. Sie ist dadurch gerade wärmer und nachgiebiger gegen den großen Verband , den die Natur unter den Menschen knüpfte , sie ist voll Ehrfurcht gegen die geselligen Pflichten , die ergänzend eintreten , wo dieser nicht stattfindet . Aber sie ist dies Alles mit einer Feinheit und einem Bewußtsein , was eben nothwendig sie rücksichtslos erscheinen läßt nach gewöhnlichen Voraussetzungen . Richmonds Augen ruhten während dieser Worte am Boden ; er gedachte des Ideals seiner Brust , er wollte prüfen , ob es sich mit den Worten des Geistlichen vertrug ; er konnte nicht damit fertig werden ; unsicher wogten die Bilder durch einander , und endlich fühlte er , daß sein Nachdenken schon zu lange gewährt . Mit einer desto bereitwilligeren Miene eilte er , das Schweigen zu unterbrechen . Es steht mir in keinem Falle zu , Sir , sprach er rasch , an Worten Zweifel zu hegen , die durch die Erscheinung des Fräuleins selbst bestätigt sind , und jedes Mißtrauen , das ein so außerordentliches Schicksal an dem Karakter der Person selbst mit sich führt , würde um so unedler sein , fest zu halten , als es ohne Zweifel die schmerzlichste Zugabe desselben ist . Noch ein Mal nehmet die Versicherung , daß ich zu jeder Mitwirkung bereit bin und in einigen Tagen hoffen darf , mit meinen Angelegenheiten weit genug gediehen zu sein , um dann die Spur der Lady verfolgen zu können . Erhaltet Euch der Sache , Sir , der Ihr so nützlich werden könnt ; es ist mit Euerm Erscheinen ein Hinderniß gehoben , dessen Bedenklichkeit ich stets empfand . Euch wird die Lady vertrauen und Euch zu folgen einwilligen , wenn wir so glücklich sind , sie aufzufinden ; was wir jetzt kaum hoffen durften , nachdem es uns schon ein Mal verweigert wurde , wo die eigene Ueberzeugung von Membrockes bösem Willen vielleicht noch nicht eingetreten war . - Seid daher vorsichtig und verlaßt den Schutz dieses Hauses nicht , bis zu unserer Abreise . Kennen wir die Absichten des unbekannten Warners nicht , hat er sich doch darin nicht geirrt , Euch hier gesichert zu halten . - Lord Richmond gab nun selbst Befehl , einige Zimmer , die an die seinigen grenzten , für einen Gast in Bereitschaft zu setzen , und ließ dessen Reisegepäck von einem verschwiegenen Domestiken , der die Livree ablegte , aus der Herberge herbeischaffen , ohne zu erlauben , daß er die Mauern des Schlosses wieder verlasse . Der andere Tag ward dazu verwendet , mit dem jungen Herzoge die nöthigen Verabredungen zu treffen und Brixton mit denselben bekannt zu machen ; zu welcher Berathung sich auch Lord Ormond einfand . Außer Zweifel waren die Empfindungen der hier zusammentreffenden Männer ganz geeignet , Brixton die Hoffnung eines kräftigen Beistandes zu verheißen , und er beschloß innerlich , mit denselben erst Alles zu versuchen , um seine junge Freundin ihren falschen Beschützern zu entführen , da er sich in jedem anderweitigen Schritte , der ihm Aussicht auf Hülfe verlieh , mannigfach gehindert sah , und er die Warnung , für seine Freiheit zu sorgen , nicht unbegründet finden mochte . Der Widerstand , den er erfahren , schien ihm von einer gemachten Entdeckung über das Fräulein herzurühren , und er konnte ihr Verschwinden mit seiner eigenen Verfolgung in Zusammenhang bringen , obwol es ihm höchst unwahrscheinlich blieb , daß dies von der Seite des Herzogs von Buckingham herkommen sollte , den er unmöglich mitwissend und doch verfolgend denken konnte . Einen Schritt bei Letzterem zu thun , schien ihm bei der Veränderung der Dinge , die über Alles so viel Dunkelheit gebracht , ein zu gewagtes Unternehmen , da seine Aufmerksamkeit zu erregen , schon