war , als Dummerjahne neben den protestantischen Predigern stehn . « Ich konnte mein Erstaunen über diese Freimütigkeit nicht bergen und er fuhr fort : » Das ist auch so ein alter abgenutzter geistlicher Kniff , über alles hinter dem Berge zu halten , was vor jedermanns Augen offen daliegt . Ich für meine Person habe ihn in den Winkel geworfen , weil ich festiglich an den ewigen Bestand meiner Kirche glaube , ohne diese Gaukeleien . « Schon nach acht Tagen kam der Versetzungsbefehl aus dem Offizialate , der zwar große Bestürzung erregte , dem aber nach dem Grundsatze der Obedienz nicht widerstrebt werden mochte . Die Herzogin konnte dem Gewissensschärfer doch nicht auf sein Dörflein folgen , er mußte sich also damit begnügen , eine ausgearbeitete Heilsordnung zu hinterlassen , und wir sahen dem abziehenden Sykophanten mit stillem Jubel nach . Bei diesem Siege hätte ich mich beruhigen , ich hätte der Kraft der Zeit vertrauen und erwarten sollen , daß , wenn auch unsre Freundin nach der Entfernung des Priesters fortfuhr , zu beten und sich zu kasteien , diese Exaltation ohne einen immer gegenwärtigen Schürer und Anbläser allgemach erlöschen würde , zumal da der Nachfolger des Geistlichen ein durchaus mäßiger heiter denkender Mann war . Allein auch mich riß die Ungeduld , die uns allen jetzt so eigen ist , fort . Ich wollte das Übel mit Stumpf und Stiel ausrotten , und muß mich nun leider selbst eines recht törichten Streichs anklagen . Wie man Sturzbäder anwendet , um durch Erschütterung des ganzen Organismus eine Hauptkrisis zu bewirken , so wollte ich in diesem Falle von einem moralischen Sturzbade Gebrauch machen , durch welches ich zugleich das Luftbild , welches die Phantasie meiner Herrin quälte , auszulöschen , und der entnervenden Irrwirkung des Priesters entgegenzutreten hoffte . Ich ließ also - um kurz zu sein , denn warum soll ich etwas Schlimmes weitläuftig hin und her wenden ? - die Herzogin durch dritte glaubwürdige Hand wissen , daß der junge Mann , den wir auf dem Schlosse beherbergt , eigentlich ein ziemlich lockrer Gesell gewesen sei , der ein verkleidetes Mädchen , mit welchem er schon eine Zeitlang gelebt , hier unter uns bei sich gehabt habe . So weit kann man , in Mißstimmungen und Willkürlichkeiten verloren , von der graden Bahn abkommen . Der Erfolg meiner Torheit war keinesweges der beabsichtigte , sondern ein sehr trauriger . Ich wurde zur Herzogin berufen , welche , ausgestreckt auf dem Sofa , im furchtbarsten Krampfe lag . Nachdem die verzweifeltsten Mittel diesen gebrochen , entwickelten sich intermittierende Zufälle , welche monatelang anhielten , und das zarte Gebilde zu vernichten drohten . Mein Zustand war schrecklich . Ich rannte wie rasend durch Felder und Wälder , verweinte meine Nächte , verfluchte mich und meinen Unsinn . Die Schlaflosigkeiten , woran ich noch jetzt periodenweise leide , sind Nachwehen jener trauervollen Zeit . In einem freien Zwischenraume schrieb die Herzogin den Brief an Hermann und sandte ihm die Brieftasche zurück . Über das Phantasma auf dem Hügel habe ich selbst meine eignen Gedanken gehabt . Soviel ist gewiß , es war der Hügel und die Stelle auf demselben , wo der Pfaff sich bestrebt hatte , in Hermann den Gedanken an einen Übertritt zur katholischen Kirche mit listigen Entzückungen zu erregen , und wo nachmals der Mordanfall auf den Oheim geschehen war . Empfängt die Erde einen Eindruck vom Frevel , daß der Ort , wo ein solcher geschah , vergiftet wird , und in einem dazu disponierten Gemüte Gedanken , die vom Rechten abirren , hervorzurufen vermag ? Seelisches und Körperliches stehn im engsten ununterscheidbarsten Zusammenhange , Körper und Außenwelt wirken auf