Allen ohne Erschütterung zu , wie einem längst Erwarteten - Unabweislichen . Endlich sagte sie fast ruhig : » Ja , ja , Du hast Recht - es wäre besser , ich wäre wahnsinnig - besser selbst , ich löge - als daß es Wahrheit , schreckliche Wahrheit ist ! Auch war es nah ' daran , mein Kind - und nur Du hast mich vor Wahnsinn bewahrt , nur Dein unschuldig Kinderauge , Dein Lächeln , Dein erstes Stammeln , Deine kleinen Schritte - daran blieb ich ein Mensch ! « Sie seufzte tief und schwieg , ruhig , wie es schien , den ersten Schmerzin Reginald abwartend . Sie brauchte nicht viel Zeit ; er sprang empor , gereizt von der angeregten Qual . Aber sie hatte Recht gesagt - sein Herzschlag war gehemmt - seine Jugend schien zu welken ! » Gieb mir Rechenschaft , « sagte er hohl - » beweise ! Es ist schwer - sehr schwer , was Du da sagst - das tödtet Viele ; - und ich - ich kann dann nie wieder froh sein ! « » Was liegt an Allen ! « sagte Emmy hart - » wenn Du nur Deine Mutter rächst - wenn Du nur , Du einzig rechtmäßiger Graf Crecy , diesen Namen wiederforderst und ihn behauptest , um der Ehre Deiner Mutter willen ! « » Und der jetzige Graf Crecy , Ludwig ? « rief Reginald mit Schmerzenslauten . - » Ist ein Bastard ! Ein verworfenes , von allen Gesetzen im Himmel und auf Erden verdammtes , rechtloses Kind ! « » Aber mein Bruder ! « rief Reginald . - » Mein Bruder ! - Ludwig mein Bruder ! « Dieser Gedanke rettete ihn . Es war der Sonnenblick der Liebe , der dies in der Erstarrung seufzende Herz seinem Elemente zurückgab . Ludwig war sein Bruder ; - welch ' eine Wonne ! O , vergeben wir ihm , daß er weniger Sohn als Bruder war ! Sollte er doch jenes um den fürchterlichen Preis des Hasses und der Rache werden - schien ihm doch der Bruder der einzige Trost dieses entsetzlichen Augenblickes ! Mißbilligend betrachtete ihn Emmy Gray . Er entsprach ihrem zürnenden Herzen nicht . Sie hatte keinen Maaßstab für ein junges , edles Gemüth , von böser Sucht noch unberührt . Doch faßte sie sich . Noch kannte er das Schicksal seiner Mutter nicht ; - damit mußte ihm die Stimmung kommen , die sie erwartete . » Setze Dich , « sagte sie gebietend - » wir haben noch Viel vor uns - Viel - Viel mußt Du hören - mit vollen , klaren Sinnen hören und wohl bewahren in Deinem Gedächtnisse , damit Du den Teufelskünsten stehen kannst , die Dir entgegen treten werden . « Schaudernd folgte Reginald ihrem Gebote . Der jähe Zustand , den das bis jetzt Erfahrene in ihm erregt , ließ ihn keine Richtung festhalten ; er beschloß , das , was er hören müßte , streng zu prüfen . Einer Unwahrheit beschuldigte seine fürchtende Seele die alte , gebietende Frau nicht ; aber er dachte an eine Entstellung durch ihre leidenschaftliche Stimmung . O , wie schön und warm belebte ihn das jugendliche Verlangen , zu versöhnen und zu entschuldigen ! Wir wissen , was ihm von Emmy Gray mitgetheilt werden konnte ; und indem wir hinzusetzen , daß sie Nichts verschwieg , Nicht mit ihrem gegenwärtigen Verstande versäumte , was die Dinge zur anschaulichen Thatsache erhob , werden wir begreifen können , wie Reginald sich zuletzt um alle seine frommen Hoffnungen betrogen fand . Immer bleicher und bleicher werdend , starrte er die rächende Frau vor sich an , in deren harten Zügen kein Hauch von Schonung oder Mitleiden neben der zornigen Anklage Raum fand . Das frühe Alter hatte ihr Antlitz gefurcht , ihre Gestalt gebeugt ; sie trug schwere , steife Trauerkleider , und ihre