Gefahr brachte , ein ihm bisher heilig gehaltenes Geheimniß bloszustellen . Er beschloß demnach , zuerst ihre Befreiung als das Nöthigste anzusehen und der Zeit alle fernere Entwickelung anheim zu stellen . In der größten Zurückgezogenheit wartete er daher die Zeit ab , die seinem jungen Beschützer erlauben würde , sich ganz der Sache seines Schützling zu widmen , die aber für den Augenblick noch in Anspruch genommen war von den uns bereits bekannten Vorgängen in der Familie Nottingham . An dem Hochzeittage seines Bruders begleitete Richmond seinen Großvater , den ehrwürdigen Lord Bristol , trotz des prinzlichen Gefolges , bis an die Grenzsteine der väterlichen Besitzungen , und eilte dann mit dem glühendsten Eifer zurück , um sich zu Brixtons Bestimmung zu stellen . Sein erster Schritt war jetzt , Lord Membrocke aufzusuchen , da nur noch wenige Stunden bis zu dessen Abreise blieben , indem dem Herzoge von Buckingham , zu dessen nächster Umgebung er gehören sollte , keine Zögerung mehr gestattet war . Doch fand er dies eitle Kind der Welt in ein solches Gewirre der gewöhnlichsten Lebensbeziehungen verwickelt , so von Schneidern , Juwelieren , Stickern und Handelsleuten aller Art umgeben , daß ihm keine Beziehung zu Lord Richmond in Erinnerung geblieben schien und er diesen aufforderte , der Tanzstunde beizuwohnen , die ein französischer Tanzmeister ihm geben wolle , um ihn in den neuesten zu Paris bei Hofe gebräuchlichen Tänzen zu unterrichten . Ich denke , Mylord , sprach Richmond mit dem vollsten Ausdrucke der Geringschätzung , Euch wird nicht ganz entfallen sein , daß ich Euer Haus nicht betreten haben kann , um Euern Späßen beizuwohnen , daß es unter uns ernstere Beziehungen giebt , die erörtert sein wollen , ehe ich Euch erlauben kann , in diesem Tone Euch zu vergnügen . Richtig rief Membrocke mit sehr natürlichem Erstaunen , da ihm wirklich im Augenblicke erst die Veranlassung zu Richmonds Besuch einfiel . Wir haben , setzte er lachend hinzu , über die kleine schlaue Miß eine Zwiesprache zu halten , die ich Euer Liebden strenger Aufsicht entführte . Richmonds Stirn brannte bei der geringschätzigen Art , wie er hier ein Wesen erwähnen hörte , gegen das er sich selbst noch jeden Zweifel vorwarf . Ich bin nicht gewohnt , Mylord , rief er , ungeduldig ihm näher tretend , in der Gegenwart solcher Thoren ernste Angelegenheiten zu besprechen ; zeigt mir Euer Kabinet . Allerliebst , lachte Membrocke mit schon annehmender guter Laune , allerliebst ! Ihr hier versammelte Gesellschaft von Thoren , Ihr meine liebenswürdigen Gefährten , amüsirt Euch wohl , indessen ich in meinem Kabinet ein paar Fledermäuse jagen will , die über Nacht herein geflogen . Wollt Ihr mir dabei helfen , Mylord , so nehmt den Vortritt . Mit stolzer Heftigkeit trat Richmond an ihm vorüber in das Kabinet , welches der Lord ihm geöffnet , und trug dies auch eben so den Stempel der Thorheit , wie das erstere , so waren es doch nicht Menschen , sondern leblose Gegenstände , die hier sich jeder ernsteren Beziehung zu widersetzen schienen . Laßt mich stehn , rief Richmond , als der Lord ihn auf ein mit allerlei Kram belegtes Ruhebette einlud ; was ich mit Euch zu reden habe , muß bald abgethan sein . Erklärt Euch , ob Ihr der Familie Nottingham , die durch mich zu Euch redet , den angethanen Schimpf gut machen wollt , aus ihrem Kreise ein von ihr beschütztes unbescholtenes Mädchen entführt zu haben , ob Ihr es gut machen wollt , indem Ihr mir bekennt , zu welchem Zwecke und wohin Ihr sie entführt ; oder ob Ihr es vorzieht , zu jeder Euch beliebigen Stunde mit mir Euern Degen zu kreuzen ? Wahrlich , rief Membrocke , der bei aller Verworfenheit die gewöhnliche Kavalier - Bravour hatte , um jeden Preis möchte ich das Letztere wählen , um des Vergnügens willen , Euern jungen Degen kennen zu lernen . Wohlan , die Bekanntschaft soll Euch werden , erwiederte Richmond , er ist nicht jung genug , um die Sache der Unschuld nicht vertheidigen zu können , und , unentweiht , noch nie gezogen worden , um die Laster seines Besitzers zu vertreten . Dies liegt außer Zweifel , lieber Lord , spöttelte Membrocke , die Nottinghams sind alle wahre Tugendhelden , Ihr seid alle , glaube ich , von Eurer gestrengen Frau Mutter erzogen worden ; man sagt , sie habe ihre Erziehungsmethode bei Euerm Vater eingeübt bis sie Euch dann übernommen . Nennt den Namen meiner Mutter nicht ! rief Richmond heftig ; ihr erhabener Karakter und ihre Tugenden liegen außer Euerm Bereich ; ich kann nicht zugeben , ihn von Euch zu hören . Wahrlich , unterbrach ihn Membrocke zurückweichend , Ihr beschneidet sehr den Stoff unserer Unterredung ! Wovon beliebt es Euch zu sprechen , wenn nicht von den lieben Angehörigen ? Ich dachte , wie gut ich es gemacht hätte . Wir haben überhaupt nichts mehr zu sprechen , Mylord , erwiederte Richmond kalt ; was wir noch vorhaben , wird mit wenig Worten abzuthun sein . Wo werden wir uns finden ! Ja so ! sagte Membrocke , und sein Gesicht ward plötzlich nachdenkend , das ist eine schlimme Sache , wo soll ich dazu Zeit finden ? Diesen Abend reist der Herzog ab , ich habe noch unabsehbar viel vor bis dahin , Ihr setzt mich wahrlich in Verlegenheit . Ist das die Sprache eines Mannes von Ehre , sprach Richmond , oder beabsichtigt Ihr eine neue Beleidigung gegen mich durch Eure Ausflucht ? Ihr werdet Zeit finden , und sollte es der gegenwärtige Augenblick sein und dies Zimmer unser Kampfboden ! Halt ! Halt ! rief Membrocke , wir müssen nicht mit der Thorheit anfangen , an unserer gegenseitigen Bravour zu zweifeln ; die hat jeder Edelmann unseres Namens , so viel wie nöthig , um wegen ein paar Unzen Blut mehr oder weniger sich nicht zu kümmern . Ich habe nicht die Absicht , Euch zu beleidigen , ja , eigentlich , setzte er gutmüthig hinzu , achte ich alle Männer Eures Stammes wegen ihrer makellosen Ehre , aber Ihr müßt Euren Maaßstab , zu handeln , nicht den heiteren Kindern der Welt aufnöthigen , die andere Ansichten von Lebensgenuß haben , und darum nicht gleich einen ganz gewöhnlichen kleinen Liebesroman als eine Ehrensache ansehn . Richmonds Herz zog sich krampfhaft zusammen . Es lag das Eingeständniß eines solchen Verhältnisses mit Lady Melville in diesen Worten , und er schauderte zurück , ihrer so erwähnen zu hören . Halb abgewendet , um seine Erschütterung zu verbergen , rief er mit dem tiefsten Ausdruck von Zorn und Schmerz : Es kann kein Streit unter uns sein über Dinge , worüber wir zu verschieden denken , als daß unsere Meinungen sich je erreichen werden . Doch sollen Eure Worte ein solches Verhältniß zur Gräfin Melville andeuten , so sehe ich Euer Verhalten dabei als eine Beleidigung für unser unbescholtenes Haus an und bestehe auf der einzigen Genugthuung , die Ihr geben könnt . Mylord , sagte Membrocke , hätte ich Zeit , so würde ich mich nicht bemühen , Euch mit Worten aufzuklären , denn ich liebe , gleich Euch , die prompte Sprache von zwei guten Klingen ; so aber will ich , der Aeltere , auch der Gemäßigtere und Verständigere sein . Aufrichtig gesagt , es ist mir die Sache , für welche Ihr mein Blut fordert , herzlich gleichgültig geworden , und ich habe die Prüderie der kleinen Närrin längst vergessen . Sie ist nicht der Mühe werth , daß zwei