Euch der Satan verstricken wollte ; eifrig habt Ihr Buße gesucht , und darum sie auch gefunden . « - » Und dennoch also verkannt ? « fiel Margarethe ein . - » Nehmt dieses hin als eine Strafe für den Fehl , den Ihr begangen ; « erinnerte Reinhold : » Daß Ihr , wie ich aus Eurer Beichte weiß , einen fremden Knaben statt des Euern verstorbenen eingepflanzt , wäre nichts , denn , was wir nicht wissen , ist nichts , und ein glücklicher Wahn ist besser , denn eine bittere Wahrheit ; allein die Mittel zu dem Zwecke waren nicht gut , sondern verdammlich gewählt . Einen Juden zum Vertrauten zu machen , ... eine Kreatur , weit verabscheuungswürdiger , denn die schwarzen Heiden im Lande Afrika , die doch nur halbe Menschen seyn sollen ... o ! das wird Euch böse Früchte tragen . Mich befremdets , daß Euer Name nicht schon vor dem Richterstuhl genannt worden ist , und Gott hat mir noch nicht den Ausweg gezeigt , der endlich diesem Wirrsal ein Ende machen werde . « - » Sollte Wahrheit nicht die beste Wahl seyn ? « fragte Margarethe kühn entschlossen : » Sollte es mir nicht den Frieden wiedergeben , wenn ich hinträte und offen eingestünde , was ich gethan ? « - Der Pater schüttelte bedenklich den Kopf . » Ein altes Sprichwort ist ' s , « sagte er , » daß man den schlafenden Wolf nicht wecke . Ist einmal der Pfeil vom Bogen , dann halte ihn auf , wer kann . Nicht doch . Ihr würdet Euch vielleicht unnöthig der Schande preis geben , während jetzt nur ein Verdacht Euch belastet . Was ist ein Verdacht , wenn man sich unschuldig fühlt ? Eine giftberaubte Schlange zu unsern Füßen . Hundert Frauen tragen ja geduldig den gegründeten Verdacht . Daß sie die Treue nicht bewahrten , ihre Stiefsöhne küßten , immerhin ! Aber mit einem Juden solchen Menschenhandel getrieben zu haben . - Das würde keine von sich sagen lassen wollen . Zudem , wo ist die Gewißheit , daß Johannes das Kind sey , das der Jude ermordet haben soll ? Ist ' s unwahrscheinlich , daß der Bösewicht ein ander Kind gemartert habe ? Noch hat er nicht geplaudert , und übermorgen wird sein und seines Vaters Urtheil gesprochen . Könnte er mit dem Geständniß seinen Hals retten , - sicher hätte er ' s nicht unterlassen . Ich werde übrigens das Nähere morgen wissen , denn ich will versuchen , ob ' s möglich wäre , diese heidnischen Blutzapfer vor ihrem gräßlichen Ende zu bekehren . « - » Ihr verwerft also ein offen reuiges Bekenntniß ? « fragte Margarethe noch einmal . - » Gott und seiner Kirche ist man verbunden , Alles zu entdecken und aufzuthun die geheimsten Falten des Herzens ; « erwiederte Reinhold kalt ; » das Laienvolk braucht nicht Alles zu wissen . Einen einzigen Mann kenne ich , bei welchem Euer Bekenntniß Nutzen bringen möchte ; indem sein Schutz und Schirm Euch aus der peinlichen Lage reißen würde , in die Euch der Argwohn Diethers versetzt hat . Ich meine den Schultheiß . Der Ritter hat längst nach Eurer Gunst gestrebt . Mit Begierde wird er die Gelegenheit ergreifen , sie zu verdienen . Ein Wort von Euch , und die gefährlichen Juden sterben plötzlich dahin , der Schöff wird beschwichtigt oder zur Ruhe gezwungen , und Johannes bleibt , was er seyn soll , Euer Erbe . « » Nimmermehr ! « entgegnete Margarethe unwillig : » Aus Eurem Munde diesen Rath ? Nein ; ich habe nicht Lust wirklich zu werden , wofür mein Eheherr mich hält . « - » Wie ihr meynt ; « sprach Reinhold gelassen : » ich preise Eure Tugend , welche verwirft , was Tausende thun würden , um die Möglichkeit zu vermeiden , vor der Welt ein Ärgerniß zu geben . Ihr seyd aber nicht wie Andere , obwohl auch aus heiligen Büchern Beispiele anzuführen wären , daß selbst die frömmsten Weiber sich nicht scheuten , dem besten Zwecke manche Bedenklichkeit zu opfern . Denkt an Judith , die dem wilden Holofernes sich überließ ... « - » Schweigt , würdiger Herr ! « bat Margarethe : » Ich vermag nicht , was Ihr jetzo begehrt . Laßt es daher beruhen , und sprecht mir von Derjenigen , die noch ferner um das Geheimniß weiß ; ... von Willhild . « » Ich weiß nichts von ihr und ihr Schweigen macht mir bange . « - » Ich kann Euch beruhigen , « antwortete der Mönch : » Ich habe mich befragt . Willhild und ihr Mann sind vor wenigen Tagen gen Compostell gezogen , auf eine Wallfahrt . Besorgt nichts von ihnen . Der Mann ist blödsinnig zu nennen , und die Frau , die vor Kurzem erst sehr krank gewesen , kömmt sicher aus Hispania nicht wieder heim . « - » Ich hätte nimmer geglaubt , daß die Hoffnung auf eines Menschen Tod mich beruhigen könnte ; « versetzte athemholend Margarethe . - » O die Hoffnung ist immer süß , « sagte der Pater , » wenn sie sich auch auf Gräber richtet , die sich erst öffnen sollen . Haben den Juden die Flammen erstickt , die unzuverläßige Willhild die Mühseligkeiten der Wallfahrt hinweggerafft ... wie lange dauert ' s , und sie tragen einen alten Schöffen zur Gruft ? Dann fallen Eure Fesseln ; dann feiert Ihr schon hienieden die Auferstehung . « - - » Ach , hochwürdiger Herr ! « seufzte Margarethe : » Gehe es mit mir , wie es wolle ; aber dieser Augenblick bleibe fern . Kann ich den Greis auch nicht lieben , wie eine Braut den gefälligen Bräutigam , so ehre ich doch sein graues Haupt , und bin ihm dankbar , daß er mein dürftiges Leben mit Überfluß gekrönt hat . « - » Hm ! « entgegnete Reinhold : » Jedem das Seine . Der reiche Prasser kann zwar , sitzt er im Schwefelpfuhle der Hölle mit all seinem Golde nicht einen Tropfen Wasser erkaufen , aber hienieden steht ihm die schönste Blume zu gebot , daß sie an seiner kalten Brust verwelke . Hat Diether Euer Leben mit Überfluß gekrönt , so krönt er es jetzt mit unverdienter Schmach . Ihr seyd im Vortheil gegen ihn , und Er muß Euch dankbar seyn für die edle Gesinnung , die ihr für ihn hegt . Der alte Mann ist derselben nicht würdig , da er beinahe unverholen ahnen läßt , er schreibe Euch jenen Mordüberfall zu , und versehe sich eines Zweiten , wenn nicht seine Klugheit vorbaue . « - » Schrecklich ! « rief Margarethe empört : » Die Schlange erneut sich stets in seiner Brust . Er fürchtet einen Meuchelmord von seiner Gattin ! « - » Noch mehr , « versetzte der Mönch : » er achtet ihn ganz nahe . Heute just , fürchtet er , lauern Mörder auf sein Leben ; Mörder von Euch gedungen und Eurem Bruder , vielleicht von Dagobert , wie der Argwöhnische sich nicht schämt , zu glauben . Ein Unbekannter hat ihm gemeldet , daß er erfahren würde , wo Wallrade hingekommen , wenn er in der heutigen Nacht , mit Geld versehen , am Bannsteine von Bergen , das Sprünglin genannt , erscheinen wolle . Diese Nachricht hält er von Euch erdichtet , und wittert Verrath , und wird nicht gehen , niemand senden . « - » Am Sprünglin ? sagt Ihr ? « fragte Margarethe neugierig . » So ist ' s , « antwortete Reinhold : » Ich , an seiner Statt , würde doch Jemand hinaussenden ; denn ich traue eher dem , der um Geldes willen mir ein Ding zu verrathen verheißt , als der reinen Menschenliebe wegen . Indessen , Euch kann ' s gleichviel seyn . Wallrade mag Euch nie zu lange aussen bleiben ; wohl aber der gute Dagobert , dessen keckes Handeln Euch und Eurer Sache nur Vortheil gewähren kann . Nicht wahr ? « - Margarethe schlug die Augen vor den forschenden des Paters nieder , welcher nach einer Pause fortfuhr : » Wie ich vernommen , hat der junge Mann sich von der Kirche , welcher er verlobt gewesen , lösen lassen . Meines Bedünkens hat er übel daran gethan , und sogar sein hochmüthiger Lehrer , der Predigermönch Johann , der , wie alle seines Ordens , dem unsrigen nicht hold ist , weil er am Evangelium reiner hängt , denn alle Andern , muß mir Recht geben . Wäre der Junkherr Priester geworden , es wäre ihm nicht geschehen , was seit heute Morgen das Gerede der ganzen Stadt ist . « - » Um Gotteswillen ! « sprach Margarethe ängstlich : » Was ist ihm geschehen ? welch Unheil ? redet . « - » Ihr wißt nicht ? « fragte Reinhold entgegen : » Da sieht man wohl , wie sehr Recht das Lied hat , welches sagt : Jenseits bin ich wohl bekannt , - Fremdling doch im eignen Land ! Daß Eure Zofen aus Schonung Euch ' s verschwiegen haben , gebe ich zu , - aber der Rachbegierde Eures Eheherrn hätt ' ich das Schweigen nicht zugetraut . - Heute morgen hat Euer Knecht Eitel , als er des Hauses Thüre öffnete , ein Pergament daran geheftet gefunden , und die drei Späne , die aus der Pforte gehauen worden waren , entdeckten dem des Lesens Unkundigen gleich das Wahre , wie auch dem Pöbel , der schon lange gaffend vor dem Hause stand . Eine Ladung der heimlichen Acht ist es , gerichtet an den Junkherrn Dagobert Frosch , welcher auf den nächsten Dienstag vorgefordert wird vor den Stuhl zu Sachsenhausen , um sich zu verantworten über schwere Missethaten , deren er angeklagt worden . « - » Heiliger Gott ! « stammelte Margarethe : » die heimliche beschlossene Acht ? armer Dagobert ! welch ' ein Teufel hat Dich vor diese Schranken gefordet , wo der Kläger nur Recht erhält ? Hochwürdiger Herr ! Um meinetwillen , - o gewiß , um meinetwillen ist er in diese Verderbniß gerathen ! Wie soll ich mir jetzt rathen , ... : wie soll ich mir helfen ? « - Der Mönch zuckte die Achseln , verwies die Klagende auf den Willen Gottes , und auf das eigne Schweigen , und begab sich mit dem Versprechen hinweg , bald wieder einzusprechen , und ihr sogleich zu wissen zu machen , wann der gefangene Jude ein gefährliches Geständniß besorgen lassen sollte . Eine unsägliche Angst bemächtigte sich Margarethens , da sie wieder allein war , und in ihrem erschütterten Geiste Alles zusammenstellte , was sich in den letzten Tagen zugetragen , und ihr Schicksal auf solch entsetzliche Weise verwirrt hatte . Ihres Fehls bewußt , drängte es sie , etwas zu unternehmen , wodurch sie die Schuld ihres Gewissens in etwas zum mindesten zu sühnen vermöchte , und dieses Etwas