Bewegungen waren durch die Wichtigkeit der Gedanken , die sie erfüllten , tragisch und edel . Eine solche Persönlichkeit unterstützte , ohne daß er darüber zum Bewußtsein kam , was sie sagte . Reginald fühlte die Macht der Wahrheit ; er hörte bloß noch , und nahm auf , was sie ihm gab , er urtheilte nicht mehr darüber . Auch sagte sie nur die Wahrheit - sie war inhaltsschwer genug ! - Als sie geendet , wurzelte ihr durchdringendes Auge auf Reginald . Er sprang auf und rief , die Hände zum Himmel streckend : » Mutter , Mutter , ich will Dein Sohn sein vor Gott und Menschen ! O , sieh ' herab ; denn ich bin damit dem Unglücke geweiht ! « » Das Grab meiner Mutter will ich sehen ! « rief er dann hastig , zu Emmy gewendet - » Ste . Roche will ich sehen ! - Großer Gott , diesen Namen trage ich ! « Er verstummte ; - dann fuhr er wieder auf : » Doch Ludwig bleibt mein Bruder - mein unschuldiger Bruder ! Ha , Emmy , den werde ich schützen und retten , der soll nicht entehrt und dem Auge der Welt zum Hohn werden - hörst Du , Emmy ? Meine Mutter , « rief er die Hände zum Himmel hebend - » ich will den Bruder schützen und die damit ehren , die Deinen Sohn geschützt und geliebt hat ! Emmy , « fuhr er fort - » morgen bringe ich Dir meinen Bruder , Du wirst ihm selbst Alles , Alles sagen , wie mir . « » Ha , dem Bastarde ? « rief Emmy - » dem , der Dich verdrängte von Deinem angestammten Platze ? « » Schweig ! « rief Reginald , mit der Heftigkeit des ersten Schmerzes - » und wage nicht , ihn noch ein Mal so zu nennen ! Mein Bruder ist Ludwig ; - er soll so rechtlich geboren sein , wie ich selbst , und nur theilen will ich mit ihm ! « Emmy verblödete einen Augenblick mit geheimer Lust vor der heftigen Entschlossenheit des jungen Mannes . Es war ihr schon recht , daß er selbst ihr Trotz bot , und sie erlebte von dem Zöglinge gern , was sie von Niemandem duldete . » Die Dokumente , das Blatt des Kirchenbuches über die Vermählung meiner Eltern und meinen Taufschein , den hebe mir auf . Ich muß Ste . Roche sehen - ihr Grab - ihr Grab ! O , ich habe Nichts früher auf dieser Welt zu thun ! - Erst ihr Grab , « rief er - » und dann das trostlose Leben ! « Plötzlich siegte die Wehmuth ; er brach in Thränen aus , und sie , die selbst keine mehr zu ihrer Erleichterung weinen konnte , sah in tiefem , ernstem Schweigen zu , wie sein junges , zertrümmertes Herz sich abarbeitete . Sie freute sich dabei seines ganzen Wesens - wie ihn der Schmerz nicht entkräftet hatte , und wie er den Vater nicht ein einziges Mal genannt . Endlich sprang er auf , er schüttelte die nassen Locken aus dem Gesichte und nahete der alten Freundin : » Geh zurück nach Ste . Roche , Emmy , und erwarte mich morgen dort ; - ich komme mit meinem Bruder Ludwig - ich werde ihn vorbereiten ; denn er hört das besser von mir ; und über ihrem Grabe werden wir das Weitere beschließen . Ich verspreche Dir dabei , daß ich der Marschallin und Allen , die es ihr verrathen könnten , verbergen werde , wohin wir gehen ; - ihr werde ich keine Einmischung gestatten , darüber sei sicher . « Es war die höchste Zeit , daß man sich trennte , wenn Reginald Ardoise noch erreichen wollte , ohne Verdacht zu erregen ; aber trotz seines schnellen Aufbruches war die Zeit unter den traurigen Mittheilungen doch rasch verflossen , und Reginald erreichte erst das Forsthaus , nachdem , wie uns bekannt , seine Abwesenheit von Allen bemerkt worden war . - Was wir hier in seiner Folge ruhig