die Seele , trübe Luft , Steinkohlendämpfe erzeugen Niedergeschlagenheit und Mißmut , Sonnenschein , Gebirgsatmosphäre , Heiterkeit und Energie des Geistes . Ist es nun so ungereimt , anzunehmen , daß jene Wirkung , wie jede vollkommne , eine Wechselwirkung sei , daß auch die Seele ihrerseits , als höchst durchdringendes Fluidum , auf die Außenwelt Einfluß übe , und in ihren stärksten Äußerungen den Boden , diesen analog , zu imprägnieren vermöge ? Ja , wenn man konsequent denken , nicht bei Halbheiten stehnbleiben will , so kann man eigentlich nichts andres annehmen . Freilich dürfte man jetzt nur erst als Hypothese hinwerfen , daß der gute Mensch die Luft und den Boden gesund mache , der böse und die böse Tat dagegen die Stelle verpeste , so daß den Tugendhaften dort ein Schauder , den Schwachen ein Gelüst zum Unerlaubten anwandle . Noch klingt dies barock und aberwitzig , nach hundert Jahren gehört es vielleicht zu den trivial gewordnen Sätzen . Sie haben schon im zweiten Buche des Volksglaubens erwähnt , welcher diese Dinge für wahr hält . Er spricht überall etwas Ähnliches aus . Wo ein Mord geschah , hat niemand sich gern angesiedelt , ist leicht wieder etwas Übles vorgefallen . Hebel singt vom dem Platze , wo der Michel , der vom bösen Jäger den Karfunkel empfing , sich den Hals abschnitt : ' s isch e Plätzli näumen , es goht nit Ege no Pflug druf , Hurst an Hurst scho hundert Johr und giftigi Chrüter , ' s singt kei Trostle drinn , kei Summervögeli bsuecht sie , breiti Dosche hüete dört e zeichnete Chörper . Der Volksglaube ist aber für die Erkenntnis der natürlichen Dinge eine sehr wichtige Quelle , denn er ist das Unisono derjenigen Menschen , welche Augen und Ohren für sie haben , und nicht mit Reflexionen ihnen beikommen wollen . Es tut mir leid , daß ich bei einem Manne , der außer den fünf Sinnen noch einen sechsten hatte , den alten Heim meine ich , unterlassen habe , nachzufragen , ob er in den Zimmern der verschiednen Menschen , welche er behandelte , nicht schon durch den Geruch ihre Individualitäten und Charaktere gewittert hat ? In den Tagen , da die Herzogin noch immer heftig , wenngleich mit der Aussicht der Herstellung , an ihren Krämpfen litt , kam Johanna auf das Schloß . Sie hatte , da sie von dem Siechtum der Schwägerin vernommen , es sich als eine besondere Gunst erbeten , ihr zur Pflege dienen zu dürfen , und deshalb das einsame , ihr vorläufig zur Wohnung angewiesene Landhaus verlassen . Die Herzogin nahm das Anerbieten an , vielleicht mit von der religiösen Vorstellung bestimmt , daß es eine gottgefällige Schickung sei , so wider Willen und Gemüt eine ihr eigentlich unangenehme Frau täglich um sich zu sehen . Indessen wurde aus dieser künstlichen Empfindung bald eine wahre . Johanna , durch das Unglück um vieles sanfter geworden , schien wirklich zu fühlen , daß es nicht heilsam gewesen sei , sich so eigne Wege gesucht zu haben ; auch sie büßte , aber auf ihre Weise , stolz und herrlich auch in der Demut . Ihr Benehmen gegen die kranke Schwägerin war musterhaft , nichts Feineres , Edleres , Leiseres konnte man sehn . Diese dagegen wurde hier zum ersten Male wieder von etwas schönem Menschlichen berührt , und unbewußt mag sie empfunden haben , daß die Segnungen des Gemüts doch tiefer und gründlicher heilen , als die Rezepte eines Priesters . Aus der Pflicht , Johannen bei sich zu haben , wurde nach und nach eine Freude , und da sie erfuhr , jene sei wirklich verheiratet gewesen , so fiel die letzte Scheidewand zwischen den beiden Frauen nieder . Ich aber sah , daß innerlich gute Menschen sich von dem Boden des Hauses und der Familie nie für immer entfernen , sondern nach den schwersten Irrungen