des Schlosses , etwa eine Viertelstunde von diesem in einem krausen und durcheinandergewirrten Busche von Hagdornen , Eschen und Birken , der auf einem kleinen Hügel wuchs . Er hatte den Ort in seinen wohlhabenden Tagen zum Vogelherde benutzt ; es stand aber von der früheren Vorrichtung nichts mehr als der Pfahl für den Lockvogel nebst den vier Pfosten , zwischen welchen die Hütte erbaut gewesen war . Das Dach und Bretterwerk war längst verfault oder von armen Leuten gestohlen . An diesem stillen und wüsten Platze saß der Schloßherr und lauerte auf einen gleichsam Vogel , aber nicht auf einen Finken , Hänfling oder Kreuzschnabel , sondern auf den Bedienten Karl Buttervogel . Die Straße nach der Stadt zog sich nämlich unter dem Hügel durch . Karln hatte er vor kurzem auf ihr fortwandern sehen , und sogleich war von ihm beschlossen worden , dem Bedienten bei der Heimkehr , die mittags zu erwarten stand , den Weg zu verlegen , ihn auf den Vogelherd zu rufen , mit ihm dort , begünstigt von der Einsamkeit des Ortes , ein scharfes Verhör anzustellen und dadurch womöglich hinter die Geheimnisse Münchhausens zu kommen . Der alte Herr hatte lange über diesen Entschluß mit seinem Zartsinne gefochten , endlich aber war er doch zu dem Resultate gediehen , daß er ihn unbeschadet seines Gewissens ausführen dürfe , weil ein so dankvergessener Gast , wie der Freiherr von Münchhausen , durchaus keine Rücksicht verdiene . Die Verhältnisse im Innern des Schlosses hatten sich nämlich folgendermaßen gestellt : Durch den Abzug des Schulmeisters waren die Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr desjenigen Individuums quitt geworden , welches einer jeden menschlichen Gemeinschaft not tut , nämlich des Sündenbockes . Irgendeiner muß in jedem Hause vorhanden sein , an welchem die übeln Launen , die Zornmütigkeiten und die verdrießlichen Stimmungen ausgelassen werden dürfen . Ohne einen solchen Abzugskanal läßt sich ein dauerhafter häuslicher Friede gar nicht denken . Ich habe ein Hauswesen gekannt , in welchem so lange zwischen der Herrschaft und den übrigen Hauptpersonen eine vortreffliche Einigkeit bestand , als ein dummes und ungeschicktes Mädchen , eine entfernte Verwandte , tagtäglich auszuschmälen war . Herr und Frau begingen aber den Torenstreich , dieses Mädchen fortzuschicken aus dem Grunde , weil der Ärger und Lärmen mit ihr im Hause zu groß sei . Und von Stund an hörte alle Verträglichkeit auf ; es war , als ob in der Dummen und Ungeschickten der Schutzgeist des Herdes verscheucht worden sei , der Mann zankte mit der Frau , die Frau schmollte mit dem Manne , der erwachsene Sohn und die mannbare Tochter hatten ein beständiges Schrauben und unangenehmes Reiben miteinander ; selbst die Hausfreunde bekamen Augen für die Schwächen ihrer Wirte und erkalteten , kein Gesinde wollte mehr bleiben , weil es die erschwerte Last der übeln Behandlung nicht zu tragen vermochte - kurz , es war eben mit allem Komfort zwischen jenen vier Pfählen vorbei , als man rechten Komfort darin stiften wollte . So können sich die Menschen über ihre nächsten Verhältnisse und Umgebungen täuschen . Und in der großen Welthistorie geht es mitunter nicht anders zu . Einem Volke tut ein tüchtiger Feind not , nur solange es ihn besitzt , ist es in Flor . Solange Rom sich mit Karthago herumbiß , setzte es alles böse Wesen draußen ab , als aber die Nebenbuhlerin in Trümmern rauchte , ging die innerliche böse Wirtschaft an ; von Napoleon hat nicht einer bloß gesagt , er sei für uns viel zu früh gefallen . Doch um von Rom und Karthago und Napoleon und uns zum Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr zurückzugelangen - solange der Schulmeister auf dem Gebirge Taygetus saß , wußten der alte Baron und seine Tochter , wohin mit ihren verdrießlichen Stimmungen , und als er abzog , wurde es buchstäblich wahr , was der Schloßherr gesagt hatte : Es kam eine Lücke in den schönen Kreis . Das Glück war bekanntlich nicht die Göttin des dortigen Herdes , es gab also viel Anlaß zu Verstimmungen , an wem sollten sie nun ausgelassen werden ? Hätte das Fräulein Lisbeth gehabt , so wäre wenigstens ihr geholfen gewesen , so aber wie die Sachen standen , gab es durchaus keinen Rat . Vater und Tochter waren zu sehr aneinander gewöhnt um miteinander hadern zu können . Der Bediente Karl Buttervogel war für Emerentien Karlos , der geliebte und verehrte Schmetterling , für den alten Baron ein zu geringfügiges Individuum . In dieser Not und Verlegenheit sank der Freiherr von Münchhausen von einem langweiligen Erzähler , der er für den alten Baron bereits geworden war , zum Sündenbock herab . Ja , es ist richtig , wenn auch betrübt ; dieser große und wunderbare Charakter war bald dahin gediehen , wo der verachtete Schulmeister Agesel gestanden hatte ; er wurde wechselweise von dem alten Baron und seiner Tochter über die Achsel angeschaut . Das war nämlich so zugegangen . Der Baron Schnuck-Muckelig in der Boccage zum Warzentrost verbracht einige unmutige Tage nach dem Abzuge des Schulmeisters und suchte sich durch wiederholtes Besichtigen des freien Platzes , wo die Luftverdichtungsfabrik zu stehen kommen sollte , leidlich hinzuhalten . Er dachte , Münchhausen werde rücksichtsvoll genug sein , auch ohne Erinnerung ihm das Geheimnis der Bereitung kundzutun . Münchhausen schwieg . Hiernächst spielte er von ferne auf Pflichten der Gastfreundschaft an , welche nicht verabsäumt werden dürften . Münchhausen schwieg . Darauf gab er die Sache näher und sagte , es sei nicht gleichviel , jemandem etwas in den Kopf zu setzen , man müsse auch Wort halten können . Münchhausen schwieg . Endlich wurde er klar und rief : » Wenn du mir nicht die Luftfabrik machst , so bist du kein ehrlicher Mann ! « Münchhausen seufzte und schwieg . Emerentien war die Zeit ebenso lang geworden , wie ihrem Vater . Der Prätendent von Hechelkram aß Wurst , Eier und Rindfleisch , soviel ihm von diesen Dingen die Hand der Liebe reichte , blieb aber nach wie vor Bedienter , die Gemeinheit seiner Maske täuschend in Worten und Werken festhaltend . Unglaublich war es , bis zu welchem Grade sich dieser maskierte Fürst verstellen konnte , besonders seitdem er fern von den vornehmeren Personen dieser Geschichte in dem Gartenhause auf dem Taygetus wohnte und bis auf die zu leistenden Dienste sein eigener Herr geworden war . Emerentia begann zu zittern , wenn sie , die Wurst unter der Schürze , das Stiftskreuz im Herzen , nach dem verfallenen Schneckenberge ging , und war eines Tages bei einem unbeschreiblichen Anblicke genötigt gewesen , zu Karln zu sagen : » Fürst , spielen Sie nicht zu natürlich . « - Bei dieser Gelegenheit hatte Karl Buttervogel erwidert : » Immer und ewig sich genieren müssen , tut keinem Menschen gut . Wofür bin ich hieher in des Schulmeisters seine alte Kabache gezogen , wenn ich meine Freiheit nicht haben soll ? Ich verlange und bestehe darauf , daß wofern ich es platterdings sein soll , mir meine fernerweite Verköstigung draußen