vornehmen Gutsbesitzer zu spielen , sich zu lauter Edelleuten zu drängen und Summen an diese zu verlieren , welche bei den jetzigen drückenden Verhältnissen einen viel Reichern als ihn hätten zu Grunde richten müssen . Der Graf zuckte verächtlich mit den Schultern , und es ließ sich nicht unterscheiden , ob dieß dem alten Lorenz oder den erwähnten Edelleuten galt . Im Laufe des Gesprächs verabredete er mit dem Prediger , der seine gute Laune nach und nach wieder gewann , daß , wenn der Alte so weit sein würde , daß er nichts mehr , als die Unterstützung des Grafen besäße , er alsdann bei rechtlichen Leuten untergebracht werden sollte , die sich anheischig machten für alle seine Bedürfnisse zu sorgen , und die ihre Entschädigung aus den Händen des Geistlichen erhalten sollten , der alsdann nur den Ueberrest dem alten Lorenz zur beliebigen Verwendung einhändigen würde ; und so ist dem alten Schuft , schloß der Pfarrer seine Vorschläge , ein weit besseres Loos gesichert , als er verdient . Wenn wir streng sein wollen , sagte der Graf lächelnd , so ist dieß mit wenigen Ausnahmen wohl bei allen Menschen der Fall . Sie scheinen die Ansichten der strengen Theologen zu theilen , sagte der Prediger , die den Menschen für so verderbt halten , daß alles ihn umringende Elend immer noch nicht seine Bosheit und Schlechtigkeit hinreichend bestraft . Ich spreche nicht von Ereignissen , erwiederte der Graf , die , unabhängig vom Menschen , das Geschlecht desselben bedrohen , gegen die man sich nicht vertheidigen kann , weil sie , uns unerreichbar , jeden Kampf unmöglich machen , und wo freilich oft bei vollkommener Unschuld ein unermeßliches Unglück erduldet werden muß . Aber im Ganzen werden Sie doch zugeben , daß sich unser Schicksal aus unserm Charakter entwickelt , und wenn wir am Abend unseres Lebens den Lauf desselben überdenken , glaube ich , werden wir zugeben müssen , daß unsere Thorheiten , Schwächen und Irrthümer uns noch weit mehr Kummer bereiten , uns noch in eine schlimmere Lage hätten versetzen können , wenn dieß nicht ein gütiges Geschick zu unserem Besten abgewendet hätte . Dieß Gespräch wurde durch den Grafen Robert unterbrochen , der seinem Oheim meldete , es sei Zeit , wenn er den kriegerischen Uebungen der jungen Landleute beiwohnen wollte , sich auf den den dazu bestimmten Platz zu begeben , weil man sich dem Grafen zu Ehren versammelt habe , obgleich es heute kein Sonntag sei . Der Graf war bereit seinem Vetter zu folgen und der Prediger bat spöttisch um die Erlaubniß die Herren zu begleiten , und man bemerkte an der verdrüßlichen Art , wie der Graf Robert diese Begleitung annahm , daß sie ihm keineswegs angenehm war . Wir haben hier recht ein Bild von dem Zustande Frankreichs , sagte der Prediger noch immer spöttisch , zum Grafen gewendet , wie es war , als die erste Begeisterung seine Jugend vereinigte zum Kampfe gegen die ganze Welt . Eben so drängen sich die jungen Landleute hier herum zu den Waffenübungen , und selbst Wer Anfangs über die Begeisterung lachte , die Ihr Herr Vetter unter Ihren Unterthanen verbreitete , ward nach und nach von der Krankheit ergriffen , und statt des ehemaligen sonntäglichen Kegelspiels beschäftigt Exerciren und Marschiren weit und breit die kampflustige Jugend , wie gesagt , ganz wie in der Periode der Begeisterung in Frankreich . Und haben Sie vergessen , sagte der Graf ernsthaft , was Frankreich damals in dieser Begeisterung Unglaubliches vollbrachte ? Und sollte es nicht möglich sein , daß das , was jetzt wie eine thörichte Spielerei