wurde , trotz seiner gefährlichen Abenteuerlichkeit , bald in ihr zum festen Entschluß . » Ich will ihn zwingen , wenigstens nicht das ärgste von mir zu glauben , « sprach sie zu sich selbst ; » nicht die Bosheit , Wallraden aus dem Wege geschafft , noch die größre , Mörder gegen sein Leben aufgestellt zu haben . Ist es Gottes Wille , daß ich in meinem Vornehmen umkomme , so sey es darum ; - wo nicht , so sey der Engel gepriesen , der mir diesen Weg gezeigt , wieder etwas in der heillosen Verwirrung gut machen zu können , worein meine leichtsinnige Verblendung mein Haus gestürzt hat . « - Sie sammelte mit zitternder Hand die Kleinodien und den kleinen Schatz von Denkmünzen und seltnen Goldpfennigen , die sie der Freigebigkeit ihres Gatten verdankte , und wählte aus ihrem Kleiderschreine einen dichten , weitverhüllenden Regenmantel , welcher ihr zu ihrem Vorhaben geeignet schien . Hierauf sagte sie zu Elsen , die sich mit dem kleinen Johannes bei ihr eingefunden hatte : » Gute Dirne ! Du hast schon viele Heftigkeit von mir ertragen und meinem aufbrausenden Zorn stille Geduld entgegengesetzt . Nun , da ein böses Geschick mir die Augen geöffnet , und mir selbst Duldung zur Pflicht gemacht hat , danke ich Dir für Deine Nachgiebigkeit , welche immer mit der seltensten Treue gepaart war . Du hast treu bei mir ausgehalten , seit mich ein widriges Gestirn in die Tiefe des häuslichen Unglücks versenkte ; nicht Dein Mund , nicht ein Blick von Dir hat mich fühlen lassen , wie sehr die Gegenwart meine Vergangenheit in Schatten stellt . Empfange dafür meinen herzlichsten Dank , und gib mir Gelegenheit , Dir eine noch wärmere Dankbarkeit widmen zu können . Willst Du , meine gute Else ? « - Die Zofe staunte bei dieser ungewohnten und aufrichtigen Sanftmuth ihrer Herrin , und versicherte sie ihrer Bereitwilligkeit . - » Entsinnst Du Dich noch des Traums , den ich Dir vor manchen Monden erzählte ? « fuhr Margarethe fort ! » Ich spottete damals Deiner finstern Ahnung , obwohl mir der Spott nicht von Herzen ging . Nun aber erwahrt sich das Gebilde jener Nacht auf eine furchtbare Weise . Aus der Zeit ist eine Schlange erwachsen , aus Allem dem , was ich für das Theuerste achtete , ist ein Ungeheuer entsprungen , das mir das Herz abfrißt . Ich weiß , um diese Schrecken zu mildern , nur einen Ausweg , und diesen zu ergreifen , sollst Du mir behülflich seyn . « - Else küßte der Gebieterin Hand , und fragte unter Thränen : » Was soll ich thun , ehrsame Frau , das Euch genehm wäre , und das Mittel darböte , den Frieden in Euer Haus und Herz zurückzubringen ? Wenn eine schwache Magd vollbringen kann , was Ihr begehrt , so zählt auf mich . « - » Ich muß fort ; « sprach Margarethe mit gedämpften Tone weiter : » noch in dieser Nacht muß ich fort . Begünstige diesen Vorsatz ; hilf mir hinaus aus diesem Gebäude , wo mich Kummer und Angst tödtet . « - » Fort ? « fragte Else erstaunt : » Fort ? Ei , um unsrer lieben Frauen willen ? was wollt Ihr beginnen ? Wollt Ihr Euern Herrn verlassen , und Euern guten Leumund zu Grunde richten ? oder wollt Ihr Euch ein Leides anthun ? Ach , liebe Meisterin , unterlaßt doch dieses Vornehmen ! Ihr seyd jung , Ihr seyd Mutter und Hausfrau . Verzweifelt nicht an der Barmherzigkeit , die Allen hilft . Ist der Kummer unverschuldet , der Euch drückt , ... und wie könnte es anders seyn ? ... so wird er Euch nicht tödten , und der Allmächtige Euch nicht umkommen lassen . Die Wahrheit muß ja doch endlich an ' s Tageslicht kommen , und Eure Feinde verderben . Man lebt nur einmal , gute Frau , und was helfen Euch alle Ehrenkronen auf Euerm Grabe , so bald Ihr die Augen nicht wieder aufthun könntet . « - » Nicht doch ; « versetzte Margarethe mit schmeichelnder Überredung : » Gutes Kind , Du irrst . Ich will weder flüchtig gehen , noch mir das Leben nehmen , und , wenn die Sterne mir günstig sind , bin ich morgen bei guter Zeit wieder zurück . Sollte ich jedoch nimmer wiederkehren , so sage meinem Herrn , daß er von Deiner Mutter erfahren würde , wohin ich gegangen , und wie mein letzter Gruß an ihn gelautet . Du aber bete dann für meine Seele , Mädchen ! « - » Ihr wollt mich beruhigen , ehrsame Frau ; « begann Else nach einer kleinen Weile , in welcher sie die Gebieterin stumm betrachtet : » und dennoch mehrt sich meine Angst . Wohin wollt Ihr gehen , daß Ihr vielleicht nimmer lebendig wiederkehren dürftet . O , liebe Frau , denkt an Euern Knaben ! « - Sie führte den wehmüthig die Hände faltenden Johannes zu Margarethen . Die Altbürgerin betrachtete den Knaben kummervoll , legte die Hand auf seinen Kopf , und sagte : » Armer Junge ! Du bist die Quelle des Unheils , das uns betroffen , und doch unschuldiger , als wir Alle ! Traue auf Gott , und er wird wohl an Dir machen , was Menschensinn verdarb . Du wirst , wie auch Dein Geschick sich wende , an Herrn Diether einen Vater finden . « - » Das walte Gott ! « seufzte das Mädchen : » Was wird aber der rauhe , argwöhnische Herr an dem Knaben thun , da Ihr , die Mutter , so kalt von ihm scheidet ? « - » Du schiltst mein Mutterherz ? « fragte Margarethe heftig , und ihr Auge suchte weinend am dämmernden Himmel den Wohnsitz des verblichnen Sohns . Sie faßte sich jedoch bald wieder , und fuhr gelaßner fort : » Die Nacht bricht ein , mein Kind . Laß mich nicht vergebens bitten . Bleibe mir treu ; ich fordre es vielleicht zum Letztenmale von Dir . Berichte mir , wenn Herr Diether heut Abend das Haus verläßt , und öffne mir alsdann die Thür , wenn Du ' s vermagst . Ich selbst habe die Schlüssel des Hauses nicht mehr , da sie mein Herr mir abfordern ließ , allein ich denke ... « - » Gute Frau , « fiel Else ein : » ich habe Mitleid mit Euch . Herrgott ! so jung , so schön und reich zu seyn , und doch nicht glücklich ! Das kann uns armen Leuten nicht recht zu Sinne gehen , wenn wir nicht in Herrendiensten sind . Ich sehe es aber hier deutlich , und will gerne die Hand zu einem Schritte bieten , von welchem , wie Ihr sagt , meine wackre Mutter weiß . Aber Ihr vergeßt , daß der ehrsame Herr , so oft er Abends das Haus verläßt , die Thüre sperrt . Wie wird es möglich seyn , zu entweichen , wenn es auch geschehen könnte , daß keine Magd und kein Knecht Euch sähe ? « - » Welch ein Hinderniß ! « klagte Margarethe : » und heute , gerade heute muß ich fort ! Sinne nach , kluge Dirne , sinne nach , und hilf . Schon steigt der neue Mond herauf am Himmel ; wir haben nicht lange Zeit zu verlieren , denn weit ist der Weg , den ich unternehme . « - » Es wird mir schauerlich zu Muthe , « erwiederte Else , » hör ' ich Euch also sprechen . Ihr werdet doch nicht zu einer Hexenfrau gehen , um Euch die Zukunft deuten zu lassen durch verbotnen Zauber ? Gute Frau , ... das thut nimmer gut , nicht hier , nicht jenseits über den Himmeln . « - » Schwätzerin ! « schalt Margarethe halb scherzhaft , ihr auf die Wange klopfend : » Vergissest Du , daß Deine Mutter um die Sache wissen wird , und daß sie eine allzufromme Christin ist , um sich mit Hexenwerken einzulassen ? Sey ruhig , und öffne mir einen Weg aus dem Hause . Höre aber vorerst , was das Geräusch bedeutet , das ich in den Gängen vernehme . « - Die Zofe ging hinaus , um nach dem Willen der Gebieterin zu thun . Der kleine Johannes näherte sich aber der in Trübsinn versinkenden Frau ; faltete nochmals seine Händchen , und sprach : » Lieb Mütterlein ! Du kommst doch wieder ? Du lässest mich doch nicht allein bei dem finstern Manne , der uns nicht mehr sehen nicht mehr hören will ? « - » Ich komme wieder , Johannes ! « versicherte Margarethe , seine Hand streichelnd : » und wenn ich auch nicht wieder käme , so verzage nicht . Du bist ja ein unschuldig Kind . Dir werden sie nichts zu Leide zu thun . « - » Ach , dem kleinen Hans ist schon viel zu Leide gethan worden , « - klagte der Knabe : » die schwarze Mutter hat ihn viel geschlagen , und endlich gar verlassen . Und Du bist so eine freundliche Mutter , und wolltest auch von mir gehen ? « - » Ei , Hans ; « zürnte Margarethe leise : » Wie magst Du denn schon wieder an Deine Träume denken ? Geträumt hat Dir von der schwarzen Mutter ... nichts weiter . Wie kömmt es denn , daß Du wieder an die Tollheiten kömmst ? « - » Seit heute Nachmittag , lieb Mütterlein ; « erklärte der Bube gesprächlicher : » Es muß am Ende doch wahr seyn , was ich geträumt habe . Else hat mich hinausgeführt auf die Gassen unter die andern Buben , und wir haben gespielt . Und da ich müde würde , und Else sich vor einem großen schönen Hause mit mir hinsetzte , mir das Hütlein abnahm , und den Schweiß abtrocknete , - ja , da hab ' ich den Mann gesehen , der mich gefunden hat , da meine schwarze Mutter von mir gegangen war , und es ist just so vor mir gestanden , Alles , wie damals , als es mir geträumt hat , wie Du sagst . « - » Welchen Mann ? « fragte Margarethe mit pochendem Herzen . - Der Knabe besann sich ein wenig ; dann versetzte er : » ich habe bei ihm geschlafen , ... ganz gewiß , ... und bin auf seinem Knie geritten ; ... ach Mütterlein ! welch ein großer Schnauzbart ; und den hat er noch . « - Ei , wo sahst Du ihn denn , Hans ? - » Am Fenster stand er , « fuhr der Bube fort , » und ein schwarzer großer Herr neben ihm , und sie sahen mich auch lange an ; der Mann hätte gewiß mit mir geredet , wenn er nicht im Hause gewesen wäre , und ich auf der Gasse . « - » Gewiß , « versetzte Margarethe , leichter athmend : » daß er aber nicht zu Dir heraus kam , sey Dir ein Beweis , daß es doch nichts war , als ein Traum , was Du Dir einbildest ; ein Traum , von dem zu reden ich Dir ernstlicher verbiete als jemals ; hörst Du ? Wenn Du haben willst , daß ich nicht mehr zurück komme , so magst Du thun , was ich verboten habe . « - » O , mein Mütterlein ! « antwortete schmeichelnd der Bube : » Wieder kommen ! nichts sagen , - gewiß nicht , herziges Mütterlein . « - Da trat Else wieder in die Stube . - » Ersame Frau , « sprach sie , auf den Zehen heranschleichend : » es ist , als ob ein Zauber Euern Ausgang begünstigen wollte : wir haben Besuch bekommen ; der Bruder des Herrn , der Prälat aus Wälschland ist so eben im Hause eingekehrt , mit einem gar holdseligen Fräulein , das wohl seine Haushälterin oder eine Verwandte seyn mag . Der Herr Schöff ist überrascht auf seiner Stube ihnen entgegen gegangen , und hat die Gäste bewillkommt , und in den großen Gaden geführt . Darauf hat er dem Eitel befohlen , spanischen Wein heraufzubringen , und ein Nachtmahl anzuordnen , wie es in der Eile sich würde thun lassen . Das Gesinde ist in Küche und Keller beschäftigt , die Thüre ist offen , das Glück und die Nacht sind Euch günstig , wenn Ihr ferner bei Eurem Vornehmen beharrt . « - » Ob ich dabei beharre ? « fragte Margarethe lebhaft : » Hartnäckiger denn zuvor . Den Prälaten , welcher Wallraden liebt , wie seinen Augapfel will ich nicht eher sehen , als bis ich etwas gethan , das unläugbar von meinem guten , aber schnöd verkannten Sinne zeugt . Komm , Else , hilf mir , und Du , mein Junge , setze Dich dort in den Winkel , und weine nicht , und plaudre nicht . Ich werde wiederkommen , und Dir schöne Sachen mitbringen . « - Hans that , wie ihm geheißen war , und Else warf der Gebieterin den Mantel um . » Gott schütze Euch ! « schluchzte die gute Seele , da sie die schweren silbernen Hacken am Halse Margarethens zumachte , und ihr das Kästchen unter den Arm schob : » Der Himmel gebe , daß wir alle es nicht bereuen mögen , daß Ihr heute fortgegangen von Euerm Herrn und Sohne . « - » Das gebe der Himmel ! « erwiederte Margarethe , und öffnete die Thüre des Gemachs leise und vorsichtig . Else folgte der voranschleichenden Herrin , wie ein lauschender Dieb , und der Zufall wollte , daß kein Verräther über ihren Weg ging . Die schwere Hauspforte wurde halb aufgezogen , und in die braune Dämmerung entschwand Margarethe . Die aufgeregte Einbildungskraft zeigt uns oft , wenn uns die Nacht auf Haide und Blachfeld überrascht , am Saume der Wolken Schatten und Gestalten , die dahin gleiten wie in Flören und weit verhüllenden Gewändern schwebend , Klagefrauen ähnlich , die um den in Meeresfluthen begrabnen Tag trauern , und die Hände ringen . Also durcheilte Margarethe die Straßen der Stadt , über welche der neu eingetretne Vollmond einen feuchten , düstern Himmel gespannt hatte . Mit der Sonne hatte auch das schöne Wetter Abschied genommen , und gewitterliche Wolken den Schauplatz bezogen . Wohl leuchtete der Mond , aber seine Scheibe war bleich , und diese blasse Helle deutete auf herannahenden Sturm und Regenguß , so wie die Mitternacht herankommen würde . Wann hätte jedoch des Firmaments Beobachtung einen Menschen abgehalten von dem Vorsatz , zu welchem ihn der feste Wille treibt , oder die unerschütterliche Nothwendigkeit ? Auch das schwächre Weib zittert nicht vor den drohenden Schrecken der Natur , wenn sein Herz zu höhern Pflichten , zu wirklichen oder eingebildeten ruft , und Margarethe bemerkte , rasch fortschreitend , nicht den stillen Wolkenkampf am Himmelsbogen , nicht das dumpfige Wehen der näßlichen Luft . Es war ein seltnes Schauspiel , um jene vorgerückte Abendstunde ein Weib aus dem bessern Stande allein auf den Gassen der Stadt zu gewahren , und mehr als ein zudringlicher Junker bot der Eilfertigen seine Begleitung an . Kaum hörte sie jedoch die Begrüßung der Schüchternen , die Frechern wies sie mit harten Worten zurück , und verschloß ihre Ohren vor den Spöttereien der Wächter am Thore . Ein Ziel vor Augen habend , ging sie muthig hinaus in ' s Weite , und das Mondlicht sowohl , als auch dann und wann ferne am Feldberg aufzudeckende Blitze leuchteten ihr mitleidig auf dem Weg zum Schellenhof . Keine menschliche Seele war ihr vor der Stadt begegnet . Züge von Dohlen und Krähen , die , vor dem fern dräuenden Sturm einen Zufluchtsort suchend , dicht am Boden vorüberflatterten , waren die einzigen lebenden Geschöpfe , die sich zeigten . Frau Margarethe , trotz aller Standhaftigkeit dennoch solcher einsamen Wanderungen ungewohnt , dankte dem Himmel im Stillen , als die Hunde des Schellenhofs bei ihrer Annäherung anschlugen , obwohl hier erst der halbe Weg zur Gefahr überwunden war . Die Hunde tobten an der Kette , und der geschloßne Fensterladen im Erdgeschoße ging auf . Crescentia , die nach der Ursache des Gebells aussah , erschrack in die tiefste Seele , als sie die Stimme der Dienstherrin vernahm , die auf einen Augenblick den Eintritt in ' ß Haus verlangte . Die Beschließerin gehorchte indessen auf der Stelle , und that ihr gastliches Gemach auf , in welchem Margarethe einen langen Mann gewahrte , welcher so eben einen mäßigen Nachtimbis einnahm , und verlegen aufsprang , da Margarethe in die Thüre trat . - » Sieh da , Vollbrecht ! « rief die Altbürgerin , schmerzlich und freudig betroffen von dem Anblick des Knechts : » Du hier ? Ei , sprich , wo ist Dein Herr , und kehrt er zurück ? « - » Ehrsame Frau ! « lautete die Antwort : » Wir sind herumgezogen in der Irre , wie Roland ' s Knappen , haben aber nichts erlauert , nichts erspürt . Wir haben zwar manchen Span bestanden mit den adelichen Herren , die rundum an den Straßen und Flüssen die Schlagbäume machen , und von Freund und Feind den Zoll heischen , - aber , die wir suchten , fanden wir nicht , und des Fräuleins leibeigner Knecht Rüdiger , nachdem er uns lange links und rechts und kreuz und quer im Lande umhergeführt hatte , meinte endlich , er werde doch nimmer das Schloß erkennen , in welchem sie gesteckt , - das Fräulein , Er und die Zofe , - und glaube steif und fest , man habe das Fräulein umgebracht , weil auch kein Laut mehr , von ihr zu hören sey . Darauf haben wir uns auf den Rückweg gemacht , und wollten heut zur Vesperzeit in Frankfurt einreiten , als mit einemmale der Rüdiger krank wurde , und so bresthaft , daß er wohl nimmer erstehen wird . Der Mensch hat sich so viel Gedanken um seiner Herrschaft Schicksal gemacht , und sich so sehr darob gegrämt , daß , er sicher schon verschieden wäre , wenn er nicht etwas auf dem Gewissen gehabt hätte , das ihn , wie er sagt , seit geraumer Zeit gedrückt hat , wie ein Fels . Der Junkherr hat ihm zugesprochen , wie ein Beichtherr , denn das versteht er aus dem Grunde , und endlich hat der Knecht sich drein ergeben , und versprochen , ihm Alles zu bekennen , und sein Herz zu erleichtern vor dem Ende . « - » Was kümmert