hingesetzt wird , stillschweigend , ohne Ansprache und Bekümmernis um mich . « Emerentia wurde hochrot vor Zorn , denn diese Antwort war zu grob , um sie selbst einem Fürsten hingehen zu lassen . Sie rief : » Und ich bestehe darauf , daß Ew . Durchlaucht nunmehr bald aus Ihrem Inkognito hervortreten , denn meine Lage wird Ihnen gegenüber von Tage zu Tage zärter und peinlicher . - Gnädiger Herr , erwacht denn nicht Ihr Mitleid mit einem armen Mädchen , dessen Lebenshoffnung Sie sind ? « setzte sie weicher werdend hinzu , und einige Tränen liefen über ihre Wangen . Karl aß schon die Wurst , die ihm Emerentia gebracht hatte , und da sein Herz der Rührung immer am offensten war , wenn er Wurst aß , so tat ihm die Weinende leid , er trat daher , das letzte Stück in der Hand , zu ihr und sagte : » Ich bin ja , weiß Gott , kein schlechter Kerl , und Frauenspersonen muß man alles zu Gefallen tun , was nur menschenmöglich ist . Wenn ich also nur wüßt ' , wie ich ' s anfangen sollte , so geschäh ' s ja alsobald . Wofern aber mit meinem Herrn Rücksprach ' genommen würde , so könnt ' es sein , daß ich ' s würde , denn er weiß für alles Rat und hat mehr Grütz im kleinen Finger als wir beide im ganzen Leib , sonst wär ' er nicht vermöglich , so schreckbar zu lügen , wie er lügen tut . « - » Ich verstehe Ihren Wink « , versetzte das Fräulein , wischte sich die Tränen ab und ging getröstet vom Taygetus . Dieser Vorfall ereignete sich an dem Tage , an welchem der alte Baron gegen den Freiherrn klar geworden war . Emerentia hatte sich seit der Stunde , wo sie Münchhausen zum ersten Male nicht verstanden , in einer stillen Entfernung von ihm gehalten , welche jedoch die Fortdauer achtungsvoller Empfindungen noch nicht ganz ausschloß . Jetzt war es ihr sogar lieb , eine Gelegenheit zu finden , mit ihm wieder anknüpfen zu dürfen . Sie setzte sich daher nieder und schrieb folgenden Brief an ihn : Münchhausen ! Ich nenne Sie nicht mehr du , denn schmerzlich habe ich einsehen lernen , daß wir einander doch nicht ganz so nahe standen , als schöne Träume mir sagen wollten . Denken Sie an den Augenblick , da ich die Bohnenschüssel fallen ließ , weil Sie mich nicht begriffen . Indessen ist mir ein hohes Gefühl von Ihnen geblieben , und das Schicksal lehrt uns wohl , uns begnügen , wo uns die volle Befriedigung versagt wird . Münchhausen , Karl hofft auf Sie . Sie haben , wenn Sie wollen , alles in der Hand ; einem Manne , gleich Ihnen , ist nichts unmöglich . Erinnern Sie sich Ihrer Verpflichtungen gegen ihn , helfen Sie ihm zu dem Seinigen . Ich sage nichts weiter . Emerentia Münchhausen rieb sich die Augen , als er diesen Brief überlesen hatte . Er las ihn zweimal , bevor er einen Sinn finden konnte , endlich glaubte er doch einen solchen gefunden zu haben und rief : » Die Bestie hat mich also endlich auch noch bei meiner Anbeterin wegen des rückständigen Lohnes verklagt . Schlimm , schlimm , schlimm ! Aber man muß schon in den sauren Apfel beißen , denn es gibt nichts Gefährlicheres für die weibliche Verehrung , als wenn der Verehrte seinem Bedienten etwas schuldig bleibt . « Er hatte eben eine kleine dünne Einnahme von fernher empfangen . Traurig riß er das Kuvert mit den fünf Siegeln auf , zählte , was er notdürftig entbehren konnte , wehmütig ab , rief den Schmetterling und gab ihm das Geld mit einer Flut harter Reden . Karl hörte nicht auf die Beschimpfungen hin . Wenn er Geld bekam , so war er gegen alles andere gleichgültig , er dankte dem