erscheint , noch einmal nützlich wäre ? Ueberrascht blickte der Pfarrer dem Grafen in die Augen . Es schien , er wollte mit Begierde darin einen tieferen Sinn der Rede lesen . Der Graf aber fuhr ruhig fort : Und wenn diese kriegerischen Uebungen auch zu nichts weiter führen , so machen sie doch die jungen Leute gewandter , und schon das ist Gewinn . Man hatte unter diesen Gesprächen den zur Waffenübung bestimmten Platz erreicht , und der Graf bemerkte den jungen Gustav Thorfeld , der mit großem Eifer die Landleute einübte , und mit Vergnügen sah der Graf , daß er das , was er sich zu lehren bestrebte , selbst in höchster Vollkommenheit zu üben verstand . Wenige Männer verlieren ganz die Neigung zu kriegerischer Thätigkeit , denn nur in der Brust weniger erstirbt das Gefühl gänzlich , daß es des Mannes Beruf ist , sein Vaterland zu vertheidigen , seinen Heerd zu beschützen . Auch der Graf also überließ sich mit Lebhaftigkeit der Theilnahme an diesen Uebungen , und in seinen Augen leuchtete die Hoffnung , daß sich aus geringen Keimen viel Gutes für die Zukunft entwickeln könne . Man war noch nicht lange auf dem Uebungsplatze versammelt , als man den Hufschlag von Pferden vernahm , und bald zeigten sich drei Reiter , von denen der eine voraus ritt , und dem die beiden andern in bunter Kleidung folgten , über die man einen Augenblick in Ungewißheit blieb , ob es kriegerische Uniformen waren oder der phantastische Putz , den Kunstreiter anzulegen pflegen . Bald klärten sich die Zweifel auf . Der Baron Löbau nahte und stieg ab , um den Grafen auf ' s Herzlichste zu begrüßen . Ich dachte es wohl , sagte er lächelnd , daß ich Sie wenigstens hier auf dem Uebungsplatze finden würde , wenn Sie es auch verschmähen , Ihre alten Freunde und Nachbaren zu besuchen . Der Graf entschuldigte sich mit der kurzen Dauer seines dießmaligen Aufenthalts und mit den vielen dringenden Geschäften , die in dieser kurzen Zeit alle abgemacht werden müßten . Da Sie Theilnahme für unsere kriegerischen Uebungen beweisen , erwiederte der Baron selbstgefällig lächelnd , so müssen Sie doch wenigstens einem Manoeuvre beiwohnen , das morgen auf meinem Marsfelde Statt finden wird , denn es ist doch billig , daß Sie auch meine Truppen in Augenschein nehmen , da die ganze Sache , die jetzt so allgemein mit Eifer getrieben wird , von mir ausgeht ; denn ich machte Ihren Herrn Vetter zuerst darauf aufmerksam , wie vortheilhaft es sein würde , wenn man die jungen Leute abhielte , sich Sonntags in den Schenken zu versammeln , wo der Trunk oft zu Raufereien führte , und daß es in unserer jetzigen Zeit eine Wohlthat sei , wenn sie mit den Waffen umzugehen wüßten , um im Nothfalle sich und die Ihrigen beschützen zu können . Der Graf sah seinen Vetter an , der das Lachen mit Mühe unterdrückte . Der Baron aber fuhr mit großer Behaglichkeit fort : Versprechen Sie mir morgen zu kommen . Ihr Herr Vetter kennt den Weg zu meinen Uebungsplätzen , und ich gebe Ihnen mein Wort , Sie sollen eine Kavallerie sehen , die auch den Kenner befriedigen würde . Die Leute haben Pferde , deren sich ein Prinz nicht schämen dürfte ; Sie können hier eine Probe davon sehen . Er deutete bei diesen Worten auf die beiden bunten Leute , die ihn begleitet hatten , und bezeichnete sie auf diese Weise als Kavalleristen , die zu seiner Miliz gehörten . Beide Grafen hatten Mühe ernsthaft zu bleiben , versprachen aber den Baron zu befriedigen und seinem Manoeuvre des andern Tages beizuwohnen , worauf er sich , in seiner gutmüthigen Thorheit beglückt , nach