auf demselben wieder zusammentreffen . Leider hatte ich an Johannen bald eine zweite Kranke . Kräftige Naturen täuschen sich über sich selbst ; die ersten Zeiten nach einem großen Schlage können selbst den Schein erhöhter Gesundheit tragen , aber die Wirkungen bleiben dennoch nicht aus . Sobald das Übel der Herzogin gelinder wurde und die Tätigkeit der Pflegerin nicht mehr unausgesetzt in Anspruch nahm , sank diese zusammen , ihre Gestalt verfiel , nur ihre Augen bekamen ein noch durchsichtigeres Feuer , was mich aber freilich um so ängstlicher machte . Ein tiefer Harm zehrte an ihr , daß sie um ihre Jugendblüte , um die Krone und das Herz ihrer heiligsten Empfindungen nichtswürdig hatte betrogen werden können . Die folgenden Geschichten will ich Ihnen ohne Vorrede und Kommentar übersenden . XI. Geschichte des Herzogs Der deutsche Adel war , seitdem die mittleren Stände einen Drang verspürten , sich durch Geist und Tüchtigkeit hervorzutun , in eine gefährliche Stellung geraten . Der Entwickelung männlicher Energie sind Hindernisse förderlich ; das Verdienst kann nur auf rauhen Bahnen sich seine Pfade suchen . In dieser Hinsicht steht nun der Bürger , wenn er nur einigermaßen erträgliche Verhältnisse für sich hat , bevorzugt da , während es in den höchsten Ständen schon einer außerordentlichen Kraft bedarf , um nicht in dem schwächenden Elemente gar zu leichter und geebneter Tage unterzugehen . Der deutsche Adel empfand weit mehr , als daß er sich dessen bewußt geworden wäre , die Schwierigkeit seiner Lage , geraume Zeit vor der Revolution , welche zuletzt die tiefe Verderbnis aller gesellschaftlichen Einrichtungen an den Tag legte . Es entstand daher in denjenigen seiner Glieder , welche nicht fähig waren , durch Talent und hervorstechende Begabung die verhängnisvolle Last einer privilegierten Geburt gründlich auszugleichen , ein Streben , durch allerhand Scheinmittel die gefährdete Existenz für sich und die Nachkommen zu retten . Hier boten sich nun zunächst die von den Ahnen ererbten Besitztümer nach einer Seite , und die Illusionen eines vornehm gleißenden Lebens nach der andern dar . So fest , wie in diesem Stande , hatte sich nirgendwo der Begriff unveräußerlichen Eigentums ausgebildet , gleich eisernen Klammern hielten es fideikommissarische Bestimmungen , Familienstatute , Lebensnexus umwunden ; die Scholle um jeden Preis zu erhalten , wo möglich zu mehren , war also das Dichten und Trachten vieler Edelleute , was nun freilich in seinem Gefolge Geiz , Habsucht , selbst Unredlichkeit haben konnte . Die Leichteren und Lebhafteren gingen dagegen einen entgegengesetzten Weg . Sie wußten oder fühlten , daß der Bürger ihnen noch lange nicht zu den Spieltischen der Fürsten , in das Boudoir hochgeborner Schönheiten , in alle Konvenienzen eines dem Vergnügen und dem persönlichen Selbstgenusse gewidmeten Lebens werde folgen können , daß auch solche flitternde , schimmernde Bestandteile ihnen ein eigentümliches , und wie es ihnen schien , den Plebejern unantastbares Dasein zu erschaffen vermöchten . Sie schritten daher von ihren Gütern zu den Hoflagern , Bädern , Sammelpunkten der eleganten Welt , schwebten wie beflügelte Götter oder Halbgötter durch die Reihen der niedern Menschen , traten auch wohl auf deren Köpfe . Beide irrten , denn weder kann der Schein ein Leben erbauen , noch soll derjenige sparen und geizen , der ohne sein Zutun schon mehr überkommen hat , als andre . Oft wechselten jene krankhaften Richtungen in den Geschlechtsfolgen ab ; nach dem harten , ängstlichen Vater kam wohl der weiche , alles durchkostende Sohn . Gegenwärtig hat der Adel eigentlich gar kein Prinzip . Die Standesvorrechte in Masse wirklich