Männer , wie wir , uns darum raufen . Gut , rief Richmond , der einige trostreiche Worte vernommen , mit mehr Ruhe . Auch ich bin kein Kind , das blos seine Waffen versuchen will ; doch fordere ich dann von Euch einen offenen Bescheid darüber , wo Ihr das Fräulein hinführtet , in welcher Lage sie sich befindet . So weit reicht mein guter Wille nicht , Mylord , erwiederte ruhig Membrocke ; nun aber seid ruhig und hört mich , fuhr er fort , da Richmond heftig auffuhr . Ihr sollt Alles wissen , was Euch interessiren kann , ich verspreche es Euch ; aber seid nicht wie ein gereizter Löwe , ich bin meines Lebens ja nicht sicher mit Euch . Etwas beschämt über seine Heftigkeit , die ihn diesem gering geschätzten Manne gegenüber fast in Nachtheil brachte , zog sich Richmond kalt zurück , entschlossen , genau und scharf , aber ohne Unterbrechung zu hören . Wir wiederholen hier nicht eine Mittheilung , deren Gegenstand wir bereits kennen . Membrocke ließ der Tugend des Fräuleins Gerechtigkeit widerfahren ; ohne Buckingham zu nennen , verrieth er , daß sie ihn als Begleiter zu ihrem Oheim gewählt , und legte ziemlich aufrichtig die Machinationen dar , womit er das Fräulein entfernt hatte , wobei er jedoch den Brief verschwieg und dadurch ihre Leichtgläubigkeit dem Erstaunen Richmonds überließ . Das Ende und ihren Verlust in Sir Patricks Schloß , von wo ihn eine Einladung des Herzogs zu der vorhabenden Reise weggeführt , wußte er gleichfalls von der eigentlichen Wahrheit fern zu erzählen , und ihre Flucht von dort , die ihm bis jetzt wirklich ein Räthsel war , in das überzeugende Licht der Wahrheit zu stellen . Richmond hatte einen Trost empfangen , der ihn willfährig machte , die übrigen Umstände günstig zu finden , er glaubte Membrocke alles Uebrige , da er so gern an dessen Unschuldserklärung des Fräuleins Glauben hatte . Ihre zugleich dabei hervortretende Unbesonnenheit schien ihm nur zu sehr mit seinen eigenen Wahrnehmungen über sie zu stimmen , als daß er diesen Theil der Erzählung hätte in Zweifel ziehen sollen . So erklärte er sich denn innerlich zufrieden und stand auch nicht an , es auszusprechen , da er es aufgeben mußte , der verworfenen Moral des Lords das Unwürdige seiner Handlungsweise bemerklich zu machen . Ja , Mylord , sprach Richmond auf dessen Frage , ich will mich zufrieden geben mit Eurer jetzigen Mittheilung und danach handeln , aber seid sicher , Ihr bleibt mir verantwortlich für die Folgen Eures strafbaren Verfahrens ; und hörte ich hier nicht die Wahrheit , so werdet Ihr nach Eurer Rückkehr wohl Zeit finden , mir Antwort zu geben auf das , was ich Euch dann zu sagen haben werde . O , sicher und gewiß ! rief Membrocke , wieder in seinen nachläßigen Ton verfallend ; was kann mir angenehmer sein , als eine so ehrenvolle Aussicht bei meiner Rückkehr . Mit der größten Kälte und Höflichkeit trennten sich Beide , und es sei uns nur noch erlaubt , hinzu zu setzen , daß Membrocke seinem Freunde , dem Herzog von Buckingham , nichts von dieser Unterredung mittheilte . Sein Betragen ließ keinen Beifall hoffen , da des Herzogs Haß gegen die Nottinghams stets nach Gelegenheit trachtete , sie anzugreifen ; vielleicht auch war es eine gewisse Schadenfreude , die diese edeln Gefährten gegen einander hegten , und welcher eine mögliche Befriedigung bevorstand , wenn es den Nottinghams gelang , das Fräulein aufzufinden und damit die ehrgeizigen Pläne des Herzogs zu durchkreuzen . Membrocke zweifelte nicht , Richmonds leidenschaftliche Stimmung würde ihm bei ihrem Auffinden schon eingeben , das zu thun , was sie für den Herzog alsdann ziemlich verloren machte ; genug , der Lord entschloß sich , darüber zu schweigen . Lord Richmond dagegen eilte in größter Eile zurück , um mit seinen Freunden nach diesen empfangenen Mittheilungen die nächsten Beschlüsse nehmen zu können . Dies war nicht minder schwierig , als früher , geworden , und die einzige zu verfolgende Spur mußte sich von dem Schlosse des Sir Patrick aus anknüpfen lassen , wohin sie sich zuvörderst zu begeben beschlossen , und zwar Brixton und Richmond , von einigen bewährten Dienern begleitet . Wir führen unsere Leser an einem Nachmittage durch die weitläuftigen Gänge und Gallerien des alten königlichen Schlosses an manchem anscheinend einladenden Eingange vorüber , und öffnen am Ende eines solchen Ganges eine kleine unscheinbare Thür , die uns in ein leeres und düsteres Vorgemach führt . An dem schwachen Torffeuer des Kamins finden wir einen Jüngling in häuslicher Tracht knieend , in einigen Tiegeln einen Teig rührend , der , nach dem daneben ausgebreiteten Leinenzeuge und dem starken Geruch von Kräutern zu schließen , einen Umschlag für irgend einen Leidenden zu enthalten schien . Schnell und geschickt sehen wir ihn jetzt eben den hinreichend erwärmten Teig in die Tücher schlagen , und leicht und geräuschlos mit der vollen Elastizität der Jugend in ein Nebenzimmer springen , dessen kleine Thür uns , hinter ihm her , in ein größeres Zimmer führt , was an Höhe , Umfang und Bauart dem besseren Theile des Schlosses angehört . Seine innere Einrichtung bietet die seltsamen Widersprüche von geschmacklos geordneten und unreinlich gehaltenen Gegenständen des Luxus zu den nöthigen Verrichtungen der geringeren Beschäftigung eines niedern Standes dar . Alles zeigt überdies von längerer Vernachläßigung , denn wir finden Kleider und Wäsche in unsaubern Zuständen über einander geworfen , und diese Zerstörung bald erklärt , wenn wir den Seufzern folgen , die uns nach einem Winkel des Gemaches zu einem Lager ziehn . Hinter seinen zurückgeschlagenen Vorhängen sehn wir die bleiche abgezehrte Gestalt eines Greises , die sich seufzend den Handreichungen des geschickten Jünglings unterzieht , der eben seine erwärmten Umschläge um den Leib des Kranken legt . Nun werden die Schmerzen nachlassen , Ohm , spricht er alsdann mit der sichersten Zuversicht ; Du wirst dann einschlafen ; wenn Du aufwachst , wirst Du Hunger haben und Dich satt essen , und wenn morgen früh die Sonne scheint , schleppe ich Dich nach Deinem Fenstersitz , und dann bist Du gesund . Trotz der kühnen Reihefolge der zu hoffenden Zustände und der wenigen Wahrscheinlichkeit ihrer Erfüllung , richteten sich die kleinen , trüben Augen des Kranken doch einen Augenblick voll Hoffnung nach dem jugendlichen Tröster , als läge in seinen Worten schon ein Balsam , dessen Wohlthat nicht ganz ohne Wirkung bleiben könne . Doch nach der Art alter Leute , der Jugend ihre glücklichen Kombinationen nicht zu gestatten , selbst wenn ihre Erfüllung die eigenen geheimen Hoffnungen ausspräche , schüttelte der Alte unwirsch das Haupt , und unter vielen Seufzern hob er fast scheltend an : Thorheit , Thorheit ! Siehst Du so wenig ein , wie ich leide und heruntergebracht bin , um mich in zwölf Stunden durch Deinen Brei wieder auf die Beine bringen zu wollen ? Alles steht zwar in der Macht des Herrn , setzte er beinah weinerlich hinzu , und ist mein Ziel noch nicht gekommen , werde ich genesen , aber vielleicht , vielleicht erstehe ich auch nimmer mehr von diesem Schmerzenslager . O schweig doch ! rief der Jüngling mit jugendlicher Ungeduld , wie wirst Du doch sterben , Du bist ja noch gar nicht alt und bekömmst ja so schöne Arznei , wie der König selbst . Der Mensch kann viel aushalten , sagte immer Dein Bruder , Margarithens Vater , und da mußt Du Geduld haben . Ich gebe Dir auch bald wieder Tropfen , und der Brei wird sicher Deinem Leibe gut thun . Dies schien in Wahrheit der Fall zu sein , denn das leidende Gesicht des Alten zog sich ruhiger zurecht , und dem ängstlichen Stöhnen folgte eine Ermattung , die in einen leichten Schlummer überging . Still saß der Jüngling und blickte in die wohlthätige Ruhe , die sich nach und nach um ihn verbreitete . Sein jugendliches Gesicht trug , trotz der eben bewährten Thätigkeit , die Spuren der Uebermüdung , die vielleicht einige Nächte , an dem Schmerzenslager durchwacht , ihm zugezogen hatten . Seine Augen ruhten erst mit aller Anstrengung weit geöffnet auf seinem Pflegebefohlenen ; als aber dessen ruhiger Athem anzeigte , daß die Süßigkeit des Schlafes ihn beschlichen , wurden sie immer matter , und von dem Bilde der Ruhe vor sich sympathetisch ergriffen , senkten sich die schweren Augenlider . Bald fand er eine Stütze auf den weichen Decken des Fußbodens , und es sank ein fester und anhaltender Schlaf auf seine bedürftige Natur . Nicht lange hatte so die Stille gewährt , da schlichen leise Schritte durch das Vorzimmer , und in einen weiten Mantel gehüllt erschien eine männliche Gestalt , die , mit schnellen Blicken das Zimmer überfliegend , die ganze Lage aufzufassen strebte und dann leise den Armstuhl an dem Bette des Kranken einnahm , zu dessen Füßen der Jüngling den Schlaf der Unschuld schlief . Seine lebhaften kleinen Augen flogen von einem Schläfer zum andern , und es war nicht ohne Interesse , die Gedanken darin zu lesen , welche unbewacht sich ganz den so eben empfangenen Eindrücken hinzugeben schienen . Den Greis vor sich prüfte er mit der geringschätzigen Miene eines sicheren Kenners von Leben und Tod , und zog die Lippe gleichgültig empor , als er ihm innerlich das Letztere zuerkannt hatte . Auf den Jüngling zu seinen Füßen starrte er dagegen mit einem Ausdruck von Neid und Neugierde hin . So ruhig , so heiter schlafen können ! War es ein Glück , das er nicht mehr begriff , und das ihn doch heimlich an seine verlorne Seligkeit mahnte ; war das Geringschätzung gegen ein so unbewegtes Leben , gegen eine so unbedeutende Existenz ? Er zuckte mit dem Fuße , der fast dicht an dem lockigen Haupte des vom Schlaf Gerötheten stand , und zog ihn mit verächtlichem Lächeln zurück . Doch der Alte hatte nur wenig Augenblicke Ruhe gefunden , vielleicht hatte ihn der stechende Blick des Ankommenden aus dem Nebellande der Träume zurück gelockt . Unwillkommen schien das Bild des Harrenden dem müden Auge ; es schloß und hob sich nur mit einem Seufzer . Es geht bedeutend besser , wie ich sehe , Alter , rief der Angekommene , ich denke , Du hast überwunden . Etwas Ruhe und Schlaf würden vielleicht bei so geschwächten Kräften das Nöthigste sein , doch wie Ihr befehlt , ich bin Euch zu gehorchen bereit , was steht zu vollführen ? erwiederte ergeben der Kranke . Deine Genesung ist allerdings nöthig und gern gesehn , erwiederte der Angeredete , und die Wohlgeneigtheit Deiner Freunde wünscht sie zuerst um Deinetwillen , weniger machen die äußern Angelegenheiten für jetzt sie nöthig . Seufzend legte der Alte sein Haupt auf die Kissen zurück . Nach einer kleinen Pause hob er an : Ist es mir erlaubt zu hören , auf welche Weise man mit Master Brixton fertig wurde ? Porter ! Porter ! drohete der Andere mit der erhobenen Hand ; Deine erste Frage ist nach diesem Schleicher , den wir Deiner Obhut anvertrauten , und nun , da wir ihn fast erreicht hatten , um ihn