dem herzlichsten Abschiede von ihnen trennte . Auf dem Rückwege nach dem Schlosse , nachdem sie sich von dem Prediger getrennt hatten , erzählte der Graf Robert seinem Oheim , daß , nachdem er angefangen habe die jungen Leute unter demselben Vorwande , den der Baron ihnen als seine Gründe aufgestellt habe , zu Waffenübungen zu versammeln , der Baron mit lebhaftem Eifer sogleich gestrebt habe ihn zu überbieten , indem er dem Fußvolke eine uniformirte Reiterei beigefügt habe , die aus zehn bis zwölf Mann seines Hofgesindes bestände , die freilich alle schöne Pferde aus des Barons Ställen ritten . Die Hauptkunst bei ihren Manoeuvres bestände aber darin , sagte er , die Pferde zu schonen , die auf keine Weise erhitzt oder angestrengt werden dürften , so daß alle Evolutionen im ruhigsten Schritt ausgeführt werden müßten . Der Graf lachte und sagte , die Thorheit des guten Barons , die gewiß in der Gegend den meisten Lärm verursacht , ist sehr nützlich , denn sie dient dazu , die Aufmerksamkeit von Andern ab und auf ihn zu lenken , und die Manoeuvres auf seinem Marsfelde werden keine Art von Mißtrauen erregen . So ist es , erwiederte der Graf Robert , weil er selbst so weit davon entfernt ist , einen höheren Zweck zu ahnen . Wenn sich französische Officiere in der Nähe befinden , so ladet er sie jedes Mal feierlich ein , um sie darauf aufmerksam zu machen , welche trefflichen Hülfstruppen sie aus den preußischen Landen im Fall des Bedürfnisses zu erwarten hätten , seit auf seine Veranlassung an mehreren Orten Waffenübungen Statt fänden , und also künftig statt vorher ungeschickter Rekruten nun völlig eingeübte Streiter ausgehoben werden könnten . Die Sache ist unter den Franzosen ein Gegenstand des Scherzes , und wenn junge Officiere gegenwärtig sind , so bemerken sie leicht seine Schwachheit für seine Kavallerie , und er ist mehr als ein Mal dadurch geängstigt worden , daß diese sich dann zu Kommandeurs seiner Kavallerie aufwerfen und sie Bewegungen machen lassen , die ganz von dem sanften Schritte der Gewohnheit abweichen . So dient er doch auch dem Vaterlande , sagte der Graf , und wenn es einmal Ernst wird , so wird derselbe Ehrgeiz , der jetzt thöricht erscheint , ihn auch zu ernsten Anstrengungen vermögen . Man erreichte das Schloß und beide Grafen besuchten die Kranken , deren Zustand sich sehr verbessert hatte und die der Arzt außer Gefahr erklärte . Das bleiche Gesicht des Herrn von Wertheim röthete sich flüchtig , als er den Grafen erblickte . Es ist eine eigene Strafe meiner Rohheit , sagte er mit bewegter Stimme , daß ich Ihnen mehr als ein Mal Schutz , Rettung meines Lebens und Unterstützung verdanken muß , die man nur mit Widerstreben aus der Hand des vertrautesten Freundes empfängt , und aus der großmüthigen Hand eines beleidigten Mannes nicht anders als mit tiefer Beschämung empfangen kann . Vergessen Sie doch endlich eine jugendliche Unbesonnenheit , sagte der Graf gütig , die ohne Ihre Erinnerung mein Gedächtniß mir nicht zurückgerufen hätte , und denken Sie nur daran , daß Ihre und Ihres Freundes Gesundheit wieder hergestellt werden muß . Der Baron Lehndorf wagte die Frage , ob sie sich im Schlosse Hohenthal wohl als gesichert betrachten könnten , und der Graf erkundigte sich nun nach ihrem Verhältnisse zu Schill und nach den näheren Umständen ihres Unglücks . Beide Freunde waren tief erschüttert , als sie an das unglückliche Ende ihres hochverehrten Anführers erinnert wurden , doch beherrschte der Baron Lehndorf zuerst seine Rührung und sagte , daß sie Schill