noch einmal aufbieten zu wollen , ist eine Hoffnung , die kaum dem Kühnsten schmeicheln möchte , das Eigentum geht von Hand zu Hand ; die Flatterien des hohen Tons sind aber meistens auch verwischt . In manchen Edelleuten , deren Sinne diese Prosa nicht genügen will , hat sich daher ein mythisch - poetisches Gefühl abgelagert , welches , über die nächste Vergangenheit zurückgreifend , entlegne Zeiten mit ihrer Treue , Frömmigkeit , mit ihrem Rittermute wiedergebären möchte , der Seele eine gewisse Erhebung gibt , freilich aber ohne allen Gegenstand ist . In der Familie des Herzogs hatten sich während eines Zeitraums von fünfzig Jahren alle drei Stimmungen und Gesinnungen erzeugt . Der Großvater war ein Mann gewesen , welcher im Notfall auf Feldern und Wiesen selbst mit Hand anlegte , wenn es eben fehlte ; er trug das gröbste Tuch , und saß am liebsten mit Verwaltern und Bauern in Wirtschaftsgesprächen zusammen . Die Grundstücke zu verbessern , durch Ankäufe abzurunden , und außer dem Liegenden noch ein beträchtliches Geldkapital zu hinterlassen , dies waren seine einzigen Lebenszwecke . Um sie zu erreichen , speiste er von Zinn , und versagte sich jeden Genuß . Noch zeigte man im Schlosse den Hut , den er dreißig Jahre lang getragen hatte . Er war zwar nicht , wie der in der Fabel , siebenmal verändert worden , aber durch Stutzen und Beschneiden von der ansehnlichen Größe eines dreieckigen bis zu der winzigen Gestalt einer sogenannten Lampe zusammengeschrumpft . Der Sohn vereinigte nun das gerade Gegenteil aller dieser Eigenschaften in sich . Prachtliebend , empfindsam , phantasievoll , gereichte er seinem Vater , sobald diese Seiten sich zu entwickeln begannen , auch nicht einen Augenblick zur Freude . Gern hätte er ihn enterbt , wenn er nur gedurft , allein er mußte ihn sogar seines eignen Weges gehen lassen , da Graf Heinrich mit der erlangten Mündigkeit Herr eines ansehnlichen mütterlichen Erbteils wurde . Er vermählte sich früh mit einem reizenden Fräulein , welcher aber der Gatte wenig zustatten kam , denn dieser reiste auch nach seiner Heirat viel allein , und hielt sich durch die Bande der Ehe in seinen Freuden nicht gehemmt . Zärtliche , an Schwärmerei grenzende Freundschaften schmückten sein Leben , bei den Weibern hatte er ein fabelhaftes Glück , eine zahlreiche Nachkommenschaft war die Frucht so mannigfacher Begegnungen . Um diese kümmerte er sich nicht . Was ihn bewogen , Johannen nach dem Tode seiner Gemahlin ausnahmsweise auf das Schloß bringen zu lassen , und sie halb und halb anzuerkennen , hat man nie erfahren . In dem Ernste des Enkels glaubte der Großvater eine Spur seines Charakters zu entdecken , und tröstete sich daran über den Leichtsinn des Sohns . Er hatte ihn beständig um sich , und man vermutete , daß er ihn besonders bedacht haben würde , wäre er nicht vom Tode überrascht worden . Wie dieser Enkel sich ausgebildet , erzählen Ihre Bücher . Das aber konnten sie nicht erzählen , und würden sie auch nie erzählen können , wie er ein Opfer der Schuld seiner Altvordern wurde . Nur ich weiß es . Ich habe keine Verpflichtung , ein Geheimnis daraus zu machen , und die Frauen , um derenwillen ich vielleicht schweigen müßte , werden , wenn ich mich irgendein wenig auf die weibliche Natur verstehe , keinen Blick in die gedruckten Memoiren werfen , nachdem sie schreibend dazu beigesteuert haben . Was aber über alles : Ich glaube , daß ich von Ihrer Leidenschaft für die Wahrheit durch Sie etwas angesteckt worden bin . In den Tagen , wo ich zwischen zwei Krankenbetten , dem der Herzogin und Johannas meine Sorgen zu teilen hatte , nahm der Prozeß über die Standesherrschaft eine besonders lebhafte Wendung . Es