nach einander erzählten , trat in vielen Zwischensätzen mit dem reichen Gefühlswechsel in beiden Jünglingen , wie er nothwendig in dieser Mittheilung begriffen sein mußte , hervor ; - aber in Beiden siegte die rein getheilte Freude , Brüder zu sein ; und so fest , so sicher waren sie sich , daß Keiner dem Anderen eine Versicherung gab , Beide durch ihre Liebe geschützt , die nur noch erhöhter , noch gerechtfertigter schien durch die neuen Bande . Die Außenwelt erinnerte sie erst wieder an sich , als sie zum Pferdewechsel die Gastfreundschaft des Klosters Tabor in Anspruch nahmen . Der Himmel war nicht allein von dem nahenden Abend umdüstert - ein Gewitter hing mit schweren , bleifarbenen Wolken-Gebirgen über ihren Häuptern . Dringend luden die Mönche die jungen Männer zum Verweilen ein , ihnen den Weg durch die Wälder von Ste . Roche in der Nacht fast unwegsam schildernd ; vergeblich waren diese Abmahnungen , Reginald wies sie alle zurück , mit dem düsteren und heftigen Ungestüme , den seine Erregung mit sich führte . Der gutmüthige Prior konnte endlich nichts thun , als ihren Wagen mit einigem Proviante zu füllen und die besten Pferde und den kundigsten Wegweiser hinzuzufügen . Doch begriffen sie bald selbst die angedrohten Schwierigkeiten , als sie den Wald erreicht hatten . So lange die Blitze ihren Weg erhellten , zeigte sich der Wegweiser nützlich , und der Wagen bewegte sich langsam vorwärts ; aber sie hörten auf , ohne daß der Mond durch die schwarzen Wolken dringen konnte , und jetzt stürzte der Regen in Strömen herab . Der Weg ward zum Gießbache , Fackeln und Windlichter erloschen , und die Pferde an den Zügeln führend , bewegten die Leute den Wagen nur unter großen Schwierigkeiten vorwärts . Wie langsam und beschwerlich ihre Reise unter solchen Umständen vor sich gehen mußte , ist leicht zu übersehen . Oft ließen sie halten , oft kehrten sie um , wenn sie in völlig unwegsame Bahn gerathen waren ; und es glich mehr einem Wunder , daß sie endlich das Ende des Waldes erreichten , als einem erwarteten Resultat ihrer oft so vergeblichen Anstrengungen . Mitternacht war indessen vorüber , als sie die gelichteteren Stellen des Waldes , die das Schloß Ste . Roche erkennen ließen , erreichten . Der Regen hatte aufgehört ; aber der Sturm wälzte sich heulend und mit furchtbarer Gewalt über den zitternden Boden . Die jungen Leute hatten den Wagen verlassen , sie wollten sich selbst den Eingang zum Schlosse suchen ; denn ihre Diener hatten mit den erschöpften Pferden zu thun , und der Wegweiser erklärte , daß er um keinen Preis das alte Geisterschloß betreten würde und that Alles , was seine plumpe Ueberredungsgabe vermochte , die jungen Herren gleichfalls davon abzuhalten . » Herr , Herr , « sprach er - » das ist ein Unglückshaus ; noch Niemand hat es unbeschädigt verlassen , die Meisten fanden ihr Grab darin und litten vorher viele höllische Qualen . Räuber sollen auch darin hausen ! Und was Wunder - seit St. Albans , der alte Kastellan , verstorben ist , und der Sohn die Pachtung vom Kloster Tabor übernommen , steht Alles verlassen ; die Thore und Gitter sind auf , ohne Wächter , ohne Schloß und Riegel . Was Wunder , daß sich einnistet , wer finster Werk treibt ; denn die alte böse Hexe , die sich dort abgesperrt , die wird es nicht hindern ! « Dessen ungeachtet machte diese Rede nur bei der Dienerschaft Eindruck ; die jungen Männer befahlen , daß man den Mundvorrath , nach dem sie anfingen , einiges