als Freiwillige und als Freunde gefolgt wären , und ihre Namen sich in keiner Liste befänden , die man hätte auffinden können . Dann begreife ich nicht , sagte der Graf , wie Sie sich nicht mit einiger Behutsamkeit sogleich hieher gewendet haben . Die schreckliche Niederlage bei Stralsund , sagte Wertheim , hatte uns aller Mittel beraubt , uns zu zeigen . Wir besaßen nichts als die Uniform , die wir an uns trugen , und einige Silbermünzen von unbedeutendem Werth . Es stand also nicht in unserer Gewalt , die Kleidung abzulegen , die uns kenntlich machte , und wir verbargen uns am Tage in Wäldern und Sümpfen , um dem Schicksale unserer Gefährten zu entgehen , von denen wir zuweilen von unserm Verstecke aus einzelne von den feindlichen Truppen Eingefangene bemerkten , die einem schmählichen Loose entgegengeführt wurden . Wir hatten die Absicht uns dennoch , trotz der Gefahr hieher zu wenden . Da wir aber nur bei Nacht wandern konnten , so verirrten wir uns oft und erkannten nach langer Anstrengung zuweilen dieselben Orte wieder , von wo wir vor mehreren Tagen ausgegangen waren . Da wir uns nur die allernothwendigste Nahrung erlauben durften , so wurden unsere Kräfte erschöpft , und doch mußte auch diese Nahrung noch beschränkt werden , denn wir hatten bald gar keine Mittel mehr . Zwei Tage , ehe Sie uns fanden , war es uns schon nicht mehr möglich , ein wenig Brodt von den Bauern einzuhandeln , denn wir hatten auch nicht das kleinste Stück Geld übrig . Wir versuchten es , uns durch Beeren und Wurzeln zu ernähren , und wir wären gewiß verloren gewesen , hätte der Zufall Sie nicht zu unserem Beistande herbei geführt . Der Graf Robert umarmte seine Freunde in heftiger Bewegung , und sein Oheim wendete sich ab , um seine Rührung zu verbergen . Er sagte den beiden jungen Männern , daß er hoffe , sie seien auf Schloß Hohenthal in vollkommener Sicherheit , daß er aber zu ihrer Beruhigung noch nähere Erkundigung einziehen wolle . Da die Erzählung der Geschichte ihres Unglücks die Kranken sehr aufgeregt hatte , so rieth ihnen der Graf dringend , den Schlummer zu suchen , damit sie nicht , wie er lächelnd hinzufügte , sich den Tadel des Arztes und ihrer strengen Wärterin zuzögen . Er führte darauf den Grafen Robert mit sich hinweg und sagte : Ich bin vollkommen überzeugt , daß beide junge Männer ohne Gefahr hier bleiben können , wenn es nicht verrathen wird , daß sie mit Schill in Verbindung waren . Deßhalb müssen wir auf eine bestimmte Erklärung des jämmerlichen Zustandes sinnen , in dem wir sie fanden , denn glauben Sie mir , der Prediger wird nicht mit allgemeinen Antworten zufrieden sein . Und wenn er auch thäte , als wäre er es , so wird er so viele mißtrauische , spöttische Winke fallen lassen , daß er unfehlbar Argwohn erregen wird , und doch möchte ich auch ungern ihm das Geschick Ihrer Freunde aufrichtig vertrauen , denn er würde dieß Vertrauen zwar um keinen Preis mißbrauchen , sie unglücklich zu machen , aber er würde dadurch ein solches Uebergewicht erlangt zu haben glauben , daß er Ihnen , bester Vetter , oft unerträglich lästig sein würde . Der Graf Robert , der die Menschen nicht immer so milde betrachtete , wie sein Oheim , und der daher dem Prediger nicht sonderlich geneigt war , sah die Wahrheit des Gesagten ein . Nach langer Berathung kamen die beiden Verwandten überein , dem Prediger zu vertrauen , die beiden jungen Männer hätten sich nach Frankreich gewagt , um das Schicksal der Schwester des Einen und der ehemaligen Braut des Andern zu erforschen , und wären auf