sollte zur Vorlegung des Adelsbriefs geschritten werden , und ich saß im Archiv , davon eine Kopie für den Herzog zu fertigen , welche er zurückbehalten wollte . Nach Wilhelmis Abgange und bei noch fortdauerndem Mangel eines tüchtigen Stellvertreters verrichtete ich manche Geschäfte , die ein Nichtjurist allenfalls besorgen konnte . Da hörte ich einen lebhaften Wortwechsel in einem Seitenkabinette , und sah nach einigen Sekunden den Herzog mit dem Amtmann vom Falkenstein heraustreten . Letzterer sah sehr erhitzt aus , und rief : » So wollen mich der gnädige Herr wirklich fortjagen ? « » Bedienen Sie sich anständigerer Ausdrücke , solange Sie noch in meinen Diensten sind « , versetzte der Herzog , welcher seine Fassung ziemlich beibehielt . » Übrigens sehen Sie selbst wohl ein , daß in einer wohlgeordneten Wirtschaft der Herr zu befehlen und der Untergeordnete zu gehorchen hat , und daß , wo sich die Sache umdrehen will , man schleunig Einhalt tun muß . « Der Amtmann warf einen höhnischen Blick auf meine Arbeit , murmelte : » Ich werde dazu gezwungen « - und verließ das Gewölbe . Ich fragte den Herzog , was vorgefallen sei , und erfuhr , daß er den Trotz und die Willkür dieses bösen Alten nicht länger dulden könne . Er scheine es darauf anzulegen , die Autorität der Herrschaft zu untergraben , und habe neuerdings in der Administration des Falkensteins Anordnungen getroffen , die im graden Widerspruche mit den Verfügungen des Herzogs ständen . Darüber zur Rede gestellt , sei nicht einmal eine Entschuldigung erfolgt , vielmehr das freche Erwidern , daß es so besser sei , worauf der Herzog ihm den Dienst gekündigt habe . Auch mir war das gemeine Wesen dieses Menschen , welches sich in der letzteren Zeit , und besonders , seitdem der Rechtsstreit über die Herrschaft anhängig war , immer mehr gesteigert hatte , sehr auffallend gewesen . Er tadelte laut seine Gebieter , hielt sich über sie auf , klatschte und verklatschte , benahm sich überhaupt so , als könne er hier schalten und walten , wie er wolle . » Das ist die Frucht davon , wenn die Leute zu sehr sich einnisten « , sagte der Herzog . - » Dieser Reinhard war schon bei meinem Großvater , und dessen rechte Hand . Nun muß ich zu einem Schritte gegen ihn übergehen , der mir leid tut , aber nicht abzuwenden ist . Der alte Erich wurde in seiner Heftigkeit beinahe zum Mörder und irrt vielleicht unter Räubern umher , und was soll der Amtmann beginnen , wenn ich ihn , wie ich muß , forttreibe ? Man wechsle auch mit den Menschen , wie mit den Kleidern , es wird viele Unbequemlichkeit dadurch erspart . « Er sah das Diplom an und fuhr mit einem trüben Lächeln fort : » Auf welchem schwachen Grunde die Pfeiler unsres Daseins stehn ! Dieses schlechte und dünne Pergament wäre denn nun die letzte Bürgschaft eines erträglichen Lebens , nachdem so manches sich in meiner Häuslichkeit verändert hat , und dieses Schloß zum Siechenhofe geworden ist . « Einige Wochen vergingen , und des Vorfalls , der uns unbedeutend schien , wurde nicht weiter gedacht . Mein Schreck war groß , als eines Abends spät der Herzog auf mein Zimmer geeilt kam , blaß , mit verwandeltem Antlitz , bebenden Gliedern . Sprachlos reichte er mir einen geöffneten Brief hin , und sank , sich in seinen Mantel hüllend , auf einen Sessel . Der Brief war von Hermanns Oheim und enthielt eine Nachricht , die allerdings den Festesten erschüttern konnte . Der Gegner schrieb , der Amtmann sei bei ihm gewesen , und habe ihm in betreff der Adelsurkunde , von welcher das Schicksal der zwischen ihnen schwebenden Sache abhange , eine unerwartete Nachricht gegeben . Jene Urkunde sei nämlich verfälscht und vom Amtmann selbst auf unablässiges