unschädlich zu machen , ist er verschwunden , und bis jetzt bleibt jede Auskunft über ihn uns aus . Man argwöhnt nicht ohne Grund , daß er von Dir selbst eine Art Warnung oder gar irgendwo Sicherheit empfing , und es ist nicht mein letzter Auftrag , hierüber Dein Gewissen zu rühren . Die lauernde Aufmerksamkeit , womit Porter - denn diesen uns wohlbekannten Diener des Prinzen von Wales haben wir vor uns - den drohenden Worten gehorcht hatte , ermäßigte sich gegen das Ende derselben zu einer stillen Duldermiene . Mein ganzes elendes Leben ist dem Gehorsam gewidmet gewesen , für die erhabenen Zwecke , denen ich blind dienen mußte , da sie zu erkennen , mein schwaches Vermögen nicht ausreichte . Wo bin ich gegen den höheren Willen mit dem meinigen eingeschritten ? Warum läßt man jetzt am Siechbette des Unterliegenden so harte Worte wie an einen Treulosen ergehen ? - Nicht immer sind wir Deines blinden Gehorsams gesichert gewesen ; sehr viel hatte man Dir vertraut , und sieht man auf die endlich zu hoffenden Resultate zurück , sind sie ausgeblieben . Prinz Carl , denke ich , verräth wenig Neigung , seinen unglücklichen katholischen Unterthanen dereinst Schutz zu verleihen ; die erhabene Frau , die wir dieser großen Rache zur Beschützerin erkoren , wird hier einen einsamen Sitz finden und das Herz ihres Gemahls mehr gegen ihre Absichten verschlossen , als darauf vorbereitet . Hochwürdiger Herr , erwiederte Porter zurückgehalten , Ihr seid gekommen , Euch um jeden Preis zu erzürnen ; darum häuft Ihr Verbindlichkeiten auf mich , die nothwendig unerfüllt bleiben mußten , da sie bei weitem meine Fähigkeiten und meine Stellung überstiegen . Habt Ihr selbst je mehr von mir gewollt , als die Abneigung , die man dem gnädigsten Herrn durch unsere gebenedeite Kirche einzuflößen trachten könnte , zu ermitteln und die hochwürdigen , zu seinem geistigen Wohl verbündeten Herren in Kenntniß der geheimen Handlungen zu erhalten , die einem so geringen Diener , wie ich , zur Kenntniß kommen konnten ? Und doch denke ich , daß Vieles uns davon entgangen ist , entgegnete der Zürnende , was bei besserer Bedienung Deinerseits uns jetzt nicht so bedeutende Mühe machen würde . Wann erfuhren wir denn die wahren Verhältnisse der Gräfin von Buckingham ? Etwa , wie es noch Zeit war , ihre wichtige und gefährliche Beziehung zu hindern ? Nein , erwiederte der alte Mann bitter lächelnd , erst da erfuhrt Ihr sie , als der Prinz überhaupt ein werthvoller Gegenstand ward durch den Tod seines erlauchten Bruders . Bis dahin mußte ich zwar aushorchen , aber selten wurden meine Notizen abgefordert , denn die Augen der hohen Brüder waren nur auf den dereinstigen Thronerben gerichtet , und Graf Archimbald war damals gefährlicher , als alle schönen Gräfinnen des Königreichs . Den Posten bei diesem erlauchten Prinzen hattet Ihr aber einem Andern anvertraut , den ich gern späterhin zu meinem gestrengen Herrn hätte übergehen lassen , hätte die unverdient mir geschenkte Gnade des Prinzen dies zugelassen . Es mag sein , erwiederte in einiger Verlegenheit über den zurückgewiesenen Vorwurf der Fremde , daß Deine Dienste erst später Wichtigkeit erhielten , doch nimmt das den Vorwurf einer lässigen Bedienung nicht von Dir ; vielmehr sind Deine Obern der Meinung , daß Du viel gut zu machen habest , wenn nicht die Folgen der frühern Vernachläßigung Einfluß gewinnen sollen . Mit dem kläglichsten Ausdruck wandte sich der Kranke , wie unter wiederkehrenden Körperschmerzen , auf seinem Lager , und die Erdfarbe seiner Züge wechselte mit einzelnen rothen Streifen , wie sie Zorn oder Angst hervorrufen . Er schien die