den französischen Obristen gestoßen , mit dem Wertheim das Duell der Schwester wegen gehabt habe . Die eingeleitete Verfolgung habe die jungen Männer zur Flucht genöthigt und sie gezwungen , sich ängstlich zu verbergen . Dadurch wären ihnen die Hülfsmittel ausgegangen und sie endlich in den kläglichen Zustand gerathen , worin man sie gefunden . Daß das französische Regiment abgelöst war , gab der Fabel einige Wahrscheinlichkeit , und da der Pfarrer bei seiner Neugierde im Grunde leichtgläubig war , so ließ sich hoffen , er würde die Unwahrscheinlichkeiten in dieser Erzählung übersehen . Der Graf Robert übernahm es , seine Freunde davon in Kenntniß zu setzen , auf welche Weise ihre Erscheinung auf dem Schlosse erklärt würde , damit sie im Stande wären , die Fragen gehörig zu beantworten , die der Geistliche unfehlbar an sie richten würde . Der große Tag war erschienen , an welchem das glänzende Manoeuvre des Baron Löbau Statt finden sollte . Er hatte alles gethan , um die Waffenübung des Grafen Robert zu übertreffen , den er mit einigem Verdruß als seinen Rebenbuhler betrachtete , ohne zu bedenken , daß er niemals auf die Idee gekommen wäre , Beschäftigungen der Art anzuordnen , wenn ihm nicht die Einrichtungen des Andern dadurch , daß sie das Streben ihn zu übertreffen in ihm weckten , eine Anregung gegeben hätten . Als die beiden Grafen erschienen , bemerkten sie eine Batterie von Kanonen , die ein Mittelding zwischen Scherz und Ernst , ein Spielwerk für Erwachsene genannt werden konnten . Mit leuchtendem Gesicht machte der Baron sie darauf aufmerksam , und er hatte die Genugthuung , daß der Graf alle seine Pläne lobte . Die Batterie wurde genommen und die Kavallerie auf den schönen Pferden entschied im bedächtigen Schritt , wie es angeordnet war , den Sieg . Es ist so kindisch , sagte der Graf Robert , als sie sich von dem entzückten Baron getrennt hatten , daß man nicht einmal darüber lachen kann . So ist es doch auch harmlos , erwiederte der Graf , und wird Niemand verletzen . Es liegt in jedes Menschen Seele eine gewisse poetische Sehnsucht , aus dem alltäglichen Leben heraus zu treten , etwas Besonderes vorzustellen . Sie offenbart sich schon bei dem Kinde in der Neigung zu Verkleidungen . Bei Niemandem von meinen Bekannten habe ich aber diese Sehnsucht so groß gefunden , als bei unserm guten Baron . Sie werden dieß in jeder kleinen Geschichte bemerken , die er erzählt , und ich habe mir oft gedacht , wenn er Talent genug zur Darstellung besäße und seine Phantasie dadurch befriedigen könnte , daß er Novellen und Romane schriebe , so würde er im gemeinen Leben der Wahrheit näher bleiben . So wäre also , rief der Graf Robert lachend , ein Lügner im Grunde nur ein verunglückter Dichter ? Warum wollen Sie es nicht so milde betrachten ? erwiederte sein Oheim , da zudem in jedem Menschen , auch in dem edelsten , sich eine kleine Neigung für diese Schwäche findet . Es ist wahr , sagte Graf Robert , ich möchte wohl den Menschen sehen , der sich rühmen könnte , nie die Unwahrheit gesagt zu haben , und es ist mir lieb , wenn ich mich künftig einmal auf so etwas ertappen sollte , daß ich zu meiner Beruhigung weiß , daß ich mich nur der Neigung zur Dichtkunst überlasse , indem ich sündige . Sie können uns ja gleich diese Gerechtigkeit wiederfahren lassen , sagte sein Oheim , denn haben wir nicht gleichfalls ein feindliches Komplott gemacht , um den Prediger zu hintergehen ? Das ist Noth , rief der Graf Robert , aber nicht freie Neigung zur Dichtkunst . Da der Graf seine Abreise auf