Bitten , Dringen und Befehlen des Großvaters , welcher sich den Prätendenten der jüngeren Linie gegenüber in großer Verlegenheit gefühlt , unter genauer Beobachtung der Kurialien und mit treuer Nachmalung der Kanzeleischrift angefertigt worden . Künstlich vergilbte Dinte sei von einem Chemiker leicht zu beschaffen gewesen , auch habe es nicht schwergehalten , dem Pergamente selbst die Farbe des Alters zu leihen . Man habe einen geschickten Stempelschneider für eine große Summe gewonnen , das kaiserliche Insiegel vorhandnen Mustern in Metall nachzustechen . Zu solchem Frevel habe der Amtmann sich nur erst dann verstehen wollen , als ihm vom Großvater ein eigenhändiges untersiegeltes Bekenntnis über den ganzen Einhergang ausgestellt und überliefert worden sei . Mit diesem Reverse sei ihm das Schicksal des Hauses in die Hände gegeben worden , und er habe in der Stunde , da er dem Herrn zuliebe so schwer sein Gewissen belastet , geschworen , dies nicht umsonst tun , vielmehr , wenn man ihm einmal nur im entferntesten Sinne schnöde begegne , alsobald das Amt der Rache ausüben zu wollen . Der Oheim schrieb , daß der Amtmann alle diese Entdeckungen ihm in einem äußerst gereizten Zustande getan habe , und daß von ihm keine Rücksicht auf diese Aussage eines entlaufnen Dieners genommen worden wäre , wenn nicht der ihm gleichfalls überreichte Revers des Großvaters den schlagenden Beweis der Wahrheit geliefert hätte . Dieser Revers lag in beglaubigter Abschrift bei , und enthielt leider die Bestätigung des schmachvollen Ereignisses . Wer hätte dies ahnen können ? Ich starrte den Herzog an , er mich , wir fanden beide keinen Rat in uns . Der Oheim hatte seinem Schreiben die Bemerkung hinzugefügt , daß er aus Schonung diese Mitteilung zuvor privatim gemacht habe , und vor Gericht dieselbe nur dann benutzen werde , wenn der Herzog auch jetzt einen gütlichen Ausweg in der Sache verschmähe . Der Herzog lag stumm und wie ein Toter im Sessel . Da mich sein Schweigen ängstigte , fragte ich ihn , was er auf die letzte Andeutung beschließen wolle ? Er erwiderte mit tonloser Stimme : » Nichts ! Wir sind verloren und haben keine Beschlüsse mehr zu fassen . Nur für die Herzogin muß gesorgt werden , das ist das einzige , was noch geschehen kann . « Da ich ihn in den folgenden Tagen ganz zerschmettert und fassungslos sah , ( von der Echtheit des Reverses hatten wir uns inzwischen durch die Vorlegung des Originals notgedrungen überzeugen müssen ) suchte ich ihn mit allerhand Trostgründen aufzurichten , und stellte ihm vor , daß , wenn auch aus den zutage gekommnen Umständen der nicht adliche Stand der Ahnin beinahe zur Gewißheit erhelle , doch es noch immer sehr zweifelhaft bleibe , ob der Richter die Rechtsbeständigkeit des Übertrags reiner Familienanrechte auf einen Fremden , Bürgerlichen aussprechen werde . Er versetzte , daß mein Zuspruch den Punkt nicht treffe . Scheinbar habe das Schicksal die Lösung des Knotens vorbereitet , um unter der Hülle dieser Anstalten einen viel festeren und härteren zu schürzen . Ich merkte , daß die Gefahr , seine Besitzungen einzubüßen , ihn weniger drücke , als ein andres , nagendes Gefühl . Er war im innersten Mittelpunkte seiner Empfindungen geknickt , zerbrochen . Das Falsum des Vorfahren hatte den Begriff , den er von sich hatte , vernichtet . Die reine Abstammung , auf welche er , wie das Hermelin auf die unbefleckte Weiße seines Pelzes , gehalten , war besudelt durch den Fehltritt , wozu die Angst zu verlieren , einen geizigen Alten fortgerissen hatte . Seine Tage schienen ihm an ihrer Quelle vergiftet zu sein , und seine Vorstellungen nahmen die krankhafte Verderbnis an , zu welcher es in der körperlichen