Verlangen zu tragen , ihr nöthiges Gepäck und die Windlichter nachbringen möchte , der Wagen langsam den Eingang suchen sollte , und eilten Arm in Arm dem Schlosse zu . Jetzt standen sie an einer terrassenartig ansteigenden Befestigung , die , durch Gräben getrennt , mit kaum wahrzunehmenden Brücken überbaut waren , hinter welchen sich die dunkle Masse des Schlosses zeigte , die gegen den Nachthimmel , der , mit zerrissenen Wolken bedeckt , die , vom Sturm gejagt , einen schauerlichen Wechsel trieben , wahrhaft drohend und gebietend abstach . Beide blieben stehen , lebhafter von seinem Anblick ergriffen , als sie erwartet hatten . » Weiß Gott , « rief Reginald - » man möchte zu den bösen Dingen Glauben fassen , die über dies alte Schloß in dem Munde der Nachbaren sind ; es sieht aus , als riefe es Jedem eine Warnung vor seinem Bereiche zu ! « » Ja , « sprach Ludwig bewegt - » wie das riesige Grabmal eines ganzen Geschlechtes sieht es aus ! Die Valois erbauten es , wie Du mir sagtest ; - sie hätten mit allen ihren Sünden darunter Raum ! « Sie schritten vor und erreichten trotz des wüthenden Sturmes , der sich wie Menschenhände ihnen entgegen drängte und sie zurück zu schleudern schien , die Eingangsbrücken . » Dieser Nacht werde ich gedenken bis an mein Ende ! « rief Reginald und ergriff das Gitter , was den düstern Hof mit Theophims Grabmal umschloß . Er zog Ludwig nach sich , der , matt und erschöpft , ihm kaum folgen konnte ; und Beide traten nun durch das offene Gitter in den Schloßhof , der ihnen wenigstens einigen Schutz verlieh , obwol das Geheul des Sturmes sich nur noch schauerlicher gegen alle die Ecken und Giebel brach , die , mit eisernen Gittern und Wetterfähnchen besteckt , ein wunderliches Konzert bildeten . » Laß uns Quartier machen , wo wir zukommen ! « sprach Reginald . - » So spät , so über Mitternacht hinaus , erwartet uns die alte Freundin nicht mehr ; wir wollen sie nicht beunruhigen und werden doch Dach und Fach finden für die wenigen Stunden . « » Ja , « erwiederte Ludwig - » laß uns Schutz suchen ohne Zeitverlust , ich fühle mich erschöpft ; - vielleicht bestätigt sich das Gerücht , daß die Thüren aufblieben . « - Beide überschritten nunmehr den Hof , und ihre Erwartung erfüllte sich . Sie traten ohne Hinderniß in die weitläufige Halle des unteren Geschosses ; und nachdem die Diener Windlichter angezündet hatten , sahen sie , wie von hier aus schwere , eichene Treppen , mit großem Aufwande von Raum , in die oberen Gemächer führten . » Hier ist nicht Bleibens , trotz der alten Kamine , die vielleicht unseren Leuten nützlich werden , « sprach Ludwig ; - » es ist hier kalt und feucht ; wir wollen höher steigen , wir finden oben wohl bessere Räume . « Die Diener leuchteten , und man erreichte den oberen Treppensaal , der , mit dunkelm Marmor getäfelt , an eben solchen Wänden mit Portraitstatuen umstellt war und rechts und links große Eingangsthüren zeigte , die , von Eichenholz , schwerfällig und überladen verziert , in Einfassungen von schwarzem Marmor liefen . » Das sind finstere Eingänge , « rief Ludwig - » wie die Pforten zu einer Gruft ! « Reginald schauderte . » Laß uns lieber den Theil des Schlosses suchen , wo Emmy wohnt ! « rief er lebhaft . » Zu Entdeckungen in diesen düstern Räumen sind wir nicht hergekommen . « » Nein , « rief Ludwig - » das Bedürfniß nach Ruhe beherrscht mich ausschließend ! Laß uns eintreten - rechts oder links - ich strecke mich sogleich nieder , wäre es auch auf den Stufen eines Grabmals . - Leuchtet , wir treten hier ein ! « Die Diener gingen zögernd voran , Ludwig schob sie weg ; er selbst drückte das kunstreich umschnörkelte Schloß ; es gab nach , und sie traten in ein schmales , hohes , gewölbtes Zimmer , welches , mit breitem Kamin und herumlaufenden Bänken , einem großen steinernen Becken in der Wand und daneben befestigtem Schenktisch , als ein Vorzimmer zum Eß- oder Banket-Saal , zu erkennen war . » Das zweite Zimmer wird besser sein ! « rief Ludwig , jetzt thätiger werdend , als Reginald , der mit unbeschreiblicher Gemüthsbewegung und höchst widerwillig nur dem Grafen folgte . » Halt , « sagte er , die angelehnte Thür aufstoßend - » das ist ein Prunkgemach - und offenbar noch königlichen Ursprunges . Sieh den Thronhimmel mit der Krone und den kostbaren Purpurbehängen ! « Die Lichter erhellten nur sparsam den großen Prachtsaal früherer Zeiten ; denn dem damaligen Geschmacke gemäß , war überall düsteres Material , wie schwarzer Marmor , Ebenholz , eichenes Getäfel und von der Zeit leicht geschwärzte Vergoldungen zu abenteuerlichen und gigantischen Verzierungen verbraucht . Doch waren hier bequeme Stühle , Kamine , die vielleicht die Feuerung vertrugen , und was sie mit näherem Forschen erspähen konnten , machte diesen Raum für furchtlose Gemüther zu einem tadellosen Ruhepunkte weniger Stunden . Ludwig schob sogleich einen der großen , damastenen Lehnstühle gegen einen Kamin , und indem er befahl , von einigen zusammengestürzten , auf dem Heerde aufgehäuften Möbeltrümmern Feuer zu machen , verrieth seine abgebrochene Rede , seine todtenähnliche Farbe , wie groß seine physische Erschöpfung sei . Obwol dies für Reginald , wie für ihre Diener nichts Ungewöhnliches war , regte es doch auch jedes Mal den guten Willen Aller an , ihm zu Hülfe zu kommen . Während die Diener sich mit dem Feuer beschäftigten , bemühte sich Reginald , von den alten Stühlen und ihren bauschigen Kissen Ludwigs Stuhl bequemer zu machen , und als der ihn stumm , aber dankbar anlächelnde Bruder ruhte und mit warmen Mänteln überdeckt war , zog er ein klirrendes , schreiendes Tischchen von getriebenem Kupfer herbei , das seine Staubdecke räumen mußte , und auf dessen mit künstlichen Bildern eingelegter Platte Reginald mit jugendlich gelenkiger Geschicklichkeit die Mundvorräthe ausbreitete , die der gute Prior ihnen mitgegeben . Bald war so eine Art Bequemlichkeit eingetreten , die wenigstens als Gegensatz des draußen wüthenden Sturmwindes so genannt werden konnte ; da der Kamin wirklich in hellen , prasselnden Flammen die zertrümmerte Pracht des vorigen Jahrhunderts verzehrte und damit in seiner Nähe wohlthuende Wärme verbreitete . Ludwig griff nun auch , sichtlich erquickt , zu den Speisen , die der Klosterküche Ehre brachten , und fühlte sich besonders von dem starken , alten Weine neu belebt , welcher ihnen in einer Berechnung zugetheilt war , die den Maaßstaab des dort zuerkannten Bedürfnisses verrieth . » Jetzt , « rief Reginald - » bin ich erquickt , und unsere Leute werden es auch sein . Ruhe Du hier , mein Lieber - ich will mit den Leuten und unseren Pistolen die nächsten Räume untersuchen ; denn ein offenes Haus will ein nöthiges Bedenken erregen . Behalte Du eine von Deinen geladenen Pistolen hier , mit den anderen bewaffnen wir uns . « Ludwig war es zufrieden , und Reginald durchspähte zuerst ihren Aufenthalt . Das Zimmer war mit kostbaren , aber