den andern Tag festgesetzt hatte , wollte er , nachdem sie das Schloß wieder erreicht hatten , noch den Abend von dem Obristen Abschied nehmen , um den Greis nicht am andern Morgen in seiner Ruhe zu stören . Als der Obrist sich bald nach zehn Uhr entfernen wollte , um die Vorschriften des Arztes nicht zu übertreten , der die Ruhe vor Mitternacht unerläßlich für ihn fand , schloß ihn der Graf mit Rührung in die Arme , um ihm Lebewohl zu sagen . Er fühlte den Freund in seinen Armen vor Altersschwäche zittern , und sein Auge ruhte wehmüthig auf dem nur noch spärlich von silberweißen Haaren bedeckten Scheitel . Das leuchtende Auge des Greises traf den von einer Thräne verschleierten Blick des Grafen . Sie fühlen , sagte der Greis mit seligem Lächeln , daß wir uns hienieden nicht mehr wieder sehen werden . Und Sie sprechen dieß wie eine Hoffnung aus ? fragte der Graf mit sanftem Vorwurf . Mein theurer Freund , erwiederte der Obrist , indem er beide Hände des Grafen faßte , wenn Sie durch die reizendsten Thäler lustwandeln , über Berge schweifen , die Ihnen die schönsten Aussichten , immer neue Ueberraschung gewähren , und Sie setzten diesen Genuß unaufhaltsam fort , kommt nicht endlich die Stunde , wo auch das schönste Thal nicht mehr zum Weiterschreiten lockt , wo die ermüdeten Glieder sich nach Ruhe sehnen , und Sie sinken hin und lassen der menschlichen Natur ihr Recht angedeihen . Ein solcher müder Wanderer bin ich . Ein großer Theil meiner Bahn war rauh und dornenvoll . Sie versetzten mich in ein reizendes Thal , aber ich kann die Reise nicht fortsetzen ; ermüdet sehnen sich meine Glieder nach Ruhe . Wir werden uns hier nicht wieder sehen , schloß der ehrwürdige Alte , empfangen Sie den letzten Dank und den Segen eines liebenden Vaters . Mit inniger Rührung umarmten sich die Freunde noch ein Mal und trennten sich mit dem Gefühle , daß sie wahrscheinlich zum letzten Mal liebende Worte gewechselt hatten . VII Der Graf hatte von allen Freunden am Abend Abschied genommen und wollte des andern Morgens sehr früh das Schloß unbemerkt verlassen ; als er aber in dieser Absicht den Saal betrat , fand er den Arzt , der ihn erwartete , um jetzt noch förmlich Abschied zu nehmen , da er den vorigen Abend etwas war übersehen worden . Der Graf reichte ihm die Hand und sagte : Ich danke Ihnen , daß Sie mir noch Gelegenheit geben , eine Frage an Sie zu richten , deren Beantwortung mir sehr am Herzen liegt . Was halten Sie von dem Zustande unseres alten Freundes ? Der Arzt drückte die Augen zu , senkte den Kopf auf die linke Schulter , sah dann den Grafen blinzelnd an und erwiederte : Wenn das Oel verzehrt ist , mögen wir dann die Lampe noch so sorgsam hüten , sie wird doch erlöschen , und hier ist das Lebensöl ausgebrannt , und nur schwach glimmt noch die matte Flamme ; der leichteste Windhauch wird sie verlöschen . Erhalten Sie mir den würdigen Greis so lange als möglich , sagte der Graf mit bewegter Stimme . Er wollte sich nun entfernen , aber sein Vetter Robert trat ein , um ihm zu sagen , daß er ihn einige Meilen begleiten und dann zu Pferde zurückkehren wolle . Der Oheim hatte eben diese Begleitung dankbar angenommen , als auch die Damen erschienen , um den geehrten Verwandten noch ein Mal zu umarmen ; nur der Obrist kam nicht ; ihn fesselte Altersschwäche an sein Lager , wo er den Schlummer gewöhnlich erst gegen Morgen fand . Der Graf tadelte liebevoll die ihn umringenden Freunde , daß sie ihr Wort nicht gehalten und sich der Ruhe entzogen hatten . Er entriß sich mit sanfter Gewalt