Sphäre ein Gegenbild in dem scheußlichen Übel gibt , welches ich nicht nennen mag . Ich versuchte , den irregehenden Gedanken die natürlichen Wege zu eröffnen , und sagte , daß ja ein jeder der Sohn seiner Taten sei , nur sein Bündel zu tragen , nur seine Schuld zu verantworten habe . Allein diese geistige Krankheitsform , welche man Aristokratismus nennt , nimmt solche Mittel nicht an , man kann sie nur aus sich selbst durch Illusionen heilen , welche mir nicht zur Hand waren . Nach und nach rang sich der Herzog zu einer kalten Fassung empor . Er verlangte von mir die Entfernung der Frauen , wenn deren Umstände diese tunlich machten , da er allein zu sein wünsche , und die geschäftlichen Anordnungen , welche nun bevorständen , auch nur in der Einsamkeit treffen könne . Sein Wunsch stimmte mit meinen Ansichten überein . Welche üble Wirkung mußte die Verwicklung der Hausgeschicke auf die langsam genesende Herzogin machen , wenn sie davon , wie doch bei ihrer Anwesenheit kaum zu vermeiden war , Kunde bekam ! Ich brauchte daher den Vorwand , daß zu ihrer völligen Herstellung nichts kräftiger wirken werde , als eine magnetische Behandlung , und sandte beide Damen , diese scheinbar einzuleiten , nach der Hauptstadt . Mancher Widerstand war zu besiegen gewesen , insbesondre bei Johanna , welche ich zuletzt nur dadurch zur Abreise bestimmte , daß sie einsehen mußte , wie die Schwägerin ohne sie in der großen Stadt ganz verlassen sein werde . Mein Ernst war es nicht mit dem Magnetismus , gegen welchen ich vielmehr von jeher gewesen bin , da er den Organismus nur noch tiefer zerrüttet . Ich empfahl die beiden Leidenden in die Obhut eines dortigen Freundes , auf welchen ich mich , wie auf mein zweites ärztliches Ich verlassen konnte . Diesem band ich ein , daß er meine Heilmethode , als Vorbereitung zu jener mystischen , verfolgen , und so ohne Streichen und Manipulieren den Zweck zu erreichen sich bestreben solle . Nun waren wir Männer allein , verkümmert , auf dem Schlosse , welches sonst von freundlicher Geselligkeit eine so angenehme Belebung empfangen hatte . Der Herzog schien ruhig zu sein , er erklärte verschiedentlich , daß ich recht gehabt , daß jeder nur für sich und seine Handlungen einzustehen verpflichtet sei , daß die Vergehungen dritter Personen in den Augen der Vernünftigen unsrer Ehre nicht schaden könnten , und was dergleichen mehr war . Allein mir wurde nicht wohl bei diesem Gleichmute , der offenbar sich als erkünstelt zeigte . Der Kaufmann hatte seine Anträge gemacht , welche dahin gingen , daß der Herzog die Güter auf den Todesfall abtreten , bei seinen Lebzeiten aber den Nießbrauch behalten solle . Letztres und ein bedeutendes Wittum für die Herzogin sollten den Kaufpreis bilden . Unter diesen Bedingungen war die Zurücknahme der Klage , die Ausantwortung des Reverses und die Geheimhaltung der ganzen Sache andrerseits versprochen worden . Der Herzog hatte sich nicht einen Augenblick bedacht , den entscheidenden Federzug unter die ihm vorgelegte Abtretungsurkunde , welche die gedachten Punkte enthielt , zu setzen . Als ich ihm über diesen eiligen Schritt Vorstellungen machte , sagte er : » Wollten Sie , daß der Krämer den Namen derer von * an den Pranger schlage ? Wäre ich nicht gebrandmarkt ? Besteht die Welt aus Vernünftigen ? Zudem , ich habe keine Leibeserben , und so möge denn unser altes Geschlecht in diesen gepriesenen jüngsten Tagen erlöschen . « Ich sah ihn ernst und nachdenklich , oft in später Nachtstunde , durch die Gänge des Schlosses wandern . Er stand vor den Türen , den Geräten , den Wappenschildern still , und musterte sie mit zerstörten Blicken . Am längsten pflegte er im Ahnensaale zu verweilen , wo er manches an den Familienbildern ausbessern , die durch Staub und Alter verdunkelten reinigen ließ . Das Bild des Großvaters wurde herabgenommen und beiseite geschafft , das seinige an die leer gewordne Stelle befördert . Wo es nur irgend geschehn konnte , brachte er das Gespräch auf den Selbstmord , gegen den er sich mit der größten Lebhaftigkeit erklärte . Alles , was über diesen Gegenstand Verwerfendes von jeher gesagt worden ist , trug er in den mannigfaltigsten Wendungen vor , und hob bei diesen Gelegenheiten besonders das Unanständige eines solchen Lebensabschlusses heraus , welcher in den meisten Fällen eine Menge von verletzenden Nachforschungen und das widerwärtigste Getümmel errege . Er sprach leider zu oft davon , als daß ich nicht die Absicht hätte durchschimmern sehn , und nicht um so besorgter werden sollen . Das Leben mußte ihm , wie er nun einmal war , unter den jetzigen Umständen eine Last sein , das erkannte ich wohl . Dennoch sträubt sich unser modernes Gefühl hartnäckig gegen den Entschluß , sie freiwillig abzulegen . In meinen trüben Ahnungen wurde ich nur noch mehr befestigt , als ich eines Tages bei einem Gange durch die Bibliothek ein toxikologisches Werk aufgeschlagen fand . Der Leser hatte gerade bei der Seite innegehalten , welche von jenem mit grauenvoller Raschheit spurlos wirkenden Gifte , von der Blausäure , handelte . Da der Herzog nun fast gleichzeitig über plötzliche Anwandlungen von Schwindel zu klagen begann , und seine Ahnung aussprach , daß er vielleicht einmal plötzlich am Schlagfluß sterben werde , ( zu dem seine Konstitution sich durchaus nicht hinneigte ) ; so wußte ich , daß er zu enden entschlossen sei , wie er gelebt hatte , nämlich ohne Verstoß gegen die äußere Sitte , in der Weise , die ihm für einen vornehmen Mann die schickliche bedünkte . Mich erschreckte , mich bekümmerte diese finstre Absicht , und dennoch war bei seinem Charakter keine Hoffnung vorhanden , sie zu wenden . XII. Auch eine Bekehrungsgeschichte Mich machten alle diese Vorfälle , Mißgeschicke , Krankheiten sehr unglücklich . Das Feuer einer verbotnen Leidenschaft hatte mich unter Menschen getrieben , die sich nun allgemach von mir und voneinander ablöseten . Alles Behagen um mich her war dahin . Meine Zeit schien in dieser Einöde ohne Frucht vergangen zu sein und die Beziehungen des Lebens kamen mir wie kurze Fäden vor , die man mit Mühe von einem verworrenen Knäuel abwickelt . Meinen Kranken widmete ich zwar eine pflichtgemäße Sorgfalt , aber ohne Freude am Berufe zu haben . Das eigentliche Leiden der Welt schien mir dem Arzte so unerreichbar zu sein , daß seine ganze Beschäftigung mir kleinlich und nutzlos vorkam . Wie sich das Leben vor meinen Augen zersetzte , so bröckelte mir auch die Wissenschaft auseinander und wurde ein lockres Aggregat problematischer Einzelheiten , welchen der eigentliche Mittelpunkt fehlte . Auch mich warfen die Anstrengungen und Gemütsbewegungen , verbunden mit einer starken Erkältung , die ich mir bei einem nächtlichen Ritte zuzog , auf das Lager . Ein starkes Fieber hielt mich drei Wochen lang zwischen glühenden Phantasien gefangen , und möchte leicht einen gefährlichen , nervösen Charakter angenommen haben , wären meine Eingeweide nicht frei von jeder Indigestion gewesen . Als ich erstand , war ich wie neugeboren , ich hatte das Gefühl eines Kindes , dem jeder Gegenstand tausend frische unabgenutzte Seiten zeigt , in den unbedeutendsten Dingen erkannte ich ein Glück , der Gruß eines Bekannten , seine Frage , wie es mir gehe ? konnte mir auf einen ganzen Tag Freude machen . So lebte ich einige Wochen für mich hin , mit Eifer meine Berufsgeschäfte treibend , und mich um die