Himmel , der ihm abermals so unerwartet half . Freudetrunken lief er in den verwilderten französischen Garten und zählte sein Geld auf dem Postamente des Schäfers ohne Flöte über . Münchhausen schrieb an Emerentien : Diotima ! Denn das bleibst Du mir . Nenne Dich Emerentia , mir bleibst Du Diotima . Karl ist bezahlt . Ich war ihm allerdings seit Lichtmeß Lohn schuldig . Vielfache Gedanken und unter diesen hauptsächlich die tiefe Seelenbewegung , in welche mich Dein Umgang und Geist versetzt hatten , bewirkten , daß mir die Kleinigkeit aus dem Sinne gekommen war . Dank für Deine Erinnerung . Wie ich nie , oder nur ein einziges Mal in meinem Leben log , so bezahlte ich auch stets meine Schulden ; denn Ausnahmen von dieser Regel befestigten sie eben . Deine Wünsche sind Befehle Deinem Münchhausen Emerentia wurde starr , als sie diesen Brief empfing . Sie hatte darauf gerechnet , daß der Freiherr durch seine großen diplomatischen Verbindungen die Restauration des Fürstentums Hechelkram bewirken solle , und - er gab dem Prätendenten Lohn ! - Zerstört ging sie in den Garten . Karl sprang ihr vom Schäfer entgegen , schüttelte in einem ledernen Beutelchen den klingenden Inhalt und rief jauchzend : » Ich hab ' mei ' Geld , ich hab ' mei ' Geld ! O was für ein glückseliger Tausendsassa bin ich ! Ich möcht ' den ganzen Markt von Cannstatt auskaufen . « - Emerentia versetzte nichts ; sie stand bleich und entsetzt da . - » So ist es denn also wahr « , sagte sie , nachdem Karl fort und auf seinen Schneckenberg gesprungen war , » daß ein fortwährendes Rollespielen mit der Rolle identifiziert . Dieser Fürst wird mir noch innerlich zum Bedienten , wenn ich nicht bald die Entscheidung herbeiführe . Fürs erste aber soll das gekränkte Weib zu jenem Verderblichen reden , über den ich mich so hart enttäuscht sehe . « Sie ging nach ihrem Zimmer und schrieb an Münchhausen : Mein Herr ! Ich bin fortan für Sie weder Diotima noch Emerentia , sondern das Fräulein von Schnuck . Die Linie , der ich angehöre , ist die Linie Muckelig . Verstehen Sie mich ? Nein , Sie verstehen mich nicht . Ich aber durchschaue Sie . Sie wollen mich erniedrigen . Sie wollen , daß mir der Bediente Bedienter bleibt . Armer Spötter ! In dem vollen Gefühle meiner Würde , erhaben über Ihre Possen Emerentia , Freiin von Schnuck-Muckelig in der Boccage zum Warzentrost Münchhausen verwünschte sein Los , als er diesen Zettel erhielt . » Das Geld an den Schlingel weggeworfen und nun das noch ! « rief er . » Was will denn dieses verrückte Fräulein , die mir wahrhaftig so unleidlich zu werden anfängt als - Pst ! Still , Münchhausen - Der Alte läßt mir keine Ruhe , ich weiß mir nicht Rat gegen seine verdammten Luftgedanken , und nun büße ich auch diesen letzten Stützpunkt ein . - O Münchhausen , Münchhausen , könntest du doch nur - - « Er wollte sagen : » Von deinen Renten leben « - vollendete aber nicht , sondern schrieb gleich ein zweites Billet , welches nichts als das Wort enthielt : Diotima ? ! Aber er fand es nach einiger Zeit uneröffnet vor seiner Türe wieder . Der alte Baron und Emerentia begegneten einander draußen in der Gegend zwischen dem Schlosse und dem Platze , wo die Luftsteinfabrik stehen sollte . Der Vater sah verdrießlich und zerstört , die Tochter kalt und stolz aus . - » Ich fürchte , Renzel « , sagte der Alte , » wir haben einen Phantasten im Quartier . Noch hängt meine Hoffnung an einem dünnen Faden , Gott gebe , daß der nicht reißt ! « - » Meine Hoffnung ist bei den