ihren Armen und traf , als er eilig die Treppe hinunter stieg , auf Gustav Thorfeld , der auch noch ein Wort des Abschiedes von dem edeln Manne gewinnen wollte . Der Graf reichte ihm freundlich die Hand und lud ihn ein , die nächsten Ferien zu benutzen , um einen Theil Deutschlands zu durchreisen und dann auch ihn zu besuchen , da , wo er sich eben aufhalten würde . Ein Strahl von Freude zuckte über des Jünglings Antlitz bei der Vorstellung einer genußreichen Reise . Ich werde sorgen , daß Ihnen die Mittel nicht fehlen , sagte der Graf gütig , indem er mit seinem Vetter den Reisewagen bestieg . Es war ein kühler Herbstmorgen . Die Natur hatte sich in wenigen Tagen auffallend verändert ; sie hatte den sommerlichen Charakter verloren . Das Laub der Bäume welkte und fiel ab , und die Waldung wurde dadurch lichter , obgleich ein neuer Reiz entstand , indem die Bäume , nachdem ihr Laub das frische Grün verloren , in verschiedenen Farben prangend , von der Morgensonne beschienen funkelten . Beide Reisende saßen eine Zeit lang schweigend neben einander ; endlich sagte der Graf : Sie blicken so tiefsinnend vor sich nieder , lieber Vetter ; was kann Sie in so ernste Gedanken versenken ? Ich dachte , sagte der Graf Robert , indem er bewegt die Hand des Oheims drückte , wie viel Segen ein edler Mensch um sich verbreiten kann , und wie er dann im Kreise der durch ihn Glücklichen durch Liebe herrscht wie ein unumschränkter Monarch ; wie alles das , was an den Höfen der Fürsten gespielt wird , um der Etikette zu genügen , oder aus Eigennutz , oder aus lächerlicher Eitelkeit , hier der Abdruck wahrer Empfindungen ist ; denn Wer in ihrem kleinen Königreiche , theurer Onkel , fuhr er sich zum Lächeln zwingend fort , ist nicht beglückt , wenn Sie ein freundliches Wort an ihn richten ? Wer fühlt sich nicht gekränkt , wenn Sie ihn übersehen ? Wer ringt nicht danach , Ihr beifälliges Lächeln zu gewinnen , und Wer ist nicht stolz darauf , wenn er Ihnen durch unbedingten Gehorsam seine Verehrung und Ergebenheit beweisen kann ? Nein gewiß , schloß er , die Menschen sind nicht so gefühllos , wie man oft von ihnen behauptet ; sie erkennen gern einen edeln Geist an und beugen sich willig seiner Ueberlegenheit . Ich will nicht zur Unzeit den Bescheidenen mit Ihnen spielen , erwiederte der Graf . Ich will Ihnen zugeben , daß ich mich nicht für böse halte , daß ich überzeugt bin , das Beste zu wollen , daß ich zuweilen im Stande bin , Andere auf die rechte Bahn des Lebens zu leiten . Ich will es eingestehen , daß mein Herz bewegt wird von fremder Noth , und daß mein Geist dann eifrig auf Mittel denkt , sie zu vermindern . Aber , theurer Vetter , alle diese Eigenschaften würden nicht im Stande sein , mir mein kleines Königreich , wie Sie es nennen , zu bilden , wenn mir der Himmel nicht ohne mein Zuthun ein bedeutendes Vermögen gewährt hätte . Wäre ich arm , fuhr der Graf fort , indem er die Hand seines Vetters drückte , dann würde ich zufrieden sein , einen Freund zu finden , der mein Herz verstände und meinen Charakter unter allen Umständen richtig würdigte , und ich würde unter den übrigen Menschen verkannt , einsam und vergessen , ja von denen , die sich meiner erinnerten , um eben der Eigenschaften Willen , die Sie jetzt erheben , getadelt und verachtet umhergehen . Unwillig zuckte die Hand des Grafen Robert in der seines Oheims . Getadelt , verachtet und verfolgt - fuhr dieser mit Nachdruck fort ; denn eben die Eigenschaften , die man jetzt anerkennt , würden mich wahrscheinlich hindern ein Vermögen