strengen Worte des Redenden eben so wenig ertragen zu können , als sich hinreichend rechtfertigen zu dürfen , und ließ übellaunig ihn dadurch im Vortheile über sich . Indessen konnte dieser Zustand von Gegenwehr gegen einen fremden despotischen Willen , wodurch er auch hervorgerufen war , immer nur eine vorübergehende Erscheinung in dem durch lange Gewohnheit zum Knecht gestempelten Geiste sein . Das Joch , wenn auch abgeschüttelt , umschloß doch bald um so fester wieder seinen Nacken , und es war , als ob der , den wir so rauh verfahren sehn , keinen Zweifel hegte an dieser Unterwerfung , denn er sah mit anscheinend vollkommener Ruhe den Konvulsionen der Empörung zu , die den Alten bewegten , bis sie , in sich ersterbend , nichts zurückließen , als die aschgrauen , mienenlosen Gesichtszüge blindester Unterwerfung . Porter , hob er an , nachdem er dem Alten die nöthige Zeit gegönnt , wann sahest Du den Prinzen zuletzt , und wie war damals seine Stimmung ? Der gnädige Herr , erwiederte leise der Kranke , benutzen seit meiner Krankheit den Durchgang durch diese Zimmer , um zu Seiner Majestät zu gelangen , und so geschieht es , daß ich ihn jeden Morgen einige Augenblicke die Gnade habe zu sehn , nicht selten einige Worte zu hören , die allerdings weit über mein Verhältniß reichen und nur dem früheren Vertrauen in Bezug auf Dinge zuzuschreiben sind , die dem armen Herrn das Herz beschweren . Gut , gut , unterbrach ihn ziemlich ungeduldig der Andere . Wie weit sind wir ? Nicht sehr weit , erwiederte besorgt der Alte , keinesweges so weit , wie zu wünschen stände , und ein alter Diener , der Jahre lang von früh bis spät seinen Herrn sieht und beobachtet , kann wohl wahrnehmen , was sich verändert und umwandelt in wichtigen Augenblicken . Nun , nun , rief der Fremde dringend , was meinst Du damit ? - Ich bin ein kurzsichtiges Werkzeug meiner Obern , aber wenn mir nach menschlicher Schwäche eigne Gedanken über die Angelegenheiten kommen wollen , die freilich in den besten Händen sind , möchte mir oft scheinen , es sei nicht gerathen , dem gnädigsten Herrn das Herz so zu zerreißen und ihn so ohne Trost zu lassen . Still und sehr tiefsinnig war seine Gemüthsart immer , aber sehr milde , gütig und fügsam , wohlwollend gegen alle Menschen zu gleicher Zeit ; und die hohe Dame , die bis dahin im Geheim den gnädigsten Herrn beglückte , und das schöne Kind dieses Bundes erhielten neben mancher Sorge doch das Herz des Herrn in dieser gesegneten Stimmung . Seit aber dieses geheime Glück durch Gottes Willen dem gnädigsten Prinzen genommen , seit auch das holdselige Kind verschwunden , welches die trostreiche Unterstützung bei seinem Gram hätte werden können , ist die Gemüthsart des armen Herrn sehr verändert , und seine Anlagen scheinen eine sehr überraschende Entwickelung zu erleiden . - Wie meinst Du das ? rief aufmerksam werdend der Fremde und rückte dem Bette näher , den fest schlafenden Jüngling leise mit dem Fuße weiter rollend . Es ist nicht gut , fuhr Porter vorsichtig fort , wenn einem verwöhnten Herrn , wie unserm gnädigsten Prinzen , plötzlich Alles fehl schlägt . Nicht alle Gemüther halten derlei Erschütterungen aus , ohne große Umwandlungen , am öftersten nachtheilige , zu erleiden . Der Schreck , wenn wir erfahren , wie ohnmächtig unsere eigenen Kräfte dem Schicksale gegenüber sind , wird sehr häufig ein Zürnen und nicht selten ein Erzürntbleiben gegen die ganze Welt , was Weh erzeugt um uns her , Weh zurückführt in das also gemarterte Herz - und Wehe ! Wehe ! ehrwürdiger Herr , wenn es dem inne wohnt , der einen Thron besteigen soll . Den Widerstand , den