Toten « , versetzte das Fräulein erhaben . » Edle Seelen werden leicht betrogen , ich schäme mich nicht , daß mich ein dürftiger Witzling täuschen konnte . Die Schuppen fallen mir von den Augen , nur Gemeines sehe ich noch , wo ich sonst gutmütig bewunderte . « - » Ich verachte ihn auch bereits recht herzlich « , sagte der alte Baron , » es ist nur der Punkt hier in Erwägung zu ziehen , daß auch solche Haselanten im Besitze wichtiger Fabrikgeheimnisse sein können , und wenn denn das doch der Fall wäre und man hätte ihn , ohne die Sache zu erfahren , aus dem Hause getrieben , so wäre es außerordentlich schlimm . Wir wollen ihm daher unsere Gesinnungen fühlbar machen , Renzel , aber so , daß ihm noch eine Hintertüre offenbleibt , damit womöglich seine Ambition erweckt wird , und mir das Syndikat nicht entgeht . Nur wenn alle Aussicht verschwindet , wollen wir ihm sagen , daß er sich packen könne . « Nach diesem Tage gaben der alte Baron und das Fräulein dem Freiherrn ihre Gesinnungen zu erkennen , d.h. sie behandelten ihn schlecht . Münchhausen , welcher fühlte , wie sehr er durch seine politischen Fehler sich die Stellung im Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr verdorben habe , machte verzweifelte Anstrengungen sie herzustellen und ließ das glänzendste Brillantfeuer seines Witzes in tausend Einfällen , wunderbaren Capriccios und Mären spielen . Das Fräulein aber zeigte sich um so gelangweilter , je brillanter Münchhausen wurde . Sie wandte ihm bei den Colloquiis im Garten den Rücken , fiel ihm häufig mit einer Bemerkung über schlechtes Wetter in die Rede , oder sagte , wenn sie ihn hatte aussprechen lassen , weiter nichts , als : » Spaße für den Volkskalender . « - Ihr Verhalten drückte unbedingte Geringschätzung aus . Der Schloßherr knüpfte dagegen die seinige noch an Bedingungen . Die Summe seiner Reden ging dahin , daß er an den Erzählungen des Gastes , ehe und bevor die Fabrikangelegenheit in Ordnung gebracht sei , wenig Geschmack zu finden vermöge . Zuweilen hörten beide Schloßbewohner gar nicht zu , sondern sprachen miteinander von Wirtschaftsangelegenheiten , während der Freiherr die buntesten Wunder vortrug . So gingen mehrere Tage hin . Die Situation war für den Helden immer peinlicher geworden . Doch die Kräfte seines Geistes waren unerschöpflich und gerade in Verlegenheiten entfaltete sich erst deren ganzer Reichtum . Eines Abends , wo das Fräulein auf ihrem Zimmer an ihrem Tagebuche schrieb , der alte Baron und er aber stumm lange Zeit nebeneinander im Versammlungsgemache auf und nieder gegangen waren ; brauchte er die Rührung als großes , heroisches Mittel . Er fing nämlich plötzlich an heftig zu schluchzen , und da der alte Baron sich erstaunt umwandte , so stellte er sich mit den strömenden doppelfarbigen Augen vor seinen Wirt , nahm dessen beide Hände , sah ihm bewegt in das Antlitz und rief mit einer von Weinen gehemmten Stimme : » Könnt ihr es über das Herz bringen , du und deine göttliche Tochter , euren Freund so zu mißhandeln , wie ihr tut ? Nennen wir uns nicht du ? Bin ich nicht dein Bruder in des Worts verwegenster Bedeutung ? « » Eben darum , weil wir uns du nennen , muß Offenheit herrschen « , versetzte trocken und ungerührt der alte Schloßherr . » Ich merke schon , was diese Krokodilstränen bezwecken sollen . Du bist ein Krokodil - ein Chamäleon will ich sagen . Ich lasse mich nicht länger foppen , nicht länger lasse ich mich an der Nase herumführen . Von deinen Ziegen und deinen Holländern