verwitterten Gobelins behangen , darunter standen fest und unversehrt verschlossene Schränke , die eine fortgesetzte Skulptur in Ebenholz waren und , mit Gold , Silber und Elfenbein untermischt , Gegenstände aus dem alten und neuen Testamente darstellten . In der Gegend des Thronhimmels stand eine lange , eben so kostbar gearbeitete Tafel , über der ein verstaubter Teppich von purpurrothem Sammet mit goldenen Frangen hing . Außer der Eingangsthüre befanden sich noch zwei kleinere in diesem Zimmer ; die eine öffnete sich nach einer offenen Gallerie , von der ihnen sogleich der Sturm entgegen wehte , der sie der festen Thüre froh werden ließ . Dagegen war neben dem Thronhimmel eine vierte , größere Thüre , die Neugierde und Verdacht in ihnen erweckte ; da sie mit mehreren Schlössern und eisernen Balken verwahrt war , die nach einigen Versuchen , sie zu öffnen , sich als zu stark befestigt zeigten , um den Eingang möglich zu machen . Dies machte auf Reginald einen sehr unangenehmen Eindruck , und er fühlte damit Sorge und Unruhe in sich angeregt ; obwol er bemüht war , sie zu verbergen , da er Ludwigs eintretende Ruhe zu stören fürchtete . Um so viel sorgfältiger untersuchte er die anstoßenden Räume ; und alle zeigten sich durchaus beruhigend . Er befahl einem der Diener , mit dem Pistol in der Hand im Vorsaale zu lagern , den zweiten ließ er vor die Thür nach der Gallerie sich legen ; er selbst aber nahm Ludwig gegenüber am kupfernen Tischchen Platz , so daß er die geheimnißvolle Thür im Auge behielt . Er hoffte , Ludwigs leichten , krankhaften Schlummer bewachen zu können , trank mehr Wein , als gewöhnlich , um sich munter zu erhalten ; und da das sonderbare , wehklagende Geschrei der vom Sturm umwehten Zinnen und Thürme in dem mannigfachsten Wechsel seine Phantasie anregte , fühlte er sich auch der Müdigkeit widerstehend , die ihn von dem Augenblick an bedrohte , als Ludwig vor ihm in gleichmäßigeren , ruhigeren Schlaf versank . Er faßte das scharf geladene Pistol fest in die rechte Hand und sich in den Lehnstuhl zurücklehnend , blieben seine Augen , wie gefesselt , an der verschlossenen Thüre haften . O , wie sammelte die Ruhe , die für seine Gedanken eintrat , die Bilder , die aus Emmy ' s mächtiger Rede über das Verhängniß dieses Hauses in ihm niedergelegt waren ! Von der Gruft der Claudia von Bretagne an , bis zu dem blühenden , schönen Bilde seiner kindlichen Mutter , durchlief seine angeregte Phantasie nach Emmy ' s strenger Anordnung alle Begebenheiten . Wie schmerzlich und qualvoll stieg ihr und sein Schicksal in ihm auf , und wie dämonisch wuchs besonders Souvré ' s Gestalt in diesem Bilde an , von dem er sich erst jetzt eingestand , wie sehr er ihm in der Stille abgeneigt geblieben war . Wie verhängnißvoll erschien ihm dies Schloß selbst , das in seinem Bereich immer nur Unglück und Schuld über seine Bewohner häufte ; denn Emmy hatte nicht unterlassen , die Gräuel der Katharina von Medicis , des Theophim von Crecy , des Spinola zu berühren , wenn auch nur , um den Vorwurf zu verstärken , daß man Fennimor eine so entweihte Wohnung angewiesen . - So reihete sich Bild an Bild und erregte fieberhaft sein wallendes Blut . Der kühne Jüngling , der die Furcht noch erst erfahren sollte , lernte plötzlich ein Gefühl kennen , für das er , da es ihm neu war , den Namen nicht wußte . Er blickte in dem ungeheuren , dunkeln Raume mit klopfendem Herzen umher ; das tiefe Schweigen , was jetzt hier herrschte ,