zu erwerben ; denn nicht alle Mittel würden mir gleich sein , um diesen Zweck zu erreichen , und da ich niemals meine Seele zur Verehrung des Geldes gewöhnen könnte , so würde ich auch nie den gehörigen Eifer erlangen , um es zusammen zu häufen . Dabei würde mein ganzes Leben ein stillschweigender Tadel so vieler Andern sein , den ich durch keine Annehmlichkeit zu mildern vermöchte , die wir durch unser Vermögen so leicht unsern Bekannten verschaffen , und sie könnten dann nicht denken wie jetzt , wenn ich unwillkührlich strengere Grundsätze ausspräche : Er hat gut reden , wäre seine Lage so beschränkt wie die unsere , so würde er eben so denken wie wir , so würde mir denn Niemand meine abweichende Lebensansicht verzeihen wollen . Die Mildesten würden sie für Thorheit erklären , die Härteren mich für einen kopflosen , verschrobenen Menschen halten . Sie haben so oft meine Härte getadelt , sagte sein Vetter mit dem Ausdrucke des Erstaunens , wenn ich ein Urtheil über die Menschen aussprach , und nun muß ich Ihre Ansicht weit härter finden und in der Tiefe Ihrer Seele eine Menschenverachtung , die mich erschreckt . Nicht der ist milde , erwiederte der Graf , der in der Täuschung lebt , die Menschen im Allgemeinen für trefflich hält und aus diesem Gesichtspunkte handelt . Nur dessen Herz darf so genannt werden , der die Menschen kennt und ihnen verzeiht , und indem er die Fehler Anderer einsieht , sich zugleich der eigenen Schwäche bewußt ist und es sich eingesteht , daß vielleicht am Meisten der Stolz der Seele ihn aufrecht erhält , der ihm den Willen gibt , sich nicht zu beugen . Freilich wird ein Solcher in vielen Fällen , wenn er Andern beisteht , sich nur selbst befriedigen ; aber ist er so glücklich , nur einen Freund zu besitzen , den er wahrhaft ehren kann , so wird ihn dieß doch vor der schlimmsten Selbstsucht bewahren , und er wird sich das Bild einer edleren Menschheit dennoch zu erhalten wissen . Der Graf hatte mit lebhafter Bewegung gesprochen , und die Freunde hatten , ehe sie vermutheten , die erste Post erreicht , wo sie sich trennen wollten . Der Graf Robert schied von seinem Oheim mit erhöhter Empfindung , denn er hatte die Einsicht gewonnen , daß nicht ein leicht erregtes Gefühl diesen zu großmüthigen Entschließungen bestimmte , sondern daß ein entschiedenes Wollen einer wahrhaft edeln Seele seine Handlungen leitete . Und dennoch hat er Unrecht , sagte er zu sich selber . Ich habe oft einzelne Menschen zu hart beurtheilt ; seine unbillige Härte aber trifft die Menschen im Allgemeinen , und er dürfte nur um sich blicken , um seinen Irrthum zu erkennen , denn wie viele treffliche Menschen haben sich um ihn her versammelt . Und wären diese alle so trefflich , fragte er sich betroffen weiter , wenn er sie nicht zu sich herauf bildete , und könnte er das in dem Grade ohne die Hülfe seines großen Vermögens ? Ja ich selbst , fuhr er mit Beschämung in seinen Betrachtungen fort , was wäre aus mir geworden , der ich in finsterm Grimm ihn zu bestürmen kam , wenn seine Lage ihn gezwungen hätte , nur sein Recht gegen mich zu behaupten ? Hätte ich ihn wohl jemals richtig würdigen und verstehen können , wenn ich trostlos von ihm hätte scheiden müssen ? Würde ich mich nicht mit kaltem Haß von dem Manne abgewendet haben , den ich jetzt mit Zärtlichkeit liebe und verehre ? Es ist gewiß , fuhr der junge Mann seufzend in seinen Gedanken fort , es ist leider gewiß , nicht bloß unsere Gefühle , auch unsere Tugenden hängen von Zufällen ab . Wenige ragen wie mein Oheim aus der Menge