und deinen Poltergeistern habe ich den Pfifferling gehabt . Darum ein Wort für tausend : Kannst du Luft versteinern ? « » Bruder , sei nicht so hart - - « » Hart bin ich , hart will ich sein , steinhart wie Luftstein . Wisch dir die Tränen von der Nase , sie erweichen mich nicht . Du hast mir den Geheimen Rat verleidet und die tröstlichen Gedanken an das höchste Gericht durch dein Luftprojekt , du Luftspringer ! Die Ruhe meines Alters hast du vergiftet . Nun sind zwei Fälle möglich . Entweder kannst du Luft versteinern oder du hast mir ' s vorgelogen . Im ersten Falle soll dir alles vergeben sein , ich werde Syndikus , kriege für sechstausend Taler Fabrikat jährlich und damit basta . Hast du mir ' s aber vorgelogen , so wollte ich dich ersuchen , dich an deine vielfachen anderweitigen Verbindungen in der Welt zu erinnern , die sich gewiß schon lange nach dir sehnen und dir es übelnehmen würden , wenn du länger dein Pfund in diesem abgelegenen Schlosse vergraben wolltest . - Hierüber sehe ich morgen deiner bestimmten Erklärung ohne alle Einkleidungen , Geschichten und Carmina entgegen . « Mit diesen unzweideutigen Worten trennte sich der Wirt von seinem Gaste . Letzterer blieb im Zimmer stehen , legte die Hand an seine Stirn und sagte nach tiefem Besinnen : » Behaupten muß ich mich noch eine Zeitlang hier , es geht nicht ohne dieses . Ich muß ihn erwarten hier , ihn , meinen Freund , meinen Kurator . Kann ich mich nicht durch Worte und Tränen halten , so muß ich es durch den Zustand des Epimenides versuchen . « - Er ging auf sein Zimmer und legte sich augenblicklich nieder . Am folgenden Vormittage um eilf Uhr fragte der alte Baron Karl Buttervogeln , der von des Freiherrn Gemache herabkam : » Ist Sein Herr noch nicht aufgestanden ? « - » Nein « , versetzte Karl , » er schnarcht , daß es nur so eine Art hat , wenn das so fortgeht , kann es lange dauern . « - Der Schloßherr stellte sich vor das Zimmer seines Gastes und hörte wirklich ein ungemein kräftiges Schnarrwerk da drinnen . Um ein Uhr bei Tische , wo sich nur Vater und Tochter zusammenfanden , warf Emerentia nachlässig die Worte hin : » Dieser Mensch scheint uns heute zu verschmähen . « - Karl wurde berufen , hinaufgesandt und brachte den Bescheid , der gnädige Herr habe sich eben so weit ermuntert , um allenfalls etwas Suppe und Gemüse zu sich nehmen zu können , wenn man die Güte haben wollte , ihm davon zu senden . - Emerentia gab dem Bedienten das Verlangte , der alte Baron ließ hinaufbestellen , er bitte , daß der Freiherr aufstehe . Nach einiger Zeit kam Karl mit den leeren Tellern zurück und sagte : » Mit dem letzten Bissen im Munde wieder auf die linke Seite gefallen und weiter geschnarcht . « - » Zum Henker , was bedeutet das ? « rief der Schloßherr . - Um vier Uhr nachmittags ging er , da kein Münchhausen sichtbar wurde , selbst hinauf . Münchhausen schlief . Der alte Baron rief ihn an , rüttelte ihn , schüttelte ihn , Münchhausen richtete sich etwas auf , sah ihn schlaftrunken an , lallte mit schwerer Zunge : » Warum weckst du mich ? « und fiel auf den Rücken . Um sechs Uhr , um acht Uhr abends hatten gleiche Weckversuche die gleichen Erfolge , oder vielmehr Nichterfolge . Münchhausen schlief . Der erste Tag war sonach verschlafen . Am andern nahm der alte Baron allerhand lärmende Geschäfte vor , er brachte z.B. schweres Gerät und Möbelwerk von der Gerichtsstube herab und hatte dessen kein sonderlich Arg , wenn ein Stück donnernd gegen Münchhausens Stubentüre flog . » Denn « , brummte er ingrimmig , » ich will diesen verruchten Kerl denn doch wohl wachkriegen ! « Alles vergebens . Münchhausen schlief auch den zweiten Tag hindurch mit Ausnahme kurzer Eßpausen . Karl Buttervogel berichtete , sein Herr sei zwar aufgestanden und habe sich angekleidet , aber immer mit halbgeschlossenen Augen und mit Gähnen . Sobald er das letzte Stück angezogen gehabt , sei er wieder in einen Stuhl gesunken und sitzend eingeschlafen . Am dritten Tage schnarchte Münchhausen stärker , als je zuvor . Der alte Baron , der die ganze Nacht schlummerlos zugebracht hatte , saß bekümmert auf der Gerichtsstube . Emerentia sang unten im Hause auf Befehl ihres Vaters . Denn dieser meinte , was sein Rütteln und Rumoren nicht zuwege gebracht , werde der helle und durchdringende Gesang der Tochter bewirken . Als sie ihre besten Gänge und Kadenzen von sich gegeben hatte und eine Pause entstand , stellte sich der Schloßherr an die Söllertreppe und rief hinunter : » Karl ! « - Karl Buttervogel trat aus des Freiherrn Dormitorium . » Ist er wach ? « fragte der alte Baron . - » Ich hab ' mir die Ohren zugehalten , denn ich bin kitzlig gegen Musik « , versetzte der Bediente , » mein gnädiger Herr aber legten sich auf die andere Seite und lächelten im Schlaf wie ein Engel . Jetzt eben verlangen sie mit zugemachten Augen Waschwasser , werden also wohl aufstehen wollen , um sich dann zum Schlummer niederzusetzen . Glauben mir der Herr Baron , Sie treiben es mit meinem Herrn nicht durch , was der sich vornimmt , das führt er aus , wachend oder schlafend . « Zornig lief der alte Baron in die Gerichtsstube zurück , rannte mit großen Schritten auf ihr hin und her , stieß an den Tisch , daß ein Teil der aufgestellten juristischen Handbibliothek herabfiel und polterte : » Da habe ich mir einen schönen Störenfried und eine wackere Rute Gottes in das Haus geladen ! Das ist nun der Gipfel des Unglücks ! Ich sehe es kommen ! Ich sehe es kommen ! Dieser Mensch schläft uns allen Schlaf weg in und um Schnick-Schnack-Schnurr ! Wie ein starker Fresser eine ganze Wirtschaft auszehren kann , so wird uns der Schnarcher an Schlummer bankerott machen . Schon tue ich die Nacht kein Auge zu . - Der Henker hole die Stunde , in welcher der Sünder in unsere Mitte geschleudert wurde ! « Er stieg die Treppe hinab und fand unten auf dem Vorsaale Emerentien , welche wieder beginnen wollte zu singen . - » Laß nur das Geplärr ! « fuhr sie der Vater an , » Sankt Ursel mit den eilftausend Jungfrauen sänge den nicht auf . « - » Verachten wir ihn , mein Vater « , erwiderte Emerentia , » und lassen wir ihn sich der Vergessenheit entgegenschlummern ! « - » Ich kann doch den Schlummerbalg nicht immer im Hause behalten und ihn unnütz füttern ! « fuhr der alte Baron auf . » Wenn er nur wenigstens die Eßstunden auch verschlummerte ! Aber zum Frühstück , Mittags- und Nachtmahl ist er regelmäßig wach ! Folglich darf ich ihn nicht verachten . Verachten kann man nur den , der einen nicht inkommodiert . Und Münchhausen ist mir jetzt zur größten Beschwer und ich würde den für meinen besten Freund halten , der mir diesen Gast vom Halse schaffte . « Er ging in das Zimmer des Freiherrn . Dieser saß auf seinem Stuhle und das Haupt hing ihm auf die Brust hinab . Er schlief fest und tief . Der alte Baron nahm eine Feder , setzte sich vor ihn , kitzelte ihn mit der Feder um den Mund und rief ; » Münchhausen , wach auf ! « Einer kitzelnden Feder mußte selbst der beharrliche Schlummer des Freiherrn weichen . Er kratzte sich an der gekitzelten Stelle , riß die Augen weit auf , sah seinen Wirt wüst an und fragte dann matt und verdrossen : » Was willst du , Schnuck ? Warum lässest du mich nicht in Ruhe ? « » Ich wünschte von dir zu erfahren , wie lange du hier noch zu schlafen gedenkst ? « sagte der alte Baron sehr ernst . » Ich wünschte , daß du mich lieber fragtest , woher dieser chronische Schlummer rührt ? « versetzte in gedehntem Tone der Freiherr . » Ich wünschte allerdings , daß du auch darüber mir eine Aufklärung geben möchtest « , sprach der alte Baron . » Ich wünschte , daß du dich an meine Jugendbildungsgeschichte erinnertest , die ich dir einst vortrug « , versetzte der Freiherr , schon wieder lallend und nur noch das braune Auge offenhaltend ; denn das blaue war ihm bereits von neuem zugefallen . - » Habe ich dir nicht erzählt , daß mein sogenannter Vater mich in so vielen Sprachen und Wissenschaften unterrichtete , daß an gewöhnlichen , ausreichenden Schlummer damals nicht zu denken war ? Es blieb also in meiner Jugend aller Schlaf , welchen andere Menschen zu der Zeit abmachen und entwickeln , in mir unabgemacht und unentwickelt stecken . Dieser versetzte und zurückgehaltene Schlaf bricht nun jetzt in meinen Mannesjahren aus , er entfaltet sich unaufhaltsam und wird nicht eher zu Ende sein , als bis ich nachgeholt habe , was ich in der Jugend versäumte . Dieses ist die natürliche Erklärung meines gegenwärtigen Zustandes , über den mich ein Traum inspirierte . « » Wohl . Wer mit dir verkehrt , muß sich immer auf Wunderdinge gefaßt halten . Kalt will ich also bei dieser inspirierten Ankündigung bleiben , ganz kalt , und dich nur in aller Seelenruhe fragen : Wie lange dauerte jener anstrengende Jugendunterricht , und wieviel weniger als andere Menschen schliefest du während desselben ? « » Drei Jahre . Mäßig angeschlagen , büßte ich Nacht für Nacht sechs Stunden Schlummer ein « , erwiderte der Freiherr kaum hörbar und träumerisch das Haupt hin und her wiegend . Der alte Baron schob seinen Stuhl an den Tisch , nahm ein Stück Kreide , welches dort lag , und rechnete auf dem Tische . Nachdem er den Strich unter den Zahlen gezogen hatte , sagte er : » Vorausgesetzt , daß unter jenen drei Jahren kein Schaltjahr war , so hast du während derselben sechstausendfünfhundertundsiebenzig Stunden Schlafdefizit gehabt und würdest folglich neun Monate , drei Tage und achtzehn Stunden jetzt bei mir nachschlummern müssen . Wie ? « Er wendete sich um , da er keine Antwort bekam und sah , daß der chronische Zustand seines Gastes schon wieder eingetreten war . - Stolz erhob er sich und rief : » Keine Rücksicht der Gastfreundschaft und Höflichkeit kann mich verpflichten , einen Menschen neun Monate , drei Tage und achtzehn Stunden bei mir schlafen zu lassen . Ich habe an dir gehandelt , wie ein Kavalier sich gegen den anderen benehmen soll , die Geduld ist aber nun erschöpft , und - höre es oder höre es nicht - ich kündige dir hiemit Krieg und Fehde an . Darunter verstehe ich , daß ich dich aus dem Schlosse zu bringen wissen werde , in dem du nichts als Unheil und Verwirrung gestiftet hast . « Nach dem Abgange des Schloßherrn öffnete Münchhausen die Augen und sagte zu Karl Buttervogel , der ein stummer Zeuge dieser Szene gewesen war : » Karl , willst du mir treu bleiben ? « - » O mein gnädiger Herr « , rief Karl Buttervogel , » wie könnte ich es wohl über das Herz